Gestern wurde in der Bonner Literaturbuchhandlung Böttger eine Ausstellung mit Werken des Collage-Künstlers, Grafikers, Schauspielers und Illustrators Thomas Franke eröffnet: Holzstichcollagen als Ergebnisse parallelweltlicher Beobachtungen unter dem Titel: „mundus parallelus: Die Akademie der Wissenschaftler nach der Planetesimalen Phaetonischen (VW hätte Franke fragen können, warum man eine Luxus-Karosse nicht Phaeton nennen sollte, gs) Katastrophe“.
Wie man unschwer erkennt, bewegt sich Franke in den Gefilden phantastischer Literatur. Als Leser, Entdecker und auch als Buchillustrator – etwa für die legendäre phantastische Bibliothek des Suhrkamp-Verlages.
Die Arbeiten, Collagen und Zeichnungen verweisen methodisch auf Max Ernst und den „cadavre exquis“ – ein Spiel der Surrealisten. Sie entstammen der Welt der Science Fiction, wo die Verschmelzung von Mensch und Maschine stattfindet.
Thomas Franke setzt diese Welt aus Fragmenten und Versatzstücken des 19. Jahrhunderts zusammen:
„Das liegt auch daran, dass er die alten Graphiken liebt und sein ganzes Geld in den Erwerb alter Drucke steckt, um sie zu zerschneiden und neu zu collagieren (ob das mit dem verwertungsrechtlichen Knebel des Handelsbakommens ACTA noch möglich ist? gs). Er dekonstruiert sie und zeigt so, was bereits in ihnen steckt: Die Vermessung des Menschen, der Körper als Maschine, von Maschinen beherrschte Menschen, überwachte Menschen, Entfremdung, Zauberlehrlinge, Macher“, schreiben die Malerin Jutta Reucher und die Verlegerin Jutta Baden im Ausstellungskatalog, den man bei Böttger für 12 Euro erwerben kann.
Franke treibt der Reiz, aus etwas Vorgegebenem neue Welten entstehen zu lassen, zu beobachten, was plötzlich geschieht, wenn er die Details zusammensetzt, die just in diesem Moment philosophische Dialoge miteinander eingehen. Dem konnte er sich nie entziehen:
„Jedes Motiv ist für mich ein Anlass zu assoziieren, andere Geschichten zu erzählen, die Fäden zu fassen, die in eine Fata Morgana hineinführen“, erläutert Franke im Interview mit René Moreau (abgedruckt im Ausstellungskatalog). Er beschäftigt sich mit Zuständen, die schon der Dichter Friedrich Schiller beklagte. Also grapscht er sich nach Jahren reiflicher Überlegung den alten Scheiß, „der zu Schillers Zeiten als Illustrationen gedruckt wurde – als arschkneifenden Hinweis auf die gegenwärtig so antagonistischen Zustände -, kleistert ihn neu zusammen und kommentiert damit die Gegenwart“, so Franke.
Es ist nachvollziehbar, dass Franke auch von dem Werk des phantastischen Literaten Paul Scheerbart magnetisch angezogen wird. Etwa von der Erzählung „Die Fabrik lebenslustiger Kreaturen – Kosmische Existenzkomödie“. Hier erfährt der Leser, wie man die höhere Lebenslust kennenlernt. Es sind Fähigkeiten, genau dort aufzutauchen, wo was los ist und zwar an mehreren Orten gleichzeitig. Etwa durch das Studium des „Anzeigers für pikante Verwirrungen“. Einzige und wirklich nur winzige Voraussetzung: Interessierte müssen sich im Retortenpalast einstampfen lassen, um als neue Kreaturen ein vielfaches Leben führen zu können, das viel lustiger ist als das einfache Leben, das ziemlich langweilig ist.
Eine Kostprobe seiner Rezitationskunst gab Franke im Anschluss an die Ausstellungseröffnung mit Lesefrüchten aus dem Werk von Scheerbart. In den Dialogen erkennt man das Schauspielerische seines Vortrags!
„Navigieren in Unsicherheit“ – unter diesem Motto behandelte die „x-mess-Konferenz zur [nächsten] Gesellschaft“ ein wichtiges Thema und stellte in einem Konferenzbericht für die Zeitschrift „Führung und Organisation“ den „aufrüttelnden“ Vortrag des niederländischen Soziologen Jan van Dijk von der Universität Twente.
Seine Thesen zur Netzwerkgesellschaft laufen angeblich dem optimistischen Mainstream diametral entgegen:
Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‚Knoten‘ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‚Long Tail‘). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt
zwischen den beiden Polen.
Das Internet wird nicht von den Nutzern gestaltet, sondern von den mächtigen Intermediären wie Facebook, Google, Microsoft und Apple. Doch wer kontrolliert diese Giganten? Die enorm hohe Zahl an Akteuren führt in der globalen Netzwerkgesellschaft zu großer Instabilität. Trends werden verstärkt und breiten sich schneller aus als bisher. Gegensätze prallen in ungekannter Heftigkeit aufeinander – und schwappen in die reale Welt über. Anschauungsbeispiele dafür bieten die Schuldenkrise, Straßenschlachten in Athen oder der sogenannte arabische Frühling. Die ‚Risikogesellschaft‘ ist bereits Realität geworden.
Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Die meisten Einträge im Internet haben KEINE (sic!) Leser. Produzieren wir damit eine Gesellschaft von Autisten?
Informations-Überflutung führt zu neuen Mechanismen der Rezeption: Selektive Wahrnehmung und oberflächliches Scannen prägen die Informationsaufnahme. Was bedeutet das für die realen Beziehungen zwischen den Menschen?
