Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen.

Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können.

„Für weniger als einen Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.

Drei Tage Personalchef im Rendite-Imperium der Samwer-Brüder

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus.

In meiner Notiz-Amt-Kolumne für die Netzpiloten empfehle ich, diesen Teil der Geschichte neu zu erzählen. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen:

„Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will.

Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Auch das ist Teil der narrativen Ökonomie, die man endlich öffentlich und ohne Schongang debattieren sollte.

Wäre wünschenswert: Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – mehr als Buzzwords

Thesen zum Vulgär-Kapitalismus im Silicon Valley – Live-Debatte ab 16 Uhr #NEO17x

„Wenn wir wirklich eine inklusive, nachhaltige und verantwortliche Gesellschaft und Ökonomie wollen, müssen wir unsere Bilanzen und Logiken ändern. Ich halte das für fundamental. Was sind die grundlegenden Paradigmen und Theorien der Ökonomie? Die sind implizit normativ. Am Ende ist Digitalisierung kein Selbstzweck. Es gibt auch keinen Determinismus* (*=Die Anschauung, dass alle Ereignisse im Voraus festgelegt sind und es keinen freien Willen gibt, Anm. des Autors). Wir haben gestalterische Freiheiten. Wohin führen unsere Denkansätze?“, fragt sich Winfried Felser in der netzökonomischen Ideenrunde.

Die Ökonomik sollte etwas zu möglichen und wünschenswerten Szenarien in der Zukunft sagen. Sie muss wieder Möglichkeitswissenschaft werden: Wie kann eine Ökonomie aussehen, die die Produktivitäts­fortschritte der Informationswirtschaft für einen Wohlstand nutzt, der bei möglichst vielen Menschen ankommt?

„Sind Postwachstums­gesellschaften denkbar, die dennoch eine hohe Lebensqualität für zehn Milliarden Menschen innerhalb der planetaren Grenzen schaffen? Wie sehen Perspektiven für einen zeitgemäßen Kapitalismus aus? Ein solches Zielwissen ist normativ, die zugrunde liegenden Normen bedürfen der Explizierung und der Begründung“, so Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal-Instituts.

Tschakka-Weisheiten im Killermodus

Im Silicon Valley ist davon wenig zu spüren. Da findet man eher eine Menge Donald Trump-Ideologie, auch wenn die kalifornischen Protagonisten der Netzökonomie das empört zurückweisen würden: Das Dasein sei ein Dschungel, in dem man bereit sein muss, zu kämpfen – das ist das Credo von Trumps „kontrollierter Paranoia“. Überleben werde nur der Stärkere. Für den neuen Präsidenten der USA gibt es nur zwei Sorten von Menschen: Gewinner und Verlierer, man ist entweder das eine oder das andere. „Sei ein Killer“, so der „pädagogische“ Leitspruch seines Vaters.

Den ideologischen Überbau für den donaldistischen Siegeszug lieferte der evangelikale Tschakka-Wanderprediger Norman Vincent Peale, Autor des Bestsellers „The Power of Positive Thinking“: „Formuliere und präge deinem Verstand ein mentales Bild von dir selbst als jemand ein, der Erfolg hat. […] Halte hartnäckig daran fest. Lass es niemals verblassen. Denk nie von dir selbst als jemand, der versagt“, so die anarcho-kapitalistischen Phrasen von Peale. Bei Trump wird das Prinzip zur Manie: „Ich gewinne, ich gewinne, ich gewinne immer. […] Am Ende gewinne ich immer, ob nun beim Golf, beim Tennis oder im Leben, ich gewinne einfach immer. Und ich sage den Leuten, dass ich immer gewinne, weil ich eben immer gewinne.“ Und wenn er nicht gewinnt, straft er die Leute eben ab, die nachweisen, dass er nicht immer gewonnen habe. Oder er empfiehlt gar die Übernahme oder gar Schließung von Institutionen, die seinem Siegeswahn im Wege stehen.

