
SUMMA: Der Name trägt den Anspruch einer letzten Verdichtung. Franz Blei wählte für seine Zeitschrift ein Wort aus der großen Ordnungssprache Europas, aus Scholastik, Theologie, Systemdenken. Doch die Hefte selbst wirken alles andere als systematisch beruhigt. In ihnen herrscht eine eigentümliche Elektrizität. Autoren, die später in ganz verschiedene Richtungen ausstrahlen sollten, treten hier in eine Nachbarschaft, die vom Krieg, von religiöser Unruhe, vom Zerfall liberaler Gewissheiten und von der Krise literarischer Form gezeichnet ist.
In SUMMA begegnen Carl Schmitts „Recht und Macht“, Max Schelers „Zur Apologetik der Reue“, Franz Bleis „Fragmente zur Literatur“ sowie Inhaltsübersichten mit J. Meier-Graefes „Cézanne“, Ernst Blochs „Die Innerlichkeit“, Peter Tyrells „Christus und das Christentum“, Rudolf Manasses „Struktur der Politik“, Hermann Brochs „Zum Begriff der Geisteswissenschaften“ und weiteren Marginalien. Das ist keine redaktionelle Laune. Es ist eine geistige Topographie der Jahre 1917 und 1918: Kunst, Recht, Gewissen, Politik, Christentum und Geisteswissenschaften treten in eine Reibung, die man heute in Kulturzeitschriften kaum noch findet.
Der Publizist als riskante Figur der Öffentlichkeit
„Die Aufgabe des Publizisten“ eröffnet mit dem „lebendigen Material“ seiner Wirkung: der Öffentlichkeit und ihrer Seele. Schon diese Formulierung erklärt das ganze Unternehmen. Öffentlichkeit ist hier kein Publikum, das man bedient, keine Menge, die man zählt, kein Markt, den man beliefert. Öffentlichkeit ist ein Stoff, der anzieht, verführt, verformt. Wer schreibt, greift in dieses Material ein. Er kann klären. Er kann verderben. Er kann Gedanken in Umlauf bringen, die im Umlauf ihren Rang verlieren.
Der Publizist steht in diesem Text vor einer doppelten Gefahr. Er braucht Wirkung, doch Wirkung kann zur Entstellung des Gedankens führen. Er braucht Verständlichkeit, doch Verständlichkeit kann das Schwierige in gefällige Münze verwandeln. Er braucht Nähe zum Publikum, doch Nähe kann in Unterwerfung umschlagen. Blei und sein Kreis denken Publizistik daher als geistige Disziplin. Das Wort soll die Gegenwart erreichen, ohne sich an ihre bequemsten Reflexe auszuliefern.
Darin liegt der programmatische Auftakt von SUMMA. Die Zeitschrift fragt zuerst nach ihrem eigenen Medium. Was darf Veröffentlichung leisten? Was kostet Verständlichkeit? Wie viel öffentlicher Erfolg verträgt der Gedanke, ehe er seine Form verliert? Diese Fragen geben dem Heft seine Temperatur. Das Ganze ist keine literarische Geselligkeit auf Papier. Die Zeitschrift behandelt Druckerschwärze als Prüfsubstanz.
Carl Schmitts Rechtsfrage unter Kriegslicht
Carl Schmitts „Recht und Macht“ beginnt mit einer Formulierung, die sofort das Messer ansetzt: „alles Recht sei nur ein Ergebnis tatsächlicher Machtverhältnisse“. Dieser Satz steht als These im Raum, als Drohung gegen jeden idealistischen Rechtsbegriff, auch als Versuchung für jeden Realisten. Schmitt prüft, was geschieht, sobald Recht vollständig aus Macht abgeleitet wird.
Der junge Schmitt interessiert sich für den Punkt, an dem Begriffe ihren Halt verlieren. Macht ohne Recht bleibt blind für Geltung. Recht ohne Macht verliert seine Weltberührung. Zwischen beiden Größen entsteht keine Harmonie. Es entsteht eine Spannung, die den Staat, die Norm und die juristische Sprache durchzieht. Schmitt denkt in diesen Seiten gegen die gemütliche Moral des Guten und gegen die rohe Soziologie des Faktischen.
