Der Leser als Institution: Ein anonymes Exemplar von Henrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ und die private Wissenschaft der Nachkriegszeit

Man kauft ein Buch, und plötzlich besitzt man eine Rezeptionsgeschichte, die über zwei Jahrzehnte führt. Das eine trägt den Namen Henrik de Man, heißt „Vermassung und Kulturverfall“, erschien 1951 im Münchner Leo Lehnen Verlag und gehört in jene Nachkriegsbibliothek, in der Kulturkritik, Geschichtsphilosophie, Sozialpsychologie und ästhetische Krisendiagnose einander noch mit dem Ernst der letzten Dinge begegneten. Die Rezeptionsgeschichte hat keinen Autor auf dem Titelblatt. Es hat keinen Besitzvermerk, keine Widmung, keine Adresse, kein Exlibris. Sein Verfasser bleibt anonym. Gleichwohl ist er auf beinahe jeder Seite gegenwärtig.

Er unterstreicht, korrigiert, erklärt, sammelt, klebt, datiert, ordnet, verknüpft. Er schiebt Camus unter de Mans Vorwort, Fridolin Tschudi in das Impressum, Reader’s-Digest-Ethnographie in die Kulturmorphologie, Zeitungsartikel über Jugendkino in das Kapitel vom Massenhirn, Fedor Stepun in die Kunstkritik, Werner Spies zu Charles Le Brun in die Stilgeschichte, Robert Jungk zu Adrien Turel in die Zukunftsdiagnostik, Meldungen über Personalkennzeichen, Computerfehler und Orwell an die Schwelle der verwalteten Moderne. Dieses Exemplar wurde gelesen, wie man früher eine Festung ausbaute: mit Vorwerken, Kasematten, Beobachtungsposten, Geheimfächern.

Der Leser hat de Mans Buch nicht abgeschlossen, nachdem er die letzte Seite erreichte. Er hat es geöffnet gehalten. Fast zwanzig Jahre lang. Die datierbaren Spuren laufen von den frühen fünfziger Jahren bis 1970. Aus einem gedruckten Werk wurde eine fortgesetzte Untersuchung. Aus Lektüre wurde Registratur. Aus Kulturkritik wurde eine private Akte zur Bundesrepublik, zur Weltpolitik, zur Kunst, zur Jugend, zur Technik, zum kalten Krieg, zur Furcht vor der Nummerierung des Menschen.

Das Buch, das bewohnt wurde

Henrik de Man beginnt im Vorwort mit der bekannten Verteidigung des Kulturkritikers: Man werde ihn für einen Schwarzseher halten, dabei habe er stets als Optimist gegolten. Der unbekannte Leser läßt ihn mit dieser Selbstdeutung nicht allein. Unter die Passage klebt er Max Lerners Hinweis auf Albert Camus aus der „Saturday Review of Literature“: Die Menschheit habe nur eine Chance gegen tausend. Damit entsteht auf der Schwelle des Buches eine kleine Disputation. De Man beansprucht die Möglichkeit der Rettung. Camus bringt die statistische Härte der Katastrophe mit. Der Leser moderiert nicht. Er montiert.

Diese Montage verrät viel. Der Anonyme liest nicht passiv. Er liest nicht im Sinne stiller Zustimmung. Er baut eine Versuchsanordnung. Jede Einlage ist ein kleines Experiment: Trägt de Mans Begriff der Masse noch, sobald man ihn an Film, Werbung, Transistorradio, abstrakter Kunst, Personalkennziffer, Computerverwaltung oder Vietnam hält? Sind seine Kulturbegriffe aus dem frühen Nachkrieg in den sechziger Jahren noch brauchbar? Kann man mit ihnen begreifen, was die Nachkriegsgesellschaft an Konsum, Bildern, Tönen, Nummern, Nachrichten und Angst hervorbringt?

Der Leser beantwortet diese Fragen nicht mit einer Abhandlung. Er antwortet mit Papier. Mit ausgeschnittenem Papier. Mit Zeitungspapier, Lexikonschnitten, maschinenschriftlichen Zetteln, handschriftlichen Querverweisen. Seine Methode ist die des gelehrten Bastlers. Kein akademischer Apparat, kein Seminarprotokoll, kein offizieller Kommentar. Eher eine private Philologie der Gegenwart, erstellt mit Schere, Leim und Bleistift.

