Geschichten aus der Beethoven-Stadt mit Beteiligung von Sohn@Sohn

Wo doch Standort-Patriotismus jetzt so gefragt ist. Hier Geschichten aus der Beethoven-Stadt, an denen Sohn@Sohn engagiert beteiligt waren. Gemeint sind die fundierten und ambitionierten Projekte von Dr. Ingrid Bodsch zum Beethoven-Jubiläum 2020 – also zum 250. Geburtstag des Komponisten. In dieser Zeit entstand folgender Film in Bonn-Kessenich:

In Bonn erinnert man sich an Johann Joseph Eichhoff, den visionären Wegbereiter des europäischen Binnenmarktes. Unter französischer Herrschaft steigt er zum Generaldirektor der Rheinschifffahrts-Verwaltung auf. 1815 erfüllt er sich einen Traum: Er wird zum Wiener Kongress hinzugezogen. Dort nutzt die Fluss-Schifffahrts-Kommission seine Expertise. Nach Abschluss der Arbeit trifft er seinen Jugendfreund Beethoven, der ihn bittet, einige Erinnerungsstücke für Freunde im Rheinland mitzunehmen.

Eichhoff kann man als Vorreiter der freien Rheinschifffahrt bezeichnen. Man muss sich den Rhein zur Zeit des Ancien Régime als Handelsweg vorstellen, der immer wieder frequentiert wurde. Aber gerade weil er ein Handelsweg war, versuchte jeder kleine Fürst am Rhein, mit einer Zollstation oder einer Burg abzukassieren. Im Zweifelsfall musste ein Schiffer 32 Mal Zoll oder Gebühren zahlen. Es wurde viel geschmuggelt, die Schiffer wurden unter Druck gesetzt. Der Rhein konnte sein Potenzial als Verkehrsweg nicht entfalten. Eichhoff sah das früh, ebenso wie andere. Aber er sah auch, dass es sehr schwierig war, diesen Weg zu öffnen.

Dann kamen die Franzosen. Sie ignorierten mit einem Federstrich diese Grenzen und setzten einen Verwaltungsakt in Gang, der den ganzen Rhein regulierte. Sie vereinheitlichten die Gebühren, nahmen die Zollstationen weg und so weiter. Als Direktor war das für Eichhoff ein gefundenes Fressen. Schon in der ersten Rezension von 1802 wurde seine Übersicht über die vier französischen Departements auf der linken Rheinseite und seine ausgezeichneten Kenntnisse der Rheinschifffahrt hervorgehoben. Eichhoff blieb nicht lange Oberbürgermeister von Bonn, er wurde Präfekt des Arrondissements Bonn.

Beide, Eichhoff und Beethoven, starben 1827. Aber ihre Verbindung reichte über ihren Tod hinaus: Peter Joseph (von) Eichhoff, Johann Josephs erfolgreichster Sohn, spendete 1836 1000 Gulden für die Errichtung des Bonner Beethoven-Denkmals. Die „Allgemeine Zeitung“ (Augsburg) wies damals auf die ungewöhnliche Höhe der Summe hin. „Unter den einzelnen ausgezeichneten Privatpersonen […] verdient eine besondere ehrenvolle Erwähnung die über alle Erwartung ansehnliche Gabe des (in Bonn geborenen) Herrn [ehemaligen, D. A.] Hofkammerpräsidenten v. Eichhoff“.

Was hat Ludwig van Beethoven zu einem der größten Komponisten aller Zeiten gemacht? War es nur sein außergewöhnliches musikalisches Talent oder spielte auch sein Umfeld eine entscheidende Rolle? Die Ausstellung „Bonns Goldenes Zeitalter: Beethovens kurfürstliche Residenzstadt“ gab dazu fundierte Antworten. Sie erstreckte sich über fünf Räume und bot einen umfassenden Überblick über Beethovens Zeit in Bonn. „Wir haben eng mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zusammengearbeitet, um eine beeindruckende Sammlung von Exponaten zusammenzustellen“, so Bodsch.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung lag auf Beethovens enger Beziehung zur Familie von Breuning. Als Jugendlicher fand er hier eine zweite Heimat. Durch seinen Freund Wegeler wurde Beethoven regelmäßiger Gast im Hause der Hofrätin von Breuning. Hier konnte er nicht nur seine musikalischen Fähigkeiten weiterentwickeln, sondern auch von der literarischen und intellektuellen Atmosphäre profitieren. Die Familie von Breuning hatte enge Verbindungen zu anderen gebildeten Kreisen in Bonn und war bekannt für ihre Leidenschaft für Musik und Literatur.

Ein weiterer wichtiger Einflussfaktor in Beethovens Leben war Maximilian Franz, der Kurfürst von Köln und Hochmeister des Deutschen Ordens. Maximilian Franz war nicht nur Beethovens Arbeitgeber, sondern auch ein großer Musikliebhaber. Er erkannte früh das außergewöhnliche Talent des jungen Komponisten und unterstützte ihn in seiner Karriere. Durch seine finanzielle Unterstützung ermöglichte er Beethoven sogar ein Stipendium in Wien.

Die Ausstellung präsentierte auch Beethovens berühmtes Porträt, das zu Lebzeiten des Kurfürsten Maximilian Franz entstand und in ganz Deutschland bekannt wurde. Es zeigt, wie Beethoven bereits zu dieser Zeit als herausragender Komponist gefeiert wurde.

Die Ausstellung „Bonns Goldenes Zeitalter: Beethovens kurfürstliche Residenzstadt“ bot einen faszinierenden Einblick in Beethovens Leben und sein künstlerisches Schaffen. Sie dokumentierte, wie sein Umfeld und seine Beziehungen zu einflussreichen Persönlichkeiten seine Karriere maßgeblich beeinflusst haben.

