Archiv für den Monat August 2010
Data-Economy oder Algorithmen-Diktatur? Wie wir die Datenflut überwinden können
Datenschutz, Datenüberflutung und Data-Economy das sind nach meiner Meinung die Top-Themen, die uns in den nächsten Jahren beschäftigen werden – die Street View-Debatte ist nur ein kleiner Vorgeschmack. Scheinbar jede Frage kann schon heute oder wird künftig automatisiert durch Analyse unterschiedlichster Daten beantwortet werden.
Die Protagonisten der bisherigen Business Intelligence-Lösungen propagieren längst eine New Intelligence! Mit Faszination aber auch Abscheu erleben wir, mit welcher Leichtigkeit große Teile unseres Lebens durch Algorithmen antizipiert werden. Wo ist die Grenze der Algorithmen?
Wer den augenblicklichen Hype um die iPhone-Apps verfolgt, der bekommt schon heute einen Vorgeschmack darauf, wie es künftig aussehen könnte. Auch Unternehmen werden Geld damit verdienen, die Daten ihrer Kunden zu sammeln, auszuwerten und gegen Geld wieder in das Leben der Kunden einzuspielen.
Sven Gabor Janszky von der Beratungsfirma 2b AHEAD hat ein Zukunftsszenario für eine Data Economy entwickelt, die wir intensiver diskutieren sollten. Kunden werden sich daran gewöhnen, durch die Data-Economy in allen Lebenslagen algorithmengestützt wie Profis zu agieren. Die Unternehmen werden sich daran gewöhnen, dass die heutige Google-Logik der Datenanalyse zum Nukleus neuer Geschäftsmodelle wird … nicht nur im Internet, sondern in jeder Situation der realen Welt. Auf den ersten Blick ist es nur eine technologische Entwicklung … auf den zweiten Blick erleben wir einen Prozess, der Spielregeln vieler Wirtschaftsbranchen verändern wird.
“Er beginnt mit der einfachen Feststellung der Hersteller, künftig an jeden Chip eine Antenne ranzubauen. Doch was bedeutet es für unsere Lebenswelten, wenn künftig jeder Gegenstand eine IP-Adresse hat und einzeln ansteuerbar ist? Jede Cola-Dose, jeder Wohnzimmerfernseher, jeder Badspiegel, jeder ICE-Sitz, jedes Autoradio, jede Schulbank und bei Bedarf auch jedes T-Shirt. Alle denkbaren Gegenstände, die einen Chip in sich haben, werden zu Internetgeräten! Und was ist die Folge? Ein unüberschaubares Chaos von Abermillionen angebotener Informationen, das durch den normalen Menschen nicht zu übersehen und zu verwalten ist. Wir steuern unausweichlich in einen Zustand, in dem jeder Mensch an jedem Ort und zu jedem Zeitpunkt mit einer Überfülle von Informationen konfrontiert ist, die die menschliche Verarbeitungskapazität bei weitem überschreitet. Wie werden wir das Problem lösen? Wir suchen uns Filter! Das ist nichts Neues, denn solche Filter kennen wir Menschen schon seit Ewigkeiten. Heute nennen wir sie Experten. Es sind Makler, Berater, Zeitungsredaktionen, Lehrer, Reiseführer … die alle ihr Geld damit verdienen, für uns Informationen zu sammeln, zu bewerten, zusammenzustellen und uns in bestimmten Situationen zu verkaufen. Doch mit der Zeit werden die Menschen feststellen, dass technologische Filter, den menschlichen Filtern überlegen sind. Man sollte jetzt bitte nicht an irgendwelche Blechroboter, die hinter einem her laufen. Wir sollten uns nicht unglaubhaften Science Fiction-Geschichten hingeben und der scheinbar tröstlichen Vorstellung, dass diese sowieso nie Realität werden. Realistischer ist die Vorstellung, dass man das eigene Handy zückt und zwei, drei Klicks ein Assistentenprogramm startet und von diesem eine personalisierte Antwort erhält. Die Strategie und das Geschäftsmodell ist dabei immer das gleiche: Der Nutzer wird in einer seiner alltäglichen Tätigkeiten durch die Technologie beobachtet. Aus seinen Entscheidungen, den Entscheidungen seiner Twinsumer (Menschen die ähnlich ticken), Geo- und Echtzeit-Informationen wird automatisiert ein Profil seiner Bedürfnisse und Lebensweisen gebildet. Auf Grundlage dieses Profils lässt sich der Nutzer, wann immer er es wünscht, die verfügbaren Informationen entsprechend seiner augenblicklichen Interessenslage und seinem messbaren emotionalen Zustand filtern und in seinen Alltag einspielen. Damit verlässt die Google-Logik der Datenanalyse, -auswertung und Geschäftsgenerierung den Computer und legt sich auf alle Situationen und alle Orte des realen alltäglichen Lebens”, prognostiziert Janszky
Kaum habe man sich an den Gedanken gewöhnt, dass mit dem Web 2.0, Facebooks, Twitter & Co. die Echtzeitkommunikation mit dem Kunden sowie innerhalb der Unternehmen zum Standard wird … steht ein weitere Umdenken bevor. Denn Echtzeit sei nicht mehr schnell genug!
