Ausstieg aus der Berufspendler Republik Deutschland #EOA16 #rpTEN


Stau

Früher haben sich die Menschen – mangels Verkehrsmittel – ihre Arbeit dort gesucht, wo sie lebten:

„Im Jahr 1900 verließ gerade einmal jeder zehnte Erwerbstätige auf dem Weg zur Arbeit seinen Wohnort. Vor 60 Jahren war es noch jeder vierte. Heute verlassen 60 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ihre Gemeindegrenze, um zu arbeiten – in Deutschland sind das über 17 Millionen Menschen“, weiß „Zeit“-Redakteur Claas Tatje.

67 Prozent der Berufspendler fahren mit dem Auto zur Arbeit, versauern im Stau, belasten die Umwelt und ärgern sich über den Verlust an Lebensqualität. Der durchschnittliche Besetzungsgrad im Berufsverkehr liegt nach Analysen des Umweltbundesamtes bei rund 1,2 Personen pro PKW und ist damit der niedrigste aller Fahrtzwecke. 8,5 Millionen sind täglich länger als eine Stunde unterwegs.

Rund sechs Millionen fahren mehr als 25 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz.

„Allein Letztere bringen es – alle zusammengerechnet – am Tag auf die Strecke zur Sonne und zurück. Und obwohl viele von ihnen leiden, sucht kaum ein Unternehmen nach Antworten auf die Frage, wie es seinen Pendlern das Leben erleichtern könnte, damit sie gesund bleiben und vor allem entspannt“, so Tatje.

Dabei läge es doch im Interesse der Wirtschaft, Lösungen für die Folgen des täglichen Pendelwahnsinns zu finden. Arbeitgeber stellen Kindergartenplätze, bieten Genderseminare an, bemühen sich um den Betriebssport und legen Programme für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter auf. Doch kaum einer macht sich in den Führungsetagen ernsthafte Gedanken, wie man die Belastungen im Berufsverkehr reduzieren könnte.

Die Macht der Berufspendler

„Täten sich alle Pendler in Deutschland zusammen, dann würden sie mehr Stimmen auf sich vereinen, als CDU und SPD zusammen bei der Europawahl erreichen werden, sie hätten mehr politischen Einfluss als der ADAC und eine größere Kaufkraft als alle Rentner. Pendler sind eine sehr unterschätzte Macht am Arbeitsmarkt. Und eine sehr unzufriedene. Der durchschnittliche Berufstätige verabscheut nämlich nichts so sehr wie den Weg ins Büro“, führt der „Zeit“-Wirtschaftsredakteur weiter aus, der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat: „Fahrtenbuch des Wahnsinns – Unterwegs in der Pendlerrepublik“.

Viele Organisationen könnten Abhilfe schaffen, denn für nahezu alle Berufszweige und jede Unternehmensgröße stehen Technologien zur Verfügung, um Arbeit intelligenter zu organisieren. Marketing-Professoren prognostizierten schon in den 1980er-Jahren ein Ende der Dienstreisen als die ersten noch recht umständlichen und teuren Systeme für Videokonferenzen in den Vorstandsetagen eingeführt wurden.

Wer um 7 Uhr im Büro sitzt, macht Karriere

Heute könnten komplette Abteilungen und selbst Universitätsvorlesungen über Cloud-Technologien organisiert werden. Dennoch dominiert weiterhin das Dogma der Präsenz in Organisationen von Wirtschaft und Staat. Tätje erwähnt in seinem Pendler-Opus die Arbeitspsychologin Antje Ducki, die die betriebliche Mikropolitik untersucht hat:

„Je mehr ich mich im Unternehmen zeige, desto eher spiele ich dabei mit. Hier ein kleines Lächeln, dort ein Plausch auf dem Flur und jeden Mittag eine Verabredung zum Essen.“

Karriere wird mit Sichtbarkeit am Arbeitsplatz gleichgesetzt. Diese Illusion hegen und pflegen zumindest viele Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Fast alle Chefs sehen keinen Vorteil darin, wenn sich Pendler – wann immer möglich – selbst die Arbeitszeit einteilen. Amerikanische Wissenschaftler veröffentlichten im Blog der „Harvard Business Review“ eine Untersuchung darüber, welche Mitarbeiter bei ihren Chefs am beliebtesten sind. Das Ergebnis: Wer früh um 7 Uhr anfängt, schneidet in der Gunst der Vorgesetzten besser ab als einer, der den exakt identischen Job um 11 Uhr antritt.

„Der Boss steht ja nicht im Stau. Und wenn, dann in der klimatisierten Limousine“, so Tätje.

