Gesprengte Hierarchien: Wie Social Media die Unternehmenswelt verändern könnte

Mikroblogging-Dienst Twitter entwickelt sich zur 7/24 Pressekonferenz für VIP´s. Darauf verweist Ityx-Manager Andreas Klug in einem Blogpost.

„Der noch vor 2 Jahren als ‚Wackelkandidat des Social Media Hypes’ gehandelte Echtzeit-Ticker wächst. Die CEO´s der Fortune 500 Unternehmen hingegen sind äußerst zurückhaltend mit der Nutzung von Twitter. Gerade neun von ihnen twittern aktiv. 19 sind überhaupt nur angemeldet. So die Erkenntnisse aus dem Fortune 500 Social CEO Index Report.“

Holger Schmidt hat in seinem Beitrag „Twittern für die Karriere“ aber genauer hingeschaut. Der Blick ins mittlere Management – in der Regel mit den sechsstelligen Jahresgehältern – offenbare ein ganz anderes Bild.

„Vier von fünf Managern in deutschen Unternehmen nutzen regelmäßig soziale Netzwerke.“

Die Social Media-Inaktivität der Unternehmenschefs, die aus dem Fortune-Report hervorgeht, steht im Widerspruch zu einer Studie von IBM (kann man nach einer Registrierung kostenlos herunterladen). Demnach ist den meisten CEOs schon klar, dass die sozialen Technologien zu einer grundlegenden Veränderung im Zusammenspiel mit Mitarbeitern, Kunden und Konkurrenten führen.

Notwendig werde auch mehr Offenheit. Vorstandschef rechnen damit, dass künftig noch größere Transparenz nötig ist und sie ihr Unternehmen für die stärkere interne und externe Zusammenarbeit öffnen müssen:

„Sie erwarten Innovation durch die Vielfältigkeit der Ideen und den ungehinderten Austausch der Gedanken. Sie wollen ihre Mitarbeiter als ‚Marktforscher‘ vernetzen, um Veränderungen besser wahrnehmen und schnell darauf reagieren zu können. Indem sie ihre Mitarbeiter in die Lage versetzen, ihre eigenen Ideen in die Tat umzusetzen, stärken sie deren Eigenverantwortung, Eigeninitiative und Bindung an das Unternehmen. Durch die Vorbereitung und Ausrüstung der Mitarbeiter auf das Arbeiten in einer offenen Umgebung rüsten sie die Multiplikatoren, die das Unternehmen nach außen repräsentieren“, so die IBM-Studie.

Generation E-Mail

Da heute immer mehr Mitarbeiter in ihrer Freizeit Social Media nutzen, erscheinen den Top-Managern traditionelle Werkzeuge für die Zusammenarbeit im Unternehmen veraltet und unzulänglich.

„Um die neue Generation von Mitarbeitern anzusprechen, müssen wir unsere Kommunikationsmethoden ändern“, so der CEO einer Bank aus Argentinien. „Wir sind die ‚Generation E-Mail‘ – sie sind die ‚Generation soziale Netzwerke‘.“

Diese Befunde liegen auf der gleichen Linie wie die weltweite CIO-Umfrage von Harvey Nash.

„Es ist zwar ein Buzzword, aber wir dürfen uns davor nicht verschließen. Wir leben in einer Welt, die zunehmend von der so genannten Generation Y geprägt wird. Und die findet man nicht in der Telefonzelle, sondern auf Twitter oder Facebook. Das gilt für die Beziehungen zu Kunden, wie für die Unternehmenskultur. Im Büro fragen sich die Mitarbeiter, warum sie Social Media nicht auch hier nutzen können. Daraus entsteht für die Unternehmen ein ganz großer Zwang, das privat Nutzungsverhalten im Social Web in die berufliche Welt zu transferieren. Und das hört am Arbeitsplatz nicht auf. Wir erleben eine soziale Orientierung fast aller Geschäftsmodelle“, erläutert Udo Nadolski, Deutschlandchef von Harvey Nash.

Gleiches gelte gesamtwirtschaftlich. Wer heute die sozialen Effekte des Netzes geringschätzt oder als irrelevant bezeichne, der werde schon morgen oder übermorgen nicht mehr zu den innovativen Mitspielern zählen. Die Netzwerk-Ökonomie sei bereits vor Jahrzehnten vorgezeichnet worden und wurde müde belächelt.

„Jetzt sollten sich die konservativen Köpfe der Wirtschaft eher schräge Gedanken über neue Wege und Methoden im Geschäftsleben machen. Sonst werden sie von der nächsten Bugwelle weggespült. In der Energiewirtschaft ist das spürbar. Wenn wir in eine soziale Orientierung gehen, bedeutet das eine Kundenbindung auf beiden Seiten. Die Kundenbindung erzeuge ich durch Wertschätzung, Echtheit und Transparenz. Das muss ich als Unternehmen in der Informations- und Kommunikationspolitik berücksichtigen. Die Generation Y glaubt uns sowieso nicht, was in unseren Hochglanzbroschüren steht“, so Nadolski.

Nach der CIO-Umfrage von Harvey Nash gewähren 82 Prozent der IT-Chefs ihren Mitarbeitern Zugriff auf Facebook, Twitter, Youtube und Linkedln. Fast ebenso viele sind davon überzeugt, soziale Netzwerke in gewissem Maße kontrollieren zu können. Letzteres dürfte sich als Illussion herausstellen:

Kontrolle von Social Media absoluter Schwachsinn

„Die Kontrolle von Social Media ist absoluter Schwachsinn, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Ich verstehe den Wunsch der Kontrolle. Das ist gezielt aber schon technologisch nicht möglich. Die Antwort im Umgang mit Social Media liegt in der Unternehmenskultur. Wir zum Beispiel haben die Nutzung unbeschränkt freigegeben. Der von uns konzipierte Leitfaden ist nur eine Orientierungshilfe. Eine Law & Order-Orientierung ist zum Scheitern verurteilt“, betont Nadolski.

