Morgen geht meine Youtube-Literaturlesung nach meiner Berliner Republica-Exkursion weiter. Vorgestellt wird ein Buch, dass sehr schön die politischen Ablenkungsmanövern der USA dokumentiert, die auch beim NSA-Spähfanatismus („Spähaffäre“ ist viel zu harmlos, das hat Sascha Lobo richtig in seiner Republica-Rede analysiert) zum Tragen kommen. Beim Kampf gegen die Totalüberwachung ist es auch wichtig, das Spiel des „Gegners“ zu verstehen.
Wie kann ich mich wehren, wenn mir auffällt, dass mich ein Big Data-System diskrediert und ich Opfer der Realitätskonstruktionen von Vorhersagemaschinen werde, die ihr Innenleben nicht preisgeben.
„Der Glaube an die endgültige Berechenbarkeit der Welt wird gestützt von einem Apparat, dessen Macht ins schier Unendliche wächst, wenn die Politik auch daran glaubt. In diesem Fall aber werden immer weniger Einzelentscheidungen gebraucht, sondern immer mehr und mehr Daten. Das ist das Gruseligste an dieser Ideologie: Sie konstruiert aus einem Wust von Daten eine vermeintliche Realität, in der keine persönliche Verantwortung mehr für maschinell getroffene und ausgeführte Entscheidungen übernommen werden muss“, schreibt Sascha Lobo in seinem lesenswerten FAZ-Beitrag.
Die Maschinisten überlassen das Geschehen einem undurchsichtigen Maschinen-Paternalismus und verkriechen sich hinter der Logik von Algorithmen.
„Je komplexer die Aufgaben, die Maschinen sichtbar bewältigen, desto mehr unterstellt man eine Lösungsintelligenz. Die muss aber gar nicht vorhanden sein, ein Staubsaugerroboter hat nicht die geringste Ahnung vom Staubsaugen, er kann es bloß. Schon gar nichts weiß er über Hygiene“, so Lobo.
Bei der Übertragung von Entscheidungsgewalt an die Maschine spiele auch die Erkenntnis von KI-Pionier Joseph Weizenbaum eine Rolle, nach der Menschen dazu neigen, berechnete Ergebnisse eines Computers absonderlich ernst zu nehmen, eine Schwester von Horkheimers instrumenteller Vernunft.
„Mit maschinell produzierter Gewissheit in einer ungewissen Welt drängt sich die Ideologie in alle Lebensbereiche, indem sie Wahrscheinlichkeit als Wahrheit verkauft samt zwingender Handlungsanweisung. Weil dafür persönliche Daten benötigt werden, ist Datenschutz ihr erster und größter Feind“, so Lobo.
Und die Offenlegung der Rechenformeln, die mit Gewichtungen irgendwelche Prognosen rausballern. Open Data ist der größte Feind der Big Data-Enthusiasten, die sich bislang geweigert haben, Beispiele ihre Vorhersagekünste in Bloggercamp.tv vorzuführen.
Wenn mich die Schufa als nicht kreditwürdig im Score-Wert einstuft, könnte ich ja den Anbieter wechseln, würden jetzt irgendwelche Geister des freien Marktes antworten, die in ihren Theorien den Faktor Macht so gerne ausblenden.
„Wir leben aber häufig in kafkaesken Strukturen, die dem Ideal des perfekten Marktes genauso wenig entsprechen, wie der Mensch dem Home oeconomicus entspricht. Gegen monopolistische Systeme hat man es schwer, sich zu wehren“, sagt Winfried Felser, Geschäftsführer von Netskill, im ichsagmal-Gespräch.
Es müsse noch nicht einmal ein Monopolist sein, der die Öffentlichkeit am Nasenring vorführt. Gleiches gilt für Branchen, die sich untereinander absprechen und die Regeln des Wettbewerbs unterlaufen.
Die Crowd mobilisieren
Da hilft nur eine Crowd-Revolte, um Front gegen die Machtverkrustung zu machen. Reputation könne Verhalten steuern, so Felser. Wenn Dinge rechtmäßig seien, wie die Bewahrung des Schufa-Geschäftsgeheimisses bei der Berechnung des Score-Wertes, könne nur eine mobilisierte Öffentlichkeit eine Gegenstruktur bilden. „Dann steht man nicht mehr wie Franz Kafka einer unbeherrschbaren Macht gegenüber.
„Juristisch ist das nur schwer in den Griff zu bekommen.“
Sascha Lobo beim Chinabrenner – Foto von Wolfgang Schiffer
Sascha Lobo und der Verbrecherverlag haben wohl direkt nichts miteinander zu tun. Aber beide spielten auf der Leipziger Buchmesse eine Rolle.
Das und ein paar andere Randnotizen zum literarischen Stelldichein in der sächsischen Metropole diskutiere ich am Mittwoch, um 11 Uhr in Bloggercamp.tv mit meinem Wortspielradio-Kollegen Wolfgang Schiffer.