Die Nähe zu SUMMA ist offenkundig. Auch der Publizist kann seine Wirkung nicht aus bloßer Wahrheit gewinnen. Auch er operiert in einem Feld aus Autorität, Resonanz, Macht und Form. Schmitts Essay gibt diesem Problem eine staatsrechtliche Kälte. Das Recht darf nicht bloß fromm sein, die Macht darf nicht das letzte Wort erhalten. Zwischen beiden entscheidet sich die Würde politischer Form.
Max Schelers Reue als Erkenntnisorgan
Max Schelers „Zur Apologetik der Reue“ führt die Zeitschrift in eine andere Tiefe. Der Text beginnt mit den „Regungen des Gewissens“, mit Warnung, Beratung, Verurteilung. Reue erscheint hier als geistiger Akt. Sie ist kein seelischer Defekt, keine bloße Schwäche nach der Tat, keine Krankheit der Rückschau. Scheler verteidigt sie gegen eine moderne Denkweise, die Schuld psychologisch entschärft und Vergangenheit therapeutisch abräumt.
Unter der Überschrift „Der Skeptizismus hinsichtlich der Reue“ beschreibt Scheler die verbreitete Neigung, Reue als Selbstschädigung, Unfreiheit oder nutzlose Fixierung auf Vergangenes zu deuten. Seine Antwort ist scharf: Reue erschließt Wirklichkeit. Sie verändert die Gegenwart des Vergangenen. In ihr erfährt der Mensch, dass Taten nicht einfach hinter ihm liegen. Sie gehören zu ihm, arbeiten an ihm, verlangen Antwort.
Damit steht Schelers Beitrag neben Schmitts Rechtsfrage wie eine moralische Gegeninstanz. Bei Schmitt geht es um Geltung im politischen Raum. Bei Scheler geht es um Geltung im Inneren. Beide Aufsätze wehren sich gegen Entleerung: das Recht gegen seine Auflösung in Macht, die Reue gegen ihre Verflachung zur seelischen Störung. Der äußere Staat und das innere Gericht erscheinen als verwandte Problemzonen.
Franz Blei und die Demaskierung der Dichterrolle
Franz Bleis „Fragmente zur Literatur“ sind der giftigste literarische Beitrag dieser Konstellation. Blei attackiert den Dichter als gesellschaftliche Erscheinung, den Rezensenten als Wächter der falschen Maßstäbe, die literarische Gegenwart als Theater von Rollen, Signalen und Surrogaten. Sein Blick ist so scharf, weil er den Betrieb aus nächster Nähe kennt. Er schreibt wie jemand, der die Salons, Verlage, Kritikerzirkel und Eitelkeitsbörsen durchwandert hat und jedes Parfum wiedererkennt.
Die „Fragmente“ kreisen um eine zentrale Erfahrung: Dichtung kann verschwinden, während alle Zeichen des Dichterischen weiter funktionieren. Es gibt Ton, Pose, Stil, Rezeption, Programme, Zeitgemäßheit, Markt und Legende. Alles kann an seinem Platz stehen. Das Werk kann dennoch fehlen. Blei sieht in der modernen Literatur eine Welt, in der die Darstellung des Dichters oft lebendiger ist als die Dichtung.
Seine Polemik gegen den „Dichter-Darsteller“ trifft den Nerv. Der Autor wird zur Figur seines Milieus. Kritik verwaltet Erkennbarkeit. Die Öffentlichkeit verlangt Belege für Rang, Typus und Aktualität. Wer in diesem System erscheint, muss die Zeichen liefern, mit denen man ihn einordnet. Blei verachtet diese Ordnung, weil sie aus Literatur ein soziales Verfahren macht. Das Werk wird behandelt wie ein Passdokument der Persönlichkeit.
Meier-Graefes Cézanne und die Kunst als Wahrheitsprobe
Die Inhaltsübersicht mit J. Meier-Graefes „Cézanne“ öffnet den Horizont zur bildenden Kunst. Cézanne ist in SUMMA kein Museumsname. Er steht für eine Kunst, die Wahrnehmung gegen Konvention verteidigt. Meier-Graefe, der große Vermittler der französischen Moderne, gehört genau an diesen Ort. Seine Cézanne-Lektüre passt zu einer Zeitschrift, die überall nach dem Preis echter Form fragt.
