Apple und Google planen die umfassende Heimvernetzung: Deutsche Anbieter verpennen einen lukrativen Markt

Google-Dienste fürs vernetzte Haus
Google-Dienste fürs vernetzte Haus

Die Waschmaschine startet erst, wenn der Strom günstig ist, das Sicherheitssystem schlägt Alarm, wenn der Kühlschrank nicht geschlossen ist. Zwei Drittel der deutschen Haushalte interessierte sich nach eine CapGemini-Studie schon vor drei Jahren für intelligente Konzepte für die digitale Heimvernetzung. Die Nachfrage ist da, aber bei den Anbietern in Deutschland gibt es kaum Lösungen, die man als übergreifendes Konzept begreifen kann. Mit irgendwelchen Insellösungen ist es nicht getan. Alles-aus-einer-Hand steht bei den Verbrauchern auf dem Wunschzettel.

Die Mehrheit der Kunden wünscht sich Angebote, die mehrere Anwendungen betreffen, etwa Energieeffizienz, Sicherheit und Komfort. Damit müssen die Unternehmen offen für Partnerschaften sein, denn kein Akteur bietet ein so umfassendes Angebot.

Das Zusammenbringen unterschiedlicher Technologien bei der digitalen Heimvernetzung scheint die Deutschland AG nicht zu interessieren. Niemand bietet die vollständige Vernetzung als Systemintegrator an. Systemintegration also nicht nur für Geschäftskunden, sondern auch für Privatkunden. Zahlungsbereitschaft für solche Services ist vorhanden. Das kann allerdings nur funktionieren, wenn der Systemintegrator herstellerunabhängig arbeitet. Nur so werden sich Dienstleistungen für die Heimvernetzung durchsetzen.

Wenn wir zu bräsig sind, dann machen das eben wieder andere: Google und Apple, wie Martin Weigert schreibt.

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Steve Jobs bekommt eine Briefmarke und liest #t3n

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Die US-amerikanische Post plant eine Steve-Jobs-Briefmarke. Das geht aus einem Dokument hervor, das der Washington Post vorliegt und gerade von t3n aufgegriffen wurde: Es zeigt die „streng“ geheimen Briefmarken-Designpläne der Behörde für 2014 bis 2016, die auch Marken zu Michael Jackson und Barack Obama beinhalten.

Jobs und Jackson sind ja ok. Aber bei NSA-Obama geht das nun wirklich zu weit.

Apple, der Payment-Gigant: Bezahlen mit Fingerabdruck

Kleine Innovation mit großer Wirkung?
Kleine Innovation mit großer Wirkung?

Der neue Sensor für Fingerabdrücke, den Apple am Dienstag für das iPhone 5s vorgestellte, werde in Zukunft maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung des gesamten App-Ökosystems haben. Zu dieser Einschätzung kommt Tilo Bonow, Gründer und Geschäftsführer, in einem Gastkommentar für MarketingIT.

„Es ist davon auszugehen, dass viele Apps, die bisher nur via Login durch beispielsweise Eingabe von E-Mail und Passwort funktionierten, ihre Benutzerfreundlichkeit durch dieses neue Element erheblich verbessern. Sehr zur Freude der Verbraucher, von denen es mittlerweile viele leid sind, für jedes neue Programm, das sie benutzen wollen, neue Passwörter und Login-Daten generieren zu müssen.“

Strategisch bedeute das aber auch, dass Apple zukünftig seinen Einfluss bei der Zahlungsabwicklung vermutlich weiterhin massiv ausbauen wird.

„Schon jetzt hat Apple die Kreditkartendaten von fast jedem iPhone-Besitzer, der Apps erwirbt. Es ist sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis Apple den nächsten Schritt geht und sich zum allumfassenden Zahlungsabwickler aufschwingt“, prognostiziert Bonow und hat damit wohl ins Schwarz getroffen.

Wenn jetzt iTunes über Passbook die Bezahlung von Waren und Dienstleistungen auch für externe Produkte (mPayment) öffnet, dann werde dies eine weitere Cashcow, kommentiert Jens Leinert, Co-Autor einer mPayment-Marktstudie, die gerade erschienen ist.

Mutiert nun Apple zum Langweiler, wie Computerwoche-Redakteur Jürgen Hill kommentiert?

Sind die Produkte aus Cupertino nicht mehr so spektakulär?

„Die Schritte sind sicherlich kleiner geworden. Aber der Fingerabdruck-Scanner zählt wohl zu den Dingen, die erst in ein oder zwei Jahren von Relevanz und Bedeutung sein werden“, so StreamCamp-Mitorganisator Gerhard Schröder im Wiwo-Lunchtalk.

Er vergleicht das mit dem iPad-Marktstart. Auch damals sagte fast jeder zweite Analyst, dass die Honks von Apple ein Gerät präsentieren, was keiner so richtig braucht. Zwei Jahre später möchte keiner mehr mit diesen Zitaten in Verbindung gebracht werden.

Ähnlich sieht es der Mind Business-Unternehmensberater Bernhard Steimel im Interview mit Bloggercamp.tv. Man sollte sich von der Illusion verabschieden, jedes Jahr eine bahnbrechende Innovation zu erwarten.

