Die Zukunft der Geisteswissenschaften beginnt mit einer Stimme: Hans Ulrich Gumbrecht bei der Phil.Cologne – Faszination, Präsenz und die Rettung eines Faches, das sich zu lange falsch erklärt hat

Im Roten Saal wird kein Nachruf gesprochen

Im Roten Saal des COMEDIA Theaters bei der Phil.Cologne 2026 saß Hans Ulrich Gumbrecht auf der Bühne, im Gespräch mit Cai Werntgen, unter einem Titel, der wie eine späte Selbstprüfung der Universität klang: „Die Zukunft der Geisteswissenschaften nach ihrem Ende“. Wer diesen Satz hörte, konnte an ein akademisches Krankenblatt denken, an sinkende Einschreibezahlen, verlorene öffentliche Autorität, Seminare ohne Glanz, Fakultäten im Rechtfertigungsmodus. Doch Gumbrecht ist der falsche Mann für geordnete Verlustanzeigen.

Er kam mit „Sepp. Mein Leben auf Halbdistanz“, erschienen im Suhrkamp Verlag, und mit der Erfahrung eines Lebens, das die Geisteswissenschaften durch mehrere Aggregatzustände geführt hat: vom zerbombten Würzburg über München, Konstanz, Bochum und Siegen bis nach Stanford, vom Zettelkasten zur Suchmaschine, von der Ordinarienuniversität zur kalifornischen Exzellenzmaschine, vom philologischen Seminar zur Philosophical Reading Group, in der künftige Unternehmer, Techniker und Wortmenschen Heidegger lasen.

Cai Werntgen rahmte den Abend als Bewegung von der Gutenberg-Ära in die Turing-Ära, von der Humboldt-Universität in das Google-Universum. Der Satz könnte leicht nach Programmheft klingen. Bei Gumbrecht bekam er Körper. Denn dieser Lebenslauf ist kein Beispiel für die Anpassung eines Gelehrten an neue Zeiten. Er ist ein Versuch, in verschiedenen Zeiten eine Form von Gegenwart zu erzeugen.

Der Gelehrte vor seiner eigenen Bibliothek

Am Anfang des Gesprächs stand ein Bild: der Gelehrte allein am Schreibtisch, umgeben von seiner Bibliothek. Eine alte Ikone. Die Bücherwand als Selbstporträt. Die Regale als geistiges Gesicht. Gumbrecht betrachtet dieses Bild mit Sympathie und Misstrauen. Ja, die Bücher gehören zu ihm. Die kastilischen Klassiker verraten den Romanisten. Die Sprachen verraten seine Wege. Die Bibliothek zeigt eine Lebensform.

Doch ausgerechnet dieser Mann, der wie kaum ein anderer als Weltromanist, Theoretiker, Essayist und Stanford-Gelehrter auftreten könnte, sagt von sich: Ein leidenschaftlicher Leser sei er nie gewesen. Das ist keine Koketterie. Es ist eine Befreiung. Gumbrecht nimmt der Gelehrtenfigur ihre fromme Selbstinszenierung. Der wahre Geisteswissenschaftler muss offenbar gar nicht so aussehen, wie die Geisteswissenschaften ihn in ihren Sonntagsbildern gern sehen.

In Stanford arbeitet er frühmorgens in einem anonymen Büro der Library. Zum Rauchen tritt er hinaus und wird von Müttern ihren Kindern gezeigt, als sei er ein Relikt aus einer fremden Zeit: ein Mann mit brennendem Gegenstand im Mund, Rauch, Ritual, Restbestand. Die Zigarette wird zur unfreiwilligen Allegorie des alten Gelehrten: ausgestorben geglaubt, störend, körperlich präsent. Ein Fossil, das noch spricht.

