Über Kiosk-Anarchie, Alzheimer im Service, Gazprom und die Transparenz der Web-Giganten

Spielt die Größe eines Unternehmens eine Rolle bei der Personalisierung der Kundenservice-Leistungen? Diese Frage stellte mir Gustavo und bat mich um einen Gastbeitrag, dem ich gerne nachkomme. Seine These. Je größer eine Organisation ist, desto unpersönlicher wird der Service wegen der Standardisierung. Ausführlich nachzulesen unter: SERVICE OHNE ALZHEIMER-EFFEKTE: GROSSE UND KLEINE ORGANISATIONEN VERSAGEN BEI DER PERSONALISIERUNG IM KUNDENDIENST.

Als Beispiel könnte man den berühmten Tante-Emma-Laden oder mein Kiosk in Bonn-Duisdorf anführen. Die Inhaberin kennt meinen Namen, mein Einkaufsverhalten, meine bevorzugte Zigarettenmarke und weiß sogar einiges zu meinen Einstellungen in politischen Fragen, denn wir unterhalten uns regelmäßig ein paar Minuten über Themen, die uns zumindest im eigenen Kiez umtreiben. Zum Beispiel die Missbrauchsfälle an katholischen Schulen in Bonn.

Sie besorgte mir sogar noch die Titanic-Ausgabe mit dem Papst-Titelbild, obwohl diese Ausgabe nach einer juristischen Intervention der Kirche zurückgezogen werden musste.

So etwas nenne ich konspirative Kiosk-Anarchie. Mal schauen, ob jetzt der Vatikan-Geheimdienst in Bonn nach dem Schlupfloch fahndet. Von mir erfahren die nichts. Es gibt einige Kioske bei mir in der Gegend.

Was erwarte ich nun generell als Kunde von den Anbietern, die ich schon aus Zeitgründen gar nicht persönlich kennen kann und will? Zumindest annähernd eine Tante-Emma-Laden-Philosophie. Keine persönlichen Dialoge, sondern personalisierte Dienstleistungen. Das würde mich schon glücklich machen. Leider ist das Gegenteil der Fall. Es dominieren immer noch Alzheimer-Effekte – besonders bei Hotline-Unternehmen. Und leider ist das nach einer Umfrage der Marktforschungsunternehmen Vanson Bourne und Opinion Matters bei großen und kleinen Organisationen festzustellen.

Als Ergebnis droht den Anbietern im Kundenservice das Szenario des Ex-IBM-Cheftechnologen Gunter Dueck: „Profi-Verkauf oder Internet: Der Rest stirbt“. Ich halte das für sehr realistisch.

Beschleunigt wird das durch die Virtualisierung und das Teilen von Kundenerfahrungen in sozialen Netzwerken. Hotline-Mitarbeiter oder das Personal im stationären Handel können nicht die Expertise des Internets bieten. Dabei sind die Stärken vernetzter Services über Apps noch gar nicht ausgespielt worden, so die Auffassung von Andreas Klug vom Software-Unternehmen Ityx in Köln. Siehe auch das Bibliotheksgespräch mit Klug:

Er spricht von Applikationen, die verschiedene Dienste unter einer „Motorhaube“ vereinen – von der Lokalisierung bis zur Speicherung personalisierter Informationen. Nicht umsonst redet man deshalb von digitalen Assistenten.

Wichtig für die Personalisierung sind allerdings Vertrauen und Transparenz.

Wenn Unternehmen wie Facebook und Google mit meinen Daten lukrative Geschäfte machen, müssen sie mich wie einen Kunden behandeln und nicht wie Daten-Vieh, das sie jederzeit schlachten können.

So liegen die Web-Giganten in Fragen der Transparenz ungefähr auf dem Level von Gazprom:

„Dabei verdienen ausgerechnet diese Unternehmen mit der Transparenz ihrer Kunden ihr Geld“, kritisiert Christian Humborg, Geschäftsführer von Transparency International Deutschland.

Wenn diese Konzerne sich nicht von ihrer Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik verabschieden, wird es auch nichts mit dem lukrativen Geschäft personalisierter Dienste. Die wandern in die Apps und in die Cloud. Als Ergebnis bekomme ich einen virtuellen Concierge auf mein Smartphone und zeige den zentralistisch organisierten Plattformen die lange Nase. Soweit die Kurzfassung meines Gastbeitrages für Im-Zuge-der-Zeit.

Und nur mit dem Empfehlungsmarketing-Blabla ist noch kein Geschäft zu machen, wie Umfrage von Ipsos nachweist.

Wenn Konsumenten einen Autokauf planen, die Bank wechseln oder ein Vitaminpräparat probieren wollen, fragen sie möglicherweise Freunde, Bekannte und die Familie um Rat. Doch nur 29 Prozent der Deutschen vertrauen einem Produkt oder einer Serviceleistung mehr, wenn sie dafür eine Empfehlung aus diesen Kreisen bekommen haben. Jüngere Befragte (unter 35 Jahre) sind für derartige Tipps allerdings mit 39 Prozent überdurchschnittlich empfänglich. In den USA (46%), Kanada (47%) oder auch Russland (46%) setzt man bei Kaufentscheidungen doch deutlich stärker auf Empfehlungen des sozialen Umfeldes, Franzosen (26%), Japaner (27%) und Araber (27%) sind da eher zurückhaltend.

Plussen und Liken könnte sich zu einem hohlen Bekenntnis entwickeln, wenn Google und Facebook nicht endlich in ihrer Geschäftspolitik die Hosen runterlassen. Transparenz, liebwerteste Konzern-Gichtlinge, ist keine Einbahnstraße.

Digitale Ignoranten, arbeitslose Markenbotschafter und die Macht der Konsumenten #SMICS

Um die Vernetzungseffekte der App-Economy, den Trend zum mobilen Internet, die Ökonomie der Beteiligung über soziale Netzwerke und die Ausrichtung auf vernetzte Kunden richtig zu organisieren, sollten Unternehmen vielleicht dem Beispiel von Starbucks folgen und in ihren Vorständen einen Chief Digital Officer aufnehmen. Das schlug jedenfalls der amerikanische Management-Berater Brian Solis auf der Microstrategy-Fachtagung in Amsterdam vor. Ob das bei den liebwertesten Betonkopf-Gichtlingen in deutschen Unternehmen etwas ändern würde, kann ich nicht sagen: Unternehmen, die Investitionsentscheidungen nur auf Basis eindeutiger Quantifizierungen von Marktpotenzial und Renditeabschätzungen treffen, sind bei disruptiven Innovationen wie gelähmt oder machen entscheidende Fehler.

Eines ist absehbar: Organisationen, die mit vernetzten Kunden und Wählern nicht Schritt halten, werden vom Markt verschwinden. Nachzulesen in meiner heutigen Kolumne mit dem Titel: ÜBER DIE VERSCHLAFENHEIT DER DIGITAL IGNORANTS. Und auch in meiner gestrigen Kolumne für Service Insiders: Perfekte Anpasser: Wie Apps die Wirtschaft verändern.

