Frank Schirrmacher braucht eine europäische Suchmaschine: Der Chirac des Tages


Frank Schirrmacher von der FAZ macht sich Sorgen über europäische Gehirne. Unser Wissen wird zunehmend ausgelagert und zwar in die Hände amerikanischer Konzerne. „Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen“, schreibt Schirrmacher.

Während die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, sei die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert (siehe unten, gs). „China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen“, so die Sorgen des Neuro-Feuilletonisten. Hier endet der langamtige Exkurs, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Was man nachschlagen kann, brauche man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniere auch Google. „Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist“. Alles schön und gut. Wer in Europa soll diese Maschine bauen? Und der Chaos Computer Club soll als TÜV für ein europäisches Vorhaben fungieren – bezahlt mit Steuergeldern?

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Damals schrieb ich in einem Artikel:

Keine Gesellschaft verfügt über eine grössere Rechenleistung als Google mit seinem Netzwerk gewöhnlicher, doch aufgemotzter PCs. In einem Zeitalter der hoch spezialisierten Arbeit montiert Google jeden PC seines mächtigen Netzwerks in sicheren Anlagen, die kein Aussenseiter betreten darf, einschliesslich der Besucher des Googleplex, die glauben, alles gesehen zu haben. Der schiere Umfang der Rechenoperationen sorgt dafür, dass dieses Vorgehen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger ist als der Kauf massgefertigter Computer bei einem anderen Hersteller. Die massgeschneiderten PCs arbeiten zusammen und führen Suchaktionen rasch durch, indem sie Anfragen in winzige Komponenten zerlegen. Diese Teile werden gleichzeitig verarbeitet, indem man sie mit im Voraus indizierten und aufbereiteten Kopien des Internet vergleicht.

Quaero plante Projekte, die sich die Google-Entwicklerteams schon längst auf die Fahnen geschrieben haben. Schon in naher Zukunft werde sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten.

Technologische Innovationen funktionieren eben nicht auf dem Niveau von Kommissionen, Räten oder Komitees. Sie entstehen auch nicht durch Proklamationen im Feuilleton.

Ähnlich erhellend sind die Schirrmacher-Mondphasen zur Rettung der Qualitätspresse: „Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne. Oder mit den Mondphasen – wenn es um Wochenpublikationen geht -, die wir uns in den Begriff der ‚Woche‘ übersetzt haben. Der Markt für diese Exklusivität von Zeit wird wachsen, nicht schrumpfen, wenn die Zeit der Narkose vorbei ist.“ Alles klar?

3sat-Sendung „neues“ an diesem Sonntag: Der Einfluss der IT-Ikone Steve Jobs auf die Wirtschafts- und Technikwelt

Die 3sat-Sendung „neues“ beschäftigt sich an diesem Sonntag, um 16,30 Uhr mit folgenden Themen: Nach Eric Schmidt von Google hat nun auch Carol Bartz von Yahoo! vor einer Internetblase gewarnt, da die meisten der Einschätzungen kaum mehr etwas mit dem tatsächlichen Umsatz der jeweiligen Unternehmen zu tun haben. Wiederholt sich die Geschichte oder ist diesmal alles anders? Also Dotcom diesmal ohne Blase? neues geht diese Frage in der Sendung am 22. Mai nach.

Weitere Themen sind unter anderem: Weltmacht-Geldmacht „Facebook“, die digitale Oligarchie in Russland und der vermeintliche oder tatsächliche Einfluss von IT-Ikonen wie Steve Jobs auf die Wirtschafts- und Technikwelt. Zur Rolle und Unverzichtbarkeit von Steve Jobs für Apple war heute der ZDF-Redakteur Winfried Laasch in meinen eigenen vier Wänden und machte mit mir ein längeres Interview. Ein paar Schnipsel werden sicherlich auch am Sonntag gesendet. Guckst Du?

