Der Oberlehrer mit dem Flammenwerfer: Über Zunftwächter, Kränkungsakrobaten und digitale Belehrungsanstalten

Über all Zurechtweisungen.

Man kennt die Figur. Sie tritt im Netz auf wie ein Hausmeister der Wahrheit. Am Gürtel hängt der Schlüsselbund der Fachbegriffe, in der Brusttasche steckt der unsichtbare Ausweis der Zuständigkeit. Wer eine Sache beschreibt, bekommt erst einmal die Frage gestellt, ob er überhaupt berechtigt sei, sie zu sehen.

Philosophie? Bitte Fachkarte vorlegen.

Ethik? Seminarerlaubnis nachreichen.

Kritik? Nur mit Prüfvermerk.

Öffentlichkeit? Verdächtig.

So entsteht der neue Zunftwächter der digitalen Debatte: ein Mann mit Textmarker und Sirene. Er liest keine Beiträge, er kontrolliert Grenzübergänge. Er antwortet nicht, er stellt Verfahren ein. Er diskutiert nicht, er verliest Mängelbescheide.

Der Fachausweis als Schlagstock

Die Grundmelodie lautet: Wer nicht aus meinem Fach kommt, darf über mein Fach nur staunen. Urteilen ist untersagt. Fragen sind erlaubt, solange sie knien und im hündischen Jargon vorgetragen werden. Das hat etwas Komisches. Ausgerechnet Philosophie, diese alte Kunst des Fragens, wird zur Zugangskontrolle umgebaut. Der Gedanke soll frei sein, doch am Eingang sitzt der Türsteher mit Literaturverzeichnis.

Der Zunftwächter liebt die kleine Demütigung. Er spricht in Fußnotenlaune. Er wirft lateinische Brocken in den Thread wie Weihrauch in eine Dorfkirche. Q. e. d. hier, Sophisma dort, Satisfaktionsfähigkeit hinten links. Das Publikum soll spüren: Hier spricht kein Mensch. Hier spricht die Prüfungsordnung.

Dabei geht es oft kaum noch um die Sache. Es geht um Rang. Um Revier. Um die Frage, wer sprechen darf, wer schweigen soll und wer nach drei Sätzen als unkundiger Eindringling markiert wird.

Der Choleriker als Dialogtrainer

Besonders reizvoll wird die Figur, sobald sie Mäßigung predigt. Dann wird mit der Handkante doziert. Der Ton steigt, die Wörter werden scharf, der Gegner schrumpft zum Fallbeispiel. Danach folgt der Hinweis auf zivilisierten Dialog. Der Choleriker im Besserwisser-Modus besitzt ein seltenes Talent: Er kann andere in Brand reden und dabei Brandschutzvorschriften zitieren.

Er beklagt Polemik mit Polemik. Er erkennt Empörung überall, außer im eigenen Satz. Er ruft zur Ruhe und gießt Benzin in den Kommentarspalt. Er erklärt, andere hätten das Diskutieren nie gelernt, während er selbst mit der Fuchtel des Oberlehrers durch den Thread stapft. Das wäre nur lästig, hätte es nicht System. Dieser Typus will keine Debatte öffnen. Er will Debatte hierarchisieren. Oben der Wissende. Unten der Rest. Dazwischen der Zeigestock.

Die große Kränkungspädagogik

Kaum widerspricht jemand, beginnt die Kränkungspädagogik. Aus Kritik wird Anmaßung. Aus Erwiderung wird Pranger. Aus einem Link wird Schandpfahl. Aus einem Blogbeitrag wird öffentliche Hinrichtung. Aus einer Replik wird moralischer Notstand. Man staunt über diese Zartheit. Wer eben noch mit schweren Begriffshämmern hantierte, entdeckt plötzlich die eigene Schutzbedürftigkeit. Der digitale Duellant verlangt Samthandschuhe, sobald der Degen zurückkommt. Natürlich darf man falsch liegen. Natürlich darf man scharf schreiben. Natürlich darf man austeilen. Nur sollte man dann nicht die Feuerwehr rufen, sobald es nach Rauch riecht.

Die Pranger-Vokabel als Nebelmaschine

Der Pranger-Vorwurf ist das Drama-Abonnement des gereizten Rechthabers. Er eignet sich wunderbar, um aus normaler öffentlicher Erwiderung ein mittelalterliches Spektakel zu machen. Früher brauchte man Halseisen, Marktplatz und Obrigkeit. Heute reichen Screenshot, Kommentar und Antwortfunktion.