Entscheidend für einen konstruktiven Umgang mit der Netzwerkgesellschaft und den damit verbundenen Risiken wird eine umsichtige Erziehung und Ausbildung sein. Kritisches Hinterfragen von Informationen wird zur Schlüsselkompetenz. Ist unser Erziehungssystem darauf richtig vorbereitet“, fragt sich Jan van Dijk und ich frage mich, wie man zu solch platten Thesen kommt und auch noch als Anti-Mainstream-Haltung ausweist. Das ist ein Phrasenbrei aus Schirrmacher-Lanier-Carr-Geschreibsel.
Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.
Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. “Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ‘nur’ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel. Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.
Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Wie war das eigentlich in analogen Zeiten, als die Massenmedien den Ton angaben? Was es da leichter, gehört zu werden? Ich konnte gerade mal einen Leserbrief schreiben oder in der Redaktion anrufen, um mir dann eine Abfuhr mehr oder weniger höflich abzuholen. Es wird nicht immer schwieriger, gehört zu werden. Wer wichtiges und interessantes kommuniziert, kann sich im Social Web viel leichter artikulieren. Mal läuft es gut und trifft den Nerv, mal verhallt die eigene Botschaft. Wie viele dpa-Meldungen werden eigentlich nur für den Papierkorb geschrieben? Ein Korrespondent sagte mir, dass die Quote wohl ziemlich hoch ist. Also auch Nachrichtenprofis haben es schwer, gehört zu werden. Oder die Unternehmenskommunikation:
„Jeder Tag in der Markenkommunikation ist mittlerweile experimentell. Ob ich mit Kunden ins Gespräch komme, ob meine Angebote gut ankommen, ob die Unternehmenspolitik richtig oder falsch ist, wird heute in Echtzeit beurteilt. Das Versuch-und-Irrtum-Verfahren in sozialen Medien hört nie auf“, erläutert der Bitronic-Chairman Peter B. Záboji.
So ist es.
Eure Meinung zu den Thesen des Soziologen Jan van Dijk interessieren mich. Würde ich gerne in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Statements bitte bis Freitag (spätestens 10 Uhr) mailen an: gunnareriksohn@googlemail.com oder hier als Kommentar posten.
„Also, Bürger, geht auf die Barrikaden und zitiert Goethe, die Bibel oder auch Marx. Am besten aus einem gebundenen Buch“, proklamiert der goldige Pacman-CDUler Heveling, der sich mit seinem Handelsblatt-Gastbeitrag „Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren“ in Rekordzeit zum Netz-Honk gemausert hat.
Der pausbackige Hinterbänkler der CDU-Bundestagsfraktion sollte sich mal die Verkaufszahlen der Werke von Goethe im 19. Jahrhundert heranziehen und sich fragen, warum Reclam beispielsweise mit dem Faust so erfolgreich war. Ja richtig, es lag an dem quasi nicht existenten Urheberrecht in Deutschland: Das strenge Copyright im Vereinten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen scherte sich lange Zeit niemand um Autorenrecht. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei.
„Kaum lief der Schutz aus, wurden hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte Faust unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache“, schreibt der Wissenschaftler Eckhard Höffner in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft).
Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb.
So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“ – das passt natürlich nicht zu den Schreckensvisionen des Netzhüpfers Heveling.
So sollte eigentlich meine heutige Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ heißen. Der Titelvorschlag stieß wohl nicht auf Gegenliebe, denn die Redaktion entschied sich für „Kundenversteher dringend gesucht“ – das hatte ich eigentlich nur für eine Zwischenüberschrift vorgesehen. Egal. Da möchte ich nicht kleinlich sein.
Mein erneuter Rant gegen den in Deutschland tief verankerten fordistischen Industriekapitalismus provoziert die immer die gleichen Reaktionen. Ich sag mal-Leser kennen die Spüchlein meiner Kritiker:
„Vom gegenseitigen Haare schneiden können wir nicht leben“ (kann man auch abwandeln mit Pizza-Lieferservice oder Maniküre oder, oder, oder). Gleich danach folgen: „Wir sind ein Land des Maschinenbaus und des Ingenieurswesens“ sowie „Deutschland ist doch eine Exportnation“. <a
der author mag digital affin sein, hat von real wirtschaft aber offensichtlich nicht die geringste ahnung, anders kann ich mir die behauptung wir seien keine industrienation nicht erklaeren. vielleicht sollte sich author mal in ein paar unternehmen gruendlich umschauen anstatt einfach nur vom schreibtisch aus duemmliche behauptungen zu machen…
Und dann wurde noch nachgeschoben:
entschuldige bitte, aber ich habe nicht dich als duemmlich bezeichnet, sondern lediglich deine behauptung… schau dir doch mal bitte an, wovon zb bw und bayern leben… maschinenbau. ich kenn diese industrie recht gut, das sind naemlich meine kunden…
In diese Kategorie passen auch folgende Tweets (update: 31.01.):
Meine Replik ist ja klar und wird durch die Daten des Statistischen Bundesamtes gestützt:
Maschinenbau ist wichtig. Das stelle ich ja überhaupt nicht in Abrede. Schau doch mal in die Wirtschaftsstatistiken. Wie viele Arbeitsplätze stellt denn der Maschinenbau in Deutschland? Wie hoch ist der Wertschöpfungsanteil der industriellen Produktion, der in Deutschland stattfindet? Nur das ist entscheidend. Siehe: http://ichsagmal.com/2010/10/11/service-innovationen-made-in-germany-und-die-metamorphosen-des-evonik-chefs/. Faktisch macht die industrielle Wertschöpfung weniger als 20 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. „Daran waren die Industriekonzerne nicht ganz unbeteiligt durch die Auslagerung der Massenproduktion in Billiglohnländer. Geistig stecken Repräsentanten wie Engel noch in einer Ideologie der ökonomischen Skalierung“, führt der Mind-Unternehmensberater Bernhard Steimel aus. Selbst unsere Exportrekorde, die wir jedes erzielen, stärken nur minimal die heimische Industrieproduktion. Darauf hat Udo Nadolski vom Düsseldorfer IT-Beratungshaus Harvey Nash hingewiesen. „Das Verhältnis zwischen in den Exporten enthaltener inländischer Bruttowertschöpfung und importierten Vorleistungen hat sich stark zu Gunsten des Auslandes verschoben. Die Fertigungstiefe in Deutschland nimmt extrem ab.“ Die Aussagen von Nadolski kann man nachlesen unter: Heise-Kolumnist Sicking und die verfehlte Rehabilitierung der Hardware.