Das prognostizierte übrigens auch Professor Scott Galloway auf der SMICS-Pressekonferenz:

Später dann ausführlich in seiner Keynote.

Und was das mit der Macht der Verbraucher zu tun hat, erläutert auf der Pressekonferenz Karl-Heinz Land, Chief Evangelist von Microstrategy:

Alle Videos und Interview der SMICS in Amsterdam findet man übrigens hier:

Warum die Firmen-Chefetagen die App-Economy verpennen

In Vorbereitung meiner morgigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders habe ich ein Interview mit Professor Lutz Becker von der Karlshochschule über die App-Economy geführt:

Musikmanager, Tourismus-Anbieter, Videotheken-Besitzer, Verleger oder Taxizentralen behaupten solche Abwehrargumente nicht mehr: Die von Apple-Gründer Steve Jobs geschaffene App-Economy pflügt derzeitig eine Vielzahl von Branchen um. Der iPhone-Marktstart am 9. Januar 2007 wird nach Ansicht von Professor Lutz Becker als Beginn einer neuen disruptiven Innovationswelle in die Technologie-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte eingehen:

„Mit dem iPhone kamen die Apps. Glaubt man den Prognosen von Forrester Research, wird das kombinierte Geschäft für mobile Anwendungen, Services und Business-Management im Jahr 2015 ein Volumen von knapp 55 Milliarden US-Dollar erreichen“, schreibt Becker gemeinsam mit Friederike Schmitz in dem Sammelband Informationsmanagement 2.0 (im symposion-Verlag erschienen).

Das App-Prinzip wirbelt die Kräfteverhältnisse von etablierten Wirtschaftsgrößen kräftig durcheinander, etwa die Personenbeförderung:

„Drückt man einen Knopf auf meinem iPhone, fährt einige Minuten später ein Taxi vor – eine Entwicklung, diese Voraussage darf man wagen, die die Branche auf Dauer verändern und zu Konzentrationsprozessen führen wird“, erläutert Becker.

Entscheidend ist die Kombinatorik von unterschiedlichen Diensten, die der Kundenservice des analogen Zeitalters so nicht vornehmen konnte.

„GPS, Apps und andere Gadgets machen Geschäftsmodelle möglich, die die bestehenden Paradigmen nicht nur in Bezug auf Markt und Wettbewerb, sondern auch auf Wertketten und Organisation im Unternehmen über den Haufen werfen – und wir stehen erst ganz am Anfang“, betont Becker. Wichtig ist vor allen Dingen die Immaterialität, mit der bestehende Grenzen eingerissen werden. Warum soll ich denn noch in die Videothek marschieren, um mir eine DVD auszuleihen, wenn die Apple-TV-Box am Fernseher alles Nötige bietet und sogar über das bestehende Angebot hinaus geht – wie Vorschau, Suchfunktionen oder längere Mietzeit. Die App-Economy, so Becker, lässt traditionelle Industrieprodukte und Dienstleistungen smart werden.

In Blogs gab es schon Reaktionen auf das Becker-Interview. So schreibt Helfried Schmidt vom PT-Mittelstandsmagazin:

Was Becker im Gespräch mit Sohn erläutert, lässt sich so zusammenfassen: Die App-Ökonomie läutet eine weiteren Evolutionsstufe in der globalen kollaborativen Arbeitsteilung ein. Sie wirkt als Chancengenerator.

C. K. Prahalad und M. S. Krishnan hatten in ihrem 2009 erschienenen Buch „Die Revolution der Innovation. Wertschöpfung durch neue Formen in der globalen Zusammenarbeit“ die Entwicklung der globalen Ökonomie mit einer frappierend einfachen Formel beschrieben: N = 1 und R = G. Darin verbirgt sich ein neues Modell der Wertschöpfung, das dem des Industriezeitalters diametral entgegengesetzt ist. Der einzelne, mündige Mensch steht nunmehr im Mittelpunkt, nicht die anonyme Verbrauchermasse. N=1 bedeutet die Dominanz individueller Kundenerfahrung. R=G bedeutet, dass beim Umsetzen dieser Dominaz in Geschäftsmodelle die Ressourcen im Gegensatz zu früher globalisiert sind. Das ist exakt das Gegenteil von dem, was zu Zeiten von Henry Ford galt.

Die App-Ökonomie wird das Verhältnis von Stakeholdern und Shareholdern weiter umkehren. Künftig dominieren Menschen am Markt gegenüber dem Kapital. Wir gehen auf eine Möglichkeitsökonomie zu, in der der Kunde nicht mehr „betroffener“ Verbraucher ist (der vom Staat vor Willkür geschützt werden muss), sondern ein in seinen Möglichkeiten „entfalteter“ Bürger. Die App-Ökonomie fördert die Persönlichkeits- und Freiheitsentfaltung des Menschen wie nie zuvor.

Doch zuviel Freiheit macht Angst. Das geht nicht nur Tieren so, die nach einem Leben hinter Gittern trotz offener Käfigtür häufig den Zoo nicht verlassen. Das geht auch den Menschen und den Unternehmen so, für deren Marketingfachleute Social Media immer noch eher eine unbeeinflussbare Störgröße darstellt. Freiheit will eben gelernt sein.

Diese Entwicklung wird auch den Umgang mit Plänen, Planungen und Controllingillusionen verändern. Früher wurde versucht, bei Abweichungen vom Plan die Wirklichkeit neu zu bewerten und an den Plan anzupassen. Künftig werden Pläne als Instrumente begriffen, die Abweichungen produzieren, aus denen man lernen kann, meint Lutz Becker und fordert zum Umdenken auf: „Die meisten Unternehmen haben große RIsikomanagementabteilungen, aber kaum eines hat ein Chancenmanagement.“

Soweit Helfried Schmidt.

Und Marketingprofessorin Heike Simmet bringt einen Blogpost mit der Überschrift: Kundenservice auf dem Weg in das Outernet: Willkommen in der Augmented Reality.

Software kann heute Informationen semantisch verarbeiten. Sie versteht somit den Kontext einer Information. Kundenservice kann durch die Nutzung der Kontextinformation Ort, Zeit und Benutzerprofil für einen deutlich individuelleren Kundenservice sorgen, der nicht nur für Kundenzufriedenheit, sondern zu Kundenbegeisterung im Sinne des Customer Experience Managements (CEM) an allen Touchpoints des Kundenkontaktes führen kann. Ein Kundenbedürfnis nach Service lässt sich sogar bereits im Vorfeld erfassen. So ergibt die Information verspäteter Flug in Verbindung mit der Ticketbuchung und dem aktuellen Benutzerprofil die Chance, dem Kunden automatisch passende Informationen über alternative Verbindungen und Anschlüsse mit anderen Verkehrsmitteln auf das Smartphone zu übermitteln und auf diesem Wege zu einer individuellen Problemlösung für den Kunden beizutragen.

