Die digitale Revolution frisst analoge Theorien: Springer-Chef erklärt Riepl-Gesetz für ungültig

Kreative Zerstörung

Meine Schlagzeile ist natürlich Humbug. Der Oberguru des Axel Springer-Verlages wird ein Teufel tun, seine Sprücheklopfereien von vorgestern zu revidieren. Dennoch muss der gestrige Tag fett im Kalender markiert werden:

„Im Rückblick werden Wirtschaftshistoriker vermutlich jenen 25. Juli 2013 als den entscheidenden Punkt definieren, an dem Springer-Vorstandschef Döpfner den Grundstein für sein Medienhaus der Zukunft gelegt hat – ohne den Ballast von Print-Produkten abseits von Bild und Welt. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem man noch eine knappe Milliarde dafür erlösen konnte. Selbst wenn man 260 Millionen davon quasi als Kredit an die Funke-Gruppe vergab“, schreibt Karsten Lohmeyer in seiner trefflichen Analyse „Rette sich wer kann! Was jeder Journalist aus der Print-Amputation bei Springer lernen sollte“.

Wie der Zufall es will, verkündete am gleichen Tag das zweitgrößte deutsche Call Center-Unternehmen seinen Rettungsschirm-Antrag, um eine Pleite abzuwenden. Das klassische Telefonie-Geschäft schmilzt wie Schnee in der digitalen Sonne und nur wenige Hotline-Anbieter sind in der Lage, mit den vernetzten Kunden auf Augenhöhe zu marschieren. Siehe: Es ist wie ein Hohn, schweigt das Telefon – Hotline-Pleiten überraschen nicht wirklich.

Altpapier-Weisheiten
Altpapier-Weisheiten

Eine gute Gelegenheit, an die Durchhalteparolen der Gestern-Industrien zu erinnern. Und dazu zählt eben auch das ominöse “Unverdrängbarkeitsgesetz” von Riepl:

“Keine neue Mediengattung ersetzt die bestehenden. Medienfortschritt verläuft kumulativ, nicht substituierend. Es kommt immer Neues hinzu, aber das Alte bleibt. Bis heute ist dieses Gesetz unwiderlegt. Das Buch hat die erzählte Geschichte nicht ersetzt. Die Zeitung hat das Buch nicht ersetzt, das Radio nicht die Zeitung, das Fernsehen auch nicht das Radio. Und also wird das Internet auch nicht das Fernsehen oder die Zeitung ersetzen“, palaverte der Springer-Chef vor vier Jahren.

Schon damals spekulierte ich, dass wohl kaum einer der analogen Fans sich die Mühe gemacht hat, die Hypothesen der Dissertation von Riepl aus dem Jahr 1913 wirklich zu studieren. In der Abhandlung unter dem Titel „Das Nachrichtenwesen des Altertums mit besonderer Rücksicht auf die Römer“ geht es um das Nebeneinander von schriftlicher und mündlicher Kommunikation. Und die Beispiele von Riepl zeigen sehr wohl, dass Medien sterben können. So ist der Bote in unseren Tagen längst kein Medium mehr mit Relevanz. Und welche Rolle spielt der Telegraph für die Individualkommunikation? Ausgestorben. Welche Bedeutung haben Prediger, Ausrufer oder Kalender für die Massenkommunikation? Keine.

Aber warum sollten man sich mit diesen Dingen noch herumschlagen, Herr Döpfner. Wir werden es tun. Am nächsten Mittwoch in unserer Bloggercamp.tv-Sendung, die wir um 18:30 Uhr wie immer live übertragen.

Thema: Die digitale Revolution frisst die Gestern-Industrien. Wer als Diskutant mitwirken möchte, sollte sich bei Hannes Schleeh oder mir melden.

Leibniz wäre heute ein Nerd und Gamer: Eine Anregung für analoge Volkspädagogen

Wegweisende Nerds der Zukunft und Vergangenheit
Wegweisende Nerds der Zukunft und Vergangenheit

Unsere bildungsbürgerliche Elite kann vielleicht Schillers Glocke auswendig runterbeten, versagt aber bei der Unterscheidung von Bits und Bytes. Zeit für einen Besuch bei der Gamescom in Kölle – Onkel Christoph zeigt Euch Gamer in freier Wildbahn.

So leite ich meine The European-Kolumne zum Thema „Farmville statt Fontane“, obwohl ich Farmville gar nicht spiele. Aber die Alliteration klingt halt besser.

Wenn im Besserwisser-Biotiop der teutonischen Volkspädagogen die Digitalisierung wie eine ansteckende Krankheit und Informatik in der Schule als unnötiges Exotenfach stigmatisiert wird, könnten es die kulturkritischen „Leerer“ wenigstens mit einem Ausflug in das Barock-Zeitalter versuchen. Wie wäre es mit einem Exkurs in die Maschinenwelt und das Netzwerk eines gewissen Gottfried Wilhelm Leibniz? Theoria cum Praxi.

Was immer auch die Computertechnologie und Computertheorie an Umwälzungen hervorgebracht haben, alle ihre Themen und Motive sind bei Leibniz schon versammelt, so die Autoren Werner Kürzel und Peter Bexte in ihrem Opus: „Allwissen und Absturz – Der Ursprung des Computers“ (Insel Verlag).

Der Kombinatoriker Lullus

Leibniz knüpft mit seinen Überlegungen an die Kombinationskunst von Raimundus Lullus an, der im ausgehenden 13. Jahrhundert die erste Denkmaschine Europas konzipierte. Mallorca-Urlaubern sei ein Ausflug ins Kloster auf dem Berg Randa empfohlen.

Leibniz war von einem banalen Mechanismus fasziniert, der das ganze Geheimnis aller Wunderdinge beinhaltet, die die vielfältig einsetzbaren digitalen Geräte in unserem Alltag vollbringen. Die Gedankenspiele von Leibniz kreisten um eine Maschine, die zu einer fortdauernden Simulation unser ureigensten Fähigkeiten fähig ist.

