Der Verein der Stimmen – David Eisermann bei Böttger: eine Bonner Reise von Crèvecoeur bis Warhol, vom WDR bis zu den „Unerhörten Jahren“

Alfred Böttger beginnt, wie nur ein Buchhändler beginnen kann, der sich das Recht auf Abschweifung erarbeitet hat. Er weiß nicht, was David Eisermann an diesem Abend machen wird. Er weiß nur, dass es wunderbar werden dürfte. Das Publikum erfährt zuerst vom Düsseldorfer Böttger, der 2004 seine Bonner Buchhandlung gründete und seither eine Art akustisches Bürgerrecht in dieser Stadt erworben hat. Bonner Köpfe kannte er zunächst über Stimmen: Burkhard Müller aus den Morgenandachten, später David Eisermann aus dem WDR-Morgenmagazin. Über zwanzig Jahre habe er Eisermann gehört. Und dann dieser herrliche Satz der Selbsterkenntnis: Das kannst du nie, was der kann. Das ist keine Höflichkeit. Das ist Neid in seiner gebildetsten Form.

Eisermann bedankt sich und gibt die Bewegung zurück. Aus der Buchhandlung wird binnen weniger Minuten ein Klubraum der Geisteswissenschaften. Hans Ulrich Gumbrecht, hier schon zu Gast und später im Gespräch auf meinem YouTube-Kanal zu hören, habe ihn vor Jahren gefragt, ob er eigentlich einen Verein habe. Schalke 04 lag nahe, die Schwiegermutter war Anhängerin. Die Antwort des Rückblicks lautet: Buchhandlung Böttger. Das ist eine der schönen Definitionen des unabhängigen Buchhandels. Ein Verein ohne Mitgliedsausweis, mit Büchertisch, leicht chaotischem Preissystem und erstaunlicher Integrationskraft.

Palantir, Ontologie und die Drei in Chemie

Eisermann erzählt seinen Weg in die Literaturwissenschaft mit einer Komik, die aus der Genauigkeit kommt. Als junger Mensch wollte er Forscher werden, angezogen von den alten Fragen der Philosophie: Herkunft, Sprache, Menschwerdung. Dann rücken die Naturwissenschaften in diese Bezirke ein. Später findet er bei Palantir, ausgerechnet bei einer Firma, die in der öffentlichen Phantasie eher nach Datenmacht klingt als nach Aristoteles-Seminar, eine Abteilung für Ontologie. Alex Karp habe in Frankfurt Philosophie studiert. Ontologie im IT-Konzern: Da steht plötzlich ein alter philosophischer Begriff im Neonlicht der Gegenwart.

Ein väterlicher Freund aus der Geologie gibt dem jungen David einen Rat von klassischer Bosheit: Wer diese großen Fragen einigermaßen studieren wolle, müsse Geologie studieren. Wer ein guter Geologe sein wolle, brauche Chemie. Damit war die Sache entschieden. Das Beste, was Eisermann in Chemie zustande gebracht hatte, war eine Drei. Also Sprachen. Englisch, Französisch, neusprachliches Abitur, eine Welt vor Kursphase und Punktsystem. Man möchte sagen: Die deutsche Literaturwissenschaft verdankt in diesem Fall der organischen und anorganischen Chemie einiges.

Bonn wird in dieser Erinnerung zur Stadt der Fächer, die noch nach Bibliothek riechen. Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, damals ein neuer Studiengang. Eisermann gehört zu den frühen Teilnehmern. Er muss erklären, dass dies keine Germanistik sei, sich aber sehr wohl mit Germanistik kombinieren lasse. Hinzu kommen neuere englische und amerikanische Literaturwissenschaft, Sprachwissenschaft, Ablautreihen, historische Linguistik, Altenglisch, Mittelenglisch. Im germanistischen Seminar begegnet er Regine, wird Hilfskraft, sieht ein Angebot, das heute fast märchenhaft wirkt: Altsächsisch, Gotisch, die alten Stufen der Sprache, bevor die Gegenwart sich für alternativlos hält.

Über der Bonner Komparatistik steht bei Eisermann der Name Ernst Robert Curtius. Er steht für eine Literaturwissenschaft, die nicht an nationalen Grenzen haltmacht, sondern Sprachen, Epochen und Traditionen zusammenliest. Wer so arbeitet, braucht Vorrat: Kenntnisse, Geduld, Sprachgefühl.