Diese Erkenntnisse sind auch auf den Chefetagen angekommen. Fragt sich nur, ob auch Taten folgen. Nach der IBM-Studie denken CEOs über grundlegende Veränderungen der Organisationsstrukturen nach.

„In einer Welt des raschen Wandels müssen wir die ungehinderte Kommunikation fördern und Hierarchieebenen abschaffen, um schnell agieren zu können“, erklärte der CEO eines japanischen Anbieters von Professional Services. Der CEO eines Versicherungsunternehmens aus der Karibik formulierte es noch unverblümter: „Wir müssen die Hierarchie sprengen, damit Ideen einfacher entstehen können.“

Angeblich planen 52 Prozent der von IBM befragten CEOs erhebliche Änderungen in ihrem Unternehmen, um die interne Zusammenarbeit zu verbessern. In einigen Branchen sind es sogar noch mehr: 63 Prozent bei Professional Services, 60 Prozent im Gesundheitswesen und jeweils 59 Prozent im Bildungswesen und in der Automobilindustrie. Die Führungskräfte gehen davon aus, dass soziale Netzwerke in den nächsten fünf Jahren Websites, Call Center und Vertriebspartner überholen und nach der persönlichen Ansprache durch den Vertrieb der zweitwichtigste Kommunikationsweg werden.

Wunsch und Wirklichkeit

Soweit das Wunschdenken der Vorstandschef. Die Realität sieht anders aus. Erst 43 Prozent der weltweit im Auftrag von Genesys befragten Unternehmen hat im vergangenen Jahr mit der Nutzung von Social Media begonnen. Nur elf Prozent nutzen soziale Netzwerke seit drei Jahren oder länger für die Kommunikation mit Kunden. Angesichts der allgegenwärtigen Nutzung von Mobilgeräten und Social Media wie Facebook und Twitter sei es alarmierend, dass viele Unternehmen die Relevanz der neuen Kommunikationsformen zu spät erkennen und die Zuständigkeiten nicht geklärt haben, so der Genesys-Vorstandschef Paul Segre.

Führungskräfte seien wohl noch immer der Ansicht, dass sie die Kommunikation im Social Web kontrollieren können, spekuliert die Marketing-Professorin Donna Hoffman von der University of California Riverside.

„Viele gehen so vor, dass sie ein kleines Team für Social Media ernennen und die Situation damit als erledigt betrachten. So ist es nicht.”

Insofern ist die IBM-Studie wohl etwas zu optimistisch, wenn man sich den Veränderungswillen der Vorstandschef im Alltagsgeschäft anschaut.

Siehe auch:

Mehr als die Summe der Teile – Social Media als fester Bestandteil der Unternehmenskommunikation.

Passend dazu: „Die Generation Y ändert die Unternehmen“. Interview mit Thomas Sigi, Personalvorstand bei Audi. Seine Aussagen:

„Insgesamt sind die Jungen eben sehr pragmatisch und kooperativ, sie denken in Netzwerken. Jemand, der oben sitzt und Befehle erteilt, passt da nicht ins Bild. Sie suchen Lösungen lieber in einer Community, nicht bei den Autoritäten. In einer großen internationalen Studie zur Generation Y gab es deutlich über 40 Prozent Zustimmung zu der Aussage ‚Ich frage denjenigen, der mir helfen kann, ansatzweise werden die formellen Strukturen beachtet‘. Das ist ziemlich charakteristisch.“

Oder:

„Beide Seiten werden sich anpassen müssen – deshalb ist es ja so entscheidend zu wissen, was diese Generation antreibt. Sie will flache Hierarchien, wenig Autoritäten, im Mittelpunkt soll die inhaltliche Aufgabe und nicht die Arbeitszeit stehen. Daneben sind ihnen selbständiges Arbeiten, Selbstverwirklichung und Gestaltungsspielräume wichtig – allerdings eher im Rahmen konkreter Projekte, nicht prinzipieller gesellschaftlicher Veränderungen. Diese Generation will nicht mehr die Welt verändern, sondern ein kleines bisschen besser machen. So wie ein Update für eine Software, die im Grunde gut funktioniert.“

Die Hutzi-Putzi-Gaga-Kommunikation im Social Web


Unternehmen und Agenturen kommunizieren im Social Web auf Kleinkind-Niveau, kritisiert Ed Wohlfahrt in einem Beitrag für t3n. Mit ernstzunehmenden Kundendialogen hat das nichts zu tun:

„Wem gehen die trivialen Kommentare auf Facebook und anderen sozialen Medien nicht auf die Nerven? Wenn jemand nichts zu sagen hat, dann geht immer noch ein ‚Wow schööööön‘, ‚Toll‘ oder ‚Lieeeeb‘. Nachdenklich machen sollte uns aber vor allem auch, dass viele Unternehmen soziale Medien als Jahrmarkt der Trivialität sehen und ihre Updates aus purer Berechnung immer sinnentleerter ausfallen lassen.“

In sozialen Medien triviale Scheiße zu produzieren und auf ihre massenhafte Verbreitung zu hoffen, sei nach Auffassung von Wohlfahrt das eine. Davon auszugehen, dass alle nur noch Triviales wollen, könnte sich jedoch als Trugschluss herausstellen.

Nur ein kleines Problem sehe ich dabei. An echten Dialogen sind Unternehmen im Social Web bislang kaum interessiert. Deshalb sind die infantilen Spielchen mit irgendwelchen Albernheiten doch viel bequemer. Da gibt es zur „normalen“ Kommunikationspolitik der Unternehmen keinen so großen Unterschied:

Eine klare Sprache ist Mangelware. Statt die Sache auf den Begriff zu bringen, palavern Manager über die Sache hinweg. Erzeugt werden semantische Nebelschwaden ohne Substanz, ohne Inhalt, ohne Wirkung. Wortschwulst, Floskeln und Leerformeln dienen eher einem Ritual, um Dinge aufzublasen und wichtig zu machen. In Wahrheit verbergen sich hinter den Laber-Orgien heiße Luft und dümmliche Kalenderweisheiten.