Aufpassen, liebwerteste Gichtlinge des Bildungsbürgertum, jetzt geht es um die Einleitung meiner Kolumne. Leibniz entwickelt den Bauplan einer b i n ä r e n Rechenmaschine in seiner Niederschrift über das duale Zahlensystem – er war also 1679 schon sehr viel weiter als unsere analogen Volkspädagogen heute:

„…Eine Büchse soll so mit Löchern versehen sein, dass diese geöffnet und geschlossen werden können (heute Strom – Nicht-Strom). Sie sei offen an den Stellen, die jeweils 1 entsprechen, und bleibe geschlossen an denen, die 0 entsprechen. Durch die offenen Stellen lasse sie kleine Würfel oder Kugeln in Rinnen fallen, durch die anderen nichts. Sie werde so bewegt und von Spalte zu Spalte verschoben, wie die Multiplikation es erfordert. Die Rinnen sollen die Spalten darstellen, und kein Kügelchen soll aus einer Rinne in eine andere gelangen können, es sei denn, nach die Maschine in Bewegung gesetzt ist.“

Alle Zahlen und Stellen werden lediglich durch die Ziffern 0 und 1 repräsentiert. Ein differenziertes Transportsystem muss dafür sorgen, dass die Maschine richtige Resultate errechnen kann. Man könnte auch von einem Datenbus-Transportsystem sprechen und befindet sich im Zentrum der Informatik.

„Wenn die Zahlen auf ihre einfachsten Prinzipien mit 0 und 1 reduziert werden, dann herrscht überall eine wunderbare Ordnung.“

In der Reduktion der Zahlenwelt, schreiben Kürzel und Bexte, entsteht die universelle Matrix des Systems.

Leibniz konnte im 17. Jahrhundert digital denken – unsere Meinungsführer in Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft können es nicht.

Sie sollten sich Anregungen beim Netznavigator, Nerd und Gamer des barocken Zeitalters holen.

Warum denken kleine Verlage noch analog? #bloggercamp

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eBooks sind in Deutschland noch nicht der absolute Renner. Und wenn ich mir die Preispolitik für digitale Bücher hierzulande anschaue, verwundert mich das überhaupt nicht. In der Regel liegt der eBook-Preis im Vergleich mit der gedruckten Variante viel zu hoch. Das ist eine echte Barriere. Kleines Beispiel: „Meßmers Momente“ von Martin Walser. Die Gebundene Ausgabe kostet 14,95 Euro und für die Kindle Edition muss ich 12,99 Euro berappen.

In den USA sind die Differenzen sehr viel größer. Etwa bei dem von mir erworbenen Werk „Spreadable Media: Creating Value and Meaning in a Networked Culture“ von den Autoren Henry Jenkins, Sam Ford und Joshua Green. Die Kindle Edition liegt bei 12,13 Euro, die gebundene Ausgabe bei 21,80 Euro. Da entscheidet man sich gerne für die virtuelle Version.

Zudem überschlagen sich die Verlegerinnen und Verleger nicht gerade in der innovativen Gestaltung von entmaterialisierter Literatur. Es dominieren eher Defensivargumente wie in der Musik- oder Filmindustrie.

Als Beispiel habe ich eine Passage des Interviews von WDR3-Moderator David Eisermann mit der Verlegerin Monika Bilstein, Leiterin des Wuppertaler Peter Hammer Verlags, mitgeschnitten:

„Der Hype, der jetzt um eBooks gemacht wird, ist sicherlich ein bisschen einzudampfen. Es muss alles mit Augenmaß geschehen. Es darf auf keinen Fall natürlich als Alternative zum gedruckten Buch verstanden werden. Es kann in vielen Fällen eine sinnvolle Ergänzung sein, vor allen Dingen bei Fachbüchern. In anderen Buchbereichen wird es eher schwierig werden. Wir im Peter Hammer Verlag mache ja auch beispielsweise Bilderbücher. Das ist schwer vorstellbar, dass die nun ersetzt werden sollten durch Apps und eBooks. Aber ein sinnvolles Miteinander kann durchaus auch in kleinen und unabhängigen Verlagen nützlich sein“, so Bilstein.

Das wiederum erinnert mich an die Haltung der Zeitungsverleger als Gralshüter des Printjournalismus oder an die Handbremsen-Politik der Telekom-Manager bei Telefonie über das Internet Protokoll.

Warum denken kleine und ambitionierte Verlage nicht radikaler? Was passiert, wenn man Literatur von dem physikalischen Träger völlig abtrennt und das Geschriebene ausschließlich als Software präsentiert wird? Natürlich muss man in Alternativen denken, wenn man nicht alternativlos argumentieren will wie Bundeskanzlerin Angela Merkel. Politfunktionäre können wohl nicht anders daherreden. Aber Verlegerinnen und Verleger?

Für das fließende Buch oder Un-Buch über die Streaming Revolution „Hangout on Air“ haben wir uns bewusst gegen eine gedruckte Variante entschieden. Bei Werken über ein so schnelllebiges Technologiethema ist ein Band mit dem Datum des Erscheinens schon wieder überholt. Als App, Website und/oder eBook passiert das nicht – jedenfalls nicht in der Art und Weise, wie wir an das Projekt herangehen. Es gibt einen Startpunkt aber kein Ende des Werkes. Wir halten unser Opus bewusst in der Schwebe, um Neuheiten, die sich bei Streaming-Technologien ereignen, sofort aufzunehmen. Und da haben wir nicht nur Google+ im Blickfeld.

Zudem regen wir in unseren Werkstattgesprächen neue Streaming-Formate an, die dann wieder Bestandteil des Un-Buchs werden. So etwas nennt man Interaktion mit der Leserschaft. Auch die Form des digitalen Erscheinens stimmen wir intensiv mit unseren Unterstützern ab. Es läuft auf eine Melange von Website und eBook hinaus, kombiniert mit Erklärvideos, gestreamten Lesungen, Fotos und Audio. Wir sind halt keine Verleger, die sich fürchten, das eigene Kerngeschäft zu kannibalisieren. Aber besteht das Kerngeschäft von Literaturverlagen darin, die Druckmaschinen am Laufen zu halten? Oder sucht man nach neuen Erzählformen für Literatur?