„Das ist schlichtweg unmöglich. Man versucht Apple in ein schlechtes Licht wegen schrumpfender Marktanteile zu rücken. Wenn man sich die Endgeräte anschaut, ist der Konzern aber ein klassischer Premium-Anbieter. Die Betrachtung der Verkaufszahlen reicht deshalb nicht aus. Entscheidend ist die Gewinnmarge im Smartphone-Markt. Überspitzt formuliert nehmen sich Apple und Samsung alles und der Rest macht miese.“

Entscheidend sei auch die Plattformstärke. Vor knapp sechs Jahren gab es rund 100 Millionen aktive iTunes-Konten. Nach Angaben von Apple liegt man jetzt bei knapp 600 Millionen. Im vergangenen Quartal lagen die Umsätze bei vier Milliarden Dollar. Aufs Jahr gerechnet kommt man auf 16 Milliarden Dollar.

„Soviel schaffen noch nicht mal Yahoo, Facebook und Netflix zusammen. Niemand kommt an diese Größenordnung der iTunes-Umsätze heran – auch nicht Nokia, Motorola, Sony, LG, RIM oder HTC. Das ist vor allem ein App- und Content-Geschäft. Hier ist Apple etwas gelungen, was bislang keinem anderen Unternehmen gelungen ist. Und ein Ende des Wachstums ist für diese Plattform nicht in Sicht“, sagt Steimel.

Mit jedem iTunes-Konto mache Apple im Durchschnitt einen Umsatz von 300 Dollar. Davon würde jeder Mobilfunk-Anbieter träumen. Die Vereinfachung des Bezahlsystems mit einer sicheren und smarten Identifikationstechnologie wird die Plattform-Strategie von Apple festigen.

Die kritischen Beiträge aus Datenschutz-Gesichtspunkten dürfen natürlich nicht verschwiegen werden:

Fingerabdrücke, srsly?

Danke, Apple (ironisch gemeint, gs).

Es gibt aber auch positive Wertungen: ENDE DES PASSWORT-CHAOS’ IN SICHT: Warum Apples Touch ID einen genauen Blick wert ist.

Was bunte Bildchen beweisen sollen: Über die Wissensanmaßung der Hirnforscher #Apple #ARD-Markencheck

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Heute Abend wird bekanntlich der Apple-Markencheck um 20:15 Uhr in der ARD ausgestrahlt. Und in der Programmankündigung heißt es:

„Apple ist bei den Menschen präsent. Apple fasziniert viele. Aber lässt sich diese Faszination auch wissenschaftlich erklären? Gemeinsam mit Neurowissenschaftler Jürgen Gallinat machen wir in Berlin den Check. 25 Personen (!) sehen Bilder von Produkten von Samsung und Apple. Was passiert dabei in den Gehirnen? Es geht für eine Stunde in den MRT. Das Ergebnis: Es gibt einen Hirnbereich, der beim Sehen von Samsung-Produkten aktiver ist – der sogenannte Präfrontale Kortex. Dies ist ein wichtiges Hirnareal, welches mit Entscheidungsfindung, Abwägung und Nachdenken verknüpft ist. Die Überraschung: Bei Apple wird eine andere Hirnregion aktiviert. Und zwar die, die mit dem Mögen und dem positiven Bewerten von Personen verbunden ist. ‚Eine Interpretation könnte sein‘, so Professor Jürgen Gallinat, ‚dass Samsung eher ein Produkt ist, welches mit dem Kopf zu tun hat, während Apple eher ein Produkt ist, welches mit dem Bauch oder dem Bauchgefühl zu tun hat.‘ Und es gibt noch einen weiteren erstaunlichen Befund. Zwei weitere Hirnregionen fallen beim Betrachten der Apple-Produkte besonders auf. Sie werden aktiviert, wenn Menschen ein Gesicht sehen oder emotionale Gesichter bewerten. ‚Das ist außergewöhnlich, weil Apple kein Gesicht hat. Apple ist ein technisches Produkt‘, so Gallinat. Demnach hat Apple es geschafft, ein Gerät zu vermenschlichen“, so der Textauszug von der ARD-Website.

Wahnsinn. Man operiert also mit 25 Probanden. Nicht nur die geringe Fallzahl ist problematisch. Auch der allwissende Habitus der Hirnforscher, die mit irgendwelchen steilen Thesen in der Öffentlichkeit regelmäßig für Aufregung sorgen. Und es ist mehr als problematisch, wie kritiklos Medien mit den Pseudo-Neuro-Befunden umgehen. Da muss nur irgendein Wissenschaftler von Präfrontal-Cortex labern und schon erstarrt die Öffentlichkeit ehrfurchtsvoll von diesen neuen Helden in weißen Kitteln. Wer die wissenschaftliche Seriosität der Hirn-Bubis in gesellschaftlich relevanten Fragen anzweifelt, bekommt direkt die Empfehlung zu einem Praktikum in der Psychiatrie, wird als ahnungslos abgestempelt oder ist nicht in der Lage, der Genialität der Neurowissenschaftler intellektuell zu folgen – Manfred Spitzer-Strategie zur Abwehr von Kritiken an seiner digitalen Demenz.

“Ihre Autorität gewinnen die Erkenntnisse der Hirnforschung vor allem aus den bunten Bildern der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Weil sich dieser Blick ins Innere des Kopfes auch bei lebenden Menschen relativ unkompliziert vornehmen lässt, kann man so einem Hirn auch dabei zusehen, wenn es tut, was es eben tut: Sauerstoff verbrauchen, Glucose verbrennen, Botenstoffe ausschütten, Synapsen bilden”, so die FAZ.

