Noch ist die Datenbrille „Google Glass“ nicht auf dem Markt, da erklingen in Deutschland schon die Alarmglocken. Die staatlichen Datenschützer bringen sich in Position und warnen vor dem so genannten „Lifelogging“, also dem unbemerkten Aufzeichnen von vertraulichen Gesprächen. Das Rechtssystem sei auf das Ausspähen der Umgebung nicht vorbereitet.
Drei Tage beglückte er das Nerd-Treffen mit einem Replikat und provozierte nicht nur wohlwollende Kommentare. So fragte der Chef der Gastronomie erbost:
„Nimmst Du mich jetzt auf, oder was?“
Auf Twitter gab es eine Flut von Reaktionen. Hier nur drei Beispiele:
„Ob den Leuten, die ihre #googleglass aufm Kopf tragen, bewusst ist, wie bescheuert das aussieht?“
„Habe jemandem auf der #rp13 die Brille aus dem Gesicht gerissen und zertreten. War leider gar kein Google Glass.“
„Irgendwie fühle ich immer ein Unbehagen, wenn mir jemand mit #googleglass entgegenkommt, wie auf der #rp13, etwa als wäre es Röntgenbrille.“
Führte das Street View-Projekt von Google zu höchst bizarren Abwehrkämpfen von Hausfassaden, Gartenzwergen im Vorgarten und Verpixelungs-Initiativen zur Unkenntlichmachung von Jägerzäunen, wird die Brillenvariante zu einem noch größeren Sturm der Empörung beitragen: Schlagzeilen wie „Stasi-Brille belästigt Otto-Normal-Verbraucher“ oder „Spionage-Spielzeug für Stalker und Spanner“ sind vorprogrammiert.
Liebwerteste Gichtlinge der Bild-Zeitung, für diese Schlagzeilen beantrage ich übrigens Leistungsschutzrecht!
Aber selbst Google-Chairman Eric Schmidt und Google Ideas-Direktor Jared Cohen greifen in ihrem neuen Opus „Die Vernetzung der Welt“ zum Vokabular von billigen Agenten-Filmen, um den Nutzen der Wunder-Brille zu beschreiben. So könnte man in Kombination mit einer Armbanduhr frühzeitig Religionswächter oder Agenten der Geheimpolizei verorten. Kein Scherz, das haben die beiden Autoren so formuliert. Die Uhr kommuniziert über GPS-Daten den Standort ihres Trägers und die Datenbrille stellt fest, aus welcher Richtung ein Agent kommt. Mehr ist den Google-Topmanagern auf 441 Seiten nicht eingefallen. Kein Wunder, dass die Phantasie wuchert.
Damit der Nutzen von elektronischen Assistenten (ich wollte schon Agenten schreiben) nicht vollends vor die Hunde geht, sollten potenzielle Anwender von intelligenten Gadgets schon jetzt über neue Formen der Höflichkeit nachdenken, fordert der Blogger Gerhard Schröder im ichsagmal.com-Interview.
Wir können darauf warten, was der Gesetzgeber zu Google Glass sagt. Besser wäre es, als Zivilgesellschaft über freiwillige Regeln nachzudenken. Wer bei der Blogparade bis Ende Mai mitmachen möchte, findet hier die nötigen Infos: Glassiquette statt Glasshole.
„Ob Mensch oder Smartphone, Auto oder Industriesensor: Sie alle produzieren ständig Daten. In einer Welt, in der bald jeder Kühlschrank Internetzugang hat, wachsen die Datenberge in schwindelerregende Höhen. Das IT-Unternehmen IBM hat geschätzt, dass wir täglich 2,5 Quintillionen Bytes neuer Daten produzieren, das gesamte Informationsvolumen verdoppelt sich alle zwei Jahre. Immer mehr mobile Endgeräte, 500 Millionen Tweets am Tag, ungezählte Petabyte Daten aus den Windkanal-Tests der Autoindustrie: Längst gelten Daten als das neue Öl und Daten-Wissenschaftler als Zahlenzauberer und Gurus. Aber so einfach lassen sich der so genannten ‚Big Data‘ ihre Geheimnisse nicht entlocken.“
Und die Erkenntnisse, die in der Sendung präsentiert wurden, sind nicht sehr beeindruckend. Stauinformationen, Bewegungsprofile, Ex-post-Analysen der Aufschrei-Debatte, Verfeinerung der personalisierten Werbung. Konkrete Beispiele sind immer noch Mangelware. Insofern liegt der Datenwissenschaftler DJ Patil gar nicht so falsch, wenn er seinen Kollegen Dan Ariely zitiert:
„Big Data ist wie Teenagersex: Jeder spricht darüber. Keiner weiß wirklich, wie es geht. Alle denken, dass die anderen es tun, also behauptet jeder, dass er es auch tut.”
Mein heutiger Gesprächspartner Dr. Gerhard Wohland bürstet wohl aus gutem Grund gegen den Strich:
Sympathisch pragmatisch auch Smart Service-Blogger Bernhard Steimel:
Die Revolution der Kundendaten sei Teil einer größeren Umwälzung, proklamieren die Roland Berger-Berater Björn Bloching und Lars-Luck sowie brandeins-Autor Thomas Range in ihrem Buch „Data Unser – Wie Kundendaten die Wirtschaft revolutionieren“ (erschienen im Realien Verlag – auch in einer Kindle-Version erhältlich). Die Digitalisierung habe nach PC und Internet gerade die dritte Zündstufe zugeschaltet.
„Speicher wird immer günstiger, die Rechenleistung immer größer, die Algorithmen immer intelligenter. Informatiker haben dieser Revolution die Überschrift ‚Big Data‘ gegeben“, so die Autoren.
Oder ist es vielleicht nur die neueste Sau, die gerade durchs IT-Dorf getrieben wird, wie Smart Service-Blogger Bernhard Steimel im ichsagmal-Interview ketzerisch bemerkte.
Vielleicht sind es ja gerade die semantischen Übertreibungen, die zu einem kritischen Diskurs über die Daten-Götter einladen. Wenn man von der informationellen Rohmasse für Innovationen redet. Oder von einer Trittleiter zu einer neuen Erkenntnisstufe. So soll Big Data Gesellschaft, Politik und Wirtschaft verändern wie der elektrische Strom und die Erfindung des Internets. Da werde an Apparaturen wie aus einem guten Science Fiction-Roman gebastelt. Es seien die ehrgeizigsten Vorhaben der Prognostik seit dem Orakel von Delphi. Weltsimulatoren sollen durch Echtzeitanalyse der anschwellenden Datenmasse den epidemischen Weg von Schweinegrippenviren vorausberechnen. Es sollen Empfehlungen zur Bewältigung des Klimawandels ausgespuckt und rechtzeitig Alarm geschlagen werden, wenn eine neue Finanzkrise droht. Im unternehmerischen Anwendungsmodus können die Entscheidungsmaschinen Aussagen treffen, ob die Einführung eines neuen Produktes den Wettbewerber in die Bredouille bringt oder eher das eigene Portfolio kannibalisiert. IT-Systeme im Zeitalter von Big Data seien zu Leistungen fähig, die von IT-Visionären vor Jahrzehnten versprochen wurden.