Hugo Kuhn lenkt den Blick

Der eigentliche Anfang liegt in München. Gumbrecht war jung, Romanist, zugleich vom Jahr 1968 erfasst. Er war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes, bewegte sich im Protestmilieu, warf nach eigener Erinnerung auch einmal etwas auf das amerikanische Konsulat. Doch im Inneren der Universität zog ihn eine ganz andere Welt an: der Ordinarius, der Zettelkasten, das Hilfsassistentenzimmer, die Karteikarten als Vorform der Suchmaschine. Dann kam Hugo Kuhn.

Gumbrecht spielte mit dem Gedanken, zur Rechtswissenschaft zu wechseln. Ein Freund riet ihm, vorher noch eine Vorlesung dieses Münchner Altgermanisten zu hören. Der Hörsaal war voll. Kuhn sprach über mittelalterliche Literatur und begann plötzlich philosophisch zu spekulieren. Für Gumbrecht wurde daraus kein bloßes Bildungserlebnis. Es war eine Initiation. Ein Gelehrter stand vor vielen Menschen und verwandelte philologische Arbeit in ein Ereignis.

Gumbrecht verließ diesen Hörsaal mit dem Wunsch, so zu werden wie Hugo Kuhn: frei sprechend, spekulativ, attraktiv im Denken, vor einem Raum, der sich von einem Gedanken ergreifen lässt. Man darf dieses Bekenntnis ernst nehmen. Eine akademische Laufbahn beginnt hier durch Faszination, nicht durch Studienberatung. Durch eine Stimme, nicht durch ein Modulhandbuch. Durch Präsenz, nicht durch Kompetenzbeschreibung.

Faszination als Augenlenkung

Der Begriff Faszination wird bei Gumbrecht in Köln zum Schlüssel. Er erklärt ihn als Augenlenkung. Fasziniert ist man, sobald der Blick gebunden wird. Ein Körper kann das. Ein Sportereignis kann das. Ein Gedicht kann das. Ein Bild kann das. Eine Vorlesung kann das. Faszination entsteht vor der Erklärung. Sie ist die erste Form geistiger Aufmerksamkeit.

Damit beantwortet Gumbrecht die Frage, was Geisteswissenschaften leisten können, viel präziser als jede bildungspolitische Pflichtformel. Sie können Augen lenken. Sie können Menschen dazu bringen, länger hinzusehen, anders zu hören, genauer zu sprechen, tiefer zu lesen. Sie können Gegenstände in ihrer Präsenz erfahrbar machen. Sie können Vergangenheit so in den Raum holen, dass sie für einen Augenblick anwesend wird.

Ihr Versäumnis liegt darin, diese eigene Kraft zu oft verraten zu haben. Die Geisteswissenschaften haben ihre Faszinationsfähigkeit häufig in Methodensprache, Prüfungsroutinen und Abgrenzungsrituale verwandelt. Sie haben Texte erklärt, bis niemand mehr lesen wollte. Sie haben Kunst verwaltet, bis niemand mehr erstaunte. Sie haben Theorie manchmal als Zugehörigkeitscode eingesetzt, statt sie als Öffnung von Welt zu gebrauchen.

Die Reformuniversität als Bühne des Unwahrscheinlichen

Nach München kommt die Phase der Reformuniversitäten. Bochum, Konstanz, Siegen. Für Gumbrecht waren diese Orte keine Fußnoten westdeutscher Hochschulpolitik. Sie waren Versuchsanordnungen. Die Ruhr-Universität Bochum sollte Normalität schaffen: eine Universität für junge Menschen aus Familien, in denen ein Studium zuvor kaum erreichbar war. Gumbrecht beschreibt diese Welt ohne Verklärung. Der Anspruch auf Normalität war ehrenwert, aber sein eigenes Temperament suchte mehr.

Dann Siegen. Eine Stadt, deren Ruhm im Brockhaus darin bestand, in der geografischen Mitte der Bundesrepublik zu liegen und viel Regen zu haben. Genau dort wollte Gumbrecht beweisen, dass geistige Energie nicht an alte Universitätsadressen gebunden ist. Berlin, München, Tübingen und Frankfurt sollten nach Siegen reisen müssen. Nicht aus Höflichkeit. Aus Neugier.