“Wer den Trend schon heute ernst nimmt, muss seine Businessstrategien auf ein neues Paradigma umstellen. Unternehmen müssen schneller als Echtzeit sein. Wenn der Kunde eine Firma kontaktiert, dann sollte man bereits wissen, was er will. Das gilt auch für die klassische Kundenkommunikation via Call Center. Hier prognostizieren Experten, dass Unternehmen künftig bei 80 Prozent der Anrufe die Gründe bereits voraussagen können und der Call Center-Agent entsprechend reagieren kann”, so der Trendforscher.
Das gilt auch für neue Produkte der Data-Economy. Denn jene alltagsprägenden Assistenzsysteme werden prognostizieren, was die Nutzer in der aktuellen Situation erwarten, sobald sie per Fingertipp gestartet werden. Solche Dienste will auch der Smart Service Award prämieren, der in diesem Jahr das erste Mal in Nürnberg auf den Voice Days plus verliehen wird. Der Wettbewerb soll nicht das kundenorientiertes Unternehmen küren, sondern prämiert konkrete Dienstleistungen in den wichtigsten Kundenkanälen, die persönlichen Service und Automatisierung in perfekter Art und Weise miteinander verknüpfen.
“Mögliche Beispiele für einen smarten Service sind telefonische Dienste, die mich erkennen und wissen, dass ich zu einem Anliegen bereits angerufen habe, das Internet-Kundenportal, dass mich auf einen günstigeren Tarif aufmerksam macht oder der Online Shop mit One-Klick-Bestellung. Andere gute Bespiele wären die Mobile App, die mir den Check-In ermöglicht, der Hotline Mitarbeiter, der meine Kundenhistorie kennt, egal ob über Brief, Telefon oder Web oder auch der virtuelle Agent, der mich Schritt für Schritt bei der Problemlösung begleitet. Selbst der Fahrkartenschalter, der für meine Zieladresse eine Fahrkarte zur nächstgelegenen Haltestation löst oder der intelligente Stromzähler, der mir hilft Stromfresser zu identifizieren, stehen im Fokus des neuen Service-Preises”, so die Beschreibung des Testkonzeptes – entwickelt von Mind Business und Fraunhofer IAO.
Wo bleibt der Datenschutz? Werden wir immer stärker von Algorithmen beherrscht, wie es der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher befürchtet (der gleichzeitig auch die Datenflut beklagt)? Können wir die intelligenten Assistenten abschalten, wenn wir keine Lust auf sie haben? Und wie sieht es mit dem Recht auf die Abschaltung solcher Dienste aus, wenn wir Persönlichkeitsrechte und die Privatsphäre in Gefahr sehen?
Eure Meinung interessiert mich. Auch weitere Vorschläge für smarte Dienste interessieren mich, da ich gerade an einer größeren Story sitze.
Onlinetool zur Verpixelung der Republik – Politikerfotos sollten da auch aufgenommen werden
Wenn man später ein unerwünschtes Bild entdeckt, kann man die Funktion “Ein Problem melden” verwenden. Google kümmert sich um alles Weitere.
Politiker, verpixelt Euch! Persönlichkeitsrechte nicht nur auf Street View beschränken
Ich kann Politiker wie Ilse Aigner und Guido Westerwelle gut verstehen, warum sie ihre Privatwohnungen oder Privathäuser verpixeln lassen wollen. Die Wohnorte der Polit-Prominenz sollte man der Netzöffentlichkeit einfach nicht zumuten. Zumutung ist dabei ein ganz wichtiges Stichwort. Es gibt so viel Politiker-Schund im Internet, der so schnell wie möglich verpixelt werden sollte, um die Persönlichkeitsrechte der Allgemeinheit nicht zu beschädigen.
Dümmliche Urlaubsfotos, alberne Wahlkampfauftritte, modische Verirrungen, zersauste Frisuren, zu kurz geratene Röcke, miserables Schuhwerk, erotische Umarmungen von Parteifreunden, peinliche Semi-Prominente, unglaubwürdige Actionfotos, gruslige Porträtaufnahmen, beschämende Abendgarderobe und, und, und. Nach einigen Minuten der Bildrecherche habe ich schon mal folgende Fotos zusammengetragen, die dringend verpixelt werden sollten. Was fällt Euch noch dazu ein? Politiker-Homestorys, Scharping im Schwimmbecken, Bildergalerien auf Politiker-Websites, englischsprechende Politiker aus dem Schwabenland oder was noch?
Was alles sonst noch so für eine Verpixelung spricht, beantworten Bild-Leser.
P.S. Liebe Google-Entwickler, könntet Ihr nicht noch eine Software auf den Markt bringen, um zum Selbstschutz der Politiker peinliche Auftritte in der Öffentlichkeit automatisch zu verpixeln?
Google Street View und der Polit-Dadaismus
“Dass die gleichen Leute, die sich jetzt wie ein Rudel Robin Hoods so wehement für den Schutz der Privatsphäre des Bürgers einsetzen, gleichzeitig so Dinge wie Vorratsdatenspeicherung, biometrische Reisepässe, Nacktscanner am Flughafen oder das SWIFT-Abkommen zum Transfer der Kontobewegungen in die USA aussprechen – um nur einiges zu nennen – ist blanker Hohn! Auf der einen Seite können sie gar nicht genug Daten von uns bekommen, auf der anderen Seite führen sie mit Google Street View eine hervorragende Scheindebatte und geben sich als Hüter von Datenschutz und Privatsphäre aus.” Das schreibt Blogger Denis Knake und bringt eindrucksvolle Beispiele für die Doppelmoral der Politik.