Hütchenspieler im Tal der Zukunft

Plappern die Papageien im „Tal der Zukunft“ einen anderen Sound? Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt doch sehr viel Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump. Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen, schreibt der Journalist und Drehbuchautor Dan Lyons in seinem Opus „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“.

„Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern, von der Art Jungs (und es sind fast alles junge Männer), die sich im Kino ‚The Social Network‘ angesehen haben, in dem Mark Zuckerberg als diebischer, heimtückischer Lügner dargestellt wird, und die danach genauso werden wollen wie er. Viele haben gerade erst das College abgeschlossen – oder sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuschließen.“

In ihren Unternehmen gehe es zu wie im Hauptquartier einer Studentenvereinigung. Twitter habe wirklich einmal eine Betriebsfeier mit dem Thema Fraternity (Studentenverbindung) gegeben.

Frauen begrapschen und Wasserpfeifen mit Bier befüllen

Seit 2012 gibt es im Silicon-Valley-Wörterbuch den Begriff brogrammer – ein Programmierer vom Typ bro, ein jugendlicher Macho, der seine Wasserpfeife mit Bier füllt und Frauen begrapscht. Bald kommen die unvermeidlichen Skandale und Prozesse, die Geschichten über schleimige Gründer, die weibliche Angestellte belästigen oder, in einem extremen Fall, ihre Freundin zusammenschlagen. Solche Leute stehen an der Spitze der neuen Generation Hightech-Unternehmen, solchen Leuten vertrauen viele Menschen sehr viel Geld an. Man möchte sich ja gerne vormachen, dass die Zeche, wenn diese Blase platzt, von den Risikokapitalgebern der Sand Hill Road in Menlo Park gezahlt wird, aber ein Großteil des Geldes, das man diesen Kids jetzt nachwirft, stammt aus Pensionsfonds“, warnt der frühere Newsweek-Technologieredakteur.

Die Zeche werden sehr viel mehr Leute zahlen müssen als nur ein paar Berufsinvestoren, die Risiken gewohnt seien.

Gierige Investoren und unmoralische Gründer

„Wenn ich mich in San Francisco umsehe, fürchte ich, dass das alles nicht gut gehen kann. Diese Kombination aus Wunschdenken, billigem Geld, gierigen Investoren und unmoralischen Gründern ist das Rezept für eine Katastrophe“, so Lyons.

Gute Gründe, um auch den netzökonomischen Diskurs mit normativer Brille zu führen. Fernab von den Hurra-Meldungen über neue Gadgets, Apps und Plattformen. Das Silicon Valley ist ethisch betrachtet kaum hübscher als die Wall Street, mit deren Milliarden aus dem Derivatenhandel es reich geworden ist, bemerkt Zeit-Autor Alard von Kittlitz. Wenn es nicht sogar noch unangenehmer sei, wegen seiner grell geschminkten Bubblegum-Hippie-Fassade.

Hipster-Scheiß mit Ausbeutungsabsichten

Virus, Frame oder Mem – hier geht es nicht um lustige Geschichten oder Anekdoten, es geht um die Orientierung der Menschen, die zu massiven Veränderungen der Volkswirtschaften führen können. Etwa die Story vom anarchischen Sillicon Valley, die in Wahrheit nur ein lauwarmer Hipster-Scheiß zur Rechtfertigung von unentgeltlich geleisteter Arbeit ist. Nach Ansicht des Wirtschaftswissenschaftlers Philip Mirowski sei das eine der wirksamsten Erzählungen zur Simulation von Rebellion. Man erzeugt eine blumige Fata Morgana, um den Menschen das Gefühl eines vollständigen Ausstiegs aus dem Marktsystem zu geben, um dieses Gefühl dann für Marktprozesse in Dienst zu nehmen. Das Aufbegehren gegen das kapitalistische Establishment mit einer frechen Hacker-Kultur ist ein gigantisches Täuschungsmanöver. Dieses eigentümliche Hybrid aus freiwilliger unbezahlter Arbeit, hierarchischer Kontrolle und Kennzahlen-Orientierung in den Silicon Valley-Konzernen sowie kapitalistischer Aneignung sei in der gegenwärtigen Ära der Netzökonomie so vorherrschend geworden, dass manche darin eine neuartige Wirtschaftsordnung sehen. Der freiwillige Verzicht auf die Vergütung wertvoller Leistungen sorgt für satte Renditen bei den kalifornischen Technologie-Champions. Man bekommt als Gegenleistung das vage Versprechen, „Reichweite“ zu ernten und Netzwerke knüpfen zu können.

