
Der Westen verliert seine alte Geschäftsgrundlage
Am 12. Mai 2026 steht General a. D. Jörg Vollmer im World Conference Center Bonn vor einem Saal der AFCEA-Fachausstellung und spricht nicht zuerst über die Bundeswehr. Er spricht über die Welt, in der die Bundeswehr handeln müsste. Das ist der entscheidende Unterschied. Wer über Verteidigungsfähigkeit redet, ohne die Ordnung zu beschreiben, die verteidigt werden soll, redet über Mittel ohne Zweck.
Vollmer zeichnet keine Weltkrise als Kulisse. Er legt den Befund vor, aus dem alles Weitere folgt: Die regelbasierte Ordnung verliert Bindekraft. Multilaterale Institutionen werden schwächer. Führung wird nicht mehr selbstverständlich anerkannt. Die Vereinigten Staaten erscheinen nicht länger als jene Ordnungsmacht, auf deren dauerhafte Verlässlichkeit Europa seine strategische Bequemlichkeit gebaut hat. Machtpolitik tritt wieder offen auf. Gewalt wird Mittel der Revision. Einflusszonen kehren zurück, nicht als Begriff aus alten Lehrbüchern, als Praxis der Gegenwart.
Damit steht die eigentliche Frage im Raum: Was bedeutet Sicherheit für ein Land, das jahrzehntelang darauf vertraute, dass andere den harten Teil der Ordnung besorgen? Deutschland hat sich in einer Welt eingerichtet, in der Handel, Recht, Bündnisse und amerikanische Schutzgarantie zusammenwirkten. Diese Welt ist nicht plötzlich verschwunden. Sie wird Stück für Stück abgetragen. In der Ukraine mit Artillerie und Drohnen. Im Ostseeraum mit Sabotage und Störungen. In den Informationsräumen mit Desinformation. In Washington mit einer Außenpolitik, die Bündnisse stärker nach Nutzen und Lastenteilung bewertet.
Vollmers Einstieg ist nicht nur eine außenpolitische Analyse. Er ist die Vorbemerkung zu einer deutschen Selbstprüfung. Wer heute von Verteidigungsfähigkeit spricht, muss zuerst klären, ob der Staat die neue Lage überhaupt begriffen hat. Nicht als Ausnahme, nicht als Krise neben anderen, nicht als vorübergehende Überhitzung der Weltpolitik. Als Normalzustand einer Zeit, in der Stärke wieder zählt, Schwäche ausgenutzt wird und strategische Orientierung nicht mehr importiert werden kann.
Die Grauzone ist kein Vorraum mehr
Von dort aus führt Vollmer in die Gegenwart der hybriden Angriffe. Der Begriff klingt technisch, fast verwaltungstauglich. Seine Beispiele nehmen ihm jede Harmlosigkeit. Russische Drohnen über europäischen Luftwaffenstützpunkten und Flughäfen. Sabotage gegen Eisenbahnen und Logistikzentren für Ukraine-Lieferungen. Brandanschläge. Einschleusung von Geschäftsleuten in westliche Institutionen. Wahlbeeinflussung. Mordpläne. Störungen des Navigationssystems GPS im Ostseeraum. Der Verdacht, dass zivile Schiffe als Werkzeuge dienen, um Glasfaser- und Überwachungskabel in Nord- und Ostsee zu beschädigen.
Das alles ergibt keinen klassischen Krieg. Genau darin liegt die Gefahr. Die Handlungen bleiben einzeln bestreitbar, juristisch schwer zu greifen, politisch dosiert. Zusammen erzeugen sie ein Klima permanenter Prüfung. Wie schnell reagiert der Staat? Wer ist zuständig? Wie belastbar sind Bahn, Hafen, Netz, Krankenhaus, Flughafen, Polizei, Nachrichtendienst, Energieversorgung? Wo beginnt militärische Relevanz? Wo endet zivile Normalität?
Der Satz auf Vollmers Folie, Deutschland sei nicht im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden, beschreibt diese Zwischenlage präzise. Sie ist unbequem, weil sie keine sauberen Kategorien anbietet. Sie erlaubt kein einfaches Entweder-oder. Sie verlangt Handlungsfähigkeit, bevor der Verteidigungsfall ausgerufen ist. Sie verlangt Wachsamkeit, bevor der Schaden beweisbar wird. Sie verlangt politische Sprache, die Gefahr benennt, ohne Panik zu erzeugen.














Die Ukraine ist der Prüfstein Europas
Der Krieg gegen die Ukraine bildet in Vollmers Vortrag kein Kapitel über Osteuropa. Er ist der Beweis, dass Europa sich in der Wirklichkeit des langen Krieges wiederfindet. Im fünften Kriegsjahr zeigt die Karte der Front, was in Deutschland lange als vergangene Epoche galt: Territorium zählt. Munition zählt. Personal zählt. Logistik zählt. Luftverteidigung zählt. Verwundetenversorgung zählt. Durchhaltefähigkeit zählt.