Gerne erinnern wir uns an die Publikation, die sich mit Beethovens Bild im Manga auseinandersetzte.

„Vor mir liegt ein prachtvolles Buch, groß, farbenprächtig und imposant, bedruckter Leineneinband und Schutzumschlag, und mit 2, 7 Kilo auch sehr gewichtig! Ebenso gewichtig wie sein Inhalt, denn ‚Wirres Haar und rotes Halstuch. Beethovens Bild im Manga‘ ist ein Referenzwerk zum Thema. Eigentlich sollte es zusammen mit einer ebenso einzigartigen Ausstellung erscheinen, aber deren ‚körpernahe Ausrichtung‘ mit Spielkonsolen, vielen Tablets und ähnlichem zu interaktiven Agieren aufrufenden Präsentationsformen versagten uns in Zeiten der Pandemie die Realisierung. Dafür rückte der schon immer als opulent illustriertes Begleitbuch konzipierte Katalog in den Mittelpunkt. Er wurde zum realen Katalog einer virtuellen Ausstellung, mit besonderem Blick auf Japan, dem mit Abstand hungrigsten Markt für derartige Publikationen. Der schon früh gefundene Titel orientiert sich an den vom berühmten Stieler-Porträt ausgehenden Merkmalen, die zum Charakteristikum für Beethoven-Darstellungen wurden, auch wenn der Meister in sonst ganz unkenntlicher Form erscheint“, sagte Bodsch.

Mit Dr. Kazuko Ozawa und Dr. Matthias Wendt konnte die Herausgeberin und Initiatorin Dr. Ingrid Bodsch schon früh zwei kompetente und von ihr für die Thematik zu begeisternde Bearbeiter gewinnen, die es großartig verstanden, die überwältigende Fülle von Beethoven-Bildern ikonographisch zu erfassen und zu systematisieren.  Ihrer Überzeugungskraft ist auch die Gewinnung der Professoren Monika Schmitz-Emans, Tsuchida Eizaburo und Kim Sung-hwa für drei herausragende Aufsätze zu verdanken, von denen zwei sich exemplarisch dem Komplex Anime und Videospiel widmen, während Monika Schmitz-Emans mit Tezuka Osamus berühmtem Mangazyklus Ludwig B. eine zentrale Schöpfung der „bildlichen Beethovenrezeption“ umfassend beleuchtet. Und als künstlerisches Highlight enthält das Buch einen extra für die Publikation angefertigten Manga von Acato Ao, einer international bekannten jungen Künstlerin, die 2019 eine eigene Fernsehserie bekommen hat, und vor wenigen Wochen eine besondere Würdigung in Asahi Shinbun, eine der größten und seriösesten japanischen Zeitungen. Und dieses Prachtwerk, 446 Seiten, erschienen im Verlag des StadtMuseum Bonn, hg. von Ingrid Bodsch, bearbeitet von Kazuko Ozawa und Matthias Wendt, als Projekt im Rahmen und gefördert von BTHVN2020, ist für 35 Euro zu erwerben.

Bei Amazon ist das Opus noch zu erwerben.

art meets science – Stiftung Herbert W. Franke: Gipfeltreffen der Computerkunst-Pioniere im Juli in Berlin

Herbert W. Franke, 1954 vor seinem selbst-gebauten Analogrechner, mit dem die Serie „Oszillogramme“ entstand. © Stiftung Herbert W. Franke

Die „art meets science – Stiftung Herbert W. Franke“ lädt vom 2. bis 6. Juli zum ersten „Generative Art Summit“ in die Akademie der Künste in Berlin ein. Sie bringt die weltweit wichtigsten Pioniere der Generativen Kunst aus sieben Jahrzehnten in einem generationen-übergreifenden Dialog zusammen. 

Ausgangspunkt dieser Veranstaltung über Kunst und Technologie ist Herbert W. Franke (1927-2022), Urvater der Computerkunst, mit seiner Werkserie „Oszillogramme“, die seit 1954 mit Hilfe eines selbstgebauten Analogrechners entstand.

Sie gilt heute als Meilenstein der generativen Kunst. Diese reicht im 21. Jahrhundert inzwischen bis zur neuesten Generation des Internets, dem Web3, oder dem Einsatz Künstlicher Intelligenz. Für den Gedankenaustausch über diese facettenreichen kreativen Gestaltungskonzepte hat die Stiftung mehr als 50 Ehrengäste aus der ganzen Welt eingeladen. Sie reichen von der klassischen Computerkunst des 20. Jahrhunderts – wie Frieder Nake, Larry Cuba oder Christa Sommerer – bis zur neuesten Generation von KI-Künstlern und -Künstlerinnen, beispielsweise Sasha Stiles und Mario Klingemann.

Aber auch die weltweit bedeutendsten Sammler dieser Kunstrichtung, wie Anne und Michael Spalter, sowie renommierte Vertreter von Museen, bekannte Kuratoren und Gründer von NFT-Plattformen sind Teil dieses Community-Treffens aus der ganzen Welt.

Der „Generative Art Summit“ bildet 2024 den Schwerpunkt der Aktivitäten der „art meets science – Stiftung Herbert W. Franke“. Ermöglicht wurde die Veranstaltung durch das Projekt zu Herbert W. Frankes Software ZENTRUM. Das Werk, das er 1982 auf einem Apple II realisierte, gilt als eines der weltweit ersten dynamischen Programme digitaler Kunst. Es wurde für das Web3 übersetzt und Ende 2023 in einer Edition von 222 Unikaten verkauft. 