Ilse Aigner von der Partei des starken Staates (CSU), Bundesministerin für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz ist von Google Street View gar nicht begeistert. Sie sorgt sich in einer Bürgerantwort auf abgeordnetenwatch.de bereits sehr detailliert über die Aufnahmehöhe von 2,90 Meter, bei der man ja sogar mehr sehen könne als ein “normaler Passant”, der an einer hohen Hecke an einem Haus vorbeigehen.
“Auf die Frage des Lesers, warum sie bei Street View so kritisch sei, aber bei staatlichen Datensammelaktionen wie ELENA oder der Vorratsdatenspeicherung nicht, ging sie in ihrer Antwort nicht weiter ein. Hier hilft eine weitere Recherche in abgeordnetenwatch.de: Als es um die mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht gestoppte Vorratsdatenspeicherung ging, war Frau Aigner weniger zimperlich. Die Telekommunikationsanbieter sollten verpflichtet werden, systematisch das Kommunikationsverhalten eines jeden Bürgers sechs Monate lang zu speichern: Also wann und wie lange ein Telefonat von A nach B geführt wurde und wann und wie lange eine Internetverbindung aufgebaut war oder wann und zu wem eine E-Mail gesendet worden ist”, führt Knake aus.
So schrieb sie 2007 auf abgeordnetenwatch.de warum sie sich für die Vorratsdatenspeicherung ausgesprochen hatte:
“Für etwaige Eingriffe in den privaten Lebensbereich durch solche Ermittlungsmaßnahmen muss es jedoch hohe Schranken geben. Die vor kurzem verabschiedeten Regelungen tragen dem voll Rechnung. So werden bei der Vorratsdatenspeicherung keine Gesprächsinhalte aufgezeichnet, sondern lediglich die Verbindungsdaten für sechs Monate gespeichert.” Dennis Knake hat weitere eindrucksvolle Beispiele recherchiert.
Google sollte nicht mit Samthandschuhen angepackt werden bei fragwürdigen Praktiken wie dem Scannen von WLAN-Netzen. Auch die Frage nach dem Bestimmungsrecht der eigenen Daten ist ein diskussionswürdiges Thema. Jeder sollte beispielsweise das Recht haben, die Löschung seiner Daten zu verlangen – auch wenn eine vollständige Löschung wohl unmöglich ist. Aber was ist mit den Aktivitäten staatlicher Behörden, die ohne Einwilligung der Bürger Daten speichern und auswerten? Hier gilt ja bekanntlich das Legalitätsprinzip, um Willkür zu verhindern. Aber halten sich alle Behörden wie das BKA an geltende Gesetze oder gehen sie nicht schon längst einen Schritt weiter und versuchen ex post eine gesetzliche Absicherung durchzusetzen? Die derzeitig ablaufende Hetzjagd gegen Google ist nach meiner Meinung ein billiges Ablenkungsmanöver. Den Städten und Gemeinden geht es schlichtweg um Geld nach dem Motto: Und kannst Du Ängste schüren, verlange gleich Gebühren. Am Beispiel von Bonn habe ich das dokumentiert.
Es ist schlichtweg lächerlich, wenn sich der Staat jetzt zum Hüter der Privatsphäre aufschwingt. Das hat der Soziologe Wolfgang Sofsky in seinem Buch “Verteidigung des Privaten” eindrucksvoll beschrieben. Internetnutzer unter Generalverdacht stellt und Netzsperren fordert, wer im Internet Prangermethoden anwenden will, wer sich gegen die Kennzeichnung von Polizisten ausspricht und sich gleichzeitig gegen eine schrankenlose Anonymität im Internet ausspricht, wer im so genannten Anti-Terrorkampf Bürgerrechte über den Haufen schmeißt, ist kein glaubwürdiger Anwalt für die Privatheit. “Nicht der Rechtsstaat garantiert die Freiheit des Privaten, sondern nur die reale Geheimhaltung durch jeden einzelnen”, meint Sofsky.
Oder anders ausgedrückt mit den Worten des Dadaisten Walter Serner: “Tüchtig ist, wer nicht gegen die Gesetze sich vergeht. Tüchtiger, wer sich nicht auf sie verlässt. Am Tüchtigsten, wer immer wieder sich daran erinnert, dass nur staatliche Funktionäre sie ungestraft übertreten dürfen.”
Digitaler Zettelkasten: Burka für Fassaden, kleinbürgerliche Street View-Ängste und selektiver Datenschutz
Burka für Fassaden: Der Start des Street View-Projekts von Google führt zu “dramatischen” Ausschlägen des Nörgel- und Erregungspegels der Hausmeisterrepublik Deutschland. “Selten sah ich die Rede von der ‘German Angst’ so krass bestätigt wie beim Lesen der Kommentare zu den Streetview-Artikeln, die derzeit allüberall erscheinen. Da zeigt sich das sprichwörtliche ‘gesunde Volksempfinden’ auf eine Art, die mich gruseln lässt: böses Google zeigt meine Hausfassade der Welt – und macht womöglich auch noch Geld damit. Was für eine Sauerei”, schreibt sehr treffend die Bloggerin Claudia Klinger. Noch vor 20 Jahren wäre ein “begehbarer Stadtplan” als eine tolle, äußerst wünschenswerte Utopie erschienen: “Wunderbar, dass man sich eine Gegend anschauen kann, bevor man hinfährt, dass man die Parkmöglichkeiten (und evtl. die Barrierefreiheit) checken und sich ein Bild von der Atmosphäre vieler Orte der Welt machen kann. Ungemein nützlich auch bei der Wohnungssuche: man spart sich Besichtigungen, wenn man bereits vom heimischen PC aus sehen kann, dass die Straße z.B. keine Bäume hat oder gegenüber ein belebter Supermarkt das Ruhebedürfnis stören würde”, so Klinger. Steigt etwa die Einbruchsgefahr? Da werden die 3-D-Ansichten nicht weiterhelfen. Jeder Einbrecher wird sich wohl am Ort des Geschehens einen Eindruck verschaffen. Street View wird nicht die Infos liefern, die für einen Einbruch nötig sind. Jeder Mensch kann an meinem Haus vorbeigehen und mir beim Unkrautzupfen zuschauen, wann immer das möchte. Ich kann es ihm nicht verbieten. Auf Street View zieht er die langweilige Fassade unseres Hauses in fotografierter Form und kann in einer 3-D-Variante durch unsere Straße spazieren. Das kann er physisch und virtuell tun und ich halte das für berechtigt.
