Müssen Roboter für unsere Rente schuften? Frank Rieger und die Automatisierungsdividende

Frank Rieger vom Chaos Computer Club hat in einem Gastbeitrag für die FAZ über die leise rollenden Technologiewellen geschrieben, die unsere gesellschaftlichen Grundfesten erschüttern werden. In Expertenkreisen stoßen seine Thesen auf ein breites Echo.

In meiner Kolumne für den Fachdienst Service Insiders habe ich die Reaktionen ausführlich aufgegriffen. Die wird wohl morgen erscheinen. Hier die komplette Kolumne 🙂

Hier schon mal ein Vorgeschmack: Es sei nicht eine einzelne Technologie, so Rieger, die zu den Umwälzungen beiträgt, sondern die Kombination und gegenseitige Potenzierung paralleler Entwicklungen. Dieser digitale Tsunami könnte ganze Branchen umpflügen und selbst qualifizierte Berufe wegspülen:

„Es sind nicht länger nur die Fließbandarbeiter, deren Job durch einen Roboter ersetzt werden kann. Es sind auch Buchhalter, Anwälte, Personalentwickler, Marketingmitarbeiter, sogar Journalisten und Wissensvermittler, also Lehrer und Professoren, die sich Sorgen um ihr berufliches Arbeitsfeld machen müssen. Diese Veränderungen sind nicht nur rein technischer Natur, die Kombination von Vernetzung, Computerleistung und einer Umgewöhnung der Kunden schafft einen qualitativen Sprung, und das kann sehr schnell dramatische Auswirkungen haben – wie etwa das Beispiel der verschwindenden Reisebüros zeigt“, erläutert Rieger.

Eine Verbrauchssteuer für Algorithmen?

Wie könnten also Wirtschaft und Gesellschaft weiter funktionieren, wenn immer weniger Menschen noch eine dauerhafte Arbeit haben, die gut genug entlohnt wird, dass davon Steuern, Sozialversicherungs-, Renten- und Krankenkassenbeiträge gezahlt werden können? Der Vorschlag des Chaos Computer Club-Sprechers klingt auf den ersten Blick logisch: Ein schrittweiser, aber grundlegender Umbau der Sozial- und Steuersysteme hin zur indirekten Besteuerung von nichtmenschlicher Arbeit und damit zu einer Vergesellschaftung der Automatisierungsdividende.

Was heißt das konkret?

Eine Steuer auf den Konsum von Künstlicher Intelligenz, eine Luxusabgabe für den Einsatz von besonders leistungsfähiger Software oder eine höhere Mehrwertsteuer für Algorithmen? Bei indirekten Steuern wird die Steuer über den Preis einer Ware oder Dienstleistung erhoben. Problem: Jeder Verbraucher wird unabhängig von der Höhe seines Einkommens mit einem annähernd gleichen indirekten Steuerbetrag belastet wird – das Prinzip der Leistungsfähigkeit bleibt auf der Strecke.

An dieser Stelle muss Rieger etwas konkreter werden und sich mal äußern zur Frage der Steuergerechtigkeit.

Rieger-Manifest ohne empirisches Fundament

Aber nicht nur an dieser Stelle gibt es Klärungsbedarf über das Manifest für eine Sozialisierung der Automatisierungsdividende:

„Es ist richtig, dass wir Fortschritte in der IT haben – auch in der Automatisierung. Die Diskussion ist aber viel älter als es scheint. Es geht schon los in der Science Fiction von 1842, wo darüber spekuliert wird, dass Maschinen die menschliche Arbeit übernehmen und die der Einsatz von Menschen nur noch eine Option sei. Und wir finden das auch in der klassischen marxistischen Lehre, der die Welt in Proletarier und Bourgeoisie einteilt, wo das Innehaben von Produktionsmitteln zu einem Mehrwert führt. Das kann man analog zur Dividendentheorie von Rieger betrachten. Der Computer als Produktionsmittel erzeugt einen Mehrwert, der den Kapitalisten zufällt. Dieses Gedankengut ist 150 Jahre alt. Danach hatten wir ähnliche Diskussionen in den 1970er Jahren über Rationalisierung und Humanisierung der Arbeitswelt. Da hat man schon versucht, die tayloristischen Prozesse in den Fabriken menschenfreundlicher zu gestalten und das hat ja zu Dingen wie das Betriebsverfassungsgesetz, der Arbeitsstätten-Verordnung, Gesundheitsregeln und kollektiven Arbeitszeitregeln geführt. Was wir jetzt im Zusammenhang mit Computern diskutieren, hat bereits mit dem Beginn der Industrialisierung angefangen“, so der Internet-Berater Christoph Kappes im Gespräch mit Service Insiders.

Leider bleibe Rieger bei seinen Thesen auf einem feuilletonistischen Niveau, ohne empirische Belege zu liefern. Wenn es beispielsweise um maschinelle Textgenierung gehe, beschäftigt man sich in der Regel mit Daten, denen keine weiteren Informationen hinzugefügt werden.

Rieger sage einfach nur, Maschinen machen Arbeiten, die bislang von Menschen erledigt wurden, also werden die Menschen arbeitslos: Das sei falsch. Die gesamte Geschichte der technischen Industrialisierung belege das Gegenteil. In Dienstleistungsberufen arbeiten heute rund 70 Prozent der Beschäftigten. Das hätte Karl Marx nie für möglich gehalten. Arbeit wurde nur in industriellen Kategorien gedacht. Selbst der geistige Vater der Marktwirtschaft, Adam Smith, wertete die Arbeit von Kirchenmännern, Anwälten und Ärzten als „unproduktiv und ohne Wert“.

„Die geschichtliche Evidenz steht im Widerspruch zu den Thesen von Rieger. Müssen sich nun Professoren, Lehrer und Marketingmanager Sorgen um ihre Zukunft machen? Das Internet bietet Informationen, die vorher so nicht verfügbar waren. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass diese Informationen in Wissen transformiert werden. Beim Wissen geht es um tiefes Verstehen, um Ad-hoc-Nutzen, um Anwendungsorientierung und um die Entwicklung von Intuition. Da geht es um menschliches Wissen und nicht nur um maschinelle Informationen. Hier wirkt sich das Internet nicht als negativer Indikator aus. Wir haben Datenrohmaterial und müssen das in Wissen ummünzen. Es gibt sicherlich Fortschritte beim E-Learning. So findet man alle Vorlesungen des MIT auf Youtube. Bestimmte Frontalvorlesungen werden nicht mehr belegt. Es kommt darauf an, wie soziale Systeme auf diese Entwicklungen reagieren. Es muss ja nicht zu einer Reduktion der Professorenstellen führen. Spitzenvorlesungen kann man heute im Netz abrufen. Man könnte jetzt die Anforderungen erhöhen, die Professoren erfüllen müssen. Professoren können mehr forschen und in den direkten Dialog mit Studenten treten. Das führt zu einer Beschleunigung der Wissensaufnahme. Dieser Effekt ist sehr positiv. Die Entscheidung über einen Stellenabbau liegt bei uns. Deshalb verstehe ich die Maschinenlogik von Frank Rieger nicht. Unser Anspruch wird sein, dass noch mehr Wissen in die Köpfe kommt. Es ist zum Teil gar nicht belegbar, ob Maschinen wirklich zu einer Steigerung der Produktivität beitragen“, erläutert Kappes.

