Die Republik im Gesprächsverlust – Die bequeme Angst vor der Propaganda

Die Deutschen erklären sich den Erfolg des Populismus gern als Medienunfall. Falsche Botschaften, falsche Plattformen, falsche Algorithmen, falsche Einflüsterer: So entsteht das beruhigende Bild einer Gesellschaft, die im Grunde vernünftig wäre, hätte man sie nur rechtzeitig vor den Verführern geschützt. Die AfD in Sachsen-Anhalt bei Werten, die früher nur Volksparteien erreichten, das Bündnis Sahra Wagenknecht als Sammelstelle für Sozialprotest und außenpolitische Verweigerung, die wachsende Kälte gegenüber den Institutionen: All das erscheint dann als Folge einer beschädigten Informationsordnung. Es ist eine halbe Wahrheit. Und halbe Wahrheiten sind in der Politik häufig besonders bequem.

In Sachsen-Anhalt sieht der jüngste Infratest-dimap-Ländertrend die AfD bei 41 Prozent, die CDU bei 26 Prozent; gewählt wird dort am 6. September 2026. Bundesweit weist eine INSA-Erhebung vom Mai 2026 die AfD mit 29 Prozent vor CDU/CSU mit 22 Prozent aus. Das sind keine flüchtigen Störungen im Medienklima. Solche Werte entstehen aus längeren Ablagerungen: aus Enttäuschung, kultureller Distanz, Verwaltungserfahrung, Migrationskonflikten, wirtschaftlicher Sorge, ostdeutschem Gedächtnis, westdeutscher Selbstgewissheit und dem Gefühl, im offiziellen Ton der Republik nur noch als Risiko vorzukommen.

An dieser Stelle beginnt die Aktualität von Thymian Bussemer. Seine aus einer Promotionsschrift hervorgegangene Studie „Propaganda. Konzepte und Theorien“ rekonstruiert, wie die moderne Kommunikationsforschung die alte Angst vor der Masse zerlegte. Bussemer, heute Head of HR Strategy & Innovation bei Volkswagen, führt zu Paul Felix Lazarsfeld, dem Wiener Mathematiker, Sozialforscher, Emigranten und späteren Columbia-Professor, der mit seinen Studien über Wähler, Radiohörer und Mediennutzer zeigte: Menschen sind keine bloßen Zielscheiben von Botschaften. Sie wählen aus, deuten um, sprechen mit anderen, orientieren sich an Gruppen, Milieus und Personen, denen sie vertrauen. Propaganda wirkt durch Menschen. Sie fällt nicht einfach auf sie herab.

Thymian Bussemer und die Entzauberung der Masse

Bussemer beschreibt die dreißiger Jahre als Phase einer empirischen Wende. Die alte Massenpsychologie, die das Publikum als irrational, instinktgetrieben und suggestibel dachte, verlor ihre Erklärungskraft. Wer Werbung, Wahlkämpfe, Radioprogramme oder politische Kampagnen planen wollte, brauchte keine Spekulationen über den Seelenzustand der Masse, sondern Daten über konkrete Menschen. Bussemer zitiert den Psychologen Henry C. Link mit der Abkehr von der alten Psychologie der Werbung. Entscheidend sei nicht mehr, was Menschen dächten oder zu denken glaubten, sondern „what they actually do“.

Damit wurde aus der Masse ein Forschungsgegenstand. Das Publikum zerfiel in Käufer, Wähler, Hörer, Leser, Nachbarn, Vereinsmitglieder, Kollegen, Familienangehörige. An die Stelle großer dunkler Begriffe traten Fragebogen, Panel, Interview, Feldstudie, Inhaltsanalyse, Response-Analyse. Bussemer schreibt, die Leitwissenschaft dieses neuen Denkens sei bald die Demoskopie geworden. George Gallup formulierte den Anspruch, menschliches Verhalten lasse sich nie vollkommen, aber mit wachsender Genauigkeit vorhersagen.