“Wollen wir Burkas für Fassaden? Offenbar würde sowas vielen gefallen! Im Kampf um Google Streetview zeigt sich ein deutscher Wesenszug, der alles andere als weltoffen und Neuem aufgeschlossen, sondern provinziell, überängstlich und neidisch ist. Und wenn es dafür auch keinen Button gibt: Nein, das gefällt mir nicht”, resümiert die Bloggerin Klinger. “Die amtliche Aufregung verhilft einer provinziellen Ängstlichkeit vor dem bösen Blick des Nachbarn zum Durchbruch – in einer Welt, in der wir so stolz darauf sind, offen für alles, global vernetzt und unglaublich kommunikativ zu sein. Das ungute Gefühl, das manche Bürger haben, wenn sie daran denken, dass künftig in New York jeder sehen kann, wie ihr Reihenendhaus in Hamburg-Hoheluft von außen aussieht, muss man wohl respektieren. Aber sollte es zum Maßstab des deutschen Grundrechtsschutzes werden? Das wäre wirklich die Datenschutzhölle”, schreibt Verfassungsrechtler Thomas Darnstädt für Spiegel Online.
Kleinbürger hinter dem Jägerzaun: Warum laufen die Angstdebatten in Deutschland so reibungslos? Warum setzen die Abgesandten des Kindermädchen-Staates auf Verbotsschilder, Netzsperren, Muster-Widersprüche und Warnhinweise? Tagesordnung, Gartenkodex und Ordnungsämter stoßen auf einen kleinbürgerlichen Humus. Es ist die deutsche Sehnsucht nach Ordnung und Normen. “Diese Ordnungen, kanonisiert in Gesetzestafeln, Kodices und Konstitutionen, manifest gemacht im Großlettrigen wie im Kleingedruckten, oktroyieren Macht, regeln Interessen”, schreibt Professor Heinz Schilling in seinem Buch “Kleinbürger – Mentalität und Lebensstil”. Es dominiere das Strebsame und Planvolle; das sich Sichern und sich Rückversichern; jene Fürsorglichkeit und Ängstlichkeit; das Egoistische und Neidische; Zufriedenheit und Knauserigkeit bis zum Geiz; eine gewisse Hasenfüßigkeit und Kleinmäusigkeit; die pedantische Sorge um Ordnung und Schicklichkeit; die Angst vor dem anderen; das Enge und Ortsbezogene; das Beharrende und Antimoderne – das Credo des kleinbürgerlichen Angsthasen: Ordentlichkeit! “Bürger, schützt Eure Anlagen”! – das Stadtparkgebot: Ihr habt sie ja auch bezahlt. “Rasen betreten verboten!” – das Stadtparkverbot. “Hunde an die Leine!” – die Stadtpark-Scheißvermeidung. “Mein Haus und meine Hecke sind unantastbar!” – ein Eldorado für kommunalpolitische Verbotsorgien.
Datenschutz für alle? Staatliche Datenschützer haben ein höchst selektives Verständnis von Datenschutz. Das schreibt die Zeit und zitiert Nils Zurawski, Kulturantrophologe an der Universität Hamburg und Blogger von Surveillance-Studies: “Es gibt einige wenige Themen, die Prominenz besitzen, und die ich für überbewertet halte.” Ein Beispiel sei die Debatte um Googles Street View. “Wie nachhaltig ist hier der Datenschutz dadurch wirklich betroffen, und: für wen ist das wichtig – für Hausbesitzer?” fragt er. Dass der Internetkonzern sich nun daran macht, die Straßenzüge der Welt zu fotografieren, gereichte in den USA lediglich Swimming-Pool-Besitzern zum Nachteil. Diese hatten das Loch für ihr Schwimmbad ohne Baugenehmigung gegraben. (Entdeckt wurden sie auch nicht von Googles Street View, sondern von Google Earth.) “Ähnliches gilt für die Vorratsdatenspeicherung”, sagt Zurwaski. “Die existierenden Probleme sind alltagspraktisch nicht greifbar und bleiben wohl ohne Konsequenzen für die meisten von uns.” (Wird Google Earth nicht auch von kommunalen Ordnungsämtern eingesetzt? Könnten mir mal die Bonner Stadthäuptlinge beantworten). Warum müssten Hartz-IV-Empfänger bestimmte Kontrollen über sich ergehen lassen, fragt Zurwaski. Und antwortet selbst: “Aus Angst vor Leistungsbetrug – ja sicher. Aber auch, weil die Härte, mit der Arbeitslose und die Sozialschwachen angefasst werden, inzwischen gesellschaftsfähig ist.” Behörden würden immer öfter Konten von Hartz-IV-Empfängern überprüfen. “Seit dem Jahr 2005 haben sich die Kontoanfragen allein in Mecklenburg-Vorpommern mehr als verfünffacht, brachte zuletzt eine Anfrage der FDP ans Licht. Vor fünf Jahren überprüften Ämter noch lediglich ein Konto. 2008 waren es schon 55, im ersten Halbjahr 2009 stieg die Zahl der überprüften Konten auf 72. Eine Sprecherin der Bundesagentur formulierte dazu in der Ostsee-Zeitung: ‘Langzeitarbeitslose haben weniger Potenzial, ein Konto zu verschweigen’”, so der Zeit-Bericht. In der Bremer Hartz-IV-Verwaltung drohte man den Antragsstellern gar mit finanziellen Einbußen, sollten sie nicht einwilligen, ihren behandelnden Arzt von der Schweigepflicht zu entbinden. Inzwischen sei es zudem üblich, private Inkassobüros damit zu beauftragen, Außenstände bei Hartz-IV-Empfängern einzutreiben. Für die würden jedoch nicht die gleichen Regeln der Verschwiegenheit wie für einen staatlichen Gerichtsvollzieher gelten.