Und hier findet sich dann auch der wichtigste Punkt, der durch die industriepolitische Denke in Deutschland leider unterbelichtet bleibt:
„Wir müssen uns auf die Forschung und Entwicklung konzentrieren, auf die enge Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft, auf die Veredelung von Produkten, auf die Verbesserung der Produktvermarktung und auf smarte Servicekonzepte. Wir müssen massiv den ökonomischen Wandel von der klassischen industriellen Produktion zu Dienstleistungen und Wissen sowie zur Informations- und Kommunikationstechnik vorantreiben. Wir können nur als Wissens- und Dienstleistungsökonomie überleben“, so der Ratschlag des Harvey Nash-Geschäftsführers.
Treffend analysiert habe das der Zukunftsforscher und Kondratieff-Kenner Erik Händeler. Konjunkturforscher Nikolai Kondratieff schrieb, dass die Märkte von morgen durch knappe Produktionsfaktoren entstehen. In der Informationsgesellschaft von morgen werde der Wohlstand davon abhängen, wie effizient die Wissensarbeiter zusammenwirken.
Die Informationsgesellschaft sei weit mehr als die Fortsetzung der alten Industriegesellschaft mit Computern.
„In den Generationen unserer Eltern und Großeltern standen die meisten Menschen noch in der Fabrik und haben geschraubt, gefräst, montiert, haben mit ihren Händen die reale materielle Welt bearbeitet; nur ganz wenige haben geplant, organisiert, vermarktet. Dieses Verhältnis hat sich umgedreht: In einer Welt, die ihre Wissensmenge alle fünf Jahre verdoppelt, geht es nicht mehr in erster Linie um ein Mehr an Information, sondern darum, sie effizient zu verwalten, um schnell an jene Infos zu kommen, die man braucht, um ein aktuelles Problem zu lösen“, schreibt Händeler in seinem Buch „Die Geschichte der Zukunft“.
Knapp seien gebildete Menschen und die gewinnträchtigste Investition sei deshalb heute die Investition in Menschen.
„Der Management-Berater Peter Drucker hat es noch klarer formuliert: Die wirtschaftliche Priorität der Industrieländer muss darin bestehen, die Produktivität in den Wissens- und Dienstleistungsberufen zu erhöhen. Wem das zuerst gelingt, wird das 21. Jahrhundert wirtschaftlich dominieren. Mit der Geisteshaltung von Damian Sicking wird das leider nicht gelingen“, resümiert Nadolski im Gespräch mit NeueNachricht.
Genau hier muss die Diskussion fortgesetzt werden, wie ich es am Schluss meiner heutigen Kolumne geschrieben habe: Mit den Industrielobbyisten werden wir nicht zur smarten Service-Ökonomie.
„Stichworte wie Kreativwirtschaft, Wissensgesellschaft, Support oder App Economy beschreiben sehr treffend die Zukunftsfelder, die für Deutschland über Sieg oder Niederlage im globalen Wettbewerb entscheiden werden. ‚Wissen schlägt Produkt‘“, erläutert Wolf Lotter von der Zeitschrift „brand eins“.
„Viele Dienstleistungsarbeiten werden durch Internetkommunikation automatisiert – der Mensch kann sich auf höhere Arbeiten konzentrieren, die heute nicht durch Computer erledigt werden können. Diese ganze Wandlung der Welt verlangt aber auch, dass sich die Menschen nun beherzt in der neuen Zeit einrichten und sich insbesondere darüber klar werden, dass die künftigen Berufe fast durchweg einen höheren Bildungsstandard erfordern.“
„Wir müssen versuchen, die Abwärtsspirale der reinen Industrialisierung unserer Arbeitswelt zu durchbrechen.“
„Wir sollten das ganze Bildungswesen auf den Prüfstand stellen. In einer global vernetzten Welt spielen Kommunikation, Medien, Kulturen und ihre Unterschiedlichkeiten, Ökonomie, Statistik und ,’Zahlenverstehen‘, Computer und Web 2.0 Literacy, Psychologie, Gesundheit, Medizin, internationales Recht, Coaching und Management eine immer größere Rolle, die aber von den klassischen Schulfächern kaum tangiert werden. Das wird nicht wirklich in Abrede gestellt, aber niemand traut sich, ein konkretes Schulfach auf die Schlachtbank zu legen. Niemand wagt, eine Streichung oder auch nur Veränderung vorzuschlagen. Jeder räumt ein, dass es folgende Schulfächer geben sollte: Philosophie, Jura, Medizin, Wirtschaft, Psychologie, Medien, Theater, Rhetorik etc., aber es gibt nur Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Englisch, Latein etc.“
Wie man das revolutionär umgestalten kann, beweist Professor Sebastian Thrun in seinem Vortrag auf der DLD in München.
Was brauchen wir noch, um in Deutschland endlich auf eine neue Schiene zu gelangen? Möchte ich in meiner Freitagskolumne für Service Insiders thematisieren. Statements, Vorschläge, Kommentare, Hinweise wie immer willkommen. Entweder hier als Kommentar posten oder per E-Mail an: gunnareriksohn@googlemail.com
Technokraten und Kulturpessimisten neigen scheinbar zu Pauschalisierungen. Sie sehen die Gesellschaft eher in Aggregatzuständen und Menschen als amorphe und leicht steuerbare Masse.