Schreiben lernt man in Amerika, warnen die Deutschen

Dann Amerika. Eisermann kommt mit einem DAAD-Stipendium in die Vereinigten Staaten und erhält von deutschen Hochschullehrern die Warnung vor amerikanischen Schreibkursen. Bloß nicht. Unseriös. Die Warnung hat den Klang einer alten Bundesrepublik, die Kunsthochschulen und Konservatorien anerkennt, beim Schreiben aber sofort den Verdacht des Gewerblichen wittert. In den USA findet Eisermann längst etablierte Kurse für journalistisches Schreiben, Drama, Drehbuch, literarisches Erzählen, Lyrik und Theater. Viele prominente Autoren aus dem englischen Sprachraum, mit denen er später beruflich zu tun bekommt, haben solche Programme durchlaufen. Dazu zählen Alan Duff (neuseeländischer Autor, bekannt für das Werk Warriors / Die letzte Kriegerin), T. C. Boyle (US-amerikanischer Bestsellerautor), Robert Harris (britischer Großmeister des historischen Romans und Politthrillers) pder Louis Begley (jüdisch-amerikanischer Schriftsteller).

Dieser Umweg erklärt seinen späteren Ton. Eisermann redet über Literatur nie nur wie über Gegenstände im Glasschrank. Ihn interessiert die literarische Werkstatt: Wie schreibt jemand? Wie baut jemand ein Buch? Wie entsteht eine Stimme? Bei James Ellroy erfährt er später, dass dessen Plan für ein Buch beinahe so lang sein kann wie das Buch selbst. Eisermanns Reaktion fällt knapp aus: Das dauert zu lang. Das musst du anders machen. Herrlicher kann eine Begegnung zwischen amerikanischem Kontrollfuror und rheinischer Arbeitsökonomie kaum ausfallen.

Amerika erscheint zuerst als Ruine

Eisermanns erstes Buch gilt Crèvecoeur, einem Autor des achtzehnten Jahrhunderts, der Europa früh ein Bild Amerikas lieferte. „Crèvecoeur oder Die Erfindung Amerikas“ heißt diese Arbeit, und der Titel trägt das Programm. Amerika wird in Briefen, Berichten, Erwartungen und politischen Phantasien hervorgebracht. Der Scan zeigt Crèvecoeur als „unbekannten Klassiker“, der in Amerika zum Bestand gehört und in Deutschland nie vergleichbar heimisch wurde.

Bei Böttger liest Eisermann aus seiner Übersetzung keinen Festgesang auf die neue Republik. Er liest New York im Revolutionskrieg: abgebrannte Häuser, militärische Willkür, Kälte, Hunger, ein Notquartier im Pferdestall, ein Kind ohne passende Kleidung. Der Autor, der das erste erfolgreiche amerikanische Buch in Europa veröffentlichte und eine positive Vorstellung der neuen Vereinigten Staaten prägte, erlebt die Geburt dieser Welt als Bürgerkrieg, Besatzung, Vertreibung. Ausgerechnet an dieser Bruchstelle beginnt Eisermanns eigene Schreibgeschichte. Übersetzen heißt für ihn, die deutsche Stimme zu finden, in der ein Autor geschrieben hätte, hätte er Deutsch geschrieben.

Ellroy kommt mit Schrotflinte

Danach der Sprung zu James Ellroy. Eben noch Crèvecoeur, Quäker, Trinity Church und britische Besatzung. Nun Los Angeles, Herbst 1958: Fieberträume, Schuld, Polizeijargon, Reporter, Wettbüro, Razzia, Schrotflinten, Blut und Wettscheinkonfetti. Eisermann hatte Ellroy kennengelernt, als „L.A. Confidential“ im Kino lief. Russell Crowe, Kim Basinger, der ganze Glanz der amerikanischen Verbrecherphantasie. Oscar Wilde darf noch hinein mit seiner Beobachtung, die Amerikaner bewunderten unter ihren Helden besonders die Verbrecher.

Eisermann holt Ellroy vom Flughafen ab, moderiert eine Veranstaltung, versteht sich mit ihm und übersetzt später „White Jazz“. Der im Ullstein Verlag erschienene Band zeigt den Übersetzer an einer ganz anderen Klaviatur. Bei Crèvecoeur muss die deutsche Sprache das Achtzehnte Jahrhundert atmen. Bei Ellroy muss sie schneiden, springen, jagen, knirschen. Aus dem Farmer-Amerika wird das Noir-Amerika. Aus der politischen Hoffnung wird eine Stadt, in der Polizisten Ordnungshüter und krumme Hunde zugleich sind, Karrieristen und Verbrecher im gleichen Halbdunkel stehen und die Sätze kaum Zeit haben, vollständig angezogen zu erscheinen.