IFA: Digitale Heimvernetzung für Jedermann und nicht nur für IT-Bastler
Die digitale Heimvernetzung wird auf der Internationalen Funkausstellung Anfang September eine größere Rolle spielen als je zuvor, meint Helmut Blank, Vorsitzender der Software-Initiative Deutschland. Über dieses Thema hatte ich ja schon mal was geschrieben.
Das Spektrum reiche von Hybrid-TV bis zur Audio-Video-Steuerung per iPhone oder iPad. Hybrid-TV bezeichnet die Integration des herkömmlichen Fernsehens mit einem Digital Receiver mit Internetanschluss. Perspektivisch sieht der Verband eine „rosige Zukunft” für Dienste wie Google TV oder Apple TV. Als Beispiel für die Steuerung von TV, Video, Hifi, Beleuchtung und Sicherheitstechnik im eigenen Heim per iPhone oder iPad nennt die Software-Initiative Deutschland das Mediola-System.
„Gewinner werden diejenigen Hersteller sein, die begreifen, dass ihre Kunden nicht immer nur neue Geräte wollen, sondern vor allem auch nach integrierenden Softwarelösungen verlangen, die die heterogene Gerätelandschaft zu Hause und unterwegs verbindet und bedienungsfreundliche Funktionen anbietet”, erklärt der SID-Vorsitzende Helmut Blank.
„Die Personalisierung des Contents für den Fernsehapparat und die Einfachheit der Vernetzung in den eigenen vier Wänden werden der Schlüssel für den Markterfolg sein. Ich bin mir sicher, dass wir auf der IFA einige interessante Lösungen sehen werden “, prognostiziert Peter Weilmuenster, Vorstandschef des After Sales-Spezialisten Bitronic.
Derzeit sorgen die multimedialen Alleskönner noch für Technostress: „Hybrid-TV wird so manchen stolzen Besitzer vor das Problem stellen, wie er das Endgerät ans Internet angeschlossen bekommt. Wir brauchen eine Heimvernetzung für Jedermann und nicht nur für die IT-Bastler“, fordert Bernhard Steimel, Geschäftsführer von Mind Business und Sprecher der Smart Service Initiative. Eine aktuelle Forsa-Umfrage belegt, dass nur knapp jeder Zehnte sich gut informiert fühlt, mehr als 80 Prozent der Befragten kennen weder die Unternehmen, noch die Geräte, die auf dem Markt verfügbar sind.
Bin gespannt, was die IFA zu diesem Thema bringen wird. Ich selber muss noch kräftig an meiner Vernetzung basteln.
Street View-Idee von Sascha Lobo: Der Muster-Widerspruch zum Muster-Widerspruch
Über den Musterbrief für einen Muster-Widerspruch – initiiert von den Bonner Stadthäuptlingen – hatte ich mich ziemlich geärgert und widersprach dann der widersprüchlichen Satzungsänderung der Stadt Bonn zur höchst widersprüchlichen Haltung des Oberbürgermeisters zum Street View-Projekt von Google. Sascha Lobo hat eine noch bessere Initiative losgetreten: “Die meisten Leute haben zweifellos Nachbarn, denen man einen so schwerwiegenden Eingriff in die Digitale Öffentlichkeit wie einen ‘Google Street View Widerspruch’ zutraut. Und genau deshalb biete ich hier den ‘Google Street View Widerspruch-Widerspruch’ an. Die Benutzung ist ganz simpel, man füllt das formlose Formular aus und schickt es an Google. Und zwar präventiv, falls man seltsame, offlinige Nachbarn hat, oder als Gegenwiderspruch, wenn man schon von einem Widerspruch weiss”, schreibt Lobo. Das Ganze sei dem Otto-Normal-Widerspruch spürbar nachempfunden, hoffentlich ergibt das keine Urheberrechtsprobleme. “Man kann den Text auch per Mail an streetview-deutschland@google.com versenden – ich empfehle allerdings, entweder einen Brief zu schicken oder in ein Museum einzubrechen und den Widerspruch per Fax zu senden: auf traditionelle Weise vorgebrachte Offline-Meinungen zählen offenbar mehr als Online-Meinungen”, so Lobo.