Die Ukraine zeigt zugleich, wie sehr sich der Krieg verändert hat. Drohnen machen das Gefechtsfeld durchsichtig. Elektronische Kampfführung entscheidet über Navigation und Kommunikation. Daten müssen schneller ausgewertet werden, als der Gegner handeln kann. Kleine Systeme erzeugen große Wirkung. Künstliche Intelligenz wird nicht als Zukunftsversprechen sichtbar, vielmehr als Werkzeug, um Geschwindigkeit in Führung zu übersetzen.
Für Deutschland ist das eine doppelte Lektion. Das Land muss die Rückkehr des industriellen Krieges begreifen und zugleich den technologischen Bruch ernst nehmen. Wer nur auf Masse setzt, verpasst den Wandel. Wer nur auf Hochtechnologie setzt, unterschätzt Verbrauch, Ersatz, Ausbildung und Vorrat. Vollmers Vortrag zwingt dazu, beides zusammenzudenken: das Munitionsdepot und den Algorithmus, die Brigade und das Datenbild, die Bahnstrecke und das Drohnenschwarm-Szenario.
Deutschland ist nicht Hinterland, Deutschland ist Durchgangsraum
Eine der wichtigsten Verschiebungen in Vollmers Rede betrifft die Rolle Deutschlands im Bündnis. Die Bundesrepublik erscheint nicht als rückwärtiger Raum, der im Ernstfall wohlmeinend Unterstützung leistet. Sie ist Drehscheibe. Verstärkungskräfte müssen durch Deutschland. Material muss durch Deutschland. Verwundete müssen zurückgeführt werden. Häfen, Schienen, Straßen, Flughäfen, Brücken, Energienetze, Kommunikationssysteme und Verwaltungen werden Teil der Verteidigungsfähigkeit.

Die Folien zum NATO-Verteidigungsplan zeigen Europa als gegliederten Operationsraum. Deutschland liegt nicht am Rand dieser Planung. Es liegt mittendrin. Wer Litauen verteidigen will, braucht verlässliche Verlegefähigkeit. Wer die Ostflanke stärken will, braucht funktionierende Korridore. Wer Truppen führt, braucht stabile Datenverbindungen. Wer abschrecken will, muss zeigen, dass Ankündigungen im Ernstfall nicht an Genehmigungen, fehlenden Fahrern, überlasteten Kliniken oder unklaren Zuständigkeiten scheitern.
Die eigentliche Schwäche liegt in der Langsamkeit
Vollmer nennt die Begriffe, die moderne Verteidigungsfähigkeit prägen: Informationsüberlegenheit, Führungsüberlegenheit, Wirkungsüberlegenheit. Das klingt abstrakt. Gemeint ist etwas Einfaches: früher sehen, schneller verstehen, entschlossener handeln.
Diese Logik stellt Deutschland vor sein härtestes Problem. Die Bundesrepublik kann analysieren, prüfen, abwägen, verfahrenstechnisch sichern. Sie tut sich schwer mit Geschwindigkeit. Doch in der Welt, die Vollmer beschreibt, wird Zeit zum strategischen Gut. Wer spät entscheidet, verliert nicht nur Minuten. Er verliert Optionen. Wer Optionen verliert, wird erpressbar.
Das gilt im Gefecht. Es gilt auch im Staat. Ein ressortübergreifendes Lagebild, das erst entsteht, wenn die Krise läuft, kommt zu spät. Beschaffung, die perfekte Lösungen in ferner Zukunft sucht, verfehlt den Bedarf. Eine Bevölkerung, die erst im Ausfall lernt, was Selbstvorsorge bedeutet, belastet die Einsatzkräfte. Kliniken, die im Alltag schon am Limit arbeiten, können nicht plötzlich Reserven hervorbringen.
Der Sanitätsdienst verrät den Ernst der Lage
Besonders eindrücklich wird Vollmers Rede dort, wo sie das Pathos verlässt und in die Versorgung geht. Klinische Kapazitäten, Betten, Reservelazarette, Krankentransport, Personalgrenzen, Sicherstellungsgesetze: Das sind keine glamourösen Themen. Gerade deshalb zeigen sie, wie ernst ein Land es mit Verteidigungsfähigkeit meint.
Wer Truppenbewegungen plant, muss Verwundete mitplanen. Wer Bündnisverteidigung zusagt, muss Rücktransport, Behandlung, Verteilung und Rehabilitation beherrschen. Wer militärische Handlungsfähigkeit fordert, darf zivile Krankenhäuser nicht aus der Rechnung streichen. In diesem Feld zeigt sich, ob die Rede von der Zeitenwende mehr war als ein Regierungswort.