„Es geht nicht mehr einzig um das Werkstück, das früher auf analoge Datenträger gebannt wurde. Ein Film, ein Song, ein Text (und alle digitalisierten Werkstücke) werden ihren besonderen Zauber künftig immer mehr aus dem Prozess ihres Entstehens ziehen, denn einzig aus dessen Resultat“, so Dirk von Gehlen in seinem Werk „Eine neue Version ist verfügbar“, das im Frühjahr erscheint und über die Crowdfunding-Plattform Startnext finanziert wurde (ich zähle übrigens auch zu den Unterstützen).

Gehlen sieht die Analogie zum Fußball: Die Fans im Stadion wollen mitfiebern, reinrufen, teilnehmen, jubeln und sich ärgern.

„Und das tun sie nicht nur wegen der Resultate. Das tun sie, weil Fans, Spieler und Öffentlichkeit gemeinsam ein Erlebnis schaffen können, das mindestens ebenso wichtig sein kann wie das Ergebnis. In einer Welt, in der die Ergebnisse kopierbar und kaum zu halten sind, könnte der Blick auf das Erlebnis neue Perspektiven öffnen.“

Übrigens auch oder gerade bei Bilderbüchern, Frau Bilstein.

Das Thema werden wir in unseren Bloggercamp-Werkstatt-Gesprächen fortführen. Auch Verlegerinnen und Verleger sind herzlich dazu eingeladen.

Und vielleicht sind wir ja alle in Deutschland ein wenig zu deppert, vernünftige digitale Strategien zu entwickeln, wie Sascha Lobo heute in seinem Blog darlegt. Wunden lecken nach dem gescheiterten Widerstand gegen das Leistungsschutzrecht. Ein sympathischer Akt der Selbstverstümmelung. Hier nur die Passage zur Blog-Landschaft:

„Weder wirtschaftlich, noch technisch, noch inhaltlich, noch von der Reichweite oder der medialen Wirkung her. Niemand hatte den Mut, groß zu spielen, alles ist Hobby geblieben. Wir bloggen halt so vor uns hin und hoffen heimlich, dass Schirrmacher anruft oder wenigstens die taz, um des Gefühls willen, auch außerhalb der Bloglandschaft eine Wirkung erzielt zu haben. Man bloggt und bloggt und keiner dankt’s einem.“

Die ganzheitlich-holistischen Knetübungen der Manager zur Trauma-Bewältigung

Phrasendrescher

Gerade bin ich auf eine tolle Formulierung gestoßen: „Holistische Kennzahlensysteme als Basis für ein ganzheitliches Qualitätsmanagement.“ Also holistisch und ganzheitlich. Toll. Dieser Höhenflug der Rhetorik mit der Aussagekraft eines „Schwarzen Raben“ lässt sich unendlich kombinieren mit Floskeln wie Umstrukturierung, Neuorganisation, Downsizing, Effizienz, Effektivität, Innovation oder Kreativität. Manager wollen zu jeder Zeit kreativ, innovativ und effizient an ihrer Effektivität arbeiten. Das geht am besten mit ganzheitlichen Konzepten, die in speziellen Kreativitätsseminaren gelernt werden. Manager stellen sich im Kreis auf, greifen zum feuchten Händchen des Nachbarn und rufen im Chor: „Es beginnt ein kreativer Tag und ich fühle mich gut. Just great.”

Vielleicht ergehen sich die gestressten Führungskräfte auch in albernen Rollenspielen oder ruinieren ihr schwarz-graues Outfit durch untrainiertes Gefummel mit Knetmasse. Da fehlt dann nur das kollektive Einüben der Hechelatmung zwecks Unterstützung kreativer Presswehen in holistischen Trauma-Bewältigungs-Workshops. Autoritäre Unternehmensführung und bürokratische Entscheidungsabläufe können leidende Mitarbeiter mit einer „Kulturoffensive” besser ertragen.

Mit Hilfe eines Kulturberaters entwickelt der PR-Chef ein Unternehmensleitbild. Sieben Thesen, sieben Sätze, sieben Seiten, sieben Weisheiten. In dem Leitbild ist zu lesen, wie wichtig die Mitarbeiter sind, wie wichtig die Kunden sind – bei einer Aktiengesellschaft kommen noch die Shareholder dazu. Auch die Stakeholder dürfen nicht fehlen. Ganz fortschrittliche Unternehmen beteuern unter Sonstiges gerne, dass die Arbeit Spaß machen solle und Umweltbelastungen etwas ganz Schreckliches sind.

Damit jeder Mitarbeiter das unheimliche Gesicht seines Chefs verinnerlicht, wird „Management by walking around” praktiziert. Jeden Freitag gibt es darüber hinaus einen „Beer Bust”: Freibier für müde Mitarbeiter. Neue Titel für ehrgeizige Manager im Unternehmen fördern die „Corporate Culture”. Außendienstmitarbeiter mit guten persönlichen Drähten wandeln sich beispielsweise zum „Key Account Manager”.

Das bringt zusätzliche Motivation. Von der Konkurrenz abgucken nennt man „Benchmarking”, frei nach dem Motto: Der Nachbar fährt Mercedes, was habe ich da falsch gemacht? Hat man dann herausbekommen, dass der Nachbar nach dem Frühstück fünf Kniebeugen macht, dann macht man es auch und hat den Stern schon in der Tasche.

