Die Kraut-Ökonomie: Nur ein Nischen-Phänomen?

Ende der Massenproduktion?

Die vernetzte, kollaborative und digitalisierte Welt reduziert die Eintrittsbarrieren, um als Produzent tätig zu werden! Es fördert die Autonomie und schwächt das Regime der Fremdbestimmung. Das spüren nicht nur die Zeitungsverlage. Siehe meine Kolumne für The European, die Anfang Dezember des vergangenen Jahres erschien.

„Die Kultur der meisten Mega-Konzerne mit ihren ausgeprägten Hierarchien, ihren starren Formalitäten, ihren unbeholfenen Kommunikationsmechanismen und als Resultat davon ihren langsamen Reaktionszeiten passt offensichtlich nicht mehr zu dem heute herrschenden Tempo. Sie ist nicht mehr vereinbar mit der heute existierenden Wirtschaftskultur und erscheint im Vergleich dazu alt und atemlos“, bemerkt der Philosoph Frithjof Bergmann.

Neue Techniken und die Open-Source-Prinzipien forcieren diese Entwicklung, die sich von der überholten industriellen Massenproduktion wegbewegt.

Besonders spannend sind dabei die vielen Crowdfunding-Initiativen, die auch in deutschsprachigen Ländern wie Pilze aus dem Boden schießen, wie Dirk von Gehlen am Beispiel seines Buchprojektes „Eine neue Version ist verfügbar“ beim Digitalen Quartett darlegte. Hier werde ein direkter Austausch zwischen Produzent und Konsument ermöglicht. Es sei keine Bettelei, wie Kritiker meinen, sondern es gehe um die Beteiligung der Crowd an innovativen Projekten. Normalerweise gebe man sein Buchmanuskript bei einem Verlag ab und kümmert sich nicht um den Rest. Beim Crowdfunding begleiten die Kunden den Entstehungsprozess und werden danach gefragt, was ihnen das Projekt wert sei. Und diese Werte entstehen nur durch die aktive Unterstützung – das sei das genaue Gegenteil von Bettelei.

Verändert sich dadurch die Ökonomie im Ganzen? Davon bin ich zutiefst überzeugt. Es ist die perfekte Form der Beteiligung, die sich im Crowdfunding manifestiert. Es könnte das etablierte Finanzsystem in den Schatten stellen, Unternehmensgründungen beflügeln, als Katalysator für Innovationen fungieren und für eine Demokratisierung der Beziehungen zwischen Unternehmen und Konsumenten beitragen.

Anne Haeming beschreibt in der FAS diese Effekte im Journalismus: „Dagegen ist eine Crowd gewachsen“ lautet der Titel des Beitrages. Etwa das am Dienstag startende Projekt „Krautreporter“:

„Man muss die Nutzer als Investoren betrachten, die Kosten transparent machen, kontinuierlich über den Stand der Dinge bloggen, sie einbeziehen“, schreibt Haeming.

All das ist nicht nur in klassischen Verlagen und Redaktionen undenkbar. Das gilt auch für den Rest der Unternehmenswelt. Und ob diese Graswurzel-Bewegungen die Medienbranche nur „ergänzen“ werden, wie die FAS-Autorin meint, bleibt noch abzuwarten. Vielleicht erleben wir eine Metamorphose der Volkswirtschaft im großen Stil. Könnte noch einige Zeit dauern, aber ich sehe hier einen weiteren „Tipping Point“.

Vielleicht werde ich das in meiner Mittwochskolumne aufgreifen. Da brauche ich aber noch ein wenig mehr Input. Mal schauen, was ich da an weiteren Ideen zu Papier bringen kann.

Nekrolog eines Printmedien-Kunden

Heute schreibe ich einen Nekrolog als Stammleser von vielen Zeitschriften und Zeitungen, die ich mir früher regelmäßig gekauft habe – teilweise sogar im Abonnement.