„Für weniger als eine Hungerlohn erfüllen überqualifizierte Bittsteller die niedrigsten Aufgaben“, moniert Mirowski.

Illusion von Freiheit und Selbstbestimmung

Das färbt auch auf die traditionelle Wirtschaft ab. Man baut auf die Freelancer-Ökonomie und lässt die Freiberufler im Geist der Selbstbestimmung und Freiheit mit mickrigen Honoraren vor die Wand laufen. Hauptsache, alle haben ein gutes Gefühl im Duz-Modus. Hier sehe ich die Notwendigkeit, diesen Teil der Geschichte neu zu erzählen. Etwa über den Haudrauf-Unternehmer Oliver Samwer, der sogar sterben würde, um zu gewinnen. Think big hat er seinen Leuten als Losung aufgegeben. Execution now, lautet einer seiner Lieblingsbefehle. Da hilft nur weglaufen und den Mittelfinger zeigen:

„Mir widerfuhr die traurige Ehre, dass ich nur drei Tage Personalchef von Groupon war und mit den Samwer-Brüdern zusammen gearbeitet habe, bis ich mich mit einem dieser Typen so anlegte, dass ich in der Mittagspause gegangen bin“, erläutert Heiko Fischer von Resourceful Humans.

Jungunternehmer-Pornohefte feiern Vulgärkapitalisten

Den Führungsstil solcher Karrieristen müsse man aufbrechen. Nicht nur das. Man muss ihnen in der Öffentlichkeit die Leviten lesen und sie entlarven. Etwa die Geschichten im Jungunternehmer-Pornoheft Business Punk, in dem die neue Unanständigkeit gefeiert und Arschlöcher wie Uber-Gründer Travis Kalanick abgejubelt werden. Es ist ja auch abgefahren, wenn jemand Gesetze für sinnlos hält, Steuerhinterziehung predigt und staatliche Regeln mit exterritorialen Insel-Pseudostaaten aushebeln will. Öffentliche Kontrolle, anstrengende und zeitraubende Gesetzgebungsverfahren stören die Business Punker. Als Ergebnis bekommen wir repressive Toleranz, wie es Herbert Marcuse formulierte. Repräsentiert von Vulgär-Kapitalisten wie Donald Trump. Antidemokratische Systemzersetzung im Geiste egozentrischer Machtspiele á la Peter Thiel.

Genügend Stoff für den Käsekuchen-Diskurs 😉 Hashtag für die Diskussion #NEO17x


Oder die Chatfunktion auf YouTube nutzen. Man hört, sieht und streamt sich heute ab 16 Uhr.

Siehe auch: Silicon Valley needs to get schooled

Die irre Kritik von Gründerszene über den Soziologen Harald Welzer

Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion
Erste lesen, dann rezensieren, liebwerteste Gründerszene-Redaktion

„11 irre Thesen zur Digitalisierung – und unsere Erwiderung“, mit dieser klickgeilen Überschrift hat Gründerszene.de im vergangenen Jahr am 29. April auf einen Vorabdruck des Buches „Die smarte Diktatur – Der Angriff auf unsere Freiheit“ von Harald Welzer im Spiegel reagiert. Fast hätte mich die „Replik“ vom Kauf des neuen Opus abgehalten. Aber nur fast. Ich finde es problematisch, auf Grundlage eines höchst fragmentarischen Appetithäppchens substanzielle Aussagen über einen Band mit 319 Seiten zu treffen – erschienen übrigens im S. Fischer Verlag.