WDR 3 und der Choral vor der Literatur

Der Wechsel zum WDR Hörfunk führt aus der Universität in ein Medium, das für Eisermann ideal gewesen sein muss. Er geht als Autor und Übersetzer. Für den Hörfunk überträgt und adaptiert er viel aus dem amerikanischen Englisch: Monty Python, Steve Martin, Woody Allen. Wer solche Stoffe ins Deutsche bringt, lernt Demut vor der Sekunde. Humor verträgt keine pomadige Übersetzung. Ein Satz kann korrekt sein und trotzdem tot.

Schön ist auch die kleine Rückbindung an Böttgers Eröffnung. Burkhard Müllers Morgenandachten, die Böttger so liebte, durfte Eisermann senden. Seine Aufgabe war, den Choral anzusagen, und er bemühte sich, drumherum etwas zu erzählen. Daraus ließe sich fast eine kleine Poetik des Kulturfunks gewinnen. Erst kommt ein Choral, dann kommt eine Stimme, die ihn in die Gegenwart holt. Später kommen Bücher, Autorinnen, Autoren, Gespräche, Lesereisen, zweisprachige Veranstaltungen. Das Verfahren bleibt verwandt: eine Form findet ihren Weg zum Publikum.

Corona Tagebuch

Mit den eigenen Texten ändert sich der Abend erneut. Johanna Hansen lädt Eisermann zu einem Projekt ein, in dem Autorinnen und Autoren aus verschiedenen Ländern während der Corona-Zeit Tagebuch führen sollen. Eisermann sagt zu und legt sofort die Axt an die Tagebuchgewissheit: Er führe kein Tagebuch, er denke sich etwas aus. Dann folgt der amerikanische Disclaimer, beinahe als literarische Ouvertüre. Namen, Figuren, Orte und Handlungen seien Produkte der Phantasie; bei Personen der Zeitgeschichte gelte die Kunstfreiheit. Die übrigen Beiträge hätten sich wirklich wie Tagebücher gelesen, seine Texte bildeten nur die Form des Tagebuchs nach. Das ist eine sehr elegante Frechheit.

Die Corona-Texte beginnen in Bonn, mit Straßenecken, Fassaden um 1900, tonnenschweren Straßenbahnen in Asphaltgleisen, Listen zur Kontaktnachverfolgung, Rosé, Spargel, August-Macke-Licht. Dann sitzt man mit Freunden, und Hegel übernimmt den Entspannungsdienst. „The Hegel Comedy Hour“: Das ist Bonn in einer sehr genauen Form. Nicht Berlin, nicht München, kein Feuilletoncafé mit Markenpose. Bonn sitzt draußen, trinkt Wein, isst Spargel und schaltet auf Hegel, weil dieser Betrieb noch alte Leitungen hat.

Der Traum von der Morgensendung folgt. Das Funkhaus muss durch eine Tiefgarage betreten werden, eine Corona-Schutzbestimmung. Eisermann läuft nur mit einem Handtuch bekleidet durch ein Foyer voller Tagungsteilnehmer, sucht einen Studiogast, will telefonieren. In Wirklichkeit existiert unter dem Funkhaus gar keine Tiefgarage. Also auch das gelogen. In diesem Satz steckt die ganze Freiheit dieser Texte: Erinnerung darf lügen, weil sie manchmal erst dadurch brauchbar wird.

Eine Allee, die weiter führt, als sie reicht

„Fernweh“ beginnt mit einem Anruf aus Hannover. Eine Beethoven-Biographie, ein Podium draußen in Celle, die erste Veranstaltung nach dem Abflauen der Epidemie. Dann gleitet der Text zurück nach Bonn, zum Blumenverkauf an Münster- und Poststraße, zum Unterstützungsfonds, zu Rektorat, Alumni-Organisation, Immunforscherin, Rektoratsvilla, Sternwarte. Friedrich Wilhelm Argelander tritt hinzu, der Hunderttausende von Sternen nach Leuchtkraft vermaß, von Hand, vor der fotografischen Himmelskartierung. Aus einer Sitzung wird Kosmologie im Vorgarten der Universität.