Der offizielle Verkauf der Tickets für den Summit über die Akademie der Künste beginnt Ende März. Vorab-Informationen: 

Partner der Veranstaltung: ZKM Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe; Institut heidersberger; EXPANDED.ART.

Da wartet ein ganz großartiges Projekt auf uns Anfang Juli. Man hört, sieht und streamt sich in Berlin 🙂

Siehe auch:

Southern Soul Vibes in Bonn: Bywater Call begeistert mit kraftvollem Auftritt in der Harmonie – 2024 startet die Band eine Europatournee #WDRRockpalast

Im vergangenen Jahren war der Auftritt der kanadischen Band Bywater in der Bonner Harmonie mein absolutes Highlight: Eine ausdrucksstarke 7-köpfige Southern Soul- und Roots Rock-Band aus Toronto. Die Formation wurde im Jahr 2017 von der Power-Sängerin Meghan Parnell und dem Gitarristen Dave Barnes gegründet. Die Band wurde ins Leben gerufen aus einer tiefen Liebe zur südlichen Soul-, Blues- und Roots-Musik und dem Wunsch, ein kraftvolles und bewegendes Musikerlebnis für ihre Zuhörer zu schaffen. Ihre Musik ist geprägt von beeindruckender Emotionalität und technischer Brillanz, wodurch sie sich in der Musikszene einen Namen gemacht haben.

Die WDR-Rockpalast-Scouts haben ein gutes Händchen bei der Auswahl der Bands. Bywater Call werden international durch die Decke gehen.

Der Hauptgedanke hinter dem Crossroads Festival ist die Präsentation von hochwertiger Musik in einer intimen Atmosphäre, wobei das Augenmerk auf ideenreicher Umsetzung, Wucht und Vergnügen auf der Bühne liegt. Bin jetzt das dritte Mal dabei. Das Konzept geht voll auf.

In diesem Jahr startet Bywater Call eine Europatour.

Thomas Mann und die Buddenbooks: Die Entschlossenheit eines Frühvollendeten

Edo Reents’ Betrachtung im Jahr 2002 von Thomas Manns „Buddenbrooks“ anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Werks ist eine tiefgreifende Reflexion über das Genie eines Autors, der sich bereits in jungen Jahren als Meister der Literatur erwies. Reents hebt in seiner Betrachtung die außergewöhnliche literarische Qualität der „Buddenbrooks“ hervor und beleuchtet die persönliche und schriftstellerische Entwicklung Thomas Manns, die durch diesen Roman entscheidend geprägt wurde.

Der Artikel beginnt mit einer humorvollen Betrachtung des jungen Thomas Mann, der sich selbst „Thos“ nannte, und entfaltet sich zu einer detaillierten Analyse des Werkes und seiner Bedeutung in der deutschen Literaturgeschichte. Reents zeichnet ein Bild von Manns früher Meisterschaft, die sich in den „Buddenbrooks“ manifestiert, einem Werk, das die gesellschaftlichen und psychologischen Verhältnisse einer Lübecker Kaufmannsfamilie über Generationen hinweg darstellt. Der Autor skizziert eindrucksvoll, wie Manns tiefe Verwurzelung in der literarischen Décadence mit der nüchternen Erzählung der Kaufmannsgeschichte kontrastiert.

Besonders hervorzuheben ist Reents‘ Einblick in Manns kreative Krise nach den „Buddenbrooks“. Er beschreibt, wie der Erfolg des Romans sowohl eine Bürde als auch eine Inspiration für Manns späteres Schaffen darstellte. Diese Sichtweise wird durch Zitate und Anekdoten bereichert, die Manns Ringen um Anerkennung und Selbstverständnis als Autor beleuchten.

Reents stellt die „Buddenbrooks“ als ein Werk dar, das in seiner Komplexität und Vielschichtigkeit auch heute noch fasziniert. Er betont die Bedeutung des Romans für die deutsche Literatur und unterstreicht, wie es Mann gelang, tiefgründige Themen wie den gesellschaftlichen Verfall und den Konflikt zwischen Kunst und Leben meisterhaft zu verweben.

Abschließend vermittelt Reents den Lesern das Gefühl, dass trotz der Vielzahl an Analysen und Interpretationen die „Buddenbrooks“ ein lebendiges und bedeutendes Werk bleiben, das weiterhin neue Generationen von Lesern begeistern wird. Sein Beitrag ist nicht nur eine Hommage an Thomas Manns literarisches Genie, sondern auch eine Ermutigung, sich erneut mit einem Klassiker der deutschen Literatur auseinanderzusetzen.

Und wenn es um den Frühvollendeten geht, muss ich direkt an das Referat von Constantin denken über Hugo von Hofmannsthal und über die Doktorarbeit seines Deutschlehrers Thomas Delfmann unter dem Titel: Ernst Weiß – Existenzialistisches Heldentum und Mythos des Unabwendbaren.

Ragnar Helgi Ólafssons „Lose Blätter“: Ein poetisches Kaleidoskop in zufälliger Harmonie

In ihrem neuesten Signaturen-Beitrag stellt Elke Engelhardt den Gedichtband „Lose Blätter“ von Ragnar Helgi Ólafsson vor, der von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übersetzt wurde. Ólafsson, ein vielseitiger Künstler aus Reykjavik, hat diesen Band in einer ungewöhnlichen Weise zusammengestellt: Nachdem er zunächst von seinem isländischen Lektor ermutigt wurde, einen neuen Gedichtband zu schreiben, entschied er sich, eine zufällige Auswahl aus 600 Seiten seiner Poesie zu treffen. Die ausgewählten Gedichte wurden dann wie bei einem Kartenspiel gemischt und in einem Buch gebunden.