„Sie aggregieren das Wissen der Welt auf einem Bildschirm. Sie erkennen Zusammenhänge, die für die menschliche Auffassungsgabe zu komplex waren. Und sie bilden Modelle, die uns mit den Mitteln der Wahrscheinlichkeitsrechnung (was für eine Überraschung, gs) ein Fenster für den Blick in die Zukunft öffnen. Zumindest sagen sie oft zuverlässiger als wir selbst voraus, wie wir uns in bestimmten Situationen verhalten werden. Mietwagen-Firmen wissen aufgrund unseres Kundenprofils, mit wie viel Benzin im Tank wir das Leihauto zurückgeben. Ein analytisch getriebener Online-Händler weiß, bei welchem Preis ein Stammkund mit welcher Wahrscheinlichkeit zuschlägt. Und wie viel Budget es für personalisierte Werbung dafür einsetzen muss. Kreditkartenunternehmen können mit sehr hoher Trefferquote prognostizieren, wer sich in den kommenden fünf Jahren scheiden lässt“, so die Data Unser-Buchautoren.
Kennen eigentlich die Buchautoren die Tricks und das Schicksal des Orakels von Delphi? Mal so eine Bemerkung am Rande.
Auf welcher Datenbasis hat eigentlich Steve Jobs das iPhone eingeführt? Wie kommt es zu disruptiven und nicht vorhersehbaren Innovationen? Auch wenn der Blick in den Rückspiegel immer schneller gelingt und die Daten aus der Vergangenheit fast in Echtzeit vorliegen, was können die Big Data-Systeme wirklich? Hinter jedem Algorithmus stecken ja auch Konstruktionen der Wirklichkeit. Annahmen, Gewichtungen, Verzerrungen – die Datenbasis muss wiederum von Menschen interpretiert werden für Entscheidungsempfehlungen.
Dazu führe ich gleich noch ein weiteres Gespräch mit dem Organisationswissenschaftler Dr. Gehard Wohland.
Seine Steilvorlage für das Interview kam per Mail:
„Soziale Systeme sind selbstbeobachtende Systeme, wobei jede Beobachtung das System verändert. Ein soziales System ist nicht, es wird und zwar durch Beobachtung! Egal mit welchen Algorithmen beobachtet wird. Beobachtung ist nur wirksam, wenn sie kommuniziert wird. Also selbst beobachtet wird. Durch Kommunikation fügt sich die Beobachtung dem System zu. Jede Beobachtung verändert das Beobachtete. Die Beobachtung beobachtet immer auch sich selbst. Solche Systeme nennt man komplex. Sie produzieren ständig Überraschungen, die nicht einmal Wahrscheinlichkeiten folgen.“
Könnte mal einer der weltweit führenden Weltsimulations-Konstrukteure in eine Live-Kommunikation via Hangout On Air kommen – also in unserer Blogger Camp-Sendung.
Dann könnte der oder die Entwicklerin die algorithmischen Zaubertricks der Netzöffentlichkeit vorführen. Wer traut sich?
Zudem gilt mein Credo, wer von Big Data redet, sollte sich vor Open Data nicht fürchten. Oder besser: Open Data ist für jeden Big Data-Anwender Pflicht! Ansonsten gibt es eine sehr harte netzpolitische Auseinandersetzung.
In Recherchen über Sinn und Unsinn des Schlagwortes Big Data stößt man auf merkwürdige Allianzen. Die Einen warnen vor dem Niedergang des selbstbestimmten Lebens und die Anderen erträumen sich ein Himmelreich der Planbarkeit. Beide Fraktionen sitzen im selben Schützengraben und glauben an die vermeintlichen Zahlen-Zauberstücke, die ihnen von Naturwissenschaftlern mit bedeutungsschweren Gesten vorgeführt werden. Häufig handelt es sich um Physiker oder Mathematiker, die zur Sozialwissenschaft konvertiert sind. Und das wiederum ist kein Zufall. Schaut man in den Zauberkasten der Big Data-Apologeten hinein, findet man recht simple Formeln.
Kommen wir aber zum Big Data-Szenario von Professor Feindt. Man habe beispielsweise irgendeine App mit einer Entscheidungskompetenz, wie häufig ein bestimmter Artikel der Bekleidungsindustrie verkauft wird. Etwa ein Anzug oder eine Krawatte. Das sei eine wichtige Information für Disponenten von Mode.
„Ich selbst würde sagen: Ich habe keine Ahnung. Unsere Software schon. Sie macht eine Prognose und die Prognose hat einen Erwartungswert, einen Mittelwert, aber das ist eine ganze Wahrscheinlichkeitsverteilung. Vieles ist eben nicht durch einfache Zahlen darstellbar, vieles ist auch sehr unsicher. Es kann nur durch eine Wahrscheinlichkeitsverteilung beschrieben werden. Diese Unsicherheit mag sehr groß sein. Es gibt Artikel, die eine höhere Wahrscheinlichkeit richtig zum Mode-Renner zu werden als andere. Und das kann man eben vorhersagen“, glaubt der Teilchenphysiker Feindt.
Mit der bekannten Unsicherheit könnte man die optimale Entscheidung treffen. Entscheidungsmaschinen seien besser als menschliche Experten. Denn der Mensch, das wisse man aus der Biologie, neige zu Verhaltensweisen, die nicht zu rationalen Entscheidungen beitragen. Eine Maschine könne bessere Entscheidungen treffen. Sie sei in der Lage, für eine Versicherung den günstigsten Tarif zu berechnen, der zu einer niedrigen Schadensquote beiträgt. Es werden also zwei Ziele gleichzeitig erreicht, die sich eigentlich ausschließen. Manager würden vielleicht den Tarif zu teuer oder zu billig anbieten.
„Aufgrund von historischen Daten mit individualisierten Algorithmen erreicht man beide Ziele gleichzeitig“, meint Feindt.
Er würde sogar am liebsten auf Menschen bei diesen Anwendungen verzichten. Besser wäre es, wenn eine Dispositionsmaschine automatisch die Bestellungen auslöst. Also für den Einkauf von Modeartikeln, für Mettwurst und Schinken oder eben für die Berechnung des optimalen Tarifs bei einer Versicherung. Im Groben kann das sinnvoll sein, um die Menge an Hackfleisch besser zu kalkulieren, die täglich über die Verkaufstheke geht. So wären Einzelhändler in der Lage, weniger Fleisch wegzuwerfen. Verbessert sich dadurch aber der Verkauf von Fleisch- und Wurstware? Was steckt hinter den Durchschnittswerten, die man ermittelt?
