Einladung zur Disputation über Nestlé und die Wasserrechte #fragNestlé


nestle

Meine Fragen an Nestlé – auf Twitter hat man die erste Frage öffentlich nicht beantwortet. Man wollte mich erst in Bonn kennenlernen. Da ich aber schlichtweg nur an der Sache interessiert bin und mir das Kennenlernen von Konzern-Verantwortlichen in einem nicht-öffentlichen Gespräch völlig wurscht ist, einigten wir uns auf schriftliche Fragen. Zu einem Live-Interview war der Konzern nicht bereit. Hier nun die Fragen: Werten Sie Wasser/Wasserrecht als öffentliches oder privates Gut? (Wasser als Menschenrecht hilft hierbei als Antwort nicht weiter). Sehen Sie besonders in unterentwickelten Ländern nicht die Notwendigkeit, die Wasserversorgung als hoheitliche Aufgabe des Staates zu organisieren? Entscheidend für das Gemeinwohl ist der diskriminierungsfreie Zugang zu Ressourcen wie Wasser – Flächendeckung der Infrastruktur für die Ver- und Entsorgung als Beispiel. Warum streben Sie dennoch private Wasserrechte an? Warum sind sie in Ländern wie Pakistan, Algerien und Mexiko bei der Erschließung von Wasser-Ressourcen aktiv? Zu welchen Preisen bieten sie Wasser in den genannten Ländern an? (Liter-Preis).

Hier die Antwort von Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland:

„Hallo Gunnar,

wie versprochen melden wir uns mit den Antworten zu deinen Fragen zurück. Da das Thema Wasser sehr komplex ist, holen wir etwas weiter aus. Vieles davon wird dir bekannt sein, aber wir möchten die Gelegenheit nutzen und auch deinen Lesern und Followern etwas Hintergrund mitgeben – in der öffentlichen Diskussion kommt so etwas ja häufig zu kurz. Zur Sache:
Wasser hat, je nachdem von welcher Situation man spricht, Merkmale eines öffentlichen Gutes – weil niemand von der Nutzung ausgeschlossen werden kann oder sollte, beispielsweise bei Seen, Flüssen, offenen Quellen auf öffentlichem Land. Und es hat Merkmale eines privaten Gutes – wenn die Verfügbarkeit begrenzt ist, für die Erschließung und Verteilung Kosten entstehen und Gruppen, die sich nicht an diesen Kosten beteiligen, von der Nutzung ausgeschlossen werden können. Es gibt auch Ansätze, die Wasser als Allmende sehen – also als gemeinschaftliches Gut, das aber nicht unbegrenzt zur Verfügung steht und von dessen Nutzung Gruppen ausgeschlossen werden können, die nicht zu der Gemeinschaft gehören.
Konflikte um Wasser entstehen immer dann, wenn eine klare, allgemein akzeptierte und diskriminierungsfreie Regulierung fehlt – oder in einer Region weniger Wasser zur Verfügung steht, als Bedarf herrscht. Daher ist es ja so wichtig, dass der Umgang mit Wasser klar reguliert ist. Diese Regulierung ist eine hoheitliche Aufgabe. Ein Staat oder eine Gebietskörperschaft muss die Regeln für einen diskriminierungsfreien Zugang zu Wasser bestimmen und ist verpflichtet nach der Vorgabe des UN-Menschenrechts auf Wasser eine angemessene Grundversorgung für die Menschen auf seinem Hoheitsgebiet sicherzustellen (https://www.menschenrechtsabkommen.de/menschenrecht-auf…/). Ob er dies in eigener Verantwortung macht oder private Unternehmen hiermit beauftragt, ist letztlich ihm überlassen. Schwierig ist dabei, dass Wassereinzugsgebiete, Flüsse und Seen keine Rücksicht nehmen auf Grenzen oder politische Konflikte. Ein Wassereinzugsgebiet kann aber nur vernünftig verwaltet werden, wenn alle Anrainer und Nutzer zusammenarbeiten und bereit sind, sich für den langfristigen Erhalt der Wasserressourcen einzusetzen und auch selbst Beschränkungen der Nutzung zu akzeptieren.

Was die kommerzielle Nutzung von Wasser angeht – also in der Landwirtschaft, Industrie, für die Abfüllung von Quell- oder Mineralwasser, im Bergbau oder für welchen Zweck auch immer: Jeder, der aus der Nutzung von Wasser einen wirtschaftlichen Vorteil zieht, sollte nach unserer Auffassung einen angemessenen Preis hierfür entrichten, der der Knappheit (und den Kosten der Bereitstellung) Rechnung trägt. Und diesen Preis muss der Staat oder die Gebietskörperschaft bestimmen, auf Grundlage einer klaren und diskriminierungsfreien Regulierung. Die wirtschaftliche Nutzung darf nicht dazu führen, dass der Zugang von Menschen zu einer angemessenen Grundversorgung hierdurch beeinträchtigt wird – auch hierzu macht das UN Recht auf Wasser recht klare Vorgaben. Dabei gibt es in der Realität durchaus Nutzungskonflikte: übermäßige Nutzung z.B. durch bewässerungsintensive Landwirtschaft, Verunreinigungen durch Landwirtschaft, Industrie oder Bergbau führen in zahlreichen Regionen zu einer Beeinträchtigung der Wasserversorgung für die Bevölkerung (siehe z.B. http://wwf.panda.org/what_we_do/how_we_work/our_global_goals/water/, und dies erfordert gemeinsames Handeln.

