Die Rebellion der Atomdichter: Isländische Lyrik gegen das unbelebte Gelabere

Als die Isländer im 13. Jahrhundert ihre Unabhängigkeit verloren und ungefähr 600 Jahre unter norwegischer, später unter dänischer Herrschaft lebten, zählte die mittelalterliche Literatur, die noch aus der Zeit des isländischen Freistaats (930 bis 1262) stammte, zum wichtigsten identitätsstiftenden Kulturerbe – vor allem die Isländer-Sagas:

„Die Sagas und der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness weckten mein Interesse für die zeitgenössische Literatur Islands. Die Sagas beinhalten unheimlich schöne Abenteuergeschichten. Der eine haut den anderen, dann gibt es die Blutrache und man haut wieder den nächsten. Und am Ende bleibt dann keiner mehr übrig. Sie ähneln in ihrer Dramaturgie unseren Fernseh-Soaps. Wenn man eine Person nicht mehr braucht, wird sie erschlagen und dann ist sie weg. In Fernsehserien muss man schwanger werden, um aus dem Drehbuch zu verschwinden. Bei den Sagas schwang man die Axt und fürderhin kommt diese Person nicht mehr vor. Laxness habe ich gelesen und war fasziniert von diesem Autor. Eine tolle weltläufige Literatur, durch die zwar Island atmet und einen großen literarischen Kosmos beschreibt“, so Wolfgang Schiffer.

Der frühere Leiter der Programmgruppe Hörspiel und Feature im WDR sprach im Kultursalon Galerie Freiraum in Köln-Sülz über eine der aufregendsten Zeiten der isländischen Poesie. Bevor Neuseeland den literarischen Ehrengast der Frankfurter Buchmesse ablöst, berichtete Schiffer mit literarischen und journalistischen Beispielen über eine Kulturrevolution nach dem Zweiten Weltkrieg, die in dem Band „Bei betagten Schiffen – Islands Atomdichter“ (Mitherausgeber Wolfang Schiffer) auf 420 Seiten ausführlich dokumentiert ist.

Wie Schiffer im Auftrag der ARD ein Interview mit Laxness führen sollte, warum es nicht zustande kam und wie er mit der isländischen Kulturszene erstmalig intensiv in Kontakt kam, erwähnte er bei seiner Lesung nur am Rande. Wer sich dafür interessiert, sollte sich das ichsagmal-Bibliotheksgespräch anschauen. Die knapp fünfzigminütige Unterhaltung ist sehr kurzweilig.

In seinem Vortrag in der Galerie Freiraum ging es um die Jahre nach 1945, die auch Island in den Grundfesten erschütterte. Literarisch am impulsivsten reagierte auf die Kriegsfolgen eine Gruppe junger Dichter. Man beschimpfte sie in der aufwallenden Disputation als ‚Atomdichter‘. Sie brachen mit den tradierten Formen isländischer Dichtung und lösten einen Kulturstreit aus, der die junge Republik über Jahrzehnte erschütterte. Island wurde unter Verletzung seiner Neutralität zunächst von den Briten und ab Juli 1941 von den USA besetzt.

„In der Bevölkerung gab es eine heftige Auseinandersetzung darüber, ob Island Mitglied der NATO werden und ob es einen dauerhaften Stützpunkt im Land zulassen sollte. Genau davon handelte der Roman „Atomstation“ von Laxness, der etwa zur selben Zeit erschien, als im Kulturleben der Streit um die Gedichtform, um die bildende Kunst und um die Frage, ob man dies Isländersagas in neuer Rechtschreibung herausgeben darf, entflammte“, erläuterte Schiffer.

Ein Akteur, der in dem Roman von Laxness als „Atomdichter“ tituliert wird, ist ein schlechter Dichter. Entsprechend nutzten die eher am Status quo interessierten Meinungsbildner des isländischen Kulturbetriebes diese Bezeichnung als Kampfbegriff gegen die Protagonisten der literarischen Moderne. Einar Bragi zählte zu den einflussreichsten Kämpfern unter den jungen Wilden und brachte den Konflikt sprachmächtig auf den Punkt:

„Nach meiner Auffassung ist er vor allem eine Rebellion gegen die stagnierten Formen, das mechanische Alliterieren, das unbelebte Gelabere, das geistlose, gezierte Geschwätz (klingt ein wenig nach Rabelais – liebwerteste Gichtlinge und so weiter….gs), die unoriginellen, oberflächlichen Schilderungen, die bilderlosen epischen Gedichte und gegen allerhand gebundenen nationalen Unsinn, der drauf und dran war, das Gedicht zu ersticken – und gleichzeitig markiert er das Streben nach Erneuerung: das Erschaffen neuer Gedichtarten, die Reinigung der poetischen Sprache, neue Ideen für Bilder, Metaphern und Verknüpfungen von Gedanken mit dem Zweck, das Gedicht an sich auf einen Ehrenplatz zu führen.“

In der Kunst führe kein Weg zurück – hoffentlich nicht nur dort.

Der Wandel wirkte sich gesellschaftlich, politisch und kulturell aus. Das bekräftigt auch ein historisches Ereignis. 1990 wurden zum ersten Mal die isländischen Literaturpreise vergeben. Die Auszeichnung in der Kategorie Belletristik ging an einen „Atomdichter“. Es war Stefán Hörður Grímsson, der den Preis für seinen letzten Gedichtband „Über heiterem Morgen“ erhielt:

„Das Land hatte sich mit seinen ‚Atomdichtern’ versöhnt“, resümierte Wolfgang Schiffer.

Einen kleinen Ausschnitt seines rund neunzigminütigen Vortrages mit seiner schön sonoren Stimme kann man sich hier anhören:

Siehe auch:

Pickel, Pubertät und peinliche Momente: Pétur Gunnarsson über die Nöte des Heranwachsenden.

Hangout On Air: Das bloggende Quartett und die Putzfrau

Der Putzmann in der Tagesschau hat ja schon Filmgeschichte geschrieben und ist auf der Witzischkeits-Skala kaum zu übertreffen.

Aber auch ein Hangout On Air kann mit Überraschungsgästen aufwarten. Da stellte Heinrich Bruns gerade seine hochinnovative Beleuchtungstechnologie in Form einer mobilen LED-Lampe vor und unterbrach seine Erläuterungen mit dem Ausspruch: Oh, eine Putzfrau bei Bernd – zu sehen am Schluss der Übertragung: Sendeminute 32:27. Spontane Lachanfälle waren die Folge.

Das konnte ich mit der Androhung einer Patentklage nicht toppen, die ich am Anfang des Bloggenden Quartetts ankündigte, wenn jemand in Frage stellen sollte, dass das virtuelle Blogger Camp via Hangout On Air nicht als Weltpremiere gewürdigt werden sollte.

