Wenn jeder Mitarbeiter Botschafter seines Unternehmens wird – ohne Freigabebürokratie #vdav

Livestreaming-Marathon beim vdav Branchentreff in Berlin
Livestreaming-Marathon beim vdav Branchentreff in Berlin

Synaxon-Vorstand Frank Roebers setzt in seinem Unternehmen auf radikale Selbstorganisation nach Wiki-Prinzipien.

„Ich wollte das Unternehmen wie ein Open Source-Projekt führen.“

Dazu zählt auch der Einsatz von Liquid Feedback. Jeder Mitarbeiter ist berechtigt, eine Initiative zu starten und wenn ein Quorum von zehn Prozent der Belegschaft erreicht ist, startet die Diskussion. Wie bei den Piraten folgt vor der Abstimmung eine Phase des Einfrierens, in der keine Änderungen mehr möglich sind. Nehmen an der Abstimmung mindestens fünfzig Prozent der in der Themengruppe registrierten Mitarbeiter teil und erhält die Initiative am Ende eine einfache Mehrheit, steht der Vorstand in der Pflicht, sie umzusetzen. Ein Vetorecht will der Vorstand nur in Ausnahmefällen anwenden. Das ist bislang nur ein einziges Mal passiert. Ergebnis: Themen werden nicht nur schnell aufgespürt, sondern auch mit der versammelten Intelligenz des Unternehmens bearbeitet.

Externe Kommunikation ohne Freigabe-Bürokratie

Gleiches vollzieht sich extern. Jeder darf im Namen des Unternehmens posten, wo immer er will und das ohne Freigabeschleifen oder umständliche Autorisierungsabläufe. Die Beiträge sind um das zweihundertfache gestiegen, ohne Synaxon in irgendeiner Weise zu schädigen.

„Dass wir nur noch Top-Bewerber bekommen, dürfte niemanden überraschen.“

Bei Synaxon geht es nicht um eine immerwährende Vollversammlung oder basisdemokratische Romantik, die zu einer Lähmung von Entscheidungsprozessen führt. Es geht eher darum, Themen schneller aufkommen zu lassen, Inhalte schneller zu finden und Daten leichter aktuell zu halten.

Offiziere teilen die Entbehrungen der Truppe und formulieren kühne Entschlüsse

Verzicht auf Hierarchie ist damit nicht verbunden. So gilt bei Synaxon die Führungskultur der Bundeswehr. Die Offiziere teilen die Entbehrungen ihrer Truppe. Führung als Handwerk zählt nach Auffassung von Roebers nicht zu den Stärken der klassischen Manager. Daher werden sie nach den Vorschriften des Heeres geschult. Lagevortrag zur Entscheidung oder Lagevortrag zur Unterrichtung sind daher beim IT-Dienstleister Synaxon gängige Formulierungen des Berufsalltags.

„Das ist ganz lustig und führt dann zu Einleitungen wie ‚Ich trage jetzt einen kühnen Entschluss vor‘.“

Damit vermeidet sein Unternehmen die Paralyse der Piratenpartei. Das Notiz-Amt hält das für nachahmenswert.

Ausführlich nachzulesen unter: Zum Verbessern von Unternehmen: Liquid Feedback mit Heeresvorschriften

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Über die Desorganisation der Netzbewegung und die Herrschaft der alten Eliten #DigitaleAPO @WinfriedFelser @th_sattelberger

Plädoyer für die digitale APO
Plädoyer für die digitale APO

Wenn wir nur auf die Technologie starren, kommen wir bei der Digitalisierung von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft keinen Millimeter voran, so das Credo von Mister Unternehmer-Plattform Winfried Felser bei einer Diskussionsrunde von Interactive Cologne. Die Digitalisierung sei nur der Möglichmacher.

„Entscheidender ist die Änderung der Denkmuster. Wenn wir uns vom Ego-Denken nicht in Richtung Eco-Denken bewegen, passiert wenig. Die Meteoriteneinschläge sind nicht nur digital“, so Felser.

Digitale Fähigkeiten seien notwendig aber nicht hinreichend für die Transformationsfähigkeiten. Wenn wir weiterhin in Silos verharren und dabei ein wenig Facebook machen, ist das eben nur ein digitaler Zuckerguss, den ich in meiner The European-Kolumne beschrieben haben.

Wir brauchen Zugänge zu Wissen, Technologie, Diensten und Ideen in offenen und vernetzten Strukturen – ohne verkrustete Hierarchien, Seilschaften und Pseudoeliten. Was wir häufig in Deutschland erleben, ist das genaue Gegenteil. Die alten Eliten verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft. Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Manuel Castells „Das Informationszeitalter I – Die Netzwerkgesellschaft“ und bei Winfried Felser.

Die Positionselite in Wirtschaft und Politik hilft bei der Desorganisation der Gesellschaft kräftig nach. Wie das funktioniert, konnte man beim Niedergang der Piraten beobachten. Es lag nicht nur an der inneren Zerstrittenheit. Das Establishment in Deutschland konfrontierte die netzpolitische Bewegung mit Themen, die nichts mit ihrer Kernkompetenz zu tun hatte. Leider sind die Piraten darauf reingefallen. Rettungsanker für Schlecker-Mitarbeiterinnen? Darauf hatten die Hasardeure der Weltmeere nicht sofort eine Antwort parat. Rente, Steuern, Mindestlohn, Afghanistan, Finanzkrise, Euro, Zebrastreifen, Verkehrsberuhigung in Pimpelhausen, Spontanvegetation an Straßenkreuzungen, Trittbrettfahrer beim Verpackungsrecycling, Sonnenfinsternis, Klimawandel, Stimmungsschwankungen in den Wechseljahren, Ausbreitung von gefährlichen Viren in Krankenhäusern: Zu all diesen Themen kamen von der Enterhaken-Partei keine Aussagen. Mit diesem recht simplen Trick konnten die Etablierten wieder zur Tagesordnung übergehen und die Digitalpolitik wieder zu einem Randereignis abstempeln.

