Steve Jobs und das Blöken der Kopisten

Erinnert sich noch jemand an die erste Versteigerung der UMTS-Lizenzen vor fast genau zehn Jahren und die Jubeltöne der TK-Branche? Der Champagner-Laune folgte bald der Katzenjammer. 50,8 Milliarden Euro spielte die Vergabe der Mobilfunklizenzen in die Kasse des Bundes. Vier Jahre später wurde klar, dass die Netzbetreiber nicht in der Lage waren, die enormen Ausgaben wieder zu Geld zu machen. Trotz der „Alles-wird-gut-Kommentare“ zu UMTS auf der 3GSM Summit in Cannes waren die Zeichen nicht zu übersehen, dass die Hoffnungen auf Erfolge und Geschäfte mit UMTS im Grunde ad acta gelegt wurden. Bis 2006 hatten es die Netzbetreiber und auch die Hersteller nicht einmal geschafft, attraktive und leistungsfähige Endgeräte bereitzustellen. Betreiber und Hersteller zerhackten sich damals mit gegenseitigen Schuldzuweisungen. Wo lag die Ursache für das UMTS-Debakel? Es existierten keine überzeugenden Dienste, die mobiler Datenverkehr mit höheren Bandbreiten auf einem Handy oder Smart Phone erfordern.

Als der große Run auf die UMTS-Lizenzen stattfand, träumte die Branche vom mobilen Surfen, Location Based Services und Navigationssystemen auf Smart Phones, mobilem Payment und vielfältigem M-Commerce. Außer den eher wenig erfolgreichen Versuchen, den japanischen i-Mode Service auch in Europa zu platzieren, war jeder Versuch, werthaltigen Content bereit zu stellen, bereits schon in der Produktentwicklung steckengeblieben. Display-Logos und Klingeltöne stellten den einzigen mobilen Content dar, für den bezahlt wurde.

Die grundlegenden Probleme der 3G-Netze waren nicht technischer Natur. Es fehlten nutzerfreundliche Endgeräte, smarte Dienstprogramme und Marketingideen. Die gesamte Telekommunikation hat mit wenigen Ausnahmen nie Inhalte bereitgestellt, sondern immer als Transportmedium fungiert und damit ihre Profite erzielt. Die stolzen Geschäftsmodelle für UMTS basierten aber substantiell auf Erlösen für Content. Der durchschnittliche monatliche Umsatz pro Subscriber im 3G-Netze wurde durchaus in Bereichen von 60 Euro und mehr angenommen. Das haben die Mobilfunker aber nie erreicht. Es zeichnete sich ab, dass genau das eintreten wird, wovor Experten schon vor Jahren gewarnt haben: wenn die Mobilfunkbranche es nicht schafft, das Nutzerverhalten und damit auch die alltäglichen Gewohnheiten der Anwender in Richtung mobile Anwendungen zu modifizieren, wenn die Mobilität sich nicht in den täglichen Bedürfnissen der Anwender und in ihren Lebensprozessen wiederfindet, bleibt der Mobilfunk im bloßen mobilen Telefonieren stecken und somit weiterhin ein Transportmedium. Für den Durchbruch von werthaltigem Content und profitablem m-Commerce im Mobilfunkmarkt zählen nicht die technischen Features der Handys, sondern überzeugende Anwendungen, die schnell die kritische Masse im Markt erreichen und dann einen Anwendungs-Standard bilden. Hier hat das Marketing der Mobilfunkbranche versagt. Und was passierte dann? Dann kam der 9. Januar 2007. Apple stellte der Öffentlichkeit einen Prototyp des iPhones auf seiner Macworld Conference & Expo in San Francisco vor. Was konnten wir dann lesen. Auf der Mobile World in Barcelona sprach man vom iPhone-Schock. „Mobilfunkhersteller und Netzbetreiber haben ihre Produkt- und Markenstrategie als Konsequenz aus dem iPhone-Schock im Grundsatz neu sortiert“, schreibt Georg Stanossek, Herausgeber des TK-Dschungelführers in der Ausgabe aus dem Jahr 2008.