Das gelang. Jean-François Lyotard kam, Jacques Derrida kam, Friedrich Kittler kam, Jürgen Habermas kam, Niklas Luhmann kam aus Bielefeld. Siegen wurde für einen Moment ein Ort, an dem das Denken einen neuen Aggregatzustand annahm. Man kann diese Geschichte leicht als Anekdotenfolge nehmen. Doch sie zeigt eine institutionelle Wahrheit: Geisteswissenschaften brauchen Räume, in denen etwas auf dem Spiel steht. Prestige allein schafft keine Gegenwart. Manchmal reicht eine unwahrscheinliche Bühne, sobald jemand den Mut hat, sie zu bespielen.

Kritik, Dekonstruktion und die deutsche Schwere

Werntgen fragte nach der Aggressivität jener Jahre, nach der Geste der Demontage, nach der damaligen Kriegserklärung an Autor, Werk, Text, Interpretation, Tradition. Gumbrecht führt diese Schärfe auf eine deutsche Sonderlage zurück. Die Generation der Ordinarien war von der Zeit des Nationalsozialismus überschattet. Viele hatten Krieg, Partei, Anpassung oder Schweigen im Rücken. Die nach 1945 Geborenen übernahmen eine Verantwortung für Verbrechen, die vor ihrer Geburt geschehen waren. Das war paradox, aber existenziell wirksam.

So kam es zu einer besonderen Bitterkeit. Der Strukturalismus war in Frankreich entstanden, die Dekonstruktion ebenso, Foucaults Geschichtsdenken ebenfalls. Doch in Deutschland bekamen diese Theorien eine andere Schwerkraft. Derrida dekonstruiert Heidegger in Siegen; die Diskussion erhält einen Ernst, den Derrida selbst aus Paris so nicht kannte. Die Theorie war importiert, der affektive Druck war deutsch.

Darin liegt eine wichtige Korrektur am bequemen Rückblick. Die poststrukturalistische Geisteswissenschaft war keine bloße Mode. Sie war in Deutschland auch ein Verfahren, mit einer verschwiegenen Vergangenheit umzugehen. Der Furor gegen Autorität hatte historische Gründe. Dass er später in akademische Routinen gerann, gehört zur Tragik erfolgreicher Bewegungen.

Präsenz gegen die bloße Bedeutung

Gumbrecht blieb dennoch nie ganz im Lager der Dekonstruktion. In Köln wurde sichtbar, wie früh seine eigenen Wege abzweigten. Körper, Präsenz, Stimmung, Resonanz, Gegenwart, Ereignis: Dieses Vokabular bildet sein Gegenalphabet zur reinen Sinnproduktion. Ihn interessiert nicht allein, was ein Text bedeutet. Ihn interessiert, was ein Text anwesend macht.

Das erklärt sein Buch über die Schönheit des Sports ebenso wie seine Theorie der Präsenz. Sport fasziniert ihn dort, wo Körper, Risiko, Zeit und Schönheit in einer Handlung zusammenfallen. Seine englische Formel „In Praise of Athletic Beauty“ meinte keine harmlose Sportbegeisterung. Sie meinte die Erfahrung von Präsenz in einer Welt, die alles zu Zeichen und Bedeutung machen will.

Für die Geisteswissenschaften ist das entscheidend. Sie verarmen, sobald sie Welt ausschließlich interpretieren. Sie gewinnen Kraft, wenn sie zeigen, was in Bildern, Stimmen, Körpern, Sätzen und Räumen gegenwärtig wird. Präsenz ist kein Anti-Intellektualismus. Sie ist die Rettung der Begriffe vor ihrer Austrocknung.