Nachzulesen in meiner Service Insiders-Kolumne „Wenn Manager in der Buchstabensuppe schwimmen – Über das Laber-Ritual der Unternehmen“.

Das Thema von Ed Wohlfahrt möchte ich gerne in meiner nächsten Dienstagskolumne für Service Insiders vertiefen. Meinungen wieder hoch willkommen. Telefoninterviews mache ich am Montag.

Vielleicht liegt es ja auch an den vielen Katzenbildern im Netz.

Brüte noch in bosnischer Sonne bei über 40 Grad im Schatten. Samstag geht es mit einem kleinen Zwischenstop in Ösi-Land dann wieder nach Bonn.

Maschen gegen die Netz-Monopolisten

Wie gestern angekündigt, beschäftige ich mit den von Sascha Lobo zu recht geforderten Alternativen zu den Web-Monopolisten. Nicht nur herumnörgeln, sondern konstruktive Vorschläge zur Weiterentwicklung des Netzes machen. Hier der Versuch im Debattenmagazin „The European“. Auszug:

Für den Systemingenieur Bernd Stahl liegt die Lösung in dezentralen Strukturen, die für mehr Konkurrenzdruck sorgen könnten.

„Immer mehr Leute denken über sogenannte Mesh-Networks nach. Es wäre eine Renaissance des ursprünglichen Internet Spirits“, so Stahl von Nash Technologies.

Internet ohne Kontrollpunkte

Personalisierte Cloud-Dienste unterliegen dann keinem Diktat mehr von Algorithmen oder moralinsauren Web-Konzernen. Ähnlich sieht das Felix Stadler von der Zürcher Hochschule der Künste. Anstatt auf eine zentrale und zentralisierte Infrastruktur zu vertrauen, die Vernetzung organisiert, werde eine neue Generation von Plattformen entwickelt, die auf dem Prinzip der Maschen (engl.: mesh) beruht. Eine gemeinsame Infrastruktur soll durch die Vernetzung vieler einzelner lokaler Netze entstehen, die Daten untereinander weiterreichen. Damit würden die zentralen Kontrollpunkte des Netzes entfallen und man stärkt das emanzipatorische Potenzial des Netzes.

Virtuelle Assistenzsysteme wirken dann als Stützpfeiler und nicht als Heilige Inquisition. Sie befreien mich von ärgerlichen Routinearbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Der Rest wird bestimmt durch die eigene Intuition und die kann man auch künftig nicht perfekt vorhersagen.

Unendlich viel wichtiger als die nächste stirnfaltige Beschwerde über Google & Co. wäre es, die Schaffung einer nichtkommerziellen digitalen Öffentlichkeit auf die politische Agenda zu setzen, die nicht den Regeln der Börsen folgt. Das nötige Geistkapital für eine Anti-Monopol-Strategie sei in der deutschen Forschungslandschaft vorhanden, so der Netzwerkspezialist Bernd Stahl. Das Ganze könnte sogar noch mit einer Verbesserung der Netzqualität angereichert werden:

„Mein Traum ist ein Social Media Dial Tone. Darüber ist noch nicht viel gesprochen worden. Einen Dial Tone kennt jeder von uns aus dem Telefon – es geht um den Wähl-Ton. Er garantiert den ständigen Zugriff auf Dienste, unabhängig vom Operator und vom Aufenthaltsort meines Kommunikationspartners sowie ohne Ausfälle, die bei Skype, Twitter, Facebook oder Apps an der Tagesordnung sind. Beim Social Media Dial Tone stürzt nichts ab. Keine Mehrfachkonten. Keine separaten Social Media-Inseln. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter einer Haube. Wieso muss der Wildwuchs-Spaghetti der Entwickler dem Internet-Nutzer eins zu eins zugemutet werden? Es geht darum, aus sozialen Netzwerken echte Services zu generieren: vernetzt, hochverfügbar, flexibel und unabhängig vom Endgerät“, erklärt Stahl.

Gleiches gelte für die Vernetzung von Cloud-Diensten, die bislang nur als Silos angeboten werden. Es lohnt sich also, über Alternativen zu Google, Apple, Facebook und Amazon nachzudenken. Dann muss man sich auch weniger Gedanken machen über den Preis der Daten, den wir für Kostenlos-Dienste zahlen müssen.

Was es mit dem Social Media Dial Tone auf sich hat, erläutert Bernd Stahl in einem Blogpost.

Fehl-PASS: Angeblich sind die Telcos Social Media-Champions

99 Prozent der Pressemeldungen, die mir per Mail geschickt werden, sind Schrott. Und einige bringen sogar meinen Puls in Wallung. So wie diese höchst fragwürdige Werbebotschaft von der PASS Consulting Group: So werde das Potential von Social Media in den meisten Branchen erst ansatzweise erkannt – soweit konnte ich der Sache noch folgen. Das entspricht auch meinen Beobachtungen. Aber jetzt der Hammer:

„Telekommunikationsanbieter nehmen hier eine Vorreiterposition ein. Die PASS Studie ‚Online-Telco 2012‘ untersucht Telekommunikationsanbieter unter anderem auf die Nutzung von Social Media. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Ein Facebook-Profil und ein Twitter-Account werden von zwei Drittel der untersuchten Portale angeboten, fast ebenso viele betreiben einen YouTube-Kanal und einen eigenen Blog. Zusätzlich werden die Aktivitäten in Social Media meist auf der eigenen Webseite kommuniziert. Sogar das Angebot, das Web 2.0 für die Interaktion mit bestehenden oder potentiellen Kunden zu nutzen, schneidet im Vergleich zu anderen Branchen sehr gut ab. Die Vorteile eines aktiven und rege gepflegten Web 2.0-Auftritts bestehen darin, dass Nutzer in einen Dialog mit dem Unternehmen treten und sich bei aufkommenden Fragen und Problemen beraten lassen können. Bei immerhin einem Drittel der Telekommunikationsanbieter wird eine Kontaktaufnahme über Facebook oder Twitter angeboten und in der Kontaktübersicht genannt.“

Heutzutage könne es sich fast keine Branche mehr leisten, die immense Bedeutung von Social Media außer Acht zu lassen.