Nach dieser Methodik verfahren auch einige Protagonisten der Wirtschaftswelt. Barcamps seien esoterischer Quatsch, Netzgemeinde oder Netzaktivisten klingen irgendwie nach Sekte. Alles dummes Zeug. Um auch in der digitalen Welt im vertrauten Klüngel-Kreis zu bleiben, gibt es ein paar Aktivitäten auf Facebook und Twitter – mehr nicht. Opium fürs Netzvolk.

Rein taktisch haben die etablierten Kräfte im Netz kräftig zugelegt, ihre digitale Kompetenz ist dennoch überschaubar. An dieser Schwachstelle sollten die Netzaktivisten ansetzen. Digitalisierung, Vernetzung und digitale APO sind gefragt 🙂 Wenn sich nichts tut, herrschen halt die alten Eliten weiter.

Auch das sollten wir ändern: Linkgeiz 2015 – kontinuierlich nachlassende Verlinkung der Bloggosphäre.

Siehe auch: Thomas Sattelberger und der Club der toten Dichter für unternehmerische Freidenker.

Neustart für die Netzpolitik: Carta-Mitherausgeber Wolfgang Michal bei #Bloggercamp.tv

Perspektiven für die Netzaktivisten
Perspektiven für die Netzaktivisten

Heute Abend (18:30 Uhr) ist Carta-Mitherausgeber Wolfgang Michal zu Gast in Bloggercamp.tv, um mit uns über seine Thesen für einen Neustart der Netzpolitik zu diskutieren. Nach der Bundestagswahl mit dem Niedergang der Piraten, der recht gleichgültigen Reaktion der öffentlichen Meinung auf den NSA-Überwachungstotalitarismus und dem Erfolg der „alternativlosen“ Politik von Kanzlerin Angela Merkel ist die Netzcommunity auf der Suche nach einer Erfolgsformel für die netzpolitische Agenda.

Gerade bei den so genannten Sachthemen wäre eine Änderung der Strategie dringend erforderlich, schreibt Michal in seinem Beitrag „Netzpolitik: Das Ende der Kindheit“:

„Egal, ob man nun lang und breit über Kontrollverlust doziert oder über europäische Datenschutzgrundverordnungsrichtlinien, man bleibt auf der technizistischen Sprachebene eines Telekom-Ingenieurs oder eines EU-finanzierten Projektleiters in irgendeinem universitären Post-Media-Lab. Auch im Mund von Digital Natives klingen Netzneutralität und Breitbandausbau nicht betörender als kommunale Regenwasserkanal-Erneuerung oder Festnetzanschluss.“

Bei vielen „Sachthemen“ werde heute die Chance vertan, eine verständliche, nicht-elitäre Sprache zu entwickeln.

„Denn der von Felix Schwenzel zum Kronzeugen einer ‚Mir doch egal‘-Haltung erhobene Rhön-Bauer wird von der Digitalisierung genauso erfasst werden wie der piratige Altbaunerd in Berlin-Friedrichshain. Für beide geht es um ‚gleiches Recht für alle‘, um ‚Schutz der Privatsphäre‘, um den freien Zugang zu alten Apfelsorten. Um Themen, die auch Digital Immigrants verstehen. Das bedeutet, dass die Netzbewegten das sie umhüllende ‚Netz‘ endlich ablegen müssen wie ein schlüpfendes Küken seine Eierschalen“, erläutert Michal.

Der Eintritt in die realen Welten der Rhönbauern und der unbekannten CDU-Wählerinnen bedeutet nach seiner Ansicht allerdings auch, dass man sich bewusst für oder gegen das Politikmachen entscheiden muss. Vielen Netzbewegten fehle bislang das Zeug zum political animal.

„Sie sind eher Medienmenschen als Politiker, eher Gäste als Gestalter von Politik. Man kann sich natürlich weiter über die Philipp Mißfelders und Asgar Hevelings begöschen, aber als politische Netzwerker sind diese allemal ausgefuchster als Piraten, Blogger und digitale Pressesprecher. Dass eine Marina Weisband mitten im Höhenflug ihrer Piratenpartei aussteigt und lieber Tweets aus ihrem Poesiealbum verschickt; dass ein Sascha Lobo lieber Kolumnen bei Spiegel Online verfasst, als sich an die Spitze der Bewegung zu stellen; dass die CCC-Sprecher lieber Unternehmen beraten oder FAZ-Artikel verfassen, als Politik zu gestalten – das kann man ihnen nicht vorwerfen, das muss letztlich jeder für sich selbst entscheiden. Wenn sich die Besten (die Sympathieträger!) absentieren oder in behaglichere Nischen zurückziehen, kommen eben Leute an die Spitze, die es nicht so gut können. Dann muss man sich mit politischer Einflusslosigkeit bescheiden.“

Deutliche Worte, die wir heute mit Wolfgang erörtern. Mit dabei ist Wolfgang Bogler, der im Saarland mit Live-Formaten experimentiert. Wer noch spontan Interesse an einer Teilnahme am Hangout-Gespräch hat, möge sich noch schnell bei mir melden. Man braucht einen Google Plus-Account, ein vernünftiges Mikrofon, eine Webcam und gutes Licht.