Im Abo beziehe ich keinen einzigen Titel mehr. Mit meinen 51 Lenzen bin ich aber immer noch so konditioniert, dass ich ab und zu Printmedien kaufe. In meinem Stamm-Tabakladen. Früh morgens, bevor ich in meiner Stammbäckerei fünf Brötchen besorge, besuche ich den Tabakladen, um meinem Nikotinkonsum zu frönen. Am Dienstag greife ich manchmal zur NZZ wegen des Medienteils und zur FAZ wegen „Technik und Motor“. Am Donnerstag ist die Wochenzeitung „Die Zeit“ fester Bestandteil meiner Kaufentscheidungen, da die Beiträge hintergründig und kompetent geschrieben werden – die iPad-Variante überzeugt mich leider nicht, sonst würde ich sie wohl dort bevorzugen.

Am Samstag taz und Welt – letztere wegen des Literaturteils. Bin halt ein Büchernarr. Aber insgesamt geht bei mir die Tendenz bei Printmedien deutlich nach unten. Heute nun habe ich Zeit, Handelsblatt und aus gegebenen Anlass die FTD erworben. Bei der FTD war es das zweite Mal nacheinander. Eine Ausnahme. Seit mindestens zwei Jahren habe ich dieses Medium nicht mehr in Printform gelesen. Alle drei Zeitungen beschäftigen sich mit dem drohenden Untergang der Zeitungen. In den Verlagen kocht es wohl derzeitig gewaltig, nach der Insolenz der Frankfurter Rundschau und dem Sterben der FTD.

Etwas ausführlicher möchte ich auf die etwas trotzige Titelstory „Die Zeitung lebt!“ von Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart eingehen. Zuvor aber noch die Einschätzung der Eigentümerin meines Stamm-Tabakladens. Sozusagen die Sichtweise der Verkaufsbasis. Ist nicht repräsentativ, aber ein kleiner Indikator für die Gesamtsituation im Verlagswesen. Die Hauptkunden für Printmedien sind ältere Frauen, die noch treu ihre Lokalzeitung (Express oder GA) nachfragen und zu Titeln wie „Echo der Frau“, „Das Goldene Blatt“, „Landlust“ und TV-Zeitschriften greifen. Danach sieht es schon düsterer aus. Jugendliche würden heute noch nicht einmal zu den Zeitschriften neigen, die früher wie warme Semmeln weggegangen sind. Das Dr. Sommer-Team mit der Zeitschrift Bravo lag früher im Schnitt bei 30 verkauften Exemplaren. Jetzt gehen noch nicht mal drei Exemplare pro Ausgabe über die Theke. Wirtschaftstitel schmelzen in den Regalen wie Schnee in der Sonne. Das liegt nicht an den Verkaufserfolgen, sie werden gar nicht mehr ausgelegt. Grossisten listen sie schlichtweg aus. Ausnahme Flughäfen und Hauptbahnhöfe. Das Resümee meiner Tabakladen-Frau: Jugendliche und junge Erwachsene kaufen Printmedien fast überhaupt nicht mehr. Und wer so sozialisiert wird, bleibt wohl auch in späteren Jahren bei dieser Konditionierung.

Eine umfängliche Ursachenanalyse für das Zeitungssterben möchte ich hier nicht präsentieren. Das ist in den vergangenen Jahren schon mehr als genug gemacht worden. Aber auf Gabor Steingart möchte ich noch eine kleine Replik loswerden. Schon heute früh hat mich der Handelsblatt-Chefredakteur in seinem Newsletter ja zu einer Meinungsäußerung aufgefordert:

„Im Hamburger Verlagshaus Gruner & Jahr spielen sich Dramen ab. Redaktion, Verlag und Aufsichtsrat ringen um die Zukunft der „Financial Times Deutschland„. Nach dem Aus für die ‚Frankfurter Rundschau‘ würde binnen kürzester Zeit erneut eine überregionale Tageszeitung den Markt verlassen. Diese Entwicklung verheißt für unsere Demokratie nichts Gutes. In meinem Leitartikel ‚Die Zeitung lebt!‘ benenne ich die Irrtümer unserer Zunft und versuche Alternativen zum Zeitungssterben aufzuzeigen. Ihre Meinung dazu würde mich sehr interessieren: steingart@handelsblatt.com.“

Im Beitrag von Steingart gibt es einige Punkte, die völlig an der Wirklich vorbeigehen. Da wird wieder die Leier von der Umsonstkultur und den milliardenschweren Umsätze von Google abgenudelt sowie vom „Jahrhundertirrtum“ der Verleger, die Waren Information und Analyse im Internet gratis feilzubieten.

