Eat your own dogfood: Warum Digital-Manager auch privat ihr eigenes Hundefutter essen sollten

Wau
Wau

Die Aufforderung klingt etwas unappetitlich. Gemeint ist ein Phänomen, das Thomas Knüwer in einem Beitrag angesprochen hat unter dem Titel: „Privat halte ich mich eher mit dem Internet zurück“.

Er meint damit Bekenntnisse, die nicht selten von Digitalverantwortlichen der Firmenwelt öffentlich artikuliert werden – bei der Bundeskanzlerin, die ähnliches im Interview mit LeFloid äußerte, habe ich nichts anderes erwartet. Aber für Führungskräfte, die die Digitalisierung im Unternehmen vorantreiben wollensollen?

„Es ist für mich nicht verständlich, wieso Digital Manager, diese Äußerung von der Analogie des Privaten von sich geben. Schämen sollten sie sich dafür. Natürlich müssen sie nicht wie mit Tour de France-Mitteln gedopt durch die Gegend kommunizieren. Aber: Eine leicht überdurchschnittliche Nutzung digitaler Dienste sollte auch im Privaten erwartbar sein. Schließlich müssen sie Leidenschaft mitbringen für ein weiterhin rasant nach vorn preschendes Feld, für die vielleicht spannendste Aufgabe, die es derzeit in Unternehmen gibt“, so Knüwer.

“Sollte privat eher weniger digitale Technologie nutzen“: Das würde bei einer Stellenbeschreibung für den Digital Manager oder Chief Digital Officer ziemlich absurd klingen.

Das Stichwort Leidenschaft für die Digitalisierung ist dabei entscheidend. Es fehlt in Deutschland in vielen Organisationen das leidenschaftliche und experimentelle Engagement, um wirklich Neues in der vernetzten Welt hervorzubringen. Das brachte der Mittelstandsexperte Marco Petracca beim vergangenen netzökonomischen Käsekuchen-Diskurs zum Ausdruck:

„Was wir brauchen, ist Punk und Rock ‘n’ Roll für einen digitalen Gründergeist und nicht vertrocknete Lehrbücher von Meffert und Co.“

In Deutschland pflege man eine merkwürdige Definition von Visionen. Was in der Netzwelt und eben auch im Silicon Valley gepflegt werde, seien Visionen gepaart mit Leidenschaft. Fragt man industriell geprägte Unternehmen nach Visionen, kommt als Antwort:

„20 Prozent Wachstum in zwei Jahren“.

So könne man Gesellschaft und Wirtschaft nicht verändern.

„Wir denken ausschließlich in der Kategorie der Profitoptimierung. Es fehlt die übergeordnete Vision“, kritisiert Petracca.

Recht hat er. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Übrigens gilt die „Eat your own dogfood“-Aufforderung auch für Vorstandschefs – ihnen würde es gut tun, direkt mit Kunden, Bloggern, Lieferanten und der Netzöffentlichkeit insgesamt in Kontakt zu kommen. Da geht es um Kommunikation auf Augenhöhe und den Ausstieg aus dem geschützten Silo der Chefetage. Warum das sinnvoll ist, kann man dem Interview von Klaus Eck mit Opel-Chef Karl-Thomas Neumann entnehmen.

„In seinem ersten Tweet hatte der Opel-Chef seinen Followern versprochen, sie über Opel und das größte Comeback in der Automobilindustrie auf dem Laufenden zu halten. Mit dieser Social-CEO-Kommunikation auf Twitter setzt er neue Maßstäbe in digitaler Nahbarkeit. Dass er als digitaler CEO überzeugt, zeigen nicht nur 10.000 Follower auf Twitter, sondern auch sein Videocast, mit dem er auf YouTube erfolgreich ist.“

Es geht also doch, die Geschichte mit den twitternden Chefs. Und das bitte ohne Aufteilung in berufliche und private Persönlichkeit. Es geht um die Persönlichkeit im Ganzen!