Die Explosion an intelligenten Datendienste im App-Store von Apple bringen bis heute die Telcos in Verlegenheit. App-Fieber führt zu Schüttelfrost bei Netzbetreibern, so meine Überschrift am Anfang dieses Jahres. Ohne Steve Jobs hätte es keinen 3G-Aufschwung, keine App-Economy und auch keine nutzerfreundlichen Smart Phones gegeben. Das erkennt man sehr schön an der Entwicklung von Suchbegriffen in den vergangenen Jahren.

Erst mit dem iPhone-Marktstart reden wir intensiv über 3G, Apps und Datendienste. Nicht umsonst spricht das Handelsblatt in einer fundierten Analyse von der iRevolution. Keine Frage: Das Apple-Handy ist Kult. Es ist nicht nur schick, es steht auch für Innovation, für einfache Informationstechnologie – und die künftige IT-Welt, das gesamte Netz-Angebot, alle Dienstleistungen auf einem Gerät.

Kein Stein bleibe in der IT-Industrie auf dem anderen, permante Veränderung ist das Wesen der neuen Technologien. Einfache und kostengünstige Entwicklerwerkzeuge sowie neue Vertriebsformen über das weltumspannende Netz schufen eine Ökonomie mit neuen Regeln, in gewisser Weise sogar eine neue Welt. Alte Grenzen wie die zwischen Telefonie und Computer oder Fernsehen würden sich auflösen, oder es gibt sie gar nicht mehr.

„Beste Aussichten auf eine führende Rolle in dieser neuen Welt hat die von Apple-Chef Steve Jobs mitgegründete Apfel-Marke. Chancen hat auch noch der Internetriese und Taktgeber Google. Abgeschlagen scheinen dagegen Giganten wie Microsoft oder Nokia. Der Kampf um die Vorherrschaft in der New Economy 2.0 gleicht einem Duell: dem zwischen Apple und Google, zwischen geschlossenen und offenen Systemen“, so das Handelsblatt.

Weltweit habe niemand so erfolgreich wie Apple das Zusammenwachsen – im Fachjargon Konvergenz – von Hardware, Software und Inhalten umgesetzt. „Als der frühere Computerpionier, gegründet von Steve Jobs und Steve Wozniak, 1997 kurz vor der Insolvenz stand, erzielte Apple Computer einen Umsatz von nur noch sieben Milliarden Dollar, nach elf Milliarden Dollar zwei Jahre zuvor. Apple stellte nichts her außer Computern mit tollem Design und mäßiger Technik“, führt das Handelsblatt weiter aus. Heute stehe Apple vor einem Jahresumsatz von über 50 Milliarden Dollar, bunkert 40 Milliarden Dollar liquide Mittel und hat den Namenszusatz „Computer“ offiziell aus seinem Namen gestrichen. Immer breiter werde das Portfolio der Apfelmarke, immer mehr Elemente der Wertschöpfungskette greift die Jobs-Company ab.

„Rund 30 Prozent des Umsatzes erzielt Apple heute mit Mobiltelefonen, mobile Musikplayer liefern weitere 19 Prozent, Medieninhalte über den iTunes-Store neun. Die eigenen Ladengeschäfte – weltweit über 200 – ziehen immer mehr Geschäft von freien Händlern ab. Jüngste Errungenschaft ist der App-Store, ein Online-Softwareshop für iPhone und iPad. Computer, die Wurzel des Unternehmens, machen dagegen nur noch 32 Prozent des Umsatzes aus“, so das Handelsblatt. Ist Steve Jobs nun ein Diktator, Konterrevolutionär und Content-Zensor? Er ist vor allem ein kreativer Zerstörer, wie aus dem Lehrbuch von Joseph Schumpeter: Er ist der perfekte vielleicht etwas zu perfektionistische Innovator, der permanent Technologien und Geschäftsmethoden auf den Kopf stellt und revolutioniert. Jobs kreiert nicht nur das Neue, sondern er organisiert es auch: „Um schnell zu sein, muss man so viele Zügel wie möglich in der Hand behalten — so wie Apple dies seit Jahren vormacht. Der Nachteil: zu viel Kontrolle, die ja auch in vielen Fällen zu Recht kritisiert wird. Der Vorteil: ein iPhone und ein iPad, das es immer noch nicht gäbe, wenn Steve Jobs so arbeiten würde, wie andere“, kommentiert der Design Thinking-Experte Andreas Frank vom Möglichmacher-Blog.