Was Algorithmen leisten, sind Optionen, Wahrscheinlichkeiten, Vorschläge, Hinweise und Anregungen. Dahinter stecken allerdings wiederum Menschen, die mit Annahmen und Gewichtungen für ihre Prognose-Rechnungen operieren. Und die können Unternehmen, Volkswirtschaften, Konsumenten, Wähler und Politiker auch völlig in die Grütze manövrieren.
Schon bei Textilwaren kann das in die Hose gehen:
„Hier kann eine Maschine nicht vorhersagen, ob ich eine bestimmte Art von Bikini in der nächsten Sommersaison kaufen werde. In der Vorsaison galten vielleicht andere Regeln oder ein anderes Modebewusstsein. Die Maschinen müssen also immer wieder Neues in ihre Analysen einbeziehen, um das Interesse der Konsumenten zu testen. Genauso ist es mit politischen Ereignissen. Wenn etwa Themen wie die Sarrazin-Debatte oder der Fukushima-Atomunfall in den Nachrichten auftauchen, ist es für Maschinen nicht möglich zu sagen, was der Nutzer tun soll. Diese Ereignisse sind in ihrer Singularität einzigartig“, erklärt der Internet-Experte Christoph Kappes.
Kritiker und Anbieter von Big Data-Systemen operieren mit einem simplen Trick. Sie schrauben Maschinen, Software und Algorithmen in ihrer Wirkung und Bedeutung in ungeahnte Fallhöhen, um die eigenen Big-Brother-Horror-Thesen oder eben die alchemistischen Anwendungen besser verkaufen zu können.
„Wenn neue Technik in die Welt kommt, gibt es immer zwei Tendenzen: Die Technik und das Potenzial der neuen Technik zu übertreiben oder zu verteufeln. Organisationen haben beides im Bauch. Sie übertreiben den Einsatz von Technik, wenn es um Steuerung und Prozesse geht. Man tut so, als sei alles durchschaubar. Gefragt ist nur die richtige Software und schon funktioniert das alles. Bei hoher Dynamik braucht man allerdings auch Menschen und ihre Kompetenzen, um Wertschöpfung zu erzielen. Dieser Punkt wird häufig übersehen. Auf der anderen Seite macht man Dinge, die längst von einer Maschine bewältigt werden können. Etwa bei der Unterscheidung einer Beschwerde und einer Adressänderung“, erläutert der Systemtheoretiker Gerhard Wohland.
Sein Rat: In jeder Organisation sollte man nach diesen Übertreibungen suchen. Wer sie findet, besitzt wertvolle Potenziale, um sich zu verbessern.
„Vom Controlling wird verlangt, eindeutige Prognosen für die Zukunft zu liefern. Mit einem Plan, einem Budget und allem, was damit zusammenhängt. Dann tun die Controller das, was man von ihnen erhofft“, so Wohland.
Dumm nur, dass das alles nicht zusammenpasst.
„Kein Plan tritt tatsächlich ein. Die Zeiten sind längst vorbei, die komplexen Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren zu können. Wir nennen das oft Basar- oder Theaterkommunikation. Jeder spielt eine Rolle. Jeder weiß, dass er eigentlich Unsinn redet. Und der Gesprächspartner weiß es auch. Also passiert nichts Besonderes. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es darf keiner kommen und das Ganze tatsächlich so beschreiben, wie es ist – der fliegt in der Regel raus. Der stört das System“, weiß Wohland.
Die Intelligenz eines Unternehmens liege weder beim Controlling noch beim Management. Sie liege bei der Organisation selbst.
„Dynamikrobuste Höchstleister arbeiten nicht mit Wissen, sondern mit Talenten, Ideen und Phantasie. Deswegen ist eine Nachahmung nur schwer möglich“, resümiert Wohland.
Die Dogmatik der selbsternannten Experten könne dazu verführen, so der Philosophieprofessor Paul K. Feyerabend, dass sie anstelle von Pferden, störrische Esel besteigen und somit auf wirre Wege geraten. Wie ist es möglich, dass die Unwissenden oder schlecht Informierten mehr zuwegebringen als diejenigen, die einen Gegenstand in- und auswendig kennen, fragt sich Feyerabend.
„Eine Antwort hängt mit der Natur des Wissens selbst zusammen. Jede Einzelinformation enthält wertvolle Elemente Seite an Seite mit Ideen, die die Entdeckung von Neuem verhindern.“
Etwa eine Krawatten-Dispositionsmaschine, die nicht in der Lage ist, einen neuen Trend gegen den Mainstream durchzusetzen.
Außerhalb ihres Spezialgebietes seien Experten von weitverbreiteten und zählebigen Gerüchten abhängig. Viele Gerüchte, die mit anmaßender Gewissheit aufgetischt werden, seien nichts anderes als simple Fehler, die aus einer Mischung von Selbstgefälligkeit und Ignoranz entstehen. Besonders eklatant sei das in der Finanz- und Wirtschaftswelt:
„Makroökonomen, Statistiker, Planungsbürokraten, Analysten und selbst ernannte Wirtschaftsexperten sind überhaupt nicht in der Lage, das Unvorhergesehene zu prognostizieren. Sie schauen zu oft in den Rückspiegel, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Friktionen, Zufälle, bahnbrechende Entdeckungen, konjunkturelle Bewegungen oder politische Katastrophen kann man nicht mit statistischen Methoden berechnen“, erklärt der IT-Experte Udo Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash in Düsseldorf.
„Das Management der Zukunft findet unter den Bedingungen von Komplexität und Zufall statt. Zufallsfluktuationen und Komplexität erzeugen nichtlineare Dynamik“, schreibt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer in seinem Buch „Der kreative Zufall – Wie das Neue in die Welt kommt“. Auch wissenschaftliche Modelle und Theorien seien Produkte unserer Gehirne.
„Wir glauben in Zufallsreihen Muster zu erkennen, die keine sind, da die Ereignisse wie beim Roulette unabhängig eintreffen. Wir ignorieren Spekulationsblasen an der Börse, da wir an eine ansteigende Kursentwicklung glauben wollen“, erläutert Professor Mainzer.
In einer zufallsabhängigen Evolution sei kein Platz für Perfektion und optimale Lösungen. Zufällig, spontan und unberechenbar seien auch Einfälle und Innovationen menschlicher Kreativität, die in der Kultur- und Wissenschaftsgeschichte als plötzliche Ereignisse beschrieben werden. Ohne Zufall entstehe nichts Neues.
„Nicht immer fallen die Ereignisse und Ergebnisse zu unseren Gunsten aus – das Spektrum reicht von Viren und Krankheiten bis zu verrückten Märkten und Menschen mit krimineller Energie“, resümiert Mainzer.
Politiker, Entdecker und Unternehmer sollten weniger auf maschinengesteuerte Top-down-Planung setzen, sondern sich auf maximales Herumprobieren und das Erkennen der Chancen, die sich ihnen bieten, konzentrieren, rät der frühere Börsenhändler Nassim Taleb, Autor des Opus „Der Schwarze Schwan – Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“.
Die beste Strategie bestehe darin, möglichst viel auszuprobieren und möglichst viele Chancen zu ergreifen, aus denen sich Schwarze Schwäne ergeben könnten.