Die aufgeblasenen Sprachungetüme, die uns jeden Tag um die Ohren gehauen werden, sind nichts anderes als ostfriesische Dampfplaudereien. Manager und Berater dürfen sich gegenüber Kunden, Kollegen, Vorgesetzten oder der Öffentlichkeit nicht allzu verständlich ausdrücken. Sonst könnte die schmalbrüstige Inkompetenz des Gesagten zu schnell ans Tageslicht gelangen. In Vorstandsetagen wird täglich in „Meetings” nach der „Strategy” gefahndet, um sich besser aufzustellen, neue Projekte einzukippen, „Commitments” zu erzielen und am Markt durch „Empowerment” den optimalen, effizienten und effektiven USP zu erreichen. USP steht für „Unique Selling Proposition” und ist in seiner Bedeutung profan: das einzigartige Verkaufsargument.

Vielleicht sollten die Führungskräfte einfach mehr mit den Otto-Normal-Verbrauchern reden und sich nicht mit dem Rücken zu ihren Kunden positionieren. Die ganzheitlich-holistischen Leerformeln würden sie sich schnell abgewöhnen. Geht mehr in die Kneipe, liebwerteste Management-Gichtlinge.

Siehe auch:

UNVERSTÄNDLICHE UNTERNEHMENSKOMMUNIKATION – Laberrhabarber und Buchstabensuppe.

Blogger Camp: Plädoyer für eine disruptive Sit-in-Bewegung #bc

Aus der zerstörerischen Disruption ist mit dem Internet die digitale Dauerdisruption geworden. Davon ist Sascha Lobo überzeugt:

„So techno-verschwurbelt sich diese Behauptung anhören mag, so radikal sind ihre Folgen. Während im 20. Jahrhundert ein industrieller Markthit mit zarten Weiterentwicklungen einen Konzern über Jahrzehnte tragen konnte, kennt im Netz kaum noch jemand die Helden von vor fünf Jahren“, schreibt Lobo in seiner „Spiegel“-Kolumne.

Schöpferische Zerstörung im Sinne des Ökonomen Joseph A. Schumpeter war schon immer ein Prozess, aber das Internet habe den Takt sehr aggressiv erhöht. Der Konzern von morgen sei eine fortwährende Kette von Riesen-Start-ups, die stakkatohaft wiedergeboren werden und jedes einzelne Mal zum Erfolg verdammt sind.

Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen

„Und das in einem Land, in dem Medien noch zwanzig Jahre nach ihrer Einführung als ‚Neue Medien‘ bezeichnet werden. In einem Land, in dem Start-ups so lange misstrauisch beäugt werden, bis sich genau deshalb das Misstrauen rückwirkend als berechtigt erweist. In einem Land, in dem das Neue erst dann akzeptiert wird, wenn es sich ein paar Jahre bewährt hat. Schon ein falscher Schritt eines solchen prozessualen Umbauunternehmens – wie es Facebook schon heute ist – reicht aus, damit die digitale Dauerdisruption das tut, was sie am liebsten macht: disruptieren, zerreißen, zernichten. Damit aus den gefallenen Kurzzeitkonzernen der Humus entsteht, auf dem Schumpeter seine nächsten Pflänzchen ziehen kann“, führt Lobo weiter aus.

Wie gehen nun die Arbeitskräfte von morgen mit dieser Unkalkulierbarkeit um? In den Hochschulen bekommen die liebwertesten Gichtlinge des akademischen Betriebes leider eine andere Welt geboten. Gefragt sind heute Selbstorganisation statt Hierarchie, Möglichkeitsräume statt pseudoexakter Planungen, Fehlerfreundlichkeit statt Standardisierung. Kein Befehl und Gehorsam, sondern Abschaffung der Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen von Wirtschaft und Staat. Und was für ein Nachwuchspersonal kommt von den Universitäten im Geiste von Bologna? Akademische Automaten.

Das verwaltete Studium ist Verrat an der akademischen Freiheit des Denkens, so meine Ausführungen in der Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“. Deshalb mein heutiges Plädoyer für eine disruptive Sit-in-Bewegung in den Hörsälen und auch virtuell.

Beginnen werde ich damit im heutigen Blogger Camp in der zweiten Session von 19,30 bis 20,00 Uhr. Thema: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption – nicht zu verwechseln mit Dauererektion, lieber Mirko Lange 🙂

Teilnehmer: Katja Andes (Ideacamp UG), Lars Mensel (The European), Dirk Elsner (blicklog), Andreas Klug (Ityx), Hannes Schleeh und Heinrich Rudolf Bruns. Moderation: Icke.

Hashtag für Zwischenrufe während des Live-Hangouts #bc

Übrigens: Aus dem Werk von Professor Clayton M. Christensen stammt die Formulierung:

„Disruptive Technologien machen zu dem Zeitpunkt, an dem Investitionen für das Unternehmen so wichtig wären, noch kaum Sinn.“

Klingt nicht so spektakulär, ist aber für etablierte Industrien ein echtes Problem. Die Umsätze stagnieren auf hohem Niveau und die Talfahrt ist noch nicht so ganz in Sichtweite. Man kann es höchstens erahnen.

Zum Lamento über die disruptive Wirkung des Netzes zähle ich übrigens auch den neuen Verleger-Volkssport „Google-Bashing“.

Studenten im Bologna-Prozess: Stoff-Bulimie statt Regelbruch – Reinschaufeln, auskotzen, vergessen

Innovationen entstehen nach Ansicht des Bloggers Martin Bartonitz vor allem durch Regelbrechung. Man muss in der Lage sein, Altvertrautes nicht mehr in den gewohnten Bahnen zu betrachten: Anders denken und nicht mehr einfach weitermachen, weil man es ja immer schon so gemacht hat. Nicht wegsehen, sondern hinterfragen. In seinem jüngsten Beitrag beruft sich Bartonitz auf einen Vortrag von Gary Hamel („Reinventing the Technology of Human Accomplishment“).