Und etwas später schreibt Simmet:

Die Verbreitung von Mobile Web Applikationen und die selbstverständliche Nutzung von Smartphones lassen in der neuen Web Economy umfassende Serviceleistungen, die jederzeit und an jedem Ort abrufbereit sind, in Zukunft zu einer Voraussetzung eines qualitativ hochwertigen Kundenservices werden. Gerade für die Zielgruppe der Kinder und Jugendlichen ist die konsequente Integration dieses Kommunikationskanals mittlerweile eine Basisvoraussetzung für das Zustandekommen von Kundendialogen.

Und Marketingfachmann Harald Henn gibt zu Protokoll:

Die Pferdedroschken Besitzer haben die Bedeutung des Automobils unterschätzt, die Maler die Bedeutung der Fotografie, die Drucker die Bedeutung des Internet, usw. Der jetzigen Generation an Management und IT-Verantwortlichen fehlt die Vorstellungskraft und der Mut, sich eine App-Welt zu denken. Im Weltbild einer zentral gesteuerten IT Landschaft haben Satelliten-Anwendungen, die sich verselbständigen – noch – wenig Platz.

Die Wirklichkeit im Markt und bei den Kunden schreitet viel schneller voran als die IT-Wirklichkeit in den Unternehmen. Das ist eine völlig ungewohnte Situation für die Unternehmen. Und dabei stehen wir erst am Anfang. Die Verbindung der unterschiedlichen technischen Möglichkeiten – augmented reality – eröffnet völlig neue Perspektiven. Und die Entwicklung wird exponentiell voranschreiten; so wie dies in anderen Märkten in der Vergangenheit auch bereits geschehen ist.

Weitere Meinungen zu den Thesen von Becker? Dann per Mail schicken an: gunnareriksohn@gmail.com. Oder die kleine Blogparade fortsetzen. Reaktionen benötige ich bis heute Abend. Kolumne werde ich heute abgeben, da ich morgen zum Social Commerce-Kongress nach Amsterdam fahre.

Siehe auch:

Laienspieler in der App-Economy: Warum Firmen ihre Kultur fürs Mobile Business ändern müssen.

Abstürzende Applikationen: Die Kehrseite der App-Economy – Chip Online startet Testreihe.

App-Economy: Marketinggeschwafel statt Kundendialog.

Umsätze oder Geräte-Zoo? Über den zerstückelten Android-Markt und eine Empfehlung an Microsoft, Apple zu kopieren

In meiner Dienstagskolumne bin ich ausführlich auf das Interview mit Ralf Rottmann von grandcentrix eingegangen. Schwerpunkt war für Service Insiders natürlich die App-Landschaft für Kundendialoge. Abstürzende Applikationen, Fehlanzeige bei Service-Apps und überforderte Entwickler, die mit irgendwelchen Tools ihre Kunden in die mobile Welt heben wollen. Es gibt sehr viel Schrott auf dem Markt der mobilen Applikationen, kritisiert Rottmann:

„Man sieht, wie sich die Entwicklungen der 80er und 90er Jahre wiederholen. Jeder kann leicht auf den App-Zug aufspringen und super leicht Entwickler werden. Wie man bei GeoCities damals blinkende einfache Webseiten gesehen hat, weil das eine einfach zugängliche Technologie war, sieht man es heute bei Apps.“

Da seien sehr viele Laienspieler am Werk. Gleichzeitig führe dieser vermeintliche Goldrausch auch dazu, dass jeder erst einmal auf den Zug aufspringt.

„Es werden oft irgendwelche Apps in den Store geschoben, in der Hoffnung den nächsten Millionen-Seller entdeckt zu haben. Die Erfahrung zeigt, dass das so nicht funktioniert. Es sind Softwareentwicklungsprojekte und es gelten die gleichen Mechaniken und Mechanismen wie bei der ganz normalen und klassischen Softwareentwicklung auch.“

Wenn es um anspruchsvolle Aufgaben für den Unternehmensalltag geht, bietet die App-Economy noch nicht sehr viel. Netzexperten sehen hier Änderungsbedarf: „Big Data”, „Mobile” und „Social” erfordern nach Auffassung von Karl-Heinz Land, Chief Evangelist & Senior Vice President Social iCommerce bei MicroStrategy, ein neues Denken der Manager. Soweit der kleine Auszug aus meinem gestrigen Artikel. Das Rottmann-Interview hat aber noch weitere interessante Inhalte aufzuweisen.

Einen App-Experten darf man natürlich nicht verlassen, ohne auf iOS und Android einzugehen. Ich hatte ja schon mal kritisch angemerkt, dass Statistiken über den Smartphone-Markt etwas differenzierter ausgewiesen werden sollten. Hinter iOS steckt immer ein Apple-Gerät, hinter Android ein Geräte-Zoo. Und genau hier sehe ich die Schwäche des Android-Marktes. Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangt auch Rottmann.

iOS versus Android

„Es ist ja bekannt, dass iOS-Nutzer kauffreudiger sind und für Inhalte eher Geld bezahlen wollen. Das liegt mit Sicherheit auch an der Einfachheit von iTunes und man nicht umständlich Google Wallet oder PayPal braucht. Die reine Marktanteilsdiskussion ist falsch. Es sagt nur aus, dass mehr Leute Android-Geräte haben als iPhones.“

Was wirtschaftlich am erfolgreichsten funktioniert, könnte man nicht gleichsetzen mit der am weitesten verbreiteten Technologie-Plattform. Die Fragmentierung im Android-Markt wirke sich wirtschaftlich negativ auf den Umsetzungsprozess aus.

„Wenn ein Kunde heute sagt, baut mir eine Anwendung für Android und wir das von 2.2 bis 4.0.4 Unterstützen, dann wird es teurer als iOS. iOS fängt gerade auch an zu fragmentieren, aber natürlich nicht in dem Umfang. Apple hat auch eine Aufgabenstellung, die einfacher ist. Die sind nicht unbedingt schlauer. Durch die sehr kontrollierte Hardwaresituation hat Apple es leichter“, so Rottmann.

Die Android-Hersteller würden eigene Oberflächen, Hardwareknöpfe und sonstige Abwandlungen entwickeln. Das gehe zu Lasten der Nutzerfreundlichkeit. Beim neuen mobilen Betriebssystem von Microsoft sei die Problematik ähnlich: „Meine Prognose, Microsoft kauft Nokia und kopiert das Apple-Modell“, erklärt App-Experte Rottmann.

Warum Microsoft Nokia kaufen sollte

Bislang gibt es kein mobiles Endgerät für das kürzlich von Microsoft vorgestellte Betriebssystem und es ist damit zu rechnen, einen ähnlichen Geräte-Wildwuchs zu erleben wie auf dem Android-Markt. Siehe: Apollo 8 von Microsoft: Houston, wir haben immer noch ein Problem – Endgeräte.

Deshalb plädiert Rottmann dafür, dass Ökosystem von Apple zu kopieren.

„Apple kopiert auch von sehr erfolgreichen Modellen. Vom Design bis zu allem anderen. Niemand diktiert Microsoft, was sie in der Telfonie und im Mobile Business machen müssen. Bis sie das übertragen haben und zuerst einmal in einem Android-Modell agieren, ist es okay. Vielleicht haben sie den Mut und sagen, wir machen das nicht mehr. Wir bauen in Zukunft eigene Windows-Phones und kaufen dafür Nokia. Dann hat das eine echte Chance“, spekuliert Rottmann.