Die Prognosen des iPad-Gurus Ringier und das Leistungsschutzrecht gegen die Gratiskultur der Kioske

Die Don Dahlmann-Glosse über die Berliner Tagung des Verbandes der Zeitschriftenverleger (VDZ) treibt den ganzen Mumpitz über das Leistungsschutzrecht höchst amüsant auf die Spitze. Auszug: „Zu dem beklagt der VDZ die ‚Gratis-Kultur‘ im Kiosk- und Zeitschriftenhandel. ‚Dort werden Zeitungen offen auslegt, so dass jeder Mensch, der zufällig vorbei kommt, einfach darin lesen kann, ohne zu bezahlen. Teilweise werden diese illegalen Angebote von den Kioskbesitzern nicht mal kontrolliert sondern sogar hingenommen.‘ Der Verband der Deutschen Kioskbesitzer reagierte auf die Vorwürfe mit Unverständnis. ‚Es steht jedem Verlag frei, seine Zeitungen und Magazine aus dem Sortiment zu nehmen. Wir liefern unseren Kunden auch nur die Schlagzeilen und die Titelblätter. Ein Missbrauch der offen angelieferten Druckexemplare durch einzelne Kunden liegt weder in unserer Verantwortung, noch wollen wir jeden Kunden ohne Verdacht überwachen.‘ Der Sprecher des Verbandes führte weiter aus, dass die kurzzeitige Betrachtung einzelner Zeitungen und Magazine auch ein Kaufanreiz darstellen kann. ‚Letztlich muss aber der VDZ wissen, wie er seine Kunden behandelt‘, sagte der Sprecher.

In die Sparte Realsatire fällt die Rede des Alternden-Verlegers Michael Ringier. Meedia hat das sehr schön zusammengefasst.

„Es gibt keine Schwarmintelligenz, dafür haben wir den digitalen Mob.“

„Wir brauchen die Gold-, Silber- und Bronze-Journalisten, die jeden Tag, jede Woche und jeden Monat hungrig danach sind, Medaillen zu gewinnen. Wir brauchen Edelmetall. Den Schrott finden Sie im Internet.“

„Mich erinnert das iPad weniger an einen Rettungsanker für Verlage als an meine Märklin-Eisenbahn, mit der ich vor 50 Jahren gespielt habe.“

An diese Sätze wird sich der digitale Mob erinnern, Herr Ringier. Wir werden diese Sätze einrahmen und Ihnen in ein paar Jahren an die Wand nageln neben den klugen Weissagungen von Kaiser Wilhelm II bis zum IBM-Chef Thomas Watson. Schon tausendfach zitiert worden, hier aber noch einmal komprimiert dargestellt: „Ich glaube an das Pferd. Das Automobil ist nur eine vorübergehende Erscheinung“ (Kaiser Wilhelm II).

Mit einer ebenso falschen Vorhersage lag der bekannte britische Wissenschaftler Lord Kelvin daneben: „Das Radio hat keine Zukunft.“ F. Zanuck, Chef von 20th Century-Fox: „Das Fernsehen wird nach den ersten sechs Monaten am Markt scheitern. Die Menschen werden es bald satthaben, abends in eine Sperrholzkiste zu starren.“

Thomas Watson, Chef von IBM, der 1943 vorhersagte: „Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt.“ Sie müssen sich also nicht schämen, Herr Ringier, sie stehen bald in einer prominenten Ahnengalerie.

Zum Wehklagen von Hubert Burda empfehle ich: Verlage wollen Aufmerksamkeit und satte Renditen: Nur die Google-Apple-Facebook-Konkurrenz stört ein wenig.

Bundesnetzagentur im Kampf gegen Call Center-Kriminalität machtlos – Was nun, Frau Aigner?

Ich hasse normalerweise Krisen-Propheten, die mit ihren permanenten Kassandra-Rufen irgendwann einmal recht bekommen, wenn es zu einem Crash kommt. Diese Orakel-Manie verfährt nach dem Motto: „Wenn der Hahn kräht auf dem Mist, ändert sich das Wetter oder es bleibt wie es ist“.

Bei meiner pessimistischen Prognose zur Bekämpfung von unseriösen Call Center-Anbietern werde ich allerdings von der Realität geradezu überrollt – was ich sehr bedaure. Vor gut drei Jahren berichtete ich über die Empörung des damaligen Verbraucherschutzministers Horst Seehofer über Hotline-Terror, lange Warteschleifen und inkompetente Call Center-Agenten. Seehofer wollte diesen Abzocke-Sumpf trocken legen. Telefonischen Drückerkolonnen, teuren Warteschleifen und Kaltanrufen sollte es an den Kragen gehen. Da die Call Center-Branche zur Selbstreinigung nicht in der Lage war und immer mit denselben rhetorischen Verniedlichungsfloskeln („es handelt sich doch nur um Schwarze Schafe….“) reagierte, brachte die Bundesregierung Gesetzesregelungen auf den Weg, um die Verbraucher vom Joch des nervigen Call Center-Terrors zu befreien.