Steigert Informationstechnologie die Produktivität?

Erinnert sei an das Paradoxon der Informationstechnologie.

„Bis zum Jahr 2000 gab es keine belastbaren Studien, die den Produktivitätsfortschritt durch den Einsatz der IT untermauern. Wenn in Konzernen bei einem IT-Kostenanteil von 50 Prozent eine Fehlallokation auftritt, müssen die IT-Investitionen in die Tonne getreten werden. Macht man alles richtig, können die 50 Prozent IT-Kosten sich als hervorragender Hebel erweisen. So einfach ist das alles nicht. Selbst wenn man davon ausgeht, dass Informationstechnologie immer zu einem Produktivitätsfortschritt führt, treten Kompensationseffekte auf. Es fallen die Preise und auf der Kundenseite steigt das Realeinkommen. Das sehen wir bei ja bei Software. Da hat Rieger wirtschaftlich überhaupt nicht nachgedacht. Es gibt immer zwei Möglichkeiten: Sinkende Priese führen zu einem höheren Realeinkommen und Wohlstand der Verbraucher. Oder der Preis bleibt gleich und es steigt die Leistungen, wie man es bei PCs beobachten kann. Die Theorie, dass die Maschinen-Dividende beim Unternehmen bleibt, halte ich für Unsinn“, so das harte Urteil von Kappes.

Zwei Bergsteiger auf dem Weg zum Mond und der Nutzen marxistischer Ökonomie

Ebenso skeptisch beurteilt Dr. Gerhard Wohland, Leiter des Instituts für dynamikrobuste Höchstleistung, die Weissagungen von Rieger:

„Aussagen über die Zukunft haben eines gemeinsam, sie sind nur zufällig richtig. Die Welt ist keine Maschine, bei der sich die Zukunft aus der Vergangenheit ergibt. Die Zukunft der Welt ist grundsätzlich offen.“

Auch Wohland sieht die Analogien zu Karl Marx.

„Das ist löblich, aber selbst dieser große Denker konnte die Zukunft nur durch ein Schlüsselloch sehen. Auch machen es die vielen Geister im Text schwer zu ergründen, was der Autor eigentlich meint. Wer zum Beispiel ist ‚Wir‘? Die Profiteure, die Leidenden, der Autor und ich als Leser, oder alle zusammen? Wer ist ‚der Mensch‘? Es hat den Anschein, es ist eine Person, die handelt und denkt und sich an Kommunikation beteiligt. Hat ihn, ‚den Menschen‘, schon jemand gesehen? Nein, es sind Geister“, erwidert Wohland vom Ityx-Thingtank.

An der Diskussion, ob „der Computer“ „den Menschen“ eines Tages überflügeln werde, möchte Wohland sich nicht beteiligen. Denn sie sei ähnlich spannend wie die Diskussion zweier Bergsteiger auf dem Weg zum Gipfel über die Frage, ob man gerade auf dem Weg zum Monde sei.

Wohland empfiehlt weiteres Nachdenken:

„Eine vollautomatische Produktion kann keinen ökonomischen Wert erzeugen und damit auch keinen Profit. Beispiel: die Produktion des allgemein zugänglichen Luftsauerstoffs. Kein Wert, kein Preis, kein Profit. Profit wird also immer von Menschen produziert. Maschinen schaffen keinen Wert, sie übertragen ihn nur auf Produkte. Deshalb hilft gegen die Verelendung der Produzenten nur deren Organisierung. Wenn ein ‚Wir‘ entsteht, kann die Herstellung von Profit verweigert werden. Diese Gewalt kann Interessen durchsetzen. Ich hätte nicht gedacht, dass ich meine verstaubten Kenntnisse der marxistischen Ökonomie nochmal brauchen könnte.“

Nach Ansicht von Reinhard Karger, Unternehmenssprecher des Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), sollte die zunehmende Konkurrenz von Algorithmen und Robotern nicht instrumentalisiert werden, Ängste zu schüren und Innovationen zu bremsen. Seine Hoffnung:

„Je höher der Bildungsgrad der durch Echtzeitalgorithmen ersetzbaren Berufsstände, desto größer die Einsicht in die offensichtliche Eigendynamik der Innovationsintensität, hoffentlich verbunden mit energetischen Initiativen, die die notwendigen Veränderungen des Steuersystems mit Verve und Expertise voran treiben.“

Entscheidend sei jetzt die breite und vorausschauende öffentliche Diskussion über einen finanzierbaren und wünschenswerten Gesellschaftsentwurf, in dem Kreativität, soziales Engagement und familiäre Sorge eine überraschende neue Aufwertung erfahren könnten.

Unabhängig von den volkswirtschaftlichen Verwerfungen, die Frank Rieger nicht mit Fakten untermauert, rechnet auch Bernhard Steimel von der FutureManagementGroup mit gewaltigen Verschiebungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Ein wichtiger Zukunftstrend sei die wachsende Autonomie der Verbraucher.

„Das Internet bietet heute schon dem vernetzten Kunden vielfältige Möglichkeiten, um Social Software und das Expertenwissen seiner Peers zu nutzen. Serviceautomatisierung und Selbstberatung sind aus meiner Sicht zwei Seiten der gleichen Medaille und haben die Tendenz, sich gegenseitig zu verstärken. Das wird von vielen Führungskräften in seinen Auswirkungen zuweilen unterschätzt. Oftmals befinden sie sich in der Kurzfrist-Falle und richten ihre Entscheidungen an den Erfordernissen des Tagesgeschäfts aus. Unsere Erfahrung zeigt, es lohnt sich, den Blick in die nächste Ära des eigenen Geschäfts zu richten, um Zukunftschancen frühzeitig zu nutzen, bevor krisenhafte Entwicklungen wie bei Videotheken oder Reisebüros eintreten, die nur noch wenig Handlungsspielraum bieten“, rät Steimel.