Wie der Social TV-Markt funktionieren könnte, erläutert Rottmann am Schluss des Interviews. Da er seine Thesen auf dem Social Commerce-Kongress in Amsterdam vortragen wird und ich mir das am ersten Tag anhören werde, greife ich das heute nicht auf. Mehr dazu in der nächsten Woche. Der Kongress findet am 10. und 11. Juli statt. Hier geht es zur Facebook-Seite des Kongresses.

Interviews werde ich auch in Amsterdam führen. Wer dort ist und Interesse an einem Gespräch hat, kann sich ja im Vorfeld bei mir melden: gunnareriksohn@gmail.com

Interessant auch:

Facebook: Timeline von Facebook Seiten ab 10. Juli auch für Mobile Geräte.

Twitter demontiert seine Plattform, weil es sich dies leisten kann.

Hier noch ein Geräte-Zoo: Intel mit über 20 Windows 8 Tablets auf der IFA 2012.

Über den expandierenden App-Markt, überforderte Entwickler, IT-Zombies, Social TV und die Frage, warum Microsoft Nokia kauft!

Nach der Halbfinalniederlage kann man sich jetzt wieder den wichtigen Dingen im Leben widmen. Ich hätte gestern besser das Interview mit dem App-Experten Ralf Rottmann, CTO von Grandcentrix in Köln, in den Abendstunden führen sollen.

Aber egal. Seine Thesen zum expandierenden App-Markt, zum zersplitterten Android-Geräte-Zoo, zur Frage der abstürzenden Applikationen, zu Service-Apps, zur möglichen Mobile-Strategie von Microsoft (Ökosystem wie Apple durch Kauf von Nokia), zu überforderten CIOs im Umgang mit dem Mobile Business und zum Hype um Social TV sind so spannend, dass ich jetzt wieder frohen Mutes an die Vorbereitung meiner nächsten Dienstagskolumne für Service Insiders gehen kann.

Wer also bis Montag etwas Zeit aufbringt, um sich das vierzigminütige Youtube-Gespräch anzuschauen und mir seine Sicht der Dinge schildern möchte, ist wieder herzlich eingeladen. Bis Montagabend benötige ich dann Statements, die sich auf die Thesen von Ralf Rottmann beziehen (per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com). Ralf wird übrigens seine Sicht der Dinge auf der Social Commerce-Fachtagung in Amsterdam vortragen, die vom 10. bis 11. Juli in Amsterdam stattfindet.

Siehe auch:

Sprech-Blase: Kunden im Netz, in den Apps und im Social Web: Sie alle wollen Ansprache und direkten Service von Unternehmen. Doch die stellen oft auf Durchzug. Wie es anders geht, zeigt ein erfolgreicher PC-Hersteller.

App-Economy: Marketinggeschwafel statt Kundendialog.

Die Thesen von Rottmann zum Android-Markt kann man sehr schön abgleichen mit: Google geht “all in” bei der I/O 2012 Keynote und reisst die Innovations-Krone an sich.

Apollo 8 von Microsoft: Houston, wir haben immer noch ein Problem – Endgeräte

„Windows Phone 8: Microsoft holt deutlich auf“, mit dieser Behauptung titelt das Magazin t3n die Vorstellung des neuen mobilen Betriebssystems „Apollo 8“ von Microsoft. Windows Phone-Chef Joe Belfiore präsentierte auf der Windows Phone Summit in San Francisco „allerhand neue Funktionen“. Toll. Eine der größten Neuigkeiten: Windows Phone 8 habe im Code kaum noch Ähnlichkeit mit der aktuellen Windows Phone-Version. Und da kommt auch schon der Wermutstropfen:

„Diese Tatsache bedeutet allerdings auch, dass Windows Phone 7 nicht auf die neue Version updatefähig ist. Damit wird nun endgültig bestätigt, was seit Wochen durch die Medien kreiste: kein Windows Phone 8 für derzeit auf dem Markt befindliche Geräte – auch nicht für das Nokia Lumia 900.“

Dingdong. An dieser Stelle hätte ich mir dann schon noch ein paar weitere Anmerkungen geleistet. Stattdessen kommt die Beruhigungspille für das so hochgelobte Lumia 900: Es sei eine Alternative in Arbeit, mit der eine Vielzahl der Funktionen auch auf dem Nokia Lumia 900 und Lumia 800 und Geräten anderer Hersteller wie dem HTC Titan und dem Samsung Omnia M laufen werden. Windows Phone 7.8 „soll“ einige Funktion und den neuen Homescreen mit sich bringen. Das ist doch dann wieder eine Behauptung. Vorgestellt wurde die Version 7.8 auf den besagten Endgeräten wohl nicht.

Wie kann also die Featurismus-Orgie, die in dem t3n-Artikel folgt, irgendeine Relevanz haben? Beispiel:

„Mit der neuen Windows Phone Version lockert Microsoft die strengen Hardwarevorgaben und ermöglicht Herstellern endlich auch Prozessoren mit mehreren Kernen zu nutzen, um regelrechte ‚Superphones‘ zu bauen.“

Kann ja sein. Das könnte möglich sein. Abwarten. Tee trinken. Und erst dann im Superlativ schreiben, wenn die ersten Superphones das Licht der Öffentlichkeit sehen. Warum wird hier eigentlich nicht konsequent im Konjunktiv geschrieben.

Weiteres Beispiel:

„Microsoft hat neben diesen neuen Features darüber hinaus angekündigt, dass mit dem neuen Windows Core eine Welle an neuen, tollen Apps hereinschneien wird.“

Könnte, liebe Freunde. Eine Welle an neuen, tollen Apps. Ja wat denn? Abwarten. Tee trinken. Zurücklehnen. Schauen, ob das einschlägt oder nicht und dann ein Urteil abgeben. Denn, liebe t3n-Redaktion, Ihr habt das doch selbst bemerkt:

„Um was es sich genau handelt, wurde noch nicht verraten.“

Ach was. Das ist so präzise wie der Schluss des Artikels:

„Abschließend positiv zu bemerken ist, dass Microsoft sich wieder eine Reihe spannender Hersteller ins Boot geholt hat, die Windows Phone 8 von Anfang an unterstützen. Zu ihnen gehören natürlich Nokia (boah, das überrascht jetzt aber wirklich, gs), aber auch der chinesische Hersteller Huawei (die sind mittlerweile fast überall dabei, gs), der in Europa mit seinen Smartphones einen Fuß an die Erde bekommen möchte, sowie Samsung und HTC. Als Chiphersteller ist Qualcomm mit im Boot, der für die nächste Smartphone-Generation schnelle SoCs bereitstellen will. Im Herbst dieses Jahres dürfen wir uns auf neue Modelle freuen, die ein Betriebssystem an Bord haben, das auf den ersten Blick auf den Funktionsumfang auf Augenhöhe mit den Platzhirschen Android und iOS ist.“

Also: Auf den ersten Blick ist die Apollo-Mission von MS auf Augenhöhe mit den Platzhirschen (übrigens wieder eine Behauptung). Warum soll ich mich denn aus meiner iOS-Welt lösen? Ob die Hersteller eine Feinabstimmung auf das Betriebssystem von Microsoft hinbekommen oder nicht, ob das mit weiteren Endgeräten harmonisiert, ob das Design und die Funktionen aus einem Guss sind, liegt nicht in der Hand von Microsoft. Und genau hier sehe ich immer noch die Schwäche der Apple-Konkurrenten. Es mag ja die Schraubenzieher-Bastler-Fraktion nach wie vor abstoßen, Steve Jobs „Theorie vom Gesamtprodukt“ ist nach wie vor ein klarer Vorteil für die Ausbreitung von iOS-Geräten.