„Facebook zählt in Deutschland nach eigenen Angaben mehr als 23 Mio. Mitglieder, also ein Viertel der Gesamtbevölkerung. Die Telekommunikationsbranche scheint diese Entwicklung erkannt zu haben und nutzt diese vorbildlich“, so die Presseverlautbarung der Unternehmensberater.

Liebwerteste Consulting-Gichtlinge, auf welchem Planeten habt Ihr denn die Telcos untersucht? Das ist doch reine Erbsenzählerei. Wer auf Facebook, Twitter, Youtube oder sonstwo präsent ist, leistet doch noch keinen nennenswerten Social Media-Service. Das findet doch bislang nur höchst verschämt statt. Weder werden die sozialen Netzwerke noch Apps für Kundendialoge ausreichend genutzt. Und wenn, dann ist das reine Einweg-Marketing-Laberei.

Es gibt sicherlich ein paar Ausnahmen: „In England. Giffgaff zum Beispiel. In Deutschland gibt es von simyo eine sehr gute Community (Kunden helfen Kunden) und die telekom, die sich reichlich müht. Zwei Schwälbchen machen noch keinen Social Media Sommer“, so Call Center-Experte Harald Henn.

Die PASS-Studie basiert nach Firmenangaben auf der Expertenuntersuchung von zwölf der bekanntesten Telekommunikationsportale in Deutschland.

„Hierbei werden die Anbieter an einem umfangreichen Kriterienkatalog gemessen, der den Sales-Prozess von der Information über die Beratung bis zum Abschluss untersucht. Dabei werden Produkte aus den Kategorien Internet & Telefon zuhause, Mobiles Internet, Mobiltelefonie sowie Fernsehen im Detail analysiert. Zudem werden Serviceangebote auf den Webseiten und Kontaktmöglichkeiten betrachtet, wobei der E-Mail-Kontakt in einer Mystery-Mailing-Analyse genau untersucht wird. Nicht zuletzt fließt die Usability der Webseiten hinsichtlich Navigation, Darstellung und Barrierefreiheit in die Analyse ein. Komplettiert wird die Studie durch die Vorstellung von Trends und das Aufzeigen von Best Practices.“

Tja, und was sagen Kenner der Szene? Der Webservice ist miserabel, das Shop-System funktioniert nicht, die Abrechnung läuft falsch, E-Mails werden nicht beantwortet, Facebook oder Twitter werden nicht ernst genommen und, und, und.

Warum muss man denn immer noch bescheuerte Hotline-Nummern anrufen? Weil eine Hilfe beim Bestellprozess notwendig ist, die Lieferung sich verspätet, ohne Rückfrage ein veraltetes System ausgeliefert wird, Upgrade-Informationen falsch laufen, die Registrierung und Bestellung auf der Website viel zu umständlich ist, eine Upgrade-Registrierung fehlgeschlagen ist, ein zugesagter Rückruf vom Kundenservice nicht erfolgt, die Notifikation der Upgrade-Verfügbarkeit fehlgeschlagen ist, das Upgrade selbst nicht funktioniert:

„Viele Kundenkontakte sind in Wahrheit ‘Defekte’“, so die richtige Analyse Stephan Pucker, Geschäftsführer von Ad Scopum.

Lesenswert auch die Schilderungen von Christoph Pause, Chefredakteur der Zeitschrift acquisa.

“Hat ja auch nur alles zusammen vier Monate gedauert. Und bei der Telekom von Bestellung bis Freischaltung 23 Tage. Ohne Anna aus dem Team von Telekom_hilft hätte es noch viel länger gedauert. (An dieser Stelle ein tief empfundenes Dankeschön! an Anna)”, so Pause. Ausführlich nachzulesen unter: Wahlfreiheit und überall der gleiche Service? Wenn Kunden sich für Online-Einkäufe entschuldigen müssen.

Ich weiß nicht, was da in dieser PASS-Studie untersucht wird. Mit meiner Lebenswirklichkeit hat sie nichts zu tun. Oder wie seht Ihr das?

Und ob die Consulter wirklich über Social Media-Erfahrungen verfügen, erscheint mir zumindest fraglich. Aber aller Anfang ist schwer. Das erkennt man an den Social Media-Accounts der Unternehmensberater:

https://twitter.com/passnews

https://www.facebook.com/pages/PASS-Consulting-Group/110773105649217?sk=app_4949752878.

Woz warnt vor Benutzungsbestimmungen der Cloud-Dienste #AGB-Diktatur

Apple-Mitgründer Steve Wozniak warnt nach einem Bericht von Giga.de vor den populären Cloud-Diensten. Auch bei Woz stehen die Benutzungsbestimmungen im Zentrum der Kritik. Die habe ich ja als AGB-Diktatur bezeichnet:

“Ich mache mir sorgen darum, dass alles in die Cloud wandert”, so Wozniak. “Ich glaube, das wird entsetzlich werden. Ich glaube, dass wir in den nächsten fünf Jahren viele schreckliche Probleme haben werden.” Mit der Cloud besäßen die Benutzer überhaupt nichts mehr, “das hat man schon beim Anmelden weggegeben”, so Woz.