Hannes Schleeh hat sich übrigens schon die Mühe gemacht, für jede Session Einladungen via Google+ zu posten, um aktiv an den Hangouts am Freitag nächster Woche teilzunehmen. Über den entsprechenden Link könnt Ihr Eure Teilnahme zusagen (den Hannes allerdings in einen der eigenen Google+-Kreise aufnehmen):

Freitag, 28. September 2012

11.00 bis 11.45 Uhr: Über Netzmonopole, abstürzende Applikationen, Shitstorms, Gema-Gebühren und digitale Ignoranten – Netzpolitischer Exkurs des bloggenden Quartetts (Heinrich Rudolf Bruns, Hannes Schleeh, Gunnar Sohn und Bernd Stahl).

12.00 bis 12.30 Uhr: Von der Lust am Dialog: Welche Formate entwickeln sich über Google Hangout On Air? (Hannes Schleeh im Gespräch mit….- dazu hat Hannes jetzt schon einiges zusammengetragen. Wo die Entwicklung hingehen könnte, belegt HuffPost Live.)

12.45 bis 13.15 Uhr: Wirkung und Einfluss von Wirtschaftsblogs (Gunnar Sohn im Gespräch mit Blicklog-Blogger Dirk Elsner)

Virtuelle Mittagspause

14.00 bis 14.45 Uhr Vernetzte Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz (Einblicke von Andreas Klug, Ityx)

15.00 bis 15.30 Uhr Sohn fragt Sohn (Gunnar Sohn und Constantin Sohn über Youtube-Stars, Gaming-Blindfische wie Manfred Spitzer und die Zukunft von DJ Kloschüssel – eine Fortsetzung unserer berühmt-berüchtigten Gamescom-Gespräche)

Siehe auch:

Digitale Ignoranten und eine Frage an E-Plus (Base): Wieso nutzt man den Hangout nicht in der Servicekommunikation?

Nicht ganz so putzig ist das Vorhaben der EU-Kommission mit dem Titel: „Clean IT“, um das Internet zu überwachen und zu filtern – ganz ohne Gesetze.

Digitale Ignoranten und eine Frage an E-Plus (Base): Wieso nutzt man den Hangout nicht in der Servicekommunikation?

Mit den elektronischen Medien externer Speicherung und des künstlichen Gedächtnisses erleben wir eine kulturelle Revolution, die an Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks und der Schrift gleichkommt, erläutert Jan Assmann, Professor für Ägyptologie, in seinem Buch „Das kulturelle Gedächtnis“.

Die Kommunikation im Netz ist jederzeit abrufbar und öffentlich. Vorgefertigte Blabla-Erklärungen und Satzbausteine, die den Kunden von Hotline-Mitarbeitern am Telefon oder per Mail untergejubelt werden, sind im im Social Web die Zutaten für ein Service-Harakiri.

Im Netz lauern die Guerilla-Kunden, die zu jeder Zeit ihre Stimme erheben und ein breites Publikum erreichen können, schreibt Spiegel Online-Kolumnist Tom König in seinem neuen Buch „Ich bin ein Kunde, holt mich hier raus: Irrwitziges aus der Servicewelt“.

Setzen die Firmen ihr Hotline-Genöle im Internet fort, ist man heute als Guerilla-Kunde klar im Vorteil:

„Sie müssen sich klarmachen, dass Ihr Gegenpart Dutzende von Leuten beschäftigt, um seine Social Media-Kanäle zu bespielen. Genau wie bei der Hotline oder im Service-Center weiß deshalb auch hier die eine Hand oft nicht, was die andere tut – mit dem Resultat, dass Ihnen gegenüber widersprüchliche Aussagen gemacht werden“, so Tom König.

Anders als bei der Hotline seien diese Widersprüche aber öffentlich und auf immerdar im Netz zu finden.

„Sie können sie dem Unternehmen also später um die Ohren hauen, mit Schmackes und Screenshots.“

Die Firmen Jura und Sparda-Bank West wissen, wovon ich hier schreibe. Und seit gestern weiß es auch E-Plus (Base). Siehe: E-Plus (Base) und die Koberer der Reeperbahn: Wie man Herrengedecke vertickt und Vertragsänderungen blockiert.

Es ist fast schon unheimlich, wie gut Tom König über Dinge schreibt, die dann in der Realität haargenau eintreffen oder sogar noch übertroffen werden. Etwa beim Auseinanderdriften der Kommunikation von Kundenservice und Social Media-Abteilungen. So schrieb mir doch Base nach wochenlangem Schweigen, unsere Kopien wären nicht lesbar und deshalb könne keine Vertragsumstellung stattfinden. Die Schuld liegt also bei uns. Und nach meinem öffentlichen Blogpost teilt mir eine Mitarbeiterin des Social Media-Teams von Base folgendes mit:

Ohne nun genaue Details zu diesem Vorgang zu kennen gehe ich davon aus, dass weniger die Qualität der Kopien, als eher ein Fehler bei der Digitalisierung des Schriftverkehrs in unserem Hause, Auslöser für diese hin und her sein könnte. Die gesamte eingegangene Post wird sofort gescannt und digital an die Serviceabteilung übermittelt. Ist die Qualität aufgrund eines technischen Defektes schlecht, kann es tatsächlich zu Lesbarkeitsproblemen kommen. Dennoch hätte ein kurzer Anruf durch den Servicemitarbeiter diesen Umstand längst klären können.

Der Kundenservice hat mich also schlichtweg angelogen. Entscheidungskompetenz in Service-Fragen haben die meisten Social Media-Teams der Unternehmen allerdings nicht. Sie hätten sonst mein Anliegen direkt gelöst. Das nennt man dann Silo-Syndrom oder Lila-Laune-Bärchen-Phänomen. Siehe: Netzintelligenz statt „Flachbildschirm-Rückseitenberatung“ – Die Lila-Laune-Kommunikation der Unternehmen versagt im Social Web.

Der Base-Fall war natürlich auch Thema von Bloggercamp.tv. Und Bernd Stahl von Nash Technologies warf zurecht die Frage auf, warum eigentlich die Enterprise 2.0-Technologien und die Möglichkeiten des Social Web wie Hangouts nicht stärker für die Servicekommunikation genutzt werden. Dann dürfte man die Social Media-Lila-Laune-Bärchen nicht im Marketing ansiedeln – was in der Regel leider der Fall ist. Ein großer Fehler.