Es liegt eben an der Natur und Architektur des Netzes und der sozialen Medien, dass die Einstiegsbarrieren für die Vermittlung von Informationen so niedrig geworden sind, dass man keine riesigen Apparate mehr braucht, um publizistisch tätig zu werden. Die Jedermann-Medien breiten sich unaufhaltsam aus, mit sehr unterschiedlichen Konzepten der Finanzierung. Schauen Sie doch auf die Gaming-Youtuber, die sich alleine über die Klickraten mittlerweile nicht nur ein Taschengeld, sondern eine ganze Unternehmung leisten können. Beim Jedermann-TV via Hangout On Air wird es ähnlich ablaufen und selbst die klassischen TV-Anstalten treffen, obwohl es die Fernsehmacher noch nicht wahrhaben wollen. Ein Beispiel für Realitätsverdrängung lieferte beispielsweise ZDF-Sprecher Alexander Stock mit Blick auf die Original Channels von YouTube. Hierbei handelt es sich um werbefinanzierte und somit kostenfreie Spartenkanäle, die vor ein paar Wochen gestartet wurden:

„Eine Wirkung auf den TV-Markt werden diese webbasierten Plattformangebote nicht haben. Dafür ist die Internetnutzung am TV-Gerät zu gering.“

Die Reaktion von ARD-Programmdirektor Volker Herres geht in die gleiche Richtung:

„Für uns sind neue Themenkanäle keine Konkurrenz. Das Erste werde seine Schwerpunkte anlässlich des Starts des Youtube-Programms nicht verändern“.

Diese Einschätzung könnte sich rächen:

„Es ist besser, eine solche Herausforderung, die zu Beginn nur Teile des eigenen Geschäftsmodells gefährdet, früh anzunehmen und darauf zu reagieren. Denn gerade Werbekunden könnten an den zielgruppenspezifischeren Angeboten der YouTube-Channel einen großen Gefallen finden. Und jüngere Zielgruppen, die bereits heute regelmäßig Youtube nutzen, nehmen das Angebot gerne in Anspruch nehmen. Durch den individuellen Abruf verschiedener Clips kann man nicht nur ein individuelles Spartenprogramm erstellen. Es lässt sich sogar problemlos auf mobilen Geräten wie Handys und Tablet-PCs abrufen – und nicht nur bei Internet-tauglichen Smart-TVs. So besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass sich für immer mehr Nutzer das klassische Lean-Back-TV zu einem Lean-Forward-TV entwickelt. Und man hat den Eindruck, dass beitragsfinanzierten TV-Anstalten darauf nicht vorbereitet sind“, so Professor Ralf T. Kreutzer, der im Frühjahr 2013 gemeinsam mit Microstrategy-Manager Karl-Heinz Land das Buch „Digitaler Darwinismus – der (stille) Angriff auf Ihr Geschäftsmodell und Ihre Marke – Welche Macht Social Media wirklich innewohnt“ (Gabler Verlag) herausbringt.

Die beiden Autoren wollen die verschlafenen Führungskräfte wachrütteln und dokumentieren, welche Auswirkungen die sozialen Medien und weitere online-basierte Entwicklungen auf etablierte Geschäftsmodelle und erfolgreich eingeführte Marken haben. Im Jammertal hocken also nicht nur Verleger. Die Digitalisierung und Vernetzung macht auch vor anderen Geschäftszweigen nicht halt.

Völlig daneben sind die vorwurfsvollen Ausführungen von Steingart in Richtung der Werbewirtschaft.

„Jahrzehntelang war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass die Finanzierung von Zeitungen zur Hälfte durch die Wirtschaft mit ihren Anzeigen erfolgt. Doch die Wirtschaft zieht sich zurück (schnief, gs); es fand eine Neudefinition (????, gs) des Begriffs Werbung statt. Sie wird nicht mehr als das kommunikative Band zwischen Bürgern und Firmen gesehen. Sie soll nicht mehr in erster Linie informieren und überzeugen, sie soll jetzt anschaffen. Eine Anzeige muss verkaufen, sagen die, die dafür zuständig sind.“

Bei diesen Zeilen fehlen einem die Worte – nicht ganz. Auf welchem Planeten lebt Steinhgart eigentlich. Werbung habe früher informiert als Band zwischen Bürgern und Firmen? Werbung war und ist bislang schonungslose Berieselung nach dem Prinzip der Einwegkommunikation. Was über Massenmedien auf mich niederging empfand ich immer als Belästigung und nicht als Dialog. Egal, in welcher Medienform sie dargeboten wurde. Diese Art der Werbung funktioniert auch im Netz nicht.

