Jetzt live: Bibliotheksgespräch über analogen Wein in digitalen Schläuchen

Smarter Service-Blogger Bernhard Steimel stellt ab 10 Uhr seine Studie über die digitale Transformation vor.

Warum sind hierarchische Führungsmodelle im digitalen Zeitalter unterlegen?

Warum wirken Organisationen im Netz wie paralysiert?

Müssen Unternehmen ihr Personal (also Chef & Co.) austauschen, um den digitalen Wandel zu stemmen?

Diese und andere Fragen diskutieren wir live im ersten ichsagmal-Bibliotheksgespräch in diesem Jahr.

Bei amazon gibt es das Opus in einer Kindle-Edition für 9,99 Euro – in der Sendung habe ich das im Preis viel zu hoch geschätzt.

Zum Thema siehe auch: Neue Netzwerke in alten Kabeln.

Alt-Verleger im Rückzugsgefecht #100Eierköpfe

Zur vorausdenkenden Avantgarde können die 100 kreativen „Beton“-Köpfe, die im Handelsblatt gegen die Umsonstkultur im Allgemeinen und die Piratenpartei im Besonderen lamentieren, nicht gezählt werden. Freie Geister würden sich nicht in dieses Kampagnen-Korsett der Verwertungsindustrie packen lassen. Bruno Kramm hat die Hintergründe der inszenierten Empörung in seinem Blog sehr gut recherchiert:

„Das Verlagshaus Gruner + Jahr hat bereits in der brancheninternen Publikation Musikwoche und dem angeschlossenen Mediabiz Portal in der Ausgabe Woche 12 die interne Kampagne ‚Kreativität schützen, Vielfalt bewahren‘ vorgestellt. Man will mit dieser Kampagne die eigene Medienmacht in den 500 angeschlossenen Publikationen nutzen und ‚ratlose und inaktive Politiker ..,ihr kritikloses Eintreten für Providerinteressen, … die Meinungshoheit weniger Blogger …‘ mit dem ‚O-Ton der Wut von Urhebern‘ auf Kurs der … ‚Kreativindustrie in ihrem Kampf um das Überleben und gegen politische Ignoranz bringen. Gruner und Jahr beweist gerade mit dieser Kampfansage die Nichterfüllung einer grundlegenden journalistischen Neutralität. Mit dem Begriff des ‚Qualitätsjournalismus‘ begründete man in der Vergangenheit die Kampfansage gegen Blogs und Internetjournalismus. Die inhaltlich deckungsgleichen Kommentare von Sven Regener oder den 51 Tatort Drehbuchautoren weisen in die gleiche Richtung einer falschinformierenden Kampagne gegen die Piratenpartei.“

Der staatstrojanische Minister in Bayern würdigt die Piraten gar als „weitgehend ahnungslose Illusionisten, die die demokratischen Spielregeln aushöhlen wollen“, so der CSU-Politiker Joachim Herrmann nach einem Bericht des Tagesspiegels.

Nur wer kultiviert hier wirklich Illusionen und betrachtet die Welt durch den Rückspiegel? Was den Piraten so alles angedichtet wird, ist wohl eher Ausfluss von digitaler Inkompetenz gepaart mit existentiellen Ängsten. So ist schon der Kampfbegriff „Umsonstkultur“ irreführend. Zielführend wäre eher ein Nachdenken über die undendlichen Möglichkeiten der technischen Reproduzierbarkeit und der Entmaterialisierung von Produkten im Netz. Der Journalist Dirk von Gehlen nennt das „digitale Kopien“:

„Es wird heute genauso geklaut aufgenommen wie zu Zeiten der Kassettenkopie. Die Menschen, die heute digital kopieren, sind genauso verkommen wie die Kassettenjungs und Kassettenmädchen aus Nick Hornbys ‚High Fidelity‘. Neu sind die technischen Bedingungen unter denen dies heute geschieht. Die digitale Kopie ist eine historische Ungeheuerlichkeit. Sie ermöglicht erstmals in der Geschichte der Menschheit das identische Duplikat eines Inhalts. Diese technische Möglichkeit ist in der Welt. Sie versetzt die Menschen in die Lage, ohne Bezahlung einen Inhalt zu verdoppeln. Das ist Fluch und Segen zugleich – und die Gesellschaft muss dringend eine Lösung für das Dilemma schaffen, in das die digitale Kopie sie gestürzt hat. Diese Lösung kann aber nur auf Basis von Einsicht in die technische Neuerung gefunden werden. Zu suggerieren, für eine Lösung des Dilemmas genüge lediglich eine andere Kultur oder ein moralischer Appell, ist unredlich.“

Das krisenhafte Ende einer Ära

Schutzwälle für Verwertungsmonopole und gesetzlich initiierte Konjunkturprogramme für Abmahnanwälte zählen sicherlich nicht zu den innovativen Antworten auf die vernetzte Ökonomie. Die Altverleger-Weisheiten, die in der Mein-Kopf-gehört-mir-Aktion zum Ausdruck kommen, sind eher Rückzugsgefechte, so der Unternehmensberater Bernhard Steimel von Future Management Group im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch:

Mehr zu diesem Thema in meiner morgigen The European-Kolumne.