“Ich möchte, dass ich das Gefühl habe, dass mir Sachen gehören. Viele Leute glauben: ‘Oh, das ist doch alles letztendlich auf meinem Computer’, aber ich sage, dass, wenn wir immer mehr ins Web und auf die Cloud übertragen, wir immer weniger Kontrolle darüber haben werden”, erklärt der Weggefährte von Steve Jobs.

So werden höchst sinnvolle Dienste ad absurdum geführt. Im Endergebnis ist das nicht anderes als maschinengesteuerter Paternalismus der zu politisch fragwürdigen Netzsperren führt. Die Regeln setzen bigotte Konzerne nach Gutherrenmanier. Solange Wettbewerb herrscht, relativiert sich die Moralkeule, die in den unlesbaren Geschäftsbedingungen eingemeißelt wird. Ich kann ja mit den Füßen abstimmen und den Anbieter wechseln. Was aber passiert, wenn auch das nicht mehr möglich ist?

Wenn ich als Kunde von Web-Konzernen keine Wahlfreiheit mehr habe und sich die Firmenlenker als Zensor meiner Daten in Szene setzen, kann von einer Wahrung meiner Privatsphäre keine Rede mehr sein. Und das ist wesentlich kritischer als die stümperhaft personalisierten Werbeeinblendungen, die man mir auf irgendwelchen Websites an den Kopf knallt. Im Prinzip müssten die Cloud-Anbieter die gleichen Regeln verfolgen wie Hersteller von PCs. Hier kann ich ja auf meiner Festplatte Daten speichern, ohne das die PC-Firma irgendwelche Eingriffsmöglichkeiten hat. Und ob das kriminelle oder sittenwidrige Handlungen sind, kann nur die Justiz entscheiden und sonst keiner, schon gar nicht die Moralprediger von Microsoft, Google oder Apple.

Siehe auch:

Die AGB-Diktatur – Plädoyer für politische Netzneutralität.

PORNO-VERBOT IN MICROSOFT-CLOUD.

Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur.

Eine Facebook-Penis-Frage an Gunnar Bender #zeitmagazin

Die Öffentlichkeitsarbeiter von Google, Facebook, Apple und Co. lieben Schönwetter-Labereien. Da mischen sie sich unter das Netzvolk, posten lustige Sprüche, geben sich gerne cool, locker, lässig und verständnisvoll, dokumentieren ihre Vorlieben für Musik, berichten über Konzertbesuche, verweisen durch die Blume auf neue Dienste ihrer Konzerne und lassen sich auf irgendwelchen Veranstaltungen grinsend abfotografieren.

Wenn es aber mal Hagelschauer setzt, verstecken sich diese lustigen Launebärchen sehr schnell hinter Sprachregelungen oder verfallen ins semantische Koma.

Eigentlich gleichen sie in ihrer Liebe zur Transparenz dem Kreml-Chef Wladimir Wladimirowitsch Putin. Der lässt ja auch keinen Fototermin aus, um seine im Geheimdienst trainierten Muskeln der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Einen kleinen Unterschied zu den Netz-Launebären gibt es allerdings: Kritiker der Web-Konzerne wandern nicht sofort in den Knast.

Aber der Launebär Gunnar Bender könnte doch mal als Facebook-Lobbyist ein paar Antworten geben. Wie kann es denn sein, dass ein Titelbild des Zeitmagazins einfach sang- und klanglos von der Facebook-Seite verschwindet? Weil man sich mit der Frage der männlichen Nacktheit beschäftigt hat? Weil das Penis-Cover die Sexualmoral von Mark Zuckerberg durcheinander bringt? Hat Facebook den Beitrag mit dem Penis-Cover gelöscht oder nicht? Aus welchen Gründen?

Und kommen Sie jetzt nicht mit dem Hinweis auf Community Standards. Bitte schöne und wohlklingende Sätze schreiben, die Ihnen bei so vielen Web 2.0-Konferenzen über die Lippen kommen. Und als Abschluss vielleicht auch noch eine Erklärung, ob mein Foto vom Cover-Foto nun auch gelöscht wird? Denn ich werde das natürlich auch auf meinem FB-Account posten.

Die Machtanmaßung der Web-Zensoren: Wie Google & Co. Weltpolizei und Justitia spielen

Die Titelstory der Zeit passt sehr schön zu meiner gestrigen Kolumne im Debattenmagazin „The European: „Wie Facebook, Google und Co. die Welt zensieren“. Giovanni di Lorenzo geht auch auf den jüngsten Zensurfall bei Facebook ein. Der Zuckerberg-Konzern entfernte einige Seiten des Zeitmagazins, da man wohl mit den angedeuteten Penisdarstellungen nicht einverstanden war.

Das ist Zensur, liebwerteste Facebook-Gichtlinge. Das ist AGB-Diktatur. Und deshalb mein Plädoyer für politische Netzneutralität. Und ich verstehe die Verwunderung von di Lorenzo über die Friedhofsruhe im Internet. Die Aufregung in netzpolitischen Debatten ist regelmäßig groß, wenn irgendein Netzanbieter beim Datentransfer gegen die Grundsätze der Netzneutralität verstößt. Aber wie steht es um die politische Netzneutralität bei Diensten, ohne die ein Netzleben gar nicht möglich ist?

Wenn ich als Kunde von Web-Konzernen keine Wahlfreiheit mehr habe und sich die Firmenlenker als Zensor meiner Daten in Szene setzen, kann von einer Wahrung meiner Privatsphäre keine Rede mehr sein. Und das ist wesentlich kritischer als die stümperhaft personalisierten Werbeeinblendungen, die man mir auf irgendwelchen Websites an den Kopf knallt.