Hörfunkjournalist und Blogger Heinrich Rudolf Bruns hält eine Maschinensteuer in Kombination mit dem bedingungslosen Grundeinkommen für diskutabel. „Wer durch eine Maschine ersetzt wird und keine Angst mehr haben muss, dass er darbt, weil die Besteuerung der Maschine seinen Lebensunterhalt sichert, der kann sich auf Neues einlassen.“

Soweit die die unterschiedlichen Reaktionen auf den sehr sinnvollen Debattenbeitrag von Frank Rieger. Das Thema wird uns mit Sicherheit weiter beschäftigen. Vielleicht auch auf unserem Blogger Camp, dass wir (Heinrich Bruns, Hannes Schleeh, Bernd Stahl und icke) für den September planen. Näheres folgt in den nächsten Wochen.

Wer schon jetzt Lust verspürt, sich an den Vorbereitungen zu beschäftigen, kann sich direkt bei mir melden. Hier einfach einen kurzen Kommentar hinterlassen.

Digitales Mittelmaß: Dreiklang aus Technik, sozialer Kompetenz und Inspiration gefragt!

Die Deutschen sehen sich nach einem Blogpost von Wiwo-Redakteur Sebastian Matthes selbst gern als weltoffen, innovativ und stets interessiert an Neuem.

„Wie sehr hier allerdings Selbstwahrnehmung und Realität auseinanderklaffen, zeigt die Verbreitung sozialer Netzwerke – eine der größten Kommunikationsinnovationen der vergangenen Jahre. Hier schafft es Deutschland nur knapp ins untere Mittelfeld. Nur rund jeder zweite Deutsche, der in den vergangenen drei Monaten das Internet genutzt hat, war in einem sozialen Netzwerk aktiv. Das zeigen aktuelle Zahlen des europäischen Statistikamtes Eurostat. Damit liegt Deutschland (kurz vor dem heiß diskutierten Börsenstart von Facebook) weit abgeschlagen hinter Ländern wie Lettland, Ungarn und Dänemark, wie meine Infografik der Woche zeigt, die in Zusammenarbeit mit dem Datenportal Statista entstanden ist.“

Auch bei der Zahl der Top-Twitterati sei Deutschland weit abgeschlagen: 358 der 500 Meistverfolgten in leben in den USA. Auf dem zweiten Platz steht Brasilien. Danach kommen Großbritannien und Spanien.

„Deutschland kommt in der Rangliste der Karte der Top-Twitterati überhaupt nicht vor. Viele dürften jetzt mit den Schultern zucken. Zu viele. Denn mit Facebook & Co. entsteht ein wichtiger Teil kritischer Internet-Infrastruktur. Und auf dieser Infrastruktur setzen junge Unternehmen mit neuen Geschäftsideen auf. Sie entwickeln neue Spiele, Smartphone-Apps und suchen nach neuen Möglichkeiten, die sozialen Medien mit Gegenständen aller Art zu verbinden. Ein neues Milliardengeschäft entsteht beispielsweise in der Vernetzung von Autos. Sie alle aber haben es in einem Land scherer, in dem die Haltung gegenüber den neuen Kommunikationsinstrumenten skeptisch bleibt. Neue Unternehmen in dem Feld entstehen aber eher dort, wo neue Ideen schnell angenommen werden“, resümiert der Wiwo-Redakteur.

Das passt ja wie die Faust aufs Auge zu meiner heutigen Kolumne: DIGITALER AUFBRUCH UND TECHNOLOGISCHE HÖCHSTLEISTUNGEN.

Wir müssen uns in Deutschland neu erfinden und sollten die Digitalisierung des Lebens sowie der Wirtschaft viel stärker als Chance sehen und nicht als Bedrohung, fordert der Netzwerkspezialist Bernd Stahl.

„Es ist ein Dreiklang aus Technik, sozialer Kompetenz und Inspiration gefragt. So sucht die Bundesregierung nach einem Konzept, um eine alternde Gesellschaft kostengünstig und würdevoll zu betreuen. Die grundlegende Erkenntnis: zu Hause in der Familie geht das einfach besser und billiger als in einem Altersheim. Ein Lösungskonzept fängt mit dem Smartphone in der Armbanduhr, Sensorik, Robotik und der Vernetzung mit Gesundheitsportalen an. Schließt aber Sozialverbände, Kirchen und Nachbarschaftshilfe mit ein. Gleiches gilt im Bildungswesen. Elektronische und vernetzte Medien können Wissen oft besser vermitteln als der Pauker. Was die Pads aber nicht können, ist Charakterbildung, soziale Kompetenz, Erlebnispädagogik. Hier gibt es das menschliche Alleinstellungsmerkmal. Wieder geht es um Computer, Internet in der Kombination mit sozialer Kompetenz“, so Stahl.

Diese Liste lasse sich fortsetzen: Energie, Wohnen, Transport, Nahrungsmittel oder Landwirtschaft.

Kopfprobleme und fehlende Flughöhe

Vielleicht steckt das Problem einfach nur in den Köpfen und der falschen Sichtweise. Im Innovationsmanagement müsse man in der Lage sein, Probleme und Lösungen abstrakter zu beschreiben, so Dr. Gerhard Wohland vom Institut für dynamikrobuste Höchstleistungen.

„Wer Probleme und Lösungen zu konkret beschreibt, kann nicht sehen, dass sie etwas miteinander zu tun haben. Erst wenn man die Flughöhe erhöht und von oben auf das Ganze schaut, erkennt man neue Ideen für die Lösung von Problemen.“

Problem und Lösung müssten sich kennenlernen. Es entstünde eine völlig veränderte Kombinatorik von Technologien. Als Laserstrahlen erfunden wurden, sei nicht klar gewesen, welcher Nutzen für Netz-Technologien entstehen könnte. Heute seien Laser, Computernetze und Glasfaser gar nicht mehr voneinander zu trennen. Wir sollten in Deutschland endlich aufhören, nur die Korinthen zu zählen, fordert Stahl.

Statt über die Dominanz von amerikanischen Silicon-Valley-Größen zu klagen und zu zetern, sollte man das Beste von Google, Facebook, Apple und Microsoft nehmen und etwas bauen, worauf die amerikanischen Konzerne noch gar nicht gekommen sind:

„Als Kunde möchte ich eine Kommunikation zu einem Experten, einer Community, einer Maschine, einer intelligenten Ware ohne jegliche Barrieren. Man könnte einen semantisch annotierten ‚Social Shadow‘ in einer Cloud schaffen. Man kopiert sich seine Streams auf Facebook, Twitter oder auf seine Cloud, verlinkt das mit dem Rest und ergänzt das durch semantische Annotationen. Damit hat man einen Mehrwert, den man so in den sozialen Netzen bislang nicht findet. Unternehmen verstehen ihre Kunden besser und bieten ihnen nahtlos das an, was sie wirklich brauchen. Warum sollen wir warten, bis Facebook oder Google das generisch aufgebaut haben“, meint der Nash-Technologies-Systemingenieur Stahl.