Man sollte diese Verwissenschaftlichung weder verklären noch verwerfen. Sie brachte Erkenntnisgewinn und Steuerungslust zugleich. Sie half, die Allmachtsphantasie der Propaganda zu beschädigen, und nährte doch den Traum, Kommunikation als Sozialtechnik verfügbar zu machen. Genau in dieser Ambivalenz liegt Bussemers Gegenwartswert. Er führt nicht in ein Museum der Propaganda. Er zeigt, wie moderne Gesellschaften zugleich Aufklärung über Beeinflussung betreiben und neue Instrumente der Beeinflussung hervorbringen.

Dass Bussemer heute in einem Weltkonzern mit Strategie, Innovation und Transformation befasst ist, gibt dieser Lektüre eine eigentümliche Nähe zur Gegenwart. Transformation gelingt in einem Unternehmen nicht durch Verlautbarung. Sie braucht Belegschaften, Betriebsräte, Führung, Qualifizierung, Vertrauen, Konfliktfähigkeit, wiederholte Erklärung, greifbare Erfahrung. Der Abstand zur Demokratie ist kleiner, als manche Politiker glauben. Auch gesellschaftliche Veränderung wird nicht durch Kampagnensprache vollzogen. Sie braucht soziale Träger.

Paul Felix Lazarsfeld, der Werkzeugmacher der Wirkungsforschung

Paul Felix Lazarsfeld wurde 1901 in Wien geboren, promovierte in Mathematik und arbeitete am Psychologischen Institut der Universität Wien. 1928 gründete er die Wirtschaftspsychologische Forschungsstelle, die kommerzielle Forschung mit Sozialanalyse verband. Die Marienthal-Studie über die Folgen der Arbeitslosigkeit gehört bis heute zum Kanon empirischer Sozialforschung. 1933 ging Lazarsfeld mit einem Rockefeller-Stipendium in die Vereinigten Staaten. Später leitete er das Princeton Radio Research Project und an der Columbia University das Bureau of Applied Social Research. Bussemer beschreibt ihn als Pionier der empirischen Massenkommunikationsforschung, dessen Bedeutung vor allem in Methoden und Forschungsorganisation lag.

Lazarsfeld war kein Systemphilosoph. Er war ein Instrumentenbauer. Seine Forschung fragte, wer was hörte, wer mit wem sprach, wer wem glaubte, welche Medien genutzt wurden, welche Gruppenzugehörigkeiten politische Entscheidungen stabilisierten. Unter seiner Leitung wurde Kommunikationsforschung arbeitsteilig, datenreich, methodisch ehrgeizig. Man kann diese Form administrativer Sozialforschung kritisieren. Sie war eng mit Stiftungen, Regierung, Wirtschaft, Kriegsforschung und Marktforschung verbunden. Bussemer verschweigt das nicht. Er zeigt die Nähe von Forschung, Planung und Kontrolle. Doch gerade diese Forschung zerstörte einen Mythos, der bis heute politisch verführerisch bleibt: den Mythos vom willenlosen Publikum.

In „The People’s Choice“, der Erie-County-Studie zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf von 1940, erwarteten Lazarsfeld, Bernard Berelson und Hazel Gaudet zunächst, einen erheblichen direkten Medieneinfluss nachweisen zu können. Das Ergebnis verlief anders. Politische Präferenzen erwiesen sich als stabiler als vermutet. Medienimpulse wirkten häufig vermittelt durch Personen, die in lokalen Kreisen Ansehen besaßen. Bussemer fasst den Befund so zusammen: Einen direkten Einfluss der Medien fanden die Forscher vor allem bei örtlichen Meinungsführern, die danach andere Bewohner im persönlichen Austausch beeinflussten. Familien, Freundeskreise und Berufsorganisationen erwiesen sich als „wirksame Bollwerke gegen mediale Persuasion“.