„Dass wir in Umgebungen, in denen es zu Schwarzen Schwänen kommen kann, keine Vorhersagen machen können und das nicht einmal erkennen, bedeutet, dass gewisse ‚Experten’ in Wirklichkeit gar keine Experten sind, auch wenn sie das glauben. Wenn man sich ihre Ergebnisse ansieht, kann man nur den Schluss ziehen, dass sie auch nicht mehr über ihr Fachgebiet wissen als die Gesamtbevölkerung, sondern nur viel bessere Erzähler sind – oder, was noch schlimmer ist, uns meisterlich mit komplizierten mathematischen Modellen einnebeln. Außerdem tragen sie mit größter Wahrscheinlichkeit Krawatten“, bemerkt Taleb.
Es sind also nur spärliche Erkenntnisse für die Zukunft, die über Big Data berechnet werden können – etwa im Datenjournalismus. Siehe auch: Big Data – Die Vermessung von allem. Es springen ein paar nette Storys heraus, die man über Datenanalysen gewinnt. Etwa beim Zugmonitor, der alle verfügbaren Daten über Zugverspätungen sammelt und mich warnen kann, ob meine Verbindung von A nach B pünktlich ist oder nicht. Auch das Beispiel Google Now darf in der Aufzählung nicht fehlen – also die Verbindung von Suche, Ort und Terminkalender in Kombination mit Staumeldungen. Hier bekomme ich eine Warnung, um einen Termin auch pünktlich mit dem Auto zu erreichen. Diese Anwendung entwickelt sich in öffentlichen Verlautbarungen so langsam zu einem Dauerbrenner, wenn über die Vorteile von Datenauswertungen gesprochen wird – ähnlich legendär wie der intelligente Kühlschrank, der mir sagt, wann und wie viel frische Milch ich kaufen soll oder das sogar selbst übernimmt. Auch das haut mich nicht vom Hocker. Nützliche Anwendungen sind ja ok, sie orientieren sich aber an einem klaren und präzisen Nutzungsszenario. Mein Verhalten ist dadurch aber nicht vorhersagbar. Ich entscheide selbst, ob am Bahnsteig eine Datenabfrage für mich sinnvoll ist, um über Zugverspätungen informiert zu sein not more.
Eine Konsequenz könnten die Kritiker und Verkäufer von Big Data-Systemen aber erfüllen. Wer in der Öffentlichkeit darüber redet, sollte auch Ross und Reiter nennen. Ansonsten höre ich nicht auf, das Ganze als naiven Empirismus zu titulieren. Das gilt für Ratingagenturen, Social Media-Berater, Teilchenphysiker, Inkasso-Läden und sonstige Zahlendrehern, die die Welt nicht nur vermessen, sondern auch erklären wollen.
Jeder Big Data-Gichtling ist also herzlich eingeladen, sein Rechensystem in einer Liveübertragung via Hangout On Air beim Blogger Camp zu präsentieren.
Ob der Kaiser am Schluss der Sendung ohne Klamotten dasteht oder nicht, kann ich nicht garantieren :-). Big Data sollte also immer auch Open Data sein – ansonsten ist das alchemistischer Zahlenzauber ohne Relevanz.
Deshalb ist auch die skeptische Zukunftsprognose des Social Media-Beraters Frank Tentler mit Vorsicht zu genießen. Er geht davon aus, dass spätestens in fünf Jahren alles nur noch Big Data und nicht mehr social ist. Nur noch ein paar Herzensangelegenheiten würden für das Social Web übrig bleiben.
Nö. Die Systeme bleiben so blöd wie die Analysten, die die Welt im Rückspiegel betrachten und für Zukunftsprognosen den Finger in die Luft heben. Menschen sind über Big Data nicht bestimmbar – auch wenn die Fraktion der Deterministen etwas anderes behauptet.
Das sind ein paar Ideenskizzen für längere Storys, die ich über das Big Data-Geschwurbel schreiben möchte.
Interviews, Anregungen, Kommentare, kritische Blogpostings und sonstige Vorschläge sind in dieser Woche hoch willkommen.
Am nächsten Wochenende muss ich dann das erste große Opus fertigstellen. Hier setze ich natürlich wieder auf Crowdsourcing-Effekte – also Überraschungen des Netzes, die ich nicht planen kann.
Vielleicht wäre das auch ein nettes Betätigungsgebiet für Hacker.
Man könnte in die Entscheidungsmaschinen dadaistische Algorithmen einpflanzen, die den Anwendern das Leben noch leichter macht. So könnte immerfort die gleiche Entscheidung herausspringen: 42 – also 42 Krawatten, Anzüge, Mettwürste oder 42 Fehlprognosen pro Tag.
„Seit mehr als fünfzig Jahren versuchen Wissenschaftler, die menschliche Intelligenz nachzubilden. Aber wir haben ja nicht einmal ein dreijähriges Kind nachgebildet. Wir können nicht die Kreativität, das Denken oder die Sprache eines Kleinkindes nachbilden. Was ist hier los“, fragt sich Uszkoreit.
Das verwirre die Öffentlichkeit. Die wirklichen Fortschritte der Künstlichen Intelligenz werden in diesem Spannungsfeld nicht wahrgenommen.
Datenspione sind unterwegs, die ahnungslose Menschen überwachen und skrupellos Online-Einkäufe, Haustüren, Fassaden, Jägerzäune, Vorgärten, Aufenthaltsorte, Hobbys, Reisen, Suchanfragen, Empfehlungen, Verlinkungen, Kommentare, Profile und besuchte Websites registrieren. Die Dunkelmänner des Cyberspace verfolgen nur ein einziges Ziel – sie wollen uns personalisierte Werbung einblenden. Pfui Teufel, das ist niederträchtig, gemein, verschwörerisch, anmaßend, perfide und verdient unsere tiefste Verachtung. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Dahergelaufene meint, uns werbliche Botschaften zu übermitteln, die vielleicht irgendwie den persönlichen Interessen entsprechen und uns zu Einkäufen animieren könnten.
Da ist es doch besser, wenn wir auf Schritt und Tritt mit der klassischen Massenreklame malträtiert werden, die uns langweilt, zum Umschalten des Fernsehkanals animiert oder daran erinnert, schnell noch eine Pinkelpause einzulegen, das Bier kalt zu stellen und den Hamburger in die Mikrowelle zu schmeißen. Der pädagogische Wert der Einweg-Berieselung darf nicht unterschätzt werden. Sie schützt uns vor dem Tanz um das Goldene Kalb, sie bewahrt uns davor, dem schnöden Mammon zu verfallen. Es ist wie mit dem Anti-Raucher-Kaugummi, der nach Aschenbecher schmeckt.