Cézanne bedeutet in diesem Zusammenhang: Form als Erkenntnis, Farbe als Disziplin, Sehen als Widerstand gegen die glatten Übereinkünfte. Neben Bleis Literaturkritik gelesen, wird Meier-Graefes Thema zur Gegenfigur des Betriebs. Dort zerfällt Dichtung in Rolle und Verkehr; hier ringt Malerei um die Wahrheit des Sehens.
Ernst Blochs Innerlichkeit im Zeitalter der Erschütterung
Ernst Blochs „Die Innerlichkeit“ steht in der Inhaltsübersicht des späteren Heftes an prominenter Stelle. Der Titel wirkt in den Jahren des Weltkriegs wie ein Gegenwort zur äußeren Katastrophe. Bloch denkt Innerlichkeit nie als Rückzug in private Wärme. Bei ihm hat das Innere etwas Unabgeschlossenes, Drängendes, Zukunftshaftes. Es will über sich hinaus.
In der Nachbarschaft von Schmitt, Scheler und Blei gewinnt Blochs Titel einen besonderen Klang. Schmitt prüft das Recht an der Macht. Scheler rettet die Reue als Erkenntnis. Blei zerlegt den literarischen Betrieb. Bloch bringt den utopischen Überschuss ins Spiel, jene innere Bewegung, die aus dem beschädigten Leben heraus nach anderer Wirklichkeit greift. Die Zeitschrift enthält damit auch ein messianisches Flackern, kein Programm, eher ein fiebriges Restlicht.
Hermann Broch am Rand des Wertezerfalls
Hermann Brochs „Zum Begriff der Geisteswissenschaften“ erscheint unter den Marginalien. Aus heutiger Sicht liest sich dieser Eintrag wie eine Voranzeige. Broch wird später einer der großen Erzähler des Wertezerfalls. In SUMMA betritt er den Raum noch essayistisch, begrifflich, suchend. Gerade diese frühe Präsenz macht die Zeitschrift literaturgeschichtlich kostbar.
Brochs Frage nach den Geisteswissenschaften gehört in den Kern der SUMMA-Welt. Was bleibt von geistiger Erkenntnis in einer Epoche, die ihre Ordnungen verliert? Wie lassen sich Werte beschreiben, nachdem ihre Selbstverständlichkeit zerbrochen ist? Welche Sprache besitzt die Wissenschaft vom Geist, sobald der Geist selbst historisch, sozial und psychologisch zersplittert erscheint?
Auch hier zeigt sich Bleis redaktioneller Instinkt. Broch gehört zu einer Generation, für die Literatur, Philosophie und Werttheorie ineinander greifen. Seine spätere Romanform wird diese Fragestellung erzählerisch austragen. SUMMA hält den Augenblick fest, in dem der Gedanke noch im Essay steht, kurz vor seiner großen epischen Ausbreitung.
Robert Musil und die Intelligenz der Möglichkeit
Robert Musil gehört in den Umkreis dieser Zeitschrift, auch dort, wo die Spuren im Heftverzeichnis über Blei, Broch und die essayistische Moderne vermittelt erscheinen. Musils Name steht für jene Art von Intelligenz, die Wirklichkeit nie als abgeschlossen hinnimmt. Seine Prosa lebt von der Prüfung des Möglichen, von der Genauigkeit gegen den Jargon, von der Analyse der Begriffe, bevor sie gesellschaftlich bequem werden.
Damit passt Musil in die geheime Grammatik des publizistischen Projektes. Diese Zeitschrift misstraut der fertigen Welt. Sie befragt Recht, Reue, Kunst, Politik und Literatur an ihren Grenzstellen. Musils Essayismus, seine spätere Unterscheidung von Wirklichkeitssinn und Möglichkeitssinn, hat hier verwandte Luft. Blei, Broch und Musil gehören zu jener österreichisch-mitteleuropäischen Zone, in der die Literatur beginnt, Philosophie mit erzählerischen Mitteln zu prüfen.
