Wenn Politikflüsterer das Internet unterschätzen

Wie aktiv sind die Internetnutzer?
Wie aktiv sind die Internetnutzer?

Die hochnäsigen Netzaktivisten sollten endlich zur Kenntnis nehmen, dass es eine digitale Spaltung in der Gesellschaft gibt, die uns allen etwas fremd vorkommt, mahnt der CDU-Mann Stephan Eisel in seiner Socialbar-Rede im Bonner Wissenschaftsladen. Er sieht die Spaltung in der Internet-Nutzung vor allem am Arbeitsplatz. Das sei vielen Menschen aufgrund ihrer beruflichen Situation verwehrt:

„Es gibt im Internet keine Chancengleichheit zwischen denen, die den ständigen Zugang haben und denjenigen, die den Zugang nur in ihrer Freizeit haben. Es macht einen Unterschied, ob ich Busfahrer oder Krankenpflegerin oder ob ich Kommunikationsleitern bin. Auch das wird viel zu wenig diskutiert – vielleicht auch deswegen, weil übers Internet vor allem in akademischen Zirkeln diskutiert wird. Und akademische Zirkel sind sich wenig bewusst, dass sie in der Minderheit sind.“

Auf die Netzkompetenz sollte man sich allerdings wenig einbilden, denn in vielen Berufen seien auch Akademiker Analphabeten, meint Eisel:

„Wenn wir ein Schwein schlachten und Wurst herstellen müssten, würden wir schnell an die Grenzen unserer Kompetenz stoßen.“

In der Tat, liebwertester Internet-Erklär-Gichtling Eisel. Jeder Experte ist auch ein Idiot und Laie fernab seiner Expertise. Nur sind die Metzgermeister wesentlich weiter, als es Politikwissenschaftler vermuten. So kommen beim Fleischverkauf intelligente Waagen zum Einsatz, die mit Warenwirtschafts-, ERP- oder SAP-Systemen verbunden sind – bis hin zur Kopplung an die Preisfindung. Mit der von Philipp Matthäus Hahn im 18. Jahrhundert erfundenen „Wand-Neigungswaage“ hat das nichts mehr zu tun. Die Metzger-Maschinen sind wiegende und druckende Internet-Terminals.

Auch Kühe und Schweine sind in der Computerwolke

Und selbst Traktoren, Milchvieh und Schweine halten sich schon längst im Netz auf. So etwas nennt sich Präzisions-Landwirtschaft – neudeutsch auch Precision Farming genannt. „Beim Ackerbau wird nicht mehr konstant gedüngt, sondern nur noch punktuell nach dem Bedarf der Pflanzen“, erläutert Antje Krieger, Marketing-Managerin von Agri Con in einer Bloggercamp.tv-Gesprächsrunde.

So kann über Bodenanalysen der Stickstoff-Bedarf genau ermittelt werden. Die Traktoren ziehen über GPS automatisch ihre Bahnen, ohne dass der Fahrer lenken muss. Die Vermessung des Feldes liegt in der Computerwolke.

Die tägliche Nutzung des Internets am Arbeitsplatz skizzierte auch Gerald Maatmann, Jungbauer in der Grafschaft Bentheim. Früher wollte er seine 80 Kühe über Excel verwalten.

„Eine Kuh produziert Daten und die möchtest Du natürlich sofort eingeben. Da musste ich ständig zum Rechner rennen. Das klappt einfach nicht.“

Jetzt setzt er das Programm von der QSX-Datenschmiede ein.

„Unser Lehrling hat die Anwendung auf seinem Smartphone und auch mein Vater. Es läuft auf dem Stallrechner. Man muss keine Updates installieren – einfach anmelden und alles ist da.”

Bei einer Trächtigkeitsuntersuchung seiner Kühe ist das Smartphone mal in den Gülle-Schacht gefallen.

„20 Kühe hatten wir mit dem Tierarzt schon durch. Im vernetzten Stall gehen die Daten direkt nach der Eingabe in die Cloud. Das Gerät war hinüber, aber meine Daten nicht”, sagt Maatmann.

Man könnte noch weitere Anwendungsfelder anführen, die belegen, wie viele Berufsgruppen außerhalb des akademischen Milieus Zugang zum Internet haben und ohne Netzintelligenz gar nicht mehr auskommen können und wollen. Schaut man sich die von Eisel zitierten Studien etwas genauer an, sieht man auch dort die Dynamik der digitalen Transformation für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, die sich quer durch alle Bevölkerungsgruppen vollzieht.

So geht der Internet-Zuwachs in Deutschland vor allem von den über 60-Jährigen aus, von denen inzwischen 43 Prozent im Netz aktiv sind. 169 Minuten sind die Onliner täglich im Netz – eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 36 Minuten. Das liegt vor allem am Siegeszug von Smartphones und Tablets.

Aber, sagt jetzt wiederum Stephan Eisel, der Aktivitätsgrad im Internet sei doch viel geringer als viele Internet-Aktivisten tatsächlich wahrnehmen wollen. Er erwähnt die Zahl der regelmäßigen Nutzer von Facebook, die man auf rund 26 Millionen schätzt. Zur regelmäßigen Nutzergruppe werden auch jene gezählt, die sich nur ein einziges Mal im Monat einloggen. Das habe mit Aktivität wenig zu tun, so Eisel.

Er sollte sich die Statistik noch einmal etwas genauer anschauen, denn von den registrierten Nutzern sind 19 Millionen jeden Tag auf Facebook unterwegs – also knapp ein Viertel der deutschen Bevölkerung und nicht die vom früheren Kohl-Ghostwriter angeführten drei bis vier Prozent.