Siehe auch:

Eat your own dogfood: Wer hat die beste Plattformstrategie fürs Online-Geschäft?

Pluralistische Ignoranz, doppeltes Meinungsklima und die Abwahl eines Oberbürgermeisters

Hausaufgaben für die empirische Sozialforschung
Hausaufgaben für die empirische Sozialforschung

Thomas Knüwer beschäftigt sich in einem sehr lesenswerten Beitrag mit dem Phänomen der „pluralistischen Ignoranz“: Der Begriff ist in der sozialpsychologischen Feldforschung in den 1920er Jahren geprägt worden. In Kurzform ausgedrückt:

„Die Mehrheit täuscht sich über die Mehrheit.“

Oder:

„Jeder glaubt, dass alle anderen daran glauben, während in Wirklichkeit keiner daran glaubt“.

Die Übertragung in den kommunikationswissenschaftlichen Kontext lautet:

„Wenn eine bestimmte Einstellung in einer moralisch geladenen Streitfrage fälschlich für eine Minderheiteneinstellung gehalten wird, mit der man sich isoliert, und demoskopische Ergebnisse zeigen, dass es tatsächlich eine weitverbreitete Einstellung oder Verhaltensweise ist, dann hat das Einfluss, die Bereitschaft zum öffentlichen Bekenntnis wächst, und damit kommt eine Außenwirkung in Gang.“

Nachzulesen im Fischer-Lexikon „Publizistik Massenkommunikation“ auf Seite 442 (Auflage April 2009).

Pluralistische Ignoranz ist vor allem in bedrohlichen Lagen untersucht worden: Je mehr Zeugen einen Übergriff oder Notfall beobachten, desto weniger wird eingeschritten. Bei der Einschätzung potenziell kritischer Situationen wird man sozial beeinflusst. Passives Verhalten der Zuschauer wird als Signal gewertet, dass die Situation kein Eingreifen erfordert. Die Übernahme von Verantwortung wird durch die Verteilung der Verantwortung unter allen Beteiligten beim jeweils Einzelnen gesenkt. Besonders ausgeprägt bei Gaffern an Unfallstellen.

Diese psychologische Gesetzmäßigkeit ist empirisch recht gut abgesichert.

Trifft aber pluralistische Ignoranz auf die Beispiele zu, die Thomas erwähnt? Als Aufhänger beschäftigt er sich mit dem wohl recht unbeliebten, arroganten und selbstherrlichen Düsseldorfer Oberbürgermeister Dirk Elbers.

Die Unzufriedenen legten eine defätistische Sichtweise an den Tag:

“Aber Elbers wird ja doch wieder gewählt.”

Die Lokalmedien jedenfalls spielten das Spiel des Obs mit: Rheinische Post, Westdeutsche Zeitung, Express, Antenne Düsseldorf und Center-TV.

„Sie alle zeigten Dirk Elbers in seiner ganzen (Selbst)Herrlichkeit. Einzige Ausnahme: Die ‚NRZ‘ mit ihrer winzigen Auflage“, schreibt Thomas Knüwer.

Bei der OB-Direktwahl gab es dann bekanntlich eine Überraschung. Der recht unbekannte SPD-Kandidat Thomas Geisel erzwang mit 38 Prozent eine Stichwahl:

„Das Ergebnis der ersten Wahl sorgte für einen großen Aufschwung Thomas Geisels. Während Amtsinhaber Elbers vielleicht selbst jener pluralistischen Ignoranz erlag und glaubte, die Bürger ständen hinter ihm, füllte Geisel das Social Web (nicht immer glücklich, aber immer motiviert) mit seinen Botschaften. Am Ende musste auch die konservative ‚Rheinische Post‘ gestehen, dass diese Internetaktivitäten des SPDlers maßgeblich den Wahlausgang beeinflusst hatten. Denn bei der Stichwahl lag Geisel von Anfang an vorne – vom Zählkandidaten zum überlegenen Sieger durch den Bruch der pluralistischen Ignoranz.“

Was Thomas Knüwer in seiner Analyse mit weiteren Fallbeispielen geleistet hat, sollte die empirische Sozialforschung ein wenig beschämen. Ich habe das Anfang des Jahres in meiner The European-Kolumne „MEDIENWANDEL UND DIE DEUTUNGSHOHEIT DER ELITEN – Meinung ohne Einheitsbrei“ moniert und einige kritische Kommentare aus der Sozialwissenschaft geerntet.