Dann folgt der Teil über Heinrich von Stephan, den ich hier schon zum Besten gegeben habe.

Weitsicht für Technikrevolutionen im Land der Korinthenzähler: Auf den Spuren von Heinrich von Stephan

Es fehlt den liebwertesten Gichtlingen in der Politik für wirklich wegweisende Zukunftsprojekte die geistig-kulturelle Beweglichkeit und schöpferische Arbeit des von mir mehrfach hoch gelobten Generalpostmeisters Heinrich von Stephan, der im Berlin des 19. Jahrhundert eine Flut von Technikrevolutionen auslöste. In meiner heutigen Kolumne für das Debattenmagazin „The European“ habe ich das noch einmal aufgegriffen.

Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt. Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag.

Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden.

Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neun Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen.

Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe. In den Haushaltsberatungen 1889/90 schildert Stephan seine Schwierigkeiten bei der Durchsetzung der Telefone. Seine Worte kommen mir irgendwie bekannt vor:

„Es ist kaum glaublich, wie ich über die Achsel angesehen wurde, wenn ich mit Begeisterung von dem Instrumente sprach, wie man hier in Berlin in den ersten Häusern und in den intelligentesten Kreisen vielfach meinte: ach das ist wohl amerikanischer Schwindel, ein neuer Humbug, das waren die Reden, die ich täglich zu hören bekam. Ich habe erst einige Agenten herumschicken müssen, um die ersten 100 Firmen, ich möchte sagen, zu überreden, dass die Einrichtung nur überhaupt ins Leben gesetzt wurde. Es war das ein neuer Beweis dafür, wie zurückhaltend, um nicht zu sagen misstrauisch, der Deutsche häufig neuen Unternehmungen, Gestaltungen und Entwicklungen gegenüber ist und wie schwerfällig er mitunter daran geht.“

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters könnten wir heute sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, schlussfolgert der Technologieexperte Bernd Stahl von Nash Technologies.

Ich schließe mich dieser Einschätzung an und fordere auf dem nächsten IT-Gipfel in Essen wenigstens den Hauch eines Heinrich-von-Stephan-Geistes.

Es fehlt bislang eine wirklich wissenschaftliche Biografie über Leben und Werk des Generalpostmeisters. Eigentlich peinlich. Es gab mal vor Ewigkeiten eine interessante Ausstellung inklusive Katalog und einige kurze Abhandlungen in Fachbüchern. Das war es denn auch. Einiges habe ich in den vergangenen Wochen in Antiquariaten über zvab.com zusammengetragen. Vielleicht erbarmt sich mal ein Jungwissenschaftler, eine Doktorarbeit über Heinrich von Stephan zu schreiben. Da könnten die politischen Entscheider in Berlin noch einiges über zukunftsfähige Regierungskunst lernen. Übrigens auch der Datenschützer Thilo Weichert, der in einem Interview mit der FAZ in einem anmaßenden Analysten-Gequatsche den Börsengang von Facebook schlechtredet, weil dieser Laden wohl nicht in sein Weltbild passt:

„Wer als Aktionär spekuliert, muss damit rechnen, dass, wenn sich der Datenschutz in Deutschland und Europa mit seinen Belangen durchsetzt, das Geschäftsmodell von Facebook in sich zusammenbricht. Es ist zwar möglich, dass Facebook unseren Forderungen nachkommt, aber das ist vollkommen offen“, so die Einschätzung des Beamten Thilo Weichert.

Börsen-Guru Weichert gibt auch eine Kursprognose ab:

„Ich denke, Facebook wird an der Börse überbewertet. Aber das wird erst die Geschichte zeigen.“

Woher weiß er das? Ich bin ja nun alles andere als unkritisch zu Facebook. Aber was sich hier eine Amtsperson kurz vor dem Börsengang des Zuckerberg-Konzerns herausgenommen hat, überschreitet die Kompetenzen eines staatlichen Datenschützer.

Die Rundumschläge von Weichert möchte ich im Laufe dieser Woche noch einmal aufgreifen. Wer dazu etwas sagen möchte, sollte mich kontaktieren. Entweder Handy: 0177 620 44 74 oder E-Mail: gunnareriksohn@googlemail.com

In den Nachmittagsstunden so gegen 15 Uhr bringe ich übrigens noch eine schöne Replik auf den FAZ-Gastbeitrag „Roboter müssen unsere Rente sichern“ von Chaos Computer Club-Sprecher Frank Rieger.

Update: Mit der Replik auf Frank Rieger werde ich erst im Laufe des Abends fertig – muss noch ein längeres Interview mit Christoph Kappes abhören und in den Beitrag einbauen. Morgen erscheint der Beitrag dann im Fachdienst Service Insiders.

Das Immaterialgut und die neuen Regeln der digitalen Vernetzung: Über machtvolle Software

In der verkrusteten Urheberrechtsdebatte hat Sascha Lobo in seiner Spiegel-Kolumne unter dem Titel „Streit über Urheberrecht – Gabeln aus dem Drucker“ auf einen Aspekt hingewiesen, der sehr viel bedeutender ist:

„So, wie jetzt um das Urheberrecht samt wirtschaftlicher Auswertung gestritten wird, wird überall dort gekämpft werden, wo die digitale Vernetzung disruptiv wirkt – wo Branchen, Geschäftsmodelle, Lebensentwürfe durcheinandergewirbelt werden, wie es jetzt mit Kunst und Kulturwirtschaft passiert. Und das dürfte in den kommenden Jahren sehr viele Bereiche der Wirtschaft betreffen.“

Die gesamte Ökonomie auch außerhalb des Internets hab ein starker Sog in Richtung der Immaterialgüter erfasst, wie man nichtdingliche Güter, letztlich aus Daten bestehend, juristisch korrekt nennt.

„Das Immaterialgut aber unterliegt im Raum der digitalen Vernetzung anderen Regeln, als man es aus dem 20. Jahrhundert gewohnt ist und wie sie heute Wirtschaft und Gesellschaft prägen“, so Lobo.

Man könne es an der Verschiebung von Hardware zur Software gut erkennen.

„Früher kaufte man ein Nokia-Handy, heute kauft man ein Android-Handy. Schon die Verschiebung der Bezeichnung zeigt die Richtung auf. Es kommt der Zeitpunkt, wo ein Unterschied nur noch durch die Software erkennbar ist, das Gerät selbst ist nur noch austauschbarer Randbestandteil des Produkts. So erklärt sich auch der Erfolg der iPhone-Serie, die oft nur mittelmäßige technische Spezifikationen mitbrachte – aber als einziges Produkt über den Zugang zur hochattraktiven i-Immaterialwelt in Form von Software, Daten und Image verfügt. Deshalb ist das jeweils nächste iPhone das einzige Gerät, das jeder Applenutzer kaufen würde, ohne zu wissen, wie es aussieht: Es bringt die richtigen Immaterialwerte mit, die Hardware ist schmückendes Beiwerk“, schreibt Lobo.