Ohne Snowden wäre die Debatte über den NSA-Verdachtstotalitarismus allerdings gar nicht zustande gekommen und der Berater hätte seine Bedenken über die Sicherheitspolitik seines Landes nicht zum Ausdruck bringen können. Aber das muss dieser Mann mit sich selbst ausmachen.
In meiner Reaktion auf den Essay von Sascha Lobo brachte ich noch einmal die unrühmliche Ära von Senator Joseph McCarthy ins Spiel, der in dem 1938 gegründeten Parlamentsausschuss zur Untersuchung sowjetischer Infiltration (House on Un-American Activities Committee – HUAC) mit der Übernahme des Vorsitzes ab 1950 die Treibjagd auf vermeintliche Kommunisten eröffnete. Man kann das mit der Zeit nach 2001 gut vergleichen. An die Stelle von Kommunisten setzt man jetzt „Terroristen“.
Auch auf die McCarthy-Ära reagierte die Öffentlichkeit mit Verzweiflung, ängstlicher Zurückhaltung, Schweigen oder gar Mitläufertum beim Anschwärzen von Andersdenkenden.
Im Untersuchungsausschuss herrschte ein scharfer und undemokratischer Kasernen-Ton. Man unterbrach die Erklärungen der Befragten – die eigentlich schon wie Schuldige behandelt wurden – und brüllte sie an:
„Sind Sie Kommunist. Ja oder Nein – antworten Sie!“
Jeder, der eine liberale Gesinnung zeigte oder in irgendeiner Weise aufmüpfig wirkte, wurde als Kommunist verdächtigt. Etliche Schauspieler, Drehbuchautoren und Literaten wurden denunziert. Willkürlich.
Viele Künstler mussten sich den Verhören des McCarthy-Ausschusses aussetzen, die sich teilweise über Jahre hinzogen. 1950 standen 400 Hollywood-Akteure auf einer Schwarzen Liste, was einem Berufsverbot gleichkam. Wenn es dennoch zu Auftritten in gesponserten Sendungen kam, riefen die Kommunistenjäger zum Boykott der Waren des Sponsors auf.
Charlie Chaplin wurde 1952 nach seinem England-Urlaub die Wiedereinreise in die USA verweigert. Seine Filme seien unmoralisch und damit unamerikanisch – ein Treppenwitz, wenn man bedenkt, wie Chaplin den Charakter des Nazi-Terrors satirisch entlarvte.
Es gab nur wenige Persönlichkeiten, die sich diesem Verdachtstotalitarismus der McCarthy-Ära entgegenstemmten. Zu ihnen zählt Humphrey Bogart, der von dem Anti-Kommunisten-Komittee angegriffen wurde und Kollegen mobilisierte, um als Zuschauer zu den Hearings nach Washington zu reisen und für mehr Bürgerrechte zu demonstrieren.
Aber auch das brachte McCarthy nicht zu Fall. Es war der New Yorker TV-Journalist Edward R. Murrow, der in seiner Sendung „See It Now“ am 9. März 1954 einen Frontalangriff auf Senator McCarthy startete. In seiner Abendsendung zeigte Murrow Filmteile mit den Reden des pharisäerhaften Patrioten. Zwischen jedem Filmausschnitt wies der mutige Kommentator nach, dass der Kommunistenjäger die Tatsachen verdreht und die Unwahrheit sagt. Die Grenze zwischen Untersuchung und Verfolgung seien schmal, so Murrow.
„Anschuldigungen sind keine Beweise. Wer uns überzeugen will, muss Beweise vorlegen und sich an die Gesetze halten…Dies ist nicht die Zeit, angesichts der Methoden von Senator McCarthy zu schweigen.“
Murrow war ein Meister des politischen Fernsehjournalismus: Er entlarvte den Kommunistenfresser als schreienden, hasserfüllten und besessenen Machtpolitiker. Die Ausfälle von McCarthy, die Murrow in seiner Fernsehreihe ausbreitete, führten letztlich Absetzung des Komitees und zur Demontage von McCarthy. Sein Image als furchteinflößender, unbesiegbarer Kämpfer fiel in sich zusammen. Seine quälenden Zwischenrufe „Mr. Chairman, Mr. Chairman“ und „Zur Tagesordnung, zur Tagesordnung“ wurden zum Gespött der Nation. Musikalisch festgehalten in dem Song: „Zur Tagesordnung, Baby. Ich liebe Dich.“
George Clooney ist es übrigens zu verdanken, den engagierten Journalisten Murrow wieder ins Gedächtnis zu holen. „Good Night, and Good Luck“ heißt der Schwarzweiß-Film, in dem Clooney nicht nur die Regie führte, er verfasste auch das Drehbuch und agiert als Darsteller in einer Nebenrolle vor der Kamera. Ich liebe diesen Film nicht nur wegen des politischen Inhalts, sondern auch wegen des exorbitanten Zigaretten-Konsums 🙂
Ein Denkmal für politischen Journalismus, wie er auch heute in der NSA-Affäre vonnöten ist. Das war in den USA möglich. In den 50er Jahren, in den 70er Jahren zur Watergate-Affäre und das ist auch jetzt möglich. Nicht Defätismus ist gefragt, sondern Haltung. Mein Vorbild ist Edward R. Murrow!