Das soll ihn nicht vor berechtigter Kritik schützen, wie bei der bigotten Kontrolle von vermeintlich sexualisierten Inhalten von Verlagen. Alles andere erscheint mir wie das Blöken der Kopisten, die selbst nicht in der Lage waren, neue Märkte zu schaffen. Sie werden heute wieder gebannt nach San Francisco starren und Steve Jobs auf der Apple-Entwickler-Konferenz WWDC an den Lippen hängen. Es ist wie bei der Hase-und-Igel-Fabel: Steve Jobs wird dann wieder verkünden: „Ick bin all hier!“ Und die Hasen laufen sich zu Tode.

Siehe auch:

Das iPad-Zeitalter – Warum sich Computerhasser an den Produkten von Apple ergötzen.

Ovid, Steve Jobs und die Klugheitslehre: Wie man mit Luftstreichen und Gerüchten die Konkurrenz verblüfft.

Nokia und der verzweifelte Kampf gegen das „religiöse“ Kultgerät iPhone.

Steve Jobs: Egal welchen Markt sich der Apple-Chef vorknöpft, er verändert ihn für immer – Welche Branche wird die nächste sein?

10 Things You Need To Know This Morning.

Kampf um Marktanteile: iPhone gegen Android (Nielsen-Statistik).

„Mein“ Oster-Konjunkturpaket II: iPhone für alle Studenten, Wireless City und eine Neuauflage der Breitbandinitiative

Im Konjunkturpaket II der Bundesregierung findet sich als Beschluss 1 „Zukunftsinvestitionen der öffentlichen Hand“, und darin die Aussage: „Investitionsschwerpunkte sind der Bildungsbereich, insbesondere Kindergärten, Schulen, Hochschulen und die Infrastruktur, insbesondere Verkehr, Krankenhäuser, Städtebau und Informationstechnologie.“ Hier bieten genügend Möglichkeiten, um kurzfristig die Kommunikations-Infrastruktur und Anwendungen voranzutreiben. Bedarf gibt es in Deutschland hinreichend. Neben den nach wie vor DSL-technisch nicht erschlossenen rund 700 Ortsnetzen existiert ein Bedarf in vielen Ortsnetzen, in denen DSL nur mit geringen Bandbreiten verfügbar ist. Laut Bericht des Verbandes Bitkom waren in Deutschland im Februar 2009 erst 58 Prozent der Haushalte mit Breitbandzugängen erschlossen. Die Zugänge mit 16 Mbit/s Bandbreite oder mehr und somit die wirklich multimedialen Zugänge sind noch deutlich in der Minderheit.

Da die einzelnen Netzbetreiber jeweils für sich Geschäftspläne rechnen müssen zur Erschließung der Ortsnetze oder der Hauptverteiler der Telekom, sind die ländlichen Regionen mit ihren durchschnittlich größeren Distanzen und damit dem höheren Aufwand und zusätzlich geringer Kundendichte immer benachteiligt.

