Klassenkampf als Bühnenregie: Über Applaus, Vorschüsse und eine entgleiste re:publica-Session #rp26 @hanno_sauer @republica

Hanno Sauer nannte 160.000 Euro Vorschuss. Mareice Kaiser nannte 15.000 Euro. Der re:publica-Saal bekam seinen ersten dramaturgischen Treffer. Man konnte die Differenz als Einstieg in eine Analyse des Literaturbetriebs nehmen: Verlage, Agenturen, Verkaufserwartungen, Feuilleton, Marktwert, Geschlecht, Herkunft, Genre, Themenkonjunkturen, Autorenmarken. Alles wäre möglich gewesen.

Auf der Bühne bekam die Zahl eine andere Aufgabe. Sie wurde zum sozialen Fingerabdruck. Sauer war danach kaum noch Autor einer These. Er wurde zum Belegstück. Der hohe Vorschuss klebte am Hemd. Jeder weitere Satz roch nach Kapital, Professoreneltern und feiner Distinktion. Kaiser konnte den Unterschied ausstellen, das Publikum konnte dazu klatschen, und der Streit über Klasse bekam die Form einer öffentlichen Bonitätsprüfung.

Der Literaturbetrieb verdient solche Fragen. Er ist ein Klassensystem mit Hardcover, Einladungslogik, Agenturen, Vorabdrucken, Namen, Milieus und Vorschussfantasien. Doch ein Vorschuss erklärt kein Argument. Er erklärt auch kein Buch. Er erklärt Erwartungen eines Marktes, in dem manche Namen höher gewettet werden als andere. Wer daraus unmittelbar eine moralische Rangordnung baut, betreibt keine Kritik. Er betreibt Buchhaltung mit Weihrauch.

Das Professorenkind als wandelnder Fehlschluss

Die Session rutschte dann in ein Verfahren, das aus Twitter/X bekannt ist und auf Bühnen noch schlechter altert. Die Person wird so lange mit Herkunft, Vorschuss, Ton, Geschlecht und sozialem Auftreten aufgeladen, bis das Argument darunter verschwindet. Sauer: Professorenkind. Rhetorisch geübt. Hoher Vorschuss. Feuilletonfähig. Von oben schreibend. Ein Autor, dem das Sprechen angeblich leicht fällt, weil ihm die Welt schon in der Wiege den Teleprompter aufgestellt hat.

Das kann man alles ansprechen. Man kann sogar fragen, wie sehr ein Buch über Klasse von der eigenen Klassenlage geprägt ist. Man kann Sauers Ironie gegen ihn verwenden. Wer sein eigenes Auftreten mit „schnöselhaftem Arschlochgehabe“ als performative Selbstkritik rahmt, lädt Widerspruch ein. Humor von oben ist eine riskante Ware. Manchmal wirkt er wie Selbstentwaffnung, manchmal wie Champagner mit erklärender Fußnote.

Doch die Herkunft des Autors ist kein Ersatz für die Prüfung seiner These. Ad-hominem-Logik funktioniert über Verunreinigung. Erst wird die Person markiert, dann darf ihr Argument als kontaminiert gelten. Schlechte Herkunft im Diskurs bedeutet dann: falsches Sprechen. Falsches Sprechen bedeutet: falscher Gedanke. Der Saal muss nur noch zustimmen.

Die Fangfrage trägt heute Klassenbewusstsein

Ein Gespräch über Klasse könnte klären, was Klasse im Jahr 2026 leisten kann: ökonomisch, kulturell, psychologisch, politisch. Bei Sauer liegt der Begriff nah an sozial hergestellter Knappheit, an Statuswettbewerben, an weitergegebenen Vorteilen. Im Gespräch mit Robert Misik im Bruno Kreisky Forum entfaltet er genau das. Klasse erscheint dort als gesellschaftlich produzierte Knappheit, die über Generationen weitergegeben wird und soziale Gruppen formt.

