Lahmes Internet, fragwürdiger Lobbyismus und bräsige Digitalpolitik #GroKo

„Im Moment haben wir ja das Problem, dass die Telekommunikationsunternehmen auch ihre 100 oder 200 Mbit/s-Anschlüsse nicht loswerden“, erklärte die Internetexpertin der CSU, Dorothee Bär zu den Digitalplänen der kommenden Bundesregierung. Bär sei ohne Zweifel sehr sachkundig, bemerkt Sascha Lobo in seiner Spiegel Online-Kolumne.

„Das aber macht ihre Aussage zugleich erstaunlich, skandalös und unerstaunlich. Erstaunlich ist, dass Bär den angeblich mangelnden Verkaufserfolg als eigentliches Problem hinstellt. Denn bisher kann nur eine Minderheit der deutschen Haushalte das angeblich ungewünschte Produkt überhaupt kaufen, und das fast nur in größeren Städten. In der wichtigsten Breitbandstatistik des zuständigen Ministeriums ist ernsthaft ‚größer 50 Mbit/s‘ die schnellste Internetkategorie. Ironie der Realität: An drei zufällig ausgewählten Standorten von Bärs Geburtsstadt Bamberg (Moosstr. 10, Vogtstr. 2, im Gewerbegebiet Am Börstig 25) beträgt die von der Telekom angebotene Maximalgeschwindigkeit 16 Mbit/s (Stand 13. Februar 2018). Tja, warum nur kaufen so wenig Leute 100 Mbit/s“, fragt sich Lobo.

Skandalös an Bärs Aussage sei, dass sie exakt die Perspektive der Konzerne übernimmt, die neben der Politik eine große Mitschuld an der Breitbandmisere tragen. „Ihre Formulierung verschiebt nämlich die Verantwortung für die schlechte Breitbandversorgung auf die Kunden. So blendet sie aus, dass neben der erwähnten Verfügbarkeit auch Preis, Upload-Geschwindigkeit, Drosselung und Vertragsbedingungen eine erhebliche Rolle beim Verkauf spielen“, so Lobo.

Unerstaunlich an Bärs Aussage sei schließlich ihre Existenz, denn die regierende Politik kommuniziert im Digitalbereich auffällig konzernnah. „Die Politiker tun das oft auch, wenn es den Bevölkerungsinteressen erkennbar entgegensteht. Die Telekom erklärte 2017, dass 100 Mbit/s derzeit ausreichen, was zufällig auch der für sie flächig erreichbaren Maximalgeschwindigkeit entsprach. Dorothee Bär gibt dieser Argumentation politische Rückendeckung, als sei sie Interessenvertreterin der Telekom.“

So kann der Magenta-Laden immer noch genügend Geld aus den Daten-Leitungen quetschen, da andere Geschäftsmodelle nach wie vor nicht funktionieren.
Das ist heute unser Problem und das war in den vergangenen Jahren das Problem in der Digitalpolitik. Erinnert sei an die „Studie“ des Ifo-Instituts, die im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums konstatierte, dass die Nachfrage für schnelles Internet einfach zu gering sei.

Dabei dürfte selbst den Spitzenökonomen in München klar sein, dass besonders in Fragen der Infrastruktur das Angebot die Nachfrage schafft.

„Ohne Highspeed-Internet können Unternehmen digital nicht aufrüsten und fallen im globalen Wettbewerb zurück. An neue webbasierte Geschäftsmodelle ist in einem solchen Umfeld gar nicht erst zu denken“, so Manager Magazin-Redakteurin Müller.

Die teutonische Breitband-Müdigkeit von Spitzen-Politikern und Top-Managern wirkt sich fatal auf die Volkswirtschaft aus.

„Wir wollen, wir werden, es gilt, es muss, wir möchten, es soll.“

Die „geeigneten“ Maßnahmen der Bundesregierung

Die Inflation der Unverbindlichkeiten im „Vertrag“ der Großen Koalition zur digitalen Agenda vor vier Jahren hatte „zielgerichtet“ mit „geeigneten Maßnahmen“ die Wirkung eines Wackelpuddings, den man an die Wand nagelt. Was Unionsparteien und SPD für die digitale Infrastruktur in Deutschland planten, knüpft nahtlos an die Bund-Online-Projekte der vergangenen Jahre an: Sie wurden zu Tode verwaltet. Fehlgeburten mit Lutschpastillen-Wirkung, die mangels zentraler Zuständigkeit und politischem Nachdruck in den verschiedensten Ressorts mit minimaler Sauerstoffzufuhr am Leben erhalten werden. Ab und zu erfährt der Netz-Patient eine Reanimation, bevor er seine letzten Bits und Bytes aushaucht.

Völlig außer Acht bleibt die Korrelation zwischen Digitalisierung, Netzausbau und Arbeitsplätzen – übrigens auch in der von der Großen Koalition so geliebten Industrie: Das Internet der Dinge oder der intelligenten Objekte ist schon lange keine Fiktion mehr. Schon 2013 gab es rund zehn Milliarden Verknüpfungen zwischen Maschinen und Produkten. Diesen anschwellenden Datenstrom können wir nur bewältigen, wenn wir konsequent in den Breitbandausbau investieren.