Obwohl die Gesetzespläne im Sommer 2007 noch gar nicht vorlagen, fragte ich den parlamentarischen Staatssekretär Dr. Gerd Müller, ob er nicht davon ausgehen müsste, dass schärfere Gesetze und Bußgelder dazu führen würden, Call Center-Unternehmen ins Ausland zu treiben, um sich dem Zugriff der deutschen Justiz zu entziehen. Seine Antwort: „Nein. Beim Kundenservice haben die Unternehmen selbst ein großes Interesse daran, diesen nicht ins Ausland zu verlagern, da der Kundendialog in chinesischer Sprache kaum möglich sein dürfte. Im Übrigen wäre der Anruf bei im Ausland ansässigen Call Centern auch erheblich teurer, was bei der Service-Hotline auch anzugeben wäre.“ Im Übrigen sei der Raum nicht „rechtsfrei“. „Der ungebetene Anruf ist auch aus dem Ausland ungesetzlich.“

Als die Gesetzespläne dann konkret auf dem Tisch lagen, schrieb ich einen Artikel mit der Überschrift: „Tante Erna, Sherlock Holmes und die dilettantischen Regeln gegen unerlaubte Telefonwerbung – Call Center-Gauner ändern ihre ‚Geschäftsmodelle‘“.
Kleiner Auszug aus dem Artikel, der am 7. Juli 2009 erschien:
Die Branchengauner zwinge man mit der Gesetzesnovelle nicht in die Knie, prognostiziert Call Center-Fachmann Jens Klemann: „Die werden ihr ‚Geschäftsmodell‘ so abändern, dass sie entweder Abmahnungen und Strafen einkalkulieren oder ihren Geschäftssitz und Firmenstruktur so aufsetzen, das man ihnen nicht an die Wäsche kann“, befürchtet Klemann, Geschäftsführer von Strateco und Sprecher des Nürnberger Fachkongresses Voice Days plus. Die härtere Gangart bei der Rufnummernunterdrückung werde den Firmenchefs mit krimineller Energie nur ein müdes Lächeln entlocken. „Es ist aus technischer Sicht ein leichtes – und obendrein schon jetzt gängige Praxis unseriöser Firmen – eine andere Rufnummer als die eigene zu übermitteln. Läge die Beweislast im Falle einer Anzeige durch den Verbraucher beispielsweise beim Call Center selbst, würden alle seriösen Anbieter von sich aus gerne eine umfassende Qualitätssicherung und Dokumentation mit Anrufaufzeichnung einführen“, sagt Klemann. Ins Leere gehe auch das Verbot unerlaubter Telefonwerbung für Anrufe, die aus dem Ausland kommen. Im Wettbewerbsrecht gelte zwar das Marktortprinzip. Es besagt, dass immer das Recht des Landes Anwendung findet, an dessen Markt die Leistung bestimmungsgemäß angeboten wird. „Da bekommt der Geschäftsführer einer verschachtelten Konstruktion von verschiedenen Limited-Gesellschaften, die über mehrere Länder verteilt ist, schon heute einen Lachanfall“, resümiert Klemann.

Und was hat der von mir sehr geschätzte Bonner FAZ-Korrespondent Helmut Bünder vor zwei Tagen geschrieben: Netzagentur warnt vor Betrügereien am Telefon. „Im Kampf gegen den zunehmenden Telefonterror ruft die Bundesnetzagentur nach der Einrichtung einer Schwerpunktstaatsanwaltschaft, die Betrügern bundesweit das Handwerk legen soll. Die Situation sei ‚untragbar‘, heißt es in einem Bericht der Aufsichtsbehörde an ihren politischen Beirat, der der F.A.Z. vorliegt. Der Beirat besteht aus Abgeordneten des Bundestages und der Länder. Allein in diesem Jahr gab es schon vier große „Spam-Wellen“, die 34.000 Beschwerden nach sich zogen.

