Die Schleuse hat sich geöffnet

Mai, Juni, Juli, August. Jedes Jahr kehren diese Monate wieder, und mit ihnen kehren Bilder zurück, die mich auf den 6. Mai 2019 zurückwerfen. Auf den Tag, an dem meine liebe Frau Miliana im Sekundentod starb. Für mich, für die Kinder, für alle, die sie liebten, blieb dieser Tod ohne Erklärung. Wir haben keine Obduktion veranlasst. Das klingt im Rückblick wie eine Entscheidung. In Wahrheit war es etwas anderes. Man entscheidet in solchen Tagen nicht aus Ruhe, Übersicht oder Abwägung. Man funktioniert. Mechanisch. Reflexhaft. Man nimmt Anrufe entgegen, beantwortet Fragen, unterschreibt, organisiert, lässt sich Termine nennen, spricht mit Bestattern, hört Sätze, die man kaum versteht. Der Körper steht noch im Leben, der Kopf hängt im Schock fest.

Dann kam der Aufbahrungstermin im Bestattungsinstitut. Wir wollten ihn, auch wegen Milianas orthodox-serbischer Tradition. Viele aus der Familie waren gekommen. Ich war als Ehemann der Erste, der zu ihr gehen durfte. Es war eine der schwersten Stunden meines Lebens. Meine Frau lag da, 46 Jahre alt, zwölf Jahre jünger als ich, in der Blüte ihres Lebens. Ich war damals 58. Dieses Bild verlässt mich bis heute nicht.

In den ersten Jahren ging es ums Überleben. Man weiß nicht, wie der nächste Tag aussehen soll. Man weiß nicht, wie man weiterarbeitet, weiterlebt, weiterredet. Unser Seelsorger Johannes sagte damals einen Satz, der sich eingebrannt hat: Die Zeit geht grausam weiter. Draußen öffnet der Bäcker seine Tür, die Geschäfte laufen, Termine werden eingehalten, Milliarden Menschen gehen ihren Pflichten nach. Nur man selbst steht in einer Zeitkapsel. Johannes fand dafür das Bild einer Schleuse. Ein Schiff steht darin still. Es kann nicht vorwärts, nicht rückwärts. Die Tore öffnen sich erst langsam. Millimeterweise. Für manche früher, für andere später. Bei mir dauerte es lange. Vielleicht dauert es noch immer.

Aus dieser Erstarrung heraus entstand die Europatour mit dem legendären E-Bike Reyvolt. Vier Wochen, rund 3.000 Kilometer, quer durch Europa. Belgien, Frankreich, Luxemburg, Schweiz, Italien, Österreich, Bayern, Tschechien, Berlin. Es war eine Reise für Miliana, für Europa, für die Idee, dass Menschen einander tragen können, auch in einer Lage, in der fast nichts mehr trägt. Ich fuhr, weinte, streamte, sprach mit Menschen, wurde aufgenommen, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Diese Tour war keine Heldengeschichte. Sie war ein Überlebensversuch auf Rädern.

Danach stürzte ich mich in Arbeit. Ich nahm rund 30 Kilo zu. Inzwischen sind etwa 25 Kilo wieder runter. Der Körper meldet sich zurück. Volleyball ist wieder Teil meines Lebens. Auch beruflich habe ich vieles neu sortiert. Gemeinsam mit meinem Sohn Constantin ist Sohn@Sohn zu einem Markenzeichen geworden. Wir haben als Zwei-Personen-Agentur einiges aufgebaut, und wir haben noch einiges vor.