Ja aber, erwidert dann Meister Eisel, Like-Klicks könne man doch nicht mit einem fundierten Diskurs verwechseln, der in einer Demokratie so wichtig sei. Er könnte noch auf die von Jakob Nielsen vor sieben Jahren aufgestellte 90-9-1-Regel für Online-Communities verweisen. Demnach konsumieren 90 Prozent die Informationen eher passiv, neun Prozent tragen gelegentlich etwas mit Beiträgen bei und nur ein Prozent sind wirklich aktiv bei der Erstellung von Inhalten. Aber auch diese These aus den Frühzeiten des Social Webs hat sich erledigt.

Nach Analysen von BBC ist die Nielsen-Verteilung nicht mehr zu halten, da sich heute bereits mindestens 17 Prozent der Menschen intensiv im Social Web beteiligen. 60 Prozent sind aktiv beim Hochladen von Fotos, beim Start von Diskussionen oder bei der Gründung von Initiativen, da das technische Rüstzeug für die Beteiligung im Social Web immer komfortabler und einfacher in der Handhabung wird. Man kann es selbst ausprobieren, wenn es beispielsweise um Liveübertragungen geht, die früher nur mit schweren Geräten und Ü-Wagen möglich waren. Heute genügt eine halbwegs vernünftige Webcam, ein USB-Mikro und ein Laptop – fertig ist das Fernsehstudie und man kann Dienste wie Google Hangout on Air nutzen. Mit kleinem Budget, ohne Technikaufwand und ohne großen Personalaufwand.

Streamcamp-Komplett

Wie das geht, demonstrieren wir in vier Wochen beim StreamCamp in Köln. Da könnten wir die Möglichkeiten des Social Webs weiter diskutieren in einer Session – natürlich mit Livestreaming ins Netz 🙂

Meine Eisel-Replik kann man ausführlich im Debattenmagazin „The European“ nachlesen.

So sieht sie aus, die Mauerpolitik im Netz: SPD, Grüne, CDU und FDP mauern gegen Transparenz im Landtag.

Auch da sollte man am Ball bleiben: Coming soon: Buch zum NSA-Überwachungsskandal

Über den Facebook-EdgeRank-Tod und alte Rationalitätsmythen in neuen Schläuchen

Der EdgeRank von Facebook ist schon seit längerem tot und wurde durch den “Facebook News Feed Rank” mit mehr als 100 Faktoren ersetzt. Darauf verweist Bjoern Negelmann und beerdigt im gleichen Atemzug direkt das so genannte „Social Media Management by Bauchgefühl“:

„Für den gewieften Facebook-Experten ist dies per se keine Neuigkeit, denn schliesslich gilt schon seit Längerem, dass es mehr als nur eine enge Beziehung zum Beitragsveröffentlicher (‚Affinity‘-Wert), einen hohen Interaktionsbedeutung (‚Edge-Weight‘-Wert) und eine hohe Aktualität (“Decay”-Wert) braucht. Facebook hat für den Filter mittlerweile ein lernendes System entwickelt, welches für jeden einzelnen Beitrag misst und bewertet, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, ob der Beitrag Gefallen findet und damit einen Klick oder gar einen Kommentar bekommt. Auch die Ablehnung von Beiträgen wird dabei berücksichtigt. Facebook versucht damit die individuelle Relevanz von Inhalten abhängig von den Veröffentlichern, den Nutzungssituationen und vielen anderen Faktoren zu ermitteln.“

Als Konsequenz schließt sich Björn der Empfehlung von Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach an: “Weg mit dem Social Media Chichi!” Für ein erfolgreiches Facebook-Marketing brauche es nun ein professionelles Vorgehen – mit dem Monitoring und der Analyse des Fan-Verhaltens als Grundlage.

„Die Zeiten des “Social Media Management aus dem Bauch heraus” sind zumindest für die dem Erfolg verpflichteten Projekten vorbei“, proklamiert Björn.

Was machen Björn und andere Anhänger eines „professionellen“ Vorgehens eigentlich mit der wissenschaftlichen Erkenntnis von Professor Gerd Gigerenzer und seinen wegweisenden Forschungsarbeiten über Bauchentscheidungen sowie der Macht der Intuition?

Der Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts schildert nicht das Land der Berechenbarkeit und der Erbsenzählerei mit Monitoring-Tools, Media-Planungen, Reichweiten-Selbstbetrug-Messungen, Interaktions-Messungen und sonstigen Rationalitätsmythen, die mir auf der dmexco in Köln so dermaßen auf den Sack gehen, dass ich diese Verkaufsmesse nicht mehr besuche. Die dmexco-Gichtlinge schildern ein Land, auf das die Sonne der Algorithmen-Warheiten ihre Strahlen der Logik und Wahrscheinlichkeit fallen lässt, während das Land, das Gigerenzer besucht, in einen Dunst der Ungewissheit gehüllt ist:

„Ich denke, die meisten sozialen Interaktionen sind weniger das Ergebnis komplexer Kalkulationen als vielmehr das Resultat besonderer Bauchgefühle, die ich soziale Instinkte nenne.“

Der britische Soziologe Michael Power vertritt die These, wir lebten in Audit-Gesellschaften, in denen immer mehr beobachtet und immer weniger gehandelt wird. Sozusagen eine Evaluations- und Buchführungs-Diktatur. Nachzulesen in dem äußerst bemerkenswerten Opus „Leben im Büro“ von Christoph Bartmann – erschienen im Hanser Verlag. Der Autor erkennt im „modernen“ Management von Staat und Wirtschaft eine Tendenz zu einer neureligiösen „Fähigkeitsmystik“. Die Adepten dieser Wunder-Ideologie schwallen in endlosen Monologen von perfekter Prozessoptimierung und Qualitätssicherungsmaßnahmen und ernähren ganze Heerscharen von Beratern, die Inspektionen, Audits, Testate, Analysen, Klassifikationen und Zertifikationen wie warme Semmeln verkaufen.

