Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – Erinnerung an eine Disputation mit Frank Schirrmacher

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Christoph Kappes hat den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem lesenswerten Nachruf als Großmeister der Debatten bezeichnet. Über die Wesenszüge von Schirrmacher kann ich nichts schreiben. Ich habe ihn leider nie persönlich kennengelernt. Nur ein einziges Mal kreuzten wir auf Google Plus kurz die Klingen, als auf dieser Plattform noch geistreiche Disputationen geführt wurden. Das war damals wohl der Charme des Neuen, der zu ungewöhnlichen virtuellen Begegnungen führte. So war ich sehr überrascht, als Schirrmacher auf meine Postings reagierte:

Es ging um die Frage, ob uns das Internet dümmer oder schlauer macht, ob die Dominanz des Digitalen zu negativen neuronalen Effekten führt oder nicht? Seine Thesen über bevorstehende Gedächtnis-Deformationen durch die Alleinherrschaft des Suchmaschinen-Giganten Google wertete ich als Fortsetzung der Thesen von Schirrmacher, die er in seinem Buch „Payback“ ausgebreitet hat: Es ging um die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es war die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die Schirrmacher umtrieb: Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. In dem interessanten Google Plus-Gespräch ist Schirrmacher dann noch etwas deutlicher geworden.

„Gunnar Sohn et al, leider in Eile: 1. Wir wissen nicht was Google weiß. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe? Das aber ist das Wissen des 21.Jahrhunderts. 2. ‚Alles‘ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen‘. Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, dass der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt, dass ‚alles‘ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man existiert nicht, wenn man nicht im Netz existiert, hieß das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteilungen entsenden.“

Er verwies auf einen Wissenschaftsbeitrag im Wall Street Journal, der dokumentiert, wie perfekt unsere digitalen Lebensspuren schon heute analysiert werden können. Wenn das schon möglich sei, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was sei dann heute insgesamt möglich?

“Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.” Und da stoßen wir wohl zum Kern der Schirrmacher-Thesen: „Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörter gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das Ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte.“

Seine Einwände konnte ich nicht teilen, aber sie waren stets eine Herausforderung für den eigenen Intellekt. Man musste sich zusammenreißen, um in solchen Kontroversen nicht unterzugehen.

Meine Replik veröffentlichte ich im Debattenmagazin „The European“: Ob sich unser Bewusstsein verändert und wir zu Abziehbildern von Computerprogrammen degradiert werden, ist ein höchst unterhaltsamer Ansatz für Kinofilme. Das hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückte. Statt Inhalten werden nur Etikettierungen ausgetauscht. Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm, Alarm“ zu brüllen.

„Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Maschinen in vielen Teildisziplinen stärker und besser sind als Menschen. Angefangen bei der Muskelkraft. Heute käme niemand auf den Gedanken, mit einem Industrie-Roboter sich im Armdrücken zu messen.“ So zitierte ich den Systemingenieur Bernd Stahl von Nash Technologies.

Beim Schach oder bei Quizsendungen würde es ähnlich aussehen. Gegen IBM-Watson sei kein Kraut gewachsen.

„Eins darf allerdings in der Schirrmacher-Debatte aber nicht verdrängt werden. Die Petabytes lösen nicht das semantische Problem, sondern sind nur die Hardware-Basis-Voraussetzungen. Kann ein Computer prinzipiell zur Sprache kommen, oder bleibt er nur bestenfalls ein semantischer Blechtrottel? Ob das Internet vergesslich oder dumm macht, hängt nicht mit dem Internet zusammen, sondern liegt an dem, der es benutzt. Hier wabert viel Spekulatives und man begibt sich auf wackeligen Grund. Was allerdings wichtig ist, sind dezentrale Lösungen im Netz. Vielleicht braucht man eine Gewaltenteilung des Wissens, so wie wir es aus der Demokratietheorie kennen und umsetzen“, erläutert der Netzwerkexperte Stahl.

Notwendiger wäre eine breitere Debatte über die politische Netzneutralität von Infrastrukturanbietern wie Google, Apple oder Facebook. Also nicht die Frage nach dem gleichberechtigten Transport von Datenpaketen, sondern die Zurückhaltung von Konzernen in politischen, moralischen und ethischen Angelegenheiten. Was passiert, wenn digitale Existenzen von Google und Co. einfach ausgelöscht werden?