Der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl hat das sehr gut beschrieben: Massenmedien hatten als „Partner“ der Werbewirtschaft lange Zeit eine marktbeherrschende Stellung.

„Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. (Ja, Wettbewerb, Herr Steingart. Wo das Handelsbatt die Marktwirtschaft so sehr liebt, gs). Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Für die Werbetreibenden seien das paradiesische Zustände. Sie könnten ihre Zielgruppen ohne allzu große Streuverluste über das Internet sehr viel besser erreichen und müssten das Geld nicht mehr zum Fenster rausfeuern. Und noch ein Trend schröpft die Verlage: Wer nach einer neuen Freundin Ausschau hält oder sein Auto zum Verkauf anbietet, kann online inzwischen gratis oder für wenig Geld seine Ziele erreichen. Hier hilft die Silo-Taktik der Verlagsmanager nicht weiter. Die entsprechenden Portale laufen auch ohne Nachrichten-Content! Da wird auch das Leistungsschutzrecht, Verwertungsgesellschaften, Abmahnterror, Gebühren-Abzocke und sündhaft teure Payment-Strategien nicht weiterhelfen. Deshalb kann ich mich der Forderung von netzpolitik.org nur anschließen: Fordert eine richtige Bundestagsdebatte über das Leistungsschutzrecht.

Für die auswechselbaren Tagesnachrichten der Gesternmedien helfen die Schutzwälle nicht weiter, sie werden zu einer Innovationsstarre der Verlage führen und sie zu Dinosauriern der Medienwelt degradieren.

Das ist übrigens auch ein Problem beim Handelsblatt. In den vergangenen Monaten habe ich zwei Ausgaben gekauft. Jeweils am Freitag. Es lag nur an den Schwerpunktgeschichten – deshalb bin ich ja auch ein Stammleser der Zeitschrift brand eins. Es waren die Wochenend-Titel über „Wirtschaft neu denken“ „Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg der Bundesbank“, die mich zum Kauf animierten.

Warum sollte ich mir das Handelsblatt zulegen mit den dämlichen Kurstabellen, die mir Online von jeder x-beliegigen Bank oder Yahoo Finance weitaus präziser und in Echtzeit angeboten werden. Warum sollte ich mir noch mal den Schlagabtausch zwischen Merkel und Steinbrück in der gestrigen Haushaltsdebatte antun? Printmedien, die täglich erscheinen, sind ein Anachronismus. Sie berichten in der Regel über Gestern-Ereignisse und mutieren deshalb zu Gestern-medien. Mein Rat an das Handelsblatt. Umstellung auf eine Wochenzeitung, die sich in ihrer Wirtschaftsberichterstattung am Vorbild der Zeit orientiert und ausschließlich mit Schwerpunktthemen aufwartet, die über den Tellerrand des Tagesgeschehens hinaus gehen.

Echtzeit-Nachrichten sollten nur noch online kommen. Das Börsengeschehen kann man automatisiert auswerten und vielleicht noch kuratieren. Alles weitere wurde beim c’t-Online-Talk von Deutschlandradio Wissen sehr schön auf den Punkt gebracht. Kommt direkt am Anfang der Gesprächsrunde über den Niedergang der Wirtschaftspresse:

Soweit die Meinung eines früheren Stammkunden von Printmedien, der nur noch spontan zu Printausgaben greift.

Übrigens übt sich auch Springer-Chef Döpfner in der Kunst des Pfeifens im Walde:

Der Journalismus hat das Beste noch vor sich.

Siehe auch:

„Financial Times Deutschland“ am Ende – Ein Blatt für Sturm und Drang.

Update:
Im Laufe des Tages sind noch einige Beiträge zur Zeitungskrise hinzugekommen. Hier eine kleine Auswahl:

Medienvielfalt selber machen – was die Zeitungskrise mit Blogs zu tun hat.

