Bonner Literaturzeitschriften zwischen anatomischer Spurensuche und göttlicher Eingebung

Der Porsche-Pop-Pomade-Publizist Ulf Poschardt vertritt die steile These, dass Deutschland „nur“ zwei klassische Kulturzeitschriften besitzt: den „Merkur“ und die „AD“ (Architectural Digest). Beide Blättchen sind von München nach Berlin gezogen. Selber schuld. In der Buchhandlung Böttger, einem Tempel des Bonner Literaturgeschehens, wurden vier höchst ambitionierte Zeitschriften vorgestellt, die alle in der Bundesstadt herausgegeben werden und sich mit Verve der literarischen Muse hingeben, Herr Poschardt: Die „Kritische Ausgabe“, „500 Gramm“, „Dichtungsring“ und „Kalliope“.

Wer kann in der Berliner Kulturszene schon behaupten, göttliche Schützenhilfe zu erhalten wie die Zeitschrift Kalliope. Angetrieben von Platons Symposion: Geprägt vom Rausch, von der Ästhetik, vom Suchen, von der Identität und Differenz, wie es der Mitherausgeber Ahmad Milad Karimi ausdrückte. Kolliope sei eine Komposition von Text und Bild, Literatur, Film, Theater und Musik: „Sie beginnen erst zu leuchten, wenn sie miteinander in Dialog treten.“ Deshalb wählte man den Namen Kalliope. Die Muse der epischen Dichtkunst. Die schönstimmige Kalliope, Tochter von Zeus.

Alle vier Projekte widmen sich mit großem Engagement der Dichtkunst und Prosa. Ein Experimentierfeld für Nachwuchsautoren, arrivierten Meistern und anarchischen Geistern.

Die Videoaufnahmen und die komplette Audioaufzeichnung der Präsentation bei Böttger sind hoffentlich ein kleiner Appetitmacher für eine ausgiebige Lektüre der Bonner Literaturzeitschriften. Neue Abonnements könnten dabei ja auch herausspringen, um die Reichweite der Publikationen zu erhöhen und die steile These von Poschardt zu widerlegen.

Audioaufzeichnung:

Heftbestellungen sind hier möglich:

Kalliope.

Kritische Ausgabe.

500 Gramm.

Dichtungsring.

In der Buchhandlung Böttger, hier lohnt generell ein Besuch, sind die Zeitschriften auch zu erwerben.

Die Zeitschriftenverleger lernen dazu: Mediennutzung verändert sich dramatisch

Heute habe ich eine Einladung der VDZ-Akademie bekommen. Da ist von Auflagen- und Anzeigenverlusten die Rede, da sollten sich Redakteure an neue Arbeitsformen des Internets gewöhnen und da soll der Chefredakteur eine Metamorphose zum Communitymanager zurücklegen. Späte Erkenntnis: „Das Berufsbild des Redakteurs wandelt sich mit der Veränderung der Mediennutzung dramatisch. RedakteurInnen schreiben und redigieren heute meist nicht mehr lediglich für eine Zeitung oder Magazin, sondern bedienen crossmedial alle Kanäle des Mediums: Print, Online, Mobile. Auflagen- und Anzeigenverluste in häufig dicht besetzten und saturierten Märkten führen in Medienhäusern zudem zur Optimierung der Kosten und erfordern neue redaktionelle Arbeitsstrukturen und effiziente Workflows. Für ChefredakteurInnen und Redaktionsleiter wachsen damit die Anforderungen an ihr unternehmerisches Profil, das Thema dieses Seminars und Trainings ist. Sie sollten grundlegende Analysetechniken und Strategiemethoden beherrschen, um die Marktpositionierung und Zielgruppenspezifikation ihrer Titel beständig zu verbessern, die redaktionellen Arbeitsabläufe hinsichtlich ihrer Budgets und Ressourcen möglichst effizient organisieren, ihren Beitrag bei der Planung und Markteinführung neuer Geschäftsmodelle und zusätzlicher Erlösquellen im Markenkranz eines Titels leisten, die von ihnen geführten Mitarbeiter nicht nur ‚verwalten‘, sondern entwickeln – und bei allem die Qualität redaktioneller Leistung auf hohem Niveau nachhaltig sichern. Daher bietet die VDZ Akademie das Seminar ‚Der unternehmerische Chefredakteur – Der Chefredakteur als Unternehmer‘ am 14. – 16. Juni 2011 in Hamburg an und stellt die dazu erforderlichen Methoden und Techniken vor, die aus dem früheren ‚Redaktionsleiter‘ den Marken-, Qualitäts- und Communitymanager machen.“

Klassentreffen der Printveteranen und der Kampf um die Aufmerksamkeit im Netz

Monkeypenny hat sich ausführlich mit den Zeitschriftentagen des VDZ in Berlin auseinandergesetzt und man gewinnt langsam den Eindruck, dass diesem Klassentreffen der Printveteranen eine historische Dimension zukommt. So empörte sich der Verleger Hubert Burda über den Angriff auf sein altes werbefinanziertes Geschäftsmodell der Holzmedien und machte seiner Wut gegen Google mit dem Satz Luft: „Ich lasse mich von einer Suchmaschine nicht in die Ecke drängen.“

„Der trotzige Widerspruch erinnert mich an Loriots ‚Ich lasse mir von einem Fernseher nicht vorschreiben, wie ich meinen Abend zu verbringen habe.‘-Sketch: Die Behauptung des Gegenteils der Realität um diese Verschwinden zu machen. Realität ist: Das Netz hat gewonnen. Google wird nicht weggehen oder aufhören, in Aggregation und smarten Dienstleistungen das zu bieten, was Nutzer brauchen um sich im Netz zu bewegen, das als technische Umgebung eine gänzlich neue Weltordnung darstellt für Verlage als Angebotsakteure und ihr Geschäftsmodell, Aufmerksamkeit zu erringen und in Werbeerlöse oder Direktverkäufe zu wandeln: Eine Umgebung, in der sie als ein Anbieter und Medienkonsum als eine Anwendungsform neben interpersonaler Kommunikation, p2p-Netzwerken, E-Commerce, Gaming und dem Hochladen von Katzenfotos mit orthographisch fragwürdigen, aber witzigen Bildunterschriften stehen. Was die Print-Menschen (oder zumindest diejenigen, die ich in den zwei Veranstaltungstagen öffentlich sprechen höre) scheinbar nicht realisiert haben, ist die Tiefe der Revolution, in der sie sich befinden, dokumentiert in Daten der Mediennutzung wie sie diejenigen Studien erfassen, die nicht von der Printbranche selbst beauftragt worden. So lag laut ARD-Langzeitstudie Massenkommunikation 2010 die Tagesreichweite des Internets bei den 14-29jährigen 2009 bei 73,5 Prozent, die der Tageszeitung bei 26,1 Prozent und die der Zeitschriften bei 6,8 Prozent. Das entspricht einer Steigerung um 50 Prozent für das Internet, einem Verlust von 10 Prozent bzw. 5 Prozent für Tageszeitungen bzw. Zeitschriften“, schreibt Monkeypenny.

Noch deutlicher zeichne sich das Bild des Mediennutzungswandels bei Betrachtung der Zahlen zur täglichen Mediennutzungsdauer ab, die, I’m afraid Hubert, den „Print is back“- Satz noch mehr ins Reich der Märchen bannen: „So nahm die tägliche Nutzungsdauer von Zeitschriften (und seien wir großzügig, beziehen wir uns nicht nur auf Menschen bis 29 sondern nehmen wir alle Deutschen ab 14 Jahre als Datenbasis, also auch die Haptiker einer Generation Hubert, für die ein Leben ohne Druckerschwärze zum Frühstücksei dem Gang in die Apokalypse gleich kommt) von 2000 bis 2010 von 10 Minuten auf 6 Minuten ab, die des Internet hingegen von 13 Minuten auf 83 Minuten zu. Ich bin keine Volkswirtin, meine Haare sind nicht so glänzend und meine Slogans nicht so schmissig wie die der Menschen von Booz & Company, die dem VDZ, wahrscheinlich gegen sehr viel Geld eigene Studiendaten vorstellen durften, trotzdem glaube ich diese (dank des Geburtsfehlers des Netzes frei verfügbaren und trotzdem knorke-wissenschaftlich-validen Daten) prozentual korrekt übersetzen zu können mit: In dem Zeitraum, in dem das Internet seine tägliche Nutzungszeit um mehr als 500 Prozent steigerte, verlor die Zeitschrift 40 Prozent“, führt Monkeypenny weiter aus und geht dann auf ein Phänomen ein, dass von den Printveteranen in Berlin wohl total ausgeblendet wurde: Die veränderte Aufmerksamkeitsverteilung in der neuen Medienwelt, um die sich in den nächsten Jahren Google und Facebook massiv streiten werden, wie ich es in einem Interview mit der Sendung „Trackback“ (ab der Sendeminute 10:50) von Radio Fritz ausgeführt habe.

Beim Kampf Google gegen Facebook geht es nicht um einen neuen Maildienst – die Endung facebook.com mag ja einen gewissen Coolness-Faktor haben – es geht um eine neue Währung im Netz: um Aufmerksamkeit, um Empfehlungen, Interessen, Meinungen und Einfluss. So sehen es auch die Wiwo-Redakteure Michael Kroker, Matthias Hohensee und Sebastian Matthes in ihrer heutigen Story „Kampf der Titanen“: Der Suchkonzern Google wisse zwar, was Menschen im Netz suchen. „Facebook aber kennt zudem unsere Freunde und deren Interessen. Dieses Wissen wendet Zuckerberg nun auf die elektronische Kommunikation an. Im Gegensatz zu Google, dessen Suchintelligenz auf ausgefeilten Algorithmen basiert, setzt Facebook bei der Bestimmung für uns relevanter Informationen auf soziale Interaktion“, so die Autoren der Wirtschaftswoche. Wenn Google zur Zeit sogar millionenschwere TV-Werbung schaltet mit dem Slogan „Das Leben ist eine Suche“, zeigt das sehr deutlich, wie nervös die Mountain Viewer mittlerweile sind. Facebook könnte eine Kampagne starten mit dem Spruch „Das Leben ist das Leben“. Es ist ein Netzwerk gemeinsamer Interessen. Was ich nicht weiß, kann ich auch nicht suchen. Wenn ich aber über das Facebook-Netzwerk auf interessante Dinge hingewiesen werde, die ich vorher gar nicht im Kopf hatte, ist das sehr viel wirkungsvoller.

Deshalb lag auch die Zeitschrift Wirtschaftswoche mit ihrer Titelstory in der vergangenen Woche richtig. Facebook entwickelt sich zu einer Verkaufsmaschine. Und ihrer heutigen Geschichte schreiben die Autoren: Google und Facebook gehe es um personalisierte Werbung. Es gehe um das Herausfiltern relevanter Zielgruppen für Netzkampagnen. Und hier kann Facebook Boden gut machen. Allein durch den simplen Like-Button, mit denen Facebook-Mitglieder ihren Freunden Seiten, Texte, Dienstleistungen und Produkte empfehlen können, erhalte Facebook massenhaft Informationen über Internet-Nutzer. Dieses Wissen könne Facebook mit dem neuen Nachrichtendienst ausbauen. Google arbeitet mit Algorithmen und Facebook mit den Menschen – das ist der Unterschied. Eine leise Vorahnung des Machtkampfes um die Aufmerksamkeit kann man beim Streit um den Abgleich der Facebook-Nutzerdaten mit den Google-Mailadressen bekommen. Google hat diesen Zugriff gestoppt: „In der Internet-Szene wird das als Kriegserklärung gewertet.“

Insofern kommt das Google-Bashing von Hurbert Burda vielleicht etwas verspätet. Blöd ist es ja, dass die Verlage nicht auch im Internet ihre hohen Anzeigenpreise an den Mann bringen: „Das fing ganz langsam an mit dem Thema Cost per Click. Ich weiß noch, wie mich Christoph Schuh (Vorstand der Tomorrow Focus AG, Anm. der Red.) anrief und sagte: Bei Focus Online haben wir einen Anzeigenpreis von 12.000 Euro für die Festplatzierung und bei Abrechnung nach marktüblichen Suchmaschinen-CPC´s sind es gerade einmal 380 Euro. Die CPC-Abrechnung und das Überinventar durch Communities haben die Preise kaputt gemacht und die Brandingleistung nicht vergütet. Am Ende blieben eben die Pennies hängen – bis auf wenige große Redaktionsmarken: für Google vielleicht Milliarden Mal. Für uns: vielleicht eine Million. Und eine Million mal 30 Cent sind eben nur 300.000. Die Redaktionskosten blieben die gleichen, Google nahm die Inhalte dankend ab und sagte uns, schauen Sie mal, wie wir Ihnen Traffic bringen“, so Burda im Interview mit Meedia.
Er glaube nicht, dass Search bei Google fair ist. Denn Google lege ja die Kriterien der Suche nicht offen. „Und es gibt auch keinen Fair Share an den Vermarktungserlösen, denn jeder muss damit zufrieden sein, was Google gibt. Wir haben das CPC-Modell für Google-Anzeigen akzeptiert, weil wir uns auf ihre Währung eingelassen haben. Und dann kamen noch die Werbekunden, die sagten: Endlich haben wir ein Modell, wo wir die Response auf eine Kampagne genau messen können“, erläutert Burda.

Um so erstaunlicher der VDZ-Tagungsbericht von Monkeypenny. Bei dem Veteranentreffen habe niemand das Zuckerbergsche Imperium der sozialen Vernetzung erwähnt. Es wäre allein deswegen wichtig, weil Facebook in diesem Jahr mit bescheidenen 540 Millionen Unique Usern im Google Ad Ranking die am meisten frequentierte Website weltweit ist. Das seien 540 Millionen Unique User, die ihre Werbebotschaft nicht mehr bei Hubert abholen. „Oder bei Bernd Buchholz, wobei mir dieser, auf Konkurrenz durch Facebook angesprochen, erklärt, es sei ja so, dass dieses Portal einzig der Imagepflege, der Prüfung von Profilen potentieller Partner und dem Austausch von Nachrichten zu diesem Zwecke dienen. Das mag ja stimmen: Allein, wenn junge Menschen eben nur noch jenes tun wollen im Netz, dann sollte jeder kluge Verleger sich dorthin begeben, wo dies stattfindet, anstatt darauf zu bauen, mit Rohrkrepierern wie der bym-WG eigene Versuche des Abfangens veränderter Mediennutzung zu betreiben. Soziale Filter, Agieren auf Augenhöhe und eine auf Agilität und Präsenz dort, wo Nutzer sind, ausgerichtete Strategie: Nichts anderes meinte ich, als ich, nach zwei Tagen Kopfschütteln und Dampfkochtopftweets dem trotzigen ‚Die Bravo hat aber über 400.000 Abo‘- Tweet des Anzeigenleiters eines deutschen Wirtschaftsmagazins kraftlos ein ‚Facebook rult‘ entgegen setzte.“

Und genau dieses Thema werde ich für die nächste Service Insiders-Story behandeln. Wenn sich die Internetwelt immer mehr in Richtung des universalen Aufmerksamkeitsverteilers Facebook dreht, dann würde selbst ein neues Sharing-Modell mit Google sehr schnell obsolet sein. Denn die Aufmerksamkeit entsteht nicht durch Algorithmen, wie bei Google, sondern durch uns, die Facebook-Nutzer. Die Werbewirtschaft braucht also eine neue Währung! Nicht mehr Klickzahlen, sondern Interessen, Empfehlungen, Reichweite und Einfluss in sozialen Netzwerken. Eine Social Media-Index, der Aufmerksamkeit monetarisiert. Wie könnte das ausschauen? Eure Statements könnt Ihr hier posten oder mir direkt zuschicken an gunnareriksohn@googlemail.com.

Siehe auch:
WiWo feiert Facebook-Fanpages.

Hubert Burda und das Omen namens BBDO Proximity.

Döpfner und der Nutzen des Parasiten

„Wer liberal ist, verteidigt geistiges Eigentum“, mit diesem Credo eröffnet Springer-Chef Mathias Döpfner in einem Gastbeitrag für die NZZ ein wahres Zitaten-Panoptikum, um die Verteidigungslinie gegen die bösen Web-Kommunisten, die Kostenlos-Parasiten im Netz und die Aufmerksamkeit-statt-Geld-Prediger aufzubauen. Letztlich geht es doch nur um die Bewahrung der Verlagsmonopol-Renditen, die man über Jahrzehnte eingefahren hat. Die Web-Kommunisten sind nicht verantwortlich für den Niedergang der alten Geschäftsmodelle der Verlage. Das hat der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl sehr gut beschrieben:

„Die Verlagsmanager haben sich an entscheidenden Stellen verkalkuliert. In der ‘guten, alten’ Zeit hatten die meisten Blätter regionale oder lokale Oligopole oder Monopole, also eine marktbeherrschende Stellung. Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaft, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Parasiten, Hacker, Daten-Piraten, Wissensdiebe, Kopisten und Collage-Künstler sind in diesem Spiel höchst nützliche Zeitgenossen. Sie stören die Monopolisten – das liberale Mimikry von Herrn Döpfner ist dabei nur ein Ablenkungsmanöver: „Die Macht suchte und sucht das Zentrum einzunehmen. Wenn sie von diesem Zentrum aus wirken, ihre Wirksamkeit bis an die Grenzen des Raumes entfalten, wenn sie bis an die Peripherie reichen soll, so ist es notwendig, dass es kein Hindernis gibt (Web-Kommunisten, Herr Döpfner), dass der Raum um ihre Aktion homogen ist. Kurz, der Raum muss frei von Rauschen, von Parasiten sein. Um Gehorsam zu finden, muss man gehört, muss man verstanden werden, muss die Ordnungsbotschaft Stille vorfinden. Man muss Stille schaffen (mit dem Leistungsschutzrecht, gs). Man muss die Parasiten vertreiben (um wieder die alten Monopolrenditen zu verdienen, gs)“, schreibt der Philosoph Michel Serres in seiner Abhandlung „Der Parasit“.

Das Verbrechen der Wissensmonopolisierung in allen seinen Varianten verlangt nach Wiedergutmachung, so Serres; diese funktioniert jedoch nicht nach dem traditionellen paternalistischen Modell (Lehrer-Schüler Verhältnis), sondern komme von der Peripherie; von jenen also, die bislang vom Wissen ausgeschlossen wurden. Die Zirkulation des Wissens könne man nicht durch Copyrights bändigen. Das technische Potenzial provoziert immer auch seine uneingeschränkte Nutzung – und sei es durch die parasitäre Piraterie. Der Parasit als Störfaktor kann seinen Wirt veredeln aber auch töten, Herr Döpfner. Wenn er nutzlos wird, sucht sich der Parasit einen neuen Wirt.

Siehe auch: Döpfners Klage über die Gratis-Kultur und was der Springer-Chef vom Götterboten Hermes lernen könnte.

dmexco: Online-Werbemarkt auf dem Niveau von Zeitungen


Der deutsche Online-Werbemarkt wird in diesem Jahr um 19 Prozent auf über fünf Milliarden Euro wachsen. Davon geht die neue Bruttoprognose des Online-Vermarkterkreises (OVK) im Bundesverband Digitale Wirtschaft (BVDW) aus. Die Schätzung ist durch den überdurchschnittlich hohen Anstieg im ersten Halbjahr um fünf Prozentpunkte angehoben worden. „Besonders die klassische Online Display-Werbung hat im Vergleich zum Vorjahr von 2,3 Milliarden auf 2,9 Milliarden Euro deutlich zugelegt“, sagte OVK-Vorsitzender Paul Mudter zur Eröffnung der Kölner Fachmesse dmexco.

Ein Treiber dieser Entwicklung seien Video- und Premium-Werbeformate. „So ist die Bewegtbild-Werbung im Internet in den ersten sechs Monaten dieses Jahres um 95 Prozent gewachsen“, so Mudter. Der Anteil am Gesamtwerbekuchen ist auf einen Anteil von 18,8 Prozent gestiegen und konnte den Abstand zur klassischen Gattung Zeitung mit 19,5 Prozent deutlich verringern. Beim Suchwortmarketing wird das Wachstum bei 15 Prozent liegen und sich von 1,6 Milliarden auf 1,9 Milliarden Euro steigern.

Auch die mobile Werbung sei schon längst kein Nischenthema mehr. So wurden im ersten Halbjahr 2010 über 50 Prozent mehr mobile Display-Kampagnen umgesetzt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Die Anzahl der Werbungstreibenden hat sich in um 28 auf 137 erhöht. „Hier dominieren die Branchen Medien, Telekommunikation und Automobil. Aber auch die Energie und Finanzen haben ihre Aktivitäten ausgebaut“, erklärte Thomas Mendrina, Leiter des Mobile Advertising Circle im BVDW.

Der europäische Online-Werbemarkt brauche würde sich mittlerweile auf Augenhöhe mit den USA befinden. Darauf verwies der BVDW-Präsident Arndt Groth. „Im Gegensatz zu Europa kämpft der amerikanische Markt immer noch mit den Auswirkungen der Finanzkrise. Durch die ungebrochen positive Tendenz in Europa hat sich der Abstand deutlich verringert. Es dauert nicht mehr lange, dann haben wir das Niveau der USA erreicht.“

Social Media-Marketing werde von fast allen Entscheidern als relevant angesehen. Hier sieht der Großteil der Agenturen einen Anteil von zehn Prozent und mehr in 2015. Dabei soll der Hauptanteil der Budgets aus digitalen und klassischen Marketing-Budgets stammen. Bei aller Aufmerksamkeit, die das Thema Social Media derzeit genießt, sei die Frage nach den werblichen Potentialen noch lange nicht beantwortet. Das Ganze sei aber schon jetzt ein fester Bestandteil der Markenkommunikation und der Agenturleistungen.

Auf die Aussage von Philipp Welte, Zeitschriftenvorstand von Burda, dass die klassische Werbung im Netz weder sonderlich verkaufsfördernd noch wirklich markenbildend sei, reagierte der BVDW-Vorstand gelassen. Er würde halt die Interessen der Zeitschriften vertreten. „Ich respektiere die Meinung von Herrn Welte.“ Etwas zugespitzter formulierte es Thomas Knüwer:

„Burda will die Inhalte seiner Print-Produkte im Web ablaichen – am besten wahrscheinlich noch gegen Geld. Nix ist mit multimedialen Erzählformen, und auch Beteiligungen an interessanten Web-Unternehmen wird es wohl seltener geben. Philipp Welte spielt nicht mehr mit. Somit erklärt sich so manches, vielleicht gar der völlig unerwartete Abgang des hoch angesehenen Digital-Lenkers Ulli Hegge jüngst.“

Die nackten Zahlen sprechen ohnehin gegen Zeitschriften. Nur noch sechs Prozent der 14 bis 29jährigen liest regelmäßig Zeitungen. Die durchschnittliche Lesedauer pro Tag liegt nur bei sechs Minuten. Der Marktanteil am Werbekuchen liegt bei den Publikumszeitschriften bei 12,9 Prozent – ist also von Online-Werbung schon deutlich überholt worden. Fachzeitschriften erreichen den mageren Wert von 1,7 Prozent. Gute Nacht, Herr Welte.

Hier die Aufzeichnung der Pressekonferenz des BVDW zum Auftakt der dmexco.