Zentralisierung nimmt zu, Ballungszentren überlastet

Begleitet wird das Credo „Nur wer im Büro sitzt, arbeitet auch“ vom Trend zur Zentralisierung. Der „Zeit“-Redakteur nennt einige Beispiele: Etwa Verlage wie Gruner & Jahr, die Zeitschriftenredaktionen zur Verlagszentrale nach Hamburg umsiedeln. Selbst Kirchen zentralisieren wie etwa das Diakonische Werk, das mit dem Evangelischen Entwicklungsdienst zum Evangelischen Werk für Diakonie und Entwicklung fusionierte und nur noch in Berlin stationiert ist. Obwohl fast jeder technologisch so ausgestattet ist, um mit seinem Laptop dezentral zu arbeiten, gibt es immer weniger Beschäftigte, die überwiegend oder manchmal von zu Hause arbeiten, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung nachgewiesen hat: Seit 2008 ist die Zahl dieser Erwerbstätigen um 800.000 zurückgegangen, obwohl die Zahl der Beschäftigten insgesamt angestiegen ist.

Die Ballungszentren werden voller und teurer, ländliche Regionen hingegen verlieren Unternehmen und Arbeitskräfte. Bislang hat man diese Entwicklung nur in Ostdeutschland vermutet, mittlerweile gibt es diese Entwicklung auch in Westdeutschland. Es ist also ein generelles Problem, dass manche Regionen regelrecht ausbluten, da die Überalterung zusätzlich damit verbunden ist, dass die jungen und mobilen Leute diese Regionen verlassen.

Wenn Arbeitsministerin Andrea Nahles den Abschied vom Anwesenheitswahn in Unternehmen fordert, sollte Infrastruktur-Minister Alexander Dobrindt endlich seine Hausarbeiten machen.

Für dezentrales Arbeiten in Cloudbelegschaft braucht man schnelles Internet! Nur so kann der Teufelskreis in ländlichen Regionen durchbrochen werden: „Jene Regionen, in denen Firmen abwandern oder Nachwuchskräfte das Dorf oder den ländlichen Raum verlassen, büßen entsprechend Steuer- und Gebühreneinnahmen ein. Es fehlen Finanzmittel, um Infrastruktur zu finanzieren. Eine Kommune kann diese Beträge dann nicht mehr selber stellen“, erläutert der Berliner Kundenservice-Spezialist Thomas Dehler.

Wenn wir uns vom Status der Pendlerrepublik verabschieden wollen, reichen Placebo-Maßnahmen wie Shuttle-Services, Fahrgemeinschaften oder der Umstieg auf öffentliche Verkehrsmittel nicht aus. Insofern sind die Mobilitätskonzepte von Umweltbundesamt und Verkehrsministerium kurzatmig, da sie nur den Umstieg auf Bahn, Bus oder Fahrrad empfehlen.

diebahn

Wir müssen die Arbeit zu den Mitarbeitern bringen und dürfen Arbeit nicht mit Anwesenheit verwechseln. Um den Stress des Pendelns für Mitarbeiter zu reduzieren, sollten die Ursachen und nicht die Symptome bekämpft werden. Jeder nicht gefahrene Kilometer entlastet den Verkehr, senkt die Emission von klimarelevanten Treibhausgasen um 141 Gramm pro Personenkilometer und macht Menschen stressfreier. Zudem brauchen die ländlichen Regionen Impulse für neue Arbeitsplätze.

Es gibt also genügend Stoff für meinen Vortrag bei der virtuellen (!) Messe „Einfach Online Arbeiten“, die am 26. und 27. April stattfindet. Ganz ohne Stau.

Heute werde ich das sicherlich auch in die Diskussion bringen bei einer Live-Hangout-Runde, die um 16 Uhr beginnt. Thema: Schöne neue Arbeiten 4.0-Welt? Ausblick auf das IBM-HR-Festival auf der #rpTEN

Mit dabei: Mit dabei: Prof. Benedikt Hackl (HR Impulsgeber), Ole Wintermann (Bertelsmann Stiftung), Sven Semet (IBM) und Stefan Pfeiffer (IBM).

Ihr könnt mitdiskutieren über den Fragebutton auf der Google Plus-Eventseite am Webplayer oben rechts.

Wenn das zu kompliziert ist (in der mobilen Variante bescheuert gemacht von Google), dann über Facebook. Ich mache einfach einen doppelten Livestream 🙂

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3 Gedanken zu “Ausstieg aus der Berufspendler Republik Deutschland #EOA16 #rpTEN

  1. Einen Aspekt darf man nicht vergessen: Nicht selten ist es die Arbeitnehmervertretung, die Home-Office-Regelungen blockiert. Grund z.B. eine mögliche Ungleichbehandlung der Arbeitnehmer (nicht alle Jobs lassen sich von zuhause erledigen), die befürchtete Verlagerung von Kosten auf die Arbeitnehmer für eine „betriebsstättenverordnungsgemäße“ Ausstattung am heimischen Arbeitsplatz, vermutlich auch die Furcht vor sinkendem Einfluss der Betriebsräte auf ferne Mitarbeiter. Nicht nur bei den Chefs, auch bei den Betriebsräten muss Überzeugungsarbeit geleistet werden.

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