Wie oft rauscht der einheitliche Medientenor an der Wahrheit vorbei? Wie oft lassen sich die etablierten Medien an der Nase herumführen, etwa bei der vermeintlichen Karstadt-Rettung durch den selbst ernannten weißen Ritter Nicolas Berggruen? Oder bei der Kriegspropaganda von NATO und Bundesregierung Ende der 1990er-Jahre? Es gab schon häufig ein kollektives Versagen der klassischen Medien.

Was Thomas Knüwer anspricht, wird in der Theorie der öffentlichen Meinung als doppeltes Meinungsklima bezeichnet. Also ein Abweichen von öffentlicher und veröffentlichter Meinung. In der Regel prägt die Übereinstimmung des Medientenors (soziologisch auch als Medienkonsonanz bezeichnet) die Meinungen der meisten Menschen. Nur in wenigen Ausnahmen bildet sich jeder Einzelne eine abweichende Meinung. Meine These: Die Mitmach-Möglichkeiten des Social Webs verstärken das Phänomen des doppelten Meinungsklimas. Soziale Netzwerke stehen vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte. Es gibt eine Inflation persönlicher Öffentlichkeiten.

Die neuen Beteiligungs- und Vernetzungsmöglichkeiten verändern die Bildung öffentlicher Meinung! Wenn also Mediennutzer autonomer durch den Nachrichtenstrom surfen, kann das für die Meinungspluralität nur nützlich sein.

„Sie werden zunehmend selbst zum ‚Gatekeeper‘ von Informationen, selektieren und empfehlen Informationen aktiv weiter und orientieren sich auch bei ihrem Medienkonsum am Verhalten und den Hinweisen befreundeter Nutzer. Damit verändert sich die Verbreitungsdynamik von Nachrichten in der Gesellschaft, Freunde und Bekannte bekommen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt als früher und laufen klassischen Autoritäten der öffentlichen Sphäre möglicherweise den Rang ab“, erläutert die Landesanstalt für Medien NRW (LfM) in Heft 8 ihrer Schrift „Digitalkompakt“ mit dem Schwerpunkt „Die vernetzte Öffentlichkeit“.

Pluralistische Ignoranz oder die Theorie der Schweigespirale sind nur in besonders moralisch aufgeladenen und existenziell wichtigen Fragen anwendbar. Beim „Fall“ des abgewählten Düsseldorfer Oberbürgermeisters wird es Gruppendruck oder Isolationsfurcht bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht gegeben haben. Also die Furcht, dem ehemaligen Amtsinhaber entgegen zu treten. Deshalb trifft hier eher ein normales Auseinanderklaffen von öffentlicher Meinung und Medienmeinung zu. Das Kartenhaus des vorherrschenden Medientenors ist nach dem ersten OB-Wahlgang sehr schnell zusammen gebrochen und bewirkte eine Sogwirkung für die Unentschlossenen, dem damals amtierenden OB ein Beinchen zu stellen.

Es wäre jetzt die Aufgabe der Sozialwissenschaften, solche Phänomene empirisch unter die Lupe zu nehmen und die Wirkung persönlicher Öffentlichkeiten zu untersuchen. Herrliche Zeiten für Doktoranden.

Siehe auch:

Was Journalisten dringend können müssen.

Wired-Deutschlandpremiere gelungen!