Der unbekannte Kommentator als bürgerlicher Selbstlehrer

Wer war dieser Leser? Man weiß es nicht. Genau darin liegt der Reiz des Fundes. Kein Name rettet ihn in die Biographie. Keine Adresse macht ihn zur Person. Keine Handschrift läßt eine sichere Milieuzuweisung zu. Doch der Apparat, den er hinterlassen hat, spricht.

Er war ein Leser des Lexikons. Wo de Man Namen oder Begriffe fallenläßt, arbeitet er nach. Speläologie wird als Höhlenforschung erklärt. Repetitive wird mit wiederholend übersetzt. Centripetal erhält seine Richtung zum Mittelpunkt. Archetyp bekommt sein Urbild. Directoire exécutif, Incroyables, Merveilleuses, Lully, Le Nôtre, Mansart, Le Brun, Helvétius, Thomas Paine, Lafayette: Der Leser läßt kaum eine historische oder begriffliche Stelle unbeaufsichtigt. Er will verstehen, bevor er urteilt. Er will ordnen, bevor er weiterliest. Er verwandelt de Mans Essay in eine Ausgabe mit eingebautem Handapparat.

Das deutet auf einen Typus, der in der Nachkriegskultur große Bedeutung hatte und heute fast verschwunden ist: den bildungsbürgerlichen Autodidakten als Archivar seiner eigenen Erziehung. Er liest nicht konsumierend. Er liest sammelnd. Er liest nicht, um ein Buch hinter sich zu bringen. Er liest, um eine Welt neben dem Buch aufzubauen. Seine Bildung ist weder rein akademisch noch bloß journalistisch. Sie lebt aus der Mischung von Feuilleton, Lexikon, Rundfunkhinweis, politischer Meldung, Rezension, Zitat, Zeitungsspalte, Kalenderdatum und Merksatz.

Dieser Leser braucht keine Universität, um eine Methode zu haben. Seine Methode heißt Anschluss. Jeder Satz de Mans sucht sich eine Gegenwart. Jede Theorie erhält einen Ausschnitt. Jeder abstrakte Begriff bekommt ein Beispiel. Das Buch ist bei ihm nicht Autorität, eher ein Leitfaden für Funde.

De Man als Suchmaschine aus Papier

Man kann dieses Exemplar als frühe Suchmaschine beschreiben, gefertigt vor der digitalen Zeit. De Mans Registerwörter heißen Masse, Kultur, Zivilisation, Arbeit, Mode, Psychose, Kunst, Religion, Wissenschaft, Angst, Amerikanisierung. Der Leser gibt diese Wörter in seine Zeitungswelt ein. Die Ergebnisse klebt er ein.

Bei de Man steht die Unterscheidung zwischen Kultur und Zivilisation. Der Leser markiert Spengler, Huizinga, Toynbee, Gobineau. Er erklärt die Begriffe, sichert die Namen, zieht Randlinien. Bei de Man erscheint die Frage nach pluralistischen und repetitiven Kulturtheorien. Der Leser legt einen Zettel ein: repetitive gleich wiederholende. Aus einem Wort wird ein Merksatz.

Bei de Man steht die Bemerkung, unsere Kultur beruhe auf der Verehrung der Arbeit, efficiency werde zum Kriterium des Lebenserfolgs. Der Leser reagiert mit einem Querverweis auf spätere Seiten. Dieses Wort, Kriterium, wird verfolgt. Es bleibt nicht an Ort und Stelle. Es wandert durch das Buch. Der Leser behandelt de Mans Text wie ein Gelände, in dem Begriffe Spuren hinterlassen.

Bei de Man beginnt das Kapitel von Masse und Vermassung. Der Leser bringt den Zettel mit unitarisch und pluralistisch an. Ein paar Seiten später kommentiert er die Formulierung von den zwei ersten Weltkriegen mit einer Frage: Deute dies auf weitere Weltkriege? Hier wird der Leser zum Interpreten, fast zum Ankläger. Ein Zahlwort bei de Man genügt ihm, um eine Zukunftshypothese zu formulieren. Der Erste Weltkrieg und der Zweite Weltkrieg erscheinen plötzlich als offene Reihe.