Seinen Kassandra-Ruf verstehe ich als Wachmacher. Die Kultur der Beteiligung, die Möglichkeiten für liquide Demokratie, der Abbau von Hierarchien und die Entfaltungsmöglichkeiten, die man als Ich-Verleger im Social Web genießt, sind eben kein Selbstläufer. Die positiven Versprechungen waren und sind immer nur Möglichkeiten. In Anlehnung an Sigmund Freud schreibt Sascha von der vierten Kränkung der Menschheit:
„Die erste entsprach Kopernikus‘ Entdeckung, dass der Mensch nicht wie angenommen Mittelpunkt des Weltalls war. Die zweite war Darwins Evolutionstheorie, die zeigte, dass der Mensch ganz schnöde vom Tier abstammt. In einem ebenso klugen wie jahrhunderteitlen Move erkannte Freud in seinen eigenen Thesen die dritte Kränkung der Menschheit, die Existenz von Unbewusstem und Über-Ich, dass also „das Ich nicht Herr sei in seinem eigenen Haus.“
Und nun folgt eben die digitale Kränkung der Menschheit. Was so viele für ein Instrument der Freiheit hielten, werde aufs Effektivste von den staatlichen Schnüfflern für das exakte Gegenteil benutzt. Man könnte sich jetzt über den fragwürdigen wissenschaftlichen Positivismus von Freud und die Kategorie der Kränkung auslassen – das würde aber am Thema vorbeigehen. Eine Zäsur ist der praktizierte Verdachtstotalitarismus der paranoiden Sicherheits-Gichtlinge auf jeden Fall.
Es stinkt gewaltig nach Hexenjagden und Schnüffelkampagnen wie zu Zeiten von Senator McCarthy und FBI-Chef Hoover mit ihrer panischen Angst vor kommunistischer Infiltration, die sich allerdings in erster Linie in den verwirrten Hirnen dieser Apologeten des starken Staates abspielte.
„Der Verschwörungswahn stand in keinem Verhältnis zur realen Gefahr. Unzählige gerieten unter Verdacht, wurden ausgeforscht oder mit Berufsverboten belegt“, schreibt Wolfgang Sofsky in seinem Buch „Verteidigung des Privaten“ und verweist schon 2007 auf die Abhörmethoden der NSA, die ohne richterliche Genehmigung die Verbindungsdaten zahlloser Auslandsgespräche speichert.
Unter dem Banner der allumfassenden Fürsorge und Vorsorge entzieht man die Exekutivgewalten sukzessive der öffentlichen Kontrolle. Der paranoide Staat formiert die Gesellschaft nicht auf dem Fundament des Vertrauens, sondern von Angst und Misstrauen. Der Staat inszeniert selbst das Übel, das zu bekämpfen er vorgibt.
Prävention gelingt nur in einem Zustand der permanenten Alarmierung. Achtung, wenn sie einen Jugendlichen mit dicken Filzstiften und großem Zigarettenpapier verorten, deutet alles auf eine Karriere als krimineller Sprayer und Drogenhändler hin, so die Warnhinweise von Polizei und Verwaltung in Bonn.
Achtung, wenn auf Facebook zu Witz-Demos vor amerikanischen Einrichtungen aufgerufen wird, muss die deutsche Polizei auf Anweisung der amerikanischen Behörden direkt an der Wohnungstür des Delinquenten klingeln und ihre Strafverfolgungsarbeit aufnehmen. Das kann endlos so weitergehen. „Der Generalverdacht macht keine Ausnahme“, meint Sofsky. Je mehr man weiß, desto sicherer weiß man, dass man noch nicht alles weiß. Jede Wissenslücke muss demzufolge zu weiteren Ermittlungen führen. Am besten läuft es für die Hüter des Staates, wenn die Menschen ermahnt werden, sich gegenseitig zu beobachten und sich zu Agenten der Sicherheit degradieren lassen.
Selbst wenn der Datenschutz-Deichgraf Thilo Weichert zum obersten Datenschützer der UNO ernannt wird und wir in Europa die strengsten Datenschutz-Gesetze bekommen, wird die Überwachungsmaschinerie der Geheimdienste als Staat im Staate nicht zum Erliegen kommen. Selbst wenn wir uns an die sinnvolle Empfehlung meines geschätzten Kollegen Tim Cole halten und nur das ins Internet schreiben, was wir auch auf eine Postkarte schreiben würden, trifft uns die NSA-Spitzelei. Es reichen schon kritische Meinungsäußerungen oder Recherchen über die fragwürdigen Methoden der Schlapphüte, um auf der Schwarzen Liste der National Security Agency zu landen – etwa der SZ-Journalist Hans Leyendecker oder der französische Autor Guillaume Dasquier.