So wirken auch die stets lächelnden und strahlenden Hausfrauen, die uns für Waschmittel begeistern, die gütigen Opas, die ihre Enkelkinder mit widerlich süßen Bonbons beglücken, die schreiend lauten Schweinebauch-Slogans für technischen Schnickschnack, der in jedem Onlineshop billiger angeboten wird, die Heucheleien mit Danke sagender Schokolade, die man sich freiwillig nie kaufen würde und die schmierigen Männer in weißen Kitteln, die uns Ratschläge für die Zahnpflege erteilen. Die Konsumpropaganda in Zeitungen, Zeitschriften, Hörfunk, Fernsehen und auf Plakatwänden, die wir jeden Tag an den Kopf geballert bekommen, ohne uns wehren zu können, ist die gerechte Strafe für eine zu bequeme Konsumhaltung und den um sich greifenden Freizeit-Hedonismus.
Wenn Facebook, Google oder Apple hier ausscheren und perfide Pläne für die Gründung eines neuen Imperiums schmieden und dafür personalisierte Werbung als Baustein für ihre Welteroberungspläne einsetzen, ist das hausmeisterliche Vorgehen der staatlichen Datenschützer und pädagogisch gesinnten Politikern wie Daniel Mack doch zu begrüßen. Oder auch nicht. Es ist wohl reine Effekthascherei, sich als Kindermädchen meiner privaten Daten in Szene zu setzen.
Die Verteidigung des Privaten ist beim Staat in schlechten Händen. Das sollte man generell bedenken, wenn wieder über Verbote, Regulierungen, neue Überwachungsbehörden und sonstige Drangsalierungsmethoden nachgedacht wird. Das fängt beim Rauchverbot an und hört beim Bundestrojaner auf. Vorsorge und Fürsorge des Staates, so der Soziologe Wolfgang Sofsky, seien nur fadenscheinige Versprechen:
„Der Staat ist weder ein Hort der Sittlichkeit noch eine moralische Instanz. Er hütet kein Gemeinwohl und ist auch keine Quelle väterlicher Geborgenheit. Der Staat ist eine Einrichtung zur Beherrschung der Bürger.“
Das entbindet allerdings Google und Facebook nicht von der Pflicht, mich auf Augenhöhe wie einen Kunden zu behandeln, wenn es um die Geschäftsbedingungen geht. Das rechtfertigt nicht das Vorgehen von Apple und Microsoft, sich als Zensor zur Wahrung der guten Sitten aufzuschwingen. Es völlig in Ordnung, wenn mir personalisierte Werbung eingeblendet wird. Es ist nicht weiter problematisch, wenn meine Daten, die ich freiwillig zur Verfügung gestellt habe, für Analysen, Prognosen und Verfeinerungen von Diensten eingesetzt werden. Es ist nicht zu beanstanden, wenn sich die Netzanbieter nach neuen Geschäftsmodellen, Sponsoring-Angboten und Erlösquellen umschauen. Aber es ist einfach eine Unverschämtheit, gravierende Änderungen der Nutzungsbedingungen wie eine geheime Kommandosache durchzudrücken. Ich bin nicht das Klickvieh von Facebook, Google und Co. Allerdings brauche ich keine irrwitzigen Schutzgesetze, wie sie Daniel Mack von den Grünen ins Spiel gebracht hat – gut gekontert von Thomas Hutter in seinem Blogpost „Facebook ist nicht kostenlos – ein paar Gedanken zu einem politisch motivierten Blogbeitrag“.
Warum räumen die Netz-Giganten nicht generell eine Opt out-Funktion ein (Opt in-Modelle, die nicht nur der Datenschutz-Deichgraf in Kiel verlangt, sind nicht praktikabel). Wenn ich einer Sache widerspreche, muss das vom Anbieter respektiert werden und nicht mit Löschung oder Ignoranz bestraft werden. Auch der Spruch, “Du kannst ja Deinen Account kündigen”, ist keine Alternative. Vielleicht bin ich ja mittlerweile beruflich und privat auf diese Dienste angewiesen. Friss oder stirb – so kann man mit den Nutzern nicht umgehen. Besser wäre es, Abweichungen vom Standardprogramm einzuräumen.
Die erste Session von 18,30 bis 19,00 zieht eine erste Hangout On Air-Bilanz und spricht über die Zukunft der Graswurzel-Kommunikation. Gäste sind Moritz Tolxdorff von Techtalk und Ersteller der beliebten Hangout on Air Toolbox, Daniel Fiene, Hangout on Air Pionier und Mitglied des Digitalen Quartetts sowie Wolfgang Bogler aus Saarbrücken. Moderation: Hannes Schleeh. Ick werde da natürlich ooch mitmachen.
Wie viel liquide Demokratie wagen die oligopolistischen Social Web-Dienstleister eigentlich? Etwa ein hochrangiger Marketing-Fuzzi von Google, der mich als akkreditierten Journalisten nach seinem Vortrag in der Pause anraunzt, meine Videoaufnahme seiner phrasenhaften und eintönigen Rede zu löschen, da er der öffentlichen Versammlung, die vorher öffentlich eingeladen wurde, irgendwelche Suchmaschinen-Staatsgeheimnisse auf langweiligen Bullshit-Bingo-Bullit-Points-Folien an die Wand geworfen hat. Schreiben dürfe ich über den Vortrag, aber bewegte Bilder müssen im elektronischen Papierkorb entsorgt werden – basta! Merkwürdig, so argumentieren eigentlich sonst nur die Generaldirektoren der Deutschland AG.
Gleiches gilt für die die Pressesprecherin von Facebook Deutschland, die sich nach Ausführungen von martONE-Blogger „zwar nicht selbst öffentlich zu Wort meldet und lieber in geschlossenen Gruppen kommuniziert, sowie nur einen ihr gefälligen Artikel der Computerwoche zitiert, der dann von zahlreichen Twitter-Vögeln (nicht despektierlich gemeint – wir sind doch alles Vögel) als ein Statement von ihr weitergeteilt wird“. Vielleicht hat die Kommunikationsdame einfach nur die falschen Vorbilder und orientiert sich mehr an der PR-Taktstock-Politik der Deutschen Bank oder an der geheimen Hinterzimmer-Kabinettspolitik von Fürst Metternich und Konsorten.
Und das gilt besonders für Veränderungen der AGBs und Nutzungsbedingungen. Es reicht eben nicht aus, wenn sich die Facebook-Tochter Instagram in knappen Worten an die Netzöffentlichkeit wendet und veränderte Geschäftsbedingungen ankündigt. Wie wäre es denn mal mit einem aktiven Dialog? Mit der Möglichkeit der Beteiligung? Mit einem Diskurs auf Augenhöhe? Warum macht man nicht ein Pressegespräch im Netz – ohne Sprachregelungen und ohne gezielte Einladungspolitik? Warum wird nicht zumindest eine Opt Out-Regel eingeführt (also die Möglichkeit zum Widerspruch, ohne gleich meine komplette virtuelle Existenz bei einem Anbieter löschen zu müssen)?