Auf der re:publica bekam diese Theorie kaum Raum, bevor die Person Sauer selbst zur Illustration erklärt wurde. Das ist bequem für den Saal. Man muss nicht mehr mühsam prüfen, ob „Klasse trumpft Rassismus“ als empirische These trägt, ob die Studienbasis reicht, ob der Begriff von Intersektionalität zu grob gerät, ob Statusverletzungen den rechten Backlash wirklich in der behaupteten Dominanz erklären. Man kann die Frage der Zuständigkeit vorziehen: Darf gerade dieser Autor darüber sprechen? Die Fangfrage in höflicher Kleidung lautet dann: Haben Sie eigentlich schon aufgehört, Ihre Privilegien für Erkenntnis zu halten? Wer darauf antwortet, steht bereits im Rahmen der Anklage. Wer ausweicht, bestätigt sie. Wer differenziert, klingt verdächtig. Wer lacht, hat verloren.

Die Arbeiterin als moralischer Endgegner

Dann betrat Agnieszka Jastrzębska die Bühne. Küchenarbeiterin im Charité-Umfeld, beschäftigt bei der CFM, wie sie selbst korrigierte. Sie sprach von Beschäftigten zweiter Klasse, von Streik, Miete, Essen, Migration, schwachen Deutschkenntnissen, Alleinerziehen, Gewaltbeziehung, 200 Euro mehr Lohn, die ihr Mut zur Trennung gegeben hätten. Das war der berührendste Teil der Session. Auch der politisch konkreteste.

Gerade deshalb wird die Sache heikel. Ein realer Arbeitskampf wurde auf eine Bühne geholt, auf der zuvor ein Autor als Chiffre seiner Herkunft zugerichtet worden war. Die Erzählung der Arbeiterin bekam eine zweite Funktion. Sie war Zeugnis und Kulisse zugleich. Wer danach noch über Studien, Begriffe, Statusmodelle und Kategorien reden will, wirkt schnell wie jemand, der vor der Miete ins Seminar flieht.

Das ist ein alter Trick in neuer Kleidung: Die konkrete Erfahrung schlägt die abstrakte These, bevor beide miteinander ins Gespräch kommen. Natürlich braucht eine Debatte über Klasse Stimmen aus der Arbeitswelt. Natürlich fehlen diese Stimmen auf zu vielen Bühnen. Natürlich ist es politisch wertvoll, wenn eine Arbeiterin über Streik, Lohn, Migration und Angst spricht. Aber ein Erfahrungsbericht löst keine Begriffsarbeit ab. Er fordert sie heraus.

Applaus als Erkenntnisersatz

Der Saal spielte eine tragende Rolle. Applaus wurde zum Kommentar, zum Urteil, zur Markierung der richtigen Seite. Kaiser forderte ihn stellenweise fast ein. „Ihr dürft auch Zustimmung zeigen“: Der Satz war weniger Bitte als Regieanweisung. Der Diskurs bekam Rhythmus: Angriff, Applaus, soziale Markierung, nächste Attacke.

So wird aus Gespräch ein Tribunal mit freundlicher Bestuhlung. Niemand muss schreien. Niemand muss beleidigen. Es genügt, die Rollen zu verteilen. Hier die Stimme von unten. Dort der Mann mit Vorschuss. Hier das gelebte Leid. Dort die Theorie. Hier Wärme. Dort Kälte. Der Saal weiß, wann geklatscht wird.

Das Problem liegt weniger im Widerspruch gegen Sauer. Widerspruch war nötig. Sauer liefert Angriffsflächen. Seine These zur Dominanz von Klasse kann grob wirken. Seine Ironie kann misslingen. Seine Rede über Status kann an den Stellen schief klingen, an denen reale Armut kein Spiel mit Signalen kennt. Aber genau dafür braucht man präzise Kritik. Keine soziale Exorzismusübung.

Misik zeigt, was ein Gespräch leisten kann

Im Bruno Kreisky Forum mit Robert Misik sieht man eine andere Form. Misik lässt Sauer reden, widerspricht, fragt nach, hält Marx, Bourdieu, Veblen, kulturelle Distinktion, ökonomische Härte, Konsum, Status und Habitus gegen Sauers Modell. Dort entsteht Reibung am Begriff. Sauer kann ausführen, was er unter sozial konstruierter Knappheit versteht. Er spricht über relative Statushierarchien, über Prestige, über Kühlschränke, Autos, Transferleistungen, Sozialhilfe als statusverletzende Kategorie, über kulturelle Signale und die Rolle aller Beteiligten in Statuswettbewerben.