Stanford und die Geisteswissenschaften in der Nähe von Google

Dann Stanford. Aus Siegen nach Stanford zu gehen, war mehr als ein Karrieresprung. Gumbrecht wechselte in eine Universität, die technische Weltgeltung besaß und zugleich verstand, dass Exzellenz ohne Geisteswissenschaften beschädigt bleibt. Stanford war lange das technische Kraftzentrum der Westküste, ein Gegenpol zu Berkeley, ein Ort, an dem Ingenieurswissen, Unternehmertum und digitale Revolution zusammenkamen. Dann entschied die Universität, geisteswissenschaftliche Spitzenkräfte zu holen.

Gumbrecht gehörte zu dieser Generation. Interessant ist das Auswahlkriterium, das er in Köln nennt: Nicht nur Publikationen, nicht nur Reputation, auch institutionelle Energie zählte. Wer konnte etwas verändern? Wer konnte neue Formen schaffen? Gumbrecht hatte mit Graduiertenkollegs in Deutschland experimentiert. Stanford suchte keine schönen Fossilien. Stanford suchte Leute, die Institutionen bewegen konnten.

Hier liegt eine Lehre für Europa. Geisteswissenschaften werden nicht gerettet, indem man sie museal schützt. Sie brauchen Menschen, die neue Formen erfinden: Kolloquien, Reading Groups, öffentliche Vorlesungen, hybride Räume zwischen Technik, Kunst, Philosophie und Öffentlichkeit. Der Streit um Etats bleibt notwendig. Doch ohne charismatische Formen verpufft selbst großzügige Finanzierung.

Peter Thiel liest René Girard

Der Kölner Abend bekam eine neue Spannung, als Peter Thiel ins Spiel kam. Werntgen erinnerte an Thiels Satz, die Zukunft gehöre den „word people“. Gumbrecht widerspricht nicht. Im Gegenteil: Er macht den Satz plausibel. Thiel, der erste Investor von Facebook, wurde in Stanford von René Girard geprägt. Girards Theorie des mimetischen Begehrens besagt, dass Menschen selten autonom begehren. Sie begehren, was andere begehren. Sie folgen Vorbildern, kopieren Wünsche, geraten in Rivalität.

Facebook wird damit als technische Realisierung einer geisteswissenschaftlichen Theorie lesbar. Ein Bild, ein Status, ein Körper, ein Erfolg, eine Beziehung erzeugt Nachahmung. Die Plattform ist keine bloße Software. Sie ist eine Maschine der Mimesis. Thiel verstand das offenbar früher als viele seiner Kritiker.

Hier wird die Gegenwartsbedeutung der Geisteswissenschaften handgreiflich. Girard erklärt keine App, aber er erklärt eine anthropologische Dynamik, ohne die soziale Medien kaum zu verstehen sind. Die Tech-Welt lebt von Nachahmung, Begehren, Vergleich, Ritual, Sichtbarkeit, Rivalität, Opferlogik, Erregung. All das sind alte Themen der Literatur, der Anthropologie, der Philosophie, der Religionswissenschaft. Die „word people“ verstehen die sozialen Kräfte, auf denen die Systeme laufen. Wer nur rechnet, versteht die Maschine. Wer Girard liest, versteht ihr Begehren.

Sam Ginn, Heidegger und die Grammatik der künstlichen Intelligenz

Noch überraschender führt der Abend zu Sam Ginn. Nicht als Beispiel für eine hübsche Verbindung zwischen Philosophie und Technologie, vielmehr als Beleg dafür, dass Geisteswissenschaften dort wirksam werden können, wo man sie am wenigsten vermutet: im Code. Gumbrecht erzählt von einem Stanford-Studenten, der in seiner Philosophical Reading Group Heidegger las, später im Feld der künstlichen Intelligenz erfolgreich wurde und am 11. Juni in Aspen heiratet; Gumbrecht fliegt früh dorthin. Diese Reise ist kein privates Beiwerk. Sie zeigt, dass eine Lesegruppe, wenn sie gelingt, mehr hervorbringt als akademische Bildungserlebnisse. Sie stiftet Bindungen, die Seminarpläne, Prüfungen und Publikationslisten weit hinter sich lassen.