Man kann über den Vertriebsweg der ersten deutschen Ausgabe des Magazins Wired sicherlich geteilter Meinung sein. Das Huckepackverfahren mit dem Männer-wie-wir-Angeberheftchen GQ ist jedenfalls nicht meine Kragenweite. Trifft wohl auch nicht so ganz die Zielgruppe von Wired. Geschenkt. Es geht sicherlich um Vertriebskosten, Anzeigengewinnung und sonstige Synergien, die man erreichen kann. Es ist halt eine Verlagsentscheidung. Die Wired-Deutschlandpremiere erst einmal als Versuchsballon zu starten, ist wohl der richtige Weg – nach dem Debakel mit Vanity Fair. Da scheut die Verlagsgruppe Condé Nast ein weiteres Millionen-Desaster.

Blöd finde ich manche Layout-Spielereien – aber das ist Geschmackssache. So macht der Fonds die Titelgeschichte unleserlich. Und die Sache mit den großen Anfangsbuchstaben ist nun auch keine Sensation mehr.

Mit der Auswahl und Mischung der Themen liegt Chefredakteur Thomas Knüwer richtig. Kein Abklatsch des amerikanischen Originals. Es sind sehr viele Storys im Heft, die sich mit Deutschland beschäftigen.

Beispielsweise die Geek-Titelstory: Knüwer beschreibt die fehlende Anerkennung für Geeks in Deutschland und vergleicht sie mit Johannes Gutenberg, Carl Benz, Walter Bruch oder Heinz Nixdorf, die das Land groß gemacht haben – allerdings auch erhebliche Widerstände überwinden mussten. „Heute vernetzen deutsche Geeks Wissenschaftler rund um den Globus (vorgestellt auf Seite 66, gs), gründen Fotografie-Startups (Seite 74) oder entwickeln neue Produktionsmethoden für ethisch korrekte Schokolade (S. 82).“ Respekt würden sie dafür nur wenig ernten. Eher dominieren diabolische Überschriften die Netzdebatte: „Macht das Internet doof“; „Netz ohne Gesetz“, „Die Unersättlichen – Milliardengeschäfte mit privaten Daten“ (das Lieblingsthema des Datenschutz-Deichgrafen in Schleswig Holstein und von CCC-Sprecherin Constanze Kurz oder auch von den selbsternannten Netzlobbyisten der Digitalen Gesellschaft – deren Vereinsniveau wird in Wired auch porträtiert auf Seite 81) – „alles Schlagzeilen sei 2008, gern illustriert mit Bildern, die Hieronymus Boschs ‚Weltgerichtstriptychon‘ wie ein Kindergarten-Picknick aussehen lassen“, so Knüwer.

Die Angst der Eliten passe nicht zum Wirtschaftsstandort D. Der sei nicht allein durch den Bau von Autos und Maschinen groß geworden – sondern durch die Vernetzung mit anderen Ländern. „Nun leben wir im Zeitalter der ultimativen Vernetzung – aber Deutschland will sich und seine Bürger isolieren“, kritisiert der Wired-Chefredakteur. Dafür leisten wir uns monatelang eine Datenschutzdebatte über Gefällt mir-Button und der Ablichtung von Straßenzügen. Das es trotzdem sehr hoffnungsvolle Talente gibt, die sich an interessanten Netzprojekten versuchen, beleuchtet Wired in unterschiedlichen Facetten. Nach einer ersten Durchsicht der ersten Ausgabe sollte Condé Nast das Wagnis eingehen und Wired regelmäßig erscheinen lassen.

W & V kommt ja zu einer ähnlichen Einschätzung:

Ein erstes Fazit: Die erste deutsche „Wired“ ist ein Blatt, das sich durchaus für eine Fortsetzung empfiehlt – die Nische ist jedenfalls vorhanden. Schafft es der Verlag, die Qualität dieser Ausgabe zu halten, hätte das Blatt durchaus Chancen auf dem Markt – wie auch Mediaplaner schon bemerkt haben.