Gründerszene hat sich dann gerade mal mit 11 Zitaten aus dem Welzer-Text auseinandergesetzt. In der Tat gibt es da einiges zu kritisieren. Etwa die vielfach in anderen Medien veröffentlichte Losung:

„Am besten schmeißen Sie Ihr Smartphone überhaupt weg und besorgen sich – die gibt’s noch für Rentner – gute alte Handys, die nichts können.“

Entsprechend locker kann man eine Erwiderung formulieren, die ich natürlich auch so schreiben würde:

„Im Schutze seiner behaglichen Eigentumswohnung und Pensionszusagen kann sich Herr Welzer das in seinem Alter ganz sicher leisten. Die meisten anderen Menschen, gerade junge Leute, sind darauf angewiesen, sich zu vernetzen. Die Zukunft wird digital. Ein Rückzug aus der digitalen Sphäre kommt einem ökonomischen und intellektuellen Selbstmord gleich und bedeutet einen Verzicht, die persönlichen Chancen zu nutzen und seine Zukunft zu gestalten.“

Gleiches gilt für das Welzer-Zitat zur Social Web-Abstinenz:

„Ich fühle mich von Shitstorms gegen mich in sozialen Netzwerken nicht betroffen, weil ich nicht in sozialen Netzwerken bin. Mir muss ein Nazi extra einen Brief schreiben, das machen aber nur die ganz alten. Sehr einfach.“

Berechtigte Replik von Gründerszene:

„Glückwunsch. Das ist das Prinzip, nachdem sich Kinder beim Versteckspiel die Augen zu halten, weil sie denken, dass sie dann nicht entdeckt werden können. Funktioniert übrigens in den seltensten Fällen. Mag sein, dass ein 57-jähriger deutscher Professor in der Lage ist, sich einfach aus allem raus zu halten. Es gibt aber eine Menge Menschen, die auf Vernetzung und frei erhältliche Informationen wirtschaftlich angewiesen sind. Shitstorms können übrigens manchmal ziemlich erfrischend sein. Gegenthese: Gerade ein Soziologie-Professor sollte in den Netzwerken vertreten sein. Ist ziemlich interessant dort.“

Soweit, so wohlfeil. Als die Zitate-„Schnipsel“-Jagd publiziert wurde, war das „irre“ Buch von Welzer schon zwei Tage auf dem Markt. Die Bilderbuch-Redaktion von Gründerszene hätte zumindest analog oder auch digital in dem Opus blättern können, um sich nicht nur auf die Kurzversion im Spiegel zu konzentrieren, die am 23. April erschien.

Was die Vorschläge zur digitalen Abstinenz anbelangt, greift Welzer zu kurz. Man kann beispielsweise auf die propagandistisch ausgerichtete Netz-Gegenöffentlichkeit von rechten Nationalisten nicht mit digitaler Enthaltsamkeit reagieren, sondern muss sich Gedanken für die Gestaltung einer digitalen Öffentlichkeit für eine offene Gesellschaft machen, wie es in meinem Gespräch mit Stephan Porombka zum Ausdruck kam.

Aber so abstinent im Internet ist Welzer ja gar nicht, wie man an den Projekten von FuturZwei ablesen kann 🙂

Um den Welzer-Band zu würdigen, lohnt eine ausführliche Lektüre jenseits von Salamiwurst-Content. Vor allem jene Kapitel, die sich mit Originalquellen der digitalen „Vordenker“ beschäftigen. Und zu diesen Stellen würde ich gerne eine Stellungnahme von Gründerszene lesen, denn nach der Snack-Content-Bilderbuch-Klickreihe kam nichts Substanzielles mehr über die Schrift des streitlustigen Soziologen.