In dieser Zeit haben sich Freundschaften verändert. Manche Pärchenfreundschaften verschwanden fast lautlos. Vieles hatte Miliana zusammengehalten. Sie war diejenige, die einlud, vermittelte, organisierte. Im Familienkreis wurden Kontakte schwächer. Ich bin kein perfekter Netzwerker für private Bindungen. Andere meldeten sich gar nicht mehr. Wieder andere fühlten sich durch Halbsätze verletzt, durch Bemerkungen in Interviews, durch meine direkte Art. Zwei Menschen haben mich im Social Web kompleett gesperrt. Jeder Mensch bringt eigene Verletzlichkeiten mit. Ich akzeptiere das. Jeder kann durch Sätze getroffen werden, die ein anderer achtlos ausspricht. Auch durch mich. Ich habe eine robuste Ausdrucksweise, geprägt durch durch Berlin-Neukölln, durch ein langes Berufsleben mit vielen Höhen und Tiefen. Mit 65 Lenzen werde ich daraus keine Entschuldigungsmaschine mehr bauen. Ich habe sortiert, wer bleibt, wer geht, wer Nähe aushält, wer Abstand braucht.

Geblieben sind gute Freunde, gute Bekannte, gute berufliche Verbindungen, meine Kinder, mein Sohn als Partner in der Agentur, die Arbeit, die mich trägt. Ich habe einmal gesagt, ich arbeite weiter bis zur Demenz. Das war halb im Scherz gesagt, halb als politische Botschaft an jene, die über Selbstständige, Kleinstunternehmer und Reformen reden, ohne unsere Lebenswirklichkeit wirklich zu kennen. Als Zwei-Personen-Betrieb wird man vom Steuerstaat eher verwaltet als ermutigt. Aktivrente, Pandemiehilfen, Rückzahlungen, bürokratische Lasten des Alltags: Vieles ging an uns vorbei oder traf uns mit voller Wucht.

Ich hatte lange angekündigt, einen Roman über diese Zeit zu schreiben. Dazu bin ich nicht in der Lage. Vielleicht braucht ein Roman mehr Abstand. Ich habe aber etwas anderes geschafft: „Tagebuch der Tränen: Erinnerungen, Begegnungen und Wege zu Miliana“ wird demnächst erscheinen. Es ist kein literarisches Denkmal aus Marmor. Es ist ein Protokoll aus Schmerz, Erinnerung, Arbeit, Europa, Begegnungen, Musik, Kindern, Garten, Reisen, Abstürzen, Aufstehen. Es zeigt, was in diesen sieben Jahren geschehen ist. Sieben Jahre, in denen die Trauer ihren Ort verändert hat, ohne zu verschwinden. Sieben Jahre, in denen Miliana gegenwärtig blieb: in Gesprächen, Liedern, Sommermonaten, politischen Debatten, europäischen Erinnerungen, Gartengerüchen, Fotos, Tränen.

Miliana war viel mehr als meine Frau. Sie war in europäischen Projekten unterwegs, in Twinning-Projekten der Europäischen Union, in Gesprächen mit Ländern, die ihren Weg nach Europa suchten. Sie dachte politisch, europäisch, verbindend. Kurz vor ihrem Tod schloss sie eine hervorragende Masterarbeit ab. Sie kam in Österreich unter die letzten Kandidatinnen für einen Wissenschaftspreis. Das Thema war Kriegspropaganda. Heute wirkt es bedrückend aktuell. Wer sich für diese Arbeit interessiert, kann sich gerne bei mir melden. Ich schicke die PDF.

Ich will nichts verdrängen. Ich will Milianas Andenken wachhalten. Nicht als Museum, nicht als Pose, nicht als Pflichtübung. Eher als tägliche Vergewisserung: Diese Liebe hat stattgefunden. Dieses gemeinsame Leben war real. Diese zwölf Jahre bleiben ein Teil meines Denkens, Schreibens, Arbeitens.

Bestimmte Lieder greifen mich bis heute an. Bestimmte Situationen auch. Sommermonate, zufällige Sätze, Orte, Gerüche, soziale Netzwerke, Erinnerungen, die plötzlich auftauchen. Das Social Web kann verletzen. Es kann auch tragen. Viele Menschen haben in den vergangenen Jahren geschrieben, gefragt, geholfen, zugehört. Auch das gehört zur Wahrheit. Die Schleuse hat sich geöffnet. Nicht weit. Nicht schnell. Aber weit genug, um weiterzufahren.

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