Bei aller berechtigten Kritik an der medialen Hysterie über die Fehlinterpretation der künftigen Ausrichtung des Fotodienstes, schließe ich mich der Schlussfolgerung von Zeit-Redakteur Patrick Beuth an: Nutzungsbedingungen und Datenschutz-Richtlinien sind nicht länger unbeachtete, lästige Pop-ups zum reflexartigen Wegklicken sind.
„Sie werden gelesen und ernst genommen. Und das ist eine gute Nachricht.“
Und auch überarbeitet und geändert, wie im Instagram-Fall.
Hiermit bestätige ich Google, Facebook, Apple, Microsoft und Co. eben nicht mehr, was sie mir an AGB-Diktaten unterjubeln wollen. Das wollen wir in der zweiten Session des Blogger Camps am 30. Januar von 19,30 bis 20,00 Uhr debattieren. Thema: Über die AGB-Diktatoren des Netzes.
Wer an der Gesprächsrunde, die live ins Netz via Hangout On Air übertragen wird, mitmachen möchte, sollte sich bei mir melden.
Ich setze also die Akzente etwas anders als Thomas Knüwer:
“Wenn du für etwas bezahlst, ist es die Ware. Wenn du dafür nichts bezahlst, bist du die Ware.”
Mit irgendetwas würden wir immer bezahlen.
„Wenn nicht mit Geld, dann eben mit etwas anderem. Mit Aufmerksamkeit. Mit Weiterempfehlungen. Oder eben mit unseren Daten. Selten bis nie bieten Wirtschaftsunternehmen ihre Ware oder ihre Dienstleistungen aus reinem Altruismus kostenfrei an. Wir müssen uns also überlegen, ob wir zu den Konditionen mitmachen oder nicht. Und wenn wir mitmachen, müssen wir halt die Kröte schlucken und uns auf den Deal einlassen. Oder eben nicht. Man kann ja protestieren. Aber ob es etwas nützt.“
Der Deal gehe ja nicht in eine Richtung:
„Wir handeln ja ebenfalls nicht altruistisch. Es ist ja nicht so, als ob wir Facebook oder Instagram unsere Daten oder Bilder ’spenden‘ würden, ohne selbst davon etwas zu haben. Wir profitieren von der Möglichkeit, uns dort auszutauschen und zu präsentieren. Wir bekommen, wenn wir professionell im Web unterwegs sind, hochwertige Links, Aufmerksamkeit, letztlich Werbung. Wir bekommen Speicherplatz, ein Forum, ein virtuelles Wohnzimmer, öffentlichen Plakatplatz. Der Deal ist also klar. Er gefällt uns nur nicht immer. Und immer, wenn wir daran erinnert werden, dass uns hier ein kommerzielles Unternehmen ein Angebot bereitstellt, schreien wir auf.“
Soweit der kleine Auszug aus dem Blogposting von Kerstin. Es ist ein Deal, sicherlich. Ein Social-Deal. Und ich verlange von den Tech-Giganten Google, Facebook und Co. die gleiche Behandlung, die ich in meinem eigenen Verhalten beim Geben und Nehmen an den Tag lege.
Es völlig in Ordnung, wenn mir personalisierte Werbung eingeblendet wird. Es ist nicht weiter problematisch, wenn meine Daten, die ich freiwillig zur Verfügung gestellt habe, für Analysen, Prognosen und Verfeinerungen von Diensten eingesetzt werden. Es ist nicht zu beanstanden, wenn sich die Netzanbieter nach neuen Geschäftsmodellen, Sponsoring-Angboten und neuen Erlösmodellen umschauen. Aber es ist einfach eine Unverschämtheit, gravierende Änderungen der Nutzungsbedingungen wie eine geheime Kommandosache durchzudrücken. Ich bin nicht das Klickvieh von Facebook, Google und Co. Und wenn es nicht um eine indirekte Vermarktung meiner Daten geht, sondern direkt Umsätze generiert werden sollen, verlange ich nach Partizipation. Fotos zu verkaufen, ohne die Nutzer zu informieren oder an den Umsätzen zu beteiligen, ist dreist.
Warum räumen die Netz-Giganten nicht generell eine Opt out-Funktion ein (Opt in-Modelle, die der Datenschutz-Deichgraf in Kiel verlangt, sind nicht praktikabel). Wenn ich einer Sache widerspreche, muss das vom Anbieter respektiert werden und nicht mit Löschung oder Ignoranz bestraft werden. Auch der Spruch, „Du kannst ja Deinen Account kündigen“, ist keine Alternative. Vielleicht bin ich ja mittlerweile beruflich und privat auf diese Dienste angewiesen. Friss oder stirb – so kann man mit den Nutzern nicht umgehen. Besser wäre es, Abweichungen vom Standardprogramm einzuräumen. Das wäre sogar klug, denn der Anbieter begegnet mir auf Augenhöhe und respektiert mich.
Freunde der amerikanischen Internet-Imperien, Eure Ignoranz wird sich irgendwann rächen, wenn die Nutzer mit den Füßen abstimmen und Konkurrenten auf den Markt kommen, die diesen Mist nicht praktizieren und vielleicht sogar leistungsfähiger sind. Es sind schon einige Kometen am digitalen Himmel verglüht. Nichts ist für die Ewigkeit.
Auch wenn wir morgen wieder zur Tagesordnung übergehen und uns wieder abregen, ich speichere diese Unverschämtheiten und revanchiere mich zu gegebener Zeit.
Wäre ein schönes Thema für das nächste Blogger Camp am Mittwoch, den 30. Januar 2013. Werde mir noch einen schönen Titel ausdenken. Wie wäre es mit „Über die AGB-Diktatoren des Netzes“?
Wer mitmachen möchte in der Hangout On Air-Runde, sollte sich frühzeitig bei mir melden.
Was passiert, wenn Netz-Monopolisten zu Erfüllungsgehilfen von staatlichen Überwachungs- und Kontrollwünschen werden? Wie könnte man ein dezentrales, offenes und sicheres Internet schaffen unter Bewahrung der Netzneutralität?
Und bei allen berechtigten und unberechtigten Ängsten über den Ausverkauf der eigenen Daten und dem Angriff auf die Privatsphäre blieben die Diskussionsrunden doch unpräzise, wenn es um konkrete Vorschläge geht. Deshalb mein Einwurf am Schluss der Panelrunde „Offenheit vs. Privatsphäre“ mit Patrick Beuth von Zeit Online, Dr. Annabell Preußler von der Uni Duisburg, Stefan Heuer von brand eins und dem Unternehmer Ibrahim Evsan. Wer schwingt sich also zum großen Beschützer meiner Daten und meiner Privatsphäre auf? Ist es der Bundesinnenminister, der mich gleichzeitig über Staatstrojaner ausspioniert oder Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner, die sich über die Notwendigkeit des Vergessens im Netz profilieren will (was technologisch schier unmöglich ist)? Benötigen wir eine Art staatlichen Hohepriester, der mit dem Staubsauer unterwegs ist und Daten beseitigt?