Und in diese bunten Bilder werden willkürlich politische, psychologische oder sonstige Erkenntnisse gegossen.

„Man sollte sehr misstrauisch sein gegenüber den Weisheiten, die aus diesem Bereich kommen und zwar insbesondere wenn sie über die Macht der Bilder erzielt werden. Fast alle Medien würden zur Zeit Bilder der Kernspintomographie veröffentlichen. Da taucht ein Fleck im Gehirn auf, also muss das irgendwas bedeuten”, erklärt Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg.

Da gebe es sehr viel Rattenfängerei. Es sei einfach nicht richtig zu glauben, wenn die Birne aufleuchtet und die Aktivierung im Gehirn größer wird, ein besserer Zustand des Gehirns erreicht werde.

„Große Aktivierung im Gehirn bedeutet Unsicherheit des Gehirns. Wenn Sie Aufgaben untersuchen, wie sie gelöst werden, von unsicherem Status bis zum Profi, dann finden Sie eine negative Korrelation mit der Größe der Hirnaktivierung. Der Profi setzt eigentlich nur noch seine spezifischen Mechanismen für etwas ein”, so der Hinweis von Scheich.

Gehirnjogging mit riesiger Hinaktivierung nachzuweisen, sei beispielsweise Unfug. Die kleine Aktivierung, die beim scharfen Nachdenken von einem Profi produziert werde, das ist die eigentliche Aktivierung, die richtig ist.

Der Züricher Neuropsychologe Lutz Jähnke hält den Erklärungsdrang vieler seiner Kollegen für eine „problematische Grenzüberschreitung“.

“Und wer an wissenschaftliche Beweise glaubt, sollte sich einmal die Studie durchlesen, in der ein Team von Psychologen aus Yale vor ein paar Jahren ermittelte, dass selbst absolut unlogische Aussagen Glaubwürdigkeit genießen, wenn dabeisteht, dass Ergebnisse aus dem Hirnscanner ihre Richtigkeit unterstreichen”, berichtet die FAZ.

Die Süddeutsche Zeitung erwähnt den Wiener Arzt und Anti-Aging-Aktivisten Johannes Huber. So sei es angeblich gesund und führe zu einem längeren Leben, wenn man sich von einem anständigen Abendessen fernhält.

“Da er wohl ahnt, dass seine Thesen einer seriösen wissenschaftlichen Prüfung nicht standhalten, streut Huber gerne allerlei Abbildungen von Gensequenzen, histologischen Färbungen und molekularbiologischen Analysen in seine Vorträge. Dieses pseudowissenschaftliche Allerlei ist inhaltlich nur zusammenhangsloser Zierrat, beeindruckt aber viele Zuhörer wie auch die meisten Leser seiner Bücher. Sie verstehen zwar nicht so genau, was da gezeigt wird, denken sich aber: Der Mann kennt sich aus!”

Kleine Empfehlung. Schuster äh Hirnforscher, bleib bei deinen Leisten. Alles andere ist biologistischer Mumpitz.

Siehe auch:

Berliner Forscher: Gehirn reagiert außergewöhnlich auf Apple-Produkte.

Überhaupt nicht hinrissig sind übrigens die Crowdsourcing-Effekte in der täglichen journalistischen Arbeit. Könnte ja auch mal die ARD-Markencheck-Redaktion ausprobieren.

Netz-Giganten spielen Staat – Über Berufsverbote, Zensur und Pranger

Folter, Pranger, Scheiterhaufen

Sie spielen Polizei, Geheimdienst, Sittenwächter, Zensor, Staatsanwalt, Richter und initiieren mittelalterliche Prangermethoden zur Verbannung von vermeintlichen Querulanten. Gaming-Anbieter, Netz-Giganten und Betreiber von Social Networks mutieren immer mehr zum Staat im Staate unter Missachtung rechtsstaatlicher Regeln. Sie instrumentalisieren Allgemeine Geschäftsbedingungen für Sanktionen, schließen Nutzer willkürlich aus, löschen Inhalte oder erteilen nach Belieben Ermahnungen, gegen die sich keiner so richtig wehren kann. Beim Facebook-Fotodienst Instagram kann ich das noch verkraften, weil jede x-beliebige Konkurrenz-App meine Aufnahmen im Retro- oder Popart-Stil darstellen kann. Man kann mit den Füßen abstimmen und den Anbieter mit Nichtbeachtung strafen. Entsprechend reumütig reagierte das Management von Instagram auf die „missverständlichen“ Änderungen der Geschäftsgrundlage.

Was macht aber ein professioneller Computerspieler, der von der Gaming-Community unter Duldung des Betreibers lebenslänglich von der Plattform verbannt wird, weil er als unhöfliche Nervensäge einigen Konkurrenten auf den Keks gegangen ist? Der Betroffene kann sich nicht wehren, es gibt keine Schiedsgerichte, Mediatoren oder juristisch saubere Verfahren. Am Ende wirkt der Bannspruch wie ein Berufsverbot. Es sind Schand- und Ehrenstrafen, die die Reputation vernichten. Ab dem 12. Jahrhundert eine beliebte Methode der Herrschenden, um die Fassade der „ehrbaren“ Bürger zu wahren. Wenn der Delinquent nicht geköpft, erhängt oder gevierteilt wurde, sollte er zumindest der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Die bigotte Community vertrieb den Außenseiter.