Kein Manager sei mehr in der Lage alles zu wissen, was die einzelnen Experten seines Teams sich an Können angeeignet haben, so Hamel. Damit wandelt sich die Rolle des Managers. Hamel fordert einen Paradigmenwechsel im Management, weg von der Schaffung menschlicher Automaten. „Wer den Menschen nur als Automaten betrachtet, verpasst, dass dieser ein in höchstem Maße adaptives Wesen ist, ganz im Gegenteil zu einem hierarchisch organisierten Unternehmen“, schreibt Bartonitz und zitiert den ehemaligen Controller Niels Pfläging:

“Die Zwangsjacke, die sich Unternehmen durch exakte Pläne anziehen, wird immer enger. Doch alle Unternehmen können sich aus ihr befreien.”

Aber wie und mit welchem Personal?

Gefragt sind heute Selbstorganisation statt Hierarchie, Möglichkeitsräume statt pseudoexakter Planungen, Fehlerfreundlichkeit statt Standardisierung. Kein Befehl und Gehorsam, sondern Abschaffung der Ziegelstein-Diktatur in den Organisationen von Wirtschaft und Staat. Und was für ein Nachwuchspersonal kommt von den Universitäten im Geiste von Bologna? Akademische Automaten.

„Die heutige Universität ist keine ‚universitas‘ mehr, sondern eine Summe von Fachhochschulen“, kritisiert der Medienphilosoph Norbert Bolz in dem von ihm herausgegebenen Sammelband „Wer hat Angst vor der Philosophie?“ (erschienen im Wilhelm Fink Verlag).

Das verwaltete Studium finde eifrige Verfechter mittlerweile auch bei den Studenten, um deren „Zurichtung“ es den Bildungsplanern geht. Die Angst um den Job rufe nach handfestem, abfragbarem Wissen. Unreglementiertes Denken passt nicht in die Doktrin des Bologna-Prozesses. Es lässt sich nicht in das Schema von Ranglisten, Test und Training pressen. Antik war die Muße, modern ist die Verbeamtung des Denkens. Die Universitätslehre vermittelte Sinn, der Bologna-Prozess ruft nach einer operationalen Praxis.

Dekanate mutieren zum Service-Center. Lehre und Forschung werden durch Module und Projekte ersetzt. Den Professoren und Studenten wird heute das Apportieren beigebracht.

„Wer sind die Gewinner des Bologna-Prozesses? Zu den Gewinnern gehören die Verwaltung, deren Bedeutung ins Groteske angewachsen ist, und die Wissenschaftsfunktionäre in den Gremien“, bemerkt Bolz.

Gewinner seien aber auch die Professoren, die lieber Lehrer sein möchten, und die Studenten, die lieber Schüler bleiben wollen. Es ist der Verrat an der akademischen Freiheit des Denkens. In den Wissenschaftsfabriken mit ihren Sprachcodes und Trainingscamps wird nicht der Regelbruch kultiviert, sondern die Stoff-Bulimie: Reinschaufeln, auskotzen, vergessen. Wissenschaft funktioniert wie ein Jahrmarktsverkäufer:

Professor Zerr: Schöner Scheitern statt Benchmarking

„Hier noch eine Leberwurst und eine Salami – einen Büchsenöffner gibt es noch kostenlos dazu. Ein bisschen Jura, Mathe und Rechnungswesen. Regeln, Regeln, Regeln und das ist es dann“, kritisiert Professor Michael Zerr, Präsident der Karlshochschule.

Studenten sollten lernen, Dinge in Frage zu stellen, beispielsweise über den Sinn des Controllings.

„In erster Linie handelt es sich um eine Inszenierung von Rationalität. Unsere Studenten beschäftigen sich damit, wie man eine kalkulatorische Wirklichkeit inszeniert, welche Rituale sich im Management abspielen, welche Metaphern verwendet werden, um in einer Organisation Mikropolitik zu machen. Das ist das Programm unserer Universität“, sagt Zerr.

Es wäre nach Ansicht des IT-Personalexperten Udo Nadolski schon ein großer Fortschritt, wenn sich Manager, Politiker und Wissenschaftler von ihrer Rationalitätsgläubigkeit verabschieden und stärker mit dem Unerwarteten kalkulieren würden.

„Den von Joseph A. Schumpeter geprägten Begriff der kreativen Zerstörung muss man in seinen Konsequenzen auch zu Ende denken. Wer gesellschaftliche und wirtschaftliche Phänomene nur in Aggregatzuständen wahrnimmt und berechnet, vernachlässigt die Wirkungen von Innovationsrevolutionen. Technologien und Geschäftsmethoden können über Nacht wertlos werden. Etablierte Branchen gehen unter und neue entstehen“, erläutert Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash.

Überall dort, wo Talent, Technik und Toleranz aufeinandertreffen, könnten richtige disruptive Innovationen oder Sprunginnovationen entstehen, meint der Zukunftsforscher Dr. Karlheinz Steinmüller.

Was notwendig sei, um ein günstiges Klima für Störer und Innovatoren zu schaffen, sei eine Kultur des Karnevals, Narrentums und des Scheiterns. Das gelte für Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Management und Medien. Mit dem Bologna-Prozess erzeugen wir das Gegenteil. Da sind wir schon mitten in der Thematik der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch von 19,30 bis 20,00 Uhr: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Teilnehmer: Katja Andes (Ideacamp UG), Lars Mensel (The European-Debattenmagazin), Dirk Elsner (blicklog), Andreas Klug (Ityx), Hannes Schleeh und Heinrich Rudolf Bruns. Moderation: Meine Wenigkeit.

Regelbrecher statt akademische Automaten wird auch das Thema meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ sein. Statements bis morgen (spätestens bis 14 Uhr) wieder hoch willkommen.

Spitzer-Gegenteil-Tag: Pläne gegen die analoge Verblödung

Also morgen ist definitiv Spitzer-Gegenteil-Tag – zumindest bei mir und wohl bei Christoph Deeg, den ich für meine The European-Mittwochskolumne interviewt habe.

Hier nur ein kleiner Auszug des Beitrages, der wohl so ab 8 Uhr abrufbar sein dürfte.