Update: Hier nun die Montagskolumne.

Bibliotheksgespräch mit Wolfgang Schiffer: Rauchzeichen über isländische Literatur

Wohl kaum ein zweiter dürfte mit der isländischen Literaturszene so vertraut und verwachsen sein wie der Hörfunkjournalist, Schriftsteller, Dramaturg und Übersetzer Wolfgang Schiffer, schreibt buch.de.

„Bereits 1991 erhielt Schiffer für seine Verdienste um die isländische Literatur das Ritterkreuz des Isländischen Falkenordens und 1994 den Kulturpreis des Fonds Islands Bankii.“

Im Ich sag mal-Bibliotheksgespräch schildert er die ersten Berührungspunkte mit der Literatenszene des Landes mit den heißen Quellen und dampfenden Rauchsäulen – deshalb heißt die Hauptstadt ja auch Reykjar vik – Rauchbucht. Das veranlasste uns während unserer Plauderei auch zu einer ausgiebigen Produktion von blauem Dunst 🙂

Begonnen hatte die Island-Leidenschaft von Schiffer mit der Lektüre des Nobelpreisträgers Halldór Kiljan Laxness. Als verantwortlicher Redakteur von WDR 3 gab er eine Hörspielbearbeitung für den Roman „Christentum am Gletscher“ in Auftrag. Zur Ursendung sollte ein Interview mit Laxness gesendet werden. So konnte sich Schiffer seinen langgehegten Wunsch erfüllen, um selbst nach Island zu reisen. Das war im März 1982, kurz vor dem achtzigsten Geburtstag des isländischen Großschriftstellers. Im Keller des Hauses von Laxness gab es Lammbraten und reichlich Rotwein. Als die beiden dann zum offiziellen Teil der Stippvisite in sein spartanisch eingerichtetes Arbeitszimmer gingen, gab sich der Romancier recht zugeknöpft.

„Diese Frage interessiert mich nicht, mein junger Freund aus Deutschland“, lautete seine erste Antwort. „Das mögen die Leser beantworten“, war die Replik auf die zweite Frage. „Nach rund sieben Minuten zeigte ich mich einsichtig und sagte, Halldór, sollten wir nicht wieder nach unten gehen und dort weiterreden. ‚Mein junger Freund aus Deutschland, das ist eine wunderbare Idee‘. Wir saßen dann bis weit in die Nacht hinein. Und dann fragte er mich, ‚was kennst Du denn sonst noch von isländischer Literatur‘. Ich musste einfach mit den Schultern zucken und sagen. Wir kennen fast gar nichts“, erklärt Schiffer.

Bis dato gab es in deutschen Übersetzungen mehr oder weniger nur die Island-Sagas und ein paar Erzählungen. In Reykjavík sah Schiffer dann viele Buchhandlungen und überall lagen phantastische Bücher von isländischen Autoren, die er alle nicht kannte. Das weckte seine Neugier. Er hatte das Glück, dass bei seinem ersten Aufenthalt gerade ein großes Theaterfestival in Reykjavík stattfand.

„Ich lernte dann sehr viele der mir unbekannten Autorinnen und Autoren kennen. Da sind ganz starke Freundschaften draus entstanden.“

Bis heute ist er der isländischen Literatur treu geblieben.

So gab er im vergangenen Jahr zur Frankfurter Buchmesse, die Island als Gastland (Sagenhaftes Island) präsentierte, die Anthologie „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ heraus (Band 242 der Zeitschrift „die horen“).

Das Buch hat nichts mit Kernspaltung zu tun, sondern beschäftigt sich mit den Dichtern der frühen 50er Jahre. Die Bezeichnung geht auf den Roman Atomstation zurück, für den Laxness den Nobelpreis erhielt. Weil diese Dichter nach dem Zweiten Weltkrieg es wagten, an den Grundfesten des isländischen Literatur (den Sagas) zu rütteln, weil sie die vorgeschriebenen strengen Versmaße (mit etwa 400 zu beachtenden Regeln!) aufbrachen und den Anschluss an die Moderne schafften, wurden die jungen Wilden „Atomdichter“ genannt.

„Natürlich nicht ohne erbitterte Widerstände und Anfeindungen der Traditionalisten – und ein angesehener Literaturprofessor schaffte es sogar, noch in den 50er Jahren für diese neue Dichtkunst das Wort ‚entartet‘ in den Mund zu nehmen. Anders aber beispielsweise als die Dadaisten waren die Atomdichter nie bestrebt, das kulturelle Erbe abzuschaffen oder wenigstens zu desavouieren – nur um neue Ausdrucksformen ging es ihnen; und genau diese neuen Ausdrucksformen haben die Gedichte bis heute nicht altern lassen: die Atomgedichte haben sich ihre Frische bis heute bewahrt; ein ‚Verfallsdatum‘ gibt es nicht“, führt buch.de aus.