Etwa zu den sozialdarwinistischen Thesen, die in Magazinen wie Business Punk herunter geleiert werden – also sozusagen #JungunternehmerPornoheft Produktionen. Welzer benennt die trumpistischen Techno-Freaks, die mit demokratiefeindlichen Statements aufwarten und das mit Coolness-Habitus verkaufen. Etwa die Weisheiten des Trump-Unterstützers Peter Thiel. Er meint, Freiheit sei mit Demokratie nicht vereinbar; seit den 1920er Jahren seien immer mehr Menschen von Sozialleistungen abhängig (geworden) und Frauen gewannen neue Rechte – beides Gruppen, die bekanntermaßen schwer von libertären Positionen zu überzeugen sind – was dazu geführt hat, dass der Begriff kapitalistische Demokratie eine Art Oxymoron geworden ist. Was Thiel zelebriert, ist nach Meinung von Welzer Totalitarismus in Reinkultur und er zitiert hier wieder Thiel:

„Das Schicksal unserer Welt liegt vielleicht in den Händen eines einzelnen Menschen, der den Mechanismus der Freiheit erschafft (also die Freiheit von Herrn Thiel, gs) oder verbreitet, den wir brauchen, um die Welt zu einem sicheren Ort für den Kapitalismus zu machen.“

Das ist in der Tat totalitär und liegt auf der Linie der Machtanmaßung des neuen US-Präsidenten. Dazu zählt auch die bizarre Vorstellung, etraterritoriale Inselstaaten zu schaffen, in der Staatlichkeit, wie wir sie kannten, keine Rolle spielt. Selbstregierte Parastaaten sollen über das Seasteading Institute ins Leben gerufen werden, mitfinanziert von dem Trump-Lakaien Thiel. Von dort aus will man die Welt steuern. Vornehm ausgedrückt: „Competitive governance from the outside“.

Hedgefonds Milliardär Nicolas Berggruen schwebt gar eine Meritokratie nach chinesischer Machart vor. Zudem sollen die Stimmen von „wissenden“ Wählern höher gewichtet werden. Die minder Informierten – tja, was macht man mit diesen Leuten…? Auch in den „Parlamenten“ sitzen dann nur Wissende. Wie man die findet, skizziert der Google Außenminister Eric Schmidt im Verbund mit Jared Cohen. „Politikberater“ aus der Informatik und Kognitionspsychologie werden mit Big Data die richtigen politischen Persönlichkeiten herausfischen, mit Algorithmen die Reden und Texte auswerten, über Hirnscans die Reaktionen der Wunschpolitiker auf Stress oder Versuchungen testen und am Ende nur wissende Parlamentarier für die Meritokratie ausspucken. Liest eigentlich irgendjemand die Texte von Berggruen, Thiel, Schmidt & Cohen, die übrigens in Deutschland in sehr seriösen Verlagen erschienen sind (Herder, Campus und Rowohlt), fragt sich zurecht Harald Welzer. Wer nur Snack-Content mit bunten Bilderchen publiziert, ist dazu wohl nicht in der Lage. Welzer kredenzt noch ein paar Beispiele – etwa aus der Programmschrift von Schmidt-Cohen:

„Wir werden für unsere aktuellen und früheren virtuellen Beziehungen zur Rechenschaft gezogen werden….Das Verhalten unserer Bekannten wird positiv oder negativ auf uns zurückwirken….Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen….In Zukunft wird dies nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auch auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden Freund in Ihrem Netzwerk, auf jedes Like, und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen“, schreiben die Silicon Valley-Google-Fuzzies.