Die Einzigartigkeit des Buches wird durch die Vorschläge für eine individuelle Lesereihenfolge der Gedichte weiter verstärkt. Jedes Exemplar von „Lose Blätter“ enthält ein Lesezeichen, das dem Leser eine persönliche Reihenfolge der Gedichte nahelegt. Ólafsson betont, dass er keine Kontrolle über die Interpretation der Gedichte durch den Leser ausüben möchte. Die Gedichte selbst bieten eine Vielfalt an Themen und Stilen, von Mini-Epen und Aphorismen bis hin zu absurden Gedankenspielen und genauen Beobachtungen.

Engelhardt hebt die poetische Qualität und die tiefe Zärtlichkeit in Ólafssons Werk hervor. Die Gedichte laden den Leser dazu ein, hinter die scheinbaren Wahrheiten des Lebens zu blicken und bei jedem erneuten Lesen neue Geheimnisse zu entdecken. Der zweisprachige Charakter des Buches ermöglicht es den Lesern, auch die isländische Sprachschönheit zu erleben.

Insgesamt präsentiert Engelhardt „Lose Blätter“ als ein Werk, das nicht nur durch seine poetische Kraft besticht, sondern auch durch seinen originellen Ansatz in der Präsentation und Strukturierung der Gedichte. Es ist ein Buch, das zu einer einzigartigen und persönlichen Leseerfahrung einlädt.

Siehe auch:

Buchveröffentlichung von Sohn@Sohn: Gedankenblitze der Kommunikation – Wer noch Geschenke sucht fürs frohe Fest, wird bei uns fündig

Vorwort

Für Erkenntnisblitze ist bekanntlich der Ausspruch „Heureka!“ des griechischen Physikers und Mathematikers Archimedes zum Erkennungszeichen geworden: Ich hab’s gefunden! Gelöst wird nicht nur das irritierende Grundproblem des Denkers, sondern öffnet auch seinem Lebensweg eine neue Perspektive.

Mit der spontanen Einsicht ist es aber nicht getan. Der Geistesblitz muss zu einer Werkidee weiterentwickelt werden, schreibt Manfred Geier in seinem Opus „Geistesblitze – Eine andere Geschichte der Philosophie“.

In dem Band geht es auch um die „Entdeckung“ ́des kritischen Rationalismus durch Karl Popper. Ein Heureka-Erlebnis der Buchlektüre. Leitstern für die wissenschaftstheoretischen Arbeiten von Popper war das Forschungsprinzip von Albert Einstein. Er grenzte sich von vielen Wissenschaftlern ab, die krampfhaft nur nach der Bestätigung des eigenen Schaffens suchten:

Dazu zählten vor allem Psychoanalytiker wie Freud oder Adler. „Weil ihre Wahrheit offenbar zu sein schien, fanden sie gläubige Anhänger und Bewunderer, und wer nicht an sie glaubte, galt als verstockt, durch Ideologien verführt oder als unaufgeklärt“, schreibt Geier.

Einstein dagegen suchte nach einer möglichen Widerlegung seiner Gravitationstheorie, und er war bereit gewesen, sie als unhaltbar aufzugeben, wenn sie einer experimentellen Überprüfung nicht standgehalten hätte. Die Ausschaltung von Fehlern war ihm wichtiger als die Behauptung sicherer Wahrheiten. „Aus diesem Grund war die erste Bewährung der Relativitätstheorie während der Sonnenfinsternis vom 29. Mai 1919 das große Erlebnis, das Poppers geistige Entwicklung maßgeblich beeinflusste.

So kam er gegen Ende des Jahres 1919 zu dem Schluss, ‚dass die wissenschaftliche Haltung die kritische war; eine Haltung, die nicht auf Verifikation ausging, sonder kritische Überprüfungen suchte, die die Theorie widerlegen konnten.“

Auf Basis dieses Geistesblitzes demontiert er 1944 in seiner Schrift „Das Elend des Historizismus“ den trügerischen Glauben an die Vorhersehbarkeit geschichtlicher Entwicklungen und spricht sich für eine Sozialtechnik der kleinen Schritte aus, die Helmut Schmidt in seiner Kanzlerschaft beherzigte.

In einer offenen Gesellschaft komme es nach Ansicht von Popper darauf an, politische Institutionen so zu organisieren, dass es schlecht oder inkompetenten Herrschern unmöglich ist, allzu großen Schaden anzurichten. Die guten Absichten des allwissenden und durchregierenden Basta-Politikers verwandeln sich schnell in einen politischen Albtraum. Sympathisch war ihm der Denkansatz von Xenophanes, dass alles menschliche Wesen ein Raten ist, und dass auch seine eigenen Theorien im besten Falle nur der Wahrheit ähnlich sind.

Das ist auch der Maßstab für die Geistes- oder Gedankenblitze der Kommunikation, die Sohn@Sohn zu vielen Anlässen immer wieder heraus kitzeln. Nicht am Reißbrett, nicht über vorgestanzte Moderationskarten, nicht über blutleere Teleprompter-Rhetorik, sondern über die Lust an der Kombinatorik, über den Charme des Zufalls, die blitzschnelle Anpassung an das nicht Vorhersehbare und über die Kunst des guten Gesprächs. Sohn@Sohn folgen Popper und Xenophanes: Im Lauf der Zeit finden wir, suchend, das Bessre. 

Jetzt bestellen 🙂

Mein musikalisches Jahr

Das war das Jahr, in dem es mir nach dem Tod von Miliana allmählich wieder besser ging. Das Jahr 2022. Es brachte nach drei sehr dunklen Jahren viele Veränderungen mit sich. Im positiven Sinne.