Wie diese Spam-Wellen ablaufen, kann man auf Seite 5 der Netzagentur-Publikation aktuell nachlesen: aktuell2010_02pdf

„Sobald die Fälle bekanntwerden, reagiert die Netzagentur oft noch am selben Tag. Die Nummern werden abgeschaltet und Inkassoverbote verhängt, so dass die Gespräche nicht mehr abgerechnet werden dürfen. Trotzdem scheint es sich zu lohnen, weil vor der Abschaltung offenbar regelmäßig genügend Verbraucher auf die Masche hereinfallen“, schreibt Bünder.

Die Häufung der Betrügereien lasse jedenfalls darauf schließen, dass das „Geschäftsmodell für die Hintermänner lukrativ sein dürfte“, vermutet die Netzagentur. Gerade die jüngsten Wellen zeigten, dass die Betrüger „mit erheblicher krimineller Energie“ und im großen Stil zu Werke gingen. Eine Strafverfolgung müssten sie trotzdem bisher kaum befürchten. „Die Netzagentur wirft der Staatsanwaltschaft und der Polizei vor, das Ausmaß völlig zu unterschätzen. Sogar wenn der Anfangsverdacht des gewerbsmäßigen Bandenbetrugs oder einer anderen Straftat bestehe, würden Verfahren vorschnell eingestellt oder wieder an die Netzagentur abgegeben. So auch bei den großen Betrugswellen in diesem Jahr – mit Begründungen, die die Netzagentur ‚in keinem Fall‘ nachvollziehen kann“, so die FAZ.

Eine Strafverfolgung, aber auch die Vollstreckung von Geldbußen, scheitere häufig schon daran, dass die Hintermänner im Ausland sitzen und für deutsche Behörden kaum erreichbar seien. Häufig werden die Rufnummern auch über Briefkastenfirmen angemeldet, um die Identität zu verschleiern (siehe auch meinen Artikel „Tante Erna….)

Auch bei der Bekämpfung von Kaltanrufen kommt die Bundesnetzagentur nicht voran. Selbst die Androhung hoher Bußgelder von bis zu 500.000 Euro würde kaum fruchten. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes melden sich zwar immer mehr Verbraucher bei der Netzagentur, nur in den wenigsten Fällen könnte auch ein Bußgeld verhängt werden. Und warum klappt es mit dem Rechtsvollzug nicht? Wenn Call Center ihre Telefonnummer unterdrücken oder mit fingierten Nummer anrufen, sei eine Verfolgung schwierig. Tja, was schrieb ich im vergangenen Jahr (sorry, will hier nicht als Schlaumeier gelten)?

Die Umsetzung der Rechtsvorschriften wird im Alltag sehr schnell an seine Grenzen stoßen. Wie soll sich denn Tante Erna wehren, wenn sie mit unerlaubter Telefonwerbung belästigt wird und durch die Rufnummernunterdrückung keine Chance hat, den Anrufer zu identifizieren. Die Vorstellung des Justizministeriums, dass die mit einem Notizblock bewaffnete Tante Erna nach Manier von Sherlock Holmes den unerbetenen Call Center-Agenten in ein Gespräch verwickelt und je nach taktischer Vorgehensweise aus ihm herauspresst, wie sein vollständiger Name lautet und in wessen Auftrag er anruft, ist eine amüsante Vorstellung. Wahrscheinlich wird das BMJ nach dieser Empfehlung bundesweite Seminare für die Bürger anbieten: „Wie lüfte ich in fünf Minuten die Identität eines Call-Center-Agenten“. Wer es noch schafft, sich den Gewerberegisterauszug der Schwarzen Schafe faxen zu lassen, erhält ein Dankesschreiben der Bundesjustizministerin.

Was haben nun die Muskelspiele des Verbraucherschutzministeriums gebracht, Frau Aigner? Außer großen Sprüchen und Placebo-Gesetzen ist nichts rausgekommen. Statt sich auf populistische Bashing-Aktionen gegen Facebook, Google oder Apple so konzentrieren, sollte die Bundesregierung die wirklich relevanten Themen für Verbraucher handwerklich richtig umsetzen.