Im sogenannten New Public Management gedeiht eine Neo-Bürokratie, die den Bürokratieabbau mit neuer Bürokratie übersät.

„Der flächendeckende Einsatz von NPM lässt eine Audit-Gesellschaft entstehen, in der die Rechenschaftslegung und Evaluation von Tätigkeiten einen solchen Umfang annimmt, dass die Tätigkeiten selbst von dem Zwang zur Berichterstattung und dem Aufwand der Evaluation deformiert und überfrachtet werden und so ihren ursprünglichen Sinn und Zweck verlieren“, schreibt Richard Münch in seinem Buch „Globale Eliten, lokale Autoritäten: Bildung und Wissenschaft unter dem Regime von PISA, McKinsey & Co.“

Nachzulesen in meiner The European-Mittwochskolumne.

Bauchentscheidungen können nach Ansicht von Gigerenzer die raffiniertesten Denk- und Computerstrategien in den Schatten stellen. Wenn das so ist, welches Menschenbild unterstellen eigentlich die Social Media-Erbsenzähler? Und wie erfolgreich sind sie wirklich mit ihrer Social Media-Professionalität? Vielleicht gewähren uns ja Björn Negelmann und Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach einen Blick in ihre Social Media-Formelwelt und führen live eine Always-On-Kampagnenstruktur für den Mediaeinsatz auf Facebook vor? In Bloggercamp.tv ist das möglich mit der Greenscreen-Technologie von Hannes Schleeh. Big Data-Experten haben sich bislang verweigert, uns mal die Berechenbarkeit des Menschen und das Ende des Zufalls an Rechenbeispielen zu demonstrieren.

Update: Jetzt ist mir auch klar, warum ich über diese Logik-Hymne direkt gestolpert bin. Es liegt an Wolfgang Lünenbürger-Reidenbach:

Jahresrückblick auf die 2012-Fehlprognose: Online-Marketing-One-to-One-Personalisierungs-Matchmaking-Zielgruppen-Gedöns-Propaganda.

Crowd-Service: Kommunikation mit Abwesenden in der Kundenberatung #Streamcamp

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Man kann es so herrlich simpel erklären, warum viele Firmen viel stärker auf Service-Strategien im Social Web setzen sollten. Zur Vorbereitung eines Videoblogging-Workshops brachte es ein größerer Mittelständler aus der Industrie auf den Punkt.

Die Kundenanfrage über eine Hotline ist anonym und garantiert nicht, auf den richtigen Experten zu treffen. Läuft die gleiche Anfrage in schriftlicher Form über Twitter, Facebook oder über eine Online-Community, dann kann sie gesichtet und gezielt an den Spezialisten weitergegeben werden. Im technischen Service sind das Meister, Techniker und Ingenieure, die für das Social Web geschult wurden. Die beantworten auch Fragen auf Facebook und eben nicht das Marketingteam. Effekt: Viele Fragen werden gar nicht mehr gestellt, da die Antworten auf den Social Web-Präsenzen des Unternehmens schon abrufbar sind – andere Kunden hatten das gleiche Problem und eine Lösung liegt für die Crowd vor.

„Wenn man in einer telefonischen Beratung dem Kunden weiterhelfen kann, dann freut sich nur dieser eine Anrufer. Wenn es sich um einen Service-Fall handelt, der bei vielen anderen Kunden auch auftritt, dann bekommt es keiner mit“, so die Erfahrungen des Mittelständlers.

Den gleichen Effekt mit noch größerer Wirkung erzeugt man mit Dialogangeboten, die live über Dienste wie Hangout on Air übertragen werden.

Andreas Graap von Webvideo.com hat das in unserer Bloggercamp.tv-Sendung an Beispielen erläutert:

So verweist er auf den Anbieter E-Bike-World, der das schon praktiziert.

Auch hier gibt es Effekte, die wir in unseren Videoblogging-Workshops unter der Überschrift „Kommunikation mit Abwesenden“ aufgreifen, da die Live-Hangouts als Youtube-Aufzeichnung vorliegen und sich überall einbetten lassen – auch in den Service-Communities.

Bei erklärungsbedürftigen Produkten wie E-Bikes sind Videos besser als schriftliche Informationen. Auch wenn es um Installationen, Wartungen oder Hinweise zur Behebung eines Problems geht, sollten Videos die erste Wahl sein. Der Sohn vom Sohn greift nie zur Bedienungsanleitung, sondern sucht erst einmal nach Erklärvideo – also die How to-Schiene.

All das und noch mehr würden wir (also Hannes Schleeh und ich) gerne in einem StreamCamp auf die Agenda setzen – Videokommunikation in den verschiedensten Facetten.

Nach unserem Bloggercamp.tv Update-Interview mit Ali-Reza Mokhtari von zoomm.me wächst bei uns die Neigung, Köln als Standort für dieses Barcamp zu wählen.

Als Termin steht November zur Diskussion. Ist das noch zu schaffen?

Was meint Ihr? Interesse an einem StreamCamp? Sollten wir das in Köln machen? Und wann?