Die liebwertesten Silicon Valley-Gichtlinge spielen Weltpolizei und Justitia, ohne sich an die Gepflogenheiten demokratischer Rechtsstaatlichkeit zu halten. Mit dieser AGB-Diktatur geht meine informelle Selbstbestimmung flöten. „Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Und auch Stahl wundert sich, dass dieses Thema nicht ganz oben auf der Netzpolitik-Agenda steht. Wenn wir über Freiheit und Privatheit debattieren, sollten wir nicht nur den Staat im Auge behalten und kritisch auf Vorratsdatenspeicherung, Leistungsschutzrechte, Zensursula und Staatstrojaner reagieren. Mindesten genauso penetrant sind die privaten Kontrolleure, die uns mit ihrer Spießer-Moral bedrängen und steuern wollen.

Denkbar ist nach Auffassung von Matthias Schwenk sogar, dass sich die Politik auf die Seite der großen Technologie-Konzerne schlagen wird, weil ihr der gläserne und damit leicht zu überwachende Bürger gerade recht kommt. Und ich kann mich seinem Appell nur anschließen, politisch wachsam und aktiv zu bleiben, damit weder Politik noch Konzerne den Eindruck bekommen, sie hätten es mit einer Herde dummer Schafe zu tun.

Und auch wenn Twitter jetzt wieder den Account eines britischen Journalisten nach öffentlichen Protesten entsperrt hat, zählt diese Sperrung unter die Kategorie Zensur. Da können die Twitter-Bosse Rechtfertigungs-Eiertänze aufführen wie sie wollen. Es geht um den Zugang zur Netz-Öffentlichkeit und der kann nicht durch AGB-Dikatoren beschränkt werden.

Repression verdünnen und mehr Anarchie wagen: Auch in Unternehmen!

Repression verdünnen, das Leitmotto des Ich-sag-mal-Blogs, täte auch den Organisationen in Wirtschaft und Politik gut. Etwas mehr Anarchie wagen, liebwerteste Gichtlinge der Befehl-und-Gehorsam-Fraktion. Hübsch beschrieben übrigens in dem Buch „TRIAL AND ERROR“ von Tim Harford. Die deutsche Übersetzung ist gerade im Rowohlt-Verlag erschienen. Auf Seite 347 ff. schildert er die Wirkung von so genannten Shunk-Works-Abteilungen. Bei Lockheed ist das schon in den 50er Jahren praktiziert worden. Die beteiligten Ingenieure arbeiteten in einem Zirkuszelt, spielten einander Streiche, kamen zwanglos gekleidet zur Arbeit und waren nicht in die reaktionäre Unternehmenskultur eingebunden.

Sie genossen Narrenfreiheit und entwickelten Dinge, die nichts mit dem Kerngeschäft des Konzerns zu tun hatten. Die üblichen Hahnenkämpfe bei der Verteidigung von Macht und Positionen fanden in diesem Team nicht statt. Üblich ist ja eher Vermeidungsverhalten und Unterdrückung von Innovationen. Sie könnten ja den eigenen Arbeitsplatz in Frage stellen. Ähnlich verhält es sich bei der Einführung von Social Media-Technologien für interne und externe Abläufe in Organisationen.Wikis, Blogs und Feeds könnten traditionelle Instrumente der Kommunikation in großen Unternehmen ablösen. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bieten Social Media-Technologien auch für Firmen nützliche Effekte, internes Wissen besser zu erfassen, zu speichern und mit anderen zu teilen. Soweit die Theorie. So schreibt die SZ-Autorin Christiane Siemann:

„Die Umstellung auf Enterprise 2.0-Strukturen ist für manche Beschäftigte und Führungskräfte schwierig. So sind selbst Mitarbeiter, die privat in jeder freien Sekunde twittern, chatten und bloggen, oft unsicher, ob und wie sie im betriebsinternen Kontext agieren sollen. Ihre Zweifel: Ist meine Meinung überhaupt gefragt? Ärgert sich mein Chef über Anregungen oder Kritik? Wie reagieren die Kollegen?“

Am Ende geht es um Macht und es geht um die Furcht, Herrschaftswissen zu verlieren. Viele Führungskräfte laden nach wie vor negativen Druck auf ihre Mitarbeiter ab.

„Sie regieren mit Bestrafung und erhobenem Zeigefinger. Das ist immer noch der Alltag in Unternehmen“, kritisiert Professor Lutz Becker von der Karlshochschule im Gespräch mit dem Fachdienst Service Insiders.

Man verspielt dabei Innovationspotenzial, wie Bernd Stahl vom bloggenden Quartett anmerkt: Das sehe man beim Open Innovation-Prinzip.

„Von der Weisheit der Vielen kann man nur in einer Kultur der Beteiligung profitieren. Wer sich verschließt, erzielt keine Netzwerk-Effekte und verringert die Wahrscheinlichkeit, auf wertvolles Wissen zu stoßen“, resümiert Systemingenieur Stahl von Nash Technologies.

Abteilungsegoismen und die Konservierung von alten Machtstrukturen seien kontraproduktiv für die Wettbewerbsfähigkeit. Nachzulesen in meiner heutigen Kolumne für Service Insiders: Sind wir nicht alle unheimlich social? Unternehmensalltag mit Bestrafung und erhobenem Zeigefinger.

In dem Brief an Steve (Ballmer) hat sich ja in der vergangenen Woche mein Alter Ego Rabelais mit dem merkwürdigen Moralwächter-Amt von Microsoft beschäftigt: „Zwischen Porno und Rotkäppchen“ nennt sich das Machwerk und ich gehe nicht davon aus, eine Reaktion der Softwarebubis in Redmond zu bekommen. Daher werde ich morgen noch einmal nachlegen mit einem Stück über die „AGB-Diktatur: Plädoyer für politische Netzneutralität“.Die Aufregung in netzpolitischen Debatten ist regelmäßig groß, wenn irgendein Netzanbieter beim Datentransfer gegen die Grundsätze der Netzneutralität verstößt.