Der deutsche Ingenieur definiert sich aber weiter über das Produkt. Es muss anfassbar sein, sonst hat das keinen Wert. Produkte und gutes Design sind ja auch bei Apple wichtig – keine Frage. Aber heute gilt: Der Mächtige hat die bessere Software.

Die Fixierung wirtschaftlicher Wertvorstellungen auf physisch greifbare Dinge habe vor allen Dingen in Deutschland möglicherweise archaische Wurzeln, denen mit nüchterner Ökonomie kaum beizukommen sei, moniert brandeins-Redakteur Wolf Lotter:.

„Die deutsche Gesellschaft verschließt sich mit an Starrsinn grenzender Konsequenz jeglicher Veränderungsbereitschaft. Aber das muss nur den behindern, der bei seinem Aufbruch in die neue Welt unbedingt von den alten Strukturen ausgehen will.“

Der Schweizer Innovationsberater Bruno Weisshaupt fordert neue Systeme und Geschäftsmodelle, um das On-Demand-Verhalten der Menschen zu unterstützen und ihnen die Technik unauffällig zur Verfügung zu stellen.

„Urbanität, Identität, Mobilität, Interaktion, Integration, Individualität, Automatisierung sind die zukunftsfähigen Infrastrukturen und die Basis für jede Systeminnovation.“

Produkte, die man irgendwo auf der Welt als Module herstellt, würden zu Gunsten von Applikationen an Marktbedeutung verlieren. Worauf es ankomme, sei die Konfiguration.

„Zwar wird die bessere Technologie auch in Zukunft ein wesentlicher Grundstein für den Erfolg einer neuen Anwendung sein. Wer würde bezweifeln, dass man mit der Entwicklung einer funktionierenden Brennstoffzelle nicht gute Geschäfte machen kann. Der Erfolg am Markt wird aber nicht an der Technologie hängen, sondern an ihrer kundenorientierten Umsetzung“, sagt Weisshaupt.

Wer sich auf die Produktion der Basisprodukte konzentriere, werde das Ausscheidungsrennen gegen Länder wie China oder Indien verlieren. Dazu habe ich gestern einen passenden Beitrag geschrieben: Vernetzte Services ohne physikalische Limitierungen: Wenn aus der Kreditkarte eine App wird.

myTaxi-App jetzt mit Vorbestellungsmöglichkeit: Wie konventionelle Geschäftsmodelle über die Wupper gehen

myTaxi bringt eine neue Version ihrer Taxi-App auf den Markt: Ab sofort können Fahrgäste ein Taxi vorbestellen. Über drei Monate arbeitete nach Firmenangaben das Entwicklerteam an der neuen Version. Neben der Funktion „Vorbestellung“ gibt es auch ein neues Design. Mit 80 Prozent Marktanteil und über 1 Million Downloads habe sich myTaxi zur beliebtesten und am schnellsten wachsenden Taxi-App in Deutschland entwickelt und erschließt aktuell internationale Märkte.

myTaxi stelle eine direkte Verbindung zwischen Fahrer und Fahrgast herstellt und lässt die Zentralen dabei außen vor.

„Für die Fahrer bedeutet das vor allem Unabhängigkeit und Freiheit – für die Fahrgäste Transparenz“, teilt die Firma mit.

Dem Fahrgast werden während des Bestellprozesses die Telefonnummer, ein Bild des Fahrers sowie die durchschnittliche Fahrerbewertung angezeigt. Zudem könnten Fahrgäste Stammfahrer auswählen und bei einer Bestellung bevorzugen. Mit über 10.000 angeschlossenen Taxis sei man der erste Anbieter, der auf die Bedürfnisse in der Branche eingeht und somit Qualität im Taxigewerbe schafft. Durch die direkte Verbindung werden Taxifahrer zu echten Dienstleistern, was in der Branche bisher nicht üblich war.

„myTaxi ist neutral, unabhängig und finanzstark. Dadurch sind wir in der Lage, Lösungen innovativ, schnell und flexibel umzusetzen“, erklärt Niclaus Mewes, Co-Gründer und Geschäftsführer von myTaxi.

Die neue Version stehe ab sofort zum kostenlosen Download im App Store bereit. Zudem biete myTaxi seit Anfang des Jahres die Möglichkeit, eine Taxibestellung über die Website zu tätigen.

Über die App-Allergien der Taxizentralen hatte ich ja vor einigen Monaten schon berichtet.

Das Verhalten dieser Gestern-Manager ist symptomatisch für viele andere Branchen. Führungskräfte und Meinungsbildner der Wirtschaft gebärden sich wie der Frosch aus dem von FDP-Chef Philipp Rösler holprig vorgetragenen Schockstarre-Gleichnis: Wenn also der FDP-Frosch in heißes Wasser hüpft, springt er sofort wieder heraus. Setzt man die liberale Amphibie in kaltes Wasser und erhöht langsam die Temperatur, bleibt sie regungslos sitzen und endet als Froschschenkel auf dem Mittagsteller oder verfehlt die Fünfprozent-Hürde bei der nächsten Bundestagswahl. Die auch von Managern gerne vorgetragene Weisheit ist zwar biologischer Mumpitz, beschreibt aber sehr gut das defensive Denken von klassischen Dienstleistern im Umgang mit den digitalen Umwälzungen.

Musikmanager, Tourismus-Anbieter, Videotheken-Besitzer, Verleger oder eben die Taxizentralen behaupten solche Abwehrargumente nicht mehr: Die von Apple-Gründer Steve Jobs geschaffene App-Economy hat einiges auf den Kopf gestellt. Der iPhone-Marktstart am 9. Januar 2007 wird nach Ansicht von Professor Lutz Becker als Beginn einer neuen disruptiven Innovationswelle in die Technologie-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte eingehen:

„Mit dem iPhone kamen die Apps. Glaubt man den Prognosen von Forrester Research, wird das kombinierte Geschäft für mobile Anwendungen, Services und Business-Management im Jahr 2015 ein Volumen von knapp 55 Milliarden US-Dollar erreichen“, schreibt Becker gemeinsam mit Friederike Schmitz in dem Sammelband Informationsmanagement 2.0 (gerade im symposion-Verlag erschienen).

Das App-Prinzip wirbelt die Kräfteverhältnisse von etablierten Wirtschaftsgrößen kräftig durcheinander, etwa die Personenbeförderung:

„Drückt man einen Knopf auf meinem iPhone, fährt einige Minuten später ein Taxi vor – eine Entwicklung, diese Voraussage darf man wagen, die die Branche auf Dauer verändern und zu Konzentrationsprozessen führen wird“, erläutert Becker, der an der Karlshochschule in Karlsruhe lehrt.

