
Die Sätze fielen in einer Debatte im Bundestags-Kulturausschuss und wurden über den X-Kanal des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien verbreitet: Kulturstaatsminister Wolfram Weimer reagierte auf eine AfD-Frage zum Hermannsdenkmal und zur Frage, ob nationale Denkmäler anders lesbar gemacht werden können. Schon die Frage war eine Falle. Sie setzte voraus, dass Hermannsdenkmal und Kyffhäuser gewissermaßen naturwüchsig nationale Besitzstände seien, an denen spätere Deutungen nur noch als Übermalung, Umbau oder ideologische Fremdnutzung erscheinen könnten. Weimers Antwort drehte die Voraussetzung um. Große Orientierungsfiguren, so seine Gegenrede, seien kulturell vieldeutig. Hermann könne als Freiheitsfigur, als protestantische Erinnerungsfigur, als Liebesfigur, als soziale Widerstandsfigur gelesen werden. Der Kyffhäuser führe über Material, Form, Reichsidee, Antikenbezug und europäische Traditionsketten weit über den engen Rahmen nationaler Selbstvergewisserung hinaus.
Zwei Monumente und ihre Überlastung
Das Hermannsdenkmal bei Detmold wurde zwischen 1838 und 1875 nach Entwürfen Ernst von Bandels errichtet und am 16. August 1875 in Anwesenheit Kaiser Wilhelms I. eingeweiht. Es erinnert an Arminius, den Cheruskerfürsten, der im Jahr 9 n. Chr. die römischen Legionen des Varus besiegte; die monumentale Ausformung stammt freilich aus dem 19. Jahrhundert, aus einer Epoche, die nach den Napoleonischen Kriegen und vor dem Hintergrund deutscher Zersplitterung nach nationalen Ursprungsbildern suchte.
Der Kyffhäuser wiederum gehört zur wilhelminischen Monumentalarchitektur. Das Kaiser-Wilhelm-Denkmal auf dem Kyffhäuser wurde 1890 bis 1896 von Bruno Schmitz und Emil Hundrieser errichtet. Es verbindet Barbarossa-Sage, Reichsmythos und Kaiser-Wilhelm-Kult: unten der erwachende Friedrich I. Barbarossa, darüber Wilhelm I. als Reiterfigur, flankiert von Mars und Minerva. Das Denkmal ist ein wilhelminisches Programm aus Stein, Sage und Machtarchitektur. Wichtig ist allerdings die Präzision: Das Denkmal selbst wurde wesentlich aus rotem Kyffhäuser-Sandstein errichtet; Porphyr eröffnet eher eine weiterführende Kulturspur, die in spätantike, byzantinische und venezianische Bildwelten reicht.
Gerade diese Präzision macht Weimers Intervention produktiv. Wer Denkmäler allein auf den Tag ihrer Einweihung, auf ihre Stiftervereine oder auf die Parolen ihrer Erbauungszeit reduziert, amputiert ihre ältere und spätere Bedeutungsgeschichte. Monumente sind keine versiegelten Tresore. Sie sind Ablagerungen. In ihnen sprechen Auftraggeber, Künstler, politische Konjunkturen, lokale Landschaften, antike Stoffe, mittelalterliche Legenden, konfessionelle Erinnerungen, touristische Praktiken, Schulbücher, Restaurierungen, Umdeutungen, Proteste, Missverständnisse und neue Lesarten.
Arminius vor Deutschland
Arminius war lange vor dem Nationaldenkmal eine europäische Figur der Gelehrtenkultur. Die Humanisten der Reformationszeit griffen Tacitus, römische Geschichtsschreibung und germanische Altertümer auf, um Gegenbilder zu Rom zu entwickeln. Dabei war „Rom“ nie bloß Italien, nie bloß Katholizismus, nie bloß Imperium. Rom war Chiffre für Universalordnung, Recht, Latein, Kirche, Militärmacht, Weltreich. Hermann wurde in dieser Lesart zur Figur eines Widerstands gegen Übermacht. Das kann national aufgeladen werden, muss es aber nicht. Es lässt sich als Geschichte über politische Selbstbehauptung erzählen, über regionale Freiheit, über antike Historiographie, über protestantische Gelehrsamkeit, über die Erfindung historischer Helden im Buchdruckzeitalter.