An dieser Stelle folgt jetzt sicherlich der Einwand, dass ja niemand gezwungen sei, die sittenwidrigen Geschäftsbedingungen zu akzeptieren. Es ist wie bei einer Hausordnung. Wer das Hausrecht besitzt, könne auch sanktionieren. Bei einem Music-Club oder einer Bar nehmen wir das leider allzu oft hin, weil es genügend Alternativen gibt. Der Türsteher mokiert sich über meine krumme Nase, Hautfarbe oder mein schlampiges Outfit und lässt mich nicht rein. Günter Wallraff hat das bei seinen Undercover-Exkursionen als Kwami Ogonno schmerzlich erfahren.

Auch hier dürfen wir nicht zur Tagesordnung übergehen. Wenn Google oder Microsoft meine virtuelle Existenz wegen irgendwelcher Regelverstöße löschen, kann das meine komplette Arbeitsfähigkeit gefährden. Werden Applikationen inhaltlich zensiert, bleiben die Grundrechte auf der Strecke. Ausführlich in meiner morgigen The European-Kolumne nachzulesen.

Und dann folgt ja noch die zweite Session des Blogger Camps am 30. Januar von 19,30 bis 20,00 über die AGB-Diktatoren des Netzes.

Wer dranbleibt, hat verloren - Konfuzius über Call Center

Mit einer ganz anderen „Foltermethode“ beschäftige ich mich in einem Vorbericht zur Call Center World in Berlin 😉 Vernetzte Services für vernetzte Kunden – Wünsche antizipieren mit den Mitteln der Informatik.

Übrigens findet man die AGB-Hausmeister des Social Webs auch weniger cool, wie Facebook gerade schmerzlich erfährt – nicht nur beim Dienst Instagram.

Update:

Hier geht es zur The European-Kolumne.

Blogger-Krise? Lieber Robinson-Club statt Netz-Offenheit?

Robinson Club statt Netz-Offenheit?

Von Social Web-Altstars gibt es Aufrufe, sich aus den sozialen Netzwerken zu befreien und wieder ins „offene Netz“ zu kommen. Mit eigenen Websites und Blogs. Für Freitag-Autor Wolgang Michal ein Indikator für „dünne Luft“ in der Blogosphäre. An seinem Beitrag stört mich ein wenig die Entweder-Oder-Position.

Ein Blog sei charakterisiert durch persönliche Färbung, Offenheit, Mut und die Bereitschaft zum Konflikt. Aber nur acht Prozent der Internet-Nutzer würden laut einer ARD-ZDF-Studie bloggen. Aber fast jeder Zweite sei in sozialen Netzwerken unterwegs.

„Soziale Netzwerke wie Facebook und Google+ machen es ihren Nutzern leicht und bieten im Vergleich zu Blogs enorme Vorteile. Etwa eine größere Effizienz. Der Facebook- oder Google-Kunde kann unerwünschte Personen ausgrenzen und sein Publikum ohne Zeit- und Streuverluste erreichen. In dieser ‚Filterblase‘ schreibt es sich angenehmer und bequemer als in einem öffentlich zugänglichen Blog, bei dem man doch stets etwas das Gefühl hat, des Nachts in einem erleuchteten Schaufenster zu sitzen“, so Michal.

In sozialen Netzwerken exponiere man sich nicht so schutzlos wie in einem Blog. Man verbringe seine Zeit in einem umzäunten Gehege, in einer Art „Club Robinson“ des Internets: Alles sei beherrschbar. Man brauche sich keiner offenen Debatte zu stellen, ja, man muss sich nicht einmal sonderlich anstrengen.

„Auf Facebook oder Google+ ist es auch nicht nötig, eine eigene Form oder einen eigenen Stil zu finden, denn alles ist vorgegeben. Die Einstiegs-Hürden und Anforderungen sind niedrig. Das kommt den Couch-Potatoes des Internets in ihrem Neobiedermeier entgegen. Ein Blog gleicht eher einer zugigen Haltestelle als einer Wohlfühlnische“, so Michal.

Zudem störe das elitäre Gehabe gegenüber Anfängern, die Vernachlässigung der gegenseitigen Unterstützung und die unzulängliche Moderation in den Kommentarspalten.

Ich halte das für absoluten Blödsinn. Es ist wohl nicht mehr so einfach wie noch zu den Pionierzeiten des Bloggens, genügend Aufmerksamkeit zu bekommen. Dazu haben sicherlich auch die Angebote von Facebook und Co. beigetragen. Aber Aufmerksamkeit musste man sich schon immer hart erarbeiten. Selbst die Stars der Blogger-Szene haben einige Jahre gebraucht, um im Netz wahrgenommen zu werden. Daran hat sich auch heute nichts geändert. Man kann sich auf seinen Lorbeeren nicht ausruhen und das ist auch gut so. Die Resonanz auf Blogpostings ist ein untrüglicher Lackmustest für den Grad der Interessantheit. Jedes Blogposting läuft unterschiedlich. Mal treffe ich den Nerv, mal schieße ich gnadenlos am Ziel vorbei. Mal bin ich gut in Form oder eben nicht. Mal habe ich einen tollen Geistesblitz, recherchiere eine wichtige Sache, schildere persönliche Erlebnisse, schlage Themen für Interviews vor oder berichte von Konferenzen, die von der Netzöffentlichkeit mit Begeisterung aufgenommen werden. Dann gibt es wieder Tage, wo man sich ins Knie schießt und mit seinen Verlautbarungen im Nirwana endet. So ist das Leben. Es ist sehr lehrreich.