Hier lag Schirrmacher richtig:

„Man existiert nicht, wenn man nicht im Netz existiert“.

Seine intellektuellen Einwürfe werden mir fehlen, denn er animierte mich zur Klarheit im Denken – auch oder besonders in der Formulierung einer Gegenposition.

Siehe auch:

Zum Tode von Frank Schirrmacher: Neuland.

Ahnungslos im Jammer-Modus: Von Gamification bis Facebook

Sind wir nicht alle Idioten?
Sind wir nicht alle Idioten?

Der deutsche Jammer-Michel beklagt sogar Phänomene, die man noch nicht einmal in Spurenelementen verorten kann, wie etwa die so genannte Gamification. So warnt ein emeritierter Volkswirtschaftsprofessor gegenüber der Computerwoche vorauseilend vor der Ausbeutungsgefahr, obwohl er sich nicht gerade als Experte für Computerspiele in der Vergangenheit hervorgetan hat. Das Bewusstsein von Ort und Zeit gehe beim Spiel verloren. Man stehe im Wettbewerb mit sich selbst: „Heute schaffe ich mehr als gestern.“ Von dieser verschärften Konkurrenz profitiere in erster Linie der Arbeitgeber. Peng. Ende. Aus.

Der Schlaumeier-Michel hat sein Urteil gesprochen – als Blindfisch der Gaming-Szene. Dabei geht es genau um das Gegenteil. „

Was die so genannten Experten wie der VWL-Professor von sich geben, ist eigentlich ein trauriger Indikator für die Lage in Deutschland. Es geht bei Gamification eben nicht darum, noch mehr aus den Mitarbeitern herauszuholen oder Zockergefühle für einen sechzehnstündigen Arbeitstag zu wecken. Es geht darum, Unternehmen besser zu machen im Umgang mit Mitarbeitern und Kunden. Es soll ein Umfeld geschaffen werden, in dem man gerne arbeitet“, erläutert der Gaming-Experte Christoph Deeg http://www.christoph-deeg.de im Interview mit Bloggercamp.tv.

Gamification könne dumme Chefs oder ausbeuterische Unternehmen nicht ändern. Bei solchen Verhältnissen werde es aber auch nicht gelingen, Gamification in die Organisation zu tragen und zu verankern.

„Auch mit den Bonitätsmodellen ist es nicht möglich, Leute wirklich zu motivieren, wenn der Laden autoritär und schlecht geführt wird. Wenn Führungskräfte Gaming einsetzen und sich dennoch als unangreifbare Gottheiten in Szene setzen, sollte ihnen klar sein, was am Ende eines Computerspiels lauert. Da kommt der große Endgegner“, bemerkt Deeg.

Es gehe nicht um den Einsatz irgendwelcher Tools oder Web-Anwendungen. Es gehe um die Unternehmenskultur, die sich fundamental ändern müsse.

„Wer mit Computerspielen sozialisiert wurde, was bei vielen IT-Nachwuchskräften der Fall ist, der erkennt sehr schnell, ob Gamification nur als Blendwerk bei der Mitarbeiterführung eingesetzt wird. Das wird sich auf die Rekrutierung von talentierten Fachleuten eher negativ auswirken“, meint IT-Personalexperte Karsten Berge von SearchConsult.

Ähnliches gilt übrigens auch für Aktivitäten im Social Web. Sie bringen die unternehmensinternen Probleme erst so richtig ans Tageslicht. Wer sich öffentlich zum Dialog bekennt, ihn aber im Umgang mit Kunden oder Mitarbeitern ignoriert, zählt schnell zum Fallobst des Netzes. Ausführlich nachzulesen in meiner The European-Kolumne.

In die Kategorie der ahnungslosen Jammerlappen, die sich stolz als Netzverächter in Szene setzen, reiht sich auch der von Sascha Lobo karikierte Schriftsteller Günter Grass ein – Meister der Besserhalbwisserei.

So hat sich Grass wenig originell über den Facebook-Freundesbegriff echauffiert.

„Von diesem ‚Scheißdreck‘ hat Grass, nur unwesentlich abgerundet, null Kommanichts je selbst erfahren, betrachtet, analysiert. Es komplettiert sich das Bild eines Mannes, dessen hartes Urteil sich allein aus seinem weichen Bauchgefühl speist. Der also nicht bereit ist, einen anderen Maßstab zu akzeptieren als seinen – ein evidenzaverser Ichling. Und, wie immer wieder zu erwähnen ist, ein Großmoralist gegen das Vergessen, der leider, leider die eigenen moralischen Untiefen Nobelpreis-strategisch über Jahrzehnte vergessen hatte.“

Und ob der von Lobo so gelobte Botho Strauss es wirklich in seiner Gegenwartsanalyse besser macht, muss ich selbst erst einmal erlesen – allerdings in der ausführlichen Variante „Lichter des Toren – Der Idiot und seine Zeit“.

Die Pfründe-Wirtschaft der #Drosselkom: Wenn die Politik nicht handelt, sollten die Kunden reagieren

Ehrenwerte Telefon-Gesellschaft

Alles, was das Brot-und-Butter-Geschäft des Ex-Monopolisten Telekom bedroht, ist in den vergangenen Jahren massiv torpediert worden. Die Telekom nutzte ihre Vorherrschaft bei DSL, um WLAN als echten Wettbewerb auszuschalten und schuf über ein ausgedehntes Netz von WLAN-Hotspots für T-Mobile die besten Voraussetzungen für ein 4G-Mobilfunknetz. Ergebnis: Die Telekom kann auf eine WLAN-Verbreitung zurückgreifen, die keiner der Wettbewerber im Mobilfunk hat. Selbst kleine Initiativen zur Etablierung von Hotspots an Zigaretten-Automaten sind in der Vergangenheit massiv vom Magenta-Konzern bekämpft worden.

Oder wie war das mit der Skype-App auf dem iPhone? Er wurde von T-Mobile blockiert. Und die Begründung kommt einem doch irgendwie bekannt vor: Würden iPhone-Anwender ihre Datenverbindung für Skype-Gespräche nutzen, würde die Leistung des Netzes leiden. Datenübertragungen würden verlangsamt, das Netz könnte überlastet werden. Davor müsse man sich schützen.

Zudem müsse man eine gleichbleibende Qualität der Sprachverbindungen garantieren. Probleme mit Skype könnten von den Kunden als Telekom-Probleme fehlinterpretiert werden. In Wahrheit ging und geht es um die Bewahrung des Kerngeschäftes mit Sprachtelefonie. Die Telekom ist getrieben von Abschottungs-Strategien. Sie war schon immer Drosselkom und sie setzt in diesen Auseinandersetzungen stets die gleichen Rhetorik-Schablonen ein.

Ähnlich agitiert sie bei der Telefonie über das Internet Protokoll (VoIP), wie Constanze Kurz in der FAZ eindrucksvoll nachweist.

„Die Regeln, nach denen Sprachverkehr zwischen den Telefongesellschaften vermittelt wird, sind eigentlich klar und eindeutig: Über Vermittlungsknoten werden Anrufe zwischen den Netzen ausgetauscht, dem Kunden soll es egal sein können, bei welchem Anbieter er seinen Anschluss hat. Anrufen kann er jede Nummer, und umgekehrt auch angerufen werden – zumindest in der Theorie.“

Die Telekom habe die Erreichbarkeit ihrer eigenen 0180-Nummern aus dem Netz von sipgate eingestellt.

„Sipgate-Kunden können daher etwa die verbreiteten Service-Rufnummern, die viele Unternehmen und Behörden betreiben, nicht mehr erreichen, soweit diese im marktbeherrschenden Telekom-Netz geschaltet sind. Auch die für ähnliche Zwecke genutzten 0700-Nummern von Telekom-Kunden sind derzeit nicht aus den Netzen von kleineren Konkurrenten erreichbar“, so Kurz.

Harte Eingriffe sind von der zuständigen Bundesnetzagentur nicht zu erwarten – auch nicht beim Angriff der Telekom auf die Netzneutralität, schließlich besitzt der Bund noch einen sattes Telekom-Aktienpaket. Wie soll da eine Bundesbehörde wirklich neutral vorgehen? Jetzt sind die Kunden gefragt, die ihre gestiegene Macht ausspielen sollten. Mit den Füße abstimmen und kündigen – das lädiert den Börsenkurs und zwingt den Bonner Konzern vielleicht doch in die Knie.