„Wenn wir nur die Privatsphäre stärken (als ob das möglich wäre), würden wir die Leute dazu nötigen, ihre Informationen und Identitäten wieder ins Private zu verlagern, um nicht diskriminiert zu werden. Das wäre ebenso schlecht für Pluralismus und Demokratie, wie die Überwachung selbst. Ja, man könnte sagen: dann hat die Überwachung gewonnen. Wenn wir nicht eine Welt als Ziel haben, wo Menschen auch öffentlich ihre Meinung sagen oder irgendwelche Attribute über sich veröffentlichen können, dann hat dieser ganze Kampf gegen die Überwachung keinen Wert.“
Das Plädoyer von Michael unterschreibe ich:
„Wir müssen die Möglichkeit der Diskriminierung überall bekämpfen, wo wir sie finden.“
Nur dann wird es wohl gelingen, einen neuen Internet-Optimismus und eine positive Digitalerzählung zu entwickeln, die Sascha Lobo am Ende seines Essays ins Spiel bringt.
Es sollte ein fließendes Un-Buch sein, um bei einem so dynamischen Technologiethema zum Erscheinen des Werkes nicht sofort wieder hinter dem Mond zu landen. Die Erscheinungsform wollten wir bewusst in der Schwebe halten, um Neuigkeiten sofort aufnehmen zu können. Aber uns war nicht ganz klar, ob das als eBook möglich sein würde.
Entsprechend zweifelnd reagierte die Netz-Community auf unsere Projektbeschreibung. Beim Social Media Club in Bonn gab es bei der Vorstellung unserer Startnext-Idee eine Frage, die mich grübelnd zurückließ: Warum macht Ihr das Buchprojekt nicht in Form einer Website? Anfänglich hielt ich das für Blödsinn.
Etwas später waren wir davon überzeugt, eine Melange aus App, Website und eBook auf den Markt zu bringen. Es gibt einen Startpunkt aber kein Ende des Werkes. Wir halten unser Opus bewusst in der Schwebe, um Neuheiten, die sich bei Streaming-Technologien ereignen, sofort aufzunehmen. Leider kam die Erkenntnis zu spät – der Finanzierungszeitraum war schon fast abgelaufen.
Inspiriert hat uns vor allem Dirk von Gehlen mit seinem Startnext-Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“.
“Es geht nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde. Ein Film, ein Song, ein Text (und alle digitalisierten Werkstücke) werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat.“
Gehlen sieht die Analogie zum Fußball: Die Fans im Stadion wollen mitfiebern, reinrufen, teilnehmen, jubeln und sich ärgern.
“Und das tun sie nicht nur wegen der Resultate. Das tun sie, weil Fans, Spieler und Öffentlichkeit gemeinsam ein Erlebnis schaffen können, das mindestens ebenso wichtig sein kann wie das Ergebnis. In einer Welt, in der die Ergebnisse kopierbar und kaum zu halten sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven öffnen.”
Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) hat Sascha Lobo die Idee der Firmengründung ausführlich erläutert. So doof waren wohl unsere Gedanken über das Buch zur Streaming Revolution gar nicht:
„eBook, wie wir sie heute kennen, sind nur das, was die Digitalisierung aus dem Buch gemacht hat – was aber machen Internet und soziale Medien aus dem Buch? Mit Sobooks versuchen wir, das zu beantworten, was allerdings dazu führt, dass jedes Buch, das man auf Sobooks kaufen kann, vollständig im Netz steht.“
Und jetzt kommt es: Bücher seien bei uns eigentlich Websites, schon um die Kraft des Internets zu nutzen. Ein Buch könne verschiedene Formen annehmen – jenseits von Kopierschutz-Systemen wie DRM.
Auch ein Buch könne – rein technisch betrachtet – die Form einer speziellen Website annehmen.
„Vielleicht muss es das sogar, um mit dem Netz seinen vollen wirtschaftlichen und kulturellen Mehrwert auszuschöpfen.“
Wenn das Buch im Browser stattfindet, könne man auch die vielen Instrumente nutzen, mit denen sich hervorragend Informationen verbreiten lassen. Und das gilt auch für die Interaktion. „Sobooks-Leser können im Buch selbst über das Buch diskutieren. Das ist wichtig, weil Bücher das Gesprächsthema Nummer eins sind, und wir glauben, dass es keinen organischeren Ort für diese Diskussion gibt als das Buch selbst.“
Lobo spricht von einem bereichernden Diskussionstrubel und knüpft damit nahtlos an das Dirk von Gehlen-Credo an.
Vielleicht sollten wir unser Streaming-Buchprojekt noch einmal bei Sobooks starten. Wir könnten das auf dem StreamCamp13 am 16. und 17. November in einer Session diskutieren.
Der deutsche Jammer-Michel beklagt sogar Phänomene, die man noch nicht einmal in Spurenelementen verorten kann, wie etwa die so genannte Gamification. So warnt ein emeritierter Volkswirtschaftsprofessor gegenüber der Computerwoche vorauseilend vor der Ausbeutungsgefahr, obwohl er sich nicht gerade als Experte für Computerspiele in der Vergangenheit hervorgetan hat. Das Bewusstsein von Ort und Zeit gehe beim Spiel verloren. Man stehe im Wettbewerb mit sich selbst: „Heute schaffe ich mehr als gestern.“ Von dieser verschärften Konkurrenz profitiere in erster Linie der Arbeitgeber. Peng. Ende. Aus.
Der Schlaumeier-Michel hat sein Urteil gesprochen – als Blindfisch der Gaming-Szene. Dabei geht es genau um das Gegenteil. „
Was die so genannten Experten wie der VWL-Professor von sich geben, ist eigentlich ein trauriger Indikator für die Lage in Deutschland. Es geht bei Gamification eben nicht darum, noch mehr aus den Mitarbeitern herauszuholen oder Zockergefühle für einen sechzehnstündigen Arbeitstag zu wecken. Es geht darum, Unternehmen besser zu machen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Es soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem man gerne arbeitet“, erläutert der Gaming-Experte Christoph Deeg http://www.christoph-deeg.de im Interview mit Bloggercamp.tv.
Gamification könne dumme Chefs oder ausbeuterische Unternehmen nicht ändern. Bei solchen Verhältnissen werde es aber auch nicht gelingen, Gamification in die Organisation zu tragen und zu verankern.
„Auch mit den Bonitätsmodellen ist es nicht möglich, Leute wirklich zu motivieren, wenn der Laden autoritär und schlecht geführt wird. Wenn Führungskräfte Gaming einsetzen und sich dennoch als unangreifbare Gottheiten in Szene setzen, sollte ihnen klar sein, was am Ende eines Computerspiels lauert. Da kommt der große Endgegner“, bemerkt Deeg.
Es gehe nicht um den Einsatz irgendwelcher Tools oder Web-Anwendungen. Es gehe um die Unternehmenskultur, die sich fundamental ändern müsse.
„Wer mit Computerspielen sozialisiert wurde, was bei vielen IT-Nachwuchskräften der Fall ist, der erkennt sehr schnell, ob Gamification nur als Blendwerk bei der Mitarbeiterführung eingesetzt wird. Das wird sich auf die Rekrutierung von talentierten Fachleuten eher negativ auswirken“, meint IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult.
Ähnliches gilt übrigens auch für Aktivitäten im Social Web. Sie bringen die unternehmensinternen Probleme erst so richtig ans Tageslicht. Wer sich öffentlich zum Dialog bekennt, ihn aber im Umgang mit Kunden oder Mitarbeitern ignoriert, zählt schnell zum Fallobst des Netzes. Ausführlich nachzulesen in meiner The European-Kolumne.
In die Kategorie der ahnungslosen Jammerlappen, die sich stolz als Netzverächter in Szene setzen, reiht sich auch der von Sascha Lobo karikierte Schriftsteller Günter Grass ein – Meister der Besserhalbwisserei.
So hat sich Grass wenig originell über den Facebook-Freundesbegriff echauffiert.
„Von diesem ‚Scheißdreck‘ hat Grass, nur unwesentlich abgerundet, null Kommanichts je selbst erfahren, betrachtet, analysiert. Es komplettiert sich das Bild eines Mannes, dessen hartes Urteil sich allein aus seinem weichen Bauchgefühl speist. Der also nicht bereit ist, einen anderen Maßstab zu akzeptieren als seinen – ein evidenzaverser Ichling. Und, wie immer wieder zu erwähnen ist, ein Großmoralist gegen das Vergessen, der leider, leider die eigenen moralischen Untiefen Nobelpreis-strategisch über Jahrzehnte vergessen hatte.“
Und ob der von Lobo so gelobte Botho Strauss es wirklich in seiner Gegenwartsanalyse besser macht, muss ich selbst erst einmal erlesen – allerdings in der ausführlichen Variante „Lichter des Toren – Der Idiot und seine Zeit“.
Nur nicht in Deutschland – so müsste ich eigentlich die Überschrift ergänzen, wo wir doch in kulturpessimistischen Endlos-Debatten wertvolle Zeit verplempern, um Millionen von Computerspielern als Suchtkranke zu stigmatisieren (Methode Manfred Spitzer) oder als potenzielle Serienkiller zu diskriminieren.
Dabei gibt es weltweit mehr weiblicher Gamer im Alter von über 55 Jahren als Gamer im Teenager-Alter.
Beim vielgescholtenen Spiel World of Warcraft handelt es sich um eine komplexe Welt mit eigenem politischen System, einer eigenen Wirtschaftsordnung, speziellen Strategiesystemen und Tools zur Informationsverarbeitung, die kontinuierlich weiterentwickelt wird.
„Bei Hauptschülern, die World of Warcraft spielen und in Deutschland keinen Abschluss bekommen, versagen nicht die Schüler, sondern die Schulen“, kritisiert Deeg.
Wie könne es sonst sein, dass Unternehmen wie Starbucks explizit nach Mitarbeitern suchen, die Gildenführer bei World of Warcraft sind. Über ein Spiel wie Pokemon würden Kleinkinder schneller Lesen und Schreiben lernen als in der Schule. Der große Unterschied zum Alltag in der Schule ist dann noch der Spaßfaktor. Bei Pokemon lernen Kinder Wortbedeutungen wesentlich schneller, weil sie sonst im Computerspiel nicht weiterkommen – aber ohne Druck und Zeigefinger von außen. Sie haben einfach Spaß am Lernen.