Beuth zog sich darauf zurück, dass man ja schon irgendwo das Recht auf informelle Selbstbestimmung von der Politik einfordern sollte. Jo, aber in welcher Rolle sollte dann der Staat auftreten? Als persönlicher Hausmeister, Ausputzer, Richter, Ankläger und Kindermädchen? Und wie viel Freiheitsrechte gehen dabei flöten? Überzeugend waren die Antworten auf meine Fragen nicht, die Patrick Beuth und Steffan Heuer lieferten.
Sympathischer finde ich schon die Position von Tim Cole, die er bei einer Konferenz in Frankfurt vortrug.
„Im Netz herrscht, ob wir wollen oder nicht, die totale Transparenz. Die Handlungsempfehlung ist fast so alt wie das Internet. Schreibe nichts in eine Mail, was Du nicht auch auf eine Postkarte schreiben würdest. Das haben wir schon in den 90er Jahren gesagt, als das Internet aus der Kinderkrippe kam. Der Satz war vielleicht nicht radikal genug formuliert. Heute müsste man es anders sagen. Gehe davon aus, dass alles, was Du sagst, schreibst oder sogar denkst, im Internet auftauchen wird“, mahnt der Publizist Tim Cole.
Die Kritiker, die vor der Manipulationskraft von Algorithmen, Suchmaschinen oder Social Media-Dienstleister warnen, würden ein sehr mechanistisches Weltbild der Informationsgesellschaft vertreten.
„Überflutet die Internet-Nutzer nur lange genug mit Informationen und sie werden aufhören selbständig zu denken und fremdgesteuert durchs Leben torkeln. Die Bedenkenträger können sich offenbar nicht vorstellen, dass Menschen sehr wohl die Fähigkeit besitzen, haarscharf zwischen relevanten und irrelevanten Informationen zu unterscheiden. Die Kulturpessimisten sehen die Menschen als Vieh, das nur wiederkäut und ansonsten sich von medialen Hirten vorantreiben lässt in eine ungewisse Zukunft“, erläutert Cole.
Man könnte natürlich auch dem Rat von Christoph Kappes folgen:
Pro-Tipp: Am wenigsten gefährliche Daten erzeugt man, nachdem man sich in der Erde eingegraben hat.
— Christoph Kappes from TOGETHER (@ChristophKappes) November 17, 2012
Die zweite Panelrunde in Köln lief unter dem Thema „Orientierung vs. Regulierung“ mit Dr. Jeanette Hofmann vom Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft, Falk Lüke von Digitale Gesellschaft, Dr. Wolf Osthaus von Unitief Internet und Doris Brocker von der lfm.
Am besten fand ich in dieser Runde noch die Bemerkung von Falk Lüke:
Im Datenschutz wabern Rechtsmeinungen, aber keine Rechtsprechung: Falk Lüke beim #lfmdigital
Weit wichtiger dürfte die Frage sein, wer künftig das Sagen im Netz hat. Eine Frage, die c´t-Online Talk am Samstag im Deutschlandradio verhandelt wurde, so ab der 35. Sendeminute (wenn ich das richtig in Erinnerung habe). Moderiert von Philip Banse. Zu Gast waren Jürgen Kuri, Falk Lüke und Christoph Kappes.
Das magische Datum ist der 3. Dezember. An diesem Tag startet in Dubai die World Conference on International Communication. Es geht um die Novelle der International Telecommunication Regulations (ITR), die wohl sei 1988 keine Änderung mehr erfahren hat. Ob der Multi-Stakeholder dabei über den Jordan geht, wird in Deutschland nur mit angezogener Handbremse und wenig transparent diskutiert. Darauf machte Jürgen Kuri von c’t aufmerksam. Die Zusammensetzung der deutschen Delegation werde jedenfalls vom Bundeswirtschaftsministerium nicht offengelegt. Die Beteiligung der Zivilgesellschaft werde in den USA wesentlich transparenter kommuniziert. Vielleicht sollten wir am 2. Dezember zu diesem Komplex ein Blogger Camp auf die Beine stellen – sozusagen eine Sondersendung.
Am Schluss c´t-Online Talks wurde noch über das Ansinnen der Innenminister gesprochen, Facebook als modernen Pranger bei der Verbrechensbekämpfung einzusetzen. Und ich teile die Rechtsauffassung von Christoph Kappes, dass die Polizeifahndung eine hoheitliche Aufgabe ist und nicht in private Hände gelegt werden darf. Übrigens auch nicht bei der Löschung von Accounts im Netz bei vermeintlichen Rechtsverstößen, die die Internet-Giganten eigenmächtig vornehmen. Siehe auch: Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur.
Die Gesprächsrunde von Deutschlandradio Wissen hat mir insgesamt sehr gut gefallen! Generell halte ich es für erforderlich, beim Thema Regulierung auch Roß und Reiter zu nennen. Wer soll regulieren, wie viel Freiheit geht dabei über die Wupper und wie wird das konkret in Gesetze oder Richtlinien gegossen. Auf dieser Basis sollte man dann weiter debattieren im Spannungsfeld Sicherheit und Freiheit.
„Seitens BMI wurden weder Aufträge an die Firma DigiTask noch an andere Firmen, die Software zur Informationstechnischen Überwachung (u.a. Quellen-Telekommunikationsüberwachung, Onlinedurchsuchung) vertreiben, vergeben. Vor diesem Hintergrund liegen im BMI weder Ausschreibungsunterlagen noch ein Lastenheft (Anforderungskatalog) für die Vergabe solcher Software vor.“
Dingdong. Entweder will man mich hier verscheißern oder das Ministerium hängt sich an irgendeinem Formfehler auf und betreibt rabulistische Versteckspiele bei Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern, die vielleicht nicht genau den Ton des Verwaltungsjargons treffen.
Die Bundesregierung müsse diejenigen Personen zur Verantwortung ziehen, die an Beschaffung und Einsatz solcher rechtswidrig gestalteten Software beteiligt waren. Ströbele und die Abgeordneten in den Landtagen sollten ihre Forderung noch erweitern: Es muss die Ausschreibung für die Anschaffung der Staatstrojaner offen gelegt werden. In den Leistungskriterien kann man erkennen, ob schon der Einkauf der Trojaner-Software verfassungswidrig war und den Schlapphut-Prinzipien “Legal, Illegal, Scheißegal” entspricht.
Und ein Blick in den Untersuchungsbericht des Bundesdatenschutzbeauftragten dokumentiert, dass ich mich jetzt für die Kategorie „Verscheißern“ bei der Bewertung des Antwortschreibens des Bundesinnenministeriums entscheide: Dort heißt es:
„Das BKA erstellt die Software für den Quellen-TKÜ-Einsatz nicht selbst, sondern verwendet Software der Firma DigiTask GmbH, mit der ein Rahmenvertrag abgeschlossen wurde. Nach Mitteilung des BKA sei der Markt für die Programmierung von ‚überwachungsprogrammen‘, die für den Einsatz beim BKA geeignet seien, sehr klein. Man habe deshalb auf die Firma DigiTask zurückgegriffen, weil diese am Markt etabliert sei und über einschlägige Erfahrungen verfüge. Der Rahmenvertrag sieht vor, dass das BKA entsprechende Software mit den ge- wünschten Funktionen abrufen kann. Jede Version wird individuell angepasst und auch abgerechnet. Die Überlassung des Quellcodes (eng!. source code) sieht der Vertrag nicht vor“, so der Schaar-Bericht.