Die Poppelsdorfer Allee wird bei Eisermann zur Bühne der Entfernung. Sie führt gefühlt ins Offene, obwohl sie am Hauptgebäude schon endet. Das ist eine sehr Bonner Erfahrung: Die Ferne ist manchmal architektonisch viel kürzer als emotional. Auf einer Parkbank sitzt ein Verstorbener (Gottfried Eisermann?), spricht über Bäume, Luft, Verkehrsführung, Heidelberg, Kanzler, Bleibeverhandlungen, alte Linien, verlorene Menschen. Der Text kann akademischen Verwaltungston, Familiengeschichte und Jenseitsbesuch in einen Spaziergang legen, ohne den Ton zu ruinieren. Solche Stellen tragen das Projekt der „Unerhörten Jahre“: Die Toten kommen nicht als Gespenster mit Nebelmaschine. Sie kennen noch Gremien, Kanzler und badische Tonfälle.

Lilli Palmer kommt kurz herein und bringt das Jahrhundert mit

Lilli Palmer darf in diesem Abend nur kurz auftreten, aber sie kommt mit Gepäck. Der junge Eisermann arbeitet neben der Schule für eine Lokalzeitung. Der Lokalchef, reserviert, promovierter Volkswirt, mit nur einem Arm und kaum Haaren auf dem Kopf, schickt ihn in eine Buchhandlung. Eine Schauspielerin signiert dort ihre Memoiren. Das Foto macht der Pressefotograf, Eisermann soll den Text liefern. Die Schauspielerin heißt Lilli Palmer. Rosa Fingernägel, getönte Brille, Jacke mit Bluse und weitem Kragen. Freundlich spricht sie über „Dicke Lilli – gutes Kind“.

So kurz kann das zwanzigste Jahrhundert auftreten. Theaterverlust wegen jüdischer Herkunft, Emigration nach Frankreich, Großbritannien und in die USA, Hitchcock, Fritz Lang, später „Der Kommissar“ und „Derrick“. Ein Schüler mit Presseausweis trifft eine Biographie, die mehr Länder durchquert hat als sein Auftrag Zeilen haben dürfte. Die Szene muss im Essay klein bleiben, gerade deshalb funkelt sie. Eine Petitesse, ja. Aber manche Petitessen sind wie ein Metallbeschlag in einer transparenten Brille: klein, sichtbar, konstruktiv.

Meringue, Baiser und die erste Semantik des Peinlichen

Dann Avignon. Der erste Tag in einer Patisserie. Hinter der Theke die Konditorin und ihre Tochter, Schürzen, weiße Kragen, gestärkte Oberteile. Eisermann verlangt ein Baiser, jenes blassgelbe Gebäck aus Eiweiß und Zucker, das er vom Bonner Bäcker kannte. Die Konditorin erklärt sehr deutlich, das heiße Meringue; Baiser bedeute etwas ganz anderes, und sie nimmt das Wort offenbar nicht in den Mund. Peinlich reicht als Beschreibung kaum aus. Der junge Mann fährt weiter ins Zeltlager des deutsch-französischen Jugendwerks und denkt morgens im Licht der Zeltleinwand an Konditorin und Tochter, manchmal auch gleichzeitig. Wer später Crèvecoeur und Ellroy übersetzt, hat in Avignon bereits gelernt: Wörter sind keine etikettierten Gegenstände. Sie haben Orte, Temperaturen, soziale Risiken.

Hi, David. I’m Andy

Der Auftritt von Andy Warhol und Willy Brandt braucht Platz. Eisermanns Text „Willy Brandt kommt in die Poppelsdorfer Allee“, im „Bonner Bogen“ erschienen, führt über die Galerie Wünsche hinein in eine Bonner Kunstgeschichte, die viel weltläufiger war, als mancher Hauptstadtblick zugestehen würde. Hermann Wünsche, Hans-Gerd Tuchel, der erste Katalog der Druckgrafik von Warhol, das Beethoven-Plakat als letzte Arbeit Warhols: Bonn hängt hier am internationalen Kunstbetrieb, und zwar an einer sehr konkreten Adresse.