Ausführlich habe ich das in meinem Beitrag für das Buch „Digitaler Dialog“ aufgegriffen: „Auf der Suche nach dem iService.“

In der Hangout-Session ging es aber heute vor allem um die Vorschau auf das virtuelle Blogger Camp. Es findet am Freitag nächster Woche statt. Hier noch einmal der Programmablauf:

Freitag, 28. September 2012

11.00 bis 11.45 Uhr: Über Netzmonopole, abstürzende Applikationen, Shitstorms, Gema-Gebühren und digitale Ignoranten – Netzpolitischer Exkurs des bloggenden Quartetts (Heinrich Rudolf Bruns, Hannes Schleeh, Gunnar Sohn und Bernd Stahl).

12.00 bis 12.30 Uhr: Von der Lust am Dialog: Welche Formate entwickeln sich über Google Hangout On Air? (Hannes Schleeh im Gespräch mit….- dazu hat Hannes jetzt schon einiges zusammengetragen. Wo die Entwicklung hingehen könnte, belegt HuffPost Live.)

12.45 bis 13.15 Uhr: Wirkung und Einfluss von Wirtschaftsblogs (Gunnar Sohn im Gespräch mit Blicklog-Blogger Dirk Elsner)

Virtuelle Mittagspause

14.00 bis 14.45 Uhr Vernetzte Kommunikation mit Künstlicher Intelligenz (Einblicke von Andreas Klug, Ityx)

15.00 bis 15.30 Uhr Sohn fragt Sohn (Gunnar Sohn und Constantin Sohn über Youtube-Stars, Gaming-Blindfische wie Manfred Spitzer und die Zukunft von DJ Kloschüssel – eine Fortsetzung unserer berühmt-berüchtigten Gamescom-Gespräche)

Am Nachmittag haben wir noch Luft und könnten ein oder zwei Sesssions einbauen – etwa eine Runde mit Autoren des Buches “Digitaler Dialog”. Zu jeder Session folgen in den nächsten Tagen noch ausführliche Blogpostings. Vernetzt Euch!

Der erste Blog-Kommentator bekommt übrigens wieder einen Preis: Das Opus „Digitaler Dialog“ (habe ja drei Autoren-Exemplare bekommen).

Im Hangout-Gespräch habe ich ja noch behauptet, dass wir mit dem virtuellen Blogger Camp eine Weltpremiere erleben werden. Ich drohte sogar mit Patentklagen für den Fall der Widerrede. Aber man muss ja nicht gleich drei Milliarden Dollar Schadenersatz verlangen…

Wie die Elite-Gichtlinge mit dem Social Web hadern – Über Klüngelsysteme und Controlling-Freaks

Die Struktur und Logik des Social Webs erschwert die Arbeit der liebwertesten Elite-Gichtlinge in Politik, Wirtschaft und Medien. Offene, freie und anarchische Systeme sind Gift für die Controlling-Freaks. Das mussten auch Steve Case und Gerald Levin schmerzlich erfahren. Siehe meine heutige The European-Kolumne.

Case war Präsident und Vorstandschef von AOL. Levin leitete den Medienkonzern Time Warner. Sie lernten sich im Weißen Haus kennen bei der Vorführung der Komödie „em@il für Dich“ – einem Film von Warner Bros. mit Schleichwerbung für AOL. Beim Zusammentreffen waren sie von der Vision elektrisiert, mit einer Allianz ihrer scheinbar unversöhnlichen Unternehmen eine perfekte neue Welt erschaffen zu können.

„AOL Time Warner kamen mit einer Riesengeschwindigkeit um die Ecke und rasten direkt in eine Mauer, die sie noch nicht einmal gesehen hatten. Bald wurde dieser Name zu einem Synonym für ‚Debakel‘“, so Tim Wu in seinem sehr lesenswerten Buch „Master Switch“, in deutscher Übersetzung in diesem Jahr im mitp-Verlag erschienen.

Der Aktienkurs rauschte in den Keller und innerhalb kürzester Zeit wurde Case aus dem Unternehmen gedrängt. Levin ging in den Ruhestand und widmet sich heute als Leiter des Moonbeam-Sanatoriums in Südkalifornien der spirituellen Erbauung von gestressten Manager-Seelen.

Beide waren von der Hybris des allumfassenden Informationsimperiums getrieben, die Levin später als eine Form von Geisteskrankheit verbunden mit dem suchtartigen Streben nach nie endendem Wachstum bezeichnete.

„Konnte das mit AOL und Time Warner denn überhaupt funktionieren? Das Unternehmen hätte letztlich den Charakter des Internets verändern und das Netz in eines verwandeln müssen, in dem ‚fremde‘ Inhalte – also alle, außer denen von Time Warner – geblockt oder nachrangig behandelt werden können“, so Wu.

Alternativ hätte das Fusionsmonster auch versuchen können, die Kontrolle über die Öffner des Netzes zu übernehmen, vor allem über die Suchmaschinen, die den Nutzern das gaben, was sie wollten. Um lebensfähig zu sein, hätte AOL Time Warner die Prinzipien der Netzneutralität umstoßen müssen. Alte Netzwerker lieben geschlossene Silos, die ihnen die volle Kontrolle über ihre Machtkonglomerate geben. Ein Gedanke, der wohl auch beim Leistungsschutzrecht zur wichtigsten Antriebsfeder zählt. Die Sehnsucht der Verleger nach den guten alten Zeiten der überschaubaren Medienwelt ist wohl der gemeinsame Nenner einer fast einheitlichen Agitation zur Rettung von liebgewonnenen Pfründen.

Das hat Zeit-Online-Chefredakteur Wolfgang Blau in seiner fulminanten Rede bei einer Urheberrechts-Fachtagung von Bündnis 90/Die Grünen zum Ausdruck gebracht (nachzulesen bei Stefan Niggemeier).

„Vielleicht tue ich Ihnen Unrecht, aber man wird zumindest den Eindruck nicht los, dass die arrivierten Politiker, diejenigen, die bereits über gute persönliche, oft ja freundschaftliche Netzwerke in die traditionellen Medien verfügen, am wenigsten geneigt sind, beim Thema Urheberrecht progressive Positionen zu vertreten. Es scheinen in allen großen Parteien besonders die Jungen und zusätzlich noch die von den traditionellen Medien weniger Beachteten zu sein, die sich beim Urheberrecht gegen die Interessen der Verlegerverbände stellen, also all die, die ohnehin wenig Journalistengunst zu verlieren haben oder die bereits gelernt haben, dass sie auch im Netz und ohne traditionelle Medien große Öffentlichkeit erreichen können.“

Selbst das schärfste und rigideste Urheberrecht würde nicht verhindern können, dass die Verlagslandschaft in den nächsten Jahren weiter aus den Angeln gehoben wird.

„Wer glaubt, die letzten zehn Jahre seien transfomativ und herausfordernd gewesen, sollte sich darauf einstellen, dass mit der jetzt einsetzenden Nutzungsverlagerung ins mobile Netz noch viel dramatischere Entwicklungen, Umsatz– und Auflageneinbußen bevorstehen als in den letzten Jahren. Das Urheberrecht wird das nicht aufhalten können. Und: Würde Google nicht existieren, ginge es den Verlagen keinen Deut besser“, erläutert Blau.