Meldet Euch 🙂

Um 13 Uhr 13:30 Uhr (sollte meine Termine besser lesen) werde ich den Aspekt „Kommunikation mit Abwesenden“ in einem ichsagmal-Interview mit Andreas Graap vertiefen. Natürlich live, natürlich über Hangout on Air. Man hört und sieht sich.

Siehe auch:

Loslassen und Zwitschern: Über die Vorteile der asynchronen Kundenkommunikation.

Meine Antworten zur Streaming-Revolution im Interview mit dem Video-Blogger Ali-Reza Mokhtari.

Es gilt generell das Motto: Unternehmen, die mit ihren vernetzt organisierten Kunden nicht mithalten können, verschwinden vom Markt. Auch Einzelhändler in Fußgängerzonen.

Idiotische Werbeanrufe heißen im Hotline-Deutsch jetzt „proaktive Kontaktaufnahme“

Hotline-Verkaufstaktiken

Mit diesem Spruch reagierte jedenfalls ein Mitarbeiter von Base auf die Beschwerde meiner Frau, die auf der Facebook-Seite des Netzbetreibers veröffentlicht wurde. Großzügiger Weise wie man noch auf die Möglichkeit hin, der „proaktiven Kontaktaufnahme“ online widersprechen zu können.

Aha. Liebwertester Base-Gichtling. Nicht nötig. Deine proaktive Rechtfertigungslyrik kannst Du Dir sonst wo hinstecken. Ein Vertrag kam gar nicht zustande. Wir haben Eure Verkaufstricks durchschaut und Du kannst das morgen in meiner The European-Kolumne nachlesen.

Der Kommunikationstrainer Markus Euler stellt die berechtigte Frage, wann dieser Schwachsinn endlich aufhört:

„Ich weiß, es sind nur die schwarzen Schafe. Aber irgendwie blökt es an jeder Ecke so.“

Die Leierkasten-Truppe im telefonischen Kundendienst spielt schon seit Jahren die gleiche Musik:

„Schön, dass ich sie erreiche“; „Einmaliges Angebot“; „Kann keine Angebote versenden“; „Kann nicht durchstellen“; „Gilt nur heute und für Sie!“; „Wir müssen jetzt dieses einmalige Angebot am Telefon machen, da unser Server abgestürzt ist.“

Habt Ihr weitere Ausreden erlebt, die von telefonischen Heizdecken-Verkäufern abgelassen werden? Würde mich brennend interessieren.

Wo die tollen Services der Telcos hinführen, ist diesem Video zu entnehmen 🙂

#Base und die Hotline-Drückerkolonnen – Über die Meister der Upgrade-Rhetorik

Hotline-Terror

Nervige Kaltanrufe von Mitarbeitern der Netzbetreiber werden stets harmlos eingeleitet.

Hallo Frau/Herr xy, Sie sind jetzt schon seit Jahren ein treuer Kunde unserer Firma. Da haben wir etwas ganz Besonderes für Sie. Wir bieten Ihnen die fantastische Möglichkeit für ein Upgrade Ihres Mobilfunk-Vertrages, damit auch Ihre Familienangehörige in den Genuss unserer unschlagbaren Flatrate-Preise kommen können.

Zeigt man sich interessiert, folgt dann noch der Hinweis, dass man jetzt das Gespräch aufzeichnen wolle, um die Qualität der telefonischen Services zu verbessern.

Was dann vom Agenten runtergenudelt wird, klingt nicht wie ein Angebot, sondern wie die etwas verklausulierte Zustimmung zu einem Angebot. Stimmt man der Aufzeichnung nicht zu und verlangt ein schriftliches Angebot via E-Mail oder Post, faselt der Hotline-Fritze dann irgendetwas über die technische Unmöglichkeit, von seinem Arbeitsplatz entsprechende Angebote zu verschicken – was absoluter Schwachsinn ist. Die Call Center haben natürlich diese Möglichkeit, durch den Quotendruck beim Abschluss von Neuverträgen oder Upgrades setzen die Mitarbeiter aber die Brechstange an, um schon am Telefon den Kunden zur Zustimmung zu drängen.

Ein entsprechendes Telefonat führte heute Vormittag meine Frau mit Base. Sie stimmte einer Aufzeichnung des Gesprächs natürlich nicht zu – erste Empfehlung. Verlangte ein schriftliches Angebot – zweite Empfehlung. Und legte dann den Hörer auf – dritte Empfehlung. Das Ergebnis veröffentlichte meine Frau dann auf der Facebook-Seite von Base:

Die Methoden der unerwünschten Anrufe des Base-Callcenters gleichen denen von Drückerkolonnen. Noch ein solcher Anruf und ich kündige alle Verträge bei Base und melde dieses Vorgehen der Bundesnetzagentur.

Siehe auch: Wenn das Call Center zweimal klingelt: Wie sich Tante Erna gegen Telefonterror wehren kann.

Es gibt demnach durchaus probate Mittel, sich gegen diese Hotline-Drückkolonnen zu wehren – vierte Empfehlung:

Die Bundesnetzagentur, die seit 1. September 2009 als Kontroll- und Sanktionsinstanz im Spiel ist, hat perfekte technische Möglichkeiten, auch bei unterdrückter Rufnummer den Anrufer zu identifizieren, wenn der Anrufzeitpunkt einigermaßen eingegrenzt werden kann. Außerdem: Wenn ein Geschäft am Telefon zustande kommt, weiß Tante Erna spätestens nach Zusendung der Vertragsunterlagen und der Rechnung, wer dahinter steckt – und dann erfährt es auch die Bundesnetzagentur“, so der Ratschlag von Rechtsanwalt Michael Siegert, Spezialist für Datenschutz und Direktmarketing, im Interview mit NeueNachricht.

