Vereinsamung durch Homeoffice? Eine Debatte angestoßen durch @digitalnaiv

Sollte es einen Rechtsanspruch auf Homeoffice geben? Umfrage der Deutschen Rheuma-Liga

Wenn über Homeoffice oder dezentraler Arbeit gesprochen wird, braucht man nicht lange auf die üblichen Einwände warten: Es droht die soziale Vereinsamung und Isolation sowie die Belastung über die mangelhafte Abgrenzung von Arbeit und Freizeit. Hier sind sich Bedenkenträger in beiden Lagern einig: Arbeitgeber und Gewerkschaften. Wie viel Erfahrungswissen steckt wirklich hinter diesen Bedenken?

In meinen Reportagen habe ich andere Rückmeldungen bekommen. So ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist für Melanie Stade überhaupt kein Problem:

„Ich bin gelernte Krankenschwester und habe zudem als Selbständige in der Gastronomie gearbeitet. Im Vergleich zu meinen früheren Berufen hatte noch nie so viel Freizeit wie jetzt. Es gibt klar geregelte Arbeitszeiten, die sich in Spätschichten und Frühschichten aufteilen. Ich kann mir die Termine so legen, wie ich sie brauche – etwa für Freizeitaktivitäten oder Arzttermine.“

Es gebe klar definierte Stunden, die man wöchentlich leistet.

„Eine Vermischung von Arbeit und Freizeit findet in unserem Unternehmen nicht statt“, so Stade.

Unter sozialer Isolation leidet sie schon gar nicht:

„Ich bin in einem Rock’n’Roll-Club aktiv, pflege meine Freundschaften, kann in meiner Freizeit soziale Kontakte viel besser organisieren und unternehme sehr viel mehr mit meiner Familie. Mit den Kollegen gibt es einen regen Austausch über Live-Chats, unsere Teamleiter organisieren Treffen und es gibt sogar Betriebsfeiern. Also auch über Home Office-Tätigkeiten funktioniert die Kommunikation mit Kollegen“, sagt Stade.

Arbeiten ohne Flurfunk und Mobbing

Allerdings sieht sie einen großen Unterschied zu klassischen Büro-Formationen: Im Home Office gebe es weniger Konkurrenzdruck, keinen Flurfunk und keine Mobbing-Aktivitäten. Zudem entfällt der Stress im Berufsverkehr:

„Ich war täglich mindestens eine Stunde unterwegs, obwohl ich Arbeitsstellen in meinem Wohnort hatte. Das Auto musste betankt und die Scheiben im Winter frei gekratzt werden, der Stau brachte den Puls nach oben und die Parkplatzsuche ist auch kein Vergnügen. Heute gehe ich in meiner Wohnung eine Tür weiter und bin direkt am Arbeitsplatz.“

Auf dem Konto für Home Office-Pluspunkte vermerkt sie mehr Ruhe und Ausgeglichenheit. Das Prinzip „Ich sitze im Büro, also arbeite“ hält Stade für nicht stichhaltig. Man könne an externen Arbeitsplätzen eine Menge Zeit verplempern, etwa in der Kaffeeküche oder eben schlichtweg mit Bürotratsch.

„Das fällt bei mir weg. Ich nutze die Arbeitszeit effektiver, um die Projektziele zu erreichen.“

Ein Problem sieht sie bei der mangelhaften Bandbreite in ihrer Region. Hier sollte die Kommune schnellstens Abhilfe schaffen, um die Netzwerkverbindungen, die für Home Office-Tätigkeiten notwendig sind, zu verbessern.

„Das ist zur Zeit der größte Stolperstein.“

Positiv ist auch die Home Office-Bilanz bei Franziska Paschke.

„Ich genieße es, dass ich tagsüber mehr Zeit für Freizeitaktivitäten habe und Dinge erledigen kann, für die ich früher Urlaub nehmen musste. Etwa für die Betreuung meiner pflegebedürftigen Mutter.“

Die Abgrenzung von Arbeit und Freizeit sei überhaupt nicht schwierig.

„Ich weiß immer sehr genau, wann und viele Tage pro Woche Home Office-Arbeit gemacht wird. Danach richte ich meine Freizeit aus.“

Keine Konkurrenz mit Büro-Modepüppchen

Das gehe sehr flexibel im Gegensatz zu ihren früheren Arbeitsverhältnissen. Netto bleibe definitiv mehr Zeit für private Belange übrig. Früher waren es rund zwei Stunden, die Paschke für den Hin- und Rückweg im Auto verbrachte. Da sie mit ihren 55 Jahren mit den Büro-Modepüppchen nicht mehr mithalten könne, bleibt ihr dieser Konkurrenzdruck in den eigenen vier Wänden erspart. Es zähle nur ihre Leistung und nicht das Aussehen.

Zwei Meinungen, die zwar nicht repräsentativ sind, aber dennoch als Indikator für die Vorteile dezentraler Arbeit gewertet werden können.

In der Praxis gebe jeder Mitarbeiter im Vorfeld seiner Beschäftigung an, dass er einen gewissen „Kann-Arbeitszeiten-Korridor” hat.

Was viele Unternehmen noch lernen müssen, ist das Distanz-Management. Man braucht nur auf die Analysen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation zu schauen.

Arbeit wird immer mehr standort- und länderübergreifend organisiert, was wesentliche Anstrengungen zur Etablierung des kommunikativen Rahmens, der Orientierung und der Rückmeldung in virtuellen Teams erforderlich macht. Kommunikation muss professionalisiert werden und die Kommunikationsfähigkeit noch viel mehr ins Zentrum des Trainings von Mitarbeitern und Führungskräften rücken. Führung auf Distanz wird immer mehr Regel denn Ausnahme sein.

Siehe auch: Warum Homeoffice und Heimarbeit? Klimaschutz, Gleichberechtigung, verlorene Lebenszeit auf den Straßen

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