Was heißt das mit konkretem Bezug auf Nestlé? Nestlé ist nicht in der öffentlichen Wasserversorgung tätig und wir haben auch nicht vor, in diesem Bereich tätig zu werden. Nestlé setzt sich auch nicht für eine „Privatisierung“ von Wasser ein. Solche Behauptungen geistern zwar durch das Netz, treffen aber deswegen noch immer nicht zu. Richtig ist, dass Nestlé für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Wasser wirbt – also für klare Regulierungen und auch für Anreize, sparsam mit Wasser umzugehen. Wir setzen uns auch dafür ein, dem Menschenrecht auf Wasser Geltung zu verschaffen. Dazu tragen wir auch in unserem eigenen Einflussbereich bei – durch Programme für Wasser- und Sanitärversorgung, Wassereinsparung in unseren Werken und Community-Programme in unseren Lieferketten. In zahlreichen Regionen helfen wir auch Landwirten, die uns mit Rohstoffen beliefern, wassersparende Bewässerungsmethoden einzuführen und wir stellen trockenheitsresistentere Pflanzen zur Verfügung, um den Bauern zu helfen, sich besser auf die Folgen des Klimawandels einzustellen. Ein Beispiel, wie dies in der Praxis aussehen kann: http://www.nestle.com/…/saving-water-in-vietnam-coffee….

Abfüllbetriebe von Nestlé, die mit einer entsprechenden Genehmigung (also einer Lizenz, einem mengenmäßig und zeitlich beschränkten Nutzungsrecht oder aufgrund einer anderen Regulierung) Wasser abfüllen, müssen auch gewährleisten, dass von ihnen keine negativen Auswirkungen auf den Zugang zu Wasser oder auf die Umwelt ausgehen. Unsere Standorte in Regionen, wo die öffentliche Grundversorgung nicht gewährleistet ist, müssen sich hierzu aufgrund unserer eigenen Verpflichtungen einer Due Diligence Überprüfung unterziehen (http://storage.nestle.com/nestle-society…/index.html…). Keiner unserer Standorte, an denen Wasser abgefüllt wird, darf die öffentliche Versorgung oder den Zugang von Menschen zu Wasser beeinträchtigen. Und keine der von uns (mit-)genutzten Quellen wird von uns so übermäßig genutzt, dass hierdurch Grundwasserspiegel sinken oder Brunnen austrocknen. Dies wird auch streng überwacht: durch uns und die Behörden, die die Genehmigung für die Erschließung und Nutzung erteilen. Jeder Abfüller von Quell- oder Mineralwasser wird übrigens ein Interesse daran haben, Quellen nachhaltig zu nutzen – wenn er eine Quelle mehr Wasser entnimmt, als ihr natürlich zufließt, entzieht er sich selber die Geschäftsgrundlage.

Das Abfüllen von Heil-, Quell- oder Mineralwasser in Flaschen ist übrigens seit jeher ein Geschäft, das privatwirtschaftlich betrieben wird, und das normalerweise auch nicht mit dem Menschenrecht auf Wasser in Konflikt steht. Allerdings kann man mit Wasser in Flaschen auch keine öffentliche Grundversorgung mit Wasser sicherstellen – aufgrund der vergleichsweise hohen Kosten und begrenzten Mengen.

Wasser in Flaschen ist eher eine (gesündere) Alternative zu zucker- und kohlesäurehaltigen Erfrischungsgetränken, und steht unabhängig von einer leitungsgebundenen Wasserversorgung in einer zuverlässigen Qualität zur Verfügung. Auch die Verkaufspreise orientieren sich eher an anderen Erfrischungsgetränken, und die Kosten für Abfüllung, Verpackung und Transport etc. sind ähnlich. In Ländern mit niedrigeren Einkommen streben wir eine Preisstellung deutlich unterhalb zuckerhaltiger Erfrischungsgetränke an – die Preise machen aber üblicherweise die Händler.

Wir sind der Auffassung, dass für die Gemeinschaften im Umfeld unserer Standorte ein Vorteil aus unserer Tätigkeit entstehen muss, der im Zweifel über das Zahlen von Steuern und das Schaffen von Arbeitsplätzen hinausgehen sollte. Daher unterstützen wir an zahlreichen Standorten umliegende Gemeinschaften z.B. bei der Trinkwassergewinnung, Förderung der sozialen Infrastruktur oder durch ähnliche Aktivitäten. Das können Sie sich ja gerne gelegentlich einmal selber anschauen – schöne Beispiele für solche Community-Programme gibt es z.B. in Pakistan, in Côte d’Ivoire, in Indien, Mexiko und vielen weiteren Ländern (siehe z.B. http://www.nestle.com/…/clean-drinking-water-for-30000… oder http://www.nestle-cwa.com/…/international-federation-of…).

Sie werden aber kein Land finden, wo Nestlé sich für eine Privatisierung von Wasser einsetzt oder dafür verantwortlich wäre, dass Menschen keinen Zugang zu Wasser haben – da müssen wir Sie leider enttäuschen. Unter http://www.nestle.de/verantwortung/wasser finden Sie auch noch einiges an Informationen und Positionen zum Thema. Wir hoffen, dies beantwortet Ihre Fragen.

Beste Grüße, Achim Drewes, Leiter Public Affairs Nestlé Deutschland“

Soweit die Antwort.

Aber was kostet denn nun ein Liter Wasser in Pakistan, Algerien und Mexiko?

Südafrika könnte man noch hinzufügen.

Der Nestlé-Check

Bottled Life

Viel Text, der zum Fakten-Check einlädt. Vielleicht helft Ihr mir bei der Gegen-Recherche, der dann zu einem Beitrag über dieses Thema führt.

Lesenswert: Zum Glück gibt es Compliance

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Autor: gsohn

Diplom-Volkswirt, Wirtschaftsblogger, Livestreamer, Moderator, Kolumnist und Wanderer zwischen den Welten.

1 Kommentar zu „Einladung zur Disputation über Nestlé und die Wasserrechte #fragNestlé“

Es lebe die Diskussion!

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