Wer öffentlich schreibt, begibt sich in Öffentlichkeit. Dort kann Zustimmung kommen. Dort kann Widerspruch kommen. Dort können andere die eigenen Sätze zitieren, drehen, prüfen, verspotteten Ernst zurückgeben. Das ist kein Schandpfahl. Das ist Netzkommunikation. Der moderne Pranger hat keinen Pfahl. Er hat einen Permalink. Und meist hat der angeblich Angekettete weiterhin Tastatur, Reichweite, Follower, Mikrofon und letzte Antwort. Also genau das Gegenteil von Prangermethoden.

Der kleine Lehrstuhl im Kopf

Hinter dieser Figur steckt ein winziger Lehrstuhl im Kopf. Er hat keine Öffnungszeiten, vergibt aber ständig Gutachten. Jeder Satz anderer wird geprüft: Ton falsch. Begriff falsch. Format falsch. Medium falsch. Autor falsch. Publikum falsch. Professor falsch (warum hat er einen gut dotierten Lehrstuhl und ich nicht?). Am Ende bleibt die reine Lehre allein im Raum und wundert sich, weshalb niemand mehr zuhört.

Der kleine Lehrstuhl im Kopf verwechselt Autorität mit Unangreifbarkeit. Er verwechselt Fachwissen mit Besitzrecht. Wer ihm widerspricht, offenbart angeblich mangelnde Bildung. Wer lacht, hat den Ernst verfehlt. Wer schreibt, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten, betreibt Grenzverletzung. So wird Wissenschaft zur Ritterburg. Die Zugbrücke ist oben. Unten stehen die Leute mit ihren Fragen.

Der Streit braucht Luft

Gute Debatten brauchen Fachkenntnis. Sie brauchen genaue Begriffe. Sie brauchen Widerspruch, Quellen, Gegenargumente, Geduld. Sie brauchen auch Öffentlichkeit. Ohne Öffentlichkeit wird Denken zur Kartellware. Philosophie gehört in Seminare, Bücher, Vorlesungen, Kolloquien. Sie gehört ebenso in Zeitungen, Blogs, Podcasts, Säle, Feeds und Gespräche. Wer das anstößig findet, verteidigt nicht den Gedanken. Er verteidigt die Sitzordnung. Der Zunftwächter kann weiter stempeln. Fachfremd. Polemisch. Unzuständig. Prangerhaft. Unsachlich. Unqualifiziert. Draußen reden die Menschen weiter. Und genau das scheint ihn am meisten zu stören.

Ein Gedanke zu “Der Oberlehrer mit dem Flammenwerfer: Über Zunftwächter, Kränkungsakrobaten und digitale Belehrungsanstalten

  1. Anonym

    „… Jeder Satz anderer wird geprüft: Ton falsch. Begriff falsch. Format falsch. Medium falsch. Autor falsch. Publikum falsch. Professor falsch (warum hat er einen gut dotierten Lehrstuhl und ich nicht?). Am Ende bleibt die reine Lehre allein im Raum und wundert sich, weshalb niemand mehr zuhört.“

    Das Obszöne dieser Rabulistik ist gar nicht so sehr die Anmaßung, die sie zeigt. Es ist der Umstand, dass mit „social media“ die sog. „unverlangt eingesandten Manuskripte“ alle Diskussionen beherrschen. Jeder teilt sich mit, jeder kann es tun, jeder schreibt jedem Leserbriefe und jeder schaltet sie frei. Genau das tun auch die Rechthaber, die Grenzwächter, die Fachexperten, die Besserwisser, die Alleswisser und Allesversteher. Sie betreiben das selbe Spiel, das alle anderen Dumköpfe wie ich und du und Müllers Kuh auch betreiben, nur mit dem Unterschied, dass sie die Regeln dieses Schriftverkehrs genauso schlecht beherrschen wie alle anderen. Das macht die Sache so obszön: Der Oberschlaumeier ist genauso dumm wie alle anderen, tut aber so als sei er davon nicht betroffen. Diese Rabulistik wie sie auch DPZ betreibt, fällt darum auf, weil der Rechthaber sich auf diese Weise für seine manchmal berechtigen Argumente unerreichbar macht.
    Man stelle sich vor, alle Passanten fangen auf der Straße an, dümmlich auf einem Bein im Kreis zu hopsen und bald gesellen sich diejenigen dazu, die auch auf einem Bein im Kreis herumhopsen, aber kennntsreich mitteilen, wie dumm das Tun der anderen ist.
    Klaus Kusanowsky

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.