
Kleiner Scherz mit Winfried Felser vor ein paar Jahren
Daniel-Pascal Zorn behandelt den Bericht auf ichsagmal.com zur langen KI-Nacht der phil.COLOGNE vom 12. Juni 2026 in Köln, als habe der Bote persönlich die Nachricht verursacht, die er überbringt. Der Bote kommt vom Schlachtfeld zurück, meldet Rauch, Lärm und widersprüchliche Truppenbewegungen. Der Hofgelehrte prüft daraufhin die Stiefel des Boten, tadelt den Staub am Mantel und erklärt die Schlacht zur Unterhaltungsshow. So läuft diese Debatte gerade auf der vulgärkapitalistischen Plattform namens TwitterX. Damit das nicht nur in den Niederungen einer schwächer werdenden Plattform verwest, poste ich das auch mal für die anderen geteilten Öffentlichkeiten im WordPress-Universum und für Mastodon, BlueSky, LinkedIn, Facebook und Co.
Zorn war offenbar nicht im Saal. Er urteilt dennoch über Format, Auswahl, Moderation, Expertise, Ton und Erkenntniswert. Die phil.COLOGNE wird bei ihm zum Jahrmarkt der Scheinzuständigkeit. Gert Scobel wird zum Unterhaltungsmann. Markus Gabriel wird zum Polemiker. Der Bericht wird zum Nicht-Bericht. Das Publikum verschwindet. Der Abend verschwindet. Übrig bleiben die hausmeisterlichen Aburteilungen eines Abwesenden. Das ist komfortabel. Man muss kein Ereignis ernst nehmen, sobald man den Ort und Personen entwertet: Diesen Philosophen da nimmt eh keiner ernst, das mit den moralischen Tatsachen sei längst widerlegt – so wird halt herum gemeint und wenig argumentiert.
Öffentliche Philosophie ist kein Oberseminar
Die phil.COLOGNE ist kein Prüfungsraum der akademischen Philosophie. Sie ist ein öffentliches Forum. Dort sprechen Fachleute vor Menschen, die Orientierung suchen. Das verlangt Verdichtung. Es verlangt Übersetzung. Es verlangt Risiko im Satz. Und es lebt von kontroversen Debatten. Zorn nennt das Unterhaltung. Man kann es auch Öffentlichkeit nennen. Am 12. Juni ging es nicht um eine Kant-Edition. Es ging um Künstliche Intelligenz als Sprach- und Dialogsystem, Machttechnik, Arbeitsmedium, Lernwerkzeug und moralischer Spiegel. Sechs Stimmen aus unterschiedlichen Fachkulturen erzeugen Reibung. Genau dafür baut man solche Abende. Ein reines Spezialkolloquium hätte die KI-Debatte enger, sauberer und ärmer gemacht. Ein Vertreter vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz oder Fraunhofer hätte aber dem Abend sicherlich mehr Substanz gegeben, um die Thesen der Vortragenden auf Herz und Nieren zu überprüfen.
„Vermessen“ hieß in meinem Bericht: Linien sichtbar machen. Moral, Sprache, Politik, China, Arbeit, Lernen, Mensch-Maschine-Kollaboration. Keine endgültige Landkarte. Eher ein Lagebild aus einem Saal, in dem die Debatte hörbar wurde.
Moral urteilt, Ethik prüft
Zorn erinnert daran, dass Moral und Ethik verschieden sind. Das stimmt. Es erledigt Gabriels Punkt allerdings nicht. Moral bezeichnet gelebte Normen und Urteile. Sie sagt: Dieses Handeln ist richtig. Dieses Verhalten verletzt jemanden. Beispielsweise ein schnöder Ton des Aburteilens. Diese Pflicht gilt. Ethik prüft solche Urteile. Sie fragt nach Begründung, Reichweite, Konflikten und Geltung. Sie untersucht, welche Gründe tragen, sobald Interessen, Rechte, Folgen und Institutionen gegeneinanderstehen. Kurz: Moral urteilt. Ethik prüft das Urteil.
Wer Ethik aus der Wissenschaft herausnimmt, verengt Wissenschaft auf Messapparat und Labor. Dann geraten Rechtswissenschaft, Geschichtswissenschaft, Literaturwissenschaft, Philosophie und Theoriegeschichte gleich mit in den Verdachtsraum. Ethik ist keine Naturwissenschaft. Sie ist eine argumentative, normative und reflexive Disziplin. Sie arbeitet mit Begriffen, Fällen, Einwänden, Traditionen und Gründen.
Medizinethik ohne Klinikfall wäre leer. Wirtschaftsethik ohne Unternehmenspraxis wäre Dekoration. Technikethik ohne konkrete Systeme wäre Wortakrobatik. KI-Ethik ohne Daten, Modelle, Plattformmacht und Haftung bleibt folgenlos.