Die Zeitung als zweiter Autor

Die eigentliche Sensation dieses Exemplars liegt in der Zeitung. Der unbekannte Leser vertraut dem gedruckten Buch, doch er läßt es nicht im Buchraum gefangen. Er holt die Tagespresse hinein. Damit verschiebt sich die Gattung. „Vermassung und Kulturverfall“ wird zu einem Album der Nachkriegspublizistik.

Der Ausschnitt „Kinofreudigkeit der Jugend wächst mit Phantasiearmut“ gehört in diese Werkstatt. Eine dpa-Meldung über Düsseldorfer Schulkinder und Kinobesuch wird zur Beilage des Massenhirns. Das junge Publikum, die Leinwand, die Reizsuche, die angebliche Armut der Vorstellungskraft: Alles scheint de Mans Diagnose zu illustrieren. Daneben treten Fedor Stepuns Warnungen vor Film und Theater, eine Rezension über „Warnende Worte“, die Sorge um seelische Entleerung durch moderne Bildkünste. Der Leser registriert das Kino nicht als Freizeitvergnügen. Er registriert es als Symptom.

So arbeitet er auch mit der Werbung. Ausschnitte über Psychologie, Wiederholung, Gewöhnung, Sex-Werbung und Reizsteigerung treten an die Stelle, an der de Man über Sensationshascherei, erhöhte Reizschwelle und öffentliche Meinung schreibt. Der unbekannte Leser ahnt, dass die Masse nicht bloß auf Plätzen steht, nicht bloß in Parteien, Fabriken oder Stadien erscheint. Sie wird durch Wiederholung erzeugt. Durch Schlagzeilen. Durch Bilder. Durch den Tonfall der Reklame. Durch psychologische Forschung, die herausfindet, wie sich Zustimmung einübt.

In dieser Hinsicht ist der anonyme Kommentator moderner als sein Autor. De Man denkt die Masse noch mit den großen Begriffen der europäischen Kulturkrise. Der Leser führt sie in die Apparatewelt der späten sechziger Jahre. Er sieht Transistorradios, Computer, Personalkennziffern, Verwaltungsdaten. Er spürt, dass Masse nicht allein eine soziale Größe ist. Sie wird technisch hergestellt.

Das Transistorradio und die Weltmacht der kleinen Geräte

Ein eingeklebter Reader’s-Digest-Artikel trägt den Titel „Das Transistorradio – eine Weltmacht“. Ob im Reisfeld, im Regenwald, im Kampong oder Kral: Der kleine Kasten, so die Überschrift, findet überall die Hoffnung und Sehnsüchte unzähliger Menschen. Für den Leser war das keine ethnographische Harmlosigkeit. Er klebt diesen Text in ein Buch über Vermassung.

Damit gewinnt de Mans Diagnose ein neues Instrument. Die Masse ist nicht mehr nur der städtische Körper, die Menge, der Chor der öffentlichen Meinung. Sie erhält Antennen. Sie empfängt Stimmen. Sie hört Nachrichten, Propaganda, Musik, Versprechen. Das Transistorradio wird zum Taschenformat der Weltgeschichte. Wo de Man über öffentliche Meinung spricht, liefert der Leser das Medium der Vervielfältigung. Wo de Man vor der Suggestion warnt, bringt der Leser den Apparat, der sie über Grenzen trägt.

In dieser Einlage zeigt sich der historische Übergang von der Massenpsychologie zur Medientechnik. Der Leser klebt die Zukunft nicht ein, weil er sie liebt. Er klebt sie ein, weil er sie für gefährlich hält. Kleine Geräte schaffen große Kollektive. Das ist seine Lehre.