Aber wie steht es um die politische Netzneutralität bei Diensten, ohne die ein Netzleben gar nicht möglich ist? Auf der Festplatte meines Laptops kann ich Daten speichern, wie es mir passt. Praktiziere ich das in den Computerwolken von Google, Microsoft oder Facebook, kann es Ärger mit den Netzwächtern dieser Konzerne geben. Meistens sind es sogar Maschinen, die mein Treiben auf Schritt und Tritt registrieren. Wer hier moralisch über die Strenge schlägt oder vermeintlich kriminelle Handlungen praktiziert, wird teilweise ohne Vorwarnung rausgefeuert und verliert seinen Account. Die maschinelle Kontrolle der Massen kennt keine individuelle Vorwarnung, das wäre viel zu teuer.

Das ist nicht anderes als maschinengesteuerte Paternalismus der zu politisch fragwürdigen Netzsperren führt. Die Regeln setzen bigotte Konzerne nach Gutherrenmanier. Solange Wettbewerb herrscht, relativiert sich die Moralkeule, die in den unlesbaren Geschäftsbedingungen eingemeißelt wird. Ich kann ja mit den Füßen abstimmen und den Anbieter wechseln. Was aber passiert, wenn auch das nicht mehr möglich ist? Den Versuch einer Antwort kann man am Mittwoch im Debattenmagazin „The European“ nachlesen.

Wohin das führen kann, ist der heise-Meldung zu entnehmen: #nbcfail: Twitter sperrt Journalisten-Account nach Kritik an NBC.

Den Fall habe ich in meiner Kolumne aus zeitlichen Gründen nicht aufgenommen. Aber er passt zu meinen Thesen wie die berühmte Faust aufs Auge. Um den selbstherrlichen Web-Monopolisten das Wasser abzugraben, hilft nur Wettbewerb. Deshalb ist die SPON-Story so interessant: Mozilla plant Alternative zu Google und Facebook.

Siehe dazu auch den Beitrag von Unternehmensberater und Blogger Matthias Schwenk.

Lesenswert ist übrigens auch der Beitrag: Lasst uns in Ruhe! Wir wollen so leben wie WIR sind!

So, jetzt werde ich erst einmal unter die Dusche springen nach höchst anstrengenden Bergetappen am Mittagskogel in Kärnten. Den Wettkampf mit meiner Bergkönigin, die mit einem E-Bike antrat, habe ich haushoch verloren. Was die E-Bikes mittlerweile können, hat ein FAZ-Redakteur sehr eindrucksvoll beschrieben: Selbstversuch am Mont Ventoux: Der Tag der Rache.

Abschied von der Agora? Warum die Web-Monopolisten nach Zensursula stinken

Das Netz ist wohl das komplexeste Gebilde in der Geschichte der Menschheit, eine Kraft der Veränderung, die es mit dem Buchdruck mindestens aufnehmen kann. Aber was dominiert die sozialen Netzwerke? Semantischer Dünnpfiff. Täglich liest man Postings über Empfehlungsmarketing, Guideline-Bullshit-Points, Tools, kanalübergreifendes Berater-Latein und So-werden-Sie-ein-Social-Media-Sieger-habe-leider-aber-nur-100-Follower-Weisheiten.

Dabei gibt es netzpolitisch einiges zu disputieren, fernab von den aseptischen Dampfplaudereiern der Beraterindustrie. Etwa die Frage von Wau Holland, Mitbegründer des Chaos Computer Clubs:

„Wem gehören unsere Daten?“

Und können Konzerne wie Facebook, Google, Apple oder Microsoft damit machen, was sie wollen? Können mich die Web-Giganten wie Daten-Vieh herumschupsen, mir sittenwidrige Nutzungsbedingungen aufdrücken und mich willkürlich mit der Sperrung meiner Accounts bestrafen? In meinem Beitrag „Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten: Microsoft und die Cloud-Zensur“ bin ich auf einen aktuellen Fall ausführlich eingegangen. .

Das riecht nach Zensursula. Das stinkt nach Staat im Staate. Das müffelt nach Selbstjustiz und Willkür. Es wird Zeit, dass sich das Verfassungsgericht, der EuGH und von mir aus die UNO damit beschäftigen und diesem arroganten Treiben der Technologie-Konzerne ein Ende bereiten. In etwas anderer Deutung verlaufen sonst Entscheidungen über das Ende einer virtuellen Existenz nach dem Motto: Legal, illegal, scheißegal. Deshalb wiederhole ich mein Plädoyer aus dem vergangenen Jahr: Die digitale Existenz wird immer mehr zum Menschenrecht, das es zu schützen gilt.

Notwendig wäre wohl auch eine breitere Debatte über die politische Netzneutralität von Infrastrukturanbietern wie Google, Apple, Facebook oder eben Microsoft – denn auch Cloud-Dienste zähle ich zur Infrastruktur des Netzes. Es geht dabei nicht um die Frage nach dem gleichberechtigten Transport von Datenpaketen, sondern um die Zurückhaltung von Konzernen in politischen, moralischen und ethischen Angelegenheiten.

„Von der kalifornischen Idee der elektronischen Agora und der Befreiung von staatlichen Hierarchien und privaten Monopolen verabschieden wir uns gerade“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Und auch Stahl wundert sich, dass dieses Thema nicht ganz oben auf der Netzpolitik-Agenda steht.

Dabei hatte 1994 Keven Kelly in seinem Buch „Out of Control“ postuliert, dass wir eine Ära der dezentralen Organisationen erleben werden. Auch der Futurologe Toffler irrte. Im Cyberspace werde ein Markt nach dem anderen von einem natürlichen Monopol in einen verwandelt, in dem Wettbewerb die Regel ist.

„Das Internet hat bis jetzt aber nur einen dominanten Einzelhändler: Amazon. Einen dominanten Markt für Musik und Filme: iTunes. Ein dominantes Auktionshaus: Ebay. Ein dominantes Social Network: Facebook. Und eine dominante Suchmaschine: Google. Und nicht zu vergessen die Tochter Youtube als dominante Plattform für Videos. Ein freies und offenes Netz sieht anders aus“, schreibt Stöcker in seinem Buch „Nerd Attack“.