Das ist für die Gegenwart weit mehr als historische Fußnote. Es bedeutet: Politische Kommunikation trifft selten auf leere Köpfe. Sie trifft auf Bindungen, Gewohnheiten, Interessen, biographische Erfahrungen, Milieus, Abwehrmechanismen. Der Mensch ist beeinflussbar, aber kein Gefäß. Er liest, hört, sieht, vergleicht, verwirft, lacht, zweifelt, fragt den Kollegen, vertraut der Schwester, folgt dem Vereinsfreund, ärgert sich über den Moderator, glaubt dem Bürgermeister oder verachtet ihn.

Der Zwei-Stufen-Fluss und die Macht der persönlichen Rede

Aus diesen Befunden entstand der berühmte Zwei-Stufen-Fluss der Kommunikation. In „Personal Influence“, 1955 von Elihu Katz und Paul Lazarsfeld veröffentlicht, wurde der Gedanke systematisch ausgearbeitet. Medien erreichen zunächst besonders interessierte oder exponierte Personen, die Informationen aufnehmen und in ihre sozialen Kreise weitertragen. Diese Opinion Leader sind keine Propagandagenies. Sie sind oft Menschen aus dem Alltag, die in bestimmten Fragen Aufmerksamkeit, Wissen, soziale Nähe oder Ansehen besitzen.

Bussemer zitiert aus „Personal Influence“ den zentralen Satz: „Individuelle Meinungen, Haltungen, Gewohnheiten und Werte sind offenbar in zwischenmenschlichen Beziehungen verankert.“ Weiter heißt es, Personen, die sich wechselseitig beeinflussen, prägten und erhielten gemeinsam Ideen und Verhaltensweisen, die sie „nur widerstrebend aufgeben oder einseitig verändern“.

Das ist keine harmlose Kommunikationsweisheit. Es ist ein Angriff auf den Furor der großen Sendung. Wer politische Überzeugungen ändern will, muss den sozialen Ort kennen, an dem sie befestigt sind. Eine Botschaft, die im Fernsehen plausibel klingt, kann im Betrieb zerfallen. Ein Faktencheck, der online korrekt ist, kann im Familienkreis als Arroganz erscheinen. Eine Rede, die in Berlin Beifall findet, kann in Stendal, Gera oder Bautzen als weiterer Beweis kultureller Fremdheit landen. Medienwirkung ist kein Transportband. Sie ist ein Weg durch soziale Landschaften.

Bussemer schreibt über Lazarsfelds Studien, sie hätten „zur Dekonstruktion eines Wirkungsmodells“ beigetragen, nach dem Menschen reine Spielbälle der Medien seien. Mediennutzer sind fähig, massenmediale Botschaften auszuwählen und eigenständig zu interpretieren. Damit sei ein neues Menschenbild auf den Plan getreten: „das des aktiven und sozial in vielfältige Netzwerke eingebundenen Medienkonsumenten“. Auch in einer zersplitterten Medienwelt, in der Messenger, TikTok, TwitterX und Co. eine Rolle spielen, hat sich das nicht geändert.

Dieser Sachverhalt sollte in jeder Sitzung stehen, in der über Desinformation, Medienkompetenz oder Extremismusprävention gesprochen wird. Der Bürger ist nicht nur gefährdet. Er ist beteiligt. Er ist nicht bloß Empfänger. Er ist Mitproduzent der politischen Bedeutung. Das macht die Sache schwieriger. Es macht sie auch demokratischer.

Der Satz, den Berlin vergessen hat

Der wichtigste Satz aus dieser Tradition steht in „The People’s Choice“, Bussemer zitiert ihn mit gutem Grund: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Lazarsfeld fügte hinzu, dies sei „von einem ethischen Standpunkt aus“ ein hoffnungsvoller Aspekt des ernsten sozialen Problems der Propaganda.