Buschmann, Maya und das Problem der fremden Kulturen

Zu den aufschlußreichsten Einlagen gehören die Texte über Maya und Buschmänner. Der Leser bringt ethnographische und populärwissenschaftliche Materialien dort an, wo de Man über Kulturen in Einzahl und Mehrzahl, über primitive Gesellschaften, Kulturmorphologie und Ursprungszustände nachdenkt. Ein Reader’s-Digest-Artikel über „Ein Tag im Leben eines Buschmanns“ wird zum Belegstück. Ein Lexikonartikel zu den Maya ergänzt die Passage über Kulturverwandtschaften.

Heute liest man solche Beilagen mit gespaltener Aufmerksamkeit. Sie zeigen den Sammlerfleiß des Unbekannten, zugleich den kolonialen Blick seiner Quellen. Die Sprache der Ausschnitte redet von primitiven Völkern, Wildnis, schwindenden Horden. Der Leser übernimmt diese Texte nicht sichtbar kritisch. Er nutzt sie als Anschauungsmaterial. Seine Lektüre ist gelehrt und historisch befangen zugleich. Genau deshalb ist das Exemplar als Quelle wertvoll. Es zeigt, wie Nachkriegsbildung mit Weltwissen arbeitete: neugierig, ordnend, universalistisch gestimmt, doch vielfach noch in evolutionistischen Rastern gefangen.

Der unbekannte Leser wollte de Man verstehen. Dabei wird sichtbar, welche Hilfsmittel seine Zeit dafür bereitstellte. „Das Beste aus Reader’s Digest“, Lexikon, populäre Ethnographie, Feuilleton. Die Welt kam in Ausschnitten auf den Schreibtisch. Aus der Fremde wurde Material für die Selbstdiagnose Europas.

Kunst als Symptom der beschädigten Gegenwart

Kein Themenfeld beschäftigt diesen Leser so intensiv wie die Kunst. De Mans Kapitel über Kunst und Psychose ziehen die dichtesten Markierungen an. Picasso, C. G. Jung, Irrenzeichnungen, kollektiver Irrsinn, Henry Miller, atonale Musik, Stilwechsel, Mode, Jazz, Funktionalismus: Der Leser folgt diesen Reizwörtern mit besonderer Aufmerksamkeit. Er sammelt dazu Rezensionen, Porträts, Kritiken, kunsthistorische Erklärstücke.

Der Artikel „Der vergessene Hofmaler“ über Charles Le Brun liefert eine Gegenwelt zur Moderne. Dazu kommen Lexikonschnitte über Lully, Le Nôtre, Mansart und Le Brun. Versailles wird zur Ordnungsvorstellung. Hofkunst, Architektur, Garten, Musik, Bildprogramm: Die Künste erscheinen als ein System. Dagegen steht die Gegenwartskunst, bei de Man in die Nähe der Psychose gerückt, bei den eingeklebten Ausschnitten durch die documenta-Debatte verschärft.

Der Leser war kein naiver Antimodernist. Dafür ist sein Material zu verschiedenartig. Aber er hatte eine ausgeprägte Sensibilität für Stil als gesellschaftliches Ordnungssignal. Mode, Bauhaus, Le Corbusier, Rumpelkammer, Spießigkeit, Hofmalerei, Picasso, Stepuns Theaterkritik: All dies gehört bei ihm zu einer Frage. Woran erkennt man eine Kultur, die ihre Formen verliert? Für de Man war diese Frage geschichtsphilosophisch. Für den Leser wurde sie feuilletonistisch überprüfbar.

Die Zeitung über die wieder moderne Spießigkeit ist in diesem Zusammenhang besonders sprechend. Der Rückzug in alte Möbel, Biederkeit, Rumpelkammer, Antiquität, Wohnstil war für den Leser kein harmloser Geschmackstrend. Er las darin einen Zeitzustand: die Gegenwart sucht Schutz in Formen, die sie längst zerstört hat. Nostalgie wird zur Krisenanzeige.

Der Staat zählt mit

Am Ende der sechziger Jahre verändert sich der Ton des Archivs. Nun treten Verwaltung, Computer, Personalkennzeichen und Orwell hinzu. Eine Meldung über ein zwölfstelliges Personalkennzeichen wird mit „Orwell 1984“ kommentiert. Ein Artikel über ein „Teures Computer-Baby“ zeigt Technik als Quelle absurder Fehlsteuerung. Genscher kündigt Gesetze zum Schutz vor Missbräuchen an. Die Drohung der Syndikate erscheint im „Tagesspiegel“. Psychologie, Krieg und Frieden geraten in die Sammlung.