Apple ist eben von der Idee getrieben, an Einfachheit und nicht an Komplexität zu arbeiten.

Das sei nur möglich, wenn man den Zugriff auf die primären Technologien hinter den Produkten hat, so Udo Nadolski vom IT-Beratungshaus Harvey Nash:

„Ein gut funktionierendes Produkt kann nicht gelingen, wenn Software und Hardware nicht zusammenspielen. Alles, was Apple auf den Markt bringt, entsteht durch ein holistisches Konzept und der völligen Abkehr von der klassischen Produktentwicklung.“

Im Unterschied zu Microsoft und Google habe Apple eine klare „Theorie vom Gesamtprodukt“, erläutert Jay Elliot, ehemaliger Senior Vice President von Apple: Wer mit technischen Produkten Erfolg haben wolle, sollte die Hardware und die Software entwickeln. Hier liege die Schwäche von Open-Source-Produkten. Zu einem ähnlichen Urteil kommt der Schweizer Innovationsberater Bruno Weisshaupt: Hardware bleibe für die Kundenbindung nach wie vor wichtig. Das stelle Apple jeden Tag unter Beweis. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration von Endgeräten und Anwendungen.

„Nicht nur Apps regieren die Welt. Man braucht auch ein physisches Gesicht gegenüber den Kunden.“

Deshalb beeindruckt mich die Apollo-Featurismus-Gala überhaupt nicht. Was sich am Markt letztlich durchsetzen wird, kann ich nicht sagen.

Die Herausforderungen beschreibt der „Radical-Brand“-Vordenker Vilim Vasata: „Einfachheit ist die Konzentrierung von Intelligenz. Das Konzept der Einfachheit entspringt den Wechselbeziehungen der Vielfalt. Es wird nur dann wirksam, wenn die ganze Planung und Durchführung, jedes Gefühl und jede Leistung auf ein Ziel ausgerichtet sind.“ Einfachheit sei Wirksamkeit.

Zu Einfachheit und Featurismus hatte ich vor knapp zwei Jahren ein interessantes Interview mit einem Marketing-Manager von Microsoft für eine Titelstory der absatzwirtschaft.

Noch mal zur Erinnerung, was er sagte:

Der Erfolg der Apps für Smartphones zeige sehr deutlich, dass man in der IT-Branche neue Geschäftsmodelle nur über den Nutzen etablieren kann und nicht über das Formulieren und Transportieren von technischen Features, so Oliver Kaltner, Country Manager Entertainment & Devices bei Microsoft Deutschland und ehemaliger Geschäftsführer der Sony Deutschland GmbH.

Der „Erotikfaktor“ eines Betriebssystems wie Windows 7 sei relativ bescheiden: „In der Vergangenheit haben wir dazu tendiert, ein Betriebssystem wie ein Betriebssystem zu vermarkten, nämlich über technische Features. Bei Windows 7 haben wir uns deshalb mit der Firmenzentrale in Redmond auf zwei Strategieaspekte verständigt. Nummer eins: Wir zeigen nicht alles auf, was Windows 7 kann, sondern konzentrieren uns auf vier einfache Botschaften. Windows 7 macht Deine Maschine schneller, gibt Dir eine bessere Struktur mit einer intuitiven Benutzeroberfläche, macht Dein System sicherer und richtet Dir das Betriebssystem nach Deinen Wünschen ein. Nummer zwei: Wir lassen diejenigen über die vier Botschaften sprechen, die am Ende des Tages das Produkt auch nutzen“, erläutert Kaltner.

Aber was ist denn von Windows 7 nun wirklich übrig geblieben? Im Sommer des nächsten Jahres sollten wir Bilanz ziehen und uns an die Weissagungen von t3n erinnern. Oder welche Meinung habt Ihr? Greife das Thema gerne noch einmal in meiner nächsten Kolumne für Service Insiders auf. Statements brauche ich dann bis Montag. Am besten an die schon bekannte E-Mail-Adresse: gunnareriksohn@googlemail.com

Siehe auch:

Lacher: iPad-Vorstellung vs. Surface-Vorstellung

Microsoft stellt Windows Phone 8 offiziell vor.

#WWDC12-Keynote von Tim Cook auf Youtube und Betrachtungen zur App-Economy

Und wenn man sich schon mit den jüngsten Erfolgszahlen im App-Ökosystem von Apple beschäftigt, neben den sonstigen Höhepunkten der WWDC in San Francisco, sollte man sich auch mit der Kehrseite auf Seiten der Wirtschaft auseinandersetzen: Die digitale Servicewüste: Anti-Mücken-Töne statt Kundendialog in der App-Economy.

„Bei Unternehmen ist dieses Thema unterentwickelt, weil das Ganze nur unter Marketing- und Verkaufsaspekten vorangetrieben wurde. Es geht um Markenbekanntheit, Unterhaltung, Lifestyle, Transaktionen oder nette Produktvideos. Man will Emotionen auslösen und interessiert sich weniger für den Dialog mit Kunden. Und dann kommt der große Bruch. Es gibt fast keine Möglichkeiten, aus der App direkt Services zu nutzen. Service-Apps haben noch überhaupt keinen Stellenwert im Mobile Business. Sie tauchen auf der Landkarte gar nicht auf“, sagt Genesys-Manager Heinrich Welter.

Die App-Economy wird immer noch nicht als relevantes Thema für die Unternehmensorganisation gesehen. Da braucht man sich über abstürzende Apps nicht wundern. Apps werden in der Regel innerhalb weniger Monate entwickelt und landen dann als zertifizierte Software in den Shops. Danach alle paar Monate ein Update. Prinzip „Eternal Beta“. Kostendruck und Innovationsrate sind hoch.