Am Ende werden Springer und Co. ähnlich bedröppelt dastehen wie Case und Levin. Und das ist gut so!

Da bevorzuge ich doch die virtuelle Vernetzung, die wir beispielsweise am Freitag nächster Woche praktizieren.

Sinnvoll ist übrigens die Maßnahme von Twitter: „Ab sofort kann jeder Account mit einem eigenen Header-Bild ähnlich dem Coverfoto bei Facebook personalisiert werden. Damit macht Twitter einen weiteren Schritt in Richtung vollwertiges Social Network“, so tn3 t3n (ich Depp, Danke für den Korrekturhinweis).

Dass die alten Netzwerker auch Schwierigkeiten im Umgang mit Bloggern haben, wenn sie nicht nur virtuell, sondern real auftreten, belegte die gestrige Photokina-Bloggertour, die von Pia Kleine Wieskamp (Pearson-Verlag) hervorragend organisiert wurde. Immerhin waren alle Firmen, die von den rund 60 (!) Bloggern aufgesucht wurden, von Pia über den Besuch informiert worden und konnten sich entsprechend vorbereiten.

Besonders negativ sind mir dabei Nikon und Samsung in Erinnerung geblieben, da sie das Ganze zu einer reinen Heizdecken-Verkaufs-Show degradierten. Auf die Nachfrage von Pia, die an jeder Station der Bloggertour von ihr gestellt wurde, wie denn nun die Blogger mit der Firma in Kontakt treten können, kam von den großen Konzernen wie Samsung die Plattitüde, man sei ja nur für das Marketing zuständig. Da müsse man sich dann an die Pressestelle wenden.

Häufig waren die Marketingmanager in Personalunion auch für Social Media zu ständig.

Und hier liegt genau die Ursache für den etwas hölzernen Umgang mit den Bloggern (dumm nur für die Firmen, dass unter den 60 Bloggern richtig gute Spezialisten für Fotografie waren – wobei ich mich als Knipser natürlich ausnehme). Das habe ich ja auch in meiner Kolumne am Freitag aufgegriffen: Die Lila-Laune-Kommunikation der Unternehmen versagt im Social Web.

Aber ich will ja nicht nur meckern. Es gab auf der gestrigen Bloggertour auch positive Beispiele. Etwa die Firmen Vanguard, Datacolor oder video2brain, die intensiv mit Photo-Bloggern zusammenarbeiten. Und natürlich der Pearson-Verlag und die Arbeit von Pia. An der Art und Weise, wie sie ihre Facebook-Community pflegt, können sich die meisten Firmen eine Scheibe abschneiden. Sonst wären gestern auch keine 60 Blogger zur Photokina gekommen 🙂

Weitere Fotos zur Bloggertour findet Ihr hier.

Pyromanen-Semantik: Müllverbrennung soll künftig das Gütesiegel „Recycling“ tragen


In Deutschland ist es ja schon ein großer Fortschritt, dass der stinknormale Müll nicht mehr in Deponien vergraben werden darf. Insofern ist es sicherlich sinnvoll, ihn lieber in Verbrennungsöfen zu packen. Was allerdings die Interessengemeinschaft der Thermischen Abfallbehandlungsanlagen in Deutschland (Itad) in ihrer Lobbyarbeit vorhat, könnte man unter Ulk verbuchen. Oder etwas kritischer als Volksverblödung titulieren. Liebe Abmahnanwälte, ich sage bewusst „könnte“. Künftig möchten Anlagenbetreiber die Müllverbrennung als „thermisches Recycling“ adeln. Die thermische „Behandlung“ von Restabfällen aus Haushalt, Gewerbe und Industrie sei ein aktiver Beitrag zum Recycling und zum Ressourcenschutz, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbandes der MVA-Betreiber. Man untermauert das Ganze mit netten Milchmädchen-Rechnungen.

Deutsche MVA und Ersatzbrennstoff-Kraftwerke gewönnen aus stofflich nicht verwertbaren Abfällen Strom und Wärme für jährlich zwei Millionen Haushalte und zahlreiche Industrieanlagen, heißt es in der Mitteilung der Itad. Damit würden rund drei Milliarden Liter Heizöl eingespart. Energie sei jedoch nur eines der mittels thermischer Abfallbehandlung aus dem Restmüll gewonnenen Güter. Aus den Verbrennungsrückständen (Schlacke, gs) würden Eisen- und Nicht-Eisenmetalle extrahiert, die anschließend wiederverwendet werden könnten.

Jährlich würden 400.000 Tonnen Metalle auf diese Weise in den Stoffkreislauf zurückkehren. Zudem fänden pro Jahr 5 Mio Tonnen Schlacke nach entsprechender Behandlung Verwendung im Straßen- und technischen Anlagenbau.

„Wir können also mit Fug und Recht bei der thermischen Verwertung von Abfällen auch von einem ‚thermischen Recycling’ sprechen“, so Itad-Geschäftsführer Carsten Spohn.

Das ist ausgemachter Blödsinn. Die Müllverbrennungsanlagen wurden in Deutschland zur Beseitigung des Abfalls geplant und nicht zur Gewinnung von Strom, Wärme und Metalle. Es ist wohl kein Zufall, dass in der Pyromanen-Romantik kein Wort über Heizwerte oder Wirkungsgrade der Anlagen verlautet wird. Die Frage sei doch gestattet, was alternative Entsorgungsmethoden aus dem Abfall machen können? Mein Kollege Walter Warnecke hat sich die Mühe gemacht, die Heizwerte aller Müllverbrennungsanlagen aufzulisten (kann als Excel-Tabelle heruntergeladen werden):

Müllverbrennung in Deutschland – inklusive Heizwert

Im Schnitt liegt der Heizwert bei 10.000 Kilojoule pro Kilogramm – das ist mehr als dürftig. Steinkohle besitzt einen Heizwert von bis zu 32.000 Kilojoule pro Kilogramm. Holzpellets liegen bei 18.000, Braunkohlebriketts bei knapp 20.000 und Altreifen bei 32.000. Nur waldfrisches Holz schneidet mit knapp 7.000 Kilojoule pro Kilogramm schlechter als Hausmüll ab.