Warum Blogs gerade heute voll super sind und warum eigentlich noch viel mehr möglich wäre.

“Financial Times Deutschland” – Chronik eines absehbaren Ablebens.

ZEITUNGSKRISE: Das Blatt wendet sich.

Auf eine Tasse Tee mit Richard Zinken: „Wer zahlt bestimmt.“

Auf den Hund gekommen: Der Wärmestuben-Journalismus der »Zeit«.

Bestraft mich doch endlich!

Der liebwerteste Zeit-Gichtling Adam Soboczynski ist ein heldenhafter Kämpfer für die Rechte von geknechteten, gebeutelten und verarmten Künstlern, die in den Fängen von freibeuterischen Piraten bald ein Dasein am Hungertuch fristen müssen. Die Wochenblatt-Edelfeder macht sich wenig Gedanken, wie das Vollzugsdefizit des Urheberrechtes beseitigt werden kann und schreibt in unnachahmlicher Klarheit, dass sich die Künstler mit ihrer Protestnote „Wir sind die Urheber“ bemerkenswert kompromisslos in Szene setzen. Achtung, ich verdinge mich jetzt als Kopist und zitiere Sobo in Auszügen, bitte nicht abmahnen:

„Sie zielen nicht auf bereits diskutierte Modelle wie etwa Kultur-Flatrates oder freiwillige Bezahlsysteme, die das Urheberrecht ersetzen könnten, sondern unmissverständlich auf die Stärkung desselben unter den neuen digitalen Gegebenheiten – mit welchen Mitteln auch immer.”

Mit welchen Mitteln auch immer! Da sind doch Bedenkenträger wie Dirk von Gehlen oder Frank Schirrmacher völlig fehl am Platz. Sie reden einfach zu viel von den Kehrseiten der Urheber- und Verwerter-Herrlichkeit sowie von den digitalen Irrläufen der etablierten Industrien, die sich in ihren analogen Erdlöchern verschanzen zur Vorbereitung der finalen Abwehrschlacht gegen Filesharing-Piraten.

Nachdenken könnte Künstler verwirren

Warum sollten sich auch Künstler die Finger schmutzig machen mit Recherchen über die Abmahn-Gichtlinge dieser Republik, die in unsäglich aufwändigen Verfahren IP-Adressen identifizieren, jeden noch so kleinen Regelverstoß ahnden, grotesk überhöhte Strafzölle mit einer Durchschnittssumme von 1000 Euro erheben und damit, „wie Constanze Kurz in der FAZ schrieb, allein 2011 Einnahmen in Höhe von 190 Millionen Euro generierte, die in Anwaltskanzleien und Eintreiberbüros größtenteils versickern“, so Frank Schirrmacher. Bislang konzentriert sich die Gebühren-Abzocke noch auf die Musikbranche. Im Literaturbetrieb geht es gerade erst los, wie der FAZ-Herausgeber in seinem Opus „Schluss mit dem Hass“ konstatiert. Da ist es Sobo und Co. wohl wurscht, wenn man nur die Dummen erwischt und die schlauen Kopisten an ihrem bösen Treiben auch in Zukunft nicht hindern kann. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Warum sollten die Protest-Künstler überhaupt nur in Ansätzen differenziert über Ursache und Wirkung der vernetzten Ökonomie nachdenken. Das von den Verwertern aufgeführte Untergangsdrama folgt einem bewährten Drehbuch, wie Dirk von Gehlen in seinem Buch Mashup darlegt: In er ersten Phase singt der Klagechor vom Sterben einer ganzen Branche – hier dienen die Musikmanager als profilierte Regisseure: „

In der zweiten Phase versucht man dann, durch technische Mittel wie das sogenannte Digitale Rechtemanagement (DRM) nicht nur das Vagabundieren der Kopien, sondern das Kopieren an sich zu unterbinden; und schließlich gehen die Konzerne dazu über, juristische Schritte gegen den kopierenden Verbraucher einzuleiten, um so ein Klima der Abschreckung zu schaffen. Diese dritte Phase ist verbunden mit Lobbyarbeit bei Politikern und Parlamentariern, die diese für eine Verschärfung des Urheberrechts gewinnen soll“, erläutert SZ-Redakteur Dirk von Gehlen.