Damit tritt eine neue Gestalt der Vermassung hervor. Der Mensch ist nicht mehr primär Kinogänger, Radiohörer, Käufer, Modewesen, Kunstkonsument. Er wird Datensatz. Er bekommt eine Nummer. Er wird verwaltungsfähig. Die Masse verwandelt sich in Bevölkerung, die Bevölkerung in Register, das Register in Steuerungsphantasie.

Der unbekannte Leser erweist sich an dieser Stelle als Sensor einer kommenden Debatte. Seine Sorge gilt nicht der Technik allein. Sie gilt der Verbindung von Technik, Staat, Verwaltung, Psychologie und Macht. De Mans „Zeitalter der Angst“ erhält hier eine späte, fast prophetische Fortschreibung. Die Angst kommt nicht mehr nur aus Kriegserfahrung oder metaphysischem Kulturverfall. Sie kommt aus Formularen, Kennziffern, Rechenanlagen, aus der Möglichkeit, den Menschen sauber zu ordnen.

Antitotalitärer Instinkt und die Politik des Feuilletons

Politisch läßt sich der Leser nicht eindeutig verorten. Er ist weder Parteigänger noch Pamphletist. Seine Sammlung verrät einen antitotalitären Instinkt, eine Scheu vor Diktatur, eine Skepsis gegenüber kollektivem Sog, eine Abneigung gegen ideologische Abrichtung. Die Einlagen über Ost-Berlin, DDR-Kultur, Inge Keller, Burnham, Johnson, Vietnam, Kaisen, Rosenstock-Huessy und Robert Jungk ergeben kein geschlossenes Programm. Sie ergeben eine Sorge.

Dieser Leser fürchtet den Menschen in der Masse, aber er mißtraut auch den Eliten, die Masse herstellen, verwalten oder verführen. Ein früher Ausschnitt über einen exklusiven Sonnenplatz für Manager gehört in diese Spannung. Masse und Elite sind bei ihm keine Gegensätze, die einander beruhigen. Beide können Symptome der Zeitkrankheit sein: die einen als statistischer Körper, die anderen als Funktionäre des Erfolgs.

Auffällig ist die Rolle des Feuilletons. Der Leser betreibt Politik durch Kulturspalten. Kunstkritik, Buchrezension, Leserbrief, Agenturmeldung, Lexikonartikel, kleine Nachricht: Für ihn sind dies keine niederen Formen des Wissens. Sie liefern Indizien. Die Weltgeschichte zeigt sich nicht nur im Leitartikel. Sie zeigt sich im Satz über Jugendkino, im Bericht über eine Ausstellung, in der Anzeige für ein kulturphilosophisches Buch, im Glossar zu einer historischen Mode. Das Feuilleton wird zum Seismographen.

Der Leser ohne Namen

Der fehlende Besitzvermerk ist kein Mangel. Er macht den Fall größer. Ein Name würde beruhigen. Man könnte sagen: Lehrer, Redakteur, Bibliothekar, Pfarrer, Beamter, Professor, Pensionär. Man könnte alles an einer Biographie festmachen und hätte damit die beunruhigende Allgemeinheit des Befunds entschärft. Der namenlose Leser zwingt zur Rekonstruktion aus der Praxis.

Seine Praxis zeigt ein Ideal des Lesens, das heute fast exotisch wirkt. Lesen war für ihn keine Entspannung, kein Kulturkonsum, kein schneller Zugriff auf Information. Lesen war Arbeit an der eigenen Urteilsfähigkeit. Der Text wurde nicht bloß aufgenommen. Er wurde geprüft, ergänzt, mit Nachrichten versorgt, mit Gegenstimmen verschaltet. Der Leser war ein Amateur im besten alten Sinn: einer, der aus Liebe zur Sache eine Disziplin entwickelte.