Unerwähnt in der pyromanischen Verbands-Rabulistik bleiben auch die negativen Begleiterscheinungen der Müllverbrennung. Kann man bei Wikipedia nachlesen:

„Da bei der Verbrennung des Mülls nicht bekannt ist, welche Inhaltsstoffe in welchen Mengen zu einem bestimmten Zeitpunkt verbrannt werden (kritisch sind beispielsweise PVC, Batterien und elektronische Bauteile, Lacke etc.), variiert die Zusammensetzung des Rauchgases und der Asche. Bei der Verbrennung entstehen neben Kohlendioxid und Wasser auch Kohlenmonoxid, Schwefeloxide, Stickoxide, aber auch Chlorwasserstoffsäure (Salzsäure) und Fluorwasserstoff (Flusssäure) sowie schwermetallhaltige Stäube. In sehr geringen Konzentrationen entstehen auch hochtoxische Stoffe wie polychlorierte Dibenzodioxine und Dibenzofurane.“

Entsprechend hoch ist der Energieverbrauch für die Rauchgasreinigung.

Und ein wenig Physik-Nachhilfe begründet bei Wikipedia sehr schön, warum die Müllverbrennung nicht gerade ein Effizienzprotz bei der Gewinnung von Energie ist:

„Aufgrund des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik kann niemals die gesamte im Müll enthaltene Energie in nutzbare thermische Energie (Fernwärme) und/oder elektrische Energie umgewandelt werden. Zudem treten bei jeder Energiewandlung auch Verluste auf, zum Beispiel in Form von Wärmeverlusten der in der Realität nie ganz adiabat ausführbaren Kessel und Feuerungstrakte. Darüber hinaus braucht eine Müllverbrennungsanlage einen Teil der erzeugten Energie zum Eigenbedarf, was den Wirkungsgrad zusätzlich schmälert. Somit kann durch die Müllverbrennung nur ein Teil derjenigen Energie wieder gewonnen werden, die in den Rohstoffen der Ausgangsprodukte steckte und bei deren Herstellung benötigt wurde.

Entsprechend niederschmetternd ist der Wirkungsgrad. Der BUND hat das sehr gut zusammengefasst:

„Unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs für die Rauchgasreinigung und der Tatsache, dass eine
Auskopplung von Dampf oder Fernwärme häufig nicht stattfindet bzw. nicht möglich ist, kann der durchschnittliche Wirkungsgrad deutscher Müllverbrennungsanlagen mit ca. 9 Prozent elektrisch und 26 Prozent thermisch (Prozessdampf, Fernwärme) beziffert werden. Verglichen mit Heizkraftwerken, die mit Gas befeuert werden und Gesamtwirkungsgrade bis etwa 90 Prozent erzielen, ist das ausgesprochen wenig. Die Spanne ist sehr groß. An Standorten, an denen fast nur Strom erzeugt wird – und das ist recht häufig – liegt der Wirkungsgrad bei 15 Prozent und darunter. Wenn hauptsächlich die Abwärme genutzt wird, können bis ca. 70 Prozent der eingebrachten Energie verwertet werden. Auch das liegt unter dem thermischen Wirkungsgrad von Fernheizwerken mit Werten von knapp über 90 Prozent.“

Was hinter der Pyromanen-Lobbyarbeit steckt ist also etwas ganz anderes. Mit der begrifflichen Aufwertung der Verbrennung zum thermischen Recycling sollen die Fehlinvestitionen in überdimensionierte Anlagen überdeckt werden. Denn die MVAs sind weder ökologische noch ökonomische Hochtechnologien zur Verwertung des Abfalls. Die stoffliche Verwertung – also das klassische Recycling – ist gesetzlich gewollt, die Abfallhierachie ist ja auch kaum umzudrehen und wenn man nur auf die thermische Verwertung gesetzt hätte, wären entscheidende und unbestreitbar sinnvolle Entwicklungen in der Sortierung, Vorbehandlung und Verwertung unterblieben. Hier sind also sehr sinnvolle Alternativen zur Müllverbrennung entstanden, die die Auslastung und Rentabilität der Anlagen noch mehr nach unten drücken.

Um diese Wahrheiten der Öffentlichkeit zu „ersparen“, geht man in die Offensive und versucht, neue Abfallmengen in die Anlagen zu bekommen, die in die stoffliche Verwertung gehen. So simpel ist das Spielchen. Gelingt das nicht, müssten entweder die Müllgebühren exorbitant erhöht oder Anlagen stillgelegt werden. Beides würde zu einem Gesichtsverlust der kommunalen Müll-Planer führen.

Siehe auch:

Wertstoffgesetz überflüssig und unrealistisch: Recycling keine Ersatzkasse für unrentable Müllverbrennungsanlagen – Alte Öfen abreißen.

Was man Peter Altermaier schon immer mal über Müll sagen wollte.

Stinkende Granulate: Restmülltonne ungeeignet für stoffliche Verwertung – Klares Bekenntnis der Bundesregierung zur Recycling-Gesellschaft.

Offener Brief zur Recyclingwirtschaft: Kommt noch eine Antwort, Herr Altmaier?

Spitzer-Gegenteil-Tag: Pläne gegen die analoge Verblödung

Also morgen ist definitiv Spitzer-Gegenteil-Tag – zumindest bei mir und wohl bei Christoph Deeg, den ich für meine The European-Mittwochskolumne interviewt habe.

Hier nur ein kleiner Auszug des Beitrages, der wohl so ab 8 Uhr abrufbar sein dürfte.

Der Gaming-Experte Deeg ruft zu einer Anti-Spitzer-Bewegung auf. Es reiche nicht aus, dass demente Büchlein zu zerlegen und die Fakten-Melange auf Richtigkeit zu prüfen. Alte Männer wie Spitzer präsentieren keine Lösungen für den Trend zur Vernetzung, sie sind das Problem, warum wir in Deutschland immer mehr in digitaler Mediokrität versumpfen. Der Erfolg des Spitzer-Werkes zeigt doch, wo wir stehen. Wir können lange erzählen, dass wir eine moderne Technologienation sind“, kritisiert Deeg.

Die Welt bestehe nicht nur aus Suchtkranken, die Spitzer in seiner täglichen Arbeit erlebt. Was passiert aber jetzt mit den Allgemeinplätzen, die der Professor in seiner „Digitalen Demenz“ ausbreitet?

„Eltern lesen dieses Buch oder hören davon und bekommen eine tiefgreifende Panikattacke. Im schlimmsten Fall sagen sie zu ihren Kindern: ‚Das sollst du nicht mehr machen‘. Die Kinder sagen ‚wunderbar‘ und reagieren wie bei allen anderen Verboten. Sie werden sich dann eben woanders ins Internet begeben. Sie beginnen sich dann irgendwo anders im Internet zu begeben. Der nächste Schritt ist, dass die Eltern zu den Pädagogen gehen und ihnen auch sagen, dass sie nicht mehr mit digitalen Medien arbeiten sollen. Als Endergebnis entfernen wir komplett eine wichtige Lebensrealität der Jugendlichen. Als Resultat wissen Eltern und Lehrer nicht mehr, was in der digitalen Welt wirklich passiert“, sagt Deeg.