Hier liegt ein bislang zu wenig beachteter Aspekt. Die militärische Seite der Verteidigung kann nicht stärker sein als ihre zivile Grundlage. Ein Land mit knappen Pflegekräften, ausgelasteten Kliniken, ökonomisiertem Gesundheitswesen und schwacher Reserveplanung muss ehrlich rechnen. Vollmers Folie zur klinischen Versorgungskapazität ist deshalb kein Spezialthema. Sie ist ein Stresstest für die Republik.
Bevölkerungsschutz beginnt nicht beim Sirenenton
Am Ende führt Vollmer die große Sicherheitslage in den Alltag zurück. Der Ratgeber des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe erscheint nicht als pädagogische Fußnote. Er steht für einen Wandel im Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Der Alltag kann unterbrochen werden. Strom, Mobilfunk, Internet, Zahlungssysteme, Kühlung, Heizung, Wasser, Medikamente, Supermarktversorgung und Informationen können ausfallen.
Das ist keine Dramatisierung. Es ist die praktische Seite der Sicherheitslage. Ein Staat, der seine Bevölkerung nicht vorbereitet, schwächt sich selbst. Eine Bevölkerung, die jede Vorsorge an den Staat delegiert, macht den Staat im Ernstfall langsamer. Selbstvorsorge ist deshalb kein Rückzug des Staates aus seiner Verantwortung. Sie ist ein Teil seiner Verteidigungsfähigkeit.
Dieser Gedanke ist in Deutschland schwer vermittelbar, weil er eine bequeme Erwartung stört. Viele Bürger wollen Sicherheit, aber keine Zumutung. Viele Institutionen wollen warnen, aber nicht erschrecken. Viele Politiker wollen Resilienz, aber keine Debatte über Vorräte, Ausfälle, Pflichten und Verzicht. Vollmers Rede zeigt: Diese Schonung passt nicht mehr zur Lage.
Innere und äußere Sicherheit fallen zusammen
Der stärkste Gedanke des Vortrags liegt in der Verbindung der Ebenen. Ein Hafen ist Handelsort und militärischer Umschlagpunkt. Eine Bahnstrecke ist Pendlerweg und Nachschubachse. Ein Krankenhaus ist Daseinsvorsorge und Verteidigungsressource. Ein Unterseekabel ist zivile Infrastruktur und strategisches Ziel. Ein Desinformationsangriff ist Medienphänomen und Sicherheitsoperation. Eine Drohne über einem Flughafen ist Verkehrsproblem und möglicher Vorläufer militärischer Aufklärung.
Damit verliert die alte Trennung zwischen innerer und äußerer Sicherheit an Wirklichkeitskraft. Sie bleibt rechtlich wichtig. Politisch reicht sie nicht mehr aus. Der Gegner nutzt gerade jene Übergänge, an denen Zuständigkeiten enden und Unsicherheit beginnt.
Das ist der Anschluss an die laufende Untersuchung zum Sicherheitsökosystem 2030. Vollmer liefert die strategische Rahmung: Deutschland braucht kein Nebeneinander von Sicherheitszuständigkeiten, es braucht belastbare Übergänge. Es braucht ein gemeinsames Lageverständnis. Es braucht Geschwindigkeit. Es braucht die Fähigkeit, private Infrastruktur, staatliche Führung, militärische Anforderungen und gesellschaftliche Resilienz zusammenzubringen.
Die neue Lage duldet keine deutsche Selbstberuhigung
Vollmers Rede in Bonn war kein Aufruf zur Erregung. Sie war eine Absage an Selbstberuhigung. Die Welt wird nicht wieder übersichtlicher, weil Deutschland Komplexität ungern ausspricht. Die Vereinigten Staaten werden nicht automatisch alte Rollen spielen, weil Europa darauf angewiesen ist. Russland hört nicht auf, Schwächen zu testen, weil der Westen Regeln zitiert. Die Ukraine gewinnt keine Zeit, weil Berlin Verfahren braucht.
Die Frage ist deshalb nicht, ob Deutschland die Lage ausreichend kommentiert. Das kann es. Die Frage ist, ob es sie organisieren kann. Ob es schneller beschafft, besser führt, verlässlicher verlegt, robuster kommuniziert, Kliniken vorbereitet, Bevölkerung einbindet, Daten zusammenführt und Entscheidungen unter Unsicherheit trifft.
Das ist die Lage der Nation, die aus Vollmers Vortrag spricht: Deutschland ist kein Beobachter einer unruhigen Welt. Es ist Teil des Konfliktraums. Wer das erkennt, muss Sicherheit neu ordnen. Wer es verdrängt, wird von der nächsten Krise geordnet.