Entscheidend ist die Kombinatorik von unterschiedlichen Diensten, die der Kundenservice des analogen Zeitalters so nicht vornehmen konnte.

„GPS, Apps und andere Gadgets machen Geschäftsmodelle möglich, die die bestehenden Paradigmen nicht nur in Bezug auf Markt und Wettbewerb, sondern auch auf Wertketten und Organisation im Unternehmen über den Haufen werfen – und wir stehen erst ganz am Anfang“, betont Becker.

Wichtig ist vor allen Dingen die Immaterialität, mit der bestehende Grenzen eingerissen werden. Warum soll ich denn noch in die Videothek marschieren, um mir eine DVD auszuleihen, wenn die Apple-TV-Box am Fernseher alles Nötige bietet und sogar über das bestehende Angebot hinaus geht – wie Vorschau, Suchfunktionen oder längere Mietzeit.
Untergehende Taxizentralen

Die App-Economy, so Becker, lässt traditionelle Industrieprodukte und Dienstleistungen smart werden. Am Beispiel der Taxizentralen lässt sich das sehr gut ablesen:

„Es ist absehbar, dass mehr und marktmächtigere virtuelle Taxizentralen entstehen und die Anzahl der Städte, in denen Taxi-Apps genutzt werden, kontinuierlich steigt. Vorreiter sind Berlin, Hamburg, Köln, Bonn, München, Stuttgart und Frankfurt.“

Das konventionelle Geschäftsmodell werde verdrängt. Prozesse werden automatisiert und digitalisiert. Software und komfortable Dienste sind die treibende Kraft. Die meisten Taxizentralen gebärden sich momentan noch als passive Zuschauer. Sie haben noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für den App-Trend entwickelt, scheinen lieber an ihrem alten Modell festzuhalten oder ziehen sich auf juristische Gegenmaßnahmen zurück. Das dürfte sich irgendwann rächen.

„Die Effekte potenzieren sich in der App-Economy mit der Anzahl der Nutzer“, resümiert Becker.

Service-Apps sind noch relativ unterentwickelt. Für pfiffige Programmierer sind die Eintrittshürden allerdings gering, so dass man einen exponentiellen Anstieg von Service-Applikationen erwarten kann. Geräte sind überall verfügbar, Plattformen gibt es ausreichend und Apps können preisgünstig oder sogar kostenlos heruntergeladen werden. Keine guten Nachrichten für den Rösler-Frosch.

Liebwerteste Kanzlerin, wo bleibt der kompromisslose Internet-Ausbau? #Heinrich-von-Stephan #informare12

Am 11. Mai jährte sich in Berlin ein Stück deutscher Wirtschaftsgeschichte: Die DeTeWe Communications feierte ihr 125-jähriges Jubiläum. Gegründet im Jahr 1887 als Zulieferer in der Telefonapparateproduktion, war das Unternehmen Pionier bei der Konstruktion von Fernmeldeämtern, Co-Erbauer des ehemaligen Berliner Rohrpostsystems, millionenfacher Hersteller von Telefonen und ist heute einer der größten ITK-Systemintegratoren in Deutschland. „Die DeTeWe blickt auf Generationen von Ingenieursleistung zurück und hat die Kommunikationsbranche wie kaum ein anderes Unternehmen mitgeprägt. Ob Telefon, Rohrpost, Fax, schnurlose Telefone, Internet, E-Mail: Die Informations- und Telekommunikationsbranche ist schnelllebig, die DeTeWe war und ist immer dabei“, sagt Christian Fron, Geschäftsführer der DeTeWe Communications.

Der Architekt für die Technik-Revolutionen im Berlin des 19. Jahrhunderts war der Generalpostmeister Heinrich von Stephan. Er erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung. Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt.

Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude. „Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag. Am 26. Oktober erklärt Stephan: „Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“. Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden. Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen. Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe.

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„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan könnten wir heute in Deutschland sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, sagte Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare.

Vom Heinrich von Stephan-Gründergeist könnte sich die Berliner Politik eine große Scheibe abschneiden, um die Voraussetzungen für eine vernetzte Ökonomie zu schaffen.

Gunter Dueck spricht in diesem Zusammenhang von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. „Zum Beispiel könnte die Bundesregierung einen verbindlichen ‚Fahrplan‘ für den Ausbau des Breitbandinternets herausgeben. Das würde etwa 60 Milliarden Euro kosten, nicht mehr als die Rettung einer Bank“, erläutert Dueck. Zu einem solchen Schritt würde sich niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar. Ein kompromissloser Ausbau des Internets hätte ähnlich dimensionierte positive Auswirkungen.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoss zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf“, führt Dueck weiter aus.

Immer grössere Teile der gesellschaftlichen Werte werden digitalisiert.

„Und damit auch deren Wertschöpfung. Man sieht das sehr schön an Garys Social Media Count. Nicht nur die Tatsache, dass die Zahl der Google+ und Facebook User schneller wächst als die der neuen Internet-Teilnehmer. Der Hammer befindet sich hinter dem Tab ‚heritage‘: diese gigantischen Wertschöpfungen werden zum grossen Teil in die virtuelle Welt wandern: digitalisiert und vernetzt“, meint Stahl.

Content bedeute die vollständige Digitalisierung ALLER Lebensbereiche, Branchen und Prozesse. Die Kanzlerin sollte also aufhören, noch weiter von dümmlichen Herdprämien zu träumen, sondern sich den wesentlichen Zukunftsaufgaben widmen. Ich möchte nichts mehr hören von tausend Projekten, Kompetenz-Zentren und sonstigen Alibi-Veranstaltungen. Die Bundesregierung sollte auf dem nächsten IT-Gipfel am 13. November in Essen einen Internet-Masterplan auf den Tisch legen.

Siehe auch:

Heinrich von Stephan, DeTeWe und die Technikrevolutionen in Berlin.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte.

Ideenlos im Netz: Es fehlen Visionen für die Hightech-Kommunikation.

Vom „Buch der Narren“ zum Mekka der Kommunikation.

Digitales Entwicklungsland: Warum der IT-Gipfel einen Heinrich von Stephan-Preis vergeben sollte #informare12

Heinrich Rudolf Bruns (@hrbruns), mit dem ich zusammen die Obi Wan Kenobi-Runde auf der Informare in Berlin moderierte, war so freundlich, eine Audioaufzeichnung anzufertigen. Wer also den Livestream gestern nicht gesehen hat, kann sich das Spektakel zumindest anhören:

Mit dabei waren Arnoud de Kemp (informare), Hannes Schleeh, (Coach, @7xy) und Bernd Stahl von Nash Technologies (@NashTecGermany).