Einer der größten Wikis der Welt, wahrscheinlich der größte nach Wikipedia, ist der von World of Warcraft. Gamer nutzen alle möglichen Formen von Social Media-Plattformen für Recherchen, Wissensmanagement, Kooperation und Interaktion.
„Die sind von dem, was in der Schule geboten wird, komplett unterfordert. Gamer lieben es, eine neue Sache zu finden, sie zu posten und mit anderen zu teilen“, betont Deeg.
Das Potenzial der Gaming-Szene in Deutschland sei zudem wesentlich größer als die Netzbewegung, die sich auf der republica in Berlin versammelte. Auf der Gamescom in Köln kommen Hunderttausende – dort könne man sehen, was eine digitale Gesellschaft wirklich ist.
Gleiches gilt für die Wirtschaft. Die besten Community-Manager kommen aus der Gaming-Industrie. Immer mehr Unternehmen möchten gerne Mitarbeiter für bestimmte Managementaufgaben rekrutieren, die neben ihrer beruflichen Qualifikation vor allem Gamer sind. Es gibt nach Erkenntnissen von Christoph Deeg mittlerweile Headhunter, die sich darauf spezialisiert haben, Gamer zu finden, die Gildenführer bei World of Warcraft sind und einen guten BWL-Abschluss haben. Gaming hat eben sehr viel mit Lernen zu tun.
„Und dann haben wir aber noch eine andere Zahl. 15 Prozent!. Das ist die Anzahl der Schüler, die in Deutschland täglich den Computer nutzen dürfen. Allerdings nicht für die Entwicklung von coolen Social Media-Tools oder komplexen Netzstrategien. Sie dürfen ab und zu eine Recherche im Internet machen oder eine Powerpoint-Präsentation bauen“, kritisiert Deeg, der im Frühjahr eine längere Asien-Reise absolviert hat.
Dabei hätten wir gute Voraussetzungen, um Gaming zum elementaren Bestandteil der Arbeit in Schulen und Universitäten zu machen. Bildungspolitiker, Kultusministerien und selbst Feuilleton-Redakteure sehen so eine Forderung eher als Kriegserklärung. Sie würden wohl lieber eine Sonderauflage des Manfred Spitzer-Buches über Digitale Demenz in Auftrag geben als Freikarten für die Gamescom zu organisieren.
Aber Christoph Deeg hat einen interessanten Aspekt in die Diskussion geworfen, mit dem wir auch die Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft im Ganzen analysieren können:
„Der Umgang einer Gesellschaft mit Gaming ist ein wunderbarer Indikator für die Digitalisierungs-Stufe einer Gesellschaft.“
Und da befinden wir uns noch im digitalen Mittelalter, wie es Deeg im Bloggercamp-Interview auf der republica pointiert zum Ausdruck brachte.
Gaming habe in Asien den gleichen Stellenwert wie Besuche in der Oper oder im Theater. In Südkorea seien die Pro-Gamer – also die Profispieler, Superstars. Bei uns ein Randphänomen unter Ausschluss der Medienöffentlichkeit.
Gaming ist in Ländern wie Japan, Südkorea und verstärkt auch in China fester Bestandteil der Alltagskultur. Es wird als Katalysator begriffen, um die gesamte Gesellschaft mitzunehmen auf dem Weg zur Digitalisierung. Ein Spiel wie Starcraft wird von der Regierung als Instrument gesehen, um die Voraussetzungen für eine digitale Gesellschaft zu schaffen. Entsprechend werden von Regierungsorganisationen alle Ressourcen zur Verfügung gestellt, damit möglichst jeder an die Gaming-Kultur herangeführt wird. Das wäre derzeitig in Deutschland undenkbar, moniert Deeg.
Konzerne wie Samsung sind ein fester Bestandteil dieser Strategie. Entsprechend wichtig ist die Gaming-Industrie als Wirtschaftsfaktor.
Bis 1995 zählten Wirtschaftszweige wie die Schwerindustrie und die chemische Industrie zu den Grundpfeilern der südkoreanischen Volkswirtschaft. Dann kam die Asienkrise und führte zu einem Aderlass bei den industriellen Arbeitsplätzen. Was machte die Regierung? Sie entschied sich für eine Zäsur und digitalisiert die Gesellschaft. Sie sorgte dafür, dass alle Menschen Zugang zum Internet haben und auch wissen, wie das funktioniert. Es ist eine Entscheidung getroffen worden, wie wir in Deutschland bis heute noch nicht gemacht haben: Ob wir nun eine digitale Gesellschaft sein wollen oder nicht?
„Deshalb passieren bei uns so komische Sachen wie mit der Drosselkom“, bemerkt Deeg.
In Südkorea drosselt man nicht, sondern investierte über den „Framework Act on Information“ zweistellige Milliarden Beträge in den Bau eines Hochgeschwindigkeitsnetzes und in die Entwicklung von Software sowie Hardware.
Alle Klassenräume sind entsprechend umgebaut worden. Wir hingegen ergehen uns in Labereien, ob denn nun Computer in Schulen sinnvoll sind oder nicht.