Einen Widerspruch zum Projekt möchte ich noch nachlegen. Er stammt aus der Feder von Zippert, der in der Welt herumzappt. Er kritisiert, dass den Verbrauchern nicht genug Zeit gelassen wurde, ihre Häuser und Gärten aufzuräumen. In diesem beklagenswerten Zustand könne man diese Objekte nicht zur Schau stellen. In einer Pressekonferenz habe deshalb der Innenminister Straßennamen, Hausnummern und Stockwerke benannt, bei denen es unzumutbar für Google sei, alle Mängel wegzuretuschieren. So gibt es in Bielefeld ein Eckhaus, wo die Gardinen seit Jahren nicht mehr gewaschen worden seien. “Kritisiert wurde auch die Balkonbepflanzung im Schwickertweg in Wuppertal, die ungelenken Graffiti in der Hornigstraße in Köln und eine Garageneinfahrt am Doktor-Drostel-Ring in Essen”, so Zippert der Zapper. Besonders schlimm ist es ja bekanntlich im Antoniusstift in Neuenkirchen mit dem zerstörten großen Blumenkübel. Das wird jetzt alles schonungslos weltweit über Street View dokumentiert – eine Blamage für Deutschland.
Hurra, Google Street View wird auch in Bonn gestartet! Die Satzungsänderung gehört in die Mülltonne
Da haben die Muskelspielchen des Bonner Dorfschulzen wenig genutzt. Ende des Jahres wird Google Street View auch in Bonn verfügbar sein.
Weitere Städte sind: Berlin, Bielefeld, Bochum, Bremen, Dortmund, Dresden, Duisburg, Düsseldorf, Essen, Frankfurt am Main, Hamburg, Hannover, Köln, Leipzig, Mannheim, München, Nürnberg, Stuttgart and Wuppertal. Sollte es in Bonn noch fotografischen Nachholbedarf geben, könnten ja die Street View-Befürworter aushelfen und die Kamera in Gang setzen.
Nach wie vor halte ich das Vorgehen des Bonner Oberbürgermeisters, Street View über die Sondernutzungssatzung zu reglementieren, für rechtswidrig und einen klaren Verstoß gegen die Panoramafreiheit. Die Regelungen sind so allgemein gehalten, dass jeder, der professionell öffentliche Straßen fotografiert, unter die Genehmigungs- und Gebührenpflicht fällt. Auf meinen Widerspruch gegen die Satzungsänderung per E-Mail hat jetzt die Stadt reagiert – natürlich in Briefform. Ich habe mir erlaubt, das Schreiben einzuscannen (kleiner Hinweis an den Autor: mit ein wenig Phantasie hätte man das Ganze auch auf einer Seite unterkriegen können – Papierverschwendung). Hier das zweiseitige Opus:
Zum Kern der Antwort: Ein Widerspruch gegen die Satzung ist nicht möglich. In NRW existiere – mit Ausnahme von Normenkontrollverfahren gegen Bebauungspläne – kein unmittelbarer Rechtsschutz gegen Satzungen, “so dass weder ein Widerspruch noch eine Klage zulässig sind. Als etwaiger mittelbarer Rechtsschutz gegen eine Satzung ist lediglich die Klage gegen einen aufgrund der Satzung erlassenen Verwaltungsakt, so die Ablehnung oder die Erteilung einer beantragten Sondernutzungserlaubnis, denkbar.” Ob das Verwaltungsgericht auch etwas zur Rechtmäßigkeit der Satzung entscheiden würde, sei nicht mit Sicherheit zu sagen. Der von mir aufgeführte Beschluss des Karlsruher Verwaltungsgerichtes sei keine Entscheidung in der Hauptsache. Ein rechtskräftiges Urteil gibt es nach dem Kenntnisstand der Stadt Bonn nicht, “so dass entgegen Ihrer Auffassung die Rechtswidrigkeit dieser Satzungsänderung nicht feststeht”, schreibt Ulrich Erken im Auftrag des Oberbürgermeisters von Bonn. Ich werde das bei der Pressestelle des Verwaltungsgerichtes in Karlsruhe überprüfen.
Jedenfalls sieht die Stadt Bonn keinen Verstoß gegen die Berufsausübungsfreiheit.
Tja, so kompliziert ist es, wenn man gegen staatliche Regelungen vorgehen will. Wie einfach es ist, Widersprüchen auch Taten folgen zu lassen, beweist Google: Zurzeit werden die Fotos für die ersten deutschen Städte, die in Street View erscheinen sollen, vorbereitet – “ein Prozess, bei dem modernste Technologie zur Unkenntlichmachung von identifizierbaren Gesichtern und Autonummernschildern zum Einsatz kommt. Falls ihr Gesichter oder Kfz-Kennzeichen entdeckt, die diese Technologie nicht erkennen konnte, stellen wir eine einfache Meldefunktion zur Verfügung, mit der ihr uns zur Unkenntlichmachung eines Bildes auffordern könnt”, so Google.