Für die Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger hätte ich da noch einen guten Tipp: Sie sollte sich nicht nur das Opus „Gewissenbisse. Ethische Probleme der Informatik. Biometrie – Datenschutz – geistiges Eigentum“ als Lektüre für ihren Sommerurlaub in den Reisekoffer stecken (das kommunizierte sie dem FAZ-Feuilleton), sondern auch das Buch von Günter Wallraff „Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere“. Hier vor allem das Kapitel über Call Center. Die Ministerin könnte dann lernen, wie Call Center-Agenten in einem schleichenden Prozess zu routinierten Betrügern werden.

Hype um die App-Economy schon vorbei? Experten sind geteilter Meinung

Applikationen – Apps – sind in aller Munde. Eine Applikation ist ja nichts anderes als die Anwendung von standardisierter Technik für einen genau definierten Zweck. Der klar fokussierte Nutzen für eine klar definierte Kundengruppe steht im Vordergrund. Durch den vernetzten Einsatz der im Gerät und in der Umgebung vorhandenen Technologien bieten die Programme überraschend viele, perfekt auf die Aufgaben der Nutzer zugeschnittene Anwendungen bieten.

„Was man daraus lernen kann: Bekannte Technologien, klug kombiniert, bieten ungeahnte Chancen für sehr einfache Lösungen von definierten Aufgabenstellungen. Nicht mehr das Produkt mit seinen spezifischen Features steht im Mittelpunkt, sondern die Anwendung vernetzt eingesetzter Technologiebausteine. Wie ich es in meinem vor knapp vier Jahren geschriebenen Buch ’systemInnovation – die Welt neu entwerfen‘ formuliert habe: Infrastrukturen des Wissens und Handelns fokussiert auf die Aufgaben der Kunden eingesetzt, führt zu den Systeminnovationen, welche die Trends für die Zukunft setzen werden. Die dabei entstehenden neuen Businessmodelle gestalten die Wertschöpfungsketten fundamental neu und verändern die Rollen aller Unternehmen im Markt grundsätzlich“, erläutert Bruno Weisshaupt, Geschäftsführer des Beratungsbüros Origo.

Björn Behrendt, Geschäftsführer der Service-Community sieht allerdings auch Grenzen der Entwicklung, wenn es um mobile Anwendungsszenarien geht: „Android, Phone 7, Symbian, iPhone OS, RIM und MeeGo werden den Markt der Betriebssysteme unter sich aufteilen, und der App-Hype ist bald vorbei. Das Blatt wird sich in Richtung browserbasierter Anwendungen wenden. Android unterstützt Flash 10.1, ein mobiles Adobe Air kommt und Opera oder Firefox ermöglichen mobile Anwendungen mit HTML 5/CSS. Zudem warten Datenengpässe auf uns, denn Smartphone-Verkäufe wachsen 30 Prozent je Quartal mit einem 16-prozentigen Weltmarktanteil. Gartner sagt voraus, dass es 2013 mit 1,82 Milliarden mehr Smartphones geben wird als PCs. Die Internetnutzung auf diesen Geräten ist fünfmal höher als bei anderen. So ergibt sich ein Datenvolumen, das nur über Netztechnologien wie 4G und große Infrastrukturinvestitionen abgefedert werden kann. Es wird sich zeigen, ob Netzbetreiber oder die Softwaregiganten diese Investitionen vornehmen und neue Geschäftsmodelle finden. Erste Experimente von Google mit einem 1-Gigabit-Breitbandinternet laufen.“

Bernhard Steimel, Sprecher der Voice Days plus und der Smart Service Initiative, glaubt nicht an dieses Szenario. „Browserbasierte Anwendungen werden Apps nicht verdrängen. Aus Entwicklersicht ist es sicherlich eine Horrorvorstellung, Programme direkt für mehrere mobile Plattformen und Endgerätekonfigurationen entwickeln zu müssen. Darum ist es nicht verwunderlich, dass browserbasierte Anwendungen erwünscht sind. Die rein technische Sicht blendet jedoch das Gesetz der kritischen Masse und die Nutzersicht aus.“