Die Digitalisierung in Deutschland krankt nach Meinung des Technologieexperten Roman Friedrich an einem Wirrwarr von Einzelmaßnahmen. Es versickere jedwede Initiative in irgendwelchen Gremien.

„Da gibt es hier einen Gipfel und dort einen Gipfel. Dann gibt es eine D21-Initiative, die sich tot gelaufen hat. Das Thema Breitband und Digitalisierung hätte es verdient, zur Chefsache erklärt zu werden“, sagte mir Friedrich vor vier Jahren im Interview.

Selbst die anfänglich eingeplanten vier bis fünf Milliarden Euro würden für den Breitbandausbau nicht ausreichen. Es sei nicht ersichtlich, wie wir den Rückstand in der Digitalisierung mit den Plänen der neuen Bundesregierung aufholen können. „Es sind Lippenbekenntnisse und keine klaren Ziele. Der Breitbandausbau auf 50 Mbit/s ist noch nicht einmal zu tief gegriffen. Im Gegenteil. Diese Geschwindigkeit benötigen wir für einen modernen Standort. Mit einer entsprechenden politischen Unterstützung ist mehr möglich. Das sehen wir in anderen Ländern“, weiß Analyst.

Strukturschwache Gebiete brauchen dezentrale Cloud-Arbeitsplätze

Die digitale Revolution bezieht sich dabei gar nicht so sehr auf den Konsumenten. Viel entscheidender sei die Anbindung eines jeden Unternehmens an Breitband.

„Um die Wirtschaftskraft vor allem des Mittelstandes zu erhalten, braucht man die digitale Autobahn. Wir können sonst unsere ökonomische Dynamik nicht ausreichend entfalten. Dabei geht es um innovative Geschäftsmodelle, um die richtigen Dienste und um nachfragestimulierende Applikationen. Ohne die entsprechende technologische Grundlage wird das nicht erreichbar sein“, meint Friedrich.

Auch das Märchen von der zu geringen Nachfrage nach schnellem Internet, was von Wirtschaftsforschern im Auftrag der Bundesregierung in die Welt getragen werde, ist nur ein weiterer Beleg für das mangelhafte Verständnis der politischen Akteure für die Relevanz der digitalen Infrastruktur:

„Wir haben schon jetzt Engpässe. Unsere politische Elite und auch viele klassische Wirtschaftsführer verstehen nicht, was zurzeit im Markt passiert. Die digitale Revolution ist mindestens so relevant wie die Energiewende.“

Besonders bitter ist die digitale Rückständigkeit für strukturschwache Gebiete in Deutschland, die junge Talente an Städte wie Köln, Berlin, München oder Hamburg verlieren.

Wo die Lebensbedingungen schwierig sind, wo es an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen mangelt, verschärft sich meist auch die demografische Lage.
Besser wäre es, über Cloud-Arbeitsplätze dezentrale Organisationen aufzubauen und die negativen Folgen von Landflucht sowie Überalterung abzumildern.

Die Prioritäten in der Regierungspolitik werden falsch gesetzt, was man an der lärmenden und lächerlichen Maut-Debatte in der vergangenen Legislaturperiode sehr schön ablesen konnte. Es ist wohl ein Ding der Unmöglichkeit, in den Köpfen der politischen Akteure ein Umdenken zu bewirken.

Um 11:45 Uhr wollen wir darüber in einem Live-Talk noch einmal reden.

Siehe auch:

Deutsche Digitalpolitik: Rückwärts gewandt und von Lobbyismus geprägt – Hilft da eine neue Behörde?

Kein Digitalministerium, Bevorzugung der Deutschen Telekom, falsche Einschätzung der Lage – Zur Digitalpolitik in Deutschland

#WortzumSonntag im Tagesspiegel

Kein Digitalministerium, Bevorzugung der Deutschen Telekom, falsche Einschätzung der Lage: Die deutschen Politiker seien mit dafür verantwortlich, dass Deutschland in der Digitalisierung hinten liege. Das sagt Ralph Dommermuth, Chef des Unternehmens United Internet, im Gespräch mit dem Spiegel. golem.de hat das aufgegriffen.

Zu den Gründen zählt Dommermuth auch die Aufteilung der Digitalwirtschaft auf verschiedene Ministerien. Dies habe in der vergangenen Legislaturperiode dazu geführt, dass sich keiner als zuständig betrachtete. Meine Rede. Im Tagesspiegel habe ich das ausführlich begründet. Auf ciokurator.com will ich dazu noch ein paar Interviews führen.

Ätsch, liebwerteste Gichtlinge der Telekom, FAZ und Bitkom, die Grünen sind jetzt Freifunker: W-LAN für alle!

Das Netz

Nur rund 39 Prozent der Internetnutzer in Deutschland nutzen W-LAN-Netze außerhalb der eigenen Wohnung, stellen mit großer Überraschung die Scherzkekse der FAZ fest. Auch bei den Smartphone-Besitzern sei der Anteil mit 45 Prozent eher gering. Diese Zahlen habe eine repräsentative Umfrage unter 812 Internetnutzern ab 14 Jahren im Auftrag des Verbandes Bitkom ergeben, die der Datenanbieter Statista für FAZ.NET aufbereitet hat.

Wollt Ihr mich verscheißern? Wer über W-LAN spricht, darf von der bescheuerten Störerhaftung nicht schweigen. Schaut Euch mal die W-LAN-Angebote in anderen Ländern an, liebwerteste Statistik-Gichtlinge von Bitkom und FAZ.

Ein gutes Signal zur Ausbreitung der W-LAN-Nutzung kommt von den Grünen, die kürzlich einen Freifunk-Router in ihrer Bundesgeschäftsstelle installierte. Damit kommt jede Person im Umfeld der Parteizentrale kostenfrei ins Internet.

Laut Freifunker Christopher Piontek dürfte das ungefähr eine Entfernung von 150 Metern abdecken.

„Wir Grüne sind jetzt auch Freifunker und unterstützen damit die wichtige Arbeit der Freifunkinitiative“, teilen die Grünen mit.

Damit werde ein kleiner Beitrag geleistet für einen flächendeckenden und zeitlich unbegrenzten Zugang zum Internet.

Während die SPD auf ihrem Parteikonvent die Vorratsdatenspeicherung durchpresste, setzen die Grünen ein Signal für Datenschutz und für einen offenen sowie freien Zugang zum Internet. Die Netznutzung außerhalb der eigenen Wohnung dürfe nicht vom Geldbeutel abhängen.

„Wir setzen damit auch ein Signal gegen Abzocke durch kommerzielle Anbieter, die in Deutschland oft horrende Preise für den mobilen Internetzugang via WLAN fordern“, heißt es in einer Presseverlautbarung der Grünen.

Siehe auch:

Wie die Telekom im coolen Youtube-Style gegen Freifunk agitiert – Live-Hangout mit @bitpage

Zur Freifunk-Initiative.

Wanka, Gabriel und der Internet-Kindergarten der Bundesregierung #Industrie40

Technik-Geschichte

Manchmal ist es schon erschütternd, wie die eigenen Prognosen von der Realität überrollt werden. So schreibt der Tagespiegel, dass bei der vierten industriellen Revolution, die die Bundesregierung zum Vorzeigeprojekt für die vernetzte Ökonomie aufziehen wollte, nicht mal ein Revolutiönchen rausspringt. Das Projekt Industrie 4.0 werde zerrieben zwischen SPD-Minister Gabriel und CDU-Ministerin Wanka. „Die USA schaffen derweil Tatsachen und lassen Deutschland weit hinter sich“, schreibt der Tagesspiegel.

Da sind wir dann in von mir skizzierten Denkfallen der Industrie 4.0-Initiativen.

Die USA sind dabei, auch bei der vernetzten Industrie Trendsetter zu werden, warnt Franz Eduard Gruber, Gründer und Chef der Software-Firma Forcan, die sich auf die Steuerung von Maschinen spezialisiert hat. Die Amerikaner haben nach seinen Erfahrungen erkannt, dass die Standardisierung in der Kommunikation von Maschinen und Sensoren entscheiden ist.

„Wer den Standard definiert, der definiert, in welche Richtung der Weltmarkt künftig läuft“, so der ehemalige SAP-Manager auf einer Fachtagung des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam.

Die USA hätten mit dem offenen Standard MTConnect bereits Fakten geschaffen. Und dann folgt eine denkwürdige Replik.

Das sei einer Gründe, warum die Plattform unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministerium umorganisiert wird. Hat man das eigentlich bei der Gründung der Plattform nicht gewusst? Jetzt wird klar, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren.

So langsam werden wir zur verlängerten Werkbank, die sich auf die Veredelung von Produkten und Diensten zurückzieht. Wie viele unserer Projekte in der Grundlagenforschung, Patente und Ingenieurleistungen bringen wir zum Markterfolg? Welchen Stellenwert hat bei uns die Digitalisierung und die Konzentration auf Anwendungen, die bei Produkten immer entscheidender wird? Von der Heimvernetzung bis zur großspurig verkündeten Energiewende, die im Streit um das EEG gerade kräftig zerredet wird, verspielen für wichtige Themen, die eng mit der vernetzten Ökonomie zusammenhängen.

Die Amerikaner leisten Führungsarbeit, die Deutschen versinken in Verbandsbürokratie #Industrie40

Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch; Die Vögelein schweigen im Walde. Warte nur, balde Ruhest du auch.
Über allen IT-Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.

Im April 2013 ging die so genannte Plattform Industrie 4.0 als Gemeinschaftsprojekt der Wirtschaftsverbände BITKOM, VDMA und ZVEI mit großen Erwartungen an den Start, um die Hightech-Strategie der Bundesregierung maßgeblich zu unterstützen. Die Initiative steht für die Anwendung des Internets der Dinge und der Dienste in industriellen Prozessen, in Produktion und Logistik, mit weitreichenden Konsequenzen für die Wertschöpfung, die Geschäftsmodelle sowie die nachgelagerten Dienstleistungen und die Arbeitsorganisation. Was die drei Verbände zustande gebracht haben, die immerhin rund 6000 Mitgliedsunternehmen der deutschen Spitzenindustrie repräsentieren, ist spärlich.

Die USA sind dabei, auch bei der vernetzten Industrie Trendsetter zu werden, warnt Franz Eduard Gruber, Gründer und Chef der Software-Firma Forcan, die sich auf die Steuerung von Maschinen spezialisiert hat. Die Amerikaner haben nach seinen Erfahrungen erkannt, dass die Standardisierung in der Kommunikation von Maschinen und Sensoren entscheiden ist.

„Wer den Standard definiert, der definiert, in welche Richtung der Weltmarkt künftig läuft“, so der ehemalige SAP-Manager auf einer Fachtagung des Hasso-Plattner-Instituts in Potsdam.

Die USA hätten mit dem offenen Standard MTConnect bereits Fakten geschaffen. Bei der Interoperabilität gehe es um das Kernthema von Industrie 4.0:

„Wir müssen es schaffen, heterogene Steuerungen via Informationstechnologie zu vernetzen. Hier haben die Amerikaner mit MTConnect wieder Führungsarbeit geleistet“, sagt Gruber.

Verbände dürfen Standard nicht kommunizieren

Nun sei die deutsche Verbandsinitiative aber nicht untätig gewesen, kontert Kuka-Systemarchitekt Heinrich Munz, der bei der Plattform Industrie 4.0 als stellvertretender Vorsitzender der Arge 2 tätig ist. Es gehe nicht voran wegen mangelhafter Arbeit.

„Wir haben diesen Standard intern definiert, dürfen ihn in der Öffentlichkeit aber nicht sagen. Das Wettbewerbsrecht der Verbände verbietet, dass wir in der Verbandsarbeit solche Dinge kommunizieren dürfen. Wir dürfen keine Empfehlungen geben und wir dürfen es nicht beim Namen nennen.“

Das sei einer Gründe, warum die Plattform unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministerium umorganisiert wird. Hat man das eigentlich bei der Gründung der Plattform nicht gewusst? In den vergangenen Tagen wurde jedenfalls deutlich, dass wir trotz hektischem Aktionismus von Kanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel und Wissenschaftsministerin Johanna Wanka auch beim „Internet der Industrie“ den Wettbewerb mit den USA verlieren könnten, kritisiert Netskill-Geschäftsführer Winfried Felser in der Sendung „Kompetenzgespräche“.

„Dass zugleich deutsche Industrie-Ikonen ihre neue Liebe zum amerikanischen Wettbewerber, dem Industrial Internet Consortium, in der Breite entdecken, ist der eigentlich wichtigste Warnindikator dafür, dass der bisherige deutsche Weg 4.0 auf einem Abstellgleis enden kann“, so Felser.

Industrie 4.0 bedeutet nicht nur Roboter und RFID-Chips, sondern vor allem bessere Produkte, Services und Prozesse durch Zusammenarbeit in Produktionsnetzwerken.

„Wir arbeiten uns in Gremien jahrelang an Standards und Normungen ab, klopfen uns gegenseitig auf die Schulter und verlieren dabei die Marktdynamik aus dem Auge“, weiß Felser.

Karl Tröger von der PSI AG, der in fast allen Industrie-4.0-Kreisen mitwirkt, hält die Organisationsprobleme für beschämend.

„Wir bekommen es nicht hin, solche Initiativen auf die Straße zu bringen. Man braucht nicht den allumfassenden Super-Standard, sondern Beispiele und Ideen. Jeder zieht sich auf seine persönlichen ökonomischen Interessen zurück, statt etwas im Sinne der Gesamtheit zu tun“, betont Tröger im Kompetenzgespräch.

Industrie-4.0-Bürokraten

Es werden enorme Potenziale durch die Umsetzung der hinter Industrie 4.0 stehenden Ideen erwartet. Dennoch sei der Bekanntheitsgrad der entsprechenden Konzepte in Unternehmen eher gering.

„Diese Diskrepanz zwischen der Beschreibung der wirtschaftlichen Potenziale und der Wahrnehmung in der Industrie muss überwunden werden. Das ‚Team Deutschland‘ braucht einen entsprechenden Team-Spirit“, fordert Tröger.

Industrie 4.0 sei vor allem eine dezentral-intelligente, vernetzte und kooperative Industrie.

„Technik ist dafür nur der Enabler“, erklärt Felser.

Wir machen es in Deutschland schön kompliziert, statt komplex zu denken und einfache Lösungen auf dem Markt zu etablieren. Das macht das IIC besser und das liegt vor allem an der Führungsfigur. Richard Mark Soley ist ein Antreiber, Marktkenner und exzellenter Redner im Unterschied zu den Industrie-4.0-Bürokraten in deutschen Spitzenverbänden und Ministerien, erklärt ein Branchenkenner. Soley gibt der amerikanischen Initiative ein Gesicht. Die liebwertesten 4.0-Gichtlinge in Deutschland verstecken sich lieber hinter Arbeitskreisen und Normungsgremien. Es reicht nicht aus, wenn Verbandsvertreter des Maschinenbaus, der Elektroindustrie und der Informationstechnologie, das Bundeswirtschaftsministerium sowie das Bundesministerium für Bildung und Forschung mit dem IIC sprechen. Sie sollten international auch das nötige Sendungsbewusstsein entwickeln und frühzeitig einen Blick in das Wettbewerbsrecht werfen.

Siehe auch:

DIE DENKFALLEN DER INDUSTRIE-4.0-INITIATIVE.

Die Anti-Google-Koalition der Besitzstandswahrer: #DigitaleAgenda verdient eine Abwrackprämie #Bloggercamp.tv

Industriemuseum

Nico Lumma hat in einem lesenswerten Appell die Anti-Google-Schwätzer dazu aufgerufen, den Suchmaschinen-Konzern nun endlich zu zerschlagen und darüber nachzudenken, dass eine Firma, gegründet von zwei Doktoranden vor 16 Jahren, so schnell so groß und so wichtig werden konnte für die Nutzer auf dieser Welt, dass ihr sie zerschlagen wollt.

„Und dann stellt Euch mal ein paar einfache Fragen: warum ist keine deutsche Firma so groß wie Google? Warum ist keine französische Firma so groß wie Google? Warum kommt abgesehen von MP3 kein Standard der digitalen Welt aus Deutschland (den allerdings erst Apple zur Entfaltung brachte – die Musikindustrie war dafür zu blöd, gs)? Warum kommt keine nennenswerte digitale Technologie aus Deutschland? Warum haben wir so wenig Glasfaserausbau in Deutschland, dass wir noch nicht mal auf den europäischen Vergleichsstastiken verzeichnet werden? Warum sind unsere Schulen immer noch ein Hort der Technologiefeindlichkeit? Warum haben junge Leute kaum Interesse an der digitalen Wirtschaft? Wo Ihr doch neuerdings immer erzählt, dass das Digitale so wichtig sei und dass dort die Jobs der Zukunft entstünden! Vielleicht gibt es dann ja, in diesem vermutlich seltendem Moment der Reflexion, bei Euch Silberrücken dieses Landes, die einfache und brutale Erkenntnis, dass Ihr es mit Ansage absolut verkackt habt, auch nur annähernd die richtigen Schritte in den letzten 20 Jahren umzusetzen! Stattdessen wartet Ihr immer noch auf den einen, optimalen Moment, um den Hebel umzulegen und dann eine digitale Denke an den Tag zu legen. Stattdessen zögert ihr immer noch, endlich zu investieren! Stattdessen wollt ihr immer noch nur kleine Änderungen, damit ja niemand überfordert wird! Stattdessen murmelt ihr immer noch ‚das ist doch alles nicht vergleichbar‘ und macht weiter wie bisher. Während sich die Welt verändert. Während sich die Welt immer schneller verändert. Und immer digitaler wird. Und Ihr immer weniger versteht, was eigentlich passiert.“

Die alten Männer dieser Nation – die sich dann einmal im Jahr auf dem IT-Gipfel die Canapés in den Mund stopft – verharren in den Denkmustern der 70er und 80er Jahre. Eigentlich hat sich seit den 60er Jahren nichts geändert. Statt uns in weiteren industriepolitisch motivierten Abwehrschlachten die Zeit zu verplempern, sollten wir in Deutschland ordnungspolitische Akzente setzen, um uns von den Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt.

Zerschlagt doch Google.

„Und zeigt damit allen, dass Ihr die Zukunft dieses Landes, dass Ihr die Zukunft Europas in den letzten Jahren fahrlässig aus der Hand gegeben habt, weil ihr Euch nicht darum gekümmert habt, wie sich die Digitalisierung der Gesellschaft, wie sich die Digitalisierung der Wirtschaft, wie sich die Digitalisierung aller Lebensbereiche immer rasanter entwickelt! Zeigt, dass Ihr Angst habt vor Veränderungen und Euer Heil in der Besitzstandswahrung sucht“, so Lumma.

Die digitale Agenda der Bundesregierung verdient eine Abwrackprämie. Darüber wollen wir heute Abend ab 20:15 Uhr bei #Bloggercamp.tv sprechen.

Siehe auch:

VERNETZTE ÖKONOMIE BETRIFFT ALLE – WISSENSCHAFT, WIRTSCHAFT UND POLITIK VERSAGEN BEI DER DIGITALEN TRANSFORMATION.

DAS DIGITALE-AGENDA-GEHEIMNIS: WAS ERFOLGREICHE INTERNET-STAATEN ANDERS MACHEN.

Was Merkel von Bochum 4.0 lernen kann – Digitaler Strukturwandel ohne Kohle und Stahl @ruhrnalist #SocialTV #itg14

Kai Rüsberg im Gespräch mit Uni-Rektor Elmar Weiler
Kai Rüsberg im Gespräch mit Uni-Rektor Elmar Weiler

Kann man über hyperlokale Formate via Hangout on Air das Geschehen in seiner Stadt, seines Bezirks oder seiner Nachbarschaft ohne Schnörkel, ohne Zeitverlust, ohne Abstimmungsschleifen direkt vermitteln und den Dialog in der Bürgerschaft fördern? Man kann. Der Fernsehjournalist Kai Rüsberg stellt das in seiner Heimatstadt Bochum unter Beweis mit SocialTV-Gesprächsformaten, die man ohne Ü-Wagen und schwerer Technik realisieren kann. Es reichen Laptop, Webcam und ein halbwegs vernünftiges Mikrofon.

Bei der Generalversammlung der GLS-Bank in Bochum, wo ich als Moderator beteiligt war, ist das eindrucksvoll demonstriert worden.

Jetzt hat Kai zum Auftakt der Vortragsreihe „Hörsaal City live“ im „Blue Square“ in der Fußgängerzone von Bochum mit einer SocialTV-Sendung begleitet. Nicht nur der Standort ist dabei spannend, sondern vor allem das Vorhaben der Universität bei der Föderung des Diskurses zwischen Wissenschaft und Bürgerschaft. Ich bin ja kein Freund des Geredes von 1.0, 2.0 oder 4.0. Bei Bochum 4.0 macht das Sinn, wie es Elmar Weiler, Rektor der Ruhr-Universität Bochum, im Gespräch mit Kai Rüsberg formuliert.

Mit der Vortragsreihe wolle man die Vorteile von Bochum stärker in den Vordergrund rücken. Und die liegen ganz klar bei rund 50.000 Studierenden und den über 7.000 Absolventen, die jedes Jahr erfolgreich ihr Studium beenden. Aus dem Blickwinkel eines Unternehmen, das sich in der Stadt ansiedeln möchte und dabei hochqualifizierte Mitarbeiter sucht, sei das ein klarer Standortvorteil. Und hier kommt auch das Stichwort 4.0 ins Spiel.

„Bochum 1.0 dokumentiert die Zeit, als man Kohle aus der Erde holte, bis keine mehr da war. Allen sei klar gewesen, dass sich die Lagerstätten erschöpfen würden. Dann hat man angefangen, einen Hightech-Werkstoff zu entwickeln – nämlich Stahl. Da brauchte man nicht nur Eisenerz, sondern auch sehr viel Wissenschaft, um etwa rostfreien Stahl herzustellen. Das war Bochum 2.0. Von der Kohle über den Stahl geht die Erfolgsgeschichte weiter zu Fabriken, in denen Hochleistungsmaschinen gefertigt wurden wie Autos und Handys. Diese Zeit geht jetzt auch zu Ende. Also Bochum 3.0“, sagt Weiler.

Jetzt folgt die Phase 4.0.

„Es bricht eine neue Zeit an, die weniger geprägt sein wird von großen Industriewerken“, meint Weiler – auch wenn das viele Industrielobbyisten immer noch nicht ganz wahrhaben wollen.

Der Uni-Rektor ist fest davon überzeugt, dass das in der Region der Vergangenheit angehört.

SocialTV-Außenreportage bei der Vorstellung der Hörsaal City-Vortragsreihe
SocialTV-Außenreportage bei der Vorstellung der Hörsaal City-Vortragsreihe

Relevanter werden Mittelstand und innovative Unternehmen, die sich besser vernetzen müssen bei der Erzeugung von lokalen Wertschöpfungsketten. Es gehe dabei um die Vernetzung von allem. Also Kultur, Sport, Wissenschaft, Wirtschaft und bürgerschaftliches Engagement. Genau dieser Ansatz des notwendigen Strukturwandels steckt hinter der Bezeichnung „Bochum 4.0“.

Was Professor Weiler in wenigen Worten skizziert hat, sollte sich die Große Koalition in Berlin hinter die Ohren schreiben.

Wo bleiben die Impulse in Wirtschaft und Politik, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk “Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945″ ausdrückt? Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten?

Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, “dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte”, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus.

Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus – in Bochum und vielen anderen Städten schon, aber nicht in der Bundespolitik.

Was die Ruhr-Univerität in ihrer Vortragsreihe thematisiert, greifen wir in Bonn auch beim Netzökonomie-Campus auf, der am Sonntag bei Kaffee und Käsekuchen in meiner Bibliothek startet und natürlich via Hangout on Air ab 16 Uhr live übertragen wird.

Siehe auch:

IT-Gipfel: Warum Merkel eine wertelose Digitalpolitik macht.

IT-Gipfel – ein Klassentreffen mit Kanzlerin.

SocialTV-Workshops für Wirtschaft, Vereine, Blogger, Kunst und Kultur.

Über den Untergang der Industriewirtschaft: Wo sind Konzepte für die vernetzte Ökonomie?

Politikrezepte der Wirtschaftswunder-Zeit greifen nicht mehr
Politikrezepte der Wirtschaftswunder-Zeit greifen nicht mehr

In Deutschland arbeiten im verarbeitenden Gewerbe immer weniger Menschen unmittelbar in der Fertigung, während die Beschäftigung insbesondere bei den für die Wettbewerbsfähigkeit entscheidenden produktionsnahen Dienstleistungen wie Forschung, Entwicklung, Organisation, Management und Beratung zunimmt. In den exportstarken Branchen wie dem Fahrzeugbau oder dem Maschinenbau war die Entwicklung besonders dynamisch. Dies sind die zentralen Ergebnisse einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin).

„Auch innerhalb der Branchen findet ein Strukturwandel statt“, sagt DIW-Experte Alexander Eickelpasch.

In den Jahren 2007 bis 2011 ist die Zahl der Industriebeschäftigten, die unmittelbar in der Produktion tätig sind, um 2,5 Prozent gesunken. Dies geht teilweise auf eine steigende Arbeitsproduktivität, teilweise auf den verstärkten Bezug von Vorleistungen, die bisher selbst erstellt wurden, und teilweise auf den verstärkten Einsatz von Leiharbeit zurück. Die Zahl der Personen, die in Industrieunternehmen Dienste erbringen, ist dagegen in diesem Zeitraum um 2,5 Prozent gestiegen. Bei den produktionsorientierten höherwertigen Dienstleistungen ist die Beschäftigung sogar um 4,5 Prozent gestiegen, und hierunter in Forschung und Entwicklung um 5,8 Prozent sowie bei Leitung und organisatorischen Tätigkeiten um 16,0 Prozent.

Dieser Strukturwandel ist Erkenntnissen des DIW in allen Industriebranchen zu beobachten, wenn auch mit unterschiedlicher Intensität. In den international ausgerichteten Branchen mit einer überdurchschnittlichen Exportquote von mehr als 50 Prozent – wie der Automobilindustrie, dem Maschinenbau und der chemischen Industrie – wächst die Bedeutung dieser Dienste dynamischer als in eher binnenmarktorientierten Branchen wie der Nahrungs- und Genussmittelindustrie.

Durch die zunehmende Digitalisierung werden Routinetätigkeiten an Bedeutung verlieren und anspruchsvolle Tätigkeiten an Bedeutung gewinnen – auch in der Fertigung.

So weit, so gut. Wo bleiben aber die ordnungspolitischen Impulse, um uns von der Anachronismen der untergegangenen Industriewirtschaft zu befreien, wie es der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser in seinem Standardwerk „Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945“ ausdrückt. Wo sind klare Konzepte für einen institutionellen Rahmen zu erkennen, um uns auf die Bedürfnisse der nachindustriellen Ära auszurichten? Weder die wirtschaftlichen Eliten noch die öffentliche Meinung waren und sind sich der Realität bewusst, „dass schon Anfang der sechziger Jahre selbst bei stark rohstofforientierten Produzenten, wie der deutschen Großchemie, bis zu zwei Drittel der Wertschöpfung auf der Fähigkeit zur Anwendung von wissenschaftlich basierter Stoffumwandlungsprozesse beruhte“, schreibt Abelshauser in der erweiterten Auflage seines Opus. Seit den neunziger Jahren sind mehr als 75 Prozent der Erwerbstätigen und ein ebenso hoher Prozentsatz der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung durch immaterielle und nachindustrielle Produktion entstanden. Die innere Uhr der politischen Entscheider ist immer noch auf die industrielle Produktion gepolt. Man merkt es an der wenig ambitionierten Digitalen Agenda der Bundesregierung, man erkennt es an den lausigen Akzenten, die in der Bildungspolitik gesetzt werden und man hört es bei den Sonntagsreden der Politiker, wenn es um Firmenansiedlungen geht. Es gibt keine Konzeption für eine vernetzte Ökonomie jenseits der industriellen Massenfertigung aus den Zeiten des Fordismus.

Darüber würde ich gerne einige Fachgespräche via Hangout on Air führen. Wer Lust und Interesse verspürt, soll sich einfach bei mir melden. Hier in den Kommentaren oder per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com

Man hört und sieht sich spätestens bei Bloggercamp.tv am Mittwoch, um 20: 15 nach er Tagesschau. Da geht es um Stadtgestaltung und die Zukunft des stationären Einzelhandels.

Siehe auch:

Cyber, Cyber! Die Hymne zur Digitalen Agenda.

DEUTSCHLAND VERLIERT DIE IT-EXPERTISE.

Das Projekt ist einzuführen, es sei denn wirtschaftliche, technische oder organisatorische Gründe sprechen dagegen #DigitaleAgenda

Digitales Arbeiten ohne Steuerungskreis
Digitales Arbeiten ohne Steuerungskreis

Die Bundespressekonferenz ist gelaufen und die drei Internetminister de Maizière, Dobrindt und Gabriel haben ihre Digitale Agenda vorgestellt. Fantastisch ist ja der Handlungswille der drei Herren. Besonders folgende Maßnahme wird einschlagen, wie eine Bombe und Deutschland an die Spitze der Internet-Wirtschaft katapultieren:

„Die Bundesregierung richtet einen Steuerungskreis „Digitale Agenda“ ein, um neue Entwicklungen frühzeitig zu identifizieren und politisch zu koordinieren. Seine ordentlichen Mitglieder sind die jeweils zuständigen Staatssekretäre der federführenden Bundesministerien.“

Das dürfte dann wieder ein trautes Stelldichein von Verwaltungsjuristen geben. Meistens sind das ja Verwaltungsjuristen. Die digitalen Proklamationen der Schröder-Regierung in der rot-grünen Koalitionsvereinbarung klangen übrigens ähnlich: Man wollte den aktivierenden Staat an die Stelle des schlanken Staates setzen und die Verwaltungsmodernisierung vorantreiben. Ein wesentlicher Punkt war, alle onlinefähigen Dienstleistungen des Bundes im Internet anzubieten – dem Bürger, der Wirtschaft und anderen Verwaltungen. Das Ärzteteam am Kabinettstisch verabreichte der maroden und teuren Bundesverwaltung eine Therapie: Internettechnologie als Allheilmittel gegen Lähmungserscheinungen und unterentwickelte Kommunikationsfähigkeiten. „BundOnline 2005“ hieß der Heilplan. Rund 18 Modellprojekte erhielten Finanzspritzen in insgesamt dreistelliger Millionenhöhe, um den Patienten Leben einzuhauchen. Dazu kommen noch hochbezahlte Strategieberater, die sich im Bundesinnenministerium die Klinke in die Hand gaben.

Was kam dabei heraus? Einige Projekte wie das Förderportal oder der Liegenschaftsnachweis erreichten Mumien-Status. Andere dümpeln vor sich hin. Kaum ein Projekt hat die erhoffte Nutzerfrequenz erreicht. Das Kabinett-Ärzteteam hat schon vor 15 Jahren bei seinen Online-Initiativen etwas Wesentliches vergessen: Wo krankt der Patient und welche Therapie macht Sinn? Wer braucht die Internetdienstleistungen des Bundes, was muss getan werden, damit sie auch genutzt werden und wie können Doppelentwicklungen vermieden werden? Ohne Anamnese gibt es keine erfolgreiche Medikation. Die verstorbenen Patienten des BundOnline-Projektes wurden in aller Stille zu Grabe getragen und die Todesursache lautet in allen Fällen „Versagen der Kabinetts-Chefärzte“.

Am digitalen Kuddelmuddel des Bundes wird sich auch in dem neuen Steuerungskreis nichts ändern. Die notwendige Kooperation der Ministerien scheitert an dem Gezerre um Zuständigkeiten, Kompetenzgerangel oder schlichtweg an lethargischen Oberamtsräten. Die Ressorts lassen sich nicht gerne etwas von einem anderen Haus sagen. Das nennt man dann Ressortbefindlichkeit. Und die Hausleitungen kümmern sich um das Tagesgeschäft und um gute Öffentlichkeit. 

Um die Ressorts zu sinnvollen Kooperationen zu bewegen, sind in der Vergangenheit Kabinettsbeschlüsse erlassen worden, die in den wenigsten Fällen tatsächlich umgesetzt wurden. Am grünen Kabinettstisch haben die Damen und Herren so lange an den Vorlagen herumgefingert, bis jeder Beschluss so viele Schlupflöcher geboten hat, dass sich letztlich keiner daran halten musste. Beispiel für die Rechtfertigungslyrik, die uns wohl auch in den nächsten Jahren zur Digitalen Agenda serviert werden:

„Das Projekt ist einzuführen, es sei denn wirtschaftliche, technische oder organisatorische Gründe sprechen dagegen“.

Dann werden wieder Machbarkeitsstudien in Auftrag gegeben, auf die Schwierigkeiten der Koordination von Interessen des Bundes, der Länder und Kommunen verwiesen, auf Probleme im politischen Umfeld, auf veränderte Prioritäten, Haushaltsengpässe und sonstige Blablablub-Gründe.

Wir haben also genügend Stoff für unsere heutige Bloggercamp.tv-Sendung nach der Tagesschau um 20:15 Uhr.

Siehe auch:

Wo sind all die Versprechen hin? Vergleichsanalyse von Digitaler Agenda und Koalitionsvertrag.

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Faktencheck zur Digitalen Agenda: Watson übernehmen Sie! Vom Nutzen einer Vetomaschine

Vielleicht gibt es ja dann bald Watson-Brillen.
Vielleicht gibt es ja dann bald Watson-Brillen.

Der IBM-Rechner „Watson“ ist ein ziemlich schlaues Kerlchen. Nicht erst seit seinem legendären Sieg über die Champions des Ratespiels Jeopardy. Er kann noch viel mehr. Watson ist ein Fakten-Checker:

„Heute, drei Jahre nach dem Sieg der KI-Software bei der Quizshow Jeopardy, ist Watson bereits bei Behörden, Institutionen und Unternehmen in den USA im Einsatz. Die Software unterstützt dort Onkologen bei der Behandlung von Krebspatienten, führt natürlichsprachliche Verkaufsberatungen bei einer Bekleidungsmarke oder leitet aus der permanenten Analyse digitaler Medien (Blogs, Facebook, Zeitungen, Foren) ab, welche Themen sich als gesellschaftliches Mem abzeichnen und welche davon auf die Agenda der Wirtschaft gehoben werden sollten“, erläutert Konrad Buck in einem Gastbeitrag für Brightons.

Watson könnte nach Ansicht von brightone-Analyst Stefan Holtel auch den Politikbetrieb dramatisch verändern, da er Aussagen von Politikern einem Echtzeit-Faktencheck unterziehen kann.

Etwa parallel zu Bundespressekonferenzen, wie bei der Präsentation der „Digitalen Agenda“ der Bundesregierung.

Oder bei Wahlkampfreden, wenn mal wieder irgendein Sündenbock-Thema aufgetischt wird, beispielsweise bei der CSU-Kampagne „Wer betrügt, der fliegt“.

Inhaltsleere Polit-Rhetorik und polemischer Alarmismus könnten mit einer Veto-Maschine fundierter sowie schneller entlarvt werden. Damit wird Watson nicht zum Gestalter von Politik. Er könnte mit seinen Echtzeit-Analysen allerdings die Barrieren für dümmliche Agitation erhöhen. Als Recherchehilfe wäre Watson überaus nützlich. Was denkt Ihr?

Heute Abend nach der Tagesschau, also um 20:15 Uhr, machen wir bei Bloggercamp.tv schon mal einen digitalen Fitnesstest für Deutschland – noch ohne Watson. Für Zwischenrufe während der Liveübertragung Hashtag verwenden.

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