“Selbstverständlich verstehen wir, dass nicht jeder sein Haus oder seine Wohnung in diesem Dienst abgebildet sehen möchte. Für diese Nutzer haben wir zusätzlich zu dem automatischen Unkenntlichmachen, welches weltweit zum Einsatz kommt, eine Funktion für Deutschland entwickelt, die ab nächster Woche auf google.de/streetview zur Verfügung steht. Mit Hilfe dieser Funktion können sie uns auffordern, ihr Haus oder ihre Wohnung unkenntlich zu machen, bevor die Bilder online zu sehen sein werden. Sie steht den Anwohnern in den 20 genannten Städten bis zum 15. September zur Verfügung. Im Anschluss wird die Online-Funktion geschlossen, um uns ausreichend Zeit für die Bearbeitung der Anträge zu geben. Anträge, die sich auf Gebiete außerhalb der ersten 20 Städte beziehen, können auch danach weiterhin eingereicht werden. Selbstverständlich könnt ihr auch warten, bis die Straßenansichten in Google Maps zu sehen sind, um euch ein eigenes Bild darüber zu machen, wie euer Haus oder eure Wohnung in Street View aussieht. Wenn ihr euch dann für das Entfernen eines Bildes entscheidet, könnt ihr die Meldefunktion ebenfalls für die Unkenntlichmachung eures Wohnsitzes nutzen”, schreibt Google.
Eure juristische Meinung zum Antwortschreiben der Stadt Bonn interessiert mich. Wie soll ich weiter vorgehen?
Ach dann noch eine Randbemerkung: Werden nicht Grundstücke von den zuständigen Behörden per Satellit ohne Einwilligung der Eigentümer aufgenommen, um bauliche Veränderungen zu überprüfen für etwaige Gebühren- und Steuernachforderungen?
Google lässt Einsprüche zu und nutzt die Aufnahmen, um die Kartendienste zu perfektionieren. Für den Tourismus, für Dienstleister, für regionale Werbung, für die Verbesserung der Navigationsdienste ist Street View eine echte Bereicherung.
Die Satellitenaufnahmen von staatlichen Behörden erfreuen nur das Ordnungsamt und den Fiskus.
Die Schule in der Kreidezeit: Null Blog, keine Internetpeilung und der “Medienkompetenzführerschein”
Der Spiegel-Artikel und die merkwürdig kurzsichtigen Ausführungen von NRW-Ministerin Schwall-Düren zum “Medienkompetenzführerschein” (was für ein fürchterliches Wortungetüm) sind Anlass genug, um die Frage der Internetfähigkeiten der jungen Generation zu thematisieren. Einen sehr schönen Beitrag hat netzwertig-Blogger Martin Weigert geschrieben.
Hier wird vor allen Dingen der merkwürdige Führerschein für Schüler aufgegriffen: “Das Vorhaben soll primär den Umgang mit Facebook lehren, ein Blick auf die Argumentation von NRW-Ministerin für Europaangelegenheiten und Medien Angelica Schwall-Düren lässt jedoch befürchten, dass es weniger um Kompetenz sondern eher um die einseitige Verbreitung von Platitüden geht: Schwall-Düren wies darauf hin, dass unvorsichtig preisgegebene persönliche Daten zu Mobbing missbraucht werden und auch bei beruflichen und sozialen Karrieren hinderlich sein’ können”, schreibt Weigert.
Ein gekonnter Umgang mit partizipativen Medien, mit dem Echtzeitweb und mit der Informationsflut sei essentiell, um als Individuum sowie als Gesellschaft in größtem Maße vom digitalen Wandel profitieren zu können. Und das gilt bei weitem nicht nur für Schüler, sondern auch für Lehrer, Eltern, und natürlich (erst recht) für Politiker: Wer wie Medienministerin Schwall-Düren auf die Frage nach Twitter nur folgende zwei Sätze zu sagen habe, wirkt selbst noch recht unbeschlagen, was die Kenntnis über das Web betrifft: “Ich twittere nicht. Diese Schnell-Nachrichten enthalten oft Banalitäten, so dass ich keine Notwendigkeit sehe, das mitzumachen.”
“Angenommen, Schwall-Düren wäre die erste Testperson für den geplanten Medienkompetenzführerschein, welche Aspekte müssten ihr (und den Schülern in NRW sowie ganz Deutschland) vermittelt werden”, fragt Weigert und sammelt Vorschläge. Diese Steilvorlage greife ich doch gerne auf. Schwall-Düren sollte sich mit der Internet-Inkompetenz der Lehrer, Lehrpläne und Lehrerausbildung beschäftigen. Vor meiner Abreise nach Perinaldo führte ich ein erfrischendes Interview mit dem 83jährigen Professor Herbert W. Franke, Senior Fellow des Berliner Zuse-Instituts und Science Fiction-Autor. In dem Interview ging es um Technologien zur Visualisierung von Wissen. Natürlich drehte sich das Gespräch auch um das Bildungswesen.
Die Lehrer seien in keiner Weise darüber unterrichtet worden, welche Mittel außer Sprache und Formeln, im Unterricht eingesetzt werden können. Sie müssten eine Menge darüber lernen, wie man sich mit Bildern ausdrückt, welche Möglichkeiten es gibt. Das sind nicht nur Abbildungen, das wäre viel zu wenig. Visuelle Sprache könne mehr. Sie könne beispielsweise sehr gut verwendet werden, um Kreisfunktional-Prozesse zu verdeutlichen und verständlich zu machen. Der IBM-Cheftechnologe Gunter Dueck spricht davon, dass die Schule sich noch in der Kreidezeit befindet. Professor Franke schlägt vor ein Lernen in automatisierten Schulen vor. “Die Methoden in Schulen sind vielfach antiquiert und man macht es den Schülern wirklich viel zu schwer, diese Dinge zu verstehen, die sie eigentlich alle verstehen sollten. “Von der automatisierten Schule war schon vor 30 oder 40 Jahren die Rede und das hat die Leute, die davon gehört haben, natürlich eher abgeschreckt. Statt einem Lehrer jetzt da eine Art Roboter vor sich zu haben, das ist eine Situation, die man sehr negativ beurteilt. Also das menschliche Verständnis und das Eingehen auf die Besonderheiten einzelner Schüler etwa, das wird man von einem Roboter nicht unbedingt erwarten, obwohl es in der Zukunft mehr und mehr möglich sein wird”, so Franke.