So betrachtet, beginnt die Dekonstruktion des Hermannsdenkmals gerade mit historischer Bildung. Sie nimmt dem Denkmal keine Bedeutung. Sie gibt ihm mehr davon. Der Hermann auf der Grotenburg ist dann kein bronzener Parteigänger einer späten Fraktion, sondern ein Fallbeispiel dafür, wie Europa seine Antike las, wie Gelehrte aus römischen Texten germanische Helden bauten, wie das 19. Jahrhundert daraus Nationalpädagogik machte und wie das 21. Jahrhundert diese Schichten wieder sichtbar machen kann.
Der Kyffhäuser als europäische Fassung eines Reichsmythos
Auch der Kyffhäuser ist mehr als ein wilhelminisches Selbstbild. Natürlich steht dort Kaiser Wilhelm I. im Zentrum eines nationalen Reichsnarrativs. Natürlich spricht die Anlage die Sprache des späten 19. Jahrhunderts. Doch die Architektur greift eine viel ältere Imagination auf: das Reich als geschichtliche Fortsetzung, als Verbindung von römischer, christlicher, staufischer und neuzeitlicher Ordnung. Barbarossa ist keine thüringische Regionalfigur. Er ist eine Figur des Heiligen Römischen Reiches, Italiens, der Kreuzzüge, der Reichstage, der Konflikte mit Papst und Städten, der mittelalterlichen Europaordnung. Der Kyffhäuser ist damit ein Monument des deutschen Kaiserreichs, aber sein symbolisches Rohmaterial ist älter, wandernder, europäischer.
Die Porphyr-Spur, die Weimer aufruft, ist kulturgeschichtlich besonders reizvoll. Porphyr war in der römischen und spätantiken Welt ein Herrschaftsmaterial; die venezianische Tetrarchengruppe an San Marco besteht aus rotem ägyptischem Porphyr und zeigt vier römische Herrscher der Tetrarchie. Ihre Geschichte führt über Ägypten oder Kleinasien, Konstantinopel und Venedig in einen Raum, der das Mittelmeer, Byzanz und den lateinischen Westen umfasst.
Auch im Petersdom, in der Erinnerung an Kaiserkrönungen und in den Grab- und Herrschaftszeichen der Vormoderne, ist das Purpur- und Porphyrdenken Teil eines übergreifenden Zeichensystems. Wer solche Spuren liest, erkennt: Der nationale Monumentalismus des 19. Jahrhunderts borgte sich seine Autorität aus älteren europäischen Archiven. Er baute mit Antike, Christentum, Reichsidee, Mittelalter und Renaissance. Die Nation war oft der letzte Besitzer eines viel älteren Bestandes.
Karl V. und die Mehrsprachigkeit der Macht
Man kann diesen Befund an Karl V. fortsetzen. Die berühmte Anekdote, er spreche Spanisch mit Gott, Italienisch mit Frauen, Französisch mit Männern und Deutsch mit seinem Pferd, ist als historisches Zitat unsicher; die Forschung weist auf Varianten hin, die erst später greifbar werden. Doch gerade als Anekdote verrät sie etwas Wahres über die Epoche: Herrschaft in Europa war mehrsprachig, dynastisch verflochten, territorial zusammengesetzt. Karl V., geboren 1500 in Gent, herrschte über ein Gefüge, das Burgund, Spanien, Teile Italiens, die österreichischen Erblande, das Reich und überseeische Besitzungen verband. Seine Welt war keine Nationallandschaft, sondern eine Übersetzungsmaschine.
Das Heilige Römische Reich, in dem Kurfürsten, geistliche Territorien, Reichsstädte, Fürstbistümer und dynastische Häuser um Rang und Verfahren rangen, war gewiss kein demokratisches Europa avant la lettre. Doch es war eine Schule der Mehrfachzugehörigkeit. Der Kölner Kurfürst war Erzbischof, Reichsfürst, regionaler Machtakteur, Teil eines geistlichen und politischen Zusammenhangs, dessen Horizonte nach Rom, Wien, Paris, Brüssel und in die Niederlande reichten. Gerade am Rhein lag Europa nie fern. Es fuhr auf Schiffen vorbei, kam als Zolltarif, als Besatzungsrecht, als Handelsware, als Kirchenpolitik, als Aufklärungsliteratur, als Musik und als Verwaltungsreform.
Die polyphone Bibel als Gegenbild zur Einsprachigkeit
Auch die Religion, die von nationalen Kulturkämpfern gern als Identitätsblock behandelt wird, war im gelehrten Europa früh ein Labor der Mehrsprachigkeit. Die Antwerpener Polyglottbibel, die sogenannte Biblia Regia oder Plantin-Polyglotte, wurde zwischen 1568 und 1573 bei Christoph Plantin in Antwerpen gedruckt. Acht Foliobände, mehrere Sprachen, hebräische, aramäische, syrische, griechische und lateinische Texttraditionen: Dieses Unternehmen war Theologie, Philologie, Druckkunst, Herrschaftsrepräsentation und europäische Wissenschaft zugleich.