Aber auf die Infrastruktur beschränkte sich Südkorea nicht. Die Regierung formulierte das Ziel, allen Menschen zu helfen, um Teil der digitalen Welt zu werden.
Rund zehn Millionen Koreaner haben spezielle Internet-Schulungen bekommen in einem Land mit 50 Millionen Einwohner. Das Ergebnis kann sich Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihren IT-Gipfeln hinter den Spiegel stecken. 95 Prozent der Haushalte hatten schon 2008 Anschlüsse mit 20 MBit pro Sekunde. Aktuell sind es sogar schon 100 MBit. Über 20.000 Internet-Cafés wurden gebaut. Und, und, und.
Also ist die Gaming-Szene wohl netzpolitisch ebenso interessant für die Netzbewegung wie die Youtube-Stars – manchmal gibt es hier ja auch eine Schnittmenge.
Bis zur Gamescom, die vom 21. bis 25. August in Kölle stattfindet, will ich dieses Thema vertiefen. Und natürlich auch auf der Gamescom. Am Pressetag – schon traditionell mit meinem Sohn Constantin Sohn. Und dann am ersten oder zweiten Messetag über Live-Interviews mit einem mobilen Studio.
Internetunternehmer Christoph Kappes konkretisierte im letzten Teil der Diskussionsrunde seine programmatische Schrift „Code for Germany“ und profiliert sich so langsam zum Wilhelm Röpke der Netzbewegung.
Er will mit kleinen Schritten die Möglichkeiten der digitalen Transformation stärker an die Lebensrealität der Menschen bringen.
Nicht die Antwort auf die großen Fragen im netzpolitischen Diskurs seien entscheidend, nicht die Abstraktion und nicht der theoretische Überbau, sondern das konkrete Handeln.
„Warum muss es immer ‚Wir‘ sein, Prozesse oder Parteien. Lass doch die Leute verteilt arbeiten. Die einen bauen Spendenportale mit einem bestimmten Payment-Mechanismus. Die anderen kümmern sich um Alternativen zu den großen sozialen Netzwerken oder programmieren Systeme für Dienstleistungen in der Nachbarschaft zur Kinderbetreuung.“
In den vergangenen Jahre habe es bei Kappes eine Drehung gegeben. Man sollte nicht nur theoretisieren, sondern auch mehr „machen“. Impulse sollte man jenseits vom öffentlich-rechtlichen und privaten Eigentum setzen. Als dritte Variante favorisiert Kappes die Form des Gemeingutes. Allen sollte die Möglichkeit geboten werden, digitale Güter zu nutzen. Anders als bei physischen Gütern müsse man sich auf diesem Feld nicht mit dem Problem der Übernutzung herumschlagen. Kappes brachte das Beispiel der Weide, die irgendwann von Kühen leergefressen wird.
„Das ist bei digitalen Gütern strukturell nicht möglich. Sie können beliebig häufig kopiert werden und das Original bleibt trotzdem erhalten.“
Das sei ein großer Vorteil für digitale Gemeingüter. Er fordert ein nationales Programm, um solche Aktivitäten zu entfalten und vor allem hieraus neue Software-Komponenten oder kulturelle Techniken zu entwickeln, die im nächsten Schritt dann wiederum allen zugute kommen: Einzelpersonen, der „Netzgemeinde“, aber auch Unternehmen, NGOs und dem (e)-Government.
„Ich hätte angesichts der Beträge, welche die Gemeinschaft für Unterhaltung und physische Infrastruktur aufwendet, überhaupt keine Hemmungen, für ‚Code for Germany‘ eine Milliarde Euro für den Zeitraum von drei Jahren anzusetzen“, so Kappes.
Aber woher kommt die Kohle und wer entscheidet über digitale Projekte? Da sind wir dann wieder mitten in haushaltspolitischen Machtkämpfen und der Bedienung von Klientel-Interessen. Das sollte allerdings kein Hinderungsgrund sein, das politische Personal zu fordern, um vernünftige und zukunftsfähige Konzepte für eine vernetzte Gesellschaft und Ökonomie anzustoßen, statt auf IT-Gipfeln sich jovial auf die Schenkel zu klopfen und das Versauern als Megabit-Gesellschaft mit rhetorischen Leerformeln zu überspielen.
Jeder sollte mit kleinen Schritten vorangehen. Nicht nur kritisieren, sondern Projekte anstoßen. Es müssen ja nicht immer staatliche Haushaltsmittel sein, die in solche Gemeingut-Initiativen gesteckt werden. In Deutschland gibt es eine breite Genossenschaftsbewegung, die man für digitale Initiativen aktivieren könnte. Oder über Crowdfunding, was ich viel sympathischer finde.
Als kleinen netzpolitischen Erfolg könnte man auch unsere Konfrontation mit dem Kanzleramt werten, die zumindest die Aufseher in den Landesmedienanstalten dazu gebracht hat, Live-Hangouts von Bloggern, Vereinen, Initiativen und Unternehmen nicht mehr mit dem Rundfunkstaatsvertrag zu traktieren und einfach in Ruhe zu lassen. Hier haben wir das Umfeld von Merkel mit der eigenen alternativlosen Parole „Das Internet darf kein rechtsfreier Raum sein“ in Verlegenheit gebracht.