Am 30. Dezember gibt es eine Fortsetzung. Denn 2023 reichte von Elton John bis Billy Joel.

Chatbots, Rechenknechte und personalisierte Services: Droht das Ende der Experten? Ausblick auf die Next Economy #NEO23 am 7. und 8. Dezember – Autorengespräch mit Stefan Holtel zu seinem neuen Buch

Gespräche mit virtuellen und intelligenten Computerprogrammen sind kaum noch von Dialogen mit Menschen zu unterscheiden.

Diesen Satz schrieb ich wann? Am 21. September 2005. Es geht um die Voice Days, die sich damals mit Spracherkennungstechnologie beschäftigte. Die Konferenz mit Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz als Schirmherr war ein echter Trendsetter.

Der Artikel geht so weiter:

Der britische Mathematiker Alan Turing hatte in den 50er Jahren postuliert, dass eine Maschine dann intelligent sei, wenn sich ein Gespräch mit ihr nicht mehr von einem Gespräch mit einem Menschen unterscheiden ließe. Beim Loebner-Preis, den der US-Soziologe Hugh Gene Loebner gestiftet hat und der mit 100 000 US-Dollar dotiert ist, führen seit 1991 Tester Dialoge mit sogenannten „Chatbots“ – „Chat“ steht für plaudern und „bot“ für Roboter. „Die Tester wissen dabei nicht, ob ihr Gegenpart aus Fleisch und Blut oder aus Silizium ist. Insgesamt gilt es, drei von zehn Juroren glauben zu lassen, sie hätten sich tatsächlich mit einem Menschen unterhalten“, berichtet die Welt. Mehr als eine Million verschiedene Antworten habe mancher der Chatbots parat. „Sie analysieren Sätze nach ihrem Aufbau, suchen nach Schlüsselwörtern und Wortmustern. Sie können sich merken, ob ein Tester ein Thema schon einmal behandelt hat und verweisen darauf zurück, stellen Verbindungen zu neuen Komplexen her“, führt die Welt aus.

Sie können beleidigt oder erfreut reagieren und die besten haben eine eigene Persönlichkeit mit Herkunft und Lebenslauf. „So gibt es einen Chatbot, der sich als Barkeeper ausgibt und alles über Hamster weiß, oder einen Außerirdischen, der auf der Erde gestrandet ist und die Wunder des Universums kennt“, so die Welt. Schnell entzaubern könnten Tester Chatbots, indem sie ihnen Wissensfragen stellen, zum Beispiel „Wie hoch ist der Kilimandscharo?“ Komme die Antwort prompt und exakt, ist es wahrscheinlich ein Chatbot. „Der Euphorie über Künstliche Intelligenz bei den Chatbots folgt die ernüchternde Erkenntnis, dass diese nur so gut sind, wie der Fundus an Frage- und Antwortenpaaren, mit dem Sie gefüttert wurden“, betont Bernhard Steimel, Sprecher der Brancheninitiative Voice Business.

Ob der Traum von der humanoiden Maschine überhaupt realistisch oder erstrebenswert sei, bezweifelt Peter Krieg, Dokumentarfilmregisseur und Autor des Buches „Die paranoide Maschine“ http://www.heise-medien.de: „Was wir keinesfalls erwarten oder gar wünschen sollten, sind intelligente Computer, die uns das Denken und alle Entscheidungen abnehmen“. Selbst die radikalsten Protagonisten der „Künstlichen Intelligenz“ müssten zugeben, dass man in der Forschung noch weit von intelligenten Maschinen entfernt sei. „Noch fehlt der ‚Saft‘, der den intelligenten Computer vom heutigen Schnellrechner trennt“, so Krieg. Das Problem liege nicht an der Rechnerleistung, sondern an der Dialogfähigkeit. „Jemanden, der stumm und folgsam seine Anweisungen zu befolgen hat, ohne eigene Entscheidungen zu fällen, nannte man früher einen ‚Knecht‘. In diesem Sinn sind unsere Computer dumme, aber fleißige und überaus pedantische Rechenknechte“, bemängelt Krieg.

Der Einsatz von Chatbots und Sprachcomputern weise nach Analysen von Steimel eine interessante Reihe von Parallelen auf: „Beide Technologien haben nach dem Auszug aus dem Labors nicht immer in der Praxis eine glückliche Figur gemacht. Überzogene Erwartungen haben so manche Applikation im Praxistest der Lächerlichkeit preisgegeben“, so Steimel. Die Illusion, den Maschinen ein natürliches Sprachverständnis einzuimpfen, erwecke den Anspruch „Alles“ sagen zu können. „Tatsächlich ist das ‚Verständnis’ der Sprachcomputer auf Grammatiken und Wortschatz beschränkt, den man ihnen vorher beigebracht hat. Nutzerbefragungen am lebenden Objekt stellen immer wieder unter Beweis, dass es ein tödlicher Fehler ist, wenn sich die Maschine als solche nicht zu erkennen gibt. Deshalb ist der Turing-Test für den Praxiseinsatz völlig ungeeignet“, kritisiert Steimel.

Im übrigen weisen Dialog-Designer darauf hin, dass der Benutzer beim Sprechen mit Computern automatisch sein Sprachregister, seine eingesetzten Sprachbefehle reduziere, wie beispielsweise beim Sprechen mit Tieren.  “Eine Parallele zum Menschen gibt es jedoch bei Chatbots und automatischen Sprachsystemen: Sie lernen ständig durch die Interaktion mit dem Nutzer hinzu. Das tun sie allerdings nicht selbst, sondern ähnlich wie beim Wizard-Oz müssen auch hier Menschen im Hintergrund die Maschine schlauer machen“, weiß Steimel. Das Beispiel der Chatbots zeige eine interessante Perspektive für den kombinierten Einsatz mit Sprachcomputern etwa in Infotainment-Diensten auf. Initiativen wie das Skype Voice Service Programm von Skype könnten dazu führen, dass man demnächst auch per Telefonie über das Internet Protokoll mit einem Chatbot nicht nur per Maus und Tastatur plaudern könne. „Es wird interessant sein zu hören, welchen ‚Stimm-Charakter’ die künstlichen Agenten erhalten und damit mehr Persönlichkeit und Taktgefühl gewinnen, als sich mit Icons ausdrücken lässt“, so der Ausblick von Steimel.