Wie man mit dem Huckepack-Problem umgehen kann, demonstriert dieses Video 🙂

Warum „Frankenstein“ kein Bestseller wurde und die Printjünger ins Abseits marschieren

Das Handelsblatt versucht sich als Orakel von Delphi und verkündet „das Ende der Gratiskultur im Internet“. Zwanzig Jahre nach der Erfindung des Internets würde jetzt eine neue Epoche anbrechen: „Inhalte gibt es künftig nicht mehr umsonst. Medienunternehmen führen weltweit immer mehr Bezahlangebote im Web und in der Mobiltelefonie ein und haben damit großen Erfolg“, so die frohe Botschaft der Printjünger, die fast schon sakrale Töne trägt. Man könnte es auch als Pfeifen im Walde bezeichnen oder als Durchhalteparolen im Grabenkampf wie bei der Schlacht von Verdun.

Der ehemalige Handelblatt-Redakteur Thomas Knüwer ordnet das Elaborat in die psychologische Kategorie der Autosuggestion ein. Sie wird bekanntlich durch Selbsthypnose oder wiederholte Selbst-Affirmationen erreicht, und kann als eine Form von selbstinduzierter „Gehirnwäsche“ angesehen werden. Die Wirksamkeit der autosuggestiven Gedankenformeln kann durch mentale Visualisierungen des erwünschten Ziels erhöht werden. Der Erfolg der Autosuggestion wird umso wahrscheinlicher, je konsistenter und öfter sie angewendet wird. Doch dann ist Schluss mit dem esoterischen Schabernack und Knüwer kommt zur Sache: Die Rückkehr-zur-Normalität-Strecke des Handelsblattes sein eine Anhäufung von Halb- und Unwahrheiten, von unkritischem Widerkäuen falscher Floskeln und schließlich mündet all dies in einem Interview mit Matthias Döpfner, der anscheinend zur Lichtgestalt der Gedrucktbranche mutiert.

So behaupten die Handelsblatt-Autoren, dass der Wired-Chefredakteur Chris Anderson in seinem Buch „Free“ die Vision von der neuen, schönen Medienwelt mit dem „Umsonst-Journalismus“ vertreten würden. Das tue Anderson aber überhaupt nicht, so Knüwer. Er sage ganz klar, dass die Leser für gewisse Inhalte nicht mit Geld zahlen – dass aber eine Finanzierung möglich ist. Nur die alten Geschäftsmodelle der Verlage aus den alten Zeiten des Printmonopols sind eben nicht mehr tragfähig. Wer ist denn noch so dumm, Anzeigen in Printmedien zu schalten, wenn über Portale für Immobilien, Jobs oder Bekanntschaften bessere Trefferquoten erzielt werden und klassische Anzeigen über AdWords zu einer Form der personalisierten Werbung führen – weg von der unspezifischen Reklame-Berieselung.

Man muss halt mit neuen Modellen experimentieren. Und wenn die Handelsblatt-Printjünger mal in ihr Archiv schauen würden, könnten sie sogar Anregungen finden:

Godin äußert sich zum Niedergang des traditionelles Marketings. Einen Test für neue Wege hat er vor zehn Jahren mit seinem „Unleashing the I-dea-Virus“ gewagt. Zum Start hat er es einfach verschenkt und trotzdem Geld verdient. „Mein Buch handelt davon, wie sich Ideen verbreiten. Ideen sind ansteckend wie ein Virus. Und je mehr Leute einer Idee ausgesetzt sind, desto schneller verbreitet sie sich. Genau das wollte ich zeigen, als ich das Buch kostenlos ins Internet stellte. Und die Zahlen zeigen: Es funktioniert. Seit Mitte Juli haben sich 200 000 Leute den Text heruntergeladen. Für Wirtschaftsbücher gilt schon eine Auflage von 20 000 bis 30 000 als Riesenerfolg.“

In gebundener Form hat er das Buch für 40 Dollar verkauft. „Wer das Buch nur lesen will, kann das im Internet gratis tun. Wer aber eine gedruckte Ausgabe als Souvenir will, kann es kaufen. Das ist wie mit T-Shirts: Die gibt es im Kaufhaus für ein paar Dollar im Zehnerpack. Wer aber eins mit dem Aufdruck der Freiheitsstatue haben will, muss dafür 40 Dollar hinblättern. Inzwischen habe ich mit dem Buch innerhalb von fünf Wochen mehr Geld verdient als mit meinem ersten Buch in eineinhalb Jahren“, erklärte Godin.