Von der Politik wird nichts kommen – auch nicht von der Regierungsopposition. Beim Leistungsschutzrecht und der Bestandsdatenauskunft ist das ja schon unter Beweis gestellt worden.

Statt zu blockieren, sollte die Telekom das eigene Netz besser pflegen.

Ratzinger und der „Aufklärungs-Tsunami“ in der katholischen Kirche

Verschwiegene Gemeinschaft

Georg Schikart stellt in seinem Buch „Abgekanzelt: Protokoll einer Inquisition“ eine wichtige Frage, die vielleicht auch ein klerikaler FAZ-Redakteur wie Daniel Deckers in Interviews mit Kirchenvertretern in den Raum werfen könnte.

„In der Welt draußen gibt es rechtsstaatliche Verfahren und Regeln. Aber bei Mutter Kirche?“

Aber das kommt Deckers wohl nicht in den Sinn. Er schreibt heute in der FAS vom heroischen Joseph Ratzinger, der schon vor seiner Wahl zum Papst die treibende Kraft bei der Ahndung sexueller Gewalt von Klerikern gegen Kinder, Jugendliche und Schutzbefohlene gewesen sei. Das gehe so deutlich wie nie zuvor aus einem Interview mit dem langjährigen Kirchenanwalt Charles Scicluna hervor, der von 2002 bis 2012 für die kirchenrechtliche Bearbeitung der Missbrauchsfälle zuständig war, die aus allen Teilen der Welt nach Rom gemeldet wurden. Wie viele dieser Fälle, liebwertester FAS-Gichtling Deckers, sind denn den Staatsanwaltschaften gemeldet worden? Wie viele Geistliche wurden zu Gefängnisstrafen verurteilt? Wie viele Fälle wurden zur Anklage vor weltlichen Gerichten gebracht?

Stattdessen bejubelt Deckers die Rolle Ratzinger bei der Änderung des Kirchenrechts, die ihm Scicluna vorbetet:

„Ein Problem war, dass das neue Kirchenrecht von 1983 die Ahndung sexuellen Missbrauchs nicht dem Vatikan vorbehalten hatte. Vielmehr hatte man im Geist des II. Vatikanischen Konzils den einzelnen Bischöfen überlassen, Missbrauchsfälle zu regeln. Es gab auch keine Pflicht, solche Fälle nach Rom zu melden, wohl aber mehrere Instruktionen zum Umgang mit Missbrauchsfällen, die auf dem Kirchenrecht des Jahres 1917 basierten. Diese waren nach 1983 aber nicht erneuert oder aktualisiert worden. Kardinal Ratzinger hatte dieses Problem schon früh erkannt. Als Präfekt der Glaubenskongregation wandte er sich schon in den frühen neunziger Jahren an den Obersten Gerichtshof, weil dieser auch für die Klärung von Kompetenzen innerhalb der Römischen Kurie zuständig ist. Ratzinger bat um Klärung, wer im kirchlichen Rechtsraum für die Verfolgung dieser Straftat zuständig sein solle: die Kleruskongregation oder die Glaubenskongregation.“

Am Strukturproblem ändert das nichts. Die Kirche arbeitet nach eigenen Regeln. Sie bleibt eine geschlossene Gesellschaft, die Skandale stets selbst untersuchen und steuern will – auch in der öffentlichen Wahrnehmung. Eine Organisation, die sich über die weltliche Jurisdiktion stellt. Eine Institution, die Priester vor der Strafverfolgung des Staates schützt, Straftaten vertuscht und Straftäter versetzt – auch auf die Gefahr hin, dass sie neue Straftaten begehen könnten.

Es ist traurig, dass sich staatliche Institutionen im 21. Jahrhundert immer noch am Nasenring vorführen lassen.