Dieser Satz ist im Deutschland der Gegenwart nahezu provokativ. Er entlastet die Medien nicht. Er verlagert die Verantwortung. Wer politische Propaganda allein als Problem von Sendern, Plattformen oder Algorithmen behandelt, übersieht den entscheidenden Übergang: Aus einer Botschaft wird politische Kraft, sobald Menschen ihr im Alltag Glaubwürdigkeit geben. Der Clip wird geteilt. Der Nachbar bestätigt ihn. Der Kollege ordnet ihn ein. Der Vater erzählt eine Erfahrung aus der Verwaltung. Die Tochter berichtet aus der Schule. Der Vereinskamerad kennt jemanden, dem angeblich genau das passiert ist. Dann ist die Botschaft nicht mehr nur Inhalt. Sie ist soziale Wirklichkeit.

Die AfD versteht diesen Mechanismus instinktiv besser als viele ihrer Gegner. BSW ebenfalls. Beide leben davon, dass politische Deutungen an Alltagserfahrungen andocken. Die AfD erzählt von Kontrollverlust, Migration, kultureller Entfremdung, Staatsversagen und verachteten Normalbürgern. Das BSW erzählt von sozialer Unsicherheit, Kriegssorge, Elitenversagen, Energiepreisen und einem Land, das seinen Bürgern Opfer zumutet, während es ihnen die Gründe in einer Sprache erklärt, die viele längst ablehnen. Das eine ist rechter Populismus, das andere linker Protestpopulismus mit national-sozialer Färbung. Beide gewinnen, sobald ihre Erzählungen im persönlichen Umfeld Plausibilität erhalten.

Hier versagt der moralische Reflex. Wer AfD-Wähler pauschal als verführt, verblendet oder verdorben beschreibt, zerstört den Kanal, über den Widerspruch möglich wäre. Wer BSW-Wähler als nostalgische Putin-Freunde entsorgt, macht aus einem politischen Problem eine Milieubeschimpfung. Kritik bleibt nötig. Härter sogar. Aber sie muss den sozialen Ort erreichen, an dem Zustimmung entsteht.

Propaganda wirkt unter Bedingungen

Lazarsfeld und Robert K. Merton haben Propaganda nicht verharmlost. Sie fragten nach ihren Bedingungen. Bussemer zeigt, dass erfolgreiche Propaganda für Lazarsfeld und Merton vor allem unter drei Voraussetzungen besondere Kraft gewinnt: Monopolisierung – dazu zählten auch 80-20-Verteilungen im Social Web -, Kanalisierung vorhandener Einstellungen und ergänzende persönliche Kontakte.

Monopolisierung gehört zum Arsenal totalitärer Systeme. Wo alle Informationswege gleichgeschaltet sind, schrumpft die Möglichkeit des Vergleichs. Demokratische Gesellschaften kennen solche vollständigen Monopole selten, doch partielle Monopole entstehen auch hier: in Milieus, in Plattformblasen, in Messengergruppen, in Redaktionskulturen, in moralisch abgeriegelten Szenen. Das Problem beginnt dort, wo Menschen zwar theoretisch viele Quellen haben, praktisch aber nur noch jene nutzen, die ihre Welt bestätigen.

Kanalisierung ist für Demokratien noch wichtiger. Propaganda schafft selten alles neu. Sie lenkt, was vorhanden ist. Sie muss Grundhaltungen nicht aus dem Nichts erzeugen. Es genügt, vorhandene Unruhe, Wut, Angst oder Kränkung in eine politische Richtung zu bringen. Werbung kennt dieses Prinzip seit Langem: Sie verkauft leichter eine andere Zahnpasta als ein anderes Leben. Politische Propaganda wirkt ähnlich. Sie muss nicht jeden Bürger umstürzen. Es genügt, vorhandene Skepsis in Verachtung, vorhandene Sorge in Feindbild, vorhandene Distanz in Lagerbindung zu verwandeln.