Der Gaming-Experte Deeg ruft zu einer Anti-Spitzer-Bewegung auf. Es reiche nicht aus, dass demente Büchlein zu zerlegen und die Fakten-Melange auf Richtigkeit zu prüfen. Alte Männer wie Spitzer präsentieren keine Lösungen für den Trend zur Vernetzung, sie sind das Problem, warum wir in Deutschland immer mehr in digitaler Mediokrität versumpfen. Der Erfolg des Spitzer-Werkes zeigt doch, wo wir stehen. Wir können lange erzählen, dass wir eine moderne Technologienation sind“, kritisiert Deeg.

Die Welt bestehe nicht nur aus Suchtkranken, die Spitzer in seiner täglichen Arbeit erlebt. Was passiert aber jetzt mit den Allgemeinplätzen, die der Professor in seiner „Digitalen Demenz“ ausbreitet?

„Eltern lesen dieses Buch oder hören davon und bekommen eine tiefgreifende Panikattacke. Im schlimmsten Fall sagen sie zu ihren Kindern: ‚Das sollst du nicht mehr machen‘. Die Kinder sagen ‚wunderbar‘ und reagieren wie bei allen anderen Verboten. Sie werden sich dann eben woanders ins Internet begeben. Sie beginnen sich dann irgendwo anders im Internet zu begeben. Der nächste Schritt ist, dass die Eltern zu den Pädagogen gehen und ihnen auch sagen, dass sie nicht mehr mit digitalen Medien arbeiten sollen. Als Endergebnis entfernen wir komplett eine wichtige Lebensrealität der Jugendlichen. Als Resultat wissen Eltern und Lehrer nicht mehr, was in der digitalen Welt wirklich passiert“, sagt Deeg.

Krieg der Generationen

Spitzer beschädigt damit das Vertrauensverhältnis zwischen den Generationen.

„Es geht doch nicht darum, dass Menschen nur noch vor dem Rechner sitzen. Warum kommen Eltern und Pädagogen nicht auf die Idee, mit Jugendlichen und den Kindern das Internet und die digitalen Welten zu erschließen. Diese Möglichkeit macht Spitzer kaputt“, betont Deeg.

Der Demenz-Autor habe von der Digitalisierung so viel Ahnung wie eine Kuh vom Sonntag:

„Wir alle, die im digitalen Raum arbeiten, müssen das ernst nehmen und uns auch selber hinterfragen. Wir haben es wohl nicht geschafft, in der Bevölkerung ein Vertrauen aufzubauen gegenüber den Chancen der digitalen Technologien. Wir brauchen als Gegenkonzept zu Spitzer einen klar strukturierten Fünf-Jahresplan. Wir dürfen nicht nur dagegen argumentieren und ein paar Studien mit auf den Weg geben“, fordert der Gaming-Enthusiast.

Ansonsten verspielen wir die Möglichkeiten zur Gestaltung der digitalen Gesellschaft. Soweit der Ausblick auf morgen. Was Ärzte und Apotheker als Spitzer-Gegenmittel empfehlen, ist mir nicht bekannt. Christoph Deeg empfiehlt die Lektüre des Buches von Steven Johnson: Neue Intelligenz. Zudem schreiben Christoph und ich vielleicht selbst ein Anti-Spitzer-Buch – mal gucken. Lust hätte ich.

Lesenswert ist übrigens auch die Kolumne von Sascha Lobo: Eure Internetsucht ist unser Leben.

Update:
Hier nun die The European-Kolumne: Der digitale Kaputtmacher.

Wortmüll der Manager und sinnentleerter Mehrwert für Kunden

„Schluss mit dem Business-Kauderwelsch“, fordert Dan Pallotta in einem Blogpost für Harvard Business Manager.

Phrasen, Abkürzungen und abstraktes Gerede seien an der Tagesordnung. Eine klare Sprache ist Mangelware. Statt die Sache auf den Begriff zu bringen, palavern Manager über die Sache hinweg. Erzeugt werden semantische Nebelschwaden ohne Substanz, ohne Inhalt, ohne Wirkung. Wortschwulst, Floskeln und Leerformeln dienen eher einem Ritual, um Dinge aufzublasen und wichtig zu machen. In Wahrheit verbergen sich hinter den Laber-Orgien heiße Luft und dümmliche Kalenderweisheiten.

So ärgert sich nicht nur Pallotta über die sinnflutartigen Wortmüll, der uns täglich an den Kopf geballert wird. Etwa folgende Aussage:

„Wir übertreffen die Erwartungen unserer Kunden.“

Hellseherischer Werbe-Brei

Kunden erleben aber so gut wie nie, dass ihre Erwartungen erfüllt werden. Noch seltener werden sie übertroffen.

„Wie kann ein Unternehmen Erwartungen übertreffen, wenn es keine Ahnung hat, wie diese aussehen“, fragt sich Pallotta.

So etwas ist anmaßend. Man benötigt schon hellseherische Fähigkeiten um zu wissen, was jeder Einzelne von einem Service-Anbieter erwartet. Unternehmen sollten also aufhören, die Umwelt mit aufgeblähten Werbesprüchlein zu verschmutzen.

„Wir haben vergessen, die Dinge beim Namen zu nennen. Wie zum Beispiel Türklinken. Stattdessen sprechen Leute über die Idee von Türklinken, ohne tatsächlich das Wort Türklinke zu benutzen. So wird eine neue Idee für eine Türklinke zu einer ‚Innovation zum Wohnsitz-bezogenen Zugang’“, moniert Palotta.

Was sonst noch so für sinnentleerter Mehrwert für Kunden geboten wird, steht in meiner Dienstagskolumne für Service Insiders: Wenn Manager in der Buchstabensuppe schwimmen – Über das Laber-Ritual der Unternehmen.