Schiffer erläutert das Ganze in dem Ich sag mal-Bibliotheksgespräch mit Verve und Enthusiasmus. Er gibt Tipps für den Lektüreeinstieg, spricht über Land und Leute. Er ist ein grandioser und humorvoller Erzähler mit einer herrlich sonoren Stimme. Das knapp einstündige Interview lohnt sich!

Kleine Kostprobe des Schiffer-Hörspiels Kronstadts Bericht.

Siehe auch:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden

Bibliotheksgespräch über die Dominanz der asynchronen Servicekommunikation, machtvolle Kunden und blinde Markenhersteller

Das zweite Bibliotheksgespräch führte ich mit dem Kommunikationsexperten Heinrich Welter vom Software-Anbieter Genesys. Klar, dass am Anfang des Interviews auch ein Kaffee-Vollautomat eine Rolle spielt 😉

„Auch Jura profitiert davon, wenn Kunden sich im Internet über ihre Produkte informieren, andere Meinungen einholen, Preise vergleichen und Mund-zu-Mund-Propaganda betreiben“, sagt Welter. Auf der anderen Seite wolle die Firma die Verbraucher in den teureren Fachhandel lenken. Das passe nicht zusammen. Welter vergleicht das mit Kunden von Genesys, die ihre Kunden immer noch dazu zwingen wollen, bei einer Hotline anzurufen. „So funktioniert die Welt nicht mehr. Services und Servicekräfte müssen dort hinkommen, wo der Kunde sich bewegt: Ins Internet, in soziale Netzwerke, Web-Chats und Foren.“

Er stellt einen radikalen Wandel im Kommunikationsverhalten fest. Heute werde in einer breiteren Forumsform diskutiert. Es gebe kaum noch ein Interesse an einer Punkt-zu-Punkt-Kommunikation. „Die asynchrone Kommunikation dominiert.“ Tradierte Hersteller und auch Hotline-Anbieter würden die Signale noch nicht richtig deuten. Das dürfte sich irgendwann rächen. Bestätigt wird das übrigens in einem Alltagskommentar der Wochenzeitung „Der Freitag“: Wieso verweigere ich mich dem Telefonieren?

Telefonieren ist anders geworden in Zeiten der sozialen Netzwerke. Das Smartphone überlässt mir die Entscheidung, über welchen Kanal ich mich melde. Und setzt mich damit unter Druck. Ich spüre, dass auch ich häufig zögere, bevor ich eine Nummer wähle. Es könnte ja den überfordern, den ich spontan anrufe. Also sichere ich mich ab und frage als Erstes: „Störe ich?“ Das kann auch heißen: „Was tust Du gerade?“ So eröffne ich mein Gespräch, mit einer Entschuldigung und Smalltalk gleichzeitig. Meist aber entscheide ich mich, per SMS vorzufühlen, ob man sich nicht mal für die kommenden Tage zum Telefonieren verabreden möchte. Dieses erwünschte Telefonat ist dann wie ein Besuch früher.

Genesys-Manager Welter wird am 28. Februar auch an der Expertenrunde am 28. Februar von 14 bis 15 Uhr auf der Call Center World in Berlin teilnehmen.

Thema: Von Welterklärungsmaschinen und der unsichtbaren Servicekommunikation: Visionen für die Mensch-Maschine-Interaktion. Teilnehmer: Heike Simmet (Hochschule Bremerhaven), Günter Greff (Call Center-Experts), Walter Benedikt (3C Dialog), Bernhard Steimel (Mind Business), Andreas Klug (ITyX), Peter Gentsch (Business Intelligence Group) und Heinrich Welter (Genesys). Moderation: Icke.

Am Schluss des Bibliotheksgespräches erzielte ich mit Welter übrigens einen Konsens. Die Call Center World wird in naher Zukunft nicht mehr Call Center World heißen. Wir haben einen neuen Vorschlag ins Spiel gebracht: iService World!

Ein Bericht zum Bibliotheksgespräch folgt am Freitag in meiner Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.

Ob wir als Kunden vielleicht doch blöd sind, untersuchte Frank Plasberg in seiner Talksendung.

Siehe auch:

Call Center-Fanboys und das Gleichnis des liberalen Frosches

Alle Kunden sind gleich. Aber manche sind gleicher

Das roboterhafte Gefasel der Marketingindustrie

Über Lustgewinn und Schmerzvermeidung im Social Commerce äußert sich übrigens Marken-Consultant Markus Roder in einem interessanten Interview mit dem Smart Service-Blog.

„Soziale Netzwerke lösen immer mehr die alten Kommunikationswege ab“

Welche Wirtschaftsbranchen durch Internet-Dienste und Apps schon jetzt ins Schwanken kommen: Die Angst vor Veränderung

Bericht über das erste Bibliotheksgespräch: Warum eine Überhöhung der Technik zu Denkfaulheit führt