Krieg der Generationen

Spitzer beschädigt damit das Vertrauensverhältnis zwischen den Generationen.

„Es geht doch nicht darum, dass Menschen nur noch vor dem Rechner sitzen. Warum kommen Eltern und Pädagogen nicht auf die Idee, mit Jugendlichen und den Kindern das Internet und die digitalen Welten zu erschließen. Diese Möglichkeit macht Spitzer kaputt“, betont Deeg.

Der Demenz-Autor habe von der Digitalisierung so viel Ahnung wie eine Kuh vom Sonntag:

„Wir alle, die im digitalen Raum arbeiten, müssen das ernst nehmen und uns auch selber hinterfragen. Wir haben es wohl nicht geschafft, in der Bevölkerung ein Vertrauen aufzubauen gegenüber den Chancen der digitalen Technologien. Wir brauchen als Gegenkonzept zu Spitzer einen klar strukturierten Fünf-Jahresplan. Wir dürfen nicht nur dagegen argumentieren und ein paar Studien mit auf den Weg geben“, fordert der Gaming-Enthusiast.

Ansonsten verspielen wir die Möglichkeiten zur Gestaltung der digitalen Gesellschaft. Soweit der Ausblick auf morgen. Was Ärzte und Apotheker als Spitzer-Gegenmittel empfehlen, ist mir nicht bekannt. Christoph Deeg empfiehlt die Lektüre des Buches von Steven Johnson: Neue Intelligenz. Zudem schreiben Christoph und ich vielleicht selbst ein Anti-Spitzer-Buch – mal gucken. Lust hätte ich.

Lesenswert ist übrigens auch die Kolumne von Sascha Lobo: Eure Internetsucht ist unser Leben.

Update:
Hier nun die The European-Kolumne: Der digitale Kaputtmacher.

Telekom setzt auf Spotify und auch auf den digitalen Briefverkehr: Was setzt sich durch?


Telekom-Kunden können ab Oktober 2012 über Smartphone, Tablet und PC auf über 18 Millionen Musiktitel zugreifen – sowohl online als auch offline, schreibt Caschy in seinem Blog.

„Und zwar ohne, dass die Online-Nutzung des Spotify Streaming-Dienstes gegen das im Tarif enthaltene Datenvolumen gerechnet wird. Der erste Telekom Mobilfunktarif mit integriertem Spotify Premium Account wird ab Oktober 2012 für rund 30 Euro erhältlich sein. Gegen Ende des Jahres wird die Nutzung des Spotify Premium-Dienstes auch als Zubuchoption für etwa zehn Euro für Festnetz- und Mobilfunkkunden der Telekom möglich sein. Also: wer bei der Telekom ist und unterwegs online Musik streamen möchte, der findet vielleicht durch das nicht angerechnete Datenvolumen einen Vorteil für sich.“

Mal schauen, ob sich diese Preispolitik durchsetzt. Bin skeptisch. Genauso skeptisch wie bei den 39 Cent, die für eine DE-Mail verlangt wird. Auf der IFA will die Telekom für neuen Schub im digitalen und rechtssicheren Briefverkehr sorgen. „Aktuell werden nur etwa fünf Prozent aller E-Mails verschlüsselt. Eine Mail kann abgefangen oder verfälscht werden, man weiß nie zweifelsfrei, wer der Absender ist“, so Andreas Kadelke von der Telekom.

Technologisch wäre es sicherlich sinnvoll, der guten alten gelben Post und den dämlichen Faxbriefen (herrlich die Formulierung von Sascha Lobo in seiner aktuellen Spiegel-Kolumne: „Auf Facebook ist Authentizität nicht möglich. Das sollte eine Steilvorlage sein, die Authentizität auf den Schrotthaufen der historischen Unnotwendigkeiten zu werfen, wo sie zwischen Atomkraft, Nationalstolz und Faxgerät verrotten möge.“) eine digitale Variante an die Seite zu stellen. Nur dann muss das anders laufen. Politisch sei noch einiges im Argen, so die Bedenken von Netzwertig-Blogger Karsten Werner: Sowohl die Gesetzgebung als auch die Beauftragte der Bundesregierung für Informationstechnik würden sich davor drücken, einen der wesentlichsten, lange bekannten und vielfach diskutierten Angriffspunkte der Kritiker eindeutig auszuräumen: Den Vorwurf einer vereinfachten Zugriffsmöglichkeit öffentlicher Stellen auf den digitalen Schriftwechsel der Bürger.

„Unabhängig von den Motiven, die der Einzelne dahinter vermuten mag, zeigt bereits allein die mangelnde Sensibilität der verantwortlichen Instanzen, eben genau dieses Informationsbedürfnis auch aufzugreifen, wie wenig Verständnis von Seiten der Initiatoren für die Befindlichkeiten der Bürger zum Thema ‚Rechtsverbindliche digitale Kommunikation‘ überhaupt aufgebracht wird. Wer dieses Bedürfnis nach Rechtssicherheit lediglich mit einem lapidaren Verweis auf andere Regelungen abspeist, beziehungsweise es nicht einmal für nötig erachtet, diesen Aspekt in seinen Informationsangeboten zu kommunizieren, der darf sich später über eine mangelnde Teilnahme nicht wundern. Insbesondere vor dem Hintergrund der breit geführten öffentlichen Debatte um den ‚Staatstrojaner‘, wirft gerade dieses Versäumnis kein gutes Licht auf die verantwortlichen Stellen“, schreibt Karsten Werner.

Ausführlich nachzulesen unter: IFA: DE-Mail soll für Schwung im digitalen Briefverkehr sorgen – Kostenvorteile gegenüber der „Gelben Post“ – Mangelhaftes Verständnis der Politik.

Konzepte gegen die Gier: Über die Renaissance der Genossenschaften – Mit Raiffeisen die Finanzkrise bewältigen

Sie haben der Finanzkrise getrotzt und erleben nun eine Renaissance, schreibt die Wirtschaftswoche in ihrer aktuellen Titelstory „Wir statt Gier“. Es geht um Genossenschaften, die in Deutschland wieder wie Pilze aus dem Boden schießen: „Bürger helfen sich selbst und gründen Unternehmen – für den Wohnungsbau bis hin zur Energiewende“, so die Wirtschaftswoche.

Hochnäsige MBA-Absolventen in ihrem Shareholder Value-Wolkenkuckucksheim bewerten wahrscheinlich immer noch das Genossenschaftsprinzip als verstaubt, verschnarcht und kollektivistisch. Das Gegenteil ist der Fall. So kamen die Genossenschaftsbanken relativ ungerupft durch die Finanzkrise.