Abstürzende Applikationen: Die Kehrseite der App-Economy – Chip Online startet Testreihe

Wenn Apps auf dem Smartphone oder Tablet abschmieren, ist das ärgerlich und nervig. Bei meinem Rennspiel bin ich schon des öfteren in entscheidenden Momenten meiner Fahrer-Karriere aus der Bahn geworfen worden, obwohl ich wie der klare Sieger aussah. Nervig – aber ohne weitere Konsequenzen. Nur der Weg zum Profistatus dauert halt länger. Was passiert aber, wenn Apps von Vertriebsmitarbeitern genutzt oder für die medizinische Fernüberwachung eines Patienten eingesetzt werden. Das kann richtig Ärger geben oder sich sogar lebensbedrohlich auswirken (wenn bei einem Herzkranken Vitalfunktionen überwacht werden sollen). Chip Online hat jetzt eine höchst sinnvolle Aktion gestartet. Sie will Apps im Testlabor von Nash Technologies überprüfen lassen – Chip-Leser können Vorschläge machen, welche Applikationen in den Härtetest gehen sollen.

Die Probleme hat Chip skizziert:

• Funktionen verschwinden beim Übergang von Mobile zu WLAN und vice versa, selbst wenn man das Handy zwischendurch ausgemacht hat. D.h. man wartet minutenlang und nichts passiert.
• Handover auf der Autobahn: Apps bleiben einfach hängen (d.h. sie frieren ein) oder stürzen ohne erkennbaren Grund ab.
• App-Nutzung in Gebieten mit wenig Bandbreite oder dem Übergang von hoher nach niedriger Bandbreite: Apps frieren ein oder stürzen ab.
• Man fährt mit seinem Smartphone in ein anderes europäisches Land und erlebt sowohl bei der Performance der App als auch später beim Empfang der Rechnung sein blaues Wunder.

All das seien Alltagserfahrungen, selbst mit einem iPhone, wo man sich doch eine ganz andere Stabilität erhofft hatte. „Diese Effekte treten auf bei Netzübergängen, hohem Datenverkehr, niedriger oder schwankender Bandbreite, unzuverlässigen Datenverbindungen, und ähnlichem auf“, so Dirk Zetzsche, Director bei Nash Technologies, gegenüber Chip Online. Die Crux liegt für ihn darin, dass diese Alltagserfahrungen eben nicht in einem klinisch reinen Standard-Testlabor mit WLAN oder USB-Kabel verlässlich reproduzierbar gemacht werden können:

„Bei kostenlosen oder sehr günstigen Apps drücken die Anwender vielleicht noch ein Auge zu, wenn die App versagt, aber bei höherwertigen Diensten und Apps bezahlen die Firmenkunden gutes Geld und wollen dafür auch Leistung sehen, zu recht. In Anbetracht der immer noch steigenden Verbreitung von Smartphones und der Abkehr von RIM hin zum iPhone im Geschäftskundenumfeld, ist das aber ein aktuelles Thema“, so Zetzsche.

Eines der Hauptprobleme: Apps werden in der Regel innerhalb weniger Monate entwickelt und landen dann als zertifizierte Software in den Shops. Danach alle paar Monate ein Update. Prinzip ‚Eternal Beta‘. Der Kostendruck sei nach Erfahrungen von Zetzsche enorm und die Innovationsrate hoch. Die App Stores scheinen in den Himmel zu wachsen:

„Und jetzt steckt man schon mitten im Dilemma, denn nützliche Software hat eine notwendige Mindestkomplexität. Hier ist es mit vertretbarem Aufwand gar nicht möglich, alle Fehlerfälle abzudecken. Dies gilt umso mehr, als Apps nicht im luftleeren Raum existieren, sondern komplexe Wechselwirkungen mit anderen Softwarekomponenten haben, mit Betriebssystemfunktionen, Kommunikations-Systemen und anderem. Hier treten viele Fehlerszenarien auf, die man als App-Entwickler gar nicht auf dem Radar haben kann, weil man nur das API benutzt, aber nicht die Interna hinter der Programmierschnittstelle API kennt“, weiß Zetzsche.

Das ist wohl generell ein unterschätzter Faktor der Vernetzung. Mobile Services müssten genau so robust sein wie wir es von der Festnetz-Telefonie gewöhnt sind. Dort bricht die Leitung auch nicht einfach zusammen, wie wir es beim mobilen Surfen im Internet immer noch erleben. So müssen medizinische Anwendungen so robust und smart konzipiert sein, dass sie auf schwankende Verbindungsqualität reagieren können. Nur ein Beispiel von vielen.

Bei der neuen Testreihe können sich CHIP Online-Leser beteiligen. Erste Tests könnten folgende Themen beleuchten:

„Vergleich der Apps-Gruppe QuickOffice, ZoHo Mobile, GoogleDocs und Apple iWork. Verhalten von Business-Apps beim Upgrade. Multitasking – welche App versagt, wenn der Kunde anruft. Geschäftstaugliche Cloud-Apps im Up- und Download. Logistik – welche Profi-Navi-Apps halten auf dem Land und auf Langstrecken durch. Raus damit, welche App macht Ihnen beruflich die meisten Sorgen? Welche ist nach einem Update abgestürzt und welche spielt auch bei perfekter Netzabdeckung verrückt? Schreiben Sie uns unter b2b(at)chip.de Wir starten sofort“, so Chip Online.

Bin gespannt auf die Ergebnisse. Meine Rennspiel-App kann ich wohl nicht vorschlagen?

Digitales Stelldichein im Kanzleramt: Was Deutschland braucht, ist ein Tipping Point im Denken!

Während die übereifrigen staatlichen Datenschützer nichts anderes zu tun haben, als Website-Betreiber mit saftigen Bußgeldern zu drangsalieren für den angeblich nicht rechtskonformen Einsatz des Trackingstools Google Analytics, macht sich Kanzlerin Angela Merkel nach einem Handelsblatt-Bericht sorgen um die mangelhafte Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Internet- und IT-Branche. Siehe auch: Merkel schart Deutschlands IT-Elite um sich.

Während wir also seit Monaten und Jahren wertvolle Zeit für dümmliche Street View-Jägerzaun-Aufgeregtheiten, Zensursula-Internetsperren, Mein-Kopf-gehört-mir-Jetzt-erst-recht-Urheberrechtskampagnen (an denen auch das Handelsblatt willfährig beteiligt ist) und Muskelspielchen der Datenschützer verplempern, wächst die Angst vor der übermächtigen digitalen Konkurrenz in den USA. Europäische oder deutsche Konkurrenz brauchen Amazon, Google, Facebook, Apple und Co. nicht zu fürchten.

Das will die Kanzlerin jetzt ändern (wie lange ist die schon im Amt? Jau, sind ja erst so runde sieben Jahre). Am Montag hat die Angela laut Handelsblatt acht Unternehmer und Investoren sowie weitere E-Business-Experten im Kanzleramt zu Gast. Ideengeber für das Stelldichein im Regierungsviertel ist Xing-Gründer Lars Hinrichs. „Anfang des Jahres hatte er bei einer Präsidiumsklausur der CDU ein kritisches Bild zur Lage der Branche gezeichnet. Seitdem (also seit Anfang des Jahres 2012, gs) treibt Merkel die Frage um, warum es in Deutschland keine Schwergewichte in der digitalen Ökonomie gibt“, schreibt Handelsblatt-Redakteur Michael Inacker. Neben der allgemeinen Diskussion wollen wohl die Firmenvertreter der Regierungschefin ein Thesenpapier mitbringen, das zentrale Punkte für eine neue Strategie im digitalen Zeitalter enthält:

– da wird dann sicherlich was über bessere Förderbedingungen gesprochen,

– über Bürokratie für Firmengründer,

– über den besseren Zugang zu Wagniskapital,

– Teilhabe an staatlichen Förderprogrammen,

– über fehlende einheitliche Rechtsnormen in Europa (dafür sorgen schon die 17 Datenschutzbehörden in Deutschland).