Wenn das von Leuten verkündet wird, so Welzer, deren Firma die größte und mächtigste Datenmaschine der Welt erschaffen, klingt das wie eine unverhohlene Drohung, die übersetzt aus der subjektlosen Technikwunderwelt der Zukunft in die irdische Gegenwart lautet:

„Wir haben Macht über dich, egal wer du bist und wer du zu sein glaubst! Also sieh dich vor!.“

Aber Schmidt-Cohen gehen noch weiter:

„Jede Anwältin, jede Lehrerin und jede Beamtin muss über ihre Vergangenheit Rechenschaft ablegen, wenn sie vorankommen möchte. Was würden Sie davon halten, wenn Ihr Zahnarzt am Wochenende lange Hasstiraden gegen Ausländer ins Internet stellt? Oder wenn der Fußballtrainer Ihres Sohnes nach seinem Studium zehn Jahre lang Touristen durch den Rotlichtbezirk von Bangkok geführt hat (hier geht wohl die Fantasie bei den Autoren durch, gs)? Unser neues Wissen über unsere Kollegen und Führungspersonen wird beispiellose Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben. Die Dokumente aus unserer Vergangenheit werden uns im Alltag und in der Arbeit verfolgen….“

Hier geht es nicht nur um totalitäres Gedankengut, hier formt man die totalitäre Herrschaft:

„Jeder wird zum potenziellen Richter und Denunzianten seines Nächsten“, schreibt Welzer.

Was sagt die Gründerszene denn zu den politischen Positionen der Silicon Valley-Ikonen? Wie beurteilt sie jetzt im Kontext des Buches die Vorschläge von Welzer zur Verteidigung der Freiheit?

Siehe auch meine Kolumnen zu diesem Thema: Google und die KP China – so groß sind die Unterschiede dann wohl doch nicht. Oder der genaue Titel: Wie brave Staatsbürger mit volkspädagogischen Algorithmen erzeugt werden.

Oder auch: Narrative Simulationen von digitaler Rebellion

Oder: Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

In einem totalitären Klima des Denunziantentums passieren dann solche Sachen: Trump lässt Smartphones von Mitarbeitern nach Signal & Co. durchsuchen

Wäre ein probates Mittel gegen die Monopolsehnsüchte von Thiel & Co.: Rettet das dezentrale Netz #reclaimtheweb

Über die Arschlöcher im Silicon Valley

ethik-normativ

Unternehmen sind Institutionen, die auf Gewinnerzielung ausgerichtet sind. Jede soziale oder ökologische Verantwortung, die über gesetzliche Bestimmungen hinausgeht, sei abzulehnen. Eine solche Orientierung wäre kein Beitrag für die Wirtschaftlichkeit. Darüber hinaus sei das private Gewinnstreben aufgrund der Allokationsfunktion des Marktsystems der Katalysator für die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. So sieht es die große Mehrheit der Ökonomen, so steht das in fast jedem Lehrbuch der Ökonomik.

In der vulgär-kapitalistischen Variante von Donald Trump heißt das dann Trickle-down-„Theorie“. These: Wenn die Reichen reicher werden, wird das Geld der Oberschicht über kurz oder lang nach unten durchsickern.

In der Realität „erfreuen“ sich über 15.000 Menschen allein im Silicon Valley an ihrer Obdachlosigkeit verbunden mit der lukrativen Perspektive, bei den explodierenden Immobilienpreisen im Tal der Tech-Giganten irgendwann eine Einzimmerwohnung zu ergattern, die durchschnittlich bei 4.000 Dollar pro Monat liegt. Dickerchen Trump will das in seiner US-Präsidentschaft sogar „verbessern“. Der Milliardär möchte den Reichen und Schönen weitere Steuergeschenke machen. Seine Reform wird wohl das Einkommen der Vermögenden um rund 20 Prozent erhöhen und zu horrenden Einnahmeausfällen in der Staatskasse führen. Da lohnen denn auch weitere Spekulationen mit Luxussanierungen sowie Neubauten in San Francisco und Umgebung.