Die Marginalien als zweites Gehirn der Zeitschrift
Die Marginalien verdienen eigene Aufmerksamkeit. In den Inhaltsübersichten stehen sie auf den ersten Blick am Rand. Tatsächlich bilden sie ein zweites Gehirn der Zeitschrift. Dort erscheinen Dreyfus, Baader, Kino, Morgenstern, Erasmus, Chesterton, ein katholisches Friedensprogramm, rechte und linke Fragen der Zeit, Sprachstudien, Geisteswissenschaften. Diese Rubrik wirkt wie ein Seismograph für geistige Nebenschwingungen.
Gerade hier zeigt sich Bleis Kunst der Konstellation. Hauptaufsätze geben der Zeitschrift Gewicht. Marginalien geben ihr Beweglichkeit. Sie erlauben kurze Eingriffe, kleine Diagnosen, polemische Notate, gelehrte Einsprengsel. Die Zeitschrift denkt nicht linear. Sie tastet. Sie koppelt Themen, die auf den ersten Blick fern liegen. Aus diesen Kopplungen entsteht ihr eigentümlicher Ton.
Eine Zeitschrift gegen den Kulturbetrieb
SUMMA war kein Ort des gefälligen Einverständnisses. Ihre Autoren teilen keinen Stil, keine Schule, keine politische Richtung im engen Sinn. Was sie verbindet, ist der Kampf gegen Entwertung. Schmitt kämpft gegen die Entwertung des Rechtsbegriffs. Scheler gegen die Entwertung der Reue. Blei gegen die Entwertung der Dichtung durch ihre gesellschaftliche Nachahmung. Meier-Graefe gegen die bequeme Wahrnehmung. Broch gegen die Zerfaserung geistiger Maßstäbe. Bloch gegen die geschlossene Gegenwart.
In dieser Konstellation erscheint Franz Blei als Regisseur geistiger Reibung. Er wusste, dass eine Zeitschrift nicht durch Gleichklang lebt. Sie lebt durch Nachbarschaften, die den Leser zu Vergleichen zwingen. Ein Heft kann auf diese Weise eine Epoche verdichten. Es kann Autoren in ein Verhältnis bringen, das ihre einzelnen Beiträge übersteigt.
Die kleine Form als europäische Hochform
Der Essay war für SUMMA keine Nebenform. Er war das zentrale Instrument. In ihm konnte ein Gedanke seine Beweglichkeit zeigen, ohne akademische Apparatur, ohne Romanarchitektur, ohne journalistische Verkürzung. Gerade diese mittlere Länge, diese Mischung aus Präzision, Angriff und spekulativer Kühnheit, machte den Essay zur angemessenen Form einer Epoche, die ihre Systeme verloren hatte.
Blei verstand diese Form. Schmitt nutzte sie als juristische Sonde. Scheler als moralphilosophische Verteidigung. Broch als begriffliche Vorbereitung. Musil als Möglichkeitstechnik. Bloch als Vorgriff auf Utopie. In SUMMA wird der Essay zur europäischen Hochform: beweglich genug für die Krise, anspruchsvoll genug für den Begriff, persönlich genug für das Risiko des Urteils.
Vergilbtes Papier mit Gegenwartsdruck
Heute wirken diese Hefte kostbar, weil sie aus einer verlorenen Erwartung an Zeitschriften stammen. Ein Heft durfte ein geistiger Schauplatz sein. Es durfte dem Leser Arbeit abverlangen. Es durfte schwer, dicht, unversöhnlich, gelehrt, polemisch sein. Es musste nicht jede Schwelle absenken. Es durfte verlangen, dass Lesen ein Akt der Konzentration bleibt.
Der antiquarische Reiz von SUMMA liegt daher im Material und im Rang der Konstellation. Papier, Satz, Typographie, seltene Überlieferung: all das gehört dazu. Der eigentliche Wert entsteht aus der Frage, die diese Zeitschrift an jede Gegenwart richtet. Was geschieht mit Begriffen, sobald sie öffentlich verbraucht werden? Was geschieht mit Literatur, sobald sie ihre soziale Maske für ihr Werk hält? Was geschieht mit Recht, Reue, Kunst und Innerlichkeit, sobald sie in Verkehr geraten?
SUMMA lebte kurz, wie so viele Projekte von Franz Blei. Die Kürze passt zu ihrem Temperament. Manche Zeitschriften überdauern durch Anpassung, andere durch die Intensität ihres Verschwindens.