Die Empörung der „Funk-Jockeys“

Dann stößt man die Medienarbeit an mit Überschriften wie „Die Musikindustrie steht vor ihrer gefährlichsten Krise“ oder „Umsatzverlust von mehr als einer Milliarde“. Diese Headlines kann man mit dem Zufallsgenerator aus dem Zeitungsarchiv gewinnen. Bei der Umsatzverlust-Story habe ich etwas geschwindelt und die Währung unterschlagen. Es war von „Mark“ die Rede und man blickte in den 1970er Jahren sorgenvoll auf die Partisanen und Piraten des verschworenen Ordens der Cassetten-Raubkopierer, zu denen auch ich damals zählte. „Funk-Jockeys“ wie Frank Elstner und Thomas Gottschalk sowie der damalige Jupiter-Rekord-Chef Ralph Siegel bildeten die Speerspitze der Schallplatten-Industrie. Die Totschlagformel „Umsonstkultur“ war noch nicht erfunden. Damals ging es um „Hits zum Nulltarif“. Heute wohl semantisch etwas zu kompliziert für die PR der Verwerter und Urheber. Da liebt man es derber und formuliert nicht mehr allzu komplizierte Sätze wie „Hometaping is killing music“. Besser ist: „Raubkopierer sind Verbrecher“ oder „Aufruf gegen den Diebstahl geistigen Eigentums“.

Die Aufruf-Künstler mögen es monokausal. Wer den starken Staat gegen digitale Hausierer und Kopisten in Stellung bringen will, darf nicht zurückblicken auf die Fehler der Gesternbranchen, wie ich sie in dem Fachmagazin „Absatzwirtschaft“ beschrieben habe. Und was ich weiter noch so alles zu diesem Thema geschrieben habe, steht morgen in meiner The European-Kolumne.

Update: Hier geht es zur Kolumne.

Leistungsschutz für die Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit

Bei der ganzen Debatte um die Verschärfung des Urheberrechts als Kampfinstrument gegen Umsonstkultur, Netzparasiten, Adepten des Archaischen, Piraten oder schnorrende Endverbraucher fällt auf, dass die Verteidiger des Status quo sehr häufig aus Verlierer-Branchen kommen: Printmedien, Musikindustrie und Verlage. Nun versuchen Rainer Hank und Georg Meck den Piraten zu erklären, warum es falsch ist, den Verwertern aufs Dach zu steigen und warum es gut ist, geistiges Eigentum über Urheberrecht zu verteidigen.

Um es mal simpel zusammenzufassen, die Autoren bringen den Begriff der Arbeitsteilung mit ins Spiel – angeblich erträumen „die“ Piraten und „ihre Sympathisanten“ (klingt ein wenig nach RAF-Sympathisanten, uhhh, da macht man sich direkt verdächtig) eine Welt ohne Arbeitsteilung, wo der Kreative direkt den Konsumenten küsst. Das sei der Ausdruck einer archaischen Sehnsucht, die zielstrebig in den Dilettantismus führt.

„Dass Arbeitsteilung Entfremdung ist, behaupten nach Karl Marx heute nur noch 60jährige Sozialkundelehrer“, schreiben Hank und Meck.

Die Argumente der Printjournalisten bewegen sich auf VWL-Erstsemester-Niveau. Es ist doch auffällig, wie viele altbackene Verwerter, Produzenten, oder prominente Künstler auf den Piraten-Bashing-Zug aufspringen, um von den eigentlichen Lobbyinteressen abzulenken: Über Gesetzeskeulen via Leistungsschutz will man an die Werbeumsätze von Google herankommen. Nur darum geht es doch.

Verschwiegen wird die Tatsache, dass die Manager der Gestern-Branchen bis heute kein Rezept präsentieren können, um erfolgreiche Geschäftsmodelle für die vernetzte Ökonomie auf den Weg zu bringen.