Soweit meine Agenturmeldung vor rund 18 Jahren. Was hat sich verändert? Was können wir erwarten?

Einige der wesentlichen Entwicklungen und Trends sind:

  1. Verbesserte Natürliche Sprachverarbeitung (NLP): Die Fähigkeit von Chatbots, menschliche Sprache zu verstehen und darauf zu reagieren, hat sich erheblich verbessert. Moderne Chatbots nutzen fortschrittliche NLP-Algorithmen, die es ihnen ermöglichen, die Absicht hinter den Worten eines Benutzers besser zu erkennen und relevantere, kontextbezogene Antworten zu geben.
  2. Integration in Alltagsgeräte: Chatbots und virtuelle Assistenten sind nun in alltäglichen Geräten wie Smartphones, Lautsprechern und sogar Haushaltsgeräten integriert. Beispiele hierfür sind Siri von Apple, Alexa von Amazon und der Google Assistant.
  3. Emotionale Intelligenz und Personalisierung: Moderne Chatbots sind zunehmend in der Lage, emotionale Nuancen in menschlichen Gesprächen zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Sie können personalisierte Erfahrungen bieten, indem sie lernen und sich an die Vorlieben und das Verhalten der Benutzer anpassen.
  4. Einsatz in der Kundenbetreuung: Chatbots werden zunehmend in der Kundenbetreuung eingesetzt, um Anfragen zu bearbeiten, Unterstützung zu bieten und die Effizienz zu steigern. Sie können rund um die Uhr verfügbar sein, was den Kundenservice erheblich verbessert.
  5. Ethische und soziale Fragen: Mit der zunehmenden Verbreitung von Chatbots treten auch ethische und soziale Fragen in den Vordergrund, insbesondere in Bezug auf Datenschutz, Transparenz und die mögliche Ersetzung menschlicher Arbeitskräfte.
  6. Weiterhin begrenztes Verständnis: Trotz großer Fortschritte bleibt das Verständnis der Chatbots für natürliche Sprache und Kontexte im Vergleich zu menschlichen Fähigkeiten begrenzt. Die meisten Systeme sind immer noch auf spezifische Aufgabenbereiche beschränkt und können in unvorhergesehenen oder komplexen Situationen Schwierigkeiten haben.
  7. Zukünftige Entwicklungen: In der Zukunft können wir erwarten, dass Chatbots und KI-Systeme noch weiter in unser tägliches Leben integriert werden, mit Verbesserungen in der Personalisierung und der Fähigkeit, komplexe Aufgaben zu bewältigen. Fortschritte in der KI könnten auch zu neuen Anwendungsbereichen führen, die derzeit noch nicht absehbar sind.

Wir werden das auf der Next Economy Open vertiefen am Donnerstag, den 7. Dezember, um 13. Uhr. Session mit Stefan Holtel. Autorengespräch zu seinem neuen Buch: Droht das Ende der Experten? ChatGPT und die Zukunft der Wissensarbeit.

Ihr könnt Euch beteiligen über die Chat- und Kommentarfunktionen von YouTube und Co. im Multistream oder direkt reingehen in den Zoom-Raum. Spielregeln dort sind klar: Kamera und Mic deaktivieren. Zu Wort melden und dann alles wieder aktivieren.

Virtuelle Programmzeitschrift für die Next Economy Open 2023 am Donnerstag, den 7. Dezember und am Freitag, den 8. Dezember.

Man hört, sieht und streamt sich auf der .

Apropos Experten und Wissensökonomie: Was schrieb noch der Soziologe Niklas Luhmann zur Computerkommunikation nach der Logik seines Zettelkastens?

Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. 

Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Logik des Netzes. 

Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Debatten-Dompteure an die Decke.

Digitale Technologien und transnationaler Dialog: Über ein europäisches Netflix nachdenken, eine Mediathek, in der Inhalte aus allen EU-Ländern verfügbar gemacht werden #EuropaKonferenz

Von Goethe bis zur Popkultur: Neue Ideen für Europa! Wie transnationale Kommunikation und Popkultur die Abendländerei überwinden können. Ein Blick auf die Visionen von Goethe und die Rolle der Intellektuellen heute.

Wie froh wäre Johann Wolfgang von Goethe gewesen, das grenzenlose und echtzeitige Netz für den transnationalen Dialog einzusetzen. Der Dichterfürst nutzte den Postweg. Aber auch hier gab es eine Besonderheit. Das Postmonopol war in privater Hand und galt als Grundpfeiler der vorindustriellen Modernisierung. Ihr „Erfinder“ Franz von Taxis wurde auf eine Stufe mit Christoph Kolumbus gestellt. Der damalige Provider „Thurn und Taxis“ gewährte Goethe ein Freibriefrecht. „Für Briefe von und an Goethe musste kein Porto bezahlt werden“, erwähnt der Literaturwissenschaftler Peter Goßens im Interview mit Sabria David, Kuratorin des Projektes „Streaming Egos“.