Ginn wurde zu einem erfolgreichen Start-up-Gründer im Silicon Valley. Sein Arbeitsfeld ist Natural Language Processing, jener Bereich der künstlichen Intelligenz, der Sprache maschinell verstehen, erzeugen und verarbeiten will. Ausgerechnet Heidegger wurde für ihn zum produktiven Störfall im technischen Denken.

Der entscheidende Anstoß kam aus der Heidegger-Lektüre. Ginn interessierte sich für das „Zuhanden-Sein“: Wörter und Dinge besitzen keinen starren Sinn, der unabhängig von Gebrauch, Zweck, Situation und Weltbezug feststeht. Ein Hammer ist im Gebrauch etwas anderes als in einer abstrakten Objektliste. Genau hier sah Ginn einen Einwand gegen ältere Modelle des Natural Language Processing, die Wörter als feste Zahlenvektoren behandelten. Bedeutung müsse beweglicher, kontextabhängiger, weltlicher gedacht werden. Seit 2017, so Ginn, hätten Transformer-Modelle genau diesen Schritt vollzogen: Wortvektoren verändern sich in der Wechselwirkung mit ihrer Umgebung.

Ginns eigenes Start-up arbeitete später im Gesundheitsbereich, zunächst in der Veterinärmedizin. Ausgangspunkt war das Problem, dass Ärztinnen und Ärzte enorme Zeit am Computer verlieren, um Diagnosen und Dokumentation zu erstellen. Die Frage lautete: Kann künstliche Intelligenz diese Arbeit so übernehmen, dass Menschen wieder mehr Zeit für Patienten gewinnen?

So wird Heidegger für Ginn nicht zum akademischen Schmuck. Er verändert den Blick auf Sprache, Technik und Arbeit. Gumbrecht zeigt mit dieser Geschichte, weshalb Geisteswissenschaften in Stanford keine nostalgische Beigabe zur Technik sind. Sie liefern jene Begriffe, die den Code aus seiner Blindheit gegenüber Welt, Körper und Gebrauch lösen können.

Die Philosophical Reading Group als kleine Universität

Die Philosophical Reading Group in Stanford erscheint als eine der schönsten Antworten auf die Krise der Geisteswissenschaften. Dort saßen keine künftigen Philologen in geschützter Fachgemeinschaft. Dort saßen Menschen aus verschiedenen Lebensbahnen: Techniker, Unternehmer, Studierende, künftige Akteure außerhalb der akademischen Welt. Sie lasen Texte, diskutierten, blieben in wechselseitiger Präsenz bis zur Erschöpfung.

Diese Form lässt sich schwer messen. Sie produziert nicht sofort einen Output. Sie passt schlecht in die Sprache der Drittmittelverwaltung. Doch vielleicht ist sie gerade deshalb so kostbar. Eine Reading Group, die Menschen lange genug im Gespräch hält, erzeugt eine geistige Erfahrung, die keine Plattform ersetzen kann. Sie verbindet Aufmerksamkeit, Stimme, Körper, Zeit und Widerstand.

Die Geisteswissenschaften haben Zukunft, sobald sie solche Formen wieder ernst nehmen. Nicht das Fach als Behörde rettet sie. Nicht das Curriculum als Verteidigungsanlage. Rettend wirkt eine Praxis, in der Menschen erfahren, dass ein Text sie aus der Bahn bringen kann.

Alexander Nemerov und die öffentliche Stimme der Kunstgeschichte

Gumbrecht empfiehlt, sich online Alexander Nemerov anzuschauen. Das ist ein präziser Hinweis. Nemerov, Carl and Marilynn Thoma Provostial Professor in the Arts and Humanities an der Stanford University, spricht über amerikanische Kunst, Geschichte, Erinnerung und die ethischen Ansprüche von Bildern mit einer Kraft, die akademische Rede wieder öffentlich macht. Seine Bücher und Vorlesungen zeigen, dass Kunstgeschichte nicht im Inventar endet. Sie kann Vergangenheit als Erfahrung öffnen.