Für die Werbewirtschaft sei der App-Store von Apple mehr als nur ein dynamisch wachsendes Warenhaus für kleine Softwareprogramme. In Kombination mit iTunes stellt es ein eigenes Ecosystem mit hohem Entertainment-Wert dar, dass in perfekter Weise M-Commerce-Anwendungen integriert. Die Appstores von Apple und Google haben längst die kritische Masse überschritten, um für jeden weiteren Nutzer ihren Wert ständig zu steigern. Das erzeugt Markentreue, hohes Involvement und hohe Nutzungsstabilität der Benutzer. Hohes Involvement ist für Unternehmen ideal, um mit Nutzern in Interaktion zu treten. Nutzungsstabilität ermöglicht erstmals permanente Optimierung im Mobile Marketing“, so Unternehmensberater Steimel.

Für die Nutzer seien das Smartphones zu einem Schweizermesser geworden. Das Produkt-Erlebnis werde durch den Mehrwert und die Attraktivität der Apps maßgeblich mitgeprägt. Der WOW-Effekt entstehe meinst dadurch, dass smarte Apps auf Endgerätefunktionen zugreifen, wie zum Beispiel Lokation oder Adressbuch. Das werde in naher Zukunft durch keine browserbasierten Lösungen möglich sein.

Auch Software-Größen wie Nuance rechnen nicht mit einem Ende der App-Economy: „Unsere Spracherkennungs-Anwendung Dragon Dictation für das iPhone ist ein Hit in den USA, Warum dieser App so erfolgreich ist? Mit dieser Spracherkennung für das Handy kann der Anwender einfach und schnell SMS und E-Mails diktieren, und auch Texte für Facebook und Twitter per Sprache erstellen. Bald wird es auch möglich sein, per Sprache durch sein Handy zu navigieren und bestimmte Features aufrufen und bedienen kann. Das ist nicht nur interessant für den Anwender, sondern auch für die Telefongesellschaften, da durch diese Spracherkennungs-Lösung mehr SMS und E-Mails erstellt und verschickt werden. Erste Tests zeigen, dass die Nutzung von SMS mit Dragon Dictation signifikant gestiegen ist“, so die Erfahrung von Michael-Maria Bommer, General Manager DACH bei Nuance.

Wie wichtig Apps für den Verkauf von Endgeräten geworden sind, sieht man an den Schwierigkeiten von Nokia. „Der durchschnittliche Verklaufspreis eines Smartphones von Nokia betrug in den ersten drei Monaten des Jahres inklusive der damit verbundenen Dienste und Apps 155 Euro und damit 18 Prozent weniger als im Jahr zuvor. Innovationskünstler Apple dagegen kommt auf 460 Euro pro Gerät samt Diensten“, schreibt Handelsblatt-Redakteurin Sandra Louven.

Eine Erklärung für den gravierenden Unterschied liefert Greger Johansson vom Marktforschungsunternehmen Redeye: Nokio-Smartphones seien einfach nicht gut genug, deshalb können sie keine höheren Preise nehmen. Welch eine Überraschung. Aber weit wichtiger als die Benutzerfreundlichkeit und der Design-Kultstatus des iPhone sind eben die Apps für jede Lebenslage, die der Steve Jobs-Konzern mittlerweile bietet. Hier sieht nicht nur Sandra Louven einen grundlegenden Wandel im Markt für Gerätehersteller. Gegen die 130.000 Apps, die Apple bietet, kann Nokia über den Online-Shop Ovi gerade einmal rund 9.500 Dienste dagegensetzen. Nokia habe erkannt, so das Handelsblatt, dass Apple oder auch Google bei Apps weit voraus sind und versucht deshalb, den Fokus weg von den Geräten hin zu Software und Diensten zu verlagern. Wirkliche Erfolge seien bislang aber noch nicht zu sehen.

Wer sich mit den Thesen von Weisshaupt etwas mehr beschäftigen will, sollte auch diesen Beitrag lesen: „Nur vom Nutzen wird die Welt regiert“: Mit disruptiven Innovationen die Krise überwinden – Neustart für Wirtschaftssystem statt Reparaturbetrieb.

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Weisshaupt organisiert am 9. September die nächste Origo-Innovationskonferenz zu seinen Thesen. Das detaillierte Programm der Veranstaltung kommt Anfang Juli. Werde das natürlich aufgreifen.