Unverständlich sei der Aktivismus der Industrie gegen die Musiktauschbörse Napster gewesen: „Ich verstehe überhaupt nicht, warum die Musik-Industrie so dagegen ist. Je mehr Leute einen Song hören, desto mehr werden später auch die Platte kaufen. Deshalb bemühen sich die Plattenfirmen ja auch so, die Songs ihrer Künstler ins Radio oder auf MTV zu bekommen. Da akzeptieren sie ein Prinzip, das sie bei Napster ablehen“, erläuterte Godin. Genau um diese Effekte geht es auch dem Wired-Chefredakteur. Free heißt eben nicht kostenlos. Wenn ein Dienst in einer Grundversion nichts kostet und bei den Kunden einschlägt wie eine Bombe, wollen die Anwender mehr davon haben und sind auch bereit, für die Upgrades zu zahlen. Das habe ich beispielsweise bei WordPress auch getan, um Audio-Dateien in meinem Blog zu präsentieren. Mit dem kostenlosen Content Management System bin ich seit Jahren sehr zufrieden und war daher auch bereit, in sinnvolle Erweiterungen zu investieren. Also muss das Pflichtprogramm die Nutzer überzeugen, um dann in der Kür entsprechend Geld zu verlangen, liebe Verleger. Ihr seid ja noch nicht mal in der Lage, vernünftige Micropayment-Dienste zu entwickeln. So kosten die zwei Autosuggestion-Artikelchen über die Weltrettung des Printimperiums schlappe 6.90 Euro – eine Frechheit. Siehe auch: Das Schlafen der Verlage: Warum die E-Commerce-Modelle der Massenmedien Schrott sind.

Die Verlage könnten doch etwas anderes ausprobieren. Lasst die Leser entscheiden, was ihnen die Online-Artikel wert sind. In der Masse würden die Zeitungen dann jedenfalls mehr einnehmen als mit den Genios-Apothekenpreisen.

Wenn jetzt noch weitere Bezahlschranken errichtet werden, werden die Printverlage endgültig in die Knie gehen. Mit merkantilistischen Schutzzöllen, Schutzgebühren, Abmahn-Gefechten und mit dem von Döpfner und seinen Printjüngern so sehr herbeigesehnten Leistungsschutzrecht werden sich die Verlage ihr eigenes Grab schaufeln. „Die Verlage zeigen ihr Unvermögen, auf die Abwanderung der Konsumenten und damit auch der Werbung ins Internet sinnvoll zu reagieren. Sie versuchen dieses mit einem Abgabengesetz zu kompensieren und ihre Kosten über Subventionen zu sozialisieren. Die Ausrede, wonach die Gratiskultur im Internet dies erfordere, ist doppelt falsch: Erstens machen die Verlage ihre Inhalte freiwillig im Internet zugänglich, und zweitens zeigen Firmen wie Amazon, Apple, Ebay, Google oder auch Facebook eindeutig, dass man im Internet Geld verdienen kann“, schreibt Cognita-Geschäftsführer Denis Nordmann in einem Gastbeitrag für die NZZ.

Eine Zwangsabgabe zugunsten der Verlage würde den Wettbewerb verzerren und Innovationen lähmen. Genau das hat der Wissenschaftler Eckhard Höffner akribisch in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft) nachgewiesen. Im 19. Jahrhundert gab es in Deutschland – im Gegensatz zu England und Frankreich – eine Explosion des Wissens. Den Grund sieht Höffner im Urheberrecht. Das strenge Copyright im Vereinten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrecht. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei. „Kaum lief der Schutz aus, wurden hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte Faust unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache.“ Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb.