Bevor wir die Sendung auf Livestreaming-Modus stellen, machen wir noch mit allen Teilnehmer einen Technik-Check so gegen 18:15 Uhr.

Ansonsten könnt Ihr über Twitter mit dem Hashtag #Bloggercamp Eure Fragen und Anmerkungen posten.

Man hört und sieht sich spätestens um 18:30 Uhr.

In der zweiten Session, um 19:30 Uhr geht es übrigens um Augmented Reality.

Alte Machtelite verweigert die digitale Transformation: Wir schön war die Zeit ohne „Faxgeräte“

Sehnsucht nach der analogen Gemütlichkeit

Ich sehe den Erfolg der Gestern-Medien bei der Durchsetzung des Leistungsschutzrechtes (LSR) nicht als Niederlage der „Netzgemeinde“, wenn es diesen Einheitsbegriff überhaupt gibt.

Das „Ja“ der Hinterzimmer-Politfunktionäre zu einem Regelwerk, das die Alt-Verleger mit lebenserhaltendem Viagra versorgt, ist die Fortsetzung des Lamento über massive Veränderungen, die mit der Vernetzung von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zusammenhängen.

Es befördert noch einige Jahre die Selbstzerfleischungs-Rituale, Abmahnorgien und Konservierung von überkommenen Geschäftsmodellen. Im digitalen Wettbewerb verlieren wir international immer mehr den Anschluss. Was soll man denn mit Spitzenpolitikern wie Plaudertasche Peer Steinbrück anfangen, denen man die Informatik-Aversionen in jeder Sekunde anmerkt, auch wenn sie rhetorische Attacken gegen die Netzwelt nach einer halben Minute wieder löschen?

Oder mit jovialen Altherren-Weisheiten des Ministerpräsidenten von BaWü, der sich einfach nicht vorstellen kann, über Twitter mit Menschen zu kommunizieren. Winfried Kretschmann sträuben sich die Haare bei dem Gedanken, seine Politik in 140 Zeichen erklären zu müssen. Eher sinniert er über die Epoche, als es noch keine Faxgeräte gab. Das war eine phantastische Zeit.

„Es dauerte, bevor ein Schriftsatz zurückkam. Ein herrlicher Zeitpuffer, um nachzudenken, sich zu besprechen“, so der schwäbische Federkiel-Denker im Interview mit der taz.

Von asynchroner Netzkommunikation, die man nach seinen Interessen auswählen und gestalten kann, hat der Mann noch nichts gehört. Die neuen Medien promovieren ja nur das allgemeine Geschwätz. O-Ton eines grünen Politikers, der Partizipation und Basisdemokratie scheinbar aus seinem Vokabular gestrichen hat.

Gleiches gilt für den parlamentarischen Staatssekretär von Wirtschaftsminister Rösler, der im Bloggercamp-Gespräch noch den großen Otto spielt und vor den negativen Folgen des Leistungsschutzrechts für die digitale Wirtschaft in Deutschland warnt und dann bei der Abstimmung im Bundestag brav sein Händchen zur Zustimmung des Springer-Burda-Lobbyisten-Gesetzes hebt.

Die Rechtfertigungssuada von Steinbrück zum Abstimmungsverhalten der SPD im Bundesrat, die er gegenüber der Zeit losgelassen hat, sollte man übrigens in Stein meißeln für künftige Gesetzesberatungen in der Länderkammer:

„Es wäre sinnlos, im Vermittlungsverfahren auf der Grundlage dieses schlechten Gesetzes deutlich zu machen, was wir alles ändern wollen, wenn wir ein vollständig neues Gesetz fordern.“ Es sei zwar möglicherweise nicht leicht zu vermitteln, aber wenn man im Ausschuss nur verzögern, nicht aber aufhalten könne, „dann ist es doch vernünftig, nicht weiter auf der Grundlage eines Gesetzentwurfes zu debattieren, den man ablehnt“.

Das eröffnet der Regierungskoalition in Berlin ganz neue Perspektiven. Die Gesetze müssen richtig scheiße sein, dann passieren sie auch den Bundesrat.

Die Piraten sollten für diese neo-dadaistischen Kapriolen der Alt-Politiker nicht in Sippenhaft genommen werden. Ihr selbstverschuldeter Niedergang durch die Lust an der personellen Selbstzerfleischung ist nicht verantwortlich für das Abstimmungsverhalten der Altparteien. Es war schlichtweg Blödheit, nicht zu 100 Prozent auf Netzthemen zu setzen, die von den Etablierten nicht verstanden oder nur unzureichend thematisiert werden. Siehe auch: Plädoyer für Laienhaftigkeit.

Es gab bei der Zustimmung zum Leistungsschutzgesetz schlichtweg eine machtpolitische Abwägung: Der Mehrheit der Bevölkerung geht diese Netzdebatte am Arsch vorbei. Und den Verlegern gibt man ein kleines Zuckerle, um im Jahr der Bundestagswahl von den Hütern der Massenmedien nicht abgestraft zu werden.

So bleibt die alte Machtelite noch ein Weilchen unter sich. Man kann Wunden lecken, über alte Zeiten reden und sich gegenseitig auf die Schenkel klopfen, weil die fetten Pensionsansprüche ein Leben ohne digitale Technik möglich machen. Warum sollte man sich da noch mit den Zumutungen der Netzgesellschaft herumschlagen.