Morgen gehe ich auf die Kolumne von Sascha Lobo ein. Er beschäftigt sich mit der wachsenden Macht von Google, Apple, Facebook und Amazon:

„Mit schöner Regelmäßigkeit erscheinen Besorgnis-Artikel über die großen vier des Netzes – in der Regel ohne Alternativvorschläge.“

Nun habe ich mich in den vergangenen Wochen intensiv an dieser Debatte über den Kontrollwahn der liebwertesten Web-Gichtlinge beteiligt. Und Alternativen sollten dabei eigentlich auch herausspringen, etwa in dem Obi Wan Kenobi-Panel auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Ob diese Überlegungen tragfähig sind, ist in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“ zu überprüfen. Das Thema würde ich gerne in Telefoninterviews und Bibliotheksgesprächen vertiefen. Wer Lust darauf hat, sollte sich per Mail bei mir melden: gunnareriksohn@gmail.com.

So, jetzt werde ich mich erst mal etwas erfrischen bei über 40 Grad im Schatten – natürlich nicht in Deutschland, so etwas würde man ja Hochsommer nennen. Bin noch in Bosnien.

Spontanschreiben, Echtzeit-Lamento, Wortsalat und Twitter-Prosa – Über Lichtblicke im aufgeregten Social Media-Gewusel

Die volle Konzentration, das Eintauchen in den Text, Film, Podcast oder das Bild sei die reinste Form des Engagements, die sich Kommunikatoren von ihren Anspruchsgruppen erhoffen dürfen, schreibt der Blogger Thilo Specht in seinem Beitrag „Social Media machen dumm – in Echtzeit“:

„Das Auseinandersetzen und Arbeiten mit Inhalten. Diese Veränderungsprozesse sind ungleich wertvoller als jedes schnelle ‚Like’.“

In seiner kritischen Würdigung der Echtzeitkommunikation in sozialen Netzwerken reibt sich Specht an dem aufgeregten Gewusel in den Kommunikationsabteilungen der Republik, alles flach, alles schnell, alles rund um die Uhr.

„Das Monitoring-Geschäft boomt, jeder gerade ausgesonderte Satzfetzen, der auch nur im Entferntesten überhaupt nichts mit Marke, Produkt und Unternehmen zu tun hat, wird ausgewertet. Denn der nächste Shitstorm ist nur einen Klick entfernt und kann praktisch sofort losgehen“, so Specht.

Die Fixierung auf diese – alles andere als neue – Geschwindigkeit und die Erhöhung eines rein technologischen Begriffs der Echtzeit zur Maxime der Kommunikation lasse den Schluss zu, dass Social Media – fuck, wir nennen es Internet – tatsächlich dazu beitragen, auch unsere Denkprozesse enorm zu verkürzen. Der Kern des Problems sei das Wesen des Internets:

„Als Infrastruktur für alle möglichen Dienste und Technologien verschmilzt es Wissen, Ereignisse und Beziehungen zu einem Brei sich stetig aktualisierender Statusmeldungen und Botschaften.“

Soweit, so gut. Neu ist dieses Phänomen nicht. Das hat der im vergangenen Jahr verstorbene Kulturwissenschaftler in seiner „Geschichte der Kommunikationsmedien“ und in dem Werk „Aufschreibesysteme 1800 – 1900“ sehr schön herausgearbeitet. Die Auswirkungen der Aufschreibesysteme in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die der Erfinder Edison auslöste, sind fast deckungsgleich mit dem Echtzeit-Lamento von Thilo Specht: Das Buchmonopol und die Gutenberg-Ära enden. Aus diesen Trümmern werden neue Speichersysteme frei.

„Im Aufschreibesystem von 1900 laufen die psychophysischen Experimente als ebenso viele Zufallsgeneratoren, die Diskurse ohne Sinn noch Gedanken auswerfen. Der übliche Sprachverwendungszweck – so genannte Kommunikation mit anderen – scheidet damit aus. Wortsalat und Spontanschreiben, Kindersprache und Irrereden sind alle nicht für verstehende Ohren oder Augen da; sie wandern aus Versuchsanordnungen auf schnellstem Weg in Datenspeicher“, führt Kittler aus.

Die neuen Qualitäten der digitalen Kommunikation

Jedes neue Medium bringt aber auch neue Qualitäten hervor. In Blogs ist es der persönliche und manchmal sehr langlebige Kontakt und Austausch zwischen Autor und Leser – im Gegensatz zu Massenmedien. Jedes Medium rückt verdrängte Effekte oder Eigenschaften wieder in den Vordergrund.

„Bei Twitter ist man gezwungen, sich kurz zu fassen. Das verlangt extrem viel Sprachfähigkeit. Damit die Tweets mit nur 140 Zeichen wahrgenommen werden, muss man einen aphoristischen Stil entwickeln. Das ist eine hohe Kunst“, stellt Slow Media-Blogger Jörg Blumtritt fest.

Gute Twitter-Streams seien wie Lyrik lesbar. Das, was andere Medien überflüssig gemacht haben, kehre also wieder. Brachliegende Potentiale liegen auch in der digitalen Kundenkommunikation, die noch nicht perfekt synchronisiert werden. Das belegt eine Studie des Unternehmens Verint. Eine systematische Analyse des Kundenfeedbacks findet praktisch noch nicht statt.

„Hier verspielt man die Chancen der asynchronen Kommunikation. Gerade die schriftbasierten Interaktionen bieten sehr gute Möglichkeiten, wiederkehrende Service-Anfragen automatisiert zu verarbeiten und im Hintergrund gezielt Geschäftsprozesse anzustoßen“, erläutert Andreas Klug, Mitglied der Geschäftsführung des Kölner Software-Spezialisten ITyX.

Diese Entwicklung sei vergleichbar mit der Automatisierung in der Automobilindustrie, wie sie die Japaner in den 1980er Jahren vorangetrieben haben.