Das gilt für die Adepten der Online-Marketing-One-to-One-Personalisierungs-Matchmaking-Zielgruppen-Gedöns-Propaganda und auch für die Alarmisten des Datenschutzes, die vor dem Ausverkauf meiner Privatsphäre warnen und mich schützen wollen – obwohl ich ihnen dafür das Mandat gar nicht erteilt habe. Zudem sehen sie mich als dummen User, der sich mit irgendwelchen geheimen Methoden aufs Glatteis führen lässt. Datenschutz-Deichgraf Thilo Weichert meint sogar, dass ich doof sei, weil ich Dienste von Google und Facebook nutzen würde. Vielleicht bin ich ja auch doof, aber Weichert muss nicht unbedingt schlau sein. Beide Gruppen – also die Kulturpessimisten und die Technokraten – sind Opfer ihres ideologischen Weltbildes. Sie verkünden Gewissheiten, die sich in Wirklichkeit als Schimäre herausstellen.
Liebe Datenschützer, fürchtet Euch nicht vor amerikanischen Konzernen und den Verheißungen der Analysetool-Einschaltquoten-Klickraten-Personalisierungs-Neuromarketing-Psycho-Markforschungs-Wichtigtuer. Die Welt wird unkontrollierbarer und unberechenbarer. Und sie war es auch früher schon. Die Werbeindustrie sucht nun schon seit Jahrzehnten verzweifelt nach Methoden, das Verhalten von Menschen, besonders von Verbrauchern, logisch zu ergründen. In Kaufsituationen ist es schlichtweg unmöglich, eineindeutig auf das tatsächliche Verhalten einzuwirken. Seit den 20er Jahren versucht man deshalb, mit der Tiefenpsychologie des ollen Sigmund Freud und der deutschen Gestaltphilosophie Methoden der Manipulation zu entwickeln.
Nachzulesen in dem Bestseller von Vance Packard, „Die geheimen Verführer – Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann“. Da ist natürlich auch der Wunsch Vater des Gedankens. In der Regel sind das pseudowissenschaftliche Abhandlungen auf Sesamstraßen-Niveau. Das Büchlein von Packard prägte die Vorstellung eines ohnmächtigen, von Medien und Werbung wie eine Marionette geführten Konsumenten.
„Diese Leitvorstellung hielt sich bis in die siebziger Jahre – allerdings hatte das angebliche Medienopfer da mit der Fernbedienung längst ein bedeutendes Machtinstrument in der Hand. Für Werbetreibende und Programmgestalter wurde der Mediennutzer zu einem potenziell treulosen Wesen. Mit dem Internet hat sich die Kanalvielfalt und die Bewegungsfreiheit der Nutzer ins Millionenfache erweitert. Vor allem: Wenn an irgendeiner Stelle zensiert, manipuliert oder intransparent gefiltert wird, wird darüber nicht mehr nur in herkömmlichen Massenmedien berichtet, sondern auch in den zahllosen neuen Meinungsblasen im Netz – von kleinen Kommentarfeldern bis hin zu großen Blogs und sozialen Netzen“, sagt der Publizist Peter Glaser. Nachzulesen in meinem heutigen Netzdebatten-Beitrag für die absatzwirtschaft „Die Angst der Datenschützer vor amerikanischen Konzernen“.
„Wie schon vor Jahresfrist berichtet, bekommt der Verfasser dieses Beitrags bisweilen immer noch Werbung für Singeportale und Dating-Seiten eingeblendet – und das auch dort, wo er seit Jahren die Information ‚verheiratet‘ im Mitgliederprofil stehen hat. Das Versprechen der nur noch auf echte Interessen des Users zielenden Werbung harrt also nach wie vor seiner Einlösung. Und selbst eine Datenkrake wie Facebook, der ja nachgerade ein Füllhorn an kommerziell vielversprechenden Eigenangaben von Mitgliedern zur Verfügung steht, landet (wenn überhaupt) oft eher Zufallstreffer.“
„Der Deal war eigentlich: ich gebe Facebook meine Daten und dafür liefert mir das Ach-so-sozial-Netz die passende Werbung, punktgenau auf meine Bedürfnisse abgestimmt. Doch auf meinem Bildschirm geht der Deal nicht auf. Statt interessanter Werbung bekomme ich Einheitsbrei vorgesetzt. Und der ist von sagenhaft schlechter Qualität.“
„Zum einen sind viele dieser Algorithmen – und es sind gerade die, mit denen Teilzeitinternetnutzer in Berührung kommen – nicht besonders ausgefeilt. Amazon empfiehlt mir regelmäßig den Kauf meiner eigenen Bücher, Google+ schlägt seinen Nutzern vor, sich mit ihren eigenen Zweit-Accounts zu befreunden. Aus diesen schlechten Erfahrungen lässt sich aber noch nichts Allgemeingültiges über maschinell erzeugte Filter und Empfehlungen ableiten.“
Dabei wäre es doch ein Schritt nach vorn, wenn individuell zugeschnittene Empfehlungsalgorithmen die Käufer schon jetzt vom Mainstream weg und in Nischen hineinsteuern. Dann müsste ich viel öfter Bücher von Kadmos, Matthes & Seitz oder transcript eingeblendet bekommen. Das passiert aber nie.
„Die Flut zur Verfügung stehender Daten in Echtzeit zu managen ist die Königsdisziplin in der Arbeit mit Algorithmen – und der Punkt, an dem bereits die meisten Vorhaben scheitern“, sagt Robert Lang von der Agentur Criteo.
Die Hybris der Hightech-Kaffeesatzleser
Er muss sich nicht grämen. Den Konjunkturforschern ergeht es nicht besser. Die sind auch nur wirtschaftswissenschaftliche Wetterfrösche, so Wolfgang Streeck. Die Konjunkturforschung, die uns pro Jahr zweistellige Millionen-Beträge kostet, bezeichnet Streeck als falschen, aber wirkmächtigen Zauber. Konjunkturforscher erscheinen als Hightech-Kaffeesatzleser, die Politiker und Wirtschaftskapitäne in die Zukunft träumen lassen und für ihre Fehlprognosen so viel öffentliche Aufmerksamkeit erhalten, dass sie den ökonomischen Gang der Dinge tatsächlich beeinflussen. Ein Hintergrundverständnis der Gesellschaft geht den Ökonomen ab. Die setzen sich in ihren theoretischen Modellen zu wenig mit der Lebenswirklichkeit der Menschen auseinander. Das gilt übrigens für alle Denkrichtungen der VWL – von Hayek bis Keynes.