Aber wir wollen ja konstruktiv bleiben. Deshalb möchte ich in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin The European darüber schreiben, was denn nun auf die Tagesordnung der Netzpolitik gehört? Im Bloggercamp-Gespräch mit Matthias Schwenk haben wir dazu ja ein paar Takte gesagt. Die netzpolitische Agenda sollte erweitert werden und sich nicht nur auf Datenschutz, Staatstrojaner, Netzneutralität oder Urheberrecht kaprizieren.

Netzpolitik werde noch sehr medienlastig gesehen, so Schwenk. Es gehe aber auch um vernetzte Ökonomie, neue Arbeitsformen, schnelles Internet, Digitalisierung von Unternehmen, personalisierter Service, digitale Geschäftsmodelle und, und, und. Es geht also um einen Internet-Masterplan. Da möchte ich am Mittwoch ein paar Denkanstöße geben.

Ein erster Vorschlag von mir. Wir brauchen einen Bundes-CIO mit Ministerrang. Dem Innenministerium sollte die Zuständigkeit für den Bundes-CIO entzogen werden.

Vorschläge erwünscht. Auch Interviews, die ich ganz gerne am Montag führen möchte. Am Dienstag, um 18 Uhr muss das Opus fertig sein.

Siehe auch:

#LSR: Mutlosigkeit.

I accidentally the Peer Steinbrück – Twitter-Account.

Das Leistungsschutzrecht ist kein Sieg, sondern Dokumentation einer Niederlage seiner Befürworter.

Deutschland – Abschied vom Technologiestandort.

Tipping Points der Partizipation

Zuerst war es nach Ansicht der Piratin Marina Weisband sehr schwer, das Thema der digitalen Demokratie überhaupt zu vermitteln: „Das Konzept war neuartig und diejenigen, die sich damit beschäftigten, relativ allein. Dann gab es reges Interesse an dieser neuen Form der Beteiligung, die niedrigschwellige Mitbestimmung verspricht. Jetzt, nachdem die ersten Systeme und Versuche gerade zum Laufen gebracht worden sind, werden die geringen Teilnehmerzahlen kritisiert. Ob Liquid Feedback, Bürgerhaushalte oder andere Werkzeuge – der Prozentsatz der Teilnehmer ist im Vergleich zur Population gering. Die Süddeutsche Zeitung titelt sogar: ‚Wirkungslose Wunderwaffe'“, so Weisband in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“. Aber jeder Mensch, der sich bislang herausgehalten hatte und der sich nun plötzlich für die Gesellschaft einsetzt, sei ein Gewinn. „Darum ist es nicht sinnvoll, die Anzahl der Teilnehmer nur in ihrem Verhältnis zur Gesamtbevölkerung zu sehen“, so Weisband und es ist auch wenig sinnvoll, so pessimistisch im Grundton über die Möglichkeiten der Partizipation zu schreiben.
Man sollte das auch nicht nur auf den Nutzungsgrad von Werkzeugen der Liquid Democracy reduzieren. Jede Form der Willensbekundung im Netz ist ein Schritt zu mehr Bürgerbeteiligung – als Wähler, Konsument und bald auch immer stärker als Arbeitnehmer! Das ist auch noch einmal Thema meiner heutigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders: Verdünnte Repression und Liquid Democracy im Arbeitsalltag: Wie Social Media die Unternehmensorganisation auf den Kopf stellt.

Auch für die Wirtschaftswelt sollte man die Wirkung von sozialen Netzwerken und unterschiedlichen Formen der Partizipation nicht unterschätzen und nur eingeschränkt betrachten unter dem Aspekt „Bring Your Own Device“ oder nur auf die Frage reduzieren, ob den Mitarbeitern im betrieblichen Alltag der Zugang auf Facebook, Twitter oder Google+ gewährt wird? Das greift ebenfalls zu kurz.

Es entstehe mittlerweile ein großer Zwang, das private Nutzungsverhalten im Social Web in die berufliche Welt zu transferieren, bestätigt IT-Personalexperte Udo Nadolski von Harvey Nash in Düsseldorf.

„Und das hört am Arbeitsplatz nicht auf. Wir erleben eine soziale Orientierung fast aller Geschäftsmodelle“, meint Nadolski.

Was man als Wähler und Konsument im Internet praktiziert, wird sich auf den Arbeitsplatz ausweiten.

„Die Menschen erleben im Privaten immer mehr die Möglichkeiten des Netzes, Anteil zu nehmen und sich zu äußern. Dann suchen sie die passenden Instrumente auch auf der betrieblichen Ebene. In manchen Unternehmen ist es ein harter Brocken der geschluckt werden muss, wenn sich die Mitarbeiter offener äußern wollen. Es ist aber ein allgemeiner Kulturtrend, der mit der Digitalisierung einher geht und dem sich die Unternehmen nicht verschließen können. Diese partizipativen Softwareelemente werden kommen und die Mitarbeiter werden sie auch entsprechend nutzen. In den Unternehmen kommt es darauf an, dass es im Sinne eines konstruktiven Dialoges genutzt wird“, sagt Unternehmensberater und bwl zwei null-Blogger Matthias Schwenk im Interview mit Service Insiders.

Ein offenes Feedback müsste eigentlich in jedem Unternehmen gefragt sein. Dabei gehe es nicht um eine immerwährende Vollversammlung, die zu einer Lähmung von Entscheidungsprozessen. Es gehe eher darum, Themen schneller aufkommen zu lassen, Inhalte schneller zu finden und Daten leichter aktuell zu halten.

„Deswegen brauche ich nicht gleich die Entscheidungsstrukturen völlig durcheinander zu bringen. Das Management kann schon sehen, in welche Richtung die Mitarbeiter bei bestimmten Fragen tendieren. Es ist heute nicht mehr so, dass die Führungskräfte alleine wissen müssen oder wissen können, wie die bestmögliche Entscheidung aussieht“, erläutert Schwenk.