Verleger-Lobby bastelt schon an Verschwörungstheorien: Sündenbock ist der Elektrische Reporter #lsr

Die Macht ist nicht mehr bei Dir, Hani

Michi Hanfeld von der FAZ bastelt vorsorglich schon an Verschwörungstheorien, wenn das Keese-Verleger-Lobby-Leistungsschutzrecht nun doch noch scheitert. Schuld sind natürlich nur die Monopolmacht von Google und die willfährigen Adepten des Suchmaschinen-Giganten.

Der Profiteur dieser Entwicklung sei nicht der Nutzer des Internet, sondern Google. Häh? Also ist das von der Verleger-Lobby mehr oder weniger diktierte Leistungsschutzrecht wohl nur ein Ergebnis von Altruismus? Oder vielleicht doch eher ein Mahnmal für die Unfähigkeit der Medienindustrie, profitable Geschäftsmodelle in die digitale Welt zu setzen?

Jedenfalls jammert FAZ-Medienfürst Hanfeld, dass es für das von den deutschen Presseverlagen geforderte Leistungsschutzrecht ziemlich düster aussieht.

„Nicht nur in den Oppositionsparteien, sondern jetzt auch in der Koalition regt sich Widerstand gegen einen gesetzlichen Anspruch der Verlage, für ihre im Internet verbreiteten Inhalte Lizenzgebühren zu verlangen. Der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, Siegfried Kauder von der CDU, hat verfassungsrechtliche Bedenken angemeldet – es werde in das Informationsrecht der Internetnutzer eingegriffen, und es gehe den Verlagen schlicht ums Geld. Doch sei es nicht die Aufgabe des Parlaments, ’sich darum zu kümmern, ob der eine oder der andere weniger vom Kuchen bekommt‘. Dem vorliegenden Gesetzentwurf werde er nicht zustimmen. Auch die FDP rückt ab. Für das Leistungsschutzrecht dürfte das der Sargnagel sein“, stellt Hanfeld mit einigen Tagen Verspätung fest.

Als Sündenbock hat sich der FAZ-Redakteur für seinen Gesetzes-Nekrolog Mario Sixtus rausgepickt. Denn in der PR-Kampagne „Verteidige Dein Netz“ gegen das Verleger-Schutzrecht-Gesetz habe Google ein Zitat des Journalisten Sixtus verwendet:

„Mit der gleichen Logik könnte ein Restaurantbesitzer von Taxifahrern Geld verlangen, die ihm Gäste bringen.“

Das eine wie das andere Zitat sei reine Propaganda. Die Kampagnen der Zeitungsverlage in den vergangenen Monaten wohl nicht?

Jedenfalls sei die Analogie von Sixtus schief, mein Hani. Schließlich werden die Suchmaschinen-Nutzer ja nicht genau da hinkutschiert, wo sie hinwollen. „Google führt die Nutzer vielmehr – wie Kommentatoren im Netz längst erkannt haben – an allerhand anderen Lokalitäten vorbei, rückt gern eigene Angebote ins Suchfeld und räumt (um bei dem windschiefen Vergleich zu bleiben) im Lokal das Buffet ab, ohne zu bezahlen“, so die holzschnittartige Bemerkung von Hanfeld.

Vielleicht liegt es ja auch an der suchmaschinen-optimierten Schreibweise, zu der Journalisten von den Verlagen angehalten werden, um möglichst viel Verkehr auf die eigenen Websites zu holen und die Werbeeinnahmen zu maximieren.

Aber Sixtus, der ja als gebührenfinanzierter „Elektrischer Reporter“ für das ZDF arbeite und zwei von Eco sowie Google bezahlte Rechtsgutachter der Humboldt-Uni reichen Hanfeld aus, um die mögliche Niederlage bei der Durchsetzung des Lobby-Gesetzes zu begründen.

Das ist ärmlich.

Ein Gesetz muss allgemein und neutral sein. Es kann hier nicht darum gehen, wie auf dem Flohmarkt den höchsten Preis für kommerzielle Interessen herauszuschlagen mit dem Instrument der Gesetzgebung. Es gab doch klare Signale in den vergangenen Tagen in Richtung der Verleger, sich mit Google zu einigen. Das ist in einem oberlehrerhaften Ton von den Verbänden der Zeitungs- und Zeitschriftenindustrie abgelehnt worden. Pech gehabt. Zu hoch gepokert.