Die Bibel, das angeblich eindeutigste Buch einer konfessionellen Welt, erschien hier als Stimmenraum. Glauben und Wissen arbeiteten über Sprachen hinweg. Das ist für die Gegenwart lehrreich. Wer Kultur auf nationale Eindeutigkeit trimmt, unterschreitet das Niveau der frühen Neuzeit. Die Aufklärung begann keineswegs erst mit modernen Sonntagsreden über Toleranz. Sie hatte materielle Formen: Druckereien, Wörterbücher, Korrespondenzen, Lesegesellschaften, Übersetzungen, gelehrte Ausgaben, Postwege, Akademien, Salons. Für das Pfingstfest eine zentrale Botschaft.
Preußen baute europäisch, bevor es national gelesen wurde
Selbst die Architektur Preußens, die später so gern als Inbegriff staatlicher Strenge und nationaler Form gelesen wurde, ist ohne ihre europäischen Import- und Übersetzungsleistungen kaum zu verstehen. Horst Bredekamp hat beim Berliner Bücherfest daran erinnert, wie sehr Andreas Schlüter beim Berliner Schloss nicht aus einem abgeschlossenen brandenburgischen Formenkanon schöpfte, sondern Rom studierte, italienische Barockarchitektur aufnahm und sie in Berlin neu disponierte. Der Schlüterhof war keine Kopie des Palazzo Madama, keine bloße Übertragung römischer Fassadenrhetorik in den Norden. Er war eine schöpferische Aneignung: Säulen, plastische Bewegung, Herrschaftspathos und räumliche Dramaturgie wurden in eine preußische Situation übersetzt.
Auch Schinkels Altes Museum steht in dieser europäischen Spannung. Gegenüber dem barocken Schloss erhebt sich eine griechisch grundierte Fassade, die im frühen 19. Jahrhundert als Verweis auf ein demokratisches Prinzip lesbar war. Preußen baute also nicht einfach „preußisch“. Es baute im Gespräch mit Rom, Florenz, Athen und den politischen Sehnsuchtsorten Europas. Wer durch Berlin geht, sieht daher keine reine Nationalarchitektur, sondern gebaute Übersetzung: Barockes Rom, griechische Polis, monarchische Repräsentation und bürgerliche Öffentlichkeit treten in ein Verhältnis, das jede völkische Engführung blamiert. Genau hier beginnt die Lektion, die später auch Goethe auf literarischem Feld erteilt: Kultur entsteht durch Aufnahme, Verwandlung und Weitergabe.
Goethe als europäischer Netzwerker
Auch Goethe eignet sich schlecht für Parolen vom deutschen Wesen. Der große Dichter war ein Katalysator für den transnationalen Dialog: Goethe nutzte Korrespondenz, Besucher, Gespräche und seine Zeitschrift „Ueber Kunst und Alterthum“, um ein gedrucktes Kommunikationsnetz durch Europa zu spannen. Weltliteratur erscheint dort als Gegenprogramm zur nationalen Verblendung, als Arbeit an Kenntnis fremder Kulturen, als Herausbildung einer europäischen Leserschaft.
Das ist mehr als eine literaturhistorische Fußnote. Goethe zeigt, dass kulturelle Größe durch Austausch wächst. Seine Weltliteratur war kein Dekor internationaler Höflichkeit. Sie war eine Methode gegen Enge. Sie verlangte, andere Literaturen ernst zu nehmen, die eigenen Maßstäbe zu prüfen, Übersetzungen als Erkenntnisinstrument zu behandeln. Goethe war dadurch ein Autor der Nationalliteratur und zugleich ihr produktiver Störenfried. Genau darin liegt seine Aktualität.
Eichhoff, der Rhein und die Vorgeschichte des Binnenmarkts
Am Rhein lässt sich die europäische Dimension politischer Kultur besonders konkret erzählen. Johann Joseph Eichhoff, 1762 in Bonn geboren und 1827 in Kessenich gestorben, war Kaufmann, Verwaltungsbeamter, Bonner Maire, Unterpräfekt und später eine Schlüsselfigur der Rheinschifffahrtsverwaltung. Das LVR-Portal beschreibt seinen Aufstieg in der französischen Verwaltungszeit und seine Reisen nach Paris für Bonner Interessen; als Sachverständiger für die Rheinschifffahrt wurde er 1814 zum Wiener Kongress hinzugezogen.