Die dritte Bedingung führt zurück zu Lazarsfelds zentraler Einsicht: persönliche Kontakte. Bussemer zitiert Lazarsfeld und Merton zum Fall des amerikanischen Radiopriesters Charles Coughlin. Dessen Erfolg habe sich nicht allein aus dem Inhalt der Radioansprachen ergeben. Entscheidend war ein „Komplex gegenseitiger Stärkung“ aus zentraler Rundfunkrede, Zeitungen, Flugblättern und örtlichen Diskussionen in kleineren Gruppen.

Man muss nur die Mediennamen austauschen, um die Gegenwart zu sehen: Video, Podcast, Telegram, X, Facebook, TikTok, Lokalgruppe, Familienchat, Stammtisch, Betriebsflur. Der Mechanismus bleibt ähnlich. Die zentrale Botschaft wandert durch dezentrale Beziehungen. Dort wird sie geprüft, gefärbt, verschärft, normalisiert. Dort entsteht politische Dauer.

AfD, BSW und die falsche Medizin

Die Reaktion des politischen Betriebs auf diesen Befund fällt oft erstaunlich hilflos aus. Sie besteht aus Gegenerklärung, Kampagne, Verfassungspathos, Talkshowempörung, Bildungsprogramm, Faktencheck, Plattformforderung. Das alles hat seinen Platz. Strafbare Hetze gehört verfolgt. Ausländische Einflussoperationen gehören offengelegt. Politische Werbung muss transparent sein. Plattformen dürfen nicht dafür belohnt werden, dass sie Wut, Lüge und Demütigung algorithmisch nach oben treiben.

Doch die reine Gegenkampagne greift zu kurz. Sie behandelt Propaganda als Nachrichtengift, das durch Gegengift neutralisiert werden kann. Lazarsfelds Forschung legt eine andere Diagnose nahe: Die Botschaft ist nur ein Teil des Vorgangs. Entscheidend ist das Milieu ihrer Beglaubigung. Wer diese Milieus nicht kennt, sendet ins Leere.

Sachsen-Anhalt ist dafür der drastische Fall. Eine AfD bei 41 Prozent entsteht nicht durch einen gelungenen Wahlkampfspot. Solche Werte haben Herkunft. Sie entstehen aus Erfahrung mit Abwanderung, gebrochenen Aufstiegserzählungen, dünner Infrastruktur, schwachen Parteibindungen, Misstrauen gegenüber Medien und Verwaltung, Konflikten über Migration, Enttäuschung über die politische Sprache des Westens. Der Bürger, der so wählt, muss nicht recht haben. Aber er hat Gründe, die in seiner sozialen Welt als Gründe gelten. Wer sie nur als Vorurteil registriert, versteht den Vorgang nicht.

Ähnliches gilt für das BSW. Seine Anziehungskraft entsteht aus der Verbindung von sozialem Schutzversprechen, Friedensrhetorik, Anti-Eliten-Affekt und kultureller Absetzung von grüner Fortschrittssprache. Es spricht Menschen an, die weder im rechten Lager aufgehen wollen noch den Ton der Ampel- und Post-Ampel-Republik ertragen. Auch hier wäre die bloße Pathologisierung politisch bequem. Sie ersetzt Analyse durch Distanz.

Der demokratische Widerspruch muss präziser werden. Die AfD ist zu stellen, wo sie mit Ressentiment Politik macht, autoritäre Ordnungen bewundert, Europa beschädigt, Institutionen delegitimiert, finanzpolitische Wunder verspricht und die Republik in Freund und Feind spaltet. Das BSW ist zu stellen, wo es den russischen Imperialismus vernebelt, soziale Fragen mit außenpolitischem Ressentiment verbindet und Konflikte in die Formel von Volk gegen Elite presst. Aber diese Kritik muss mit Menschen reden, nicht nur über sie.

Medienpolitik ohne Bürgerverachtung

Eine klügere Medienpolitik beginnt mit einer bescheidenen Einsicht: Information allein rettet keine Demokratie, deren Institutionen vielen Bürgern fern geworden sind. Bussemer zitiert Lazarsfeld und Merton mit einem Satz, der jeder Regierung ins Stammbuch gehört: „Propaganda is no substitute for social policy and social action.“ Propaganda ist kein Ersatz für Sozialpolitik und soziales Handeln. Man darf ergänzen: Öffentlichkeitsarbeit ist kein Ersatz für gelingende Politik.