„Damals haben Umfragen der deutschen Industrie auch ergeben, dass kaum ein deutscher Hersteller Roboter einsetzt. Wer aber unbeweglich ist, nimmt sich selbst die Chance, wiederkehrende Arbeiten im Kundenservice zu erkennen und durch intelligente Software erledigen zu lassen“, sagt Klug und verweist auf ein Referenzprojekt für das Energieversorgungsunternehmen Badenova im Regierungsbezirk Freiburg. „Hier setzt man zur Steuerung und Verarbeitung der Kundenkorrespondenz auf Lösungen unseres Unternehmens. Mit dem Modul CONTEX werden in der Poststelle alle Eingangsdokumente digital erfasst, analysiert und unabhängig von Struktur und Quelle innerhalb des Unternehmens und seiner eingebundenen Dienstleister verteilt“, so Klug.

Generell sei es notwendig, auf den Trend zur Verschriftung der Kundenkommunikation mit den richtigen Analysetools zu reagieren, rät Klug;

„Das bestätigte Gartner-Analyst Ed Thompson. Unternehmen wählen keine Kommunikationssystem mehr aus, die E-Mails oder Chats nur so nebenbei erledigen.“

Die Königsdisziplin der vernetzten Service-Ökonomie

Im Kundendienst setze sich die Erkenntnis durch, dass nur dann positive Serviceerlebnisse entstehen, wenn im Moment der Kontaktaufnahme das Problem des Kunden möglichst genau spezifiziert und umgehend gelöst werden kann, egal über welchen Kanal.

„Auch die Qualität der Informationen muss überzeugen. Das können nur wissensbasierte Lösungen gewährleisten, die auf modernem Text Mining aufsetzen. Diese Lösungen sind bei zunehmender Verschriftung im Kundenservice essentiell, weil sie ja den Inhalt und Kontext der Anfragen ziemlich genau verstehen und zuordnen können. Auf diese Weise stehen im Moment des Dialogs sowohl für den Kunden als auch für Anbieter alle benötigten Informationen zur Verfügung“, resümiert Klug.

Er ist davon überzeugt, dass die prozessbegleitende aktive Kommunikation per E-Mail, App und SMS in den nächsten Jahren eine wichtige Rolle spielen wird. Hierbei gehe es darum, Fragen des Verbrauchers erst gar nicht aufkommen zu lassen, wenn parallel zum Geschehen automatisch eine Mitteilung an den Kunden rausgeht. Die Auswertung des gigantischen Datenvolumens, die Mustererkennung und das Antizipieren von Kundenwünschen über Software-Systeme mit Künstlicher Intelligenz werde in Zukunft zur Königsdisziplin der vernetzten Service-Ökonomie zählen.

Wenn sich das in der Kundenkommunikation durchsetzt, wird das Netzrauschen dann vielleicht etwas erträglicher.

Liebwerteste Kanzlerin, wo bleibt der kompromisslose Internet-Ausbau? #Heinrich-von-Stephan #informare12

Am 11. Mai jährte sich in Berlin ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte: Die DeTeWe Communications feierte ihr 125-jähriges Jubiläum. Gegründet im Jahr 1887 als Zulieferer in der Telefonapparateproduktion, war das Unternehmen Pionier bei der Konstruktion von Fernmeldeämtern, Co-Erbauer des ehemaligen Berliner Rohrpostsystems, millionenfacher Hersteller von Telefonen und ist heute einer der größten ITK-Systemintegratoren in Deutschland. „Die DeTeWe blickt auf Generationen von Ingenieursleistung zurück und hat die Kommunikationsbranche wie kaum ein anderes Unternehmen mitgeprägt. Ob Telefon, Rohrpost, Fax, schnurlose Telefone, Internet, E-Mail: Die Informations- und Telekommunikationsbranche ist schnelllebig, die DeTeWe war und ist immer dabei“, sagt Christian Fron, Geschäftsführer der DeTeWe Communications.

Der Architekt für die Technik-Revolutionen im Berlin des 19. Jahrhunderts war der Generalpostmeister Heinrich von Stephan. Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt.

Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag. Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden. Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen. Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe.

https://twitter.com/#!/SERVICEInsiders/status/200264792659861505

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan könnten wir heute in Deutschland sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, sagte Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Vom Heinrich von Stephan-Gründergeist könnte sich die Berliner Politik eine große Scheibe abschneiden, um die Voraussetzungen für eine vernetzte Ökonomie zu schaffen.

Gunter Dueck spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. „Zum Beispiel könnte die Bundesregierung einen verbindlichen ‚Fahrplan‘ für den Ausbau des Breitbandinternets herausgeben. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer Bank“, erläutert Dueck. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar. Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoss zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf“, führt Dueck weiter aus.

Immer grössere Teile der gesellschaftlichen Werte werden digitalisiert.

„Und damit auch deren Wertschöpfung. Man sieht das sehr schön an Garys Social Media Count. Nicht nur die Tatsache, dass die Zahl der Google+ und Facebook User schneller wächst als die der neuen Internet-Teilnehmer. Der Hammer befindet sich hinter dem Tab ‚heritage‘: diese gigantischen Wertschöpfungen werden zum grossen Teil in die virtuelle Welt wandern: digitalisiert und vernetzt“, meint Stahl.

Content bedeute die vollständige Digitalisierung ALLER Lebensbereiche, Branchen und Prozesse. Die Kanzlerin sollte also aufhören, noch weiter von dümmlichen Herdprämien zu träumen, sondern sich den wesentlichen Zukunftsaufgaben widmen. Ich möchte nichts mehr hören von tausend Projekten, Kompetenz-Zentren und sonstigen Alibi-Veranstaltungen. Die Bundesregierung sollte auf dem nächsten IT-Gipfel am 13. November in Essen einen Internet-Masterplan auf den Tisch legen.

Siehe auch:

Heinrich von Stephan, DeTeWe und die Technikrevolutionen in Berlin.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte.

Ideenlos im Netz: Es fehlen Visionen für die Hightech-Kommunikation.

Vom „Buch der Narren“ zum Mekka der Kommunikation.