Auf der Bundesnetzagentur-Website befinden sich Vordrucke, mit denen die Verbraucher unlauteres Telefonmarketing relativ einfach anzeigen können.

Aber nach wie vor gilt für fast alle Netzbetreiber: Der Vertragsabschluss funktioniert ganz easy per Mausklick oder mit dem von mir gerade erwähnten Hotline-Jawort; Kündigung oder Vertragsänderung ohne Upgrade-Gedöns nur auf handgemeißelter Marmortafel in fünffacher Ausfertigung. Nachzulesen unter: E-Plus (Base) und die Koberer der Reeperbahn: Wie man Herrengedecke vertickt und Vertragsänderungen blockiert.

„Gute Freunde kann niemand trennen“: Über die Vernetzungskultur im Social Web #Bloggercamp

Friends und Netzwerke

Vor 40 Jahren erschien ein Aufsatz, der sich in den Folgejahren zu einem soziologischen Klassiker mauserte. Es handelt sich um die Studie von Mark Granovetter über Arbeitslose in Boston, die einen Job suchten. Wer einen Arbeitsplatz fand, ist danach befragt worden, wer sie auf die freie Stelle aufmerksam gemacht hat. Granovetter ging von der Hypothese aus, dass die Empfehler vor allem aus dem engeren Bekanntenkreis kommen müssten. Also die Franz Beckenbauer-Variante (in dem Video stellt der Kaiser übrigens sein unfassbares Rhythmus-Gefühl unter Beweis…).

In Kölle würde man sagen: Man kennt sich, man hilft sich.

„So sollte man denken – Granovetters Befunde waren aber genau die umgekehrten. Einen neuen Arbeitsplatz hatten die Befragten meist durch Hinweise von Personen gefunden, die sie nur flüchtig kannten oder selten sahen. Die Erklärung dieser ‚Stärke schwacher Bindungen‘ greift auf ein Wissen zurück, das jeder hat. Wer ein Gerücht in Umlauf bringen möchte, wem sollte er es wohl mitteilen? Am besten dem Frisör. Denn wenn der Frisör davon erfährt, wird er es Leuten weitererzählen, die untereinander wenig anderes gemeinsam haben als den Frisör“, schreibt Regina Mönch in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Beiläufige Bekannte öffnen den Zugang zu Netzwerken, zu denen man selber nicht gehört, schwache Bindungen transportieren Informationen schneller über größere soziale Distanzen hinweg. Umgekehrt: Wer viele flüchtige Bekannte hat, erfährt viel und erweist sich als Katalysator für Netzwerkeffekte. Besonders die schwachen Beziehungen dienen als Brücken zwischen Netzwerken und helfen, Probleme zu lösen, Informationen zu sammeln und neue Ideen aufzugreifen.

Das ideale Netzwerk besteht daher aus einem Kern von starken Beziehungen und einer umfangreichen Peripherie von schwachen Beziehungen.

Man kann also ohne großen Aufwand die schwachen Beziehungen ausbauen, ohne die starken Beziehungen zu vernachlässigen. Auf die Brückenfunktion kommt es an. Das gilt auch für Unternehmen. Entsprechende Forschungsarbeiten hat der Chicagoer Soziologe Ronald S. Burt vorgelegt.

In seinen Untersuchungen stellte sich heraus, dass die Informationen vor allem über feste Bekanntschaften zirkulieren. Ein Widerspruch zu Granovetter? Betriebswirte sprechen nicht gern mit Ingenieuren, Forscher nicht gerne mit dem Marketing, Abteilungen am liebsten mit sich selbst.

„Bekanntschaft und Gewohnheit verstärken sich gegenseitig, man konzentriert sich auf die nächste Umgebung, und so entstehen ’strukturelle Löcher‘ (Burt) zwischen Netzwerken. In der Beurteilung der Verbesserungsvorschläge schnitten aber gerade diejenigen Manager am besten ab, die solche Löcher überbrücken. Sie haben im Durchschnitt das höhere Gehalt und machen schneller Karriere“, so Mönch.

Und selbst unter den Spitzenkräften der von Burt untersuchten Firma waren diejenigen, die sich auf intensiven Austausch im engsten Kreis beschränkten, auch diejenigen mit den schwächsten Innovationsideen.

Wer im eigenen Saft schmort, verliert Wirkung – müsste der Netzgemeinde ja bekannt vorkommen…

Wie kann man das Granovetter-Prinzip nun im Social Web umsetzen? Nach Ansicht von Smart Service-Blogger Bernhard Steimel liegt ein Schlüssel in der Exklusivität.

„Wer im digitalen Raum Erlebnisse nur mit ausgewählten Menschen teilen möchte, der tut gut daran, Mechanismen zu nutzen, die das Weiterverbreiten unterbinden.

Wie bei elitären Golfclubs müssten Mitglieder für Neulinge bürgen und das Besondere ist, dass jedes Mitglied nur eine beschränkte Anzahl an Bürgschaften abgeben darf.

„Für Außenstehende bleibt verborgen, was in der Community passiert“, so Steimel.

Wo bleibt aber die Brückenfunktion des Frisörs in diesem geschlossenen Zirkel? Das Weiterverbreiten unterbinden, den Faktor der Weitererzählbarkeit beschränken? Das läuft irgendwie einer offenen Kultur des Teilens und der Beteiligung zuwider. Schließlich lebt das Social Web vor allem über das Geben. Entsprechend sympathisch finde ich das Plädoyer von Christian Müller: „Warum wir mehr (Links) teilen sollten.“

Über die Vernetzungskultur im Social Web wollen wir heute Abend um 18:30 Uhr im Bloggercamp diskutieren mit Smart Service-Blogger Bernhard Steimel, Eleftherios Hatziioannou von Peopleizers und Marco Ripanti von Spreadly.