Liquid Democracy könnte auch in Unternehmen vieles beschleunigen. Der Druck komme vom Markt und der Öffentlichkeit in die Unternehmen rein, einfach schneller eine Aussage zu treffen oder zu entscheiden.

„Dafür benötige ich intern solche Tools, die mir ein Gefühl vermitteln, in welche Richtung es gehen könnte. Sie signalisieren, dass ein Problem vorliegt und etwas ansteht, was noch entschieden werden müsste. Im Moment erlebe ich es an einem Beispiel in der Automobilbranche, die sich den Auto-Bloggern in Deutschland öffnet. Es gibt mittlerweile einige Auto-Blogs in Deutschland, obwohl es noch ein relativ neues Phänomen ist. Die meisten deutschen Automobilhersteller versuchen mit diesen Blogs zu kommunizieren. Es hakt aber meistens an der einen oder anderen Stelle. Manche bekommen es gut hin, einige Unternehmen haben noch ihre Probleme, weil die internen Strukturen gar nicht darauf ausgelegt sind, relativ schnell eine Zusage zu geben oder etwas zu entscheiden. Oft kommunizieren die Unternehmen über zwei bis drei Stufen nach oben und wieder zurück“, resümiert Schwenk.

In der Blogger-Welt habe man für diese hierarchischen Abläufe wenig Verständnis. Zu Recht! Und wenn sich nun auch schon Unternehmen mit dem Einsatz von Werkzeugen zur Partizipation beschäftigen, sollte Marina Weisband etwas optimistischer in die Zukunft schauen.

Im Moment tummelten sich überwiegend Kommunikationsprofis, Werbetreibende und sonstige Berater in sozialen Netzwerken, wie Christoph Kappes zutreffend bemerkt:

„Wir haben noch keine Millionen Twitter-Nutzer, die wirklich aktiv mitmischen. Aber wir werden eine Situation erreichen, dass auch breite Bevölkerungsgruppen diese Medientypen nutzen.“

Aber wann kommt der Tipping Point zumindest in der Arbeitswelt? Das fragte ich Matthias Schwenk:

„Unterschiedliche Branchen gehen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten in den digitalen Wandel. Der Maschinenbau beispielsweise hat keinen großen Druck. Irgendwann kommt sicherlich der Druck vom Markt, aber die Branche ist homogen und es passiert nicht viel. Ich wäre vorsichtig mit Prognosen, wann in welchen Branchen so etwas eingeführt werden muss. Es kann durchaus noch fünf bis sechs Jahre dauern. Bei anderen Branchen ist es schon viel zu spät. Wenn wir uns den Versandhandel anschauen. Quelle und Neckermann sind schon lange weg, insolvent und abgewickelt, da gibt es nichts mehr. Diese Unternehmen haben den digitalen Wandel verschlafen und man braucht auch jetzt nicht mit den Enterprise 2.0-Strukturen zu kommen. Für die einen ist es schon gelaufen, die anderen haben noch relativ lange Zeit. In zwei bis drei Jahren wird der Druck vielleicht spürbar sichtbar und größer. Ich kann mir vorstellen, dass über die Verbreitung von Tablets mehr Potentiale der Partizipation geboten werden und  der Druck dadurch richtig groß wird. Die Geräte sind gerade relativ billig und es kommen immer mehr Tablets auf den Markt. Das wird Auswirkungen haben, vor allem auf den konsumnahen Bereich. Bei Investitionsgütern kann es sein, dass es noch etwas länger dauert.“

Dicke Bretter bohren gehört zum Geschäft der Demokratie. Auch wenn das in Anlehnung von Max Weber schon millionenfach zitiert wurde, es stimmt. Man darf nicht ungeduldig sein.

Freibeuter-Wutrede des Geo-Chefs: Wer gegen Piraten schießt, sollte von verärgerten Autoren nicht schweigen

Vielfach wird ja eine Versachlichung der Urheberrechts-Debatte verlangt, um konstruktiv nach Lösungen zu suchen. In den Thesenpapieren von SPD und Piraten gibt es da ja schon ein paar Anknüpfungspunkte – man wird ja bescheiden. Trotzdem leiden immer noch einige Adepten der Printindustrie unter unerklärlichen Sprech-Durchfällen. Einen aktuellen Fall greift der Dienst Meedia unter der Überschrift „Gaedes Wutrede gegen das Freibeutertum“:

Peter-Matthias Gaede zieht gegen die Gegner des Urheberrechts ins Feld: Der Geo-Chef hat eine Erklärung verfasst, in dem er die Chefredakteure in Deutschland dazu aufruft, den Wert des geistigen Eigentums offensiv zu verteidigen. Immer mehr Musiker, Autoren und Künstler bezögen Position „gegen das Freibeutertum“, nur die Chefredakteure schwiegen bislang. Gaede schweigt nicht – und trommelt nicht nur für das Urheberrecht, sondern auch und vor allem gegen dessen Verächter.“

In dem Pamphlet von Gaede geht es dann richtig zur Sache:

„Vielleicht sind Sie, wie ich, der Meinung, dass es Zeit ist, eine vernehmbare Stimme in dieser Diskussion zu werden.“ Es sei an der Zeit, jenen entgegenzutreten, die, wie die Piratin Julia Schramm, den Begriff des geistigen Eigentums als ‚ekelhaft‘ bezeichnen. „Dass es Zeit ist, jenen zur Seite zu stehen, die, wie die Unterzeichner des Aufrufs ‚Wir sind die Urheber‘, einer denunziatorischen Reaktion ausgesetzt sind.“

Hm, G wie Geo, G wie Gaede. Da sage ich nur, G wie Google und mal nachgeschaut, was noch in meinem Langzeitgedächtnis verankert ist. Richtig: Freier Autor klagt gegen Geo und gewinnt. Nachzulesen bei Niggermeier in seinem Blogpost „Gericht erklärt Geo: Autoren haben Rechte“.