Sozialwissenschaften – besonders die Politikberater in den Wirtschaftsforschungsinstituten – vertreten eine mechanistische Weltsicht, kritisiert Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Sie blenden den Faktor Ungewissheit aus.
„Jede Betrachtung gesellschaftlicher Prozesse hat es mit Fallzahlen zu tun, die niedriger sind als die Zahl der Faktoren, die als Erklärung in Frage kommen. Damit aber gibt es für jeden gegenwärtigen Zustand unvermeidlich mehr als eine gültige Erklärung, und jeder zukünftige Zustand erscheint als einmaliges Resultat eines einmaligen Zusammenwirkens einer Vielzahl von Faktoren, als Unikat, für das es keine Normalverteilung gibt und dessen Besonderheiten deshalb nicht auf allgemeine Gesetzmäßigkeiten reduziert werden können“, schreibt Streeck in dem Sammelband „Wissenschaftliche Politikberatung“, erschienen im Wallstein Verlag).
Menschen jenseits der Normalverteilung
Trotzdem versuchen natürlich Politiker und auch Marketing-Gurus, unser Handeln zu beeinflussen oder sogar zu steuern. Wenn Menschen das durchschauen, passiert sogar das Gegenteil. Solche Dinge bleiben eben nicht geheim. Instrumente zur Verhaltenskontrolle oder Verhaltensmanipulation werden über kurz oder lang bemerkt. Man erkennt die Absichten und verhält sich absichtsvoll anders. Streeck verweist auf die Hawthorne-Experimente (1924 bis 1932). Forscher wollten herausgefunden haben, dass Arbeiterinnen auch ohne Lohnerhöhung schneller und besser arbeiten, wenn man freundlich zu ihnen ist (wie großzügig, gs) und die Wände gelb anstreicht.
„Aber nachdem sich unter den Beschäftigten herumgesprochen hatte, dass das Management mit seinen guten Worten und der gelben Farbe nur Geld sparen sollte, kam es zu Lohnforderungen und einem Streik“, führt Streeck aus.
Die Geltung derartiger Modell und Theorien könne durch ihr Bekanntwerden schnell wieder außer Kraft gesetzt werden!
In jeder Organisation sollte man nach Übertreibungen suchen. Wer sie findet, besitzt wertvolle Potenziale, um sich zu verbessern.
„Vom Controlling wird verlangt, eindeutige Prognosen für die Zukunft zu liefern. Mit einem Plan, einem Budget und allem, was damit zusammenhängt. Dann tun die Controller das, was man von ihnen erhofft. Aber die Controller sind natürlich die ersten, die sehen, dass das alles nicht zusammenpasst. Kein Plan tritt tatsächlich ein. Die Zeiten sind längst vorbei, die komplexen Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren zu können. Wir nennen das oft Basar- oder Theaterkommunikation. Jeder spielt eine Rolle. Jeder weiß, dass er eigentlich Unsinn redet. Und der Gesprächspartner weiß es auch. Also passiert nichts Besonderes. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es darf keiner kommen und das Ganze tatsächlich so beschreiben, wie es ist – der fliegt in der Regel raus. Der stört das System“, weiß Wohland.
Datenschützer sollten dadaistischer agieren
Oder man greift zum Buch „Wider den Methodenzwang“ meines Lieblingsphilosophen Paul Feyerabend. Erfrischend sein Bekenntnis zum Dadaismus. Das einzige, wogegen sich der Dadaist eindeutig und bedingungslos wendet, sind allgemeine Grundsätze, allgemeine Gesetze, allgemeine Ideen wie „die Wahrheit“, „die Vernunft“, „die Gerechtigkeit“, „die Liebe“ und das von ihnen hervorgerufene Verhalten, wenn er auch nicht bestreitet, dass es oft taktisch richtig ist, so zu handeln, als gäbe es derartige Gesetze und als glaube er an sie. Der Dadaist vereint Vernunft und Unvernunft, Sinn und Unsinn, Plan und Zufall – sie gehören als notwendige Teile eines Ganzen zusammen. Denn letztlich ist alles ein Produkt unserer schöpferischen Einbildungskraft und nicht das Ergebnis eines Universums von Tatsachen.
Besonders Datenschützer sollten dadaistischer agieren und sich von ihrer volkspädagogischen Emphase verabschieden. Mit den Verheißungen der Marketing-Gurus werde ich schon alleine fertig. Ich bestrafe sie mit Spott und Häme. Das gefällt mir :-)!
Hier ist es nun, das erste Bibliotheksgespräch des Ich-sag-mal-Blogs, wie ich es vor ein paar Tagen angekündigt habe. Mein Gesprächspartner Gerhard Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung, äußerte sich sich über die Sprache der Technik, mystifizierte Algorithmen und Maschinen, über Dummheiten in der Unternehmenssteuerung und die Grenzen der Beratung. Ein ausführlicher Bericht wird morgen im Fachdienst „Service Insiders“ erscheinen. Das knapp einstündige Stück habe ich für die Videoversion auf ein Drittel reduziert. Die komplette Diskussion liegt aber als Audioaufzeichnung vor.
Die Video-Datei habe ich mal auf Youtube und identisch auf WordPress hochgeladen, um die Qualität vergleichen zu können. Mein erster Eindruck. WordPress ist besser. Wer Lust und Zeit hat, kann das ja mal selber überprüfen.