Vor dem Warhol-Termin liegen Jugendfahrten, Russlandreise, Aeroflot, Jacques Rivette, Britta, Nivea-Duft, milchkaffeefarbene Wolle, schimmernde Knöpfe. Dann die Einladung: Willy Brandt trifft Andy Warhol im Beisein der Presse. Castor, Wünsches Kompagnon numero uno, bittet Eisermann, früher zu kommen. Castor spricht Französisch wie ein Franzose, was bei Salvador Dalí oder Georges Braque hilfreich ist. Hermann Wünsche kann kein Französisch, Castor so gut wie kein Englisch. Eisermann hat Englisch als Hauptfach. Damit ist seine Funktion festgelegt: Dolmetscher, Beobachter, junger Mensch in der Nähe eines Vorgangs, den er noch gar nicht vollständig einordnen muss.

Ein diesiger Winternachmittag auf der Poppelsdorfer Allee, sechzig Meter breit, außen der Verkehr, in der Mitte eine zertretene Wiese mit Schneematsch. Am Ende die Galerie, gleich am Eingang zur Prinz-Albert-Straße: ein weiß gestrichener Anbau, klein und modern in einer Straße alter Fassaden. Im Erdgeschoss warten Presse, Sicherheitsleute, Hermann Wünsche und Hans-Gerd Tuchel, der besser reden kann als Hermann und Castor zusammen. Oben wartet Eisermann mit Castor auf die Polaroid-Session für das Porträt, das Warhol von Brandt machen soll. Schon diese räumliche Ordnung ist komisch: unten Bundesrepublik, oben Pop-Art, dazwischen eine Treppe, auf der gleich die Nachkriegsgeschichte hinaufkommt.

Castor stellt Eisermann vor. Warhols erste Worte sind sanft: „Hi, David. I’m Andy.“ Ein Satz, den man erst einmal aushalten muss, wenn man achtzehn ist. Warhol ist erleichtert. Endlich jemand, mit dem er reden kann, nach all den Leuten mit ihrem „Hotzenplotz-Englisch“. Hermann heißt bei ihm „Herman the German“. Castor wird über „castor oil“ erklärt, auf Deutsch Rizinusöl. Die Kunstgeschichte ist noch keine fünf Minuten im Raum und schon riecht es nach Apotheke.

Dann fragt Warhol nach dem Mann, den er gleich treffen wird. Wie berühmt sei dieser Willy Brandt? Sehr, sehr, sehr berühmt. Nobelpreis. Wofür? Frieden, internationale Verträge, Länder, mit denen Krieg war, Russland, Polen, das ganze Programm. Warhol prüft die Ikone wie Material. Was für ein Typ sei Brandt? Sehr männlich, ungefähr. Erwachsen. Schwul? Wohl kaum, verheiratet, viele Frauen nebenbei, die eigenen Leute hätten ihn deswegen zum Rücktritt gedrängt. Warhol erinnert an den Spion im Büro. Er weiß also mehr, als seine Fragen zunächst verraten. Dann bleibt er am Vornamen hängen: Nennen die Leute ihn wirklich Willy? In Pittsburgh bedeute „willie“ etwas Anatomisches. Aus dem Friedensnobelpreisträger wird für einen Augenblick ein Sprachwitz, den Bonn glücklicherweise nicht kennt.

In die Komik rutscht unvermittelt eine zarte Passage. Warhol ist damals so alt wie Eisermanns Mutter. Eisermann erzählt von ihr, von ihrer Zeit als Dolmetscherin bei der British Army of the Rhine, von ihrer Bedeutung für ihn. Warhol erzählt von seiner Mutter Julia, seiner ersten Zeichenlehrerin, die er nach New York geholt hatte und die drei Jahre zuvor gestorben war. Eben noch Rizinusöl, Hotzenplotz-Englisch, Nobelpreis und Willy-Witz; nun sprechen zwei Söhne über Mütter. Darin liegt die eigentliche Überraschung der Szene. Der Pop-Künstler erscheint nicht als Maschine der Oberfläche, sondern als jemand, der die Mutter in die Kunstgeschichte mitgebracht hat.

Eisermann bedauert, dass er von der Zeitung keinen Auftrag bekommen hat, über diesen Termin zu schreiben. Warhol gibt ihm den Satz, der als Journalistenschule genügt: „You watch and learn.“ Dann steht er auf, weil Willy Brandt mit Hermann aus dem Erdgeschoss heraufkommt.