„Christian Jungblut hätte dankbar sein sollen, dass sein Text von der Geo-Redaktion überarbeitet und in so vielen Details geändert wurde, dass von seinem Schreibstil nichts übrig geblieben war. Der Anwalt von Gruner + Jahr teilte dem freien Journalisten mit, dass sein Manuskript von niemand geringerem als ‚einer Preisträgerin des 1. Preises beim Henri-Nannen-Preis 2008 — bekanntlich dem Nachfolger des Kisch-Preises — redigiert wurde‘. Auch Peter-Matthias Gaede, der Chefredakteur von ‚Geo‘, sei ‚als ein Preisträger des 1. Preises beim Kisch-Preis 1984 (…) sicherlich über jeden Zweifel erhaben‘. Jungblut selbst hingegen hat nur einen 3. Platz beim Kisch-Preis 1986 vorzuweisen. Es geht aber gar nicht um die Frage, ob die Reportage, die Jungblut für Geo über den Deichbau in den Niederlanden geschrieben hat, nach der gründlichen Änderung durch die Redaktion besser war als vorher. (Seine blasse Erzählweise sei durch einen lebendigen und plastischeren Stil ersetzt worden, argumentierte der Verlag vor Gericht.) Es geht um die Frage, ob Jungblut als Urheber ein Recht darauf hat, dass sein Werk nicht gegen seinen Willen in einer massiv veränderten Form veröffentlicht wird“, schreibt Stefan Niggemeier.

Das Landgericht Hamburg entschied gegen Gruner + Jahr (308 O 78/10): Es untersagte dem Verlag, den entsprechenden Artikel aus Heft 12/2009 weiter zu verbreiten. Entscheidend für das Urteil war dabei nicht die Zahl der Preise, sondern das Urheberpersönlichkeitsrecht, das dem Urheber das Recht gibt, „eine Entstellung oder eine andere Beeinträchtigung seines Werkes zu verbieten, die geeignet ist, seine berechtigten geistigen oder persönlichen Interessen am Werk zu gefährden“.

Wie Gaede mit freien Autoren umgeht, kann man in der Niggemeier-Story sehr schön nachlesen. Da steigt bei mir der Wutpegel. Heuchelei hoch drei, Meister Gaede.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte #informare12

Heinrich Rudolf Bruns (@hrbruns), mit dem ich zusammen die Obi Wan Kenobi-Runde auf der Informare in Berlin moderierte, war so freundlich, eine Audioaufzeichnung anzufertigen. Wer also den Livestream gestern nicht gesehen hat, kann sich das Spektakel zumindest anhören:

Mit dabei waren Arnoud de Kemp (informare), Hannes Schleeh, (Coach, @7xy) und Bernd Stahl von Nash Technologies (@NashTecGermany).

„In lockerer Runde disktutierten wir, wie sehr neue Technologien und Ansätze das Internet verändern werden. Aber auch, wie verhalten manche Unternehmer und Besitzstandswahrer sind, wenn es um Innovation geht“, so das Fazit von Heini.

Danach saßen wir noch gemütlich in der Ständigen Vertretung, genehmigten uns einige Bierchen und schmiedeten neue Vernetzungspläne. Wir vier werden wohl Ende August oder Anfang September ein Blogger-Camp in Nürnberg aufziehen.

Über die Themen müssen wir uns noch austauschen. Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir sammeln noch Ideen.

Ich hatte ja versprochen, die Playmobil-Piraten zu politisieren. Hier das Beweisfoto:

Für meine morgige Service Insiders-Kolumne werde ich wohl den Vortrag von Professor Hans Uszkoreit vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) als Basis nehmen. Thema: Turings Traum weiter träumen. Mit Sprachtechnologie und KI auf dem Weg zur Social Intelligence.

Vielen Dank an die sehr fleißige Vera Münch (@observaitress), die die Fotos der Obi Wan Kenobi-Runde geschossen hat. Weitere Fotos der Informare habe ich auf FB hochgeladen.

Leistungsschutz für die Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit

Bei der ganzen Debatte um die Verschärfung des Urheberrechts als Kampfinstrument gegen Umsonstkultur, Netzparasiten, Adepten des Archaischen, Piraten oder schnorrende Endverbraucher fällt auf, dass die Verteidiger des Status quo sehr häufig aus Verlierer-Branchen kommen: Printmedien, Musikindustrie und Verlage. Nun versuchen Rainer Hank und Georg Meck den Piraten zu erklären, warum es falsch ist, den Verwertern aufs Dach zu steigen und warum es gut ist, geistiges Eigentum über Urheberrecht zu verteidigen.

Um es mal simpel zusammenzufassen, die Autoren bringen den Begriff der Arbeitsteilung mit ins Spiel – angeblich erträumen „die“ Piraten und „ihre Sympathisanten“ (klingt ein wenig nach RAF-Sympathisanten, uhhh, da macht man sich direkt verdächtig) eine Welt ohne Arbeitsteilung, wo der Kreative direkt den Konsumenten küsst. Das sei der Ausdruck einer archaischen Sehnsucht, die zielstrebig in den Dilettantismus führt.