Das BKA untersteht dem Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums und unterliegt den Weisungen des Ministeriums.
Damit ist der Einkauf der DigiTask-Software über das Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums getätigt worden!!!!!!
Und genau diese Ausschreibungsunterlagen samt Leistungsbeschreibung möchte ich erhalten, liebwerteste Sicherheits-Gichtlinge.
Und verweist bitte jetzt nicht wieder auf Paragraf 6 des IFG (Betriebsgeheimnisse), das hat doch schon das Bundeswirtschaftsministerium bei meinen Fragen zum Industriegutachten des Instituts der deutschen Wirtschaft gemacht.
Jetzt kommt bei der Abwehrstrategie beim Informationsfreiheitsgesetz auch nach der Faktor „Rabulistik“ hinzu. Das Portal fragdenstaat.de erweist sich als wertvolle Quelle, um die Tendenzen zur Informationsgeheimhaltung aufzudecken.
in dem Schreiben vom 9. November 2012 teilen Sie mir folgendes mit: “Seitens BMI wurden weder Aufträge an die Firma DigiTask noch an andere Firmen, die Software zur Informationstechnischen Überwachung (u.a. Quellen-Telekommunikationsüberwachung, Onlinedurchsuchung) vertreiben, vergeben. Vor diesem Hintergrund liegen im BMI weder Ausschreibungsunterlagen noch ein Lastenheft (Anforderungskatalog) für die Vergabe solcher Software vor.” Aus dem Untersuchungsbericht des Bundesdatenschutzbeauftragten steht über die Vergabe des Auftrages an die Firma DigiTask: “Das BKA erstellt die Software für den Quellen-TKÜ-Einsatz nicht selbst, sondern verwendet Software der Firma DigiTask GmbH, mit der ein Rahmenvertrag abgeschlossen wurde. Nach Mitteilung des BKA sei der Markt für die Programmierung von ‘überwachungsprogrammen’, die für den Einsatz beim BKA geeignet seien, sehr klein. Man habe deshalb auf die Firma DigiTask zurückgegriffen, weil diese am Markt etabliert sei und über einschlägige Erfahrungen verfüge. Der Rahmenvertrag sieht vor, dass das BKA entsprechende Software mit den ge- wünschten Funktionen abrufen kann. Jede Version wird individuell angepasst und auch abgerechnet. Die Überlassung des Quellcodes (eng!. source code) sieht der Vertrag nicht vor”, so der Schaar-Bericht. Das BKA untersteht dem Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums und unterliegt den Weisungen des Ministeriums.
Damit ist der Einkauf der DigiTask-Software über das Beschaffungsamt des Bundesinnenministeriums getätigt worden. Und genau auf dieser Grundlage erbitte ich jetzt um die Beantwortung meiner Anfrage. Bitte teilen Sie mir mit, was bei der Firma DigiTask in Auftrag gegeben wurde und übersenden mir auch die vollständige Leistungsbeschreibung.
So langsam nervt die rüde und sonderbare Geschäftspolitik von Facebook. Jüngstes Beispiel ist die Staat-im-Staate-Strategie des Zuckerberg-Konzerns bei der Überwachung von Chats, um Sexualstraftätern auf die Spur zu kommen. Von Sascha Lobo wird das heute zurecht in seiner Spiegelkolumne „Facebook kollidiert mit dem Grundgesetz“ aufgespießt:
„Was der Sicherheit Minderjähriger dienen soll, ist in Wahrheit katastrophal. Im Grundgesetz ist nicht umsonst das Briefgeheimnis festgeschrieben. Für die digitale Gegenwart brauchen wir ein Telemediengeheimnis.“
„Anfang Juli 2012 wurde bekannt, dass Facebook einen privaten Chat in Florida protokolliert und ausgewertet hatte. Darin chattete ein erwachsener Mann mit einem 13-jährigen Mädchen zuerst über Sex und verabredete sich danach mit ihr, der Mann wurde festgenommen. Solche Fälle werden nicht zufällig bekannt, sondern aus PR-Gründen, denn Facebook plant, sich auch für Kinder zu öffnen, womit die Frage nach der Sicherheit an Relevanz zunehmen dürfte. Abseits dieses Falls bedeutet das aber, dass Facebook seine Chatkommunikation flächendeckend aufzeichnet, analysiert und im Zweifelsfall seinen Angestellten zugänglich macht. Die dann entscheiden, ob sie Ermittlungsbehörden einschalten oder nicht. ‚Wir respektieren die Rechte anderer‘ und ‚Deine Privatsphäre ist uns sehr wichtig‘. Das schreibt Facebook ernsthaft in die Nutzungsbedingungen, vergisst aber leider mitzuteilen, dass die Privatsphäre dem Unternehmen derart wichtig ist, dass man sie ab und zu kontrolliert, wenn ein geheimer Algorithmus das für angebracht hält. Das passiert auch in Deutschland, wie Facebook gegenüber Süddeutsche.de zugab“, führt Lobo weiter aus.
Das nenne ich willkürliche Selbstjustiz, auch wenn das Vorgehen des Mannes widerlich ist. Dieser Umstand sei nichts weniger als katastrophal, das Vorgehen von Facebook enthält mehr elektronische Zumutungen, als ein Joint Venture von Gema und Verfassungsschutz sich je ausdenken könnte. Es zerschlägt auch die Gewaltenteilung.
„Die juristischen Folgen werden zu prüfen sein, die netzethischen Konsequenzen sollten in einer Debatte münden, an deren Ende die Schaffung eines Telemediengeheimnisses stehen muss. Private Chats sind 2012 das, was Briefe 1948 waren. Die Frage nach der Sicherheit der User ist berechtigt und muss von Facebook beantwortet werden“, fordert Lobo.
Wenn Unternehmen wie Facebook und Google mit meinen Daten lukrative Geschäfte machen, müssen sie mich wie einen Kunden behandeln und nicht wie Daten-Vieh, das sie jederzeit schlachten können.
So liegen die Web-Giganten in Fragen der Transparenz ungefähr auf dem Level von Gazprom:
„Dabei verdienen ausgerechnet diese Unternehmen mit der Transparenz ihrer Kunden ihr Geld“, kritisiert Christian Humborg, Geschäftsführer von Transparency International Deutschland.
Wenn diese Konzerne sich nicht von ihrer Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik verabschieden, wird es auch nichts mit dem lukrativen Geschäft personalisierter Dienste. Die wandern in die Apps und in die Cloud. Als Ergebnis bekomme ich einen virtuellen Concierge auf mein Smartphone und zeige den zentralistisch organisierten Plattformen die lange Nase. Hier liegen Chancen für Europa.