Warhol hat eine große Polaroid-Kamera mit Balgen, eine Art Ziehharmonika zwischen Gehäuse und Linse. Klicken, Bild auswerfen, wedeln, warten. Er geht erstaunlich nah an Brandt heran, kaum mehr als einen Meter. Hinter ihm steht Hermann und hält die ausgeworfenen Bilder, deren Folien sich leicht rollen. Dann stehen Warhol und Brandt am Fenster und schauen hinaus auf die kahlen Kastanien der Poppelsdorfer Allee. Warhol mit Kartoffelnase und transparenter Vollrandbrille aus leicht getöntem Acetat, in der man Scharniere, Nieten und Drähte erkennt. Brandt mit dem Gesicht eines Mannes, der gelebt hat. Staatsmann neben Pop-Künstler, Bonner Winterlicht, draußen Schneematsch, drinnen die Herstellung eines Bildes, das seine eigene Zeit sofort in Erinnerung verwandeln will.

Unten bei den Fotografen wird daraus ein Bild im Bild. Warhol hält in der linken Hand die Kamera, in der rechten ein Polaroid von Willy Brandt, während Willy Brandt direkt daneben steht: Brandt als Person, Brandt als Sofortbild, Brandt als künftiges Porträt. Brandt schaut ein wenig sieghaft von den Fotografen weg, Warhol sieht direkt ins Objektiv und hält sein Polaroid hoch, eines von denen, die er später für das Siebdruckporträt nicht verwendet. Zwischen beiden Hermann, glatt rasiert, froh, mit offenem Mund: „Oh my God, OMG.“ So klingt es, wenn der internationale Kunstbetrieb für einen Moment Bonner Plattfüße bekommt.

Böttger versteigert den Abend zurück ins Leben

Nach Warhol, Brandt, Crèvecoeur, Ellroy, Hegel, Corona und Geisterallee kommt Böttger an den Büchertisch. Das ist der richtige Schluss, weil Literatur in einer Buchhandlung am Ende auch bezahlt werden muss. Er habe im Netz geschaut, eines der Bücher werde für 128 Euro angeboten. Hier könne man es zum Okkasionspreis bekommen: 126 Euro. Dann rechnet er herunter, herauf, quer, bietet 11,50 Euro an, packt fünf Euro dazu, landet schließlich bei 15 Euro und räumt ein, dass er sich immer verrechne. Besser kann man die Würde des Buchhandels kaum verteidigen: mit einem Taschenrechner, der innerlich lacht.

Zur Übersetzung erklärt er, gebrauchte Exemplare im Netz seien zerlesen, mit Gebrauchsspuren und Anstreichungen. Hier gebe es jungfräuliche Exemplare. Für zehn Euro mache er sogar eine Anstreichung hinein. Beim lieferbaren Buch aber schlägt die Stunde des gebundenen Ladenpreises. 16,90 Euro, und wer kauft, fördert die Aufrechterhaltung dieses Systems. Dann noch der Wortschau-Band für acht Euro, mögliche Verwirrung am Kassenmodul, Mitarbeiterin Rebecca, Signaturen, Wiederverkaufsrisiken. Aus einer Lesung wird für ein paar Minuten eine ökonomische Farce mit bibliophiler Grundlage.

Ein Abend, der nicht heim will

Am Ende bedankt sich Eisermann für die Aufnahme und hofft, das Ganze eines Tages in größerem Bogen wieder aufnehmen zu können. Der Satz passt. Dieser Abend war selbst ein Bogen: von der Chemie-Drei zur Ontologie bei Palantir, von der Bonner Komparatistik zum amerikanischen Creative Writing, von Crèvecoeurs New York zu Ellroys Los Angeles, von WDR 3 zu Monty Python, von Lilli Palmer zu Warhol, von Hegel im Rosélicht zu Kindern im Hubschraubertraum, von der Poppelsdorfer Allee zurück zum Kassenmodul.

Böttger hatte am Anfang behauptet, er wisse nicht, was kommen werde. Am Schluss weiß man: Genau diese Ungewissheit war die passende Form. David Eisermann bringt Literatur nicht als Besitzstand mit, er führt sie als Bewegung vor. Sie wandert durch Sprachen, Stimmen, Sender, Städte, Bücher, Träume und sehr reale Buchpreise. Bonn erscheint dabei als Stadt, in der Weltgeschichte manchmal einen schmalen Anbau an der Prinz-Albert-Straße betritt und ein junger Mann nur wach genug sein muss, um zuzusehen und zu lernen.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.