„In lockerer Runde disktutierten wir, wie sehr neue Technologien und Ansätze das Internet verändern werden. Aber auch, wie verhalten manche Unternehmer und Besitzstandswahrer sind, wenn es um Innovation geht“, so das Fazit von Heini.

Danach saßen wir noch gemütlich in der Ständigen Vertretung, genehmigten uns einige Bierchen und schmiedeten neue Vernetzungspläne. Wir vier werden wohl Ende August oder Anfang September ein Blogger-Camp in Nürnberg aufziehen.

Über die Themen müssen wir uns noch austauschen. Wer mitmachen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir sammeln noch Ideen.

Ich hatte ja versprochen, die Playmobil-Piraten zu politisieren. Hier das Beweisfoto:

Für meine morgige Service Insiders-Kolumne werde ich wohl den Vortrag von Professor Hans Uszkoreit vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) als Basis nehmen. Thema: Turings Traum weiter träumen. Mit Sprachtechnologie und KI auf dem Weg zur Social Intelligence.

Vielen Dank an die sehr fleißige Vera Münch (@observaitress), die die Fotos der Obi Wan Kenobi-Runde geschossen hat. Weitere Fotos der Informare habe ich auf FB hochgeladen.

Future Internet-Panel auf der #informare12 um 17 Uhr: Wo sind die Denker für morgen?

Nach den Diskussionen und Vorträgen auf der Informare ist mir deutlich geworden, wie stark wir in Deutschland im analogen Graben stecken.

https://twitter.com/#!/hrbruns/status/200129765066280962

https://twitter.com/#!/gsohn/status/199820156136980480

Im Panel „Obi Wan Kenobi und das Future Internet“ müssen wir auf den Verlauf der Tagung ein wenig eingehen. Mit dabei:

Hannes Schleeh, Hypnoseberater und Social Media-Kenner
Bernd Stahl, Nash Technologies
Arnoud de Kemp, Organisator der Informare

Gerontologen-Runde gestern bei Maischberger:

Richard von Weizsäcker: Piraten haben „nur“ ein Programmpunkt: Das Netz.

Scholl-Latour: Facebook-Revolution ist vorbei.

Vom Niedergang der Experten-Deutungsmacht.

Der Laie lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker.

Das ‘Lob der Torheit’ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks.

Man rümpft die Nase und echauffiert sich darüber, dass jetzt die Stunde der Stümper gekommen sei, wie es Andrew Keen ausdrückte.

Mit der Computerkommunikation, so der Zettelkasten-Soziologe Niklas Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht.

Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Logik des Netzes.

Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Debatten-Dompteure an die Decke.

Gunter Dueck hat die Konsequenzen für Gestern-Branchen treffend auf den Punkt gebracht. „Das Alte schwindet immer um ein, zwei Prozent und sieht sich folglich in einem unendlich lange stagnierenden Markt. Welche Wirtschaftsbranche hält das aus? Keine!“

Sehr viel von Gestern-Denkern gehört, wo sind die Denker für morgen? Heinrich von Stephan, Generalpostmeister unter Bismarck – Pionier der Telekommunikation

Hausaufgaben: Beseitigung von Inseln im Netz (Cloud, Social Media)

Nachholbedarf: Wir reden zu viel über die Gefahren des Web 2.0 und schon das wird bald von vorgestern sein:

Digitales Mittelmaß: IT-Gipfel, Breitbandstrategie oder digitale Dividende konnten nicht verhindern, dass der Digitalisierungsgrad in Deutschland deutlich hinter der internationalen Spitzengruppe herhinkt.
Im Networked Readiness Index 2012 (NRI) des World Economic Forum (WEF) und der Business School INSEAD belegt Deutschland mit einer Gesamtpunktzahl von 5.32 lediglich den 16. Rang.
Die Top-Positionen des Rankings belegen Schweden (5.94) vor Singapur (5.86) und Finnland (5.81).

Das Investitionsvolumen in eine neue Infrastruktur ist in Deutschland erschreckend niedrig.

Es sind gerade mal zwei Dollar pro Einwohner. In Singapur liegt man bei 154 Dollar. Dort gibt es allerdings auch den „Singapore iN2015 Masterplan“.

Die Digitalisierung aller Wirtschaftszweige sollte in Deutschland auf der Prioritätenliste ganz nach oben gerückt werden: Es ist kaum zu glauben, von der Hotelbranche über den Handel bis zum Energiesektor gibt es noch eine dramatische Unterversorgung. Der Grad der Digitalisierung liegt teilweise nur bei 30 bis 45 Prozent. Selbst Finanz- und Versicherungsunternehmen kommen nach den Booz-Zahlen nur auf knapp über 50 Prozent. Mit Digitalisierung sind Kommunikation, Anbindung an Zulieferer, Prozessketten und die Lieferung an Endkunden gemeint – also nicht nur der profane DSL-Anschluss.

Internet verschwindet unter der Haube

Unsichtbare Kommunikation

Dezentrales Netz: Die Frage ist: kann man dieses Prinzip so aufbrechen, dass es eine große Zahl dezentraler Service Providers mit deren Plattformen begünstigt, sowohl in der Entstehung als auch nachhaltig?

Wegweisend war übrigens gestern der Vortrag von Professor Hans Uszkoreit vom DFKI:

Thesen zum Future Internet: Panel am 9. Mai auf der #Informare12

Von Bernd Stahl, Netzwerkexperte von Nash Technologies und Teilnehmer des Informare-Panels, kamen folgende Überlegungen:

Hauptthese: es geht um fortschreitende Vereinfachung des Systems und der User-Experience. Das Reduziert die Kosten des Systems: sowohl Herstellung als auch Betrieb. Diese Vereinfachung umfasst das Internet auf der Netz-Ebene und auf der Anwendungs-Ebene. Es geht einfacher, effizienter, eleganter und effektiver und mit den sich daraus ergebenden natürlichen Geschäftsmodellen.