„Sie vereinen den Großteil der Genossen in Deutschland. Immerhin sind fast 21 Millionen Menschen Mitglieder. Da fällt die Zahl derer, die Aktien oder Aktienfonds besitzen, mit etwa zehn Millionen Menschen bescheiden aus“, schreibt die Wirtschaftswoche.

Und mit Sozialromantik hat das Ganze nichts zu tun. Es geht um Hilfe zur Selbsthilfe. Genossenschaften seien Netzwerke, die helfen, wenn eine Branche im Wandel und im Wachsen ist, erläutert die Volkswirtin Theresia Theurl von der Uni Münster gegenüber der Wirtschaftswoche:

„Bist Du nicht groß oder besonders stark, musst du besonders schlau sein. Man kann sich Größe auch organisieren, ohne sich abhängig zu machen.“

Und der Gesetzgeber hat die Regeln für die Gründung von Genossenschaften vereinfacht. Drei Mitglieder reichen zur Gründung aus. Und niemand kann von oben durchregieren, wie es in Befehl-und-Gehorsam-Organisationen häufig der Fall ist. Ziele müssen klar und verständlich vermittelt werden. Jedes Mitglied hat eine Stimme in der Generalversammlung, die alle grundsätzlichen Entscheidungen trifft. Im Grundsatz können die Genossenschaften als Pioniere der Liquid Democracy angesehen werden. Warum das auch der „normalen“ Wirtschaft guttun würde, habe ich am Freitag in meiner Kolumne für Service Insiders ausgeführt: Verdünnte Repression und Liquid Democracy im Arbeitsalltag: Wie Social Media die Unternehmensorganisation auf den Kopf stellt.

Selbst Mammutprojekte wie die Energiewende oder der Breitbandausbau lassen sich genossenschaftlich organisieren. Den postiven Effekt unterstricht der Wirtschaftswoche-Bericht. Bürger-Unternehmen dienen auch dazu, lokalen Widerstand gegen riesige Windmühlen und müffelnde Biogasanlagen zu reduzieren. Wer als Mitunternehmer an den Initiativen beteiligt ist, verhält sich konstruktiv und unterliegt nicht mehr dem Syndrom „Not In My Backyard“:

„Zu Deutsch etwa: nicht in meinem Hinterhof, nicht in meinem Vorgarten, nicht in meiner Straße…nicht dort also, wo ich lebe“, schreibt der SZ-Redakteur Gehard Matzig in seinem sehr lesenswerten Buch „Einfach nur dagegen“. „Nicht jetzt, nicht hier, nicht in meinem Hinterhof: Dieses Denken und Nichtwollen markiert das exakte Gegenteil von dem, was heute eigentlich nötig wäre“, so Matzig. Wer den eigenen Gartenzaun verabsolutiert, gefährdet wichtige Vorhaben wie die Energiewende.

Gleiches gilt für das schnelle Internet, wie Bernd Stahl vom bloggenden Quartett betont:

„Als Miteigentümer des Netzes ist man eher bereit, den Ausbau politisch mitzutragen. Entscheidend ist das dezentrale Investment. Zudem müsse nicht die gesamte Summe über Genossenschaften finanziert werden. Die großen Netzbetreiber sind jetzt schon dabei, kräftig für den Breitbandausbau zu finanzieren. Insofern könnte man eine gute Lastenteilung organisieren. Das Ziel der Bundesregierung ist es, bis 2018 den flächendeckenden Breitbandausbau zu realisieren. Ohne dezentrale Initiativen ist das nicht zu erreichen.“

Zum internationalen Tag der Genossenschaften hat Bernd Stahl seine Ideen ausführlich in einem Ich sag mal-Bibliotheksgespräch erläutert:

Für die Euro-Krisenmanager wäre es zudem ratsam, mal in die Geschichtsbücher über die Gründungsgeschichte der Genossenschaften zu schauen, um zu lernen, wie man sich von den Exzessen der Casino-Kapitalisten verabschieden kann. Siehe mein Beitrag: BWL-Schnösel und die Leiden der Realwirtschaft #Börsencrash.

Die deutsche Erfindung der genossenschaftlich organisierten Bank wäre auch ein probates Mittel gegen die anmaßende Renditesucht der Spulatiussboys an den internationalen Finanzplätzen. So lange die Zocker die Realwirtschaft mit den Abgrund ziehen, werden die Reformpläne für die strukturschwachen Länder in Europa nicht aufgehen, sondern genau das Gegenteil bewirken. In einer ähnlichen Situation gründete der Sozialreformer Friedrich Wilhelm Raiffeisen vor rund 150 Jahren eine Darlehenskasse in der Kleingemeinde Heddesdorf im Westerwald.

„Das Ziel des Bürgermeisters und Finanzpioniers: Arme Bauern und Handwerker sollten günstige Kredite für Investitionen erhalten und ihre kärglichen Ersparnisse sicher anlegen können. Damals (wie heute, gs) zhogen dubiose Geldverleiher über die Dörfer, um in Not geratenen Landwirten und Kleinunternehmern Wucherkredite anzudrehen“, so die Wirtschaftswoche.

Um das Problem der schlechten Bonität zu lösen, setzte Raiffeisen auf das Prinzip „Hilfe zur Selbsthilfe“. Man könnte es auch nach dem Motto der „Vier Musketiere“ formulieren: „Einer für alle, alle für einen“.

„Eine Gruppe Kreditbedürftiger schließt sich zusammen und stattet ihre Genossenschaften mit Haftungskapital aus. Für den Einzelnen ist die Einlage bezahlbar, doch unter dem Strich kommt ein ordentliches Kapitalpolster zusammen. Dadurch entsteht eine privat finanzierte Bank, die Geld an ihre Mitglieder verleihen kann, ohne bei Ausfällen einzelner Schuldner pleitezugehen“, erläutert die Wirtschaftswoche.

Und genau das brauchen dringend die Länder Südost-Europas, wie ich bei meiner Balkan-Exkursion festgestellt habe. Dort werden die Landwirte und Handwerker von internationalen und nationalen Banken mit so genannten Mikrokrediten übers Ohr gehauen.

Wofür Muhammad Yunus im Jahr 2006 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, hat mit dem Gebaren der Bankenwirtschaft in den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens nichts mehr zu tun. Dass Mikrokredite etwa in Bosnien dringend vonnöten wären, wie sonst nirgends in Europa, belegt ein Blick in die Statistik: Die Arbeitslosenquote liegt bei 43,1 Prozent und das monatlich Pro-Kopf-Einkommen bei kläglichen 265 Euro.