Dieses Exemplar lehrt, dass Rezeption nicht erst dort beginnt, wo Rezensionen erscheinen, Auflagen gezählt und akademische Debatten dokumentiert werden. Rezeption kann in einem Einzelband stattfinden, in einer Wohnung, über Jahre, mit ausgeschnittenen Zeitungen. Ein unbekannter Leser kann einem Buch ein Nachleben geben, das intensiver ist als manche öffentliche Debatte.

Eine kleine Soziologie des Lesens

Was also zeigt dieses Exemplar über das Lesen? Zunächst, dass Lesen eine soziale Handlung ist, auch im Alleingang. Der Leser ist allein mit de Man, aber seine Lektüre füllt sich mit Stimmen: Camus, Tschudi, Spies, Stepun, Jungk, „Das Beste aus Reader’s Digest“, dpa, „Tagesspiegel“, Lexikonredaktionen, amerikanische Magazine, politische Korrespondenten. Aus Einsamkeit entsteht ein Gesprächsraum.

Zweitens zeigt es Lesen als Technik der Selbstvergewisserung. Der unbekannte Leser sucht nicht Zerstreuung. Er sucht Kriterien. Er fragt, ob Kultur noch Ordnung besitzt, ob Kunst noch Form trägt, ob Medien Urteil zerstören, ob Technik Freiheit gefährdet, ob Politik in Verwaltung umschlägt, ob Masse ein Schicksal ist. Jede Unterstreichung ist ein Versuch, aus der beweglichen Gegenwart einen Satz zu retten.

Drittens zeigt es Lesen als Archivbildung. Der Leser sammelt nicht wahllos. Er fügt die Funde an argumentative Gelenke. Er benutzt de Man wie ein Gehäuse. Was in der Zeitung auftaucht, wird erst durch die Stelle im Buch interpretierbar. Das Buch gibt den Rahmen, die Zeitung liefert das Ereignis, der Leser stellt den Kontakt her.

Viertens zeigt es die Ambivalenz bildungsbürgerlicher Kulturkritik. Dieser Leser ist wach, belesen, ordnungsliebend, empfindlich für Macht, Medien und Entpersönlichung. Zugleich ist sein Archiv durchzogen von den Blickmustern seiner Zeit: Primitivismus, Pathologisierung moderner Kunst, kulturpessimistische Reflexe, Mißtrauen gegen Jugendkultur, Angst vor Amerikanisierung. Gerade diese Mischung macht ihn historisch aussagekräftig. Er ist kein Denkmal überlegener Bildung. Er ist ein Dokument gebildeter Beunruhigung.

Das stille Nachleben eines Buches

Henrik de Mans „Vermassung und Kulturverfall“ wollte erklären, wie Kulturen altern, wie Massen entstehen, wie Formen zerfallen, wie Angst sich ausbreitet. Der unbekannte Leser hat aus diesem Buch eine Maschine der Anschlussfähigkeit gemacht. Von 1951 bis 1970 ließ er die Gegenwart durch de Mans Begriffe laufen. Was dabei hängenblieb, klebte er ein.

So wurde das Buch zu einem privaten Observatorium. Man sieht die fünfziger Jahre mit ihrem Kunst- und Bildungspathos. Man sieht die sechziger Jahre mit Medien, Jugend, Weltpolitik und Antitotalitarismus. Man sieht um 1970 das Heraufziehen der Datenangst. Der Leser ohne Namen steht am Übergang von der klassischen Kulturkritik zur Informationsgesellschaft. Er weiß noch nichts von unseren Suchmaschinen, Profilen, Plattformen und algorithmischen Öffentlichkeiten. Aber er fürchtet bereits die Nummer. Er ahnt, dass der Mensch, einmal vollständig erfasst, eine neue Art von Masse bildet.

Am Ende bleibt kein Besitzvermerk, doch ein Besitzverhältnis ist unverkennbar. Dieser Leser hat das Buch besessen, indem er es verwandelte. Er hat es nicht geschont. Er hat es beansprucht. Er hat es mit seinem Jahrhundert beladen. In Antiquariaten findet man oft Spuren früherer Hände. Hier findet man eine ganze Denkform. Ein Mensch ohne Namen hat sich in ein Buch eingeschrieben, bis das Buch selbst zu seiner Biographie wurde.

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