Dichterfürst als Social Web-Enthusiast

Goethe konnte so viele Briefe schreiben, wie er wollte. Mit dieser freien Kommunikationsform entwickelte er sich zum Netzwerker für den europäischen Diskurs. Es war die Triebfeder seines kosmopolitischen Humanismus, von dem sich die völkisch gesinnten Politiker rechter Parteien eine Scheibe abschneiden sollten. Heute würde Goethe dafür Facebook, Twitter, Periscope, Hangout on Air und einen Blog einsetzen. Damals nutzte er vor allem seine eigene Zeitschrift „Ueber Kunst und Alterthum“, um mit den „Literatoren“ Europas in Kontakt zu treten. „Neben seiner umfangreichen Korrespondenz, den Besuchern und Gesprächen, die zum Weimarer Alltag gehörten, war es vor allem das Projekt der Zeitschrift, die es dem alternden Goethe ermöglichte, ein virtuelles, aber durch seine gedruckte Form manifestes Kommunikationsnetz zu spannen und seine Wahrnehmung des weltliterarisch Bedeutsamen bekannt zu machen“, schreibt Goßens in seiner Habilitationsschrift „Weltliteratur“, erschienen im J.B. Metzler-Verlag. Goethe ging es darum, dass die gebildeten Menschen seiner Zeit miteinander darüber diskutieren, wie man altes Wissen in die neue Zeit rettet und ein neues gesellschaftliches Modell entwickelt:

„Wenn wir eine europäische, ja eine allgemeine Weltliteratur zu verkündigen gewagt haben, so heißt dieses nicht, dass die verschiedenen Nationen von einander und ihren Erzeugnissen Kenntnis nehmen, denn in diesem Sinne existiert sie schon lange, setzt sich fort und erneuert sich mehr oder weniger; nein! hier ist vielmehr davon die Rede, dass die lebendigen und strebenden Literatoren einander kennen lernen und durch Neigung und Gemeinsinn sich veranlasst finden gesellschaftlich zu wirken“, schreibt der Universalgelehrte in einem Grußwort an die Versammlung von Naturforschern und Ärzten im Jahre 1828.

Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung – Schaffung einer europäischen Öffentlichkeit

Goethe schuf eine kleine, aber sehr einflussreiche europäische Öffentlichkeit. Er suchte und fand Verbündete für sein weltliterarisches Unterfangen zur Schaffung eines transnationalen Kommunikationssystems. Weltliteratur wird von Goethe nicht als Kanon definiert, sondern als Programmatik zur Überwindung nationaler Verblendung. Nicht die Lektüre literarischer Werke steht im Vordergrund, sondern die grundlegende Kenntnis der Kulturen anderer Länder. Der Dichterfürst verstand sich als Katalysator zur Herausbildung einer europäischen Leserschaft. Zu seiner Lieblingslektüre zählte dabei „Le Globe“, die sich nationalen Vorurteilen und kulturellen Hegemonie-Bestrebungen entgegenstellte. 

Sein Anliegen wurde von nationalistischen Bedenkenträgern als undeutsche Gesinnung ausgelegt. AfD, Pegida und Co. würden es heute wohl genauso formulieren. 

Mit seiner internationalen Netzwerkstärke konnte Goethe dieses Stammtisch-Gebrüll übertönen. Ähnliches erhofft sich Günther Rüther von den Intellektuellen unserer Zeit. Im 19. und 20. Jahrhundert waren es vor allem Kriege, die der europäischen Idee neue Kraft verliehen. Den Intellektuellen ging es dabei um die Überwindung nationalistischer Vorurteile, den Abbau von Hass oder Intoleranz und vor allem darum, verloren gegangene Freundschaften zwischen den Völkern erneut zu stiften, schreibt Rüther in seinem neuen Buch „Die Unmächtigen – Schriftsteller und Intellektuelle seit 1945”, erschienen im Wallstein Verlag. Europa brauche jetzt die Stimme der Intellektuellen. Sie müssen die Sprache der Macht und der Expertokratie dechiffrieren, um der europäischen Idee wieder Auftrieb zu geben.

Popkultur statt rückwärtsgewandter Abendländerei

Rüdiger Altmann, der frühere Berater von Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, kritisierte bereits in den 1990er Jahren das schleichende Gift der rückwärtsgewandten „Ersatzideologien” unter dem Deckmantel der Abendländerei. 

Es sei die Aufgabe Europas, den Kulturkonflikt einer sich wandelnden Welt auszuleben und mit neuen Ideen zu überwinden. Welches sind die europäischen Ideen, die Europas Existenz heute ausmachen? Das kann nicht die Idee eines sich gegen die übrige Welt abgrenzenden Europas sein, das um seine Identität, auch um seine geschichtliche Identität, ringt. Die entscheidende Frage ist: Findet Europa den Mut, neue Ideen zu formulieren und auszuleben, die die ganze Welt angehen, also in diesem Sinne nicht spezifisch europäische sind? Auf diese Weise könnte Europa wieder jene Weltgeltung erlangen, die es früher gehabt hat.

Altmann betont dabei die Kraft der Popkultur. Die mediale Kultur habe einen großen Bedarf und Verbrauch an Ideen.

„Darin unterscheidet sie sich deutlich von der Kultur der Klassengesellschaft alten Stils. In gewissem Sinne ist sie unideologisch. Zugleich entfaltet sie in der Massengesellschaft ein Kommunikationsfeld von großer Kraft…” Genau das sollte von der europäischen Zivilgesellschaft ausgehen. Vielleicht ist die Popkultur ein veritables Mittel, den Nationalisten und Rassisten in den europäischen Staaten das Wasser abzugraben – in transnationalen Dialogformaten. Als Vorbild für den transnationalen Netz-Diskurs könnten Goethe und die von Sabria David geförderte Salonkultur sein. Die Dialogutopie der Gelehrten des 18. und 19. Jahrhunderts war der Grundstein für Lesegesellschaften, literarische Salons und Debattierclubs. Allerdings mit den Restriktionen der örtlichen Verfügbarkeit.