Hier können Länder und Kommunen eingreifen, sozusagen als Neuauflage der Breitbandinitiative von 2002. Gemeinschaftliche Förderkonzepte und Co-Finanzierungen bieten mit den neuen technischen Möglichkeiten wie ADSL2+, Reach-Extended ADSL, FTTH (Fiber to the home) oder Long Term Evolution (LTE) viele Ansätze für eine flächendeckende Versorgung mit schnellen Breitbandzugängen. Da Breitbandzugänge als ein wesentlicher Faktor für Produktivitätszuwächse gelten – Südkorea hatte schon 2007 rund 90 Prozent aller Haushalte mit Breitband-Internet versorgt – könnte das Konjunkturpaket II hier zur Schaffung einer leistungsfähigen Informationsgesellschaft beitragen.

Generell verfügbare Breitbandzugänge mit wirklich hoher Bandbreite stellen auch die Voraussetzung für Anwendungen wie Cloud Computing, IP Centrex und Software-as-a-service (als gehostete Lösung) dar, also für die Unabhängigkeit des Anwenders und seiner Endgeräte von lokal installierter Technologie. Das erleichtert gleichzeitig die Entwicklung von echten Managed Services.

Für Kommunen und Städte liegt die Umsetzung einer „Wireless City“ nahe, einem auf mobilen Breitbandzugängen basierenden Service. Hier können Zugang, Authentifizierung und Abrechnung für komplett mit WLAN ausgeleuchteten Einkaufszonen, Innenstädten und Verkehrsknotenpunkten zusammengefasst werden, verbunden mit mobiler Navigation, Veranstaltungskalendern, kulturellen Angeboten und Shopping-Führern.

Gerade bei Navigationssystemen im Handheld-Format geht der Trend hin zur WLAN- und 3G-Vernetzung und auch zur Fähigkeit, Videos abzuspielen. Sie bieten sich als ideales Endgerät für Einkaufsbummel und Städtetouren an. Derartige Konzepte für eine „Wireless City“ hat bereits die Wolfsburg AG ausgearbeitet – ein Gemeinschaftsunternehmen der Stadt Wolfsburg und der Volkswagen AG. Nun fehlt es noch an Visionen und Entscheidungsfreude der Kommunen – was ja nichts Neues ist. Aktuell beschränken sich die Infrastrukturprojekte der Kommunen eher auf klassische Baumaßnahmen, also auf die Sanierung der öffentlichen Bausubstanz. Hochschulen sind abseits der technischen Studienfächer häufig noch immer informations- und kommunikationstechnisch unterentwickelt. So erschlagen sich in Köln in den Uni-Cafeterien, um einen WLAN-Empfang zu bekommen. Nicht gerade eine smarte Lösung für Wissensarbeiter des 21. Jahrhunderts.

Einige Hochschulen sind aber bereits mit dem Thema „Wireless Campus“ beschäftigt, nämlich der kompletten WLAN-Abdeckung des Campusgeländes und dem entsprechenden Angebot aller Dienste über HTML-Browser. Hierüber lassen sich Bibliothekszugriffe, Downloads von Vorträgen, Online Recherchen bis hin zum Videostreaming von Vorlesungen mobil und flachendeckend anbieten. Diese Dienste können von Studenten wie auch Dozenten über die verschiedensten Endgeräte genutzt werden. Das klassische „Schlange stehen“ zur Einschreibung, Seminarregistrierung, bei der Nutzung von Bibliothekscomputern gehört dann der Vergangenheit des vordigitalen Zeitalters an. Bleiben noch die Schlangen an den Essensausgaben der Mensen als nostalgische Reminiszenz, zumindest wenn die Qualität der Küche stimmt. Was an der FU-Berlin selten der Fall war – außer wenn es Grießbrei mit Kirschen gab….Siehe auch den Bericht über den Vorschlag für die Uni Köln, allen Studenten als Gegenleistung für die Studienzwangsabgaben ein iPhone auszuhändigen. Das wurde sofort mit einem wütenden Anruf des Uni-Pressesprechers beantwortet. Dahin sollte aber der Weg einer modernen Hochschule gehen. Ansonsten macht es halt die Uni München schneller, dann werden sich die Verantwortlichen der Domstadt auch wieder ärgern.