An Nemerov wird sichtbar, was Gumbrecht an Hugo Kuhn erlebte: Geisteswissenschaften brauchen Stimmen, die Menschen in einen anderen Wahrnehmungszustand versetzen. Nemerov spricht nicht bloß über Bilder. Er gibt Bildern Zeit, Raum, Schwere, affektive Ladung. Die Vergangenheit wird bei ihm nicht erläutert, sie tritt in Erscheinung. Das ist keine Nebensache für ein Fach. Es ist sein Überleben. Sobald Kunstgeschichte wieder so spricht, dass Menschen nachher anders sehen, hat sie ihre öffentliche Aufgabe erfüllt.

Nietzsche, Thiel und die Unterbrechung der Fortschrittskurve

Nietzsche gehört in diesen Abend über Peter Thiel hinein, weil an ihm sichtbar wird, wie brüchig die große Fortschrittserzählung der Moderne geworden ist. Thiel interessiert sich, in Gumbrechts Deutung, nicht für Nietzsche als Dekor eines exzentrischen Milliardärs. Ihn interessiert Nietzsche als Autor der Diskontinuität: Geschichte verläuft nicht als stetige Verbesserung, Kultur entwickelt sich nicht geradlinig, große Verschiebungen entstehen durch Brüche, Setzungen, riskante Neuanfänge. Das passt zu Thiels Misstrauen gegen bloße Optimierung. Wer nur vorhandene Prozesse verbessert, bleibt im Modus des Fortsetzens. Wer Neues schafft, setzt eine Zäsur.

Hier berührt sich Nietzsche mit René Girard, ohne in ihm aufzugehen. Girard zeigt, wie Menschen begehren, indem sie andere nachahmen. Nietzsche zeigt, wie selten der Ausbruch aus solchen Nachahmungsordnungen gelingt. Für die Geisteswissenschaften liegt darin eine präzise Gegenwartsaufgabe: Sie erklären nicht bloß Vergangenes, sie machen die verborgenen Muster der Gegenwart sichtbar. Facebook wird mit Girard lesbar als Architektur mimetischer Begehrlichkeit. Thiels Nietzsche-Lektüre rückt daneben die Frage, ob technische Innovation wirklich neues Denken hervorbringt oder nur die alten Nachahmungsmechanismen beschleunigt. Genau an dieser Stelle gewinnen Geisteswissenschaften ihre Schärfe zurück: Sie prüfen die großen Worte der Gegenwart — Innovation, Disruption, Fortschritt — auf ihren geistigen Gehalt.

Was Geisteswissenschaften leisten

Die zentrale Frage des Abends lautete: Was leisten Geisteswissenschaften? Bei Gumbrecht ergibt sich keine trockene Definition. Die Antwort liegt in Szenen. Sie leisten Faszination, weil sie den Blick lenken. Sie leisten Präsenz, weil sie Vergangenes, Entferntes und Komplexes gegenwärtig machen. Sie leisten Unterbrechung, weil sie Zweckroutinen lockern und den direkten Weg verdächtig machen. Sie leisten Formung, weil sie Stimme, Urteil, Aufmerksamkeit und Takt schulen. Sie leisten Übersetzung, weil sie Girard für Facebook, Heidegger für Programmierer, Kunstgeschichte für Gegenwart, mittelalterliche Philologie für philosophische Spekulation anschlussfähig machen.

Das sind keine weichen Fähigkeiten. Es sind harte Voraussetzungen für eine Welt, in der technische Systeme immer schneller werden und Menschen immer weniger Zeit haben, ihre eigenen Wünsche zu verstehen.

Was sie versäumt haben

Die Geisteswissenschaften haben versäumt, ihre eigene Attraktivität offensiv zu verteidigen. Sie haben zu oft angenommen, ihr Wert verstehe sich von selbst. Danach versuchten sie, ihn in fremder Sprache zu beweisen: als Standortfaktor, als Kreativitätsressource, als Demokratietraining, als Soft Skill. All das mag stimmen. Aber es reicht nicht.