Kein Faktencheck rettet eine Schule, in der Unterricht ausfällt. Keine Kampagne gegen Hass heilt eine Verwaltung, die Bürger mürbe macht. Kein Demokratieslogan ersetzt Sicherheit im öffentlichen Raum. Kein Social-Media-Format gleicht eine Migrationspolitik aus, die den Eindruck von Kontrollverlust erzeugt. Keine Talkshow stärkt Vertrauen in Institutionen, deren Verfahren als langsam, abweisend oder wirklichkeitsfern erlebt werden.

Medienpolitik muss trotzdem handeln. Sie sollte Lokaljournalismus stärken, weil dort die soziale Wirklichkeit der Demokratie sichtbar wird. Sie sollte Auskunftsrechte verbessern, weil Transparenz Vertrauen nicht garantiert, aber Geheimniskrämerei Misstrauen nährt (also Hände weg vom Informationsfreiheitsgesetz – oder besser: streicht endliche die vielen Abwehr-Paragrafen). Sie sollte politische Werbung im Netz klar kennzeichnen. Sie sollte koordinierte Desinformation offenlegen. Sie sollte öffentlich-rechtliche Medien auf Recherche, Sachaufklärung, regionale Präsenz und Pluralität verpflichten. Sie sollte den Ton der Betreuung meiden. Bürger, die sich bevormundet fühlen, hören den Ton oft früher als das Argument.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier eine besondere Verantwortung. Populisten greifen ihn an, weil sie eine gemeinsame Tatsachenbasis schwächen wollen. Gerade deshalb darf er nicht als moralische Anstalt auftreten. Je stärker er sich als Erziehungsmedium präsentiert, desto leichter fällt seinen Gegnern die Mobilisierung. Seine Autorität entsteht aus Genauigkeit, Distanz, Sachkenntnis, Fairness, regionaler Nähe. Eine gute Reportage aus einem Landkreis, die Schule, Betrieb, Verwaltung, Verein, Polizei, Migration und Alltag zeigt, leistet mehr für die Demokratie als zehn Studiogespräche über den Zustand der Demokratie.

Politische Bildung jenseits des Zeigefingers

Auch politische Bildung muss aus Lazarsfeld lernen. Sie darf Bürger nicht als Reparaturfälle behandeln. Viele Programme gegen Extremismus kranken daran, dass ihre Adressaten bereits durch die Form der Ansprache herabgesetzt werden. Man lädt Bürger ein, damit sie lernen, was anständige Demokraten ohnehin wissen. Das Ergebnis ist absehbar: Die ohnehin Überzeugten kommen, die anderen bleiben weg oder fühlen sich bestätigt.

Politische Bildung braucht weniger Ritual, mehr Ort. Sie braucht konkrete Konflikte, echte Streitfragen, lokale Probleme, glaubwürdige Moderatoren, längere Präsenz. Sie muss dahin gehen, wo Menschen bereits sprechen: Vereine, Betriebe, Schulen, Volkshochschulen, Feuerwehren, Seniorentreffs, Jugendclubs, Kirchen, Moscheevereine, Sportheime, Betriebsversammlungen, Bürgersprechstunden, lokale Medien. Die Demokratie wird nicht dadurch verteidigt, dass man sie abstrakt lobt. Sie wird verteidigt, sobald Menschen lernen, Konflikte auszutragen, ohne den Gegner aus der Gemeinschaft auszuschließen.