Formel: E4+G. Einfacher, Effizienter, Effektiver, Eleganter. Und damit baut man Geschäftsmodelle.

o Kunden kaufen, wenn man etwas hat, mit dem man entweder Kosten sparen kann oder zusätzliches Geld verdienen kann. Das ist die Basis für Geschäftsmodelle.

o Einfacher (mach es nicht komplizierter, sondern einfacher!) und effizienter (macht es richtig gut! Z.B. sollte man das mal auf die vielen Apps anwenden) steht dafür, wie man Geld sparen kann.

o Effektiver (tue ich überhaupt das richtige Ding oder müsste ich eigentlich nicht etwas ganz anderes tun? Z.B. nicht noch einen Balkon im Internet, sondern ein besseres IP++, einen Single View of Social, Social Media Dial Tone, etc.) und eleganter (was kann ich tun, damit das Leben angenehmer, beschwingter, lustiger, etc. wird? Z.B. das iPhone plus iTunes App Store) steht dafür wie man zusätzliches Geld verdienen kann.

o Die Geschäftsmodelle der Internetwirtschaft beruhen auf folgenden zwei Säulen: den Usern muss der Dienst gefallen, und den Service Providers müssen die dadurch gewonnenen User Data Gewinn bringen. D.h. kostenloser Service bezahlt durch User Daten. Hier gilt das Prinzip: je größer und wirkungsvoller die Plattform des Service Providers, desto höheren Wert kann man aus den User Daten gewinnen. Die Frage ist: kann man dieses Prinzip so aufbrechen, dass es eine große Zahl dezentraler Service Providers mit deren Plattformen begünstigt, sowohl in der Entstehung als auch nachhaltig?

Die Vereinfachung auf der Netzebene betrifft den IP-Layer, d.h. den Network Layer.

o In den vergangenen drei Jahrzehnten tobte ein Glaubenskrieg (der 30-jährige Krieg der Kommunikation-Systeme): Packet Switching vs. Circuit Switching. Getrieben letztendlich von Wirtschaftsinteressen. Heute weiß man, man braucht beides, nahtlos integriert.

o Will man die Leistungsmerkmale von Circuit Switching mit Packet Switching realisieren, dann muss man hohen technischen Aufwand treiben, d.h. das System wird unnötig komplex und anfällig.

o Will man andererseits die Leistungsmerkmale von Packet Switching mit Circuit Switching realisieren, dann verschwendet man Netzwerk-Ressourcen.

o Auf dem Ethernet-Layer ist man mit Carrier Ethernet bereits dabei, die Hausaufgaben zu lösen, d.h. man hat eine einheitliche Plattform für beides.

o Problem: Auf dem IP-Layer gibt es nur Packet Switching. Dies bedeutet, dass man auf den darüber liegenden Schichten die Features Circuit Switching nicht vollständig emulieren kann, selbst wenn diese auf Ethernet-Ebene vorhanden sind und man mit TCP z.B. über eine Connection Oriented Protocol verfügt. Die Verbindungsorientierung schafft eben doch keine maximal definierbare End-to-End Bandbreiten- und Antwortzeitgarantie, weil es in IP eben Queues gibt.

o Zusätzlich gibt es eine Innovationsblockade auf dem IP Layer: es gibt nur ein einziges Protokoll für alles, die anderen sind im Wettbewerb ausgestorben. Man müsste also die Möglichkeit schaffen, auf dem IP Layer mehrere weitgehend disjunkte Protokolle zuzulassen, die überlebensfähig wären, so wie es die Georgia Tech University fordert. Oder man schafft ein innovativ offenes und erweiterbares Internet-Protokoll IP++. Mit beiden Optionen wäre der Innovationsstau aufgelöst.

o Das Ganze ist ein operator-freundliches Scenario. D.h. wegen der Vereinfachung der Kommunikationsarchitektur, wird auch die Herstellung von Netzelementen günstiger bei gleichzeitiger Steigerung der Leistungsfähigkeit und Senkung des Energieverbrauchs. Kehrseite: der Verdrängungswettbewerb der Hersteller geht weiter, aber der Erste gewinnt.

o Wenn IP++ sowohl Circuit Switching als auch Packet Switching unterstützt, dann fallen Balkon-Protokolle wie MPLS, LISP, etc. weg. Ebenso fallen zusätzliche Protokolle und Mechanismen für Bandbreitenreservierung weg, weil man sie direkt in IP++ erledigt, ohne Balkone. Das Routing ließe sich vereinfachen: Routing-Protokolle und –Mechanismen könnten teilweise oder ganz wegfallen und gleichzeitig das Routing robuster und weniger anfällig für Störungen und Angreifer gemacht werden. Durch Einführung topologischer Adressen würden die Routingpläne um Größenordnungen kleiner werden bei gleicher Leistungsfähigkeit. Dadurch würde das Betreiben vereinfacht und die Fehleranfälligkeit verringert. Durch Dienstgüteklassen in IP++ könnte man über mehrere Netze hinweg Quality of Service garantieren. Durch SLAs können die beteiligten Netzbetreiber die Dienstgüte über Netzwerkgrenzen hinweg garantieren und effektive Geschäftsmodelle aufbauen.

o Durch explizite effektive Service Classes spart man sich das teure und umstrittene Deep Packet Inspection.

Für die Entwicklung auf dem Application Layer spielen mehrere Trends eine Rolle:

o Immer mehr Firmen denken darüber nach, für ihre interne Kommunikation Social Media einzusetzen und auf E-Mails zu verzichten. Firmen bauen interne Social Networks auf. Die werden aber mit Sicherheit keine öffentlichen Netze wie Facebook sein. Vertrauliche Information wird abgesichert und wird von den Firmen selber gehostet oder von einem lokalen Cloud-Anbieter. Es entstehen viele soziale Inselnetze mit höherwertiger Information. Die Technologie kann die gleiche sein, die Netze selber haben aber klare Abgrenzungen. Partiell wird man sein Unternehmensnetz auch öffnen wollen: Partner, Kunden, Lieferanten. Man muss soziale Netze miteinander verknüpfen. Dazu müssen die entsprechenden APIs zugänglich gemacht werden. Das Ganze wird durch die Kosten getrieben, denn Unternehmen haben kein Interesse daran, ihre Informationen mehrfach einzugeben, nur damit man in mehreren Netzen präsent ist. Die logische Konsequenz: eine sehr große Anzahl unabhängiger Social Networks.

o Apples Siri stellt eine einzige sprachgesteuerte Benutzerschnittstelle dar, die derzeit etwa ein Duzend Apps steuert. Damit ist Siri die singuläre Schnittstelle zum User. Der Rest wandert schrittweise unter die Haube.

o Die Marktmacht weniger Großer Player und deren beginnende / fortschreitende Zensur bewirkt immer mehr Unbehagen. Die Lösung liegt in dezentralen miteinander konkurrierender Strukturen. Immer mehr Leute denken über sogenannte Mesh-Networks nach. Es wäre eine Renaissance des ursprünglichen Internet Spirits, angewandt auf den bereits stark kommerzialisierten Application Layer.

o Schließlich werden es auch einfache Rationalisierungsgründe sein. Soziale Mehrfachkonten sind einfach erhebliche Mehrarbeit. Wer das vereinfacht, präsentiert einen besseren Business Case.

Mein Traum: ein „Social Media Dial Tone“ auf dem Application Layer (bei Google findet man für