Hier liegt ein idealer Anker für das entstehende Haus der Geschichte Nordrhein-Westfalen. Dessen gesetzlicher Auftrag ist es, Entstehung und Entwicklung des Landes anschaulich zu machen; der Leitgedanke der Stiftung lautet „Demokratie, Vielfalt, Wandel“. Eichhoff würde diesen Auftrag vertiefen. Er zeigt Nordrhein-Westfalen vor Nordrhein-Westfalen: den Rhein als Verkehrsraum, Zollfrage, Verwaltungsproblem, Freiheitsversprechen und europäische Infrastruktur. Ein Ausstellungskapitel „Der Rhein macht Europa“ könnte zeigen, dass der Binnenmarkt keine Brüsseler Erfindung aus dem späten 20. Jahrhundert ist, sondern Vorläufer in Flussordnungen, Handelskonflikten, Zollabbau und Verkehrsrecht besitzt.
Das wäre zugleich eine Korrektur provinzieller Selbstbilder. Bonn, Köln, Düsseldorf, Kessenich, die kurkölnische Welt, die französische Besatzungszeit, Wiener Kongress und Rheinschifffahrt gehören zusammen. Wer Eichhoff erzählt, erzählt Bildung, Aufstieg, Verwaltung, Aufklärung, Lesegesellschaften, Beethoven-Milieu, Zollpolitik und europäische Verflechtung in einer Person. In einer Zeit, in der neue Zollfantasien wieder politische Karriere machen, wäre dieser alte Rheinbeamte plötzlich gegenwärtig.
Beethoven 2027: Mehr als Geniefeier
Auch Beethoven taugt für diese europäische Erzählung. 2027 jährt sich sein Todestag zum 200. Mal; das Beethoven-Haus Bonn verweist bereits auf Projekte im Jubiläumsjahr, etwa die Rekonstruktion seines letzten Flügels, die bis Ende 2026 fertig werden soll und 2027 erklingen kann.
Ein Bonner Konzept zu Beethoven 2027 sollte über die Feier des einsamen Genies hinausgehen. Beethoven kam aus einem Milieu: kurfürstliches Bonn, Hofmusik, Aufklärung, Lesegesellschaft, Neefe, Simrock, Netzwerke, Rhein, französische Revolution, Wiener Klassik. Eichhoff gehört in diese Umgebung als Ergänzung zum Komponisten: kein Genie des Tons, aber ein Verwaltungsdenker der Bewegung. Der eine sprengt musikalische Formen, der andere denkt Verkehrs- und Handelsräume neu. Beide stehen für ein Bonn, das um 1790 europäischer war, als manche nationale Rückschau wahrhaben will.
Denkmäler dekonstruieren heißt, sie besser lesen
Die AfD-Frage zielte auf den Verdacht, kulturelle Politik wolle Denkmäler überschreiben. Doch die bessere Antwort lautet: Man muss sie lesen lernen. Lesen heißt hier: ihre Entstehungszeit anerkennen, ihre älteren Stoffe freilegen, ihre späteren Nutzungen prüfen, ihre lokalen Milieus erklären, ihre europäischen Bezüge zeigen. Das Hermannsdenkmal bleibt ein Nationaldenkmal des 19. Jahrhunderts. Der Kyffhäuser bleibt ein Monument des Kaiserreichs. Gerade deshalb dürfen beide aus der nationalistischen Einengung herausgeführt werden.
Ein Denkmal verliert nicht an Würde, sobald es mehrere Bedeutungen trägt. Es gewinnt an intellektueller Temperatur. Der Hermann kann von Tacitus, Humanismus, Reformation, Liberalismus, Nationsbildung, Tourismus und heutiger Erinnerungspolitik erzählen. Der Kyffhäuser kann von Barbarossa, Reichsmythos, wilhelminischer Machtarchitektur, europäischer Antikenrezeption und der Frage erzählen, wie politische Ordnungen ihre Legitimität aus alten Zeichen gewinnen. Goethe, Eichhoff, Beethoven, Karl V. und die Polyglottbibel erweitern diese Linie: Kultur in Europa war selten einsprachig, selten rein national, selten abgeschlossen.
Das ist die Aufgabe einer aufgeklärten Kulturpolitik: Sie muss die Monumente weder denunzieren noch anbeten. Sie muss sie öffnen. Gegen nationale Verblendung hilft keine Geschichtsvergessenheit. Es hilft bessere Geschichte.