Lazarsfelds Satz über den Einfluss von Menschen auf Menschen enthält genau diese praktische Lehre. Der überzeugendste Demokrat ist oft kein prominenter Redner, kein Minister, kein Moderator. Es ist der Kollege, der einer Lüge widerspricht. Die Nachbarin, die eine Erfahrung ergänzt. Der Bürgermeister, der einen Fehler einräumt. Die Lehrerin, die eine Debatte aushält. Der Vereinsvorsitzende, der eine Parole nicht durchgehen lässt. Der Unternehmer, der erklärt, weshalb Europa für seinen Betrieb keine Abstraktion ist. Der Polizist, der über Sicherheit spricht, ohne in Rhetorik zu fliehen.

Der Lazarsfeld-Rat

Der von mir abgeleitete Lazarsfeld-Rat an Deutschland fällt deshalb anders aus als die üblichen Reflexe. Überschätzt die Medien nicht. Unterschätzt die Gespräche nicht. Verwechselt Reichweite nicht mit Wirkung. Verwechselt Empörung nicht mit politischer Arbeit. Sucht die Orte auf, an denen Meinung entsteht.

Das klingt altmodisch und ist doch moderner als viele digitale Alarmtheorien. Wer in Sachsen-Anhalt, Thüringen, Sachsen, Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern demokratische Mehrheiten sichern will, muss in Vereinen, Betrieben, Feuerwehren, Schulen, Kommunalverwaltungen, Lokalredaktionen und Familiengesprächen wieder vorkommen. Wer bundesweit die AfD stellen will, muss ihre Deutungen dort widerlegen, wo sie plausibel geworden sind. Wer das BSW kritisieren will, muss soziale Angst, Friedenssehnsucht und Elitenmisstrauen kritisch reflektieren, statt sie in einem Verdachtsbegriff zu entsorgen.

Dazu gehört intellektuelle Disziplin. Ein Bürger, der AfD wählt, ist nicht automatisch ein Faschist. Ein Bürger, der BSW wählt, ist nicht automatisch ein Agent Moskaus. Beide treffen eine politische Entscheidung, die Widerspruch verdient. Dieser Widerspruch muss konkret, kenntnisreich und sozial erreichbar sein. Das ist schwerer als moralische Distanz. Es ist auch aussichtsreicher.

Am Ende führt der Weg zurück zu Lazarsfelds Satz: „Vor allem Menschen können also andere Menschen zu einer Entscheidung bewegen.“ Die Demokratie sollte ihn über die Eingänge ihrer Parteizentralen, Redaktionen, Stiftungen und Bildungseinrichtungen schreiben. Er enthält Warnung und Chance zugleich. Wer die sozialen Räume verliert, verliert politische Deutung. Wer sie wieder betritt, nimmt der Propaganda ihr bevorzugtes Gelände: die Einsamkeit des Bürgers vor einer Politik, die ihn nur noch als Problemfall kennt.

Die Republik wird ihre Populisten nicht durch Beschwörung besiegen. Auch nicht durch den nächsten Faktencheck allein. Sie muss wieder gesellschaftsfähig streiten. Sie muss dort auftreten, wo Entscheidungen wachsen, lange bevor sie am Wahltag gezählt werden. In der kleinen Kommunikation liegt die große Frage der politischen Gegenwart.

2 Gedanken zu “Die Republik im Gesprächsverlust – Die bequeme Angst vor der Propaganda

  1. gsohn

    Liebe Bettina! Vielleicht liegt genau darin der blinde Fleck vieler Debatten über Populismus und Propaganda. Man spricht über Botschaften, Plattformen, Algorithmen und Kampagnen, aber zu wenig über das soziale Vakuum, in dem solche Botschaften plausibel werden. Wo Politik nur noch verwaltet, erklärt, belehrt oder beschwichtigt, entsteht kein Vertrauen. Dort entstehen Rückzug, Trotz und die Suche nach anderen Deutern der eigenen Lage.

    Lazarsfelds alte Einsicht bleibt deshalb hochaktuell: Menschen werden vor allem durch Menschen erreicht. Eine Demokratie, die ihre Gesprächsfähigkeit verliert, darf sich nicht wundern, wenn andere diese Lücke füllen.

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