Der rassistische und reaktionäre Teil seiner Politik macht Trump im Silicon Valley wohl nicht salonfähig. Mit seinem Menschen- und Macherbild findet er in Kalifornien allerdings sehr viele Seelenverwandte. Sie sind jung, männlich, unmoralisch, nicht so böse wie Patrick Bateman, der Investmentbanker, Serienmörder und Antiheld aus Bret Easton Ellis’ Roman American Psycho, aber aus demselben Holz geschnitzt, schreibt Dan Lyons in seinem Enthüllungsbuch „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“:

„Früher wären diese Leute mit ihrem Wunsch, reich zu werden, Börsenmakler an der Wall Street geworden. Jetzt ziehen sie nach San Francisco, wo ihnen Risikokapitalgeber Millionenbeträge anvertrauen und sie ermutigen, ihr Schlechtestes zu geben.“

In nur allzu vielen Fällen sei das Objekt der Investition inzwischen ein Arschloch«, sagt Tech-Bloggerin Sarah Lacy. Man braucht diesen jungen verwöhnten Arschlöchern nur ein paar Millionen US-Dollar geben und sie unbeaufsichtigt lassen. Etwa Gurbaksh Chahal, CEO des Start-ups RadiumOne, der nach einer Anzeige wegen häuslicher Gewalt – er soll seine Freundin zusammengeschlagen haben – seinen Posten verlor.

„Kürzlich konnte man ihn in der Reality-TV-Show Secret Millionaire auf seinem Bett sitzen sehen. Das Kopfende trägt in einem goldenen Rahmen eine vergoldete Krone, darunter ein goldenes G“, so Lyons.

Erwähnt wird auch Mahbod Moghadam, einen der Gründer von Rap Genius, den sein eigenes Unternehmen vor die Tür setzte, nachdem er geschmacklose Witze über einen Amoklauf an der University of California in Santa Barbara gepostet hatte.

„Oder Tinder-Mitgründerin Whitney Wolfe, die ihr Unternehmen wegen sexueller Belästigung verklagte, weil sie dort angeblich monatelang sexuellen Anzüglichkeiten ausgesetzt war, darunter rassistischen, sexistischen, homophoben, frauenfeindlichen und beleidigenden SMS-Nachrichten, und einmal als ‚Hure‘ bezeichnet wurde. Das Verfahren endete mit einem Vergleich“, führt Lyons aus.

Oder GitHub, das 100 Millionen US-Dollar Risikokapital bekam und das Geld benutzte, um damit das Oval Office im Weißen Haus nachzubauen, und dessen Vorsitzender Tom Preston-Werner zurücktrat, nachdem sich eine Mitarbeiterin über sexuelle Belästigung und sexuell motiviertes Racheverhalten beklagte. Oder auch der so hochgejubelte Evan Spiegel, Gründer von Snapchat, der 850 Millionen US-Dollar Risikokapital bekommen hat und erklären muss, warum er am College seine Kommilitonen in E-Mails gedrängt hat, „deinen großen Studentenschwanz heute einem Mädel so richtig in die Kehle zu rammen“.

Zu solchem persönlichen Fehlverhalten kommen noch Anschuldigungen geschäftlicher Unredlichkeit. All das sollten wir uns wirklich genauer anschauen, wenn wir uns aus guten Gründen über die Präsidentschaft von Donald Trump empören.

Wir sollten uns das kalifornische Tal der Vulärkapitalisten mit ihrem Wertekanon betrachten, bevor Dienste wie Snapchat weiter bejubelt oder irgendwelche digital-disruptiven Pilgerreisen ins Silicon Valley organisiert werden. Wir sollten uns wohl mehr von der Aufklärungsphilosophie in unserem netzökonomischen Handeln leiten lassen und einen europäischen Ton sowie eine europäische Programmatik für die Digitalisierung entwerfen.