Und es soll auch Menschen geben, die überhaupt keinen Bock aufs Schreiben haben, die vielleicht sogar unter Schreibhemmungen leiden oder sich schwertun, ohne Netz und doppelten Boden zu agieren. Das gilt natürlich auch für andere Darstellungsformen in Blogs – etwa Fotografien, Videos oder Audios.

Aber warum sind denn die sozialen Netzwerke abgeschottete Inseln der Glückseligen und Oasen des Neobiedermeiers? Auch auf Facebook und Google+ gibt es Kontroversen, Polemiken und harte Kritik. Ich kann mich vielleicht schneller davon lösen und Bekannte entfreunden, um es mir dann wieder in der Kuschelecke gemütlich zu machen. Aber spielt das in den Gedanken der Social Web-Nutzer wirklich eine Rolle. Auch hier geht es um Aufmerksamkeit, Vernetzung, Anregungen und Lust auf tolle Beiträge von anderen Menschen. Halt in anderer Form. Für mich gibt es kein Entweder-Oder. Beides ist wichtig.

Einen anderen Punkt halte ich da schon eher für diskutabel, deshalb bleibt meine Blogger-Existenz auch in Zukunft wichtig. Das rüde Geschäftsgebaren der Social Web-Riesen.

Michael Spehr hat es in einem FAZ-Kommentar sehr gut beschrieben. 2013 steht unter der Maxime der Abschottung durch geschlossene Ökosysteme.

„Google, Microsoft, Apple, Amazon, Twitter und Facebook fühlen sich stark genug, neue Mauern zu errichten. Man will Verbindungslinien von einem Dienst zum anderen kappen. Alles nur noch aus einer Hand. Ein Tweet darf Twitter nicht verlassen. Android-Software für das Kindle wird von Amazon handverlesen. Google-Nutzer dürfen ihre Daten nicht mehr mit einem Microsoft-Smartphone und Exchange Active Sync austauschen. Die Beispiele sind Legion. Druck und Zwang bestimmen die Agenda 2013, vor allem bei Google.“

Soll man auf Googlemail oder das von Windows Phone betriebene Lumia 920 verzichten?

„Während die Apps bunt schillern wie, werden Möglichkeiten und Chancen fortwährend reduziert“, kritisiert Spehr.

Deshalb volle Zustimmung für die Analyse von Sascha Lobo, die als Jahresausblick in Spiegel Online erschien:

„Die Erhaltung eines einigermaßen neutralen Netzes ist die wichtigste digitalpolitische Aufgabe für 2013. Das Dilemma besteht darin, dass für den kontinuierlichen Netzausbau sehr viel mehr Geld benötigt werden wird, als sich mit dem Zugangsverkauf erlösen ließe. Zur größten Bedrohung für die Netzneutralität könnten in den kommenden Jahren nicht die Telekommunikationsunternehmen werden – sondern deren Kunden. Und zwar genau dann, wenn sie in Massen entscheiden, dass ein kostenloses Paket aus Facebook, YouTube, Chat und ein paar Dreingaben ausreicht. Und man den umfassenden Netzzugang eigentlich nicht so dringend braucht. Der Feind eines netzneutralen Internets ist die Bequemlichkeit wenig versierter Nutzer.“

Es liegt aber weniger an der Bequemlichkeit, sondern am nicht vorhandenen Wissen.

Man sollte daher seine Sensoren in Stellung bringen und die Gefahren für die Freiheit im Netz stärker thematisieren. Eine schöne Aufgabe für Blogger 🙂

Das Thema der Abschottung der Netz-Giganten steht auch auf der Agenda der zweiten Session des Blogger Camps am Mittwoch, den 30. Januar von 19,30 bis 20,00 Uhr.

Wer mitmachen möchte bei der Live-Diskussion, ist herzlich eingeladen. Mail an: gunnareriksohn@gmail.com.

Einzelinterviews im Vorfeld des Blogger Camps via Hangout On Air könnten wir auch machen.

Eine Facebook-Penis-Frage an Gunnar Bender #zeitmagazin

Die Öffentlichkeitsarbeiter von Google, Facebook, Apple und Co. lieben Schönwetter-Labereien. Da mischen sie sich unter das Netzvolk, posten lustige Sprüche, geben sich gerne cool, locker, lässig und verständnisvoll, dokumentieren ihre Vorlieben für Musik, berichten über Konzertbesuche, verweisen durch die Blume auf neue Dienste ihrer Konzerne und lassen sich auf irgendwelchen Veranstaltungen grinsend abfotografieren.

Wenn es aber mal Hagelschauer setzt, verstecken sich diese lustigen Launebärchen sehr schnell hinter Sprachregelungen oder verfallen ins semantische Koma.