Hashtag für Twitter-Zwischenrufe während der Live-Übertragung wie immer .

Wird bestimmt eine spannende Disputation 🙂

Weitersagen? Gern – aber richtig! Korrektes Teilen in Facebook.

Kultur des Teilens oder Geschlossene Gesellschaft?

Die feine Gesellschaft

Was ist die Alternative zu Facebook, wenn man nicht besonders viele, sondern die wichtigen Menschen erreichen möchte, also meine engsten Freunde oder – als Marke – meine echten Fans, die mit Leidenschaft für die Marke eintreten? Diese Frage stellt Bernhard Steimel in seinem neuen Beitrag für den Smart Service-Blog.

„Wenn man Paul Adams Circle-Theorie folgt, dann liegt ein Schlüssel in der Exklusivität. Wer im digitalen Raum Erlebnisse nur mit ausgewählten Menschen teilen möchte, der tut gut daran, Mechanismen zu nutzen, die das Weiterverbreiten unterbinden. So wie die Restrealität: ‚Als der Berliner Club Ostgut nach einer mehrtägigen Abschlussparty im Jahr 2003 geschlossen wurde, verloren Tausende Berliner ihre geistige Heimat. Auf restrealität.de trafen sie sich wieder, sinnierten über Partys und alles, was dazugehört … Rein darf nur, wer einen kennt, der schon drin ist.‘ Restrealität funktioniert wie eine geschlossene Gesellschaft. Wie bei elitären Golfclubs müssen Mitglieder für Neulinge bürgen und das Besondere ist, dass jedes Mitglied nur eine beschränkte Anzahl an Bürgschaften abgeben darf. Für Außenstehende bleibt verborgen, was in der Community passiert“, so Steimel.

Aber warum bezieht man das auf die Sechs-Ecken-Theorie, die wesentlich älter ist als das Gedankengebäude von Paul Adams?

Wie kann ich in diesem exklusiven Kreis neue Entdeckungen machen? Wie kann ich von der Weisheit der Vielen profitieren? Welche Überraschungen erlebe ich? Welche Crowdsourcing-Effekte löse ich aus?

Man kann ja so etwas aufsetzen oder in irgendeine Geheimloge eintreten und sich gegenseitig auf die Schulter klopfen. Mich persönlich interessieren solche geschlossenen Zirkel überhaupt nicht.

Man möchte unter sich bleiben

Adams erwähnt ja in „seiner“ Circle-Theorie die unterschiedliche Bindekraft in Netzwerken. Der Soziologe Mark Granovetter nennt das in seiner Netzwerktheorie die schwachen und starken sozialen Bindungen. Mit den engeren Kontakten kommuniziere ich über E-Mail, Skype, Hangout und immer seltener über das gute alte Telefon – die öffentliche Kommunikation in sozialen Netzwerken zielt aber auf die entfernteren Bekanntschaften und auf die anonyme Gemeinschaft aller anderen Mitglieder. Und genau da liegt der Reiz.

Digitales Hausrecht, wie es Bernhard Steimel formuliert, klingt in meinen Ohren nach Hausmeister-Herrschaft, Vereinsmeierei, Geschäftsordnung, Vorschriften und Kassenwart. Das genaue Gegenteil von einer offenen Kultur des Teilens und der Beteiligung. Nicht mein Ding – hat mit Netzwerk-Gesellschaft nicht viel zu tun. Aber darüber würde ich mich mit Bernie gerne streiten.

Wenn man auf Facebook und Co. etwas Privates als privat postet, sollte es allerdings auch privat bleiben: Privacy-Problem im Facebook Seitenmanager.

Siehe auch:

Social Media und die Kraft der schwachen Verbindungen.

Jobsuche über die Crowd?

Weisheit der Vielen für die Stellenvermittlung

In Branchen mit einem Mangel an Fachkräften ist es wohl schwierig, auf Effekte des Crowdsourcings für die Stellenvermittlung zu setzen.

„Auch wir nutzen Facebook und andere Portale bei der Kandidatensuche. Es kommt allerdings immer darauf an, in welchem Markt man sich bewegt. Wir erleben als IT-Personalberatung, die sich direkt an die potenziellen Kandidaten wendet, wie stark die Zahl der angesprochenen Kandidaten pro freier Stelle im Durchschnitt gestiegen ist, bis eine Vakanz besetzt ist“, so Karsten Berge von SearchConsult gegenüber pressetext.

In Zeiten des Fachkräftemangels benötige man eine detektivische Spürnase und ein gutes Beziehungsmanagement, um zu erfolgreichen Abschlüssen zu gelangen.

Speziell bei höher dotierten Positionen mit einem Jahresgehalt von 70.000 Euro und mehr steigen auch die Anforderungen. Freunde, Bekannte und Kollegen müssen da schon sehr genau informiert sein.

„Entscheidend sind die Anforderungen, die zwischen den Zeilen einer Stellenanzeige stehen. Aber genau diese Details sind oft am wichtigsten, um eine Vakanz mit dem geeigneten Kandidaten zu besetzen“, sagt Berge.

In der IT-Branche werde schon länger nach dem „Mitarbeiter werben Mitarbeiter“-Prinzip gearbeitet – mit Prämien von 3.000 Euro. Laut Experten ist dies eine zusätzliche Variante, um qualifizierte Kandidaten zu finden.