Weitere Gespräche werden folgen. Vorschläge immer willkommen. Wer den beschwerlichen Weg nach Bonn-Duisdorf auf sich nehmen möchte, ist herzlich eingeladen 🙂
Eigentlich ist es schade, dass Kurt Scheel und Karl Heinz Bohrer die Herausgeberschaft der Zeitschrift Merkur zum Ende des vergangenen Jahres abgegeben haben. Könnten beide Autoren doch jetzt die Selbstzerfleischung der schmalspurigen Kinder des Parteienstaates in der FDP und im Schloss Bellevue süffisant kommentieren. Etwa in der Fortsetzung von Bohrers brillanten Provinzialismus-Essays aus den 90er Jahren, die Jürgen Habermas so auf die Palme gebracht haben.
Sind nicht Wulff, Rösler und der liberale Versicherungsvertreter-Selbstdemontage-Generalsekretär Döring (Stern: „Die Verkaufskanone“) würdige Vertreter einer politischen Klasse des Mittelmaßes? Sie repräsentieren die geballte Unfähigkeit zu irgendeinem Konzept, zu irgendeinem Projekt….Alles weitere in der Kolumne nachzulesen.
Auszug:
….auch der aufgeklärte Großschriftsteller Thomas Mann stand im Bann okkultistischer Lehren und war beeindruckt von der „teleplastischen Morphogenese“.
Er besuchte in den 20er Jahren über einen Zeitraum von vier Jahren regelmäßig die Séancen des Geisterbarons Schrenck-Notzing in München und hat sich bis zu seinem Lebensende nie von diesem Spiritismus-Zirkus distanziert, so Germanistik-Professor Manfred Dierks auf einer Veranstaltung der Thomas Mann-Gesellschaft in Bonn.
„Im Rotlicht des Sitzungssalons schwebte ein Leuchtring auf und ab. Immerhin ohne jede Menschenhilfe. Eine Tischglocke einsam und allein auf einem Tischchen läutete sich selbst. Und eine frisch erschaffene Materie, ein Plasma, stieg vom Körper des Mediums auf und erreichte als Nebel die Zimmerdecke. Dann gab es eine Verzögerung. Medium Willi hatte sich jetzt eine anspruchsvollere Leistung vorgenommen und nahm dazu einen längeren Anlauf. Es war eher eine Geburt. Etwas wollte heraus. Willi stieß seinen Körper hin und her, presste und stöhnte. Lustvoll erlitt er den Gebär- und Geschlechtsakt in einem. Thomas Mann hatte sogar von Samenergüssen Willis gehört. Aber was dabei herauskam, als es schließlich geschah, war es denn die Qualen wert“, fragt sich Dierks, Autor des Buches „Thomas Manns Geisterbaron: Leben und Werk des Freiherrn Albert von Schrenck-Notzing“, das im nächsten Jahr erscheint.
In der Regel entsprang der Materialisation schlicht weg ein Taschentuch. Mehr passierte nicht. Den Höhepunkt erreichten die spiritistischen Sitzungen, wenn das Objekt mit Zipfelchen in der Luft schwebte und das Auditorium von der wissenschaftlichen Beweisführung der teleplastischen Morphogenese überzeugt wurde. An der okkulten Echtheit der Phänomene wollte Thomas Mann 1923 nicht zweifeln, obwohl fast alle Star-Medien, die im Münchner Salon auftraten, als Betrüger entlarvt und juristisch belangt wurden: „Ich bin überzeugt, dass eine spätere Wissenschaft es denjenigen Dank wissen wird, die in unseren Tagen den Mut oder die Unbefangenheit hatten, ihren Sinnen zu trauen.“ Insofern sollte die Esoterik-Leere von Daniela Scherler etwas ernster genommen werden.
Denn: „Der Dumme glaubt neue Wahrheiten hervorzubringen, indem er wirre Ideen vereinigt“ (Dávila). Beste Voraussetzungen, um mit den Scherler-Vertiefungsseminaren „Lebe Deine Macht!“ auch parteipolitisch zu punkten.
Am Montag werde ich mich in meiner Kolumne für das Debattenmagazin The European (diese Woche schrieb ich was zu „Steve Jobs und die echte Einfachheit“) mit folgendem Thema auseinandersetzen: Warum der Staat das freie Netz hasst und Facebook liebt: Über die Paradoxien des Big Brother-Datenschutzes. Auszug:
Gibt es nun Beweise für die verfassungskonforme Ausgestaltung der polizeilichen Internet-Wanzen, die man landläufig als Staatstrojaner bezeichnet. Die Polit-Profis konzentrierten sich eher auf eine Umkehrung der Beweislast, statt für Transparenz zu sorgen. Die vom Chaos Computer Club (CCC) sezierte Überwachungssoftware sei veraltet und könnte nicht als Beweis für die Gesetzeswidrigkeit herangezogen werden. Was nun die Innenministerien von Bund und Ländern im Wege einer freihändigen Vergabe bei der Firma DigiTask in Auftrag gegeben haben, verschwindet in einem Nebel der Andeutungen.
Wenn es hart auf hart kommt, ziehen sich die Hüter der inneren Sicherheit auf Geheimhaltungsvorschriften zurück. Es bleibt der Eindruck, dass die Sicherheitsbehörden beim Einsatz von digitalem Spionagespielzeug weit über die Verfassung hinausschießen nach dem Motto: Legal-Illegal-Scheißegal. Entkräften konnten die bajuwarischen CSU-Ritter des starken Staates diesen Vorwurf bislang nicht. Statt die Fakten auf den Tisch zu lege, fordern Unionspolitiker lieber ein weiteres Arbeitsbeschaffungsprogramm für Schlapphut-Aktivitäten und nennen das Ganze etwas verharmlosend „Kompetenz-Zentrum für Telekommunikationsüberwachung“. Vor drei Jahren lief das unter dem Titel „Servicezentrum TKÜ“. Überhaupt sollte es für jeden möglichen Verwaltungsmist irgendwelche Servicezentren geben, um ressortübergreifend agieren zu können. Alles nur Beamten-Weihrauch, um Planstellen zu rechtfertigen, neue Budget-Töpfchen aufzumachen und Beruhigungspillen für die Öffentlichkeit zu verteilen. Herausgekommen ist nichts.