„Im Gegensatz zur Kanzlerin musste sich Obama keine Minute lang mit der Frage beschäftigen, ob der Auftritt bei Google nicht als ein (verbotener) Staatsfunk oder eine lizenzpflichtige Rundfunksendung zu betrachten ist. Diese Frage hatte der Bonner Blogger Gunnar Sohn aufgeworfen, nachdem die Bundesregierung den Google Hangout angekündigt hatte. Doch die Kommission für Zulassung und Aufsicht (ZAK) und die Direktoren der Landesmedienanstalten sahen keinen Handlungsbedarf.“
Auch kleine Blogger wie Hannes Schleeh und meine Wenigkeit können ein wenig an den netzpolitischen Stellschrauben drehen. Man muss nur energisch genug sein. Es ist das Ergebnis einer Arbeit, die sich über acht Monate erstreckte. Und das Ergebnis ist für die Hangout-Community sehr zufriedenstellend.
Bei diesen Formaten, die live ins Netz übertragen werden, handele es sich eher um Abrufdienste, ließ ZAK-Chef Jürgen Brautmeier den Blogger wissen, obwohl der Chat auch live übertragen wird.
„Wir müssen jetzt an die Ressourcen ran. Wir sehen das im Werbemarkt, der sich immer mehr ins Internet verlagert. Das ist ein natürlicher und guter Prozess. Warum verschieben sich dann nicht auch die Ressourcen in den öffentlich-rechtlichen Kategorien ins Netz? Die Rundfunkgebühren überschreiten in diesem Jahr die Schwelle von zehn Milliarden Euro. Da könnte man überlegen, was man von diesem Geld für den Ausbau von Infrastrukturen, für neue journalistische Konzepte oder für offene Strukturen im Internet ausgeben könnte. Man könnte eine Anstalt des öffentlichen Rechts gründen, die nichts anderes macht als Open-Source-Projekte zu finanzieren.“
Dafür würde ja schon eine Milliarde Euro pro Jahr ausreichen. Wenn der Markt nicht für freie Web-Strukturen sorgt, müssten eben größere Anstrengungen mit öffentlich-rechtlichen Instrumenten an den Tag gelegt werden.
In der Netzgemeinde ist nach dem gescheiterten Widerstand gegen das Leistungsschutzgesetz so richtig Leben in die Bude gekommen. Das ist heute ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen. Einige Netzaktivisten stellen nicht nur sich, sondern auch generell ihre Relevanz für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik infrage. Eine Welle der inneren Einkehr, Demut und Bescheidenheit macht sich breit. Und das ist doch ein Schritt in die richtige Richtung. Sascha Lobo stellt fest, dass es in Sachen Leistungsschutzrecht nicht gelungen sei, die YouTube-Generation abzuholen. Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter zu finden ist. Wenn das schon nicht gelingt, ist es nicht verwunderlich, dass der weniger internetaffine Teil der Bevölkerung überhaupt nicht erreicht wird. Selbst in der eigenen Familie dringt man mit seinen eigenen netzpolitischen Thesen nicht durch.
Ertrunken in der eigenen Nachrichtensauce
Wir schwimmen in einer Nachrichtensauce, die wir über Aggregatoren wie Rivva wahrnehmen und halten das für relevante Realität. Pustekuchen. Es gibt mittlerweile ein dreifaches Meinungsklima: die veröffentlichte Meinung der Massenmedien, die öffentliche Meinung der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger und die netzöffentliche Meinung der Nerds. Und selbst die Meinungsbildung im Netz ist noch gespalten: Die Musik spielt auf Facebook, YouTube, Tumblr und WordPress.com.
„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – danebenstellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn ,Spiegel online‘ mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, sagt der Blogger Michael Seemann und begründet seine Thesen im ichsagmal-Interview.
Um breitere Bevölkerungskreise zu erreichen, müssten sich die Computerveteranen über 50 stärker ins Zeug legen und netzpolitisch einmischen, meint der CRM-Experte Michael Gorny.
Man könnte ja so eine Art Gruppe 47 für die digitale Sphäre gründen, die in losen Netzwerkstrukturen die Meinungsbildung vorantreibt. Schließlich war der von Hans Werner Richter ins Leben gerufene Literaturzirkel äußerst erfolgreich und prägend für die Kulturszene der Nachkriegszeit. Und das ohne literarisches und politisches Programm.
„Alles war nicht eine Frage von Programmen, sondern eine Frage der Mentalität“, resümiert Richter in seinen Tagebuchnotizen.
Fragt sich nur, wer von den liebwertesten Netz-Gichtlingen in die Rolle von Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz schlüpft?
„Diese breite Bewegung könnte dem Standort Deutschland den erhofften Modernitätsschub und den Netzthemen die überfällige Anerkennung bringen“, schlägt zumindest Wolfgang Michal vor.