„Damit könnten die Unternehmer der Kanzlerin bessere Einblicke in diesen Wirtschaftszweig geben als so mancher Branchenverband – wie Hinrichs mit einem kleinen Seitenhieb auf den IT-Verband Bitkom ergänzt“, so das Handelsblatt. Letzteres kann ich sehr gut verstehen.

Aber reicht das aus? Ist das der große Masterplan? Ich kenne nicht das komplette Hinrichs-Papier. Aber das muss mehr kommen.

Ich habe mir in den vergangenen Monaten und Jahren ja schon die Finger wund geschrieben über das digitale Mittelmaß im Land der klassischen Industriepolitik. Hier nur eine kleine Auswahl:

Gutenberg-Luther-Zuse-Stephan-Effekte gegen die digitale Trägheit: Über Flughöhen und Gestern-Branchen.

Im Land der Korinthenzähler.

Über allen IT-Gipfeln ist Ruh.

Schwarz-gelbes Web 1.0.

Deutschlands Innovationsbürokraten: Fangt an zu spielen!

Und was mindestens genauso wichtig ist, wie eine bessere Unterstützung der Startup-Szene, hat Gunter Dueck in seinem Opus „Professionelle Intelligenz“ auf den Punkt gebracht: Was man jetzt in Deutschland benötigt, ist ein Tipping Point im Denken. Für einen Kulturumschwung müsse allerdings eine kritische Masse von Menschen ihre Meinung ändern:

„Wenn sich überhaupt etwas bewegen soll, muss die aufgeschlossene Menge ‚mitmachen‘“, so Dueck. Die Technologie verändere alles, unsere Berufe bekommen ein neues Gesicht. „Die Religion ist auf einem quälenden Auflösungsweg, die Politiker hängen am Gestern. Uns fehlen die Leitlinien im Umbruch und für die neue Zeit nach dem Umbruch.“

Aus Thesenpapieren erwächst noch kein Umschwung, der alle Teile von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erfasst: Dueck bezeichnet das in seiner legendären Kolumne für die Zeitschrift „Informatik Spektrum“ als kreative Intelligenz, die vom Neuen elektrisiert sei.

„Sie schafft Kunstwerke in neuen Stilen, liebt Innovation, treibt Forschung in neuen Gebieten voran. Sie ist ein bisschen verrückt. Sie versteht sich auf freies entfesseltes Denken, hat weite Assoziationen im vernetzten Denken.“

Kreative Intelligenz gebiert die grossen Ideen, ist visionär und grenzenlos. Die alte Garde der deutschen Führungskräfte reitet die alten Konzepte bis zum Zusammenbruch. Ein Fehler, dem Steve Jobs nie anheimfallen wollte. Walter Isaacson zitiert den Apple-Gründer in der von Jobs autorisierten Biografie mit folgenden Worten:

„In den meisten Fällen bleiben die Leute in diesen Mustern hängen, wie die Nadel in einer Schallplattenrille, und kommen nie wieder raus. Natürlich gibt es Leute, die von Natur aus neugierig sind, sie bleiben ihr Leben lang ehrfürchtig staunende Kinder, aber die sind selten.“

Die Merkel-Runde sollte also nicht nur über Firmengründungen reden, sondern auch über die großen Entwürfe für eine vernetzte Ökonomie. Wenn sich im Ganzen nichts ändert, darf man sich über Umfragen über Social Media-Phobien von deutschen Unternehmen nicht wundern – so mal als kleines Beispiel:

Ob diese Zahlen etwas über die Wirklichkeit aussagen oder eher ein Spiegelbild der Fragesteller sind, kann jeder selbst entscheiden. So kann man dem empirischen Konvolut der Softwarefirma Sikom eine überraschende Erkenntnis entnehmen: Der mit Abstand am intensivsten genutzte Kanal für die Kundenkommunikation ist immer noch das gute, alte Telefon. Schriftlich befragt wurden rund 65 Teilnehmer der Fachveranstaltung „Sprache ohne Grenzen 2012“, die von Sikom organisiert wurde. Das Ergebnis sei eindeutig. Mit einem Mittelwert von 1.5 liegt das Telefon an der Spitze, gefolgt von E-Mail (2.8) und der Firmenwebsite (3.4). Etwas abgeschlagen folgen das Fax (3.9), der lokale Kundenservice (4.2) und der klassische Postweg (4.6). Auf dem letzten Platz rangiert abgeschlagen Social Media (6.2).

Recht unterschiedlich sei die Einschätzung der Relevanz von Social Media als Diskussionsplattform für Kunden der jeweiligen Unternehmen.

35 Prozent der befragten Kongressteilnehmer vermuten, dass sich ihre Kunden zumindest hin und wieder via Facebook und Co. über ihr Unternehmen austauschen. Nur jeder Zehnte geht davon aus, dass dies sehr oft geschieht. 42 Prozent vertreten die Meinung, dass ihre Kunden nur selten oder sogar nie per Web 2.0 miteinander über ihre Produkte und Dienstleistungen kommunizieren. 13 Prozent haben keinerlei Vermutung, wie aktiv ihre Kunden in diesen Medien sind. Entsprechend weiß weniger als ein Drittel konkret, was in den sozialen Medien über sie gesprochen wird. Mehr als 40 Prozent können darüber nur rätseln. Ein weiteres knappes Drittel ist sich sicher, nicht darüber Bescheid zu wissen, was die Kunden auf den Social-Media-Kanälen über ihr Unternehmen sagen. Ein großer Teil der Umfrageteilnehmer stammt aus Serviceorganisationen.

Die Sikom-Miniumfrage ist sicherlich nicht repräsentativ für die deutsche Wirtschaft. Sie ist aber ein Indikator für den Zustand der Serviceangebote und dem jämmerlichen Niveau der vernetzten Ökonomie in Deutschland.

Viele Manager haben einfach keine Peilung, was ihre Kunden im Netz machen und wie sie sich die Kommunikation mit Unternehmen wünschen. Wer mit seinen Social Media-Phobien darauf verzichtet, smarte Angebote via Social Web zu machen oder Service-Apps für die mobile Kommunikation zu etablieren, kann doch nicht behaupten, dass das Telefon noch hoch im Kurs steht. Aus Mangel an Alternativen bleibt einem nichts anderes übrig, sich den Hotline-Warteschleifen auszusetzen. Ausführlich habe ich das für meine Aufreger-Kolumne in Absatzwirtschaft-Online geschrieben. Erscheint hoffentlich in den nächsten Tagen. Ist schon heute online: Social-Media-Phobie verhindert Wahlfreiheit auf Kundenseite oder: Wenn nicht sein kann, was nicht sein darf!