„Dass Arbeitsteilung Entfremdung ist, behaupten nach Karl Marx heute nur noch 60jährige Sozialkundelehrer“, schreiben Hank und Meck.

Die Argumente der Printjournalisten bewegen sich auf VWL-Erstsemester-Niveau. Es ist doch auffällig, wie viele altbackene Verwerter, Produzenten, oder prominente Künstler auf den Piraten-Bashing-Zug aufspringen, um von den eigentlichen Lobbyinteressen abzulenken: Über Gesetzeskeulen via Leistungsschutz will man an die Werbeumsätze von Google herankommen. Nur darum geht es doch.

Verschwiegen wird die Tatsache, dass die Manager der Gestern-Branchen bis heute kein Rezept präsentieren können, um erfolgreiche Geschäftsmodelle für die vernetzte Ökonomie auf den Weg zu bringen.

Und das in einem Stadium, wo sich die digitale Technik noch im Embryonenzustand befindet, wie es Christoph Kappes ausdrückt. Aber schon jetzt verspüren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Eruptionen der neuen Netzwirklichkeit. In der Musikindustrie bleibt kein Stein auf dem anderen. Politische Machtkünstler ergeben sich den Shitstorms im Internet, Informationstechnologie wandert in die Computerwolke, Hardware-Produzenten erleben die Pulverisierung ihrer Geschäftsgrundlage und die klassische Telefonie verliert den Boden unter den Füssen, weil Skype und die verschriftete Kommunikation in sozialen Netzwerken die Oberhand gewinnen.

Geht es beim Streit um „geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus? Mit den klassischen Instrumentarien aus der Zeit der industriellen Massenproduktion und des Massenkonsums kommt man aber nicht mehr weiter. In der Webwelt des Long Tail gelten andere Regeln. Mit reinen Skaleneffekten ist die Gewinnmaschine der Konzerne nicht mehr am Leben zu erhalten. Der Leitspruch „one size fits all“ gehört in die Mottenkiste und kann auch nicht mehr mit Abmahnorgien verteidigt werden – auch wenn das die liebwertesten Abmahn-Gichtlinge in der Musikindustrie oder in Printmedien nicht wahrhaben wollen.

Klassische Manager reiten die alten Konzepte bis zum Zusammenbruch und versuchen jetzt auch noch den Gesetzgeber mit ins Boot zu holen, um den Exitus etwas nach hinten zu verschieben. Ein Fehler, dem Steve Jobs nie anheimfallen wollte. Walter Isaacson zitiert den Apple-Gründer in der von Jobs autorisierten Biografie mit folgenden Worten:

„In den meisten Fällen bleiben die Leute in diesen Mustern hängen, wie die Nadel in einer Schallplattenrille, und kommen nie wieder raus. Natürlich gibt es Leute, die von Natur aus neugierig sind, sie bleiben ihr Leben lang ehrfürchtig staunende Kinder, aber die sind selten.“

Jobs erkannte frühzeitig im Gegensatz zu den Leistungsschutz-Sängern der Musikindustrie, wie wichtig digitale Knotenpunkte für Produkte und Dienste sind. iTunes und iPod sind dafür gute Beispiele:

„Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wichtig Motivation ist. Der Zune war beschissen, weil die Leute bei Microsoft nicht besonders viel für Musik oder Kunst übrig haben, anders als wir. Wir haben uns durchgesetzt, weil wir Musik lieben. Wir haben den iPod für uns gemacht, und wenn man etwas für sich macht oder für den besten Freund oder die Familie, dann produziert man keinen Schrott“, so Jobs.

Zu dieser Einsicht sind die Manager der großen Musik-Labels nicht in der Lage. Da sind noch zu viele Maschinisten unterwegs:

„Unternehmen, die sich nur über ihre herstellende Rolle definieren, haben ein Problem. Das Endgerät ist häufig nur noch das Tor zur Nutzung eines Dienstes. Es kann der Antrieb sein für neue Dienste, wie man das beim iPad derzeit erlebt. Ohne iTunes und die App-Economy wäre Apple niemals erfolgreich. Produkte und Anwendungen des Steve Jobs-Konzerns üben so viele Reize aus, dass im Moment pro Quartal 150 Millionen iOS-fähige Endgeräte verkauft werden. Das haut einen um. Apple pulverisiert gerade mit dem iPad den PC-Markt. Was wird denn passieren, wenn auch Fernseher mit dem Apfel-Symbol ins Portfolio aufgenommen und nahtlos in die Anwendungsmöglichkeiten von Apple integriert werden? Das dürfte den etablierten Herstellern einige Kopfschmerzen bereiten. Es geht am Ende des Tages natürlich um Produkte. Doch der Mächtige ist derjenige, der die bessere Software hat“, so die Überzeugung von Bernhard Steimel, Berater der Future Management Group.

Die Wertschöpfung von Apple liege klar bei den Applikationen. Analysten hätten berechnet, dass die angekoppelten Verkäufe nach dem Erwerb eine iPhones das Achtfache ausmachen. Das sei ein eindeutiger Befund für die Kraft von Software.