Eigentlich gleichen sie in ihrer Liebe zur Transparenz dem Kreml-Chef Wladimir Wladimirowitsch Putin. Der lässt ja auch keinen Fototermin aus, um seine im Geheimdienst trainierten Muskeln der Öffentlichkeit zur Schau zu stellen. Einen kleinen Unterschied zu den Netz-Launebären gibt es allerdings: Kritiker der Web-Konzerne wandern nicht sofort in den Knast.

Aber der Launebär Gunnar Bender könnte doch mal als Facebook-Lobbyist ein paar Antworten geben. Wie kann es denn sein, dass ein Titelbild des Zeitmagazins einfach sang- und klanglos von der Facebook-Seite verschwindet? Weil man sich mit der Frage der männlichen Nacktheit beschäftigt hat? Weil das Penis-Cover die Sexualmoral von Mark Zuckerberg durcheinander bringt? Hat Facebook den Beitrag mit dem Penis-Cover gelöscht oder nicht? Aus welchen Gründen?

Und kommen Sie jetzt nicht mit dem Hinweis auf Community Standards. Bitte schöne und wohlklingende Sätze schreiben, die Ihnen bei so vielen Web 2.0-Konferenzen über die Lippen kommen. Und als Abschluss vielleicht auch noch eine Erklärung, ob mein Foto vom Cover-Foto nun auch gelöscht wird? Denn ich werde das natürlich auch auf meinem FB-Account posten.

„Beunruhigende“ Thesen zur Netzwerkgesellschaft: Ein systemischer Schirrmacher-Lanier-Carr-Phrasenbrei

„Navigieren in Unsicherheit“ – unter diesem Motto behandelte die „x-mess-Konferenz zur [nächsten] Gesellschaft“ ein wichtiges Thema und stellte in einem Konferenzbericht für die Zeitschrift „Führung und Organisation“ den „aufrüttelnden“ Vortrag des niederländischen Soziologen Jan van Dijk von der Universität Twente.

Seine Thesen zur Netzwerkgesellschaft laufen angeblich dem optimistischen Mainstream diametral entgegen:

Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‚Knoten‘ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‚Long Tail‘). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt
zwischen den beiden Polen.

Das Internet wird nicht von den Nutzern gestaltet, sondern von den mächtigen Intermediären wie Facebook, Google, Microsoft und Apple. Doch wer kontrolliert diese Giganten? Die enorm hohe Zahl an Akteuren führt in der globalen Netzwerkgesellschaft zu großer Instabilität. Trends werden verstärkt und breiten sich schneller aus als bisher. Gegensätze prallen in ungekannter Heftigkeit aufeinander – und schwappen in die reale Welt über. Anschauungsbeispiele dafür bieten die Schuldenkrise, Straßenschlachten in Athen oder der sogenannte arabische Frühling. Die ‚Risikogesellschaft‘ ist bereits Realität geworden.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Die meisten Einträge im Internet haben KEINE (sic!) Leser. Produzieren wir damit eine Gesellschaft von Autisten?

Informations-Überflutung führt zu neuen Mechanismen der Rezeption: Selektive Wahrnehmung und oberflächliches Scannen prägen die Informationsaufnahme. Was bedeutet das für die realen Beziehungen zwischen den Menschen?

Entscheidend für einen konstruktiven Umgang mit der Netzwerkgesellschaft und den damit verbundenen Risiken wird eine umsichtige Erziehung und Ausbildung sein. Kritisches Hinterfragen von Informationen wird zur Schlüsselkompetenz. Ist unser Erziehungssystem darauf richtig vorbereitet“, fragt sich Jan van Dijk und ich frage mich, wie man zu solch platten Thesen kommt und auch noch als Anti-Mainstream-Haltung ausweist. Das ist ein Phrasenbrei aus Schirrmacher-Lanier-Carr-Geschreibsel.

Knoten und Zentralisierung: Die Gedankenwolken des Nicholas Carr – Internetskeptiker will Google bändigen und warnt vor der Zentralisierung des Datennetzes.

Oder: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Als Entgegnung, werte Systemiker, kann man die Long-Tail-Effekte ins Spiel bringen, die Jan van Dijk wohl nicht richtig verstanden hat.

Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.

Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. “Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ‘nur’ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel. Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.

Zur Frage der Informationsüberflutung und Selektion (vorher selektierten übrigens die journalistischen Gatekeeper und ich durfte dann als Medienkonsument das selektieren, was mir die Massenmedien bei ihrer Informationsauswahl übrig gelassen haben). Digitaler Zettelkasten: Tote Unterhosen, Informationsfluten, Büchernarren und Netznavigatoren.

Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger? Warum haben dann die großen Organisationen so eine Angst, die Kontrolle im Netz zu verlieren und holen die ACTA-Keule raus? Siehe: Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Wie war das eigentlich in analogen Zeiten, als die Massenmedien den Ton angaben? Was es da leichter, gehört zu werden? Ich konnte gerade mal einen Leserbrief schreiben oder in der Redaktion anrufen, um mir dann eine Abfuhr mehr oder weniger höflich abzuholen. Es wird nicht immer schwieriger, gehört zu werden. Wer wichtiges und interessantes kommuniziert, kann sich im Social Web viel leichter artikulieren. Mal läuft es gut und trifft den Nerv, mal verhallt die eigene Botschaft. Wie viele dpa-Meldungen werden eigentlich nur für den Papierkorb geschrieben? Ein Korrespondent sagte mir, dass die Quote wohl ziemlich hoch ist. Also auch Nachrichtenprofis haben es schwer, gehört zu werden. Oder die Unternehmenskommunikation:

„Jeder Tag in der Markenkommunikation ist mittlerweile experimentell. Ob ich mit Kunden ins Gespräch komme, ob meine Angebote gut ankommen, ob die Unternehmenspolitik richtig oder falsch ist, wird heute in Echtzeit beurteilt. Das Versuch-und-Irrtum-Verfahren in sozialen Medien hört nie auf“, erläutert der Bitronic-Chairman Peter B. Záboji.