Mit einer Verstaatlichung werden wir das Problem allerdings nicht lösen:

„Ein privates Monopol durch ein staatliches zu ersetzen, ändert nichts an der Tendenz zu Machtmissbrauch, Anmaßung und Kunden-Missachtung. Das dürfte jedem noch bekannt sein aus den Zeiten des Telefonmonopols der Deutschen Post mit dem legendären Werbespruch ‚Fasse Dich kurz‘. Auch ist der Staat als Hüter des Datenschutzes nicht gerade ein verlässlicher Partner. In der Telekommunikation hat man die Monopole mit so genannten Peering-Technologien gebrochen. Ähnliches muss jetzt auch im Internet geschehen – beispielsweise über semantische Portale. Wir müssen wieder für eine multipolare Welt des Wettbewerbs und der Ideen im Netz sorgen“, erläutert Stahl.

Ansonsten bekommen wir eine keimfreie, schöne, saubere digitale Shopping-Mall, mit Sicherheitsexperten, Moralwächtern und klaren Regeln, die uns irgendwelche Konzern-Hohepriester vorschreiben und dabei mit den staatlichen Überwachungsbehörden Schulter an Schulter zusammenarbeiten.

Zuckiboy und Co. sollten aber einen kleinen Punkt nicht vergessen: Meine Daten gehören mir und wenn diese Bubis so weitermachen, werde ich bissiger.

In meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ möchte ich das noch einmal aufgreifen. Anregungen sind wieder hoch willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder per Mail an: gunnareriksohn@gmail.com

Und natürlich ist es Schwachsinn, dass man psychisch krank sei und keinen Job bekomme, wenn man ohne Facebook-Profil auskommt. In solchen Studien geht es selten um Ursache und Wirkung. Auch diese „Forscher“ sehen die Bäume vor lauter Wald nicht.

Siehe auch:
PORNO-VERBOT IN MICROSOFT-CLOUD.

Rotkäppchen und die moralische Verwerflichkeit der Staubsauger-Onanie

In meiner morgigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ beschäftige ich mich noch einmal mit Nackedeis und der Notwendigkeit eines Wächteramtes für die Sicherstellung eines Cloud-Reinheitsgebots. Ihr erinnert Euch ja an den gestrigen Exkurs zu: Stand-by geschaltetes Kontrollgremium des Kleingedruckten.

Es geht noch einmal um Moral, Sitte, Anstand, Hygiene, Recht und Ordnung. Es sind ja nicht nur die abgelichteten Badeschönheiten auf Ibiza, die sich verführerisch an den Stränden tummeln und ihren blanken Busen der Weltöffentlichkeit darbieten, nein, es gibt eine Vielzahl von anstößigen Daten, die in den Cloud-Diensten des Netzes nichts zu suchen haben. Eine gewichtige Rolle in der The European-Geschichte spielen Rotkäppchen, Max und Moritz, Sherlock Holmes und natürlich der von mir hoch geschätzte Francois Rabelais.

Eigentlich sollte auch noch CCC-Legende Wau Holland eingebaut werden – aber man muss sich ja im Sommerloch etwas kürzer fassen. Aber die Hacker-Story über das Onanieren von Vorwerk-Staubsaugern darf eigentlich in keinem Cyber-Cloud-Hygiene-Verhaltenskodex fehlen. Denn der Fall dokumentiert das Netz ganz unten in seiner zerstörerischen Wirkung auf den Jugendschutz.

Und das sich sogar Doktoranden mit dieser absonderlichen Form der Penisverstümmelung beschäftigen, ist schon niederschmetternd genug. So etwas darf im Internet nicht toleriert werden. In Abwandlung einer berühmten Studie heißt es doch:

Traue keiner Cloud, die du nicht (er-)tragen kannst.

Aber was ist im Netz denn noch erträglich? Etwa die sympathischen Abmahnungen von Jack Daniels? Wenn das Ganze nichts kostet, ist das schon in Ordnung, denn wir wollen doch alle an der Okayheit des Netzes arbeiten, wie sie heute von Sascha Lobo beschrieben wurde.

Ob das Steve Ballmer auch noch okay findet, was ich morgen in meiner Kolumne verzapfe? Sascha verweist ja in seiner Kolumne auf das Buch „Der entfesselte Skandal“ des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen und auf die anstrengende Seite des Netzes. Und die besteht eben auch aus Shitstorms, Skandalen, Sensationen:

„Die Verschmelzung des privaten Gesprächs mit einer digitalen Öffentlichkeit, die im Zweifel zur Weltöffentlichkeit werden kann, das ist eine neue Qualität des Internet“, so Sascha Lobo. Und das ist nun mal auch in meiner närrischen Kolumne der Fall. Der gute Ballmer wird das verstehen. Alles hat eine Kehrseite: Gute Webinare stehen blechernen Labereien gegenüber.

Und auch sprachgesteuerte Smartphones, die sich als digitale Assistenten bewähren sollen, können zu Nervensägen mutieren. Nachzulesen in meiner heutigen Service Insiders-Kolumne zum Thema: Der telautophonische und wolkige Alltagsberater: Über die Möglichkeiten von sprachgesteuerten Assistenzsystemen. Wird wohl irgendwann in den Abendstunden erscheinen.

Die dunklen Seiten von Facebook knöpft sich Ole Reißmann vor. Vom Aufruf zum Petzen bis zur automatischen Überwachung kommt da einiges zusammen. Unter diesem Syndrom leidet also nicht nur Microsoft.

In meinem Garten-Büro sitzt es sich übrigens recht angenehm und ich erfreue mich an der Blumenpracht, die so unschuldig und moralisch unbedenklich daherkommt.

Update: So, jetzt ist auch die Service Insiders-Kolumne abrufbar 🙂