Und das in einem Stadium, wo sich die digitale Technik noch im Embryonenzustand befindet, wie es Christoph Kappes ausdrückt. Aber schon jetzt verspüren Wirtschaft, Politik und Gesellschaft die Eruptionen der neuen Netzwirklichkeit. In der Musikindustrie bleibt kein Stein auf dem anderen. Politische Machtkünstler ergeben sich den Shitstorms im Internet, Informationstechnologie wandert in die Computerwolke, Hardware-Produzenten erleben die Pulverisierung ihrer Geschäftsgrundlage und die klassische Telefonie verliert den Boden unter den Füssen, weil Skype und die verschriftete Kommunikation in sozialen Netzwerken die Oberhand gewinnen.

Geht es beim Streit um „geistiges Eigentum“ wirklich um die Interessen der Urheber oder um die Konservierung von Konzernstrukturen aus dem Zeitalter des Fordismus? Mit den klassischen Instrumentarien aus der Zeit der industriellen Massenproduktion und des Massenkonsums kommt man aber nicht mehr weiter. In der Webwelt des Long Tail gelten andere Regeln. Mit reinen Skaleneffekten ist die Gewinnmaschine der Konzerne nicht mehr am Leben zu erhalten. Der Leitspruch „one size fits all“ gehört in die Mottenkiste und kann auch nicht mehr mit Abmahnorgien verteidigt werden – auch wenn das die liebwertesten Abmahn-Gichtlinge in der Musikindustrie oder in Printmedien nicht wahrhaben wollen.

Klassische Manager reiten die alten Konzepte bis zum Zusammenbruch und versuchen jetzt auch noch den Gesetzgeber mit ins Boot zu holen, um den Exitus etwas nach hinten zu verschieben. Ein Fehler, dem Steve Jobs nie anheimfallen wollte. Walter Isaacson zitiert den Apple-Gründer in der von Jobs autorisierten Biografie mit folgenden Worten:

„In den meisten Fällen bleiben die Leute in diesen Mustern hängen, wie die Nadel in einer Schallplattenrille, und kommen nie wieder raus. Natürlich gibt es Leute, die von Natur aus neugierig sind, sie bleiben ihr Leben lang ehrfürchtig staunende Kinder, aber die sind selten.“

Jobs erkannte frühzeitig im Gegensatz zu den Leistungsschutz-Sängern der Musikindustrie, wie wichtig digitale Knotenpunkte für Produkte und Dienste sind. iTunes und iPod sind dafür gute Beispiele:

„Je älter ich werde, desto klarer wird mir, wie wichtig Motivation ist. Der Zune war beschissen, weil die Leute bei Microsoft nicht besonders viel für Musik oder Kunst übrig haben, anders als wir. Wir haben uns durchgesetzt, weil wir Musik lieben. Wir haben den iPod für uns gemacht, und wenn man etwas für sich macht oder für den besten Freund oder die Familie, dann produziert man keinen Schrott“, so Jobs.

Zu dieser Einsicht sind die Manager der großen Musik-Labels nicht in der Lage. Da sind noch zu viele Maschinisten unterwegs:

„Unternehmen, die sich nur über ihre herstellende Rolle definieren, haben ein Problem. Das Endgerät ist häufig nur noch das Tor zur Nutzung eines Dienstes. Es kann der Antrieb sein für neue Dienste, wie man das beim iPad derzeit erlebt. Ohne iTunes und die App-Economy wäre Apple niemals erfolgreich. Produkte und Anwendungen des Steve Jobs-Konzerns üben so viele Reize aus, dass im Moment pro Quartal 150 Millionen iOS-fähige Endgeräte verkauft werden. Das haut einen um. Apple pulverisiert gerade mit dem iPad den PC-Markt. Was wird denn passieren, wenn auch Fernseher mit dem Apfel-Symbol ins Portfolio aufgenommen und nahtlos in die Anwendungsmöglichkeiten von Apple integriert werden? Das dürfte den etablierten Herstellern einige Kopfschmerzen bereiten. Es geht am Ende des Tages natürlich um Produkte. Doch der Mächtige ist derjenige, der die bessere Software hat“, so die Überzeugung von Bernhard Steimel, Berater der Future Management Group.

Die Wertschöpfung von Apple liege klar bei den Applikationen. Analysten hätten berechnet, dass die angekoppelten Verkäufe nach dem Erwerb eine iPhones das Achtfache ausmachen. Das sei ein eindeutiger Befund für die Kraft von Software.