Welche Aufklärung ist nun von den Datenschützern in der Staatstrojaner-Affäre zu erwarten? Vom lautstarken Datenschutz-Deichgrafen in Schleswig-Holstein war relativ wenig Empörung zu hören – im Gegensatz zu seinen täglichen Verbalattacken gegen den Like-Button von Facebook. Und genau hier sollte eine Paradoxie-Debatte über den staatlichen Datenschutz anfangen. Hier liegt der eigentliche Kern der Überlegungen von Post-Privacy. Die fürsorglichen Facebook-Google-Mahner vom Dienst sind schlechte Partner, wenn es um den Schutz der Privatsphäre geht. Die vom Bundesverfassungsgericht verbriefte informationelle Selbstbestimmung kann und will der Staat gar nicht umfassend gewähren.
„Damit der moderne Staat funktioniert, muss er seine Bürger in gewissem Maße verdaten, ob diese das wollen oder nicht. Ermittlungsbehörden, Verfassungsschutz und Geheimdienste finden es sogar oft notwendig, die Betroffenen von ihrer Überwachung in Unkenntnis zu halten“, schreibt Christian Heller in seinem gerade im Beck-Verlag erschienen Buch „Post-Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“.
Wenn es um innere Sicherheit und um vermeintliche Terrorbekämpfung geht, wirken die Warnungen der Datenschützer vor Datenmissbrauch nicht gerade vertrauensbildend. Der Datenschutz ist Teil des Systems.
„Er kann sich nicht in Totalverweigerung üben, wenn er sich nicht ins eigene Fleisch schneiden will. Wie jeder Mitspieler in der Politik muss er Kompromisse eingehen. Der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar mag ‚Big Brothers härtester Gegner sein. Aber am Ende des Tages muss er sich mit ‚Big Brother‘ einigen: Dann legt Schaar konstruktive Vorschläge vor, wie sich etwa die Überwachungsstruktur der ‚Vorratsdatenspeicherung‘ im Detail ausgestalten ließe – statt sie ganz abzulehnen“, so Heller.
Ähnliches wird Schaar auch beim Einsatz der Staatstrojaner vom Stapel lassen – in der Öffentlichkeit wird er den konkreten Auftrag des Bundesinnenministers für die Programmierung der Software nicht ausbreiten. Warum nun der Staat das freie Netz hasst und Facebook liebt, löse ich am Montag auf 😉
Wo der Datenschutz noch hinführen kann, ist an dem Schultrojaner-Fall ablesbar. Weitere werden folgen. Jedenfalls klingen die Verlautbarungen der Kultusministerien ähnlich wie die von Friedrich und Co. Nachzulesen im Pott-Blog:
Jörg Harm, der Sprecher des Ministeriums für Schule und Weiterbildung, hat auf die Pottblog-Anfragen Folgendes mitgeteilt:
Zunächst ist darauf hinzuweisen, dass es sich nicht um Schnüffelei handelt, sondern um eine angekündigte und kontrolliert durchgeführte Überprüfung von Schulrechnern.
(und mit welcher Konsequenz? Lehrer können disziplinarisch belangt werden, gs).
Die von den Verlagen zu erstellende Software zur Identifizierung von digitalen Urheberrechtsverletzungen liegt bisher nicht vor. Klar ist: Eine solche Software wird in Nordrhein-Westfalen nur dann eingesetzt, wenn sie technisch und datenschutzrechtlich unbedenklich ist – so ist es auch vertraglich vereinbart. Sobald die Software vorliegt und bevor sie eingesetzt wird, wird sie einer eingehenden Überprüfung unterzogen. In diese wird der Landesdatenschutzbeauftragte selbstverständlich einbezogen.
Laber, laber, bla, bla…. Ihr könnt es drehen und wenden wie ihr wollt, es ist Schnüffelei. Die Wirkung ist verheerend. Wessen Geistes Kind sind denn die Verantwortlichen in der Bildungspolitik. Hier wird ein ganzer Berufsstand unter Generalverdacht gestellt. Das hat die gleiche Dimension wie Zensursula. Empört Euch, liebe Schüler und Lehrer!
Das digitale Universum schreit ja nicht nur nach neuen Regeln in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Auch der tägliche mit Leerformeln durchsetzte Sprachduktus von ambitionierten Führungskräften verlangt nach semantischen Innovationen: Ganzheitlich gut aufgestellt an Lösungen für Synergien eines effizienten und effektiven Daseins zu suchen, um weltweit führend seine Powerpoint-Bullshitpoints in die Welt zu sabbeln ist von vorgestern. Gefragt ist ein radikal neuer Wortschatz für das Kaschieren der eigenen Dünnbrettbohrer-Weisheiten. Ein Lexikon aus der Edelfeder des allgegenwärtigen Bloggers Sascha Lobo schafft Abhilfe. Es ist der kleine Duden für die Zukunft, den man auch während der Entspannungszeiten auf dem Klo zu Rate ziehen oder als Ablenkungslektüre für sinnfreie Besprechungen nutzen kann. Das Standardwerk liefert 698 schnell zu erlernende neue Worte und philosophische Erhellungen für alle Lebenslagen.