Wer neue Schutzwälle errichten will, strebt monopolistische Marktstrukturen an. Dieses Konzept geht im Internet aber nicht auf, liebes Handelsblatt. Eure Stellung kann mittlerweile von jedermann angegriffen werden. Ihr kapiert es einfach nicht. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“.

Und auch mit dem Google-Bashing kommt ihr nicht weiter: „Natürlich darf auch die meistverbreitete Lüge der deutschen Zeitungslandschaft im ‚Handelsblatt‘ nicht fehlen: ‚Viele Jahre haben Suchmaschinen wie Google und Yahoo, Social Communities wie Facebook oder unzählige Blogs viel Geld mit den Inhalten von Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendern verdient'“, führt Knüwer aus und kontert:

„Viele Jahre haben Suchmaschinen den Verlagen Leser online herbeigespült, mit denen die Medienhäuser nichts anzufangen wissen. Und das mit Facebook und Blogs ist geistesgestörter Schwachsinn von unfassbar tiefem Niveau. Die Verlage könnten den angeblichen Diebstahl innerhalb von Minuten unterbinden – wollen sie aber nicht. Denn mit Suchmaschinen geht es ihnen besser als ohne. Eine Situation, die man gemeinhin nur vom Versicherungsbetrug kennt.“ Man könnte sich auch die Frage stellen, warum die Redakteure von ihren Heeresleitungen angehalten werden, “Google-optimiert” zu schreiben, also die richtigen Schlagworte in der richtigen Häufigkeit einzusetzen. Denn auch Verlage wissen längst: Zugriffe auf Artikel, die auf Google News oben stehen, schnellen sofort hoch.

Wessen Artikel nur unter einer Sammeladresse wie “und 856 ähnliche Artikel” aufgeführt ist, hat es schwer, die gewünschte Aufmerksamkeit zu bekommen. Und hat nicht Springer gerade eine Mehrheitsbeteiligung bei SOHOMINT erworben – einem Dienstleister für Suchmaschinen-Optimierung und Keyword-Management? Die Attacken gegen Google sind also nur ein Ablenkungsmanöver der Printjünger. Man könnte es auch Futter-Neid nennen.

Sehr lesenswert zum Thema ist auch „Verdi: Gewerkschaft an der Sperr-Spitze“.

Kommt jetzt das neofonetische Wetab-Zeitalter?

Neofonetische Hymnen zum Marktstart des Weptabds gab es ja nun reichlich. Jetzt rückt die Stunde der Wahrheit näher und wir werden erleben, ob der deutsche iPad-Konkurrent Weltformat hat oder nicht. Ab 20. September soll es über Amazon und Media Markt ausgeliefert werden. Eine Woche vor dem offiziellen Verkaufsstart hatte der Journalist Richard Gutjahr Gelegenheit, das fertige Gerät auszuprobieren. Sein Urteil? „Wer sich das WeTab zuschicken lässt, sollte den Original-Karton lieber mal aufbewahren.“ Oh, klingt kritisch. Siehe auch: Habemus WeTab! Im Film von Gutjahr kommen schon einige Schwächen ans Tageslicht.

Einen wichtigen Einwand hat auch Thomas Knüwer und trifft damit ins Schwarze. Vielleicht sei es typisch deutsch, wenn Journalisten allein wegen der Hardware-Ausstattung glauben, ein gutes Gerät zu bekommen. „Tatsächlich aber sind Software und Nutzerfreundlichkeit viel wichtiger. Und da gibt es beim Wetab – nichts. Ein Betriebssystem, das bis gestern noch nicht fertig war, Programme, die nicht auf das Gerät abgestimmt wurden – wer dieses Ding Rivalen für Apples Ipad sieht, der glaubt auch, dass Bijoux Brigitte ein Rivale für Tiffanys ist“, so Knüwer.

Software, die florierende App-Economy und das User Interface sind die erfolgskritischen Punkte für Tablet-PCs und Smartphones. Bislang konnte da keiner so richtig Steve Jobs Paroli bieten. Siehe auch: Steve Jobs und das Blöken der Kopisten.