Wirtschaftsethik kennt diese Falle
Ich habe einige Jahre als VWL-Dozent Wirtschaftsethik unterrichtet. Gemeinsam mit Professor Lutz Becker erhielt ich dafür einen Wissenschaftspreis für digitale Lehre. Unser Konzept hieß Lernen durch Lehren. Keine Stoff-Bulimie. Keine Folienshow. Keine Frontalberieselung. Studierende sollten wirtschaftsethische Konflikte selbst erschließen, erklären, prüfen und verteidigen. Alles nachzulesen auf der Next-Economy-Open-Website. Dort wurden und werden viele Forschungsarbeiten von Studierenden vor allem am Ende des Jahres präsentiert.
Dort lernt man schnell: Moralische Empörung reicht nicht. Wer Managergehälter kritisiert, muss über Corporate Governance, Eigentumsrechte, Aufsichtsräte, Anreizsysteme, Transparenz und Macht reden. Wer Klimaschäden beklagt, muss über Märkte, Recht, Haftung, Preise, Institutionen und Gemeinwohl reden. Wer Unternehmensethik fordert, muss klären, wer im Unternehmen widersprechen darf, wer Risiken trägt und wer Entscheidungen stoppt.
Ralf Dahrendorf unterschied Marktfreiheit und Bürgerfreiheit. Peter Ulrich kritisierte die scheinbar wertfreie Ökonomik als Sozialphysik. Karl Popper stellte die institutionelle Frage: Wie begrenzt man den Schaden schlechter Herrschaft? Genau dort beginnt Wirtschaftsethik. Sie predigt keine besseren Menschen. Sie baut bessere Verfahren. Gabriels Idee einer Ethikabteilung oder eines Chief Philosophy Officer geht in die richtige Richtung. Man kann den Titel belächeln. Die Frage bleibt: Wer prüft in Unternehmen systematisch moralische Risiken von Geschäftsmodellen, Datenstrategien, KI-Systemen und Plattformmacht? Auch die Demokratie in den Organisationen ist dabei relevant.
Gabriels Provokation war kein Abdankungsvertrag an die Maschine
Gabriel sagte in Köln nicht: Gebt ethische Entscheidungen an KI ab. Diese Lesart ist bequem und falsch. Seine These zielte auf menschliche Selbstüberschätzung. Menschen urteilen oft aus Nahbereichen: Familie, Stadt, Milieu, Partei, Fachschule, Freundeskreis. Daraus entstehen große Urteile über Weltkonflikte. Gabriel fragte, ob KI als Prüfgerät moralische Muster sichtbar machen kann, die Menschen übersehen. Nicht als Richter. Nicht als Gewissen. Als Spiegel, Störung, Korrektiv. Man braucht sich auf ichsagmal.com nur die demoskopische Gabel bei der Berurteilung von Sachfragen in der Nah- und in der Fernsicht anschauen. Stichwort: Doppeltes Meinungsklima.
Der kategorische Imperativ bleibt ein großes Prüfverfahren. Er liefert aber keine fertige Antwort auf Triage, Schulschließung, Krieg, Migration, Plattformregulierung oder algorithmische Verwaltung. In solchen Fällen arbeiten ethische Argumente. Sie ringen. Sie scheitern manchmal. Sie werden besser durch Anwendung, Kritik und institutionelle Übersetzung. Genau deshalb war Gabriels Zuspitzung interessant: Er holte Ethik vom Sockel in die Praxis. Dorthin, wo Unternehmen, Verwaltungen, Kliniken, Schulen und Plattformen entscheiden.
Der Streit braucht bessere Werkzeuge
Zorn kann Gabriel kritisieren. Er kann Kant verteidigen. Er kann Scobels Moderation zerlegen. Er kann meinen Bericht sprachlich auseinandernehmen. Alles legitim. Aber sein Zugriff wirkt wie eine akademische Grenzkontrolle: Stempel fehlt, Format falsch, Publikum verdächtig, Moderator untauglich, Redner pathologisch, Bericht ungültig. So gewinnt man vielleicht ein Twitter-Gefecht – mehr aber auch nicht.
Die KI-Debatte benötigt Fachpräzision. Sie braucht Technikkenntnis. Sie braucht Ethik. Sie braucht Popper. Sie braucht Wirtschaftspraxis. Sie braucht öffentliche Foren, in denen sich Begriffe bewähren müssen. Die phil.COLOGNE ist dafür kein Ersatz für Forschung. Sie ist ein Ort, an dem Forschung, Öffentlichkeit und Streit aufeinandertreffen. Der Bote hat die Nachricht nicht erfunden. Er hat sie aus dem Saal getragen.
Zum Thema passt ja auch diese Session aus dem vergangenen Jahr: