#SchlauerArbeiten ohne Ego-Manager

Ego

In seinem Opus “Leadership in der digitalen Welt” behandelt der Peter Paschek das Auseinanderklaffen von Innen- und Außensicht der Top-Leute im Management. In den vergangenen 25 Jahren seien vor allem narzisstische Führungskräfte herangezogen worden, die die Interessen anderer besonders wenig achten. In den USA erlangen narzisstische Persönlichkeiten mit viel höherer Wahrscheinlichkeit einen Vorstandsposten als ihre nicht-narzisstischen Kollegen. Das Internet macht diese Defizite im Führungsverhalten sichtbarer – es fungiert wie ein Vergrößerungsglas:

„Keine Institution, keine Autorität, kein Papst, kein Präsident, kein Heiliger, weder Frauen noch Männer können glaubhaft ein Edelmenschenkostüm tragen“, so Manfred Schneider in dem Buch „Transparenztraum“, erschienen im Matthes & Seitz-Verlag.

Und dennoch werden viele Unternehmen von Ego-Managern dirigiert, die sich abschotten, den Dialog auf Augenhöhe verweigern, ihre Organisationen mit Kennzahlen auf Effizienz trimmen und in Hinterzimmern ihre Karrieren absichern.

Als Schule der Intrigen mit Macho-Kultur bezeichnet der Ex-Telekom-Vorstand Thomas Sattelberger im „Spiegel“-Interview die düstere Realität auf Chefetagen. Er muss es wissen. Deutsche Unternehmen seien viel stärker auf pure Effizienz fixiert als etwa angelsächsische oder skandinavische.

„Ertragsziele werden oft exzessiv bis auf die unterste Ebene durchgestellt. Da bleiben kaum Freiräume für die Mitarbeiter, neue Wege zu suchen. Ausländische Kollegen halten viele deutsche Topmanager oft für spröde, steif, humorlos und förmlich. Das ist ein Spiegelbild der kreativitätsarmen Unternehmenskultur“, erklärt Sattelberger.

Die meisten Führungskräfte machen sich in die Hosen, wenn sie ohne Sprachregelungen, ohne Powerpoint-Rhetorik und ohne Kontrollmöglichkeiten mit Kunden, Bloggern oder Journalisten sprechen müssten. Also glänzen sie vor allem im Netz durch Abwesenheit. Was die Vernetzung deutscher Firmen- und Konzernlenker in digitalen Medien angeht, sieht die Lage desolat aus, schreibt die PR-Beraterin Kerstin Hoffmann:

„Oft ist buchstäblich kaum jemand bereit, den Kopf hinzuhalten.“

Da bedient man die Öffentlichkeit lieber mit einem Stakkato aus positiven Floskeln. Das wirkt nicht nur extern lächerlich, sondern auch intern:

Wenn nur noch Zynismus hilft

„Das kann so mit der Realität einer Organisation nicht übereinstimmen. Keine Organisation der Welt ist nur positiv. Deshalb entsteht ein riesiger grauer oder gar schwarzer Bereich an nicht formulierten Negativeindrücken. Und die braucht ein Ventil und das ist der Zynismus“, erklärt der Soziologe Dirk Baecker im ichsagmal.com-Interview.

Zynismus sei eine Form der extrem intelligenten Beobachtung. Der zynische Kommentar ist in der Regel der letzte Kommentar zu einem Sachverhalt. Vorher schaltet man in den Modus „Dienst nach Vorschrift“, was nach Analysen von Gallup bei 70 Prozent der Beschäftigten der Fall sein soll.

„Der Zynismus ist die Form der Rede und die innere Kündigung ist die Form des Handelns“, konstatiert Baecker.

Um das zu verhindern, sollten Unternehmen ihre Betriebssysteme grundlegend ändern, fordert der Personalberater Heiko Fischer:

„Man muss an die grundlegende Mechanik rangehen, um die Wertschätzung von Mitarbeitern und Kunden zu verbessern. Mit einem reinen Anweisungsregime gelingt das nicht.“

Schlauer Arbeiten gelingt am besten in vernetzten und offenen Organisationen – ohne Kommando-Regime. Der Fokus auf Abgrenzung über Fächer, Disziplinen, Abteilungen, Hierarchien und Einzelleistungen wird der heutigen Lebenswelt nicht mehr gerecht. Es geht vor allem darum, Menschen zusammenzuführen, unterschiedliche Sichtweisen gleichberechtigt im Team zu erarbeiten und gemeinsam Lösungen zu erarbeiten, führt Ulrich Weinberg in seinem Buch „Network Thinking – Was kommt nach dem Brockhaus-Denken?, erschienen im Murmann-Verlag:

„Vernetztes Denken im Unternehmen heißt mehr, als Einstellungen zu überdenken, und mehr, als veraltet erscheinende Muster und Strukturen abzuschaffen. Damit verbunden sind radikale Schritte, die ein Unternehmen bereit sein muss, konsequent zu gehen.“

Es geht um Vernetzung, Enthierarchisierung, Entwickeln und Konzipieren im Team, Öffnen und Teilen von Wissen mit allem, was digitale Werkzeuge heute hergeben. Das gilt auch für den Einsatz von kognitiven Maschinen. Die können noch so sehr Höchstleister sein, wenn es um Erinnerung, Analyse, Erkennung, Kombinatorik und Schlussfolgerung geht. Im Ego-Management bleiben sie dumme Apparate.

Soweit mein Beitrag zur Blogparade mit dem Schwerpunkt #SchlauerArbeiten – auf dem letzten Drücker.

Siehe auch:
Wie Ego-Manager in geschlossenen Netzwerken scheitern.

Call for Papers-Idee für die #rp16 – Wir suchen den Champion im Machteliten-Hacking

Machtelite von gestern
Machtelite von gestern

Digitale Fähigkeiten sind notwendig, aber nicht hinreichend für die Transformationsfähigkeiten von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Wenn wir weiterhin in Silos verharren und dabei ein wenig Facebook machen, ist das eben nur ein digitaler Zuckerguss

Wir brauchen Zugänge zu Wissen, Technologie, Diensten und Ideen in offenen und vernetzten Strukturen – ohne verkrustete Hierarchien, Seilschaften und Pseudoeliten. Was wir häufig in Deutschland erleben, ist das genaue Gegenteil. Die alten Eliten verbinden sich zur Absicherung ihrer Herrschaft bei gleichzeitiger Desorganisation der Gesellschaft.

Je stärker das Internet die Vernetzung vorantreibt und jeder nicht nur Empfänger von Botschaften ist, sondern auch Sender, desto stärker versuchen sich die alten Eliten abzusetzen, damit es nicht zu einem übermäßigen Vordringen von „gewöhnlichen“ Leuten in die innere Welt der Cliquen und Klüngel kommt. Der Zugang zu den Netzwerken der Herrschenden bleibt versperrt. Nachzulesen im Standardwerk von Manuel Castells „Das Informationszeitalter I – Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft“.

Über Klöster und Machtklüngel

Große Organisationen funktionieren weiterhin wie Klöster: weltabgewandt und den eigenen Regeln folgend, schreibt der Publizist Mark Terkessidis in seinem neuen Opus „Kollaboration“, erschienen in der edition suhrkamp. Er meint dabei vor allem Behörden und Beamtentum. Ähnliches lässt sich in fast allen Machtblöcken beobachten: Konzerne, Kirchen, Gewerkschaften, Stiftungen, Verbände und sonstige Zirkel agieren als geschlossene Systeme. Das Feedback und das Belohnungsszenario – Aufstieg, Ruhm, Kohle – funktionieren primär intern.

Einmal etablierte Routinen werden aufrechterhalten unabhängig von den Veränderungen der äußeren Bedingungen. Patronage und Ochsentour sind wichtiger als echte Partizipation und Transparenz. Wer diese Statik infrage stellt, wird als naiv, primitiv oder esoterisch abqualifiziert. Herrschaft in kleinen Zirkeln funktioniert nur durch das Ausschlussprinzip. Angebote zu einer Kultur des Teilens entspringen eher einer folgenlosen Rhetorik, um die traditionellen Hierarchien nicht zu gefährden.

Opium fürs Netzvolk

„Wer Freiräume gewähren will, der muss Kontrolle abgeben, ansonsten wird Freiheit nur simuliert“, so Terkessidis.

Um auch in der digitalen Welt im vertrauten Klüngel-Kreis zu bleiben, gibt es ein paar nette Selfies, Aktivitäten auf Facebook und Twitter – mehr nicht. Opium fürs Netzvolk.

Rein taktisch haben die etablierten Kräfte im Netz kräftig zugelegt – ihre digitale Kompetenz ist dennoch überschaubar. An dieser Schwachstelle sollte man ansetzen mit Machteliten-Hacking. Wir sollten die Digitalisierung und Vernetzung nutzen, um Plattformen und Formate für kollaborative Kritik zu etablieren, damit die Mächtigen vor lauter Kontrollverlust-Ängsten in Lähmung erstarren.

Man muss Gegen-Narrative in die Organisationen bringen. Die alten Eliten sind von einer Blase der Ja-Sager umgeben. Wie wäre es mit einer subversiven Injektion für kritisches Denken?

Popper, der Machteliten-Hacker

Der Philosoph Karl Popper hatte eine sehr intensive Beziehung zum leider verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt. Das hat den früheren Regierungschef in seinem politischen Denken sehr stark geprägt.

„Popper war indirekt ein Hacker der politischen Elite“, so Soziopod-Blogger Patrick Breitenbach.

Man brauche zudem starke Metaphern, um bei den Entscheidern der Machtelite etwas anzurichten, ergänzt brightone-Analyst Stefan Holtel.

Wie könnte eine Graswurzelbewegung die Werkzeuge des Social Webs einsetzen, um Verkrustungen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aufzubrechen? Eine Möglichkeit bietet die Ideen-Infiltration, die der Jesuit Michel de Certeau in seinem Band „Kunst des Handelns“ für listenreiche Konsumenten aufgebracht hat.

Es geht um normale User, die beim Surfen durch die Warenwelt in den Nischen des Konformismus auf ungeahnte Autonomiemöglichkeiten stoßen, ohne sich der Aufgabe des aufopfernden Heldentums widmen zu müssen. Wer ist schon gerne Märtyrer. Es reichen kleine Regelverletzungen. Man könnte während der Arbeitszeit unauffällig anderen Tätigkeiten nachgehen, Meetings mit endlosen Monologen ad absurdum führen, Vorgesetzte mit falschen Excel-Tabellen in den Wahnsinn treiben und Macho-Manager bei der nächsten Weihnachtsfeier mit scharfsinnigen Witzen als eitle Trottel bloßstellen.

Die Zweckentfremdung von digitalen Werkzeugen bietet eine Vielzahl von dadaistischen Möglichkeiten des Anarchentums: Powerpoint-Präsentationen für den Vorstand und selbst das Intranet sind ein ergiebiges Feld für Sticheleien. Klaut der eigene Boss regelmäßig seine Führungsweisheiten aus einschlägig bekannten Ratgeberbüchern der prahlerischen Beraterzunft, empfehle ich als Fußnote schlichtweg die Quellen-Angabe. In meiner Zeit beim Telefonie-Unternehmen o.tel.o ergänzte ich die Durchhalteparolen des Kommunikationsdirektors, die er aus einem Opus von Reinhard Sprenger abkupferte, mit einer Rezension des besagten Werkes.

Angeber entlarven

Die angeberischen Exkurse des Top-Managers mit dem Charme eines Autoverkäufers über seine Karriere als Bundesliga-Torwart konterte der zuständige Mitarbeiter für das Sport-Sponsoring mit einem Zitat aus dem Bundesliga-Jahrbuch: Die fußballerische Karriere des VoKuHiLa-Schwätzers währte nur kurz, weil der Protagonist den Anforderungen des Profivereins nicht gewachsen war. Um so mehr redete er von seinen Kitzbühl-Begegnungen mit Franz Beckenbauer und Konsorten. Alle Mitarbeiter, die unter diesem Zwergen-Regime dienen mussten, konnten mit den vermittelten „Hintergrundinfos“ die Auftritte des Direktoren-Würstchens besser ertragen.

Die Nahaufnahme der Entschuldigungs-Stammelei des mittlerweile gefeuerten VW-Chefs Marin Winterkorn, die auf Youtube immer noch abrufbar ist, kann als Paradebeispiel für Machteliten-Hacking herangezogen werden – wahrscheinlich unbeabsichtigt. Mit der Kameraeinstellung wurde sichtbar, dass der cholerische Auto-Macher nicht in der Lage war, sein Ehrenwort-Statement frei zu sprechen. Der bestbezahlte CEO in Europa, der nach Auskunft des IG-Metallers Bernd Osterloh angeblich jeden Euro wert ist, schrumpfte zum Teleprompter-Rhetoriker.

Zu den Establishment-Crashern zählt auch jener schlaue CDU-Berater, der auf eine Twitter-Anfrage zur Sendelizenz für das Livestreaming-Projekt von Kanzlerin Angela Merkel eine 007-Replik entgegenschleuderte. Ergebnis: Es gab nie wieder einen Live-Hangout der Regierungschefin mit der Gefahr einer weiteren Schwarzfunk-Debatte.

Wer hat die besten Ideen für Machteliten-Hacking? Wir könnten auf der re:publica-Bühne einen Wettstreit austragen und das Publikum kürt am Schluss den ultimativen Machteliten-Hacker. Wollte ich noch einreichen im Call for Papers-Verfahren der re:publica. Macht das Sinn?

Wenn der Wettbewerb nicht genommen wird, kann man das auch via Hangout on Air machen und den Champion über ein Online-Voting ermitteln. Wer hätte Lust?

Wie die Elite-Gichtlinge mit dem Social Web hadern – Über Klüngelsysteme und Controlling-Freaks

Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der liebwertesten Elite-Gichtlinge in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Controlling-Freaks. Das mussten auch Steve Case und Gerald Levin schmerzlich erfahren. Siehe meine heutige The European-Kolumne.

Case war Präsident und Vorstandschef von AOL. Levin leitete den Medienkonzern Time Warner. Sie lernten sich im Weißen Haus kennen bei der Vorführung der Komödie „em@il für Dich“ – einem Film von Warner Bros. mit Schleichwerbung für AOL. Beim Zusammentreffen waren sie von der Vision elektrisiert, mit einer Allianz ihrer scheinbar unversöhnlichen Unternehmen eine perfekte neue Welt erschaffen zu können.

„AOL Time Warner kamen mit einer Riesengeschwindigkeit um die Ecke und rasten direkt in eine Mauer, die sie noch nicht einmal gesehen hatten. Bald wurde dieser Name zu einem Synonym für ‚Debakel‘“, so Tim Wu in seinem sehr lesenswerten Buch „Master Switch“, in deutscher Übersetzung in diesem Jahr im mitp-Verlag erschienen.

Der Aktienkurs rauschte in den Keller und innerhalb kürzester Zeit wurde Case aus dem Unternehmen gedrängt. Levin ging in den Ruhestand und widmet sich heute als Leiter des Moonbeam-Sanatoriums in Südkalifornien der spirituellen Erbauung von gestressten Manager-Seelen.

Beide waren von der Hybris des allumfassenden Informationsimperiums getrieben, die Levin später als eine Form von Geisteskrankheit verbunden mit dem suchtartigen Streben nach nie endendem Wachstum bezeichnete.

„Konnte das mit AOL und Time Warner denn überhaupt funktionieren? Das Unternehmen hätte letztlich den Charakter des Internets verändern und das Netz in eines verwandeln müssen, in dem ‚fremde‘ Inhalte – also alle, außer denen von Time Warner – geblockt oder nachrangig behandelt werden können“, so Wu.

Alternativ hätte das Fusionsmonster auch versuchen können, die Kontrolle über die Öffner des Netzes zu übernehmen, vor allem über die Suchmaschinen, die den Nutzern das gaben, was sie wollten. Um lebensfähig zu sein, hätte AOL Time Warner die Prinzipien der Netzneutralität umstoßen müssen. Alte Netzwerker lieben geschlossene Silos, die ihnen die volle Kontrolle über ihre Machtkonglomerate geben. Ein Gedanke, der wohl auch beim Leistungsschutzrecht zur wichtigsten Antriebsfeder zählt. Die Sehnsucht der Verleger nach den guten alten Zeiten der überschaubaren Medienwelt ist wohl der gemeinsame Nenner einer fast einheitlichen Agitation zur Rettung von liebgewonnenen Pfründen.

Das hat Zeit-Online-Chefredakteur Wolfgang Blau in seiner fulminanten Rede bei einer Urheberrechts-Fachtagung von Bündnis 90/Die Grünen zum Ausdruck gebracht (nachzulesen bei Stefan Niggemeier).

„Vielleicht tue ich Ihnen Unrecht, aber man wird zumindest den Eindruck nicht los, dass die arrivierten Politiker, diejenigen, die bereits über gute persönliche, oft ja freundschaftliche Netzwerke in die traditionellen Medien verfügen, am wenigsten geneigt sind, beim Thema Urheberrecht progressive Positionen zu vertreten. Es scheinen in allen großen Parteien besonders die Jungen und zusätzlich noch die von den traditionellen Medien weniger Beachteten zu sein, die sich beim Urheberrecht gegen die Interessen der Verlegerverbände stellen, also all die, die ohnehin wenig Journalistengunst zu verlieren haben oder die bereits gelernt haben, dass sie auch im Netz und ohne traditionelle Medien große Öffentlichkeit erreichen können.“

Selbst das schärfste und rigideste Urheberrecht würde nicht verhindern können, dass die Verlagslandschaft in den nächsten Jahren weiter aus den Angeln gehoben wird.

„Wer glaubt, die letzten zehn Jahre seien transfomativ und herausfordernd gewesen, sollte sich darauf einstellen, dass mit der jetzt einsetzenden Nutzungsverlagerung ins mobile Netz noch viel dramatischere Entwicklungen, Umsatz– und Auflageneinbußen bevorstehen als in den letzten Jahren. Das Urheberrecht wird das nicht aufhalten können. Und: Würde Google nicht existieren, ginge es den Verlagen keinen Deut besser“, erläutert Blau.

Am Ende werden Springer und Co. ähnlich bedröppelt dastehen wie Case und Levin. Und das ist gut so!

Da bevorzuge ich doch die virtuelle Vernetzung, die wir beispielsweise am Freitag nächster Woche praktizieren.

Sinnvoll ist übrigens die Maßnahme von Twitter: „Ab sofort kann jeder Account mit einem eigenen Header-Bild ähnlich dem Coverfoto bei Facebook personalisiert werden. Damit macht Twitter einen weiteren Schritt in Richtung vollwertiges Social Network“, so tn3 t3n (ich Depp, Danke für den Korrekturhinweis).

Dass die alten Netzwerker auch Schwierigkeiten im Umgang mit Bloggern haben, wenn sie nicht nur virtuell, sondern real auftreten, belegte die gestrige Photokina-Bloggertour, die von Pia Kleine Wieskamp (Pearson-Verlag) hervorragend organisiert wurde. Immerhin waren alle Firmen, die von den rund 60 (!) Bloggern aufgesucht wurden, von Pia über den Besuch informiert worden und konnten sich entsprechend vorbereiten.

Besonders negativ sind mir dabei Nikon und Samsung in Erinnerung geblieben, da sie das Ganze zu einer reinen Heizdecken-Verkaufs-Show degradierten. Auf die Nachfrage von Pia, die an jeder Station der Bloggertour von ihr gestellt wurde, wie denn nun die Blogger mit der Firma in Kontakt treten können, kam von den großen Konzernen wie Samsung die Plattitüde, man sei ja nur für das Marketing zuständig. Da müsse man sich dann an die Pressestelle wenden.

Häufig waren die Marketingmanager in Personalunion auch für Social Media zu ständig.

Und hier liegt genau die Ursache für den etwas hölzernen Umgang mit den Bloggern (dumm nur für die Firmen, dass unter den 60 Bloggern richtig gute Spezialisten für Fotografie waren – wobei ich mich als Knipser natürlich ausnehme). Das habe ich ja auch in meiner Kolumne am Freitag aufgegriffen: Die Lila-Laune-Kommunikation der Unternehmen versagt im Social Web.

Aber ich will ja nicht nur meckern. Es gab auf der gestrigen Bloggertour auch positive Beispiele. Etwa die Firmen Vanguard, Datacolor oder video2brain, die intensiv mit Photo-Bloggern zusammenarbeiten. Und natürlich der Pearson-Verlag und die Arbeit von Pia. An der Art und Weise, wie sie ihre Facebook-Community pflegt, können sich die meisten Firmen eine Scheibe abschneiden. Sonst wären gestern auch keine 60 Blogger zur Photokina gekommen 🙂

Weitere Fotos zur Bloggertour findet Ihr hier.

Warum Seilschaften an der Netzlogik scheitern

Welchen Wandel die Netzeffekte des Social Webs politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich bewirken, hat der Internet-Visionär Howard Rheingold bereits 2002 in seinem Artikel „Smart Mobs – Die Macht der mobilen Vielen“ vorweggenommen: Die Konvergenz der Technologien bewirke neue Formen der Kommunikation. Ortungsfähige drahtlose Organizer, Drahtlos-Netzwerke und zu Computerverbünden zusammengeschlossene Kollektive hätten eines gemeinsam: Sie würden Menschen befähigen, auf neue Arten und in unterschiedlichen Situationen gemeinsam zu agieren. Hat das noch etwas mit den Netzwerken der alten Schule zu tun? Natürlich nicht.

Das wird deutlich, wenn man sich mit den Prominenten-Interviews auseinandersetzt, die der Berater Alexander Wolf für sein Buch „Geheimnisse des Netzwerkens“ geführt hat. Das thematisiere ich morgen in meiner The European-Kolumne.

Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der liebwertesten Elite-Gichtlinge in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Controlling-Freaks.

Alte Netzwerker lieben geschlossene Silos, die ihnen die volle Kontrolle über ihre Machtkonglomerate geben. Ein Gedanke, der wohl auch beim Leistungsschutzrecht zur wichtigsten Antriebsfeder zählt. Die Sehnsucht der Verleger nach den guten alten Zeiten der überschaubaren Medienwelt ist wohl der gemeinsame Nenner einer fast einheitlichen Agitation zur Rettung von liebgewonnenen Pfründen. Das hat Zeit-Online-Chefredakteur Wolfgang Blau in seiner fulminanten Rede bei einer Urheberrechts-Fachtagung von Bündnis 90/Die Grünen zum Ausdruck gebracht (nachzulesen bei Stefan Niggemeier).

Da bevorzuge ich doch die virtuelle Vernetzung.

So und jetzt geht es zur Photokina-Bloggertour nach Kölle 🙂

Alte Netzwerker glauben nicht an Social Networks

Im Vorfeld der Präsentation des Buches „Die Wahrheit über Netzwerken“ konnte ich mit dem Herausgeber Alexander Wolf ein kleines Interview führen über die „Geheimnisse des Netzwerkens“, die von 19 Prominenten preisgegeben wurden. Sehr viele Geheimnisse konnte ich nicht entdecken. Eher eine sehr eingeschränkte Sichtweise auf die Netzwerkeffekte des Social Web.

Aber das liegt wohl an meiner ganz persönlichen Betrachtungsweise. In meiner Service Insiders-Kolumne am Freitag möchte ich ausführlich darauf eingehen. Statements sind wie immer willkommen. Hier die Abschrift des Telefoninterviews.

GS: Herr Wolf, am Donnerstag wird dieses Opus vorgestellt. Was darf man an Geheimnissen des Netzwerkens erwarten?

AW: Ich weiß nicht, ob es Geheimnisse gibt. Es gibt aber auf jeden Fall Mythen, die aufgeklärt werden. Mich hat zum Beispiel überrascht, dass man wenn man in der Politik oder in der Wirtschaft oben unterwegs sein will, ab und zu seltsame Geschäfte machen muss. Ich will nicht sagen schmutzige Geschäfte, aber man muss ein Netzwerk aus Freunden und Unterstützern aufbauen und dieses Netzwerk auch nutzen, sonst kommt man nicht vorwärts. Alle die Diskussionen, die geführt werden über das offenlegen von allem, Transparenz usw., sind eigentlich eine Illusion. So wird es nie sein. Wer in der Politik tätig ist, hat ein Unterstützer-Netzwerk von Leuten, die einem in schwierigen Situationen helfen und denen man auch ab und zu helfen muss. Das läuft immer diskret und kann nicht offengelegt werden.

GS: Was wird Herr Fritzenkötter erzählen?

AW: Herr Fritzenkötter ist jemand und das hat mich am meisten beeindruckt, der gesagt hat, es geht immer um Transparenz. Wenn man in Loyalitätsprobleme kommt und ein guter Freund um etwas bittet was man nicht geben kann ohne bestimmt Regeln zu verletzten, dann hilft immer Transparenz. Das hat mich bei Fritzenkötter sehr beeindruckt. Wenn ihn früher ein Journalist etwas gefragt hat, über ein Thema was Kohl nie wirklich erzählen wollte, hat er gesagt, „hör zu, ich erzähle dir alles, aber ich erzähle dir jetzt nur den Teil den ich dir erzählen darf und mehr kann ich dir leider nicht erzählen.“ Es ist nicht wie man es heute macht, indem man irgendwelche Halbwahrheiten oder Plattitüden in die Welt setzt und die Journalisten täuscht. Er sagt, er habe immer versucht die freundschaftliche Ebene beizubehalten und dem anderen klar zu machen, wenn du wirklich mein Freund bist, dann akzeptierst du auch, dass ich dir in meinem Job nicht alles erzählen kann. Das ist ein Kodex, den es heute nicht mehr so gibt.

GS: Das was man früher unter Drei nannte.

AW: Das gibt es heute so nicht mehr. Der Wettbewerb ist härter geworden und weil der Journalist auch sagt, dass er alles was er kriegen kann gegen dich verwenden wird. Er hatte noch einen anderen Kodex.

GS: Welchen Kodex hat er denn heute?

AW: Heute sagt er, dass er sich nur mit Leuten trifft, die er auch privat gerne trifft. Er hat keine Lust, Leuten zum gefallen Networking zu machen. Er will sich nicht mit Leuten umgeben und Kontakte pflegen, die er nicht inspirierend findet. Nur wenn man sich inspirierend findet, kann es auch eine belastbare Beziehung sein.

GS: Welche Erkenntnisse bietet das Buch? Grenzen Sie das ab zu den Netzwerken ab, die man klassisch als Seilschaften bezeichnen kann? Was sieht das Networking heute aus?

AW: Dieter Kronzucker hat es sehr schön gesagt in einem Gespräch, das im Buch ist. Er meinte, die Social Networks werden alle so schnell wieder vergehen wie sie gekommen sind. Damit meint er nicht, dass es Facebook nicht mehr geben wird, aber er meint die Wichtigkeit die wir Facebook momentan geben, wird abnehmen. Xing, LinkedIn, Facebook usw. sind nichts anderes als Online-Adressverzeichnisse und Online-Fotodatenbanken, wo man anderen die Möglichkeit gibt, Dinge schnell über einen zu erfahren. Es sind keine belastbaren Netzwerke. Sie können keine Freundschaften und belastbaren Beziehungen über Xing aufbauen, weil sie kein Vertrauen im Internet aufbauen können. Wir wissen ja noch nicht mal, ob der Facebookfreund, den wir haben, wirklich so aussieht oder ob der überhaupt existiert.

GS: Das weiß ich bei meinen Facebookfreunden schon. Verwechseln Sie nicht so ein bisschen die Begriffe? Bei meinen Facebookbekanntschaften geht es ja nicht um Freundschaften im engeren Sinne. Facebook erweitert die Möglichkeiten, Beziehungsnetzwerke aufzubauen.