Kleinstkredite, die Bedürftigen die Möglichkeit eröffnen, als Kleingewerbetreibenden sich und ihre Familien zu ernähren, werden als erfolgreiches Mittel der „Hilfe zur Selbsthilfe“ in den Regel von NGOs in Entwicklungsländer vergeben. Die Rückzahlung erfolgt in sozial akzeptabler Weise.

Auf dem Balkan jedoch geben sich die dort agierenden Banken wenig sozial. Unter dem Produktnamen „Mikrokredite“ werden Kredite an die Menschen vergeben, die sich meist anders nicht mehr zu helfen wissen: Krankheit, Arbeitslosigkeit, Ernteausfälle oder der Schulbesuch der Kinder führen viele Familien in den unter den Spätfolgen des Bürgerkrieges leidenden Landes häufig an die Armutsgrenze. Da hilft doch eine Bank wie die Hypo-Alpe-Adria Bank schnell: Mit Mikrokrediten zu Zinssätzen zwischen 20 und 24,9 Prozent (!). Dass die meisten Kreditnehmer im finanziellen Abgrund landen, haben die Banker anscheinend einkalkuliert und die Kredite werden in den meisten Fällen nur vergeben, wenn ein Familienmitglied oder guter Freund bürgt. So werden häufig gleich zwei Familien in den Bankrott manövriert. Die bosnischen Medien berichten beinahe täglich über Familiendramen made by Mikrokredite.

Da nicht nur der Balkan anscheinend wirklich an Absurdistan grenzt, machen sich die Banker des Westens um ihren Rest-Ethos hier keine allzu großen Sorgen. Mit dem Raiffeisen-Prinzip könnte man das ändern – das ist aber in diesen Ländern nahezu unbekannt. Das sollten wir so schnell wie möglich ändern – auch in den angeschlagenen Ländern der Eurozone. In Griechenland und Spanien wäre das genauso vonnöten. Wenn schon auf Regierungsebene keine wirkliche Hilfe geleistet wird, sollten die Bürger die Sache selbst in die Hand nehmen. Es ist eine Frage der Aufklärung, wie mir mein Schwiegervater in Bosnien betätigte.

Alte Eisen glühen noch – Bekenntnisse eines C 64-Veteranen

Für den Arbeitsmarkt zähle ich ja mit meinen 51 Lenzen schon längst zum alten Eisen – zumindest in der Welt der Angestellten. Vor einigen Jahren gab es ja den Trend, die über 50jährigen mehr oder weniger aus den Betrieben rauszudrängen. Das Phänomen machte bekanntlich auch vor Zeitungsredaktionen nicht halt. Folge: Es fehlen erfahrene Redakteure, die den Jüngeren mit Rat und Tat zur Seite stehen. Gott-sei-Dank bin ich seit gut 13 Jahren freiberuflich tätig und muss mich nicht mehr um die merkwürdige Personalpolitik in der Wirtschaft scheren. Mit der Überalterung der Gesellschaft wird sich auch bei der Rekrutierung in Zukunft einiges ändern – auch wenn das in den Köpfen von Führungskräften noch nicht so ganz angekommen ist.

Laut forsa-Umfrage meinen 77 Prozent der Jungen, dass Ältere im Beruf Probleme mit neuen Technologien und Kommunikationsformen haben. Das bestätigen aber nur 54 Prozent der Alten. Die sogenannten Silver Surfer sind derzeit die am schnellsten wachsende Gruppe im Internet – schon das untermauert, dass Ältere durchaus technikaffin sind.

„Ob Chinesisch oder die neue Buchhaltungssoftware: Alte können sich alles zutrauen“, erklärt Margaret Heckel, Autorin des Buches „Midlife-Boomer“

Leider bleiben ältere Bewerber in den Technologie-Berufen auf der Strecke, kritisiert Maxiilian Nobis von IT-Personaldienstleister Harvey Nash: „Eine vertane Chance für die Unternehmen. Die Vorteile dagegen werden kaum gesehen.“

Die Älteren schaffen es oft nicht einmal bis zum Bewerbungsgespräch.

„Der passt nicht ins Team“ heiße es dann, berichtet Nobis. Gemeint ist: Der jeweilige Chef – selbst Mitte 30 – will keinen Mitarbeiter, der mehr Erfahrung hat, ihn womöglich nicht akzeptiert und damit nicht steuerbar ist. „Ein älterer Mitarbeiter hat größere Auswirkungen auf ein Team als eine Nachwuchskraft. Er findet schneller Gehör und ist in der Regel sehr präsent“, sagt der IT-Personalexperte. Natürlich sei es eine berechtigte Frage, wie gut sich ein Bewerber integrieren kann. „Aber das ist letztlich nicht vom Alter abhängig, sondern vom Charakter.“

Das Thema habe ich etwas ausführlicher in einer Meldung für NeueNachricht aufgegriffen:

Midlife-Boomer auf dem Arbeitsmarkt nicht abschreiben – Ältere Arbeitnehmer bieten großes Potenzial.

Und zur nächsten republica werde ich auch wieder erscheinen, trotz meines hohen Alters 🙂

Findet diesmal vom 6. bis 8. Mai statt – da hat ja meine Mutter Geburtstag. Kann ich ja mit einem Besuch kombinieren. Meine Mutti ist übrigens mit ihren 82 Jahren auch noch sehr rüstig.

Liquid Democracy für die Wirtschaftswelt keine Utopie: Der Außendruck steigt

Riecht das Thema Liquid Democracy in Unternehmen nun nach Basisdemokratie ohne Entscheidungsfindung und täglicher Vollversammlung im Labermodus? Mitnichten. Was ich privat als Konsument und Wähler an Möglichkeiten zur Partizipation im Social Web wahrnehme, möchte ich irgendwann auch am Arbeitsplatz erleben. Wie beim Trend „Bring Your Own Device“. Deshalb wird der Druck auf Unternehmen steigen, so bwl zwei null-Blogger Matthias Schwenk, die Technologien der Beteiligung auch intern einzusetzen. Mit Romantik und Utopie hat das nichts zu tun.

Mit den Möglichkeiten der Vernetzungseffekte erhöht sich die Wahrscheinlichkeit in Organisationen enorm, auf kluge und weise Menschen zu stoßen, die einen hilfreichen Beitrag zu einem Thema leisten können. Es reduziert die Möglichkeiten der Meinungsdiktatoren in Wirtschaft, Politik und Medien, Wissen zu horten und über monopolisiertes Wissen Macht auszuüben.

Das Ganze ist unglaublich anstrengend. Wer sich gegen die vielen Stimmen im Netz durchsetzen will, muss sehr gute Argumente haben und ein wahrer Überzeugungskünstler sein beim Bohren dicker Bretter, wie es Max Weber formuliert hat – intern wie extern.

Nachzulesen in meiner Kolumne für „The European“.

Mehr zu diesem Thema in meiner morgigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.