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Sabine Döring greift auf X ein Radiogespräch mit Alexander Thiele auf. Darin steckt ein Grundsatzstreit über den Rang der Wissenschaft in der Demokratie.

Sabine Döring hat auf X einen kurzen Satz veröffentlicht, der einen großen Streit freilegt. Sie dankt Alexander Thiele für das Lob ihres Buches „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ und fügt die Frage an: „Unsere Position gegen die des Kanzlers?“ Die Frage trifft den Kern. Denn im Deutschlandfunk hat Thiele mit Verweis auf Dörings Buch ein Wissenschaftsverständnis angegriffen, das Forschung vor allem über Output, Wettbewerbsfähigkeit und Technologieentwicklung beschreibt. Aus dem Radiogespräch wird so ein politischer Grundsatzstreit. Es geht um den Zweck der Wissenschaft, um ihre Freiheit und um den Preis einer Sprache, die Forschung immer rascher nach Verwertbarkeit sortiert.

Der Satz vom Selbstzweck

Thiele formuliert im Deutschlandfunk einen Gedanken, der in der aktuellen Wissenschaftspolitik selten geworden ist. Wissenschaftsfreiheit, so seine Lesart von Artikel 5 Absatz 3 Grundgesetz, habe „Selbstzweckcharakter für eine demokratische Ordnung“. Wissenschaft generiere Wissen. Wissen trage die Selbstbestimmung freier Bürger. Ohne verlässliche Erkenntnisgrundlagen verliere auch die demokratische Meinungsbildung ihren Boden. An diesem Punkt knüpft er ausdrücklich an Dörings Buch an. Thiele macht aus Wissenschaftsfreiheit kein Privileg einer Berufsgruppe. Er behandelt sie als Bedingung politischer Freiheit.

In dieser Formulierung steckt eine Abgrenzung gegen eine politische Redeweise, die Forschung fast immer mit Nutzenvokabeln einrahmt. Thiele verweist auf eine Rede des Kanzlers, in der Wissenschaft und Forschung eben keinen Selbstzweck hätten, vielmehr Output generieren sollten, im Interesse von Wettbewerbsfähigkeit und Technologieentwicklung. Thiele hält das für ein dürftiges Verständnis von Wissenschaftsfreiheit. Seine Kritik richtet sich gegen Innovation. Sie richtet sich gegen die Vorordnung des Nutzens.

Was der Kanzlerblick übersieht

Der Kanzlerblick wirkt auf den ersten Blick plausibel. Forschung bringt Patente hervor, Start-ups, technische Verfahren, Medikamente, Wachstum. Wer öffentliche Mittel verantwortet, möchte Ergebnisse sehen. Auch die Moderatorin hält Thiele im Deutschlandfunk das Karlsruher Institut für Technologie vor, aus dessen Forschung zahlreiche Ausgründungen hervorgehen. Thiele bestreitet das Resultat keineswegs. Er verschiebt den Akzent. Solche Anwendungen entstehen aus der Eigenlogik freier Forschung. Sie entstehen, weil Wissenschaft offen arbeitet, ohne vorab auf einen von außen festgelegten Zweck verpflichtet zu sein. Wer den Zweck zuerst setzt, verengt am Ende auch den Horizont der Erkenntnis.

Damit ist der Streit klar umrissen. Die eine Seite liest Wissenschaft von ihren späteren Erfolgen her. Die andere Seite liest sie von ihren Voraussetzungen her. Dörings Buch gehört eindeutig zur zweiten Gruppe. Sie schreibt, politische Legitimation ersetze keine epistemische Geltung. Der liberale Staat schütze Wissenschaft wegen ihrer Entkopplung von politischer Zweckrationalität. Diese Entkopplung ist für sie keine Liebhaberei, auch kein Rückzug aus der Gesellschaft. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Forschung ihren gesellschaftlichen Wert überhaupt entfalten kann.

Freie Forschung und ihr späterer Nutzen

Thiele bringt dieses Verhältnis im Deutschlandfunk auf eine anschauliche Formel. Forscher suchten nach Wahrheit, etwa im Bereich der Technik. Anwendungen, Ausgründungen und wirtschaftliche Erträge folgten später. Sie gehörten zur Geschichte der Forschung, doch nicht zu ihrem Ausgangsbefehl. Dieser Gedanke trifft auch die Gegenwart der Wissenschaftspolitik. Förderprogramme, Exzellenzrhetorik, projektförmige Mittelvergabe und Transfererwartungen haben einen Sprachgebrauch erzeugt, in dem der spätere Nutzen fast schon als eigentliche Legitimation erscheint. Das verändert langsam die Ordnung der Dinge. Aus der Folge wird das Kriterium. Aus der offenen Suche wird ein Verfahren mit Berichtspflicht.

Döring wendet sich in ihrem Buch immer wieder gegen diese Umkehrung. Wissenschaft, schreibt sie, ist ein „epistemisch qualifizierter öffentlicher Vernunftgebrauch“. Ihr Maßstab liegt in Wahrheit, Prüfung, Begründung und Revision. Wo Forschungsfragen, Methoden oder Ergebnisse nach außerwissenschaftlichen Zwecken privilegiert oder disqualifiziert werden, gerät diese Ordnung unter Druck. In dem Punkt treffen sich Buch und Radiogespräch fast wörtlich. Die politische Sprache verlangt Ergebnisse. Döring und Thiele fragen nach den Bedingungen, unter denen überhaupt erst etwas entstehen kann, das später als Ergebnis gelten darf.