So ist es.

Eure Meinung zu den Thesen des Soziologen Jan van Dijk interessieren mich. Würde ich gerne in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Statements bitte bis Freitag (spätestens 10 Uhr) mailen an: gunnareriksohn@googlemail.com oder hier als Kommentar posten.

Apple und die „Theorie vom Gesamtprodukt“: Kein Steve Jobs-Nachruf!

Der Rat von Thomas Knüwer, keine Steve Jobs-Nekrologe zu schreiben oder zu insinuieren, mit dem Wechsel von Steve Jobs in den Verwaltungsrat ende eine Ära, ist vollkommen richtig. Und er verweist zu recht auf die Erfolgsprinzipien von Apple, die auch in nächsten Jahren wohl noch Bestand haben werden:

Ein Unternehmen, dass immer mehr Produkte herausbringt, die für immer mehr Menschen spannend erscheinen. Und dessen Ökosystem daran arbeitet, diese Produkte mit mehr Wert aufzuladen.

Dieser Unterschied zwischen Exxon und Apple ist für mich das ultimative Denkmal für Steve Jobs, denn es beweist, dass er gnadenlos langfristig denkt. Dieses langfristige Denken sollte ein Vorbild sein für Großkonzerne im hektischen 21. Jahrhundert. Ist es aber leider nicht.

Das ist auch der Tenor meiner heutigen Service Insiders-Kolumne!

Steve Jobs zählt zu den wenigen Persönlichkeiten der Technologieszene, die erkannt haben, dass man Kunden nicht mehr mit aufgeblähten Funktionalitäten belästigen darf. „Er betrachtet Technik nicht als Selbstzweck. Er stellt sie nur unauffällig bereit“, so der Schweizer Innovationsberater Bruno Weisshaupt im Interview mit dem Fachdienst Service Insiders. Nicht das Gerät stehe im Vordergrund, sondern der Nutzen: „Diese Lektion hat Apple gelernt.“

Auch wenn Steve Jobs jetzt nicht mehr an der Spitze von Apple stehe, werde sein Unternehmen noch lange in der Erfolgsspur bleiben, prognostiziert der IT-Experte Udo Nadolski: „Als Chef des Verwaltungsrates wird er als wichtiger Stratege an Bord bleiben. Und sein Nachfolger Tim Cook ist schon so lange an der Seite von Jobs, dass er die Innovationskultur von Apple weiter entfalten wird.“

Auch Cook sei von der Idee getrieben, an Einfachheit und nicht an Komplexität zu arbeiten. Das sei nur möglich, wenn man den Zugriff auf die primären Technologien hinter den Produkten hat. „Ein gut funktionierendes Produkt kann nicht gelingen, wenn Software und Hardware nicht zusammenspielen. Alles, was Apple auf den Markt bringt, entsteht durch ein holistisches Konzept und der völligen Abkehr von der klassischen Produktentwicklung. Steve Jobs fragt sich nicht, wie er die Vergangenheit verbessern kann. Er orientiert sich nicht am Status quo. Jobs ist ausschließlich daran interessiert, etwas fundamental Anderes und Besseres in die Welt zu setzen“, so Nadolski, Geschäftsführer von Harvey Nash. Frei nach dem Motto von Henry Ford: „Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie mir geantwortet: ‚Ein schnelleres Pferd‘.“

Im Unterschied zu Microsoft und Google habe Apple eine klare „Theorie vom Gesamtprodukt“, erläutert Jay Elliot, ehemaliger Senior Vice President von Apple: Wer mit technischen Produkten Erfolg haben wolle, sollte die Hardware und die Software entwickeln. Hier liege die Schwäche von Open-Source-Produkten. Zu einem ähnlichen Urteil kommt Bruno Weisshaupt: Hardware bleibe für die Kundenbindung nach wie vor wichtig. Das stelle Apple jeden Tag unter Beweis. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration von Endgeräten und Anwendungen. „Nicht nur Apps regieren die Welt. Man braucht auch ein physisches Gesicht gegenüber den Kunden. Für Google sind doch die vielen asiatischen Hersteller, die auf das Android-Betriebssystem setzen, gar nicht so wichtig. Viel spannender ist es doch, die Wertschöpfung auch in der Hardware zu haben. Hier liegt für Google das Potenzial beim Kauf der Mobilfunksparte von Motorola – auch wenn man dadurch zum Konkurrenten der bisherigen Kunden wird“, sagt Weisshaupt.