Man muss sich ja nicht mit geistesschwachen Meetings zufrieden geben, die über die Frage brüten, ob schon die results für Q2 vorliegen und eine Antwort erntet wie: „Ja, und Sales performt schon wieder under!“
Passend zu dieser lachhaften Nichtkommunikation sind nach den Ausführungen von Sascha Lobo rund 90 Prozent aller Arbeiten im Büro nur vorgetäuschte Scheintätigkeiten zur Selbstvergewisserung der eigenen Nützlichkeit:
„Büroarbeit am Anfang des dritten Jahrtausends ist abgesehen vom notwendigen Geldverdienen die kollektive Illusion, man sei geschäftig und betriebsam im Geschäft oder Betrieb, während man in Wirklichkeit einen Lebenspartner sucht oder jemanden, um den Lebenspartner zu betrügen, oder wenigstens einen Grund, um zu saufen“, schreibt Lobo in seinem Opus der Klugheitslehre.
Wenn man schon tief in der Sackgasse des beruflichen Hospitalismus schmort, dann sollte man die Dinge wenigstens beim Namen nennen. „Und zwar gerade die Dinge, die noch gar keinen Namen haben, weil die werktätige Bevölkerung aus einer Jobschock-Starre heraus bisher nicht zur Benennung kam. Und weil jeden Tag neuer, bis dahin unbekannter Irrsinn entsteht, der endlich mal benannt werden müsste“, so der Ratschlag des Web-Irokesen.
„Marketingeln“ zählt zu den nützlichen Wortkreationen, um das ständige Umherschwirren derjenigen Mitarbeiter zu erklären, die außer der Entscheidung über die Farbe des Firmenfuhrparks praktisch nichts mehr zu tun haben und diesen Umstand durch geschäftiges Herumlaufen zu verbergen versuchen. Weitaus bedenklicher für das Büroleben ist das EXCEM.
Es handelt sich um allergische Reaktionen auf Excel. Gesundheitsämter haben es als einziges Virus anerkannt, das vom Computer auf den Menschen übertragen wird und in machen Organisationen einen Verbreitungsgrad von 104 Prozent bei Einberechnung freier Mitarbeiter erreicht. Inflationär breiten sich auch Schmeetings aus. „Kurzform für Scheißmeeting. Aus jedem Meeting kann binnen Sekunden ein Schmeeting werden, in der Geschichte des Kapitalismus ist aber noch niemals aus einem Schmeeting wieder ein Meeting geworden“, warnt Lobo.
Gesundheitsfördernd sind hingegen die Trimm-Dich-Laufgaben. Es sind Aufgaben, bei denen man trotz aller digitalen Vernetztheit im Büro herumlaufen muss, soll, kann oder will. „Laufgaben eignen sich für Tage, an denen man sonst gar nichts hinbekommt, ebenso wie für Kollegen, die schon mit dem Starten eines Computers überfordert sind und einfach zu erzielende Erfolgserlebnisse benötigen.“
Wer bei den Laufgaben konditionell an seine Grenzen stößt, sollte einfach Kafferien machen, also Kaffeepausen, die sich in die Länge ziehen. In den Kafferien findet man wieder seine innere Ruhe und Konzentration, um sich auf eine PowerPointe einfallen zu lassen – auch wenn die PowerPointe eher ein sicheres Zeichen für ein onkelhaftes Humorverständnis ist. Seit 2009 hat sich die PowerPointe auch als Indikator für einen fehlenden Facebook-Account durchgesetzt. Die Betroffenen reagieren häufig mit egalness. Die PowerPointisten müssen sich zumindest nicht mit der Bekanntitis herumschlagen. Sie entfaltet sich nach der exponentiell gestiegenen Zahl der täglich online wahrgenommenen Gesichter. „Wer unter Bekanntitis leidet, glaubt bei fast jeder auf der Straße entgegenkommenden Person eine Bekanntschaft vor sich zu haben. Oder zumindest das Gesicht irgendwoher zu kennen. Facebook-Friend? Arbeitskollege? Zufallskontakt? Die Bekanntitis mündet zuverlässig in die Grübelei über Freundschaft, den Sinn des Lebens und das eigene Gedächtnis“, diagnostiziert der Social Media-Therapeut Lobo.
Fast alle Bevölkerungsschichten klagen mittlerweile über die Allephobie, die der Höhenkoller-Regisseur Alfred Hitchcock nicht mehr filmisch verarbeiten konnte, da dieses Krankheitsbild zu Lebzeiten des cineastischen Meisters noch unbekannt war. „Allephobie ist die Angst davor, dass der Handy-, Laptop- oder Kamera-Akku leer sein könnte, bevor man eine Ladechance hat.“
Ein mitgeführter Ersatzakku steigert die Intensität der Allephobie. Schließlich könnten nun zwei Akkus zur Unzeit den Geist aufgeben. Ängste vor dem energetischen Leerlauf können durch Situativ-Strategien kompensiert werden. Der Zufall macht ohnehin jede Strategie zu einer Frage der Wahrscheinlichkeiten. Bauern kennen diese Methode schon lange: Abwarten und auf sich zukommen lassen – optional kann man auch Teetrinken. Situativ-Strategen sind nicht selten Adepten des Sinnlosigkeitssatzes, denn zu viel Sinn in Produkten und Diensten stört den Kaufprozess. So lassen sich auch iFart-Applikationen gut verkaufen, die täuschend echte Furzgeräusche auf dem Smartphone erzeugen. Apple-Gerüchte-Küchenmeister rechnen im nächsten Jahr mit einer Geruchstaste auf dem iPhone 5, um neben den Audio-Effekten auch die entsprechenden Duftnoten auswählen zu können. Der Datenschutz-Deichgraf in Schleswig-Holstein sieht übrigens die mobilen Ortungsdienste von Facebook oder Google nicht als Mapalie an – im Gegensatz zu Sascha Lobo. „In Zeiten, wo schon jeder Leichtvernetzte mit zwei bis fünf navigationsfähigen Geräten aus dem Haus geht, lassen sowohl der Wille zur ortskundlichen Vorbereitung einer Reise wie auch die allgemeine Orientierungsfähigkeit deutlich nach. Manchmal geht das schief. Aber in den meisten Fällen handelt es sich bloß um eine mit Google Maps leicht lösbare Mapalie.“