Wer zu den Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit zählt, sollte das offen bekennen und sich nicht bei der Justizministerin ausheulen. Oder brauchen wir jetzt auch Leistungsschutz für Versandhauskataloge, weil Unternehmen wie Neckermann überraschend erkennen, wie der E-Commerce das alte Geschäft aus den Wirtschaftswundertagen gerade vernichtet? Siehe auch: „Online-Boom: Hört nur, wie sie zetern und jammern!“

„Schon bitter, wie sich der deutsche Einzelhandel gerade der Öffentlichkeit präsentiert! Hier nur ein paar Aussagen und Zitate der letzten vier Wochen“, schreibt Jochen Krisch und präsentiert eine Gala der Heulsusen:

„Vor uns liegt ein nicht minder schweres Geschäftsjahr“ (Hans-Otto Schrader, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 3.4.2012)

Die Geschwindigkeit der Veränderungen sei im Elektronikbereich dramatischer ausgefallen als erwartet. (Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 20.3.2012)

„Wir konkurrieren heute mit Händlern, die kein Geld verdienen müssen“ (Andreas Bartmann, Geschäftsführer bei Globetrotter in der FTD am 10.4.2012) – was sagt Ihr dazu, werte Hank und Meck????,gs

„Unterschätzt hat die gesamte Buchbranche allerdings das Tempo des Veränderungsdrucks“ (Jürgen Könnecke, scheidender Thalia-Eigner in seinem Ausstiegsinterview am 27.3.2012) – und der E-Book-Boom beginnt erst jetzt so richtig, gs.

Und wer sich nicht bei seinen Supermarkt-Einkäufen filmen lassen will, kauft sowieso nur noch online ein.

Wir sollten in der Urheberrechtsdebatte also wieder mehr über das von den Lobbyisten der Gestern-Branchen „vorgeschlagene“ Leistungsschutzrecht reden. Komprimiert zusammengefasst unter: Leistungsschutzrecht-Verlogenheit.

Umweltsauereien in Nigeria und sonstige Shitstorm-Themen: Ganz ohne Anonymität

Sie sind der David im Kampf gegen den Konzern-Goliath: „Bürgerinitiativen und ihr berechtigter Zorn – Sind Pressesprecher die Verlierer der Öffentlichkeitsarbeit in der Partizipationsgesellschaft“, so die Frage der Deutschen Presseakademie in einer Werbe-Mail.

Einer der krisenerfahrenen Referenten für die beworbene Tagung kommt vom Shell-Konzern, der eine Pipeline im südlichen Stadtteil von Köln „nur“ durch die Einbindung der Bürger meistern konnte. Ob der Öl-Manager auf dem Kongress der Deutschen Presseakademie auch etwas zu den Umweltsauereien in Nigeria sagt?

„Zwar bohrt der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl, doch zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines verschmutzen das Flussdelta weiter“, berichtet etwa die Zeit.

Die Bevölkerung in Nigeria ist im Gegensatz zur Kölner Bürgerschaft wahrscheinlich nicht gefragt worden, wie sie die Lecks in den Öl-Pipelines beurteilt, die zur Vernichtung der Fischergründe und landwirtschaftlichen Flächen führte und die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte.

„In den Niederlanden – dem Hauptsitz von Shell – steht der Ölkonzern vor Gericht. Friends of the Earth Niederlande klagt die Firma wegen fahrlässiger Gefährdung der Bevölkerung und unterlassener Sorgfaltspflicht an. Doch die Gerichtsmühlen mahlen langsam und das Urteil ist erst 2015 zu erwarten. Daher fordern wir Shell schon heute auf, die zerstörte Natur in Nigeria wiederherzustellen“, so der BUND.

Bin ich jetzt ein Shitstorm-Agitator, der die „Anonymität“ des Netzes ausnutzt, um auf das offensichtliche Auseinanderklaffen von Schein und Sein eines Öl-Konzern aufmerksam zu machen? Die Wortkombination „Shitstorm“ und „Anonymität“ mausert sich zur beliebtesten Kampfformel von Repräsentanten des Establishments gegen unliebsame Meinungsäußerungen, die sich im Internet exponentiell und unkontrolliert ausbreiten wie das Universum. Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für Service Insiders. Hier kann man das nicht anonyme Opus weiterlesen.

Übrigens ist es doch eine nette Geste der Piratenpartei, Journalisten darauf hinzuweisen, wo es Schwachstellen in ihrer digitalen Kommunikation geben könnte: „Bitte beachten Sie, dass Sie es bei Teilnehmern am Bundesparteitag zum Teil mit erfahrenen ‚Hackern‘ zu tun haben. Versuche, über die (Funk-)Netzwerkverbindungen in andere Rechner einzudringen, sind möglich.“ Da sollte sich kein neuer Shitstorm entfalten.

Playmobil will sich nicht entern lassen: Werden die Piraten jetzt aus dem Sortiment geschmissen?

„Das ist kein Spiel mehr: Ein Unternehmen hadert mit der Piratenpartei. Deren Aufstieg wird immer öfter mit Plastik-Seeräubern von Playmobil illustriert. Dabei handele es sich doch um ‚politisch neutrales Spielzeug‘, klagt eine Firmensprecherin“, nach einem Bericht von Spiegel Online.

Kinder sollten nicht beeinflusst werden, indem sie die Figuren in einem politischen Zusammenhang sähen.

„Wir möchten deshalb nicht, dass die Piraten die Figuren bewusst für ihre Werbung einsetzen.“

Äh ja. Aus Kindern könnten ja auch Piraten-Wähler werden. Was wird oder wurde nur aus den Kindern, die sich die Playmobil-Geschichten von Harald Schmidt angeschaut haben?

Sind sie in der Unterwelt gelandet?

Wurden sie zu Anhängern der Monarchie?

Oder kriegslüstern?

Oder noch schlimmer, lesesüchtig?

Eines beruhigt mich jetzt aber: Das hausmeisterliche Schreiben an die Piraten habe nichts mit politischer Gesinnung zu tun. Man wolle das Spielzeug grundsätzlich von der Politik fernhalten. Weitergehende Schritte schloss Playmobil allerdings aus.