Frank Schirrmacher braucht eine europäische Suchmaschine: Der Chirac des Tages


Frank Schirrmacher von der FAZ macht sich Sorgen über europäische Gehirne. Unser Wissen wird zunehmend ausgelagert und zwar in die Hände amerikanischer Konzerne. „Nach dem Stand der Dinge liegt das wirkliche Wissen heute in der Hand von einem, mit Apple und Facebook maximal drei Mega-Konzernen. Was heißt es, dass wir von dem virtuellen Bibliotheksdirektor niemals erfahren, was eigentlich das relevante Wissen der Jetztzeit ist: welche Schlüsse er aus unseren Lektüren, unserem Verhalten, unserem Konsum, unserem Leben zieht? Was er weiß? Vielleicht müssen wir uns Gott als diesen Bibliothekdirektor vorstellen“, schreibt Schirrmacher.

Während die EU Milliarden ausgibt, um mit Galileo das GPS nocheinmal nachzubauen, sei die Entwicklung einer europäischen Suchmaschine schon im ersten Anlauf gescheitert (siehe unten, gs). „China, besorgt um seine Deutungshoheit, hat Baidu. Man muss das Werkzeug Google, mit dem wir heute alle arbeiten, nicht perhorreszieren. Aber eine europäische, nicht privatwirtschaftliche Suchmaschine, die keiner politischen oder ökonomischen Kontrolle unterliegt, ist vielleicht das wichtigste technologische Projekt der Gegenwart. Der Chaos Computer Club wäre ihr TÜV. Wenn wir diese Maschine nicht bauen, werden wir uns eines Tages vielleicht an uns selbst nur in einem einzigen Moment erinnern: wenn wir zum ersten Mal unser von der Videokamera aufgezeichnetes Bild auf dem Computerschirm sehen“, so die Sorgen des Neuro-Feuilletonisten. Hier endet der langamtige Exkurs, der so verheißungsvoll begonnen hatte. Was man nachschlagen kann, brauche man nicht im Gedächtnis zu behalten. Nach dieser alten Lehrerweisheit funktioniere auch Google. „Nur dass der Stoff von Google unser Leben ist“. Alles schön und gut. Wer in Europa soll diese Maschine bauen? Und der Chaos Computer Club soll als TÜV für ein europäisches Vorhaben fungieren – bezahlt mit Steuergeldern?

Die europäische Antwort auf Google sollte Quaero sein – doch das vollmundig rausposaunte deutsch-französische Prestigeprojekt ist kläglich in die Hose gegangen. Wie soll also etwas in Europa gelingen, was vor fünf Jahren schon nicht klappte? Übrig geblieben ist das deutsche Forschungsprogramm Theseus – auch da ist bislang der Durchbruch nicht gelungen.

Der frühere französische Staatspräsident Chirac startete 2006 das Projekt Quaero mit großem Getöse, um die erste „wahre multimediale Suchmaschine“ in Europa auf die Beine zu stellen. Es sollte nicht nur Texte, sondern auch Musik oder Bilder finden. Die Suchergebnisse sollten auf Computern, Mobiltelefonen und Fernsehen in mehreren Sprachen angezeigt werden können. In den Internetforen und Branchenkreisen wurde das Projekt von Anfang an skeptisch gesehen, denn bei Google arbeiten mehrere tausend Softwareentwickler an der stetigen Verbesserung der Suchmaschine. Schon damals war klar, dass man den Vorsprung von Google mit einem staatlich geförderten Projekt nicht einholen könne. Damals schrieb ich in einem Artikel:

Keine Gesellschaft verfügt über eine grössere Rechenleistung als Google mit seinem Netzwerk gewöhnlicher, doch aufgemotzter PCs. In einem Zeitalter der hoch spezialisierten Arbeit montiert Google jeden PC seines mächtigen Netzwerks in sicheren Anlagen, die kein Aussenseiter betreten darf, einschliesslich der Besucher des Googleplex, die glauben, alles gesehen zu haben. Der schiere Umfang der Rechenoperationen sorgt dafür, dass dieses Vorgehen kostengünstiger und qualitativ hochwertiger ist als der Kauf massgefertigter Computer bei einem anderen Hersteller. Die massgeschneiderten PCs arbeiten zusammen und führen Suchaktionen rasch durch, indem sie Anfragen in winzige Komponenten zerlegen. Diese Teile werden gleichzeitig verarbeitet, indem man sie mit im Voraus indizierten und aufbereiteten Kopien des Internet vergleicht.

Quaero plante Projekte, die sich die Google-Entwicklerteams schon längst auf die Fahnen geschrieben haben. Schon in naher Zukunft werde sich die ursprüngliche Suche im Web über den PC auf alle anderen Produkte ausbreiten.

Technologische Innovationen funktionieren eben nicht auf dem Niveau von Kommissionen, Räten oder Komitees. Sie entstehen auch nicht durch Proklamationen im Feuilleton.

Ähnlich erhellend sind die Schirrmacher-Mondphasen zur Rettung der Qualitätspresse: „Es könnte sein, dass Zeitungen und Zeitschriften und die seriösen Nachrichtensendungen eine ganz andere Zukunft haben. Sie wären das letzte verbliebene Kommunikationsmittel, die in einer elektronischen Welt die Zeit biologisch organisieren: gleichsam mit Aufgang und Untergang der Sonne. Oder mit den Mondphasen – wenn es um Wochenpublikationen geht -, die wir uns in den Begriff der ‚Woche‘ übersetzt haben. Der Markt für diese Exklusivität von Zeit wird wachsen, nicht schrumpfen, wenn die Zeit der Narkose vorbei ist.“ Alles klar?