Dort kann man ihm widersprechen. Dort kann man seine Thesen prüfen. Dort wird der Autor weder geschont noch ausgestellt. Misik muss Sauer nicht zum moralischen Exponat machen, um ihn zu befragen. Das Gespräch hat Zeit für Gedanken. Es lässt die These erst einmal sichtbar werden, bevor die Kritik zugreift.

Genau daran mangelte es auf der re:publica. Die Session wollte zeigen, wer über Klasse sprechen darf. Das Thema hätte verlangt, wie über Klasse gesprochen werden kann, ohne die Person zur Ersatzhandlung zu machen.

Klassismus über Klassismus

Die Ironie auf der re:publica: Eine Session über Klassenabwertung führte selbst vor, wie Abwertung funktioniert. Der gute Ton wechselte nur die Richtung. Klassismus wurde zur Klassenkeule. Der Autor von oben sollte erfahren, wie es sich anfühlt, von unten befragt zu werden. Das kann einen legitimen Reiz haben. Macht darf irritiert werden. Privileg darf ins Schwitzen kommen. Doch auch eine Gegenmacht kann platt werden, sobald sie Kritik mit sozialer Entwertung verwechselt.

„Feuilletonleute sind so wie du.“ „Professorenkind.“ „Solche Vorschüsse.“ „Solche Bücher.“ Das sind keine Argumente. Das sind Etiketten mit Applausfunktion. Sie schaffen Zugehörigkeit im Raum. Sie sparen Denkarbeit. Sie geben dem Publikum das angenehme Gefühl, gerade an der Entlarvung einer Struktur teilzunehmen, während vor allem eine Person entwertet wird.

Hans Albert hätte den Rotstift gezückt. Kritischer Rationalismus verlangt, Aussagen angreifbar zu machen, ohne ihre Sprecher zum Ersatzobjekt zu erklären. Rationalität lebt von der Prüfung der These, der Suche nach Gegenbelegen, der Bereitschaft zur Korrektur. Kampagne, Mainstream, Applaus und moralische Gewissheit haben dabei keinen Erkenntnisvorrang.

Der Autor lag unter dem Bühnenboden

Am Ende blieb von der Session ein paradoxes Bild. Das Thema Klasse war überall. Die Analyse von Klasse kam zu kurz. Man sprach über Vorschüsse, Herkunft, Bühnenzugang, fehlende Stimmen, Arbeitskampf, Armut, Migration, Gewalt, Feuilleton, Humor, Privilegien. Alles wichtige Felder. Doch der rote Faden riss an der Stelle, an der das Gespräch in eine Vorführung kippte.

Eine gute Debatte hätte Sauer hart befragen können. Sie hätte Kaiser hart befragen können. Sie hätte die Arbeiterin sprechen lassen und danach die Begriffe an ihre Erfahrung zurückbinden können. Sie hätte fragen können, ob „Klasse“ als Oberbegriff zu viel schluckt. Sie hätte prüfen können, ob moralische Empörung soziale Analyse ersetzt. Sie hätte dem Publikum den Applaus kurz austreiben können.

Stattdessen bekam der Saal eine öffentliche Lektion in Status. Wer sprechen darf. Wer stört. Wer klatscht. Wer als glaubwürdig gilt. Wer als Symptom verhandelt wird. Eine Session über unsichtbare Ordnung machte die Ordnung sichtbar: Nicht jede Bühne erweitert den Raum des Denkens. Manche Bühnen verkleinern ihn und nennen das Gerechtigkeit.

Die unsichtbare Ordnung stand auf der Bühne

Der Titel fragte, was Klasse heute bedeutet. Die Antwort der Session fiel unfreiwillig aus. Klasse bedeutet auch, jemanden über Herkunft, Vorschuss und Habitus so zu rahmen, dass seine Argumente nur noch als Ausfluss seiner Position erscheinen. Klasse bedeutet, Erfahrung als Wahrheitsträgerin zu inszenieren und Theorie als Verdachtsfall. Klasse bedeutet, Applaus als soziale Währung einzusetzen. Klasse bedeutet, dass selbst die Kritik an Abwertung eigene Abwertungstechniken entwickeln kann.

Das Thema hätte Besseres verdient. Hanno Sauer auch. Mareice Kaiser übrigens ebenfalls. Agnieszka Jastrzębska sowieso. Und die re:publica erst recht.

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