AW: Da haben Sie recht. Facebook ist das Königreich der schwachen Beziehungen. Vor allem bei Xing ist es noch viel mehr der Fall. Es ist deutlich auf den Nutzwert des Anderen fokussiert. Bei Xing kann ich tatsächlich nachschauen „ich brauche einen Zahnarzt“ und ich kann sehen ob jemand in meiner Umgebung einen Zahnarzt kennt, der sich auf Implantate spezialisiert hat. Es sind schwache Beziehungen, die ich dazu benutzen kann. Allerdings ist Netzwerk immer etwas, das auf belastbaren Beziehungen besteht und wo ich auch nach 11 Uhr noch anrufen kann. Wenn wir beide uns über Xing verlinken und ich weiß, wenn ich in Bonn bin dann kenne ich da jemanden. Aber kann ich Sie nachts um 11 Uhr anrufen mit einem Problem? Wohl kaum.

GS: Auch weil im Social Web andere Spielregeln gelten. Es geht um Geben und Nehmen. […] Es bieten sich viele Optionen, die ich sonst nicht habe.

AW: Da würde ich sagen, die Social Networks sind einfach nur ein weiteres Medium, zum Telefon, zum Brief, zur E-Mail, um Interaktionen zu gewährleisten. Es ist nicht unbedingt einfacher, wenn wir über Facebook chatten, als wenn wir uns gegenseitig anrufen. Es ist eine weitere Dimension. Im Endeffekt müssen wir miteinander zu tun haben, wir müssen interagieren und uns gegenseitig helfen. Wir bauen ein Vertrauen zueinander auf und wenn wir durch diese Interaktionen Vertrauen aufbauen, dann ist es eine belastbare Beziehung. In dem Falle ist es auch gut, die Beziehung über social media weiter zu pflegen.

GS: Xing ist ein abgeschlossener Kosmos. Es sind ganz unterschiedliche Definitionen von Netzwerken.

AW: Bei den Social Media im klassischen Sinne geht es um schwache Beziehungen und um Masse. Die Frage ist, was man möchte. Wenn ich im Endeffekt in jedem fortkomme möchte, also strategische Partner haben möchte, dann brauche ich so etwas wie die klassische Seilschaft oder Klüngel wie Herr Bosbach sagt. Das sind Leute die genau wissen wer ich bin, die vertrauen mir, die kann ich anrufen, ihnen eine Mail schreiben oder bei Facebook eine Nachricht. Die anderen, die ich in meinem großen Kreis bei Facebook, Xing oder LinkedIn habe, sind mein potenzielles Kommunikationsnetzwerk. Hier schicke ich meine Nachricht an die Welt raus. Es sind zwei unterschiedliche Funktionen. Wenn ich allerdings Demonstrationen organisieren möchte, dann ist Facebook natürlich ein ideales Medium.

GS: Welche Arten von Netzwerken sind denn auffällig. Gibt es bei den 19 Prominenten auch ein Open-Source Modell?

AW: Beispielsweise Herr Nerz von den Piraten, dessen Oberbegriff ist die Transparenz. Er ist einer von den Piraten, die das Thema Transparenz bei den Piraten ganz oben auf die Agenda gesetzt haben. Er sagt, dass es wichtig ist, dass man nicht abrutscht in diese mafiosen Seilschaftsstrukturen, bei denen man nur noch diskret sein muss und wo man nur noch Geheimniskrämerei betreiben muss und man halblegal agiert. Das kann man auch als Quintessenz nennen. Man muss offen und transparent sein aber auch abwägen, wenn man von Freunden Informationen bekommt und die nicht weitererzählt. Es ist immer eine Grauzone dabei. Transparenz ist das oberste Prinzip, gleichwertig neben Loyalität.

Na ja, etwas dünn. Das Interview habe ich ein wenig redigiert und meine Fragen etwas verkürzt. In der Audioversion kann man sich das ja noch einmal in Ruhe anhören. Sind nur 10 Minuten. Urteil von Albert Klamt: Obwohl jung, ist Wolf durch konventionelles Denken limitiert.

Ich weiß nicht, ob darüber auch beim Netzpolitik-Marathon in Berlin disputiert wird, beim Blogger Camp in Nürnberg werden wir das wohl aufgreifen.