Die Konvergenz der digitalen Technologien bewirkt neue Formen der Kommunikation. Was wir jetzt erleben, ist eine Abweichung von geschlossenen Medienformaten. Schon vor über 30 Jahren experimentierten die Kurd Alsleben und Antje Eske mit vernetzten Dialogen über HyperCards. Essentiell sei dabei die kulturelle Tiefe der Konversationen. Alsleben und Eske wollen die künstlerischen Qualitäten und die politische Dimension von sozialen Netzwerken im Internet abtesten. Es geht dabei um das mühsame Aushandeln von Positionen. Es geht um die Überwindung von Ressentiments und nationalistischen Vorurteilen. Eine aufgeklärte europäische Öffentlichkeit ist vonnöten, um den Vereinfachern und Verführern kein Spielfeld zu bieten, die mit simplen Antworten agitieren und zur Polarisierung anstacheln, um nicht komplexe Lösungen für komplexe Probleme anbieten zu müssen. 

Das wurde auch auf der Europa-Konferenz der Willy-Eichler-Akademie zum Thema „Wende in Europa: Ausblick auf eine neue Zeit“ aufgegriffen.

Die Frage, die im Raum stand: Wie können wir die Bürgerinnen und Bürger für Europa begeistern? Wie können wir der Jugend eine attraktive Perspektive bieten?

Die Diskussion wurde live übertragen und es gab Reaktionen aus dem Netz. Ein Nutzer auf Youtube kritisierte, dass viel geredet, aber zu wenig gehandelt wird. Die Sorgen der Menschen finden in Brüssel nicht ausreichend Gehör.

Ein Projekt der Bundeszentrale für politische Bildung, Eurotopics, versucht, das zu ändern. Es bietet täglich eine europäische Presseschau und dokumentiert, was wirklich in Europa passiert.

Das Auditorium der Konferenz war sich einig, dass Zuhören ein guter Ansatz ist. Es wurde hervorgehoben, dass fast jedes Thema einen europäischen Bezug hat, von hohen Lebensmittelpreisen bis hin zur Energiekrise. Im Panel schlug man vor, über ein europäisches Netflix nachzudenken, eine Mediathek, in der Inhalte aus allen Ländern verfügbar gemacht werden können.

Organisiert von Mr. Music – Europas bester Bluesrock-Gitarrist live in der Bonner Harmonie: Julian Sas

Am Freitag erlebte das Publikum in der Harmonie Bonn eine Nacht voller bluesgetränkter Rockmusik, als Julian Sas zum zwanzigsten Mal auf der Bühne stand. Organisiert von Bernie Gelhausen, bewies der niederländische Bluesrock-Gitarrist erneut, warum er als einer der besten Live-Musiker Europas gilt.

Von dem Moment an, als Sas die Bühne betrat, war klar, dass die Zuschauerinnen und Zuschauer Zeugen eines unvergesslichen Erlebnisses werden würden. Sas, bekannt für seine fesselnden Live-Auftritte, zog das Publikum sofort in seinen Bann. Seine Fähigkeit, traditionellen Blues mit einer modernen Rock-Attitüde zu verbinden, zeigte sich in jedem Lied.

Sas‘ Konzert war mehr als nur ein musikalisches Ereignis; es war eine eindrucksvolle Demonstration der Kraft und Leidenschaft, die Live-Musik entfachen kann. Für Fans des Blues und Rock war es eine unvergessliche Nacht, die zeigt, warum Julian Sas als einer der führenden Namen in der europäischen Bluesrock-Szene gilt.

Der Abend war nicht nur eine Feier der Musik, sondern auch eine Anerkennung der engen Beziehung zwischen Sas und seinem Publikum. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten kehrt der Gitarrist regelmäßig in die Harmonie zurück, und seine Fans erwarten jedes Mal mit Spannung seine Rückkehr. Natürlich immer ausverkauft.

Der Kopf hinter diesem Auftritt von Sas in Bonn seit 20 Jahren ist Bernie Gelhausen, dem früheren Inhaber des legendären Plattenladens Mr. Music. Er war und ist eine Schlüsselfigur in der rheinischen Musikszene.

Bekannt für seine tiefe Leidenschaft für Musik und sein umfangreiches Wissen, war er mehr als nur ein Geschäftsinhaber.

Gelhausen eröffnete 1992 Mr. Music und betrieb diesen Laden fast zwei Jahrzehnte lang, bevor er ihn Ende 2020 für immer schloss. In dieser Zeit wurde Mr. Music zu einem Treffpunkt für Musikliebhaber, angezogen durch Gelhausens Fähigkeit, zielsicher Musik-Tipps zu geben. Er hatte ein besonderes Talent dafür, genau die richtigen Alben oder Künstler für seine Kunden zu empfehlen, basierend auf ihren individuellen Geschmäcken und Interessen.

Mehr als nur Verkäufe standen für Gelhausen die persönlichen Gespräche im Vordergrund. Er schuf eine Atmosphäre, in der sich Musikbegeisterte treffen, austauschen und Neues entdecken konnten. Warum von der Stadt Bonn keine Initiativen entfaltet wurden, Mr. Music zu halten oder Bernie als musikalischen Impresario anzuheuern, bleibt mir ein Rätsel. Die Eigentümer der Harmonie machen es besser. Im nächsten Jahr wird Bernie als Promoter wieder aktiv sein und einen weiteren Auftritt von Julian Sas ermöglichen.