Ihr eigentlicher Wert liegt in der Veränderung der Wahrnehmung. Wer aus einem Seminar herausgeht und anders sieht, anders hört, anders liest, anders spricht, hat etwas erfahren, das sich keiner bloßen Nützlichkeitsrechnung fügt. Diese Erfahrung braucht Personen, Räume und Formen. Sie braucht Hugo Kuhn im vollen Hörsaal. Sie braucht Nemerov vor Bildern. Sie braucht Gumbrecht in einer Reading Group. Sie braucht Studierende, die sich für zwei Stunden aus dem Lärm der Gegenwart lösen.

Versäumt wurde auch die frühe Deutung der digitalen Welt. Facebook hätte nicht nur von Informatikern, Ökonomen und Juristen erklärt werden dürfen. Girard lag bereit. Nachahmung, Begehren, Rivalität, Sichtbarkeit, Opfermechanismen: Das waren geisteswissenschaftliche Begriffe, bevor sie Plattformrealität wurden. Die „word people“ kamen zu spät in die Debatte, obwohl sie viel früher hätten sprechen können.

Die Schule der Rettung

Gumbrecht gibt keine einfache Rettungsformel. Aber aus seinen Sätzen entsteht ein Programm. Die Geisteswissenschaften müssen wieder anziehend werden. Sie brauchen weniger Selbstmitleid und mehr Form. Weniger Verwaltung ihrer Krise und mehr öffentliche Stimme. Weniger Angst vor Technik und mehr anthropologische Kühnheit. Weniger Mittelmaß in Seminarräumen und mehr Personen, die den Blick verändern.

Das beginnt in der Schule. Kinder sollten nicht lernen, Literatur als Pflichtstoff zu überstehen. Sie sollten erfahren, dass ein Satz sie treffen kann. Es setzt sich an der Universität fort. Studierende sollten nicht nur lernen, über Texte zu sprechen. Sie sollten in Situationen geraten, in denen Texte, Bilder, Begriffe und Stimmen ihre Wahrnehmung verändern.

Stanford erscheint bei Gumbrecht als Ort, an dem diese Möglichkeit institutionell eher angelegt ist als in vielen europäischen Studiengängen. Die allgemeine Ausbildung vor der Spezialisierung zwingt auch künftige Techniker, Unternehmer und Mediziner in Kontakt mit Kunst, Literatur, Philosophie. Das erklärt seine Empfehlung, Kinder in Stanford studieren zu lassen. Es geht nicht um Prestige. Es geht um eine Bildungsform, in der Spezialisierung durch Welterfahrung vorbereitet wird.

Nach dem Ende beginnt die Arbeit

„Die Zukunft der Geisteswissenschaften nach ihrem Ende“ war kein Abgesang. Der Titel beschreibt das Ende einer Selbstverständlichkeit. Die alte Gelehrtenfigur, der Ordinarius mit Zettelkasten, die nationale Philologie als geschlossene Welt, der Hörsaal als natürliche Autoritätsbühne, die Bibliothek als unangefochtenes Zentrum: Diese Formen tragen nicht mehr allein.

Gumbrecht zeigt, was an ihre Stelle treten kann. Faszination als Augenlenkung. Präsenz als Gegengewicht zur bloßen Information. Reading Groups als kleine Intensivformen. Öffentliche Stimmen wie Alexander Nemerov. Theorien wie Girards Mimesis, die Facebook lesbar machen. Heideggers Gelassenheit als Störung technischer Zielroutinen. Nietzsche als Autor der Diskontinuität. Hugo Kuhn als Urbild einer Vorlesung, die ein Leben umlenkt.

Die Zukunft der Geisteswissenschaften beginnt dort, wo jemand den Raum betritt und die Aufmerksamkeit verändert. Nicht durch Pathos. Nicht durch Selbstverteidigung. Durch die Erfahrung, dass Denken wieder einen Ort hat. Im Roten Saal des COMEDIA Theaters konnte man für einen Abend sehen, wie das aussieht.

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