Siehe auch: Diskursfähigkeit im Netz statt egozentrisches Wer-hat-den-Größten-Geschrei

Trump-Ideologie hinter der Bubblegum-Hippie-Fassade im Silicon Valley

Die Sharing Economy war Patrick Stegemanns große Liebe. Bis sie ihr hässliches, kapitalistisches Gesicht zeigte. Bei Z2X fordert er: Lasst euch nicht blenden!

Über die New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade im #SiliconValley

trump-ideologie

Hinter der sektenhaften New-Age-Wir-verbessern-die-Welt-Fassade steckt doch sehr viel Sieger-Gequatsche und Aufgeblasenheit á la Trump.

Ein Großteil der Silicon-Valley-Gründergeneration besteht aus ziemlich unangenehmen Typen, schreibt der Journalist und Drehbuchautor Dan Lyons in seinem Opus „Von Nerds, Einhörnern und Disruption“.

„Frühere Hightech-Unternehmen wurden von Ingenieuren und MBAs gegründet, heutige von jungen, moralfreien Hütchenspielern, von der Art Jungs (und es sind fast alles junge Männer), die sich im Kino ‚The Social Network‘ angesehen haben, in dem Mark Zuckerberg als diebischer, heimtückischer Lügner dargestellt wird, und die danach genauso werden wollen wie er. Viele haben gerade erst das College abgeschlossen – oder sich nicht einmal die Mühe gemacht, es abzuschließen.“

In ihren Unternehmen gehe es zu wie im Hauptquartier einer Studentenvereinigung. Twitter habe wirklich einmal eine Betriebsfeier mit dem Thema Fraternity (Studentenverbindung) gegeben.

Frauen begrapschen und Wasserpfeifen mit Bier befüllen

„Seit 2012 gibt es im Silicon-Valley-Wörterbuch den Begriff brogrammer – ein Programmierer vom Typ bro, ein jugendlicher Macho, der seine Wasserpfeife mit Bier füllt und Frauen begrapscht. Bald kommen die unvermeidlichen Skandale und Prozesse, die Geschichten über schleimige Gründer, die weibliche Angestellte belästigen oder, in einem extremen Fall, ihre Freundin zusammenschlagen. Solche Leute stehen an der Spitze der neuen Generation Hightech-Unternehmen, solchen Leuten vertrauen viele Menschen sehr viel Geld an. Man möchte sich ja gerne vormachen, dass die Zeche, wenn diese Blase platzt, von den Risikokapitalgebern der Sand Hill Road in Menlo Park gezahlt wird, aber ein Großteil des Geldes, das man diesen Kids jetzt nachwirft, stammt aus Pensionsfonds“, warnt der frühere Newsweek-Technologieredakteur.

Die Zeche werden sehr viel mehr Leute zahlen müssen als nur ein paar Berufsinvestoren, die Risiken gewohnt seien.

Gierige Investoren und unmoralische Gründer

„Wenn ich mich in San Francisco umsehe, fürchte ich, dass das alles nicht gut gehen kann. Diese Kombination aus Wunschdenken, billigem Geld, gierigen Investoren und unmoralischen Gründern ist das Rezept für eine Katastrophe“, so Lyons.

Gute Gründe, um auch den netzökonomischen Diskurs mit normativer Brille zu führen. Fernab von den Hurra-Meldungen über neue Gadgets, Apps und Plattformen.

Das Silicon Valley ist ethisch betrachtet kaum hübscher als die Wall Street, mit deren Milliarden aus dem Derivatenhandel es reich geworden ist, bemerkt Zeit-Autor Alard von Kittlitz. Wenn es nicht sogar noch unangenehmer sei, wegen seiner grell geschminkten Bubblegum-Hippie-Fassade. Ausführlich nachzulesen in meiner Netzpiloten-Kolumne.

Gute Frage: Was, wenn er doch Erfolg hat?

Würde mich nicht überraschen: Wegen Trump? Tesla storniert deutsche Zulieferteile