Aber was denkt Ihr? Was sollte man Angela Merkel am Montag beim Treffen mit den digitalen Vordenkern mit auf den Weg geben? Vorschläge sollten bis Sonntag eingehen. Dann bringe ich am Montag noch eine Geschichte. Statements entweder hier als Kommentar posten oder per Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com.

Innenministerium immer noch vom Merkel-Call-Center überzeugt

Man ist im Bundesinnenministerium immer noch davon überzeugt, dass die Merkel-Hotline eine gute Sache sei. So verkündet heute das BMI in einer Presseerklärung: Einheitliche Behördennummer 115 wird gut angenommen

Text des BMI:

Im Roten Rathaus in Berlin hat heute die 2. Teilnehmerkonferenz der einheitlichen Behördennummer 115 im Regelbetrieb getagt. Vertreter der beteiligten Kommunen, Länder und Bundesbehörden haben gemeinsam den entsprechenden Lenkungsausschuss entlastet. Die IT-Beauftragte der Bundesregierung, Staatssekretärin Cornelia Rogall-Grothe, hat als Vorsitzende dieses Lenkungsausschusses den Jahresbericht 2011 vorgestellt. Daraus geht hervor, dass die 115 von den Bürgerinnen und Bürgern sehr gut angenommen wird. Eine Evaluation hat ergeben, dass das vereinbarte Serviceversprechen insgesamt eingehalten und sogar mehrheitlich übererfüllt werden konnte (ach was, gs).

Staatssekretärin Cornelia Rogall-Grothe erklärt hierzu: „Wir haben 2011 viel erreicht. Nun geht es darum, diesen positiven Trend auch in 2012 fortzusetzen und die Behördennummer bundesweit zu etablieren. Die 115 ist eine Innovation, die die Verwaltungen von Bund, Ländern und Kommunen revolutioniert.“ Geprüft werde die Erweiterung des 115-Services über die reine telefonische Auskunft hinaus hin zu einem Multikanal-Service. Besonders Terminvereinbarungen mit den Behörden oder die Möglichkeit Anträge im Voraus auszufüllen, könnten die Attraktivität des 115-Services weiter steigern, so die Staatssekretärin. Die 115 solle mittelfristig auch bei Krisen, Großschadenslagen und sonstigen Lagen, beispielsweise bei Hochwasser, unterstützend eingesetzt werden.

Zahlreiche Städte, Landkreisen und Gemeinden haben bereits im vergangenen Jahr die 115 freigeschaltet: Insgesamt wurden 98 Kommunen neu angeschlossen. Aktuell sind es 278 Kommunen, bis Jahresende werden es voraussichtlich 350 sein, darunter auch Städte wie München, Stuttgart oder Potsdam. Der Pilotbetrieb war 2009 mit 29 Kommunen gestartet. Die Erreichbarkeit, also die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die die 115 nutzen können, ist im vergangenen Jahr von gut zehn Millionen auf knapp 18 Millionen gestiegen. Bis Ende 2012 wird sich diese Zahl auf gut 23 Millionen erhöhen.

Die Einheitliche Behördennummer 115 ist in den teilnehmenden Regionen montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr erreichbar.

Sie kann aus dem Festnetz überwiegend und aus mehreren Mobilfunknetzen zum Ortstarif sowie über Flatrates auch kostenlos gewählt werden.

Hier endet das Opus des BMI.

Erinnert sei noch mal, dass die Merkel-Hotline auf dem IT-Gipfel ständig als technologische Innovation gepriesen wird.

Dazu schrieb ich im vergangenen Jahr in der Kolumne „Über allen IT-Gipfeln ist Ruh“:

Können wir auf dem Münchner IT-Gipfel am Nikolaustag mit irgendwelchen technologischen Überraschungen der Bundesregierung rechnen oder dominiert wieder nur die Transpiration vor der Inspiration? Das Merkel-Telefon 115 ist für mich immer noch das Symbol für die Hightech-Politik der politischen Elite in Berlin. Eine Hotline auf Amtsstubenniveau – geöffnet von Montag bis Freitag von 8 bis 18 Uhr. Wenn man den IT-Gipfel als Plattform für das Bürgertelefon einsetzt, dann sollte zumindest ein Hauch von technologischer Kompetenz erkennbar sein, fordert Andreas Klug, Mitglied der Ityx-Geschäftsführung in Köln.

„Es kann nicht ohne Automatisierung funktionieren. Eine Vorqualifizierung der Anrufe ist unabdingbar, um Standardabfragen über Öffnungszeiten, Sperrmüllabfuhr oder dergleichen abzufangen. Das System selbst muss über mehr Wissen verfügen, um die Servicemitarbeiter an den Telefonen zu entlasten und eine ständige Erreichbarkeit zu gewährleisten.“

Es sei doch peinlich, wenn die Bürgerinnen und Bürger vor 8 Uhr, nach 18 Uhr oder am Wochenende anrufen und nur eine Bandansage ertönt: „Sie rufen außerhalb unserer Servicezeiten an.“

Dabei wäre es möglich gewesen, zumindest in Ansätzen eine Applikation in das Merkel-Projekt einzubauen, die in Richtung des Sprachcomputers SIRI geht, der derzeit auf dem iPhone 4S für Furore sorgt.

„Bei der Auslegung des Bürgertelefons 115 wurde Sprachtechnologie völlig ausgeblendet. Das kann nicht funktionieren. Es gibt nicht den allwissenden und jederzeit verfügbaren Mitarbeiter im Call Center“, sagte schon vor Jahren Professor Wolfgang Wahlster vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz.

Zudem kommt das Call Center-Angebot des Staates um einige Jahre zu spät. Noch vor drei Jahren entfielen nach einer Studie der Düsseldorfer Unternehmensberatung Mind Business rund 80 Prozent der Kundeninteraktionen auf das Telefon. Heute sind neue Formen der Servicekommunikation auf dem Vormarsch. Facebook, Twitter, Apps, Chats und Foren werden von 56 Prozent der Befragten häufiger genutzt als Telefon oder Post.

Das Zusammenwachsen von Internet, Fernsehen und Telefon biete den Menschen die Möglichkeit, unabhängig von Zeit und Ort zu kommunizieren. Er entscheide situativ, wie und wann er Unternehmen erreichen möchte. Der vernetzte Verbraucher und Bürger erwartet von den Organisationen der Wirtschaft und des Staates, dass sie das Social Web als Dialogplattform begreifen, den Dialog transparent und offen gestalten und dort auch schnell auf Anliegen reagieren und Service-Applikationen bereitstellen, die rund um die Uhr Hilfe und Orientierung bieten. Genau das bietet eben die 115-Hotline nicht. Wer soziale Netzwerke im Bürgerdialog einsetzt, macht die Kommunikation direkter, persönlicher und weniger hierarchisch. Daran ist die Bundesregierung doch überhaupt nicht interessiert. Man will alles schön unter Kontrolle halten.