Wer zu den Verschlafenen, Geprügelten und Gequälten der digitalen Zeit zählt, sollte das offen bekennen und sich nicht bei der Justizministerin ausheulen. Oder brauchen wir jetzt auch Leistungsschutz für Versandhauskataloge, weil Unternehmen wie Neckermann überraschend erkennen, wie der E-Commerce das alte Geschäft aus den Wirtschaftswundertagen gerade vernichtet? Siehe auch: „Online-Boom: Hört nur, wie sie zetern und jammern!“

„Schon bitter, wie sich der deutsche Einzelhandel gerade der Öffentlichkeit präsentiert! Hier nur ein paar Aussagen und Zitate der letzten vier Wochen“, schreibt Jochen Krisch und präsentiert eine Gala der Heulsusen:

„Vor uns liegt ein nicht minder schweres Geschäftsjahr“ (Hans-Otto Schrader, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 3.4.2012)

Die Geschwindigkeit der Veränderungen sei im Elektronikbereich dramatischer ausgefallen als erwartet. (Olaf Koch, Vorstandsvorsitzender der Metro Group, bei der Vorstellung der Geschäftszahlen am 20.3.2012)

„Wir konkurrieren heute mit Händlern, die kein Geld verdienen müssen“ (Andreas Bartmann, Geschäftsführer bei Globetrotter in der FTD am 10.4.2012) – was sagt Ihr dazu, werte Hank und Meck????,gs

„Unterschätzt hat die gesamte Buchbranche allerdings das Tempo des Veränderungsdrucks“ (Jürgen Könnecke, scheidender Thalia-Eigner in seinem Ausstiegsinterview am 27.3.2012) – und der E-Book-Boom beginnt erst jetzt so richtig, gs.

Und wer sich nicht bei seinen Supermarkt-Einkäufen filmen lassen will, kauft sowieso nur noch online ein.

Wir sollten in der Urheberrechtsdebatte also wieder mehr über das von den Lobbyisten der Gestern-Branchen „vorgeschlagene“ Leistungsschutzrecht reden. Komprimiert zusammengefasst unter: Leistungsschutzrecht-Verlogenheit.

Wenn Bücher sterben #Urheberrecht

„Lange Schutzfrist lässt Bücher sterben“ titelt Spon-Redakteur Konrad Lischka seinen sehr lesenswerten Beitrag über die Schattenseiten von strengen Regelungen des Urheberrechts:

„Der Jurist Paul Heald von der University of Illinois hat in einer bislang nicht veröffentlichten Studie untersucht, wann die in Amazons US-Literaturangebot verfügbaren Werke erschienen sind. Healds vorläufiges Fazit: ‚Die lange Schutzfrist des Urheberrechts verhindert die Publikation wertvoller Werke.'“

Heald erkläre die frappierend geringe Verfügbarkeit von Werken jüngeren Datums mit den langen Schutzfristen im Urheberrecht. In den Vereinigten Staaten werde, wie in Deutschland auch, ein Werk 70 Jahre nach dem Tod des Autors gemeinfrei, bis dahin gilt das Urheberrecht.

„Wer eine Neuausgabe publizieren will, aber die Rechteinhaber nicht finden kann, muss das Vorhaben aufgeben oder das Risiko eingehen, als Raubkopierer belangt zu werden. So sterben Bücher“, schreibt Lischka.

Das untermauert die Thesen meiner Montagskolumne über die Lautsprecher der Gestern-Branchen.

Die Lautsprecher der Gestern-Branchen sollten sich mal die Verkaufszahlen der Werke von Goethe im 19. Jahrhundert heranziehen und sich fragen, warum Reclam beispielsweise mit dem „Faust“ so erfolgreich war. Ja richtig, es lag an dem quasi nicht existenten Urheberrecht in Deutschland: Das strenge Copyright im Vereinigten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen gab es einen rechtlichen Flickenteppich. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei.

Warum sich die „Grundsätze der Ledergerberei“ besser verkauften als „Frankenstein“

„Kaum lief der Schutz aus, wurden Hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte ,Faust‘ unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache“, schreibt der Wissenschaftler Eckhard Höffner in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft).

Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“ – das passt natürlich nicht zu den Schreckensvisionen der Netz-Allergiker.