Man könnte mit den Automaten die Kenntnisse jedes einzelnen Schülers recht gut beurteilen, viel besser als das ein Lehrer aufgrund seiner Übersicht macht, die er sich verschafft während des Unterrichts und da kann man sich Methoden ausdenken, die durchaus auf eine interessante Weise dann auch den Unterricht beleben würden. Man könne mithilfe der Erkenntnisse, die man auf diese Weise errungen hat, einen Unterrichtsstoff bereitlegen, der auf den Kenntnisstand und die Fähigkeiten einzelner Schüler eingeht. Mit Lernautomaten könnten Lehrer besser auf die Fähigkeiten der einzelnen Schüler eingehen.
Die endlosen Bildungsdebatten über Strukturreformen, von der Ganztagsschule bis zum Turboabitur, würden am Kern des Bildungsproblems vorbeigehen. An der Qualität des Unterrichts habe sich nichts geändert. Schule und Uni seien immer noch langweilig.
“Es sind also gerade im Unterricht Dinge gemacht und durchgesetzt worden, die eher schädlich sind als nützlich. Da gab es vor mehreren Jahrzehnten eine Theorie der Vermittlung von Mathematik beispielsweise, die auf einer Grundlage beruht, die nicht haltbar war. Man hat einige Jahre die Schüler gequält, indem man ihnen Eingang zu mathematischen Kenntnissen verschaffen wollte, die eher die Sache schwieriger gemacht haben, als das vorher war. Das war etwas, was äußerlich vielleicht sogar bisschen Ähnlichkeit hat zu jenem, was ich verbinde mit Visualisierung. Aber in einer Weise, die für Kinder nicht vorstellbar war, beispielsweise der Zahlenbegriff muss nicht unbedingt gleich visualisiert werden. Wir können Zahlen recht gut zu verstehen. Das ist sogar im Tierreich nachweisbar gewesen und der Mensch hat diese Fähigkeit in viel größerer Weise. Also man muss zum Beispiel ein bisschen genauer informiert sein darüber, was der Mensch zunächst einmal überhaupt mit seinem Denken vollbringen kann. Und das ist auf der einen Seite mehr, als man denkt und auf der anderen Seite ist es natürlich auch weniger. Man muss den Unterricht so gestalten, dass er ein Vergnügen wird. Und nicht ein Zwang oder eine Qual. Ich erinnere mich an meine eigene Schulzeit. Ich muss sagen da waren 80 Prozent von dem, was man uns beibringen wollte, unerträglich. Ich bin unglaublich ungern in die Schule gegangen”, erklärt Franke.
Jeder Schüler sollte daher einen Computer an seinem Arbeitsplatz haben. Mit ausgeklügelten Lernsystemen könnten Lehrer den Wissensstand jedes Schüler genauer analysieren. Nach der Unterrichtsstunde könne sich der Lehrer informieren, welche Gruppe von Schülern schon so weit ist, dass er den Unterricht fortsetzen kann oder welche Schüler eine Hilfestellung brauchen, eine Wiederholung des Stoffs, einen anderen Aspekt, der ihnen das vielleicht klarer macht. Und dabei könne man dann eingehen auf die Schwächen der Schüler, aber auch auf ihre Fähigkeiten.
Zudem müssten die Lehrpläne entrümpelt werden. “Das Auswendiglernen ist etwas, was schon völlig antiquiert ist. Wir haben Systeme, die ein Gedächtnis haben, die speichert der Computer und diese Systeme sind so, dass man die notwendigen Informationen sehr schnell abrufen kann. Also dieses Auswendiglernen, noch dazu von Formeln, was ich noch erlebt habe, das ist eine völlig falsche Methode. Ich glaube, dass in naher Zukunft das Auswendiglernen von Sprachen, besser gesagt der Sprachen-Unterricht völlig überflüssig ist. Dabei sind die Sprachen wie griechisch oder lateinisch besonders bedenklich”, kritisiert Franke. Und dann müsse der angehende Lehrer auf die neue Technik vorbereitet sein, was ja heute – so viel wie ich weiß – überhaupt nicht geschieht. „Wie setzt man Computer vernünftig ein? Welche Vorteile hat man? Wie geht man mit dem Computer um?. Diese Fragen müssten in der Bildungspolitik jetzt beantwortet werden. “Und schließlich muss der Lehrer einiges davon verstehen, worüber wir uns ja schon unterhalten haben. Was wichtig ist zu wissen, auf welche Weise man diesen Stoff vermittelt kann. Da komme ich auf die Visualisierung zurück. Das ist aber nicht die einzige Methode, da gibt es natürlich noch andere Möglichkeiten. Man muss etwas mehr wissen über die Art und Weise, wie der Mensch Wissen aufnimmt, über die Organisation unseres Gedächtnisses, über die Möglichkeiten, Erkenntnisse in besserer Weise zu verschlüsseln”, fordert Franke.
Hier noch einmal die komplette Audioaufzeichnung des Interviews mit Professor Franke.


