Der Irrtum der Output-Zeit

Die Gegenwart misst Forschung gern nach kurzen Takten. Was kommt nach fünf Jahren heraus, was nach drei, was im nächsten Förderbericht. Thiele hält im Deutschlandfunk dagegen, gute Forschung lasse sich so kaum erfassen. Manche Kollegen veröffentlichten über Jahre fast nichts, dann erscheine das große Werk. Andere experimentierten jahrzehntelang, bis plötzlich ein Durchbruch eintrete. Er nennt Penicillin als Beispiel. Seine Formulierung ist absichtsvoll provokant: Universitäten seien Räume, in denen sich eine Gesellschaft leiste, Menschen ohne Output-Zwang arbeiten zu lassen. Man spürt in diesem Satz fast schon den Widerspruch, den er hervorrufen soll. Doch genau darauf zielt er. Wissenschaft folgt einer anderen Zeitordnung als Verwaltung und Markt.

Wer diese Zeitordnung nicht akzeptiert, greift bald in die Forschungslogik selbst ein. Döring beschreibt das unter dem Stichwort der Heteronomisierung. Wissenschaft wird dann an Ziele gebunden, die aus Politik, Moral oder ökonomischer Strategie kommen. Solche Ziele können legitim sein. Der Staat darf Aufgabenforschung finanzieren. Er darf Schwerpunkte setzen, etwa für Gesundheit, Klima oder Energie. Problematisch wird die Lage in dem Augenblick, in dem freie Forschung nach demselben Raster beurteilt wird. Dann verschiebt sich der Maßstab für Qualität. Erkenntnis verliert ihre offene Form.

Freiheit braucht Häuser, Labore und Zeit

Im Deutschlandfunk bleibt Thiele nicht beim Grundsatz stehen. Er erinnert an die positive Seite der Wissenschaftsfreiheit. Forschung braucht Gebäude, Labore, Büros, Grundfinanzierung und institutionelle Verlässlichkeit. Er verweist auf die TU Berlin, deren Hauptgebäude wegen Baufälligkeit nicht nutzbar sei. Er spricht von Universitäten, die unter Outcome-Druck gesetzt werden, zugleich aber in materiellen Fragen vernachlässigt sind. Daraus ergibt sich ein Missverhältnis, das man in vielen Wissenschaftssystemen beobachten kann: immer neue Erwartungen, immer feinere Steuerung, immer mehr Projekte, zugleich zu wenig Geld für jene Voraussetzungen, aus denen freie Forschung ihren Atem gewinnt.

Döring beschreibt diese Seite der Wissenschaftsfreiheit ebenfalls. Der Staat muss den Raum freihalten, in dem Wissenschaft stattfinden kann. Er muss ihn auch ermöglichen. Eine Forschung, die auf Drittmittelhast, projektförmige Dauerbewerbung und politische Anschlussfähigkeit fixiert ist, verliert jene innere Ruhe, aus der neue Fragen entstehen. Das gilt für Labore. Das gilt ebenso für Geistes- und Sozialwissenschaften. Eine Demokratie, die Wissensproduktion ernst nimmt, darf ihre Hochschulen nicht wie beliebige Output-Agenturen behandeln.

Der Streit um den gesellschaftlichen Wert

Dörings X-Frage zielt auf den Gegensatz zwischen ihrer Position, Thieles Lesart und dem Wissenschaftsbild des Kanzlers. Ganz so einfach liegt die Sache nicht. Natürlich hat Wissenschaft gesellschaftlichen Wert. Natürlich muss eine Regierung über Geld, Prioritäten und Folgen sprechen. Das Radiogespräch dreht sich also nicht um einen Gegensatz zwischen Freiheit hier und Nutzen dort. Der Konflikt verläuft an einer anderen Stelle. Er betrifft die Rangfolge. Kommt erst die Freiheit der Erkenntnis und dann der Nutzen, oder kommt erst die Zwecksetzung und dann die Forschung?

Thiele und Döring antworten übereinstimmend: Zuerst steht die Freiheit. Aus ihr folgt später Anwendbarkeit, Technik, Wohlstand, politische Urteilskraft. Wer die Reihenfolge vertauscht, verändert den Charakter der Wissenschaft. Dann wird aus Forschung eine Veranstaltung auf Abruf. Sie soll liefern, was vorher bereits als relevant markiert wurde. Sie soll für Wettbewerbsfähigkeit sorgen, für Wachstum, für technologische Souveränität, für rasche Anwendbarkeit. Damit schrumpft ihr Horizont auf die Reichweite aktueller Programme.

Was von der Wissenschaft übrig bliebe

Die Frage aus Dörings Posting verdient also eine klare Antwort. Ja, ihre Position und die von Thiele stehen gegen die Rede des Kanzlers, soweit diese Wissenschaft über Output und Wettbewerbsfähigkeit definiert. Der Widerspruch richtet sich gegen ein verkürztes Wissenschaftsbild. Er richtet sich gegen die Gewohnheit, den Nutzen an den Anfang zu setzen und die Freiheit als nachgeordnetes Mittel zu behandeln.

Der politische Preis eines solchen Wissenschaftsbildes wäre hoch. Forschung würde enger, abhängiger, kurzatmiger. Grundlagenarbeit verlöre an Rang. Drittmittel und Projektlogik gewännen weiter an Macht. Der spätere Nutzen, auf den sich die Politik so gern beruft, würde auf lange Sicht ebenfalls geschwächt. Dörings Buch „Wissenschaftsfreiheit in der liberalen Demokratie“ und Thieles Radiobeitrag im Deutschlandfunk erinnern an eine einfache Wahrheit. Eine freie Gesellschaft braucht Forschung, die mehr kann als liefern. Sie braucht einen Raum, in dem Wissen entstehen darf, bevor feststeht, wofür es morgen verwendet wird.

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