Berge sagte mir noch in dem Gespräch, dass einige Firmen kräftig nach IT-Fachleuten für Cloudcomputing und Business Intelligence suchen. Das werde ich wohl aufgreifen und mir die Anwendungsfelder und Projekte anschauen, bei denen Cloud- und BI-Spezialisten zum Einsatz kommen sollen.

Besonders beim Cloudcomputing dominiert ja wohl die Skepsis, wie eine Bitkom-Umfrage Anfang des Jahres belegt:

Erst 10 Prozent aller Unternehmen setzten 2012 auf Public Cloud Lösungen. Im Jahr zuvor waren es 6 Prozent. 11 Prozent der Unternehmen planten oder diskutierten den Einsatz (Vorjahr: 7 Prozent).

„Es gibt immer noch viele Vorbehalte gegen die Public Cloud, von denen die meisten unbegründet sind“, so Bitkom-Präsident Dieter Kempf.

So sagen 79 Prozent der Unternehmen, die Public Cloud-Lösungen ablehnen, dass sie Angst vor einem Datenverlust haben. Kempf:

„Gerade kleine und mittelständische Unternehmen erreichen mit Cloud-Lösungen in der Regel ein deutlich höheres Sicherheitsniveau als mit IT-Systemen, die sie in Eigenregie betreiben.“

KPMG-Partner Bruno Wallraf:

„Interessanterweise hat fast die Hälfte der Befragten gegenüber Cloud Computing eine skeptische bis ablehnende Haltung. Die kritische Einschätzung vieler Unternehmen spiegelt sich aber keineswegs in den tatsächlichen Erfahrungen der Nutzer wider. Im Gegenteil: Mehr als drei Viertel derjenigen, die Cloud Computing bereits nutzen, berichten positiv. Dennoch gilt es, Bedenken hinsichtlich des Datenschutzes, der Integrationsfähigkeit sowie Unsicherheiten über die rechtlichen Grundlagen von Cloud Computing ernst zu nehmen.“

Wo sieht das schon besser aus? Welche Branchen und Unternehmen sind aufgeschlossen, wo werden Fachkräfte gesucht? An weiterführenden Infos wäre ich sehr interessiert.

Gruppe 47 für die Netzpolitik

Netzwerker Hans Werner Richter

In der Netzgemeinde ist nach dem gescheiterten Widerstand gegen das Leistungsschutzgesetz so richtig Leben in die Bude gekommen. Das ist heute ausführlich in meiner The European-Kolumne nachzulesen. Einige Netzaktivisten stellen nicht nur sich, sondern auch generell ihre Relevanz für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik infrage. Eine Welle der inneren Einkehr, Demut und Bescheidenheit macht sich breit. Und das ist doch ein Schritt in die richtige Richtung. Sascha Lobo stellt fest, dass es in Sachen Leistungsschutzrecht nicht gelungen sei, die YouTube-Generation abzuholen. Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter zu finden ist. Wenn das schon nicht gelingt, ist es nicht verwunderlich, dass der weniger internetaffine Teil der Bevölkerung überhaupt nicht erreicht wird. Selbst in der eigenen Familie dringt man mit seinen eigenen netzpolitischen Thesen nicht durch.

Ertrunken in der eigenen Nachrichtensauce

Wir schwimmen in einer Nachrichtensauce, die wir über Aggregatoren wie Rivva wahrnehmen und halten das für relevante Realität. Pustekuchen. Es gibt mittlerweile ein dreifaches Meinungsklima: die veröffentlichte Meinung der Massenmedien, die öffentliche Meinung der „normalen“ Bürgerinnen und Bürger und die netzöffentliche Meinung der Nerds. Und selbst die Meinungsbildung im Netz ist noch gespalten: Die Musik spielt auf Facebook, YouTube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – danebenstellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn ,Spiegel online‘ mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, sagt der Blogger Michael Seemann und begründet seine Thesen im ichsagmal-Interview.

Um breitere Bevölkerungskreise zu erreichen, müssten sich die Computerveteranen über 50 stärker ins Zeug legen und netzpolitisch einmischen, meint der CRM-Experte Michael Gorny.

Man könnte ja so eine Art Gruppe 47 für die digitale Sphäre gründen, die in losen Netzwerkstrukturen die Meinungsbildung vorantreibt. Schließlich war der von Hans Werner Richter ins Leben gerufene Literaturzirkel äußerst erfolgreich und prägend für die Kulturszene der Nachkriegszeit. Und das ohne literarisches und politisches Programm.

„Alles war nicht eine Frage von Programmen, sondern eine Frage der Mentalität“, resümiert Richter in seinen Tagebuchnotizen.

Fragt sich nur, wer von den liebwertesten Netz-Gichtlingen in die Rolle von Günter Grass, Martin Walser, Heinrich Böll, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki und Fritz J. Raddatz schlüpft?

Sascha Lobo soll übrigens den Beppe Grillo der Netzbewegung spielen. Denn nur er sei geeignet, die netzpolitische Bewegung zu erweitern mit der reichweitenstarken YouTube-Generation der Y-Tittys und den smarten, coolen Internet-Unternehmern aus dem neuen Mittelstand.

„Diese breite Bewegung könnte dem Standort Deutschland den erhofften Modernitätsschub und den Netzthemen die überfällige Anerkennung bringen“, schlägt zumindest Wolfgang Michal vor.

Bin gespannt auf weitere Vorschläge, die ich in Hangout on Air-Interviews für unser Buchprojekt zur Streaming Revolution einsammeln möchte. Meldet Euch für weitere netzpolitische Gesprächsrunden.

Siehe auch:

Das Internet entwickelt sich zurück.

Über Propheten, Berge und netzpolitischen Provinzialismus

Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann

Wenn der Berg nicht zum Netz-Propheten kommt, muss der Netz-Prophet halt zum Berg gehen. So könnte man die Ausführungen von Michael Seemann in seinem Blogpost „Ich habe vergessen, wo vorn ist“ zum Scheitern des Widerstandes gegen das Leistungsschutzgesetz auf eine Kurzformel bringen. Und ich finde diese Analyse sehr zutreffend. Michael bezieht sich in seinen Ausführungen auf Sascha Lobo, der beklagt, dass es in der Debatte zum Verlegerschutzrecht nicht gelungen sei, die Youtube Generation abzuholen.

„Es gibt keine Vernetzung zu den Videobloggern, deren Reichweite alles in den Schatten stellt, was in Blogs und auf Twitter so zu finden ist. Insgesamt ist es nicht gelungen das Problem mit dem Leistungsschutzrecht meiner Mutter, meinem Vater – niemandem außerhalb unserer kleinen Filterbubble verständlich zu machen.“

Im ichsagmal.com-Interview mit Michael ist das ausführlich zur Sprache gekommen mit einigen interessanten Vorschlägen für künftige netzpolitische Kampagnen, die ich in meiner morgigen The European-Kolumne vertiefen.

Die Reaktionen auf die Löschung der papstkritischen Beitrage von Jürgen Domian durch Facebook-Moralwächter ist ein guter Indikator für die Selbstbezogenheit einiger Netzaktivisten. Sie reichten von „heul doch“ bis zu Empfehlungen an Domian, seine Anmerkungen zur bigotten katholischen Kirche auf einem eigenen Blog zu veröffentlichen und das Hosting selbst in die Hand zu nehmen. Das ist ein Ratschlag zum Ausschluss aus der Öffentlichkeit – so eine Art selbst gewähltes Exil der Bedeutungslosigkeit in einer netzpolitischen Filterblase.

Die Musik spielt aber auf Facebook, Youtube, Tumblr und WordPress.com.

„Ob wir es wollen oder nicht: Dort findet die Öffentlichkeit statt. Wenn man unsere größten Blogs – Netzpolitik, Fefe, Hastenichtgesehen – daneben stellt, befindet sich unsere Relevanz im gerade noch messbaren Bereich. Wenn Spiegel Online mal gerade nicht über uns berichtet, sind wir Scheinriesen, deren Wirken praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet“, schreibt Michael Seemann.

Wir predigen Blogs auf selbstgehosteten Webspaces laufen zu lassen, weil das mal eine gute Idee war, als wir 2005 das Netz für uns entdeckten.

Es werde Zeit, dass wir mal unsere eigene Narrativ-Mottenkiste entrümpeln. Netzgemeinde” sei auch deswegen der richtige Begriff für uns, weil es das provinzielle und selbstbezogene dieser unserer Filterblase zum Ausdruck bringt.

„Wir sind ein kleines, verschlafenes Bergdorf, das nicht mal mitbekommen hat, dass die Dampfmaschine längst erfunden wurde.“

Die Empfehlung “Zurück zur eigenen Infrastruktur” ist dann eher ein Ausdruck der Ignoranz. Genauso wie die juristische Haarspalterei, ob es überhaupt Facebook-Zensur geben könne oder nicht, weil angeblich Zensur nur vom Staat ausgeht. Dazu habe ich ja auch ein paar Takte geschrieben. Michael sieht es ähnlich:

„Facebook ist die derzeit wichtigste digitale Öffentlichkeit und deswegen ist es eben doch ein Eingriff in die Meinungsfreiheit, wenn Facebook bestimmen darf, was gesagt werden darf und was nicht.“

Man könnte natürlich auch weiterhin die Mehrheit der Internet-Nutzer ignorieren und weiterhin hochnäsig auf Facebookianer herunterschauen. So wurde ja recht besserwisserisch kommentiert, warum Domian denn nun keinen eigenen Blog hat und sich dem Hausmeister-Regime von Facebook aussetzt.

Als Ergebnis droht der Tech-Elite ein weiteres Versinken in der Bedeutungslosigkeit.

Umgekehrt kann das nicht heißen, dass man sich widerstandslos den AGB-Diktatoren ergibt und die Notwendigkeit eines freien Netzes in den Wind schießt.

Deshalb halte ich den vierten Punkt im Blogposting von Michael für entscheidend.

„Man kämpft auf Facebook für Plattformneutralität. Wenn Facebook eine nicht offene, aber extrem populäre Inftrastruktur ist, dann machen wir sie eben zur offenen, populären Infrastruktur. Wir lobbyieren bei Facebook für die Öffnung der Plattform für Standards, etc. und kämpfen für Meinungsfreiheit und demokratische Prozesse.“

Und wir initiieren öffentlich-rechtliche Web-Projekte, die mehr Freiraum für Experimente schaffen.

Ich halte die Empfehlung der Metronauten übrigens für falsch, zur Tagesordnung überzugehen und nicht über Fehler der „Netzgemeinde“ weiter nachzudenken.

Dazu auch lesenswert, was Computerveteranen jetzt tun sollten. Ich zähle ja zu den alten Säcken, die in den 70er Jahren noch mit Lochkarten an IBM-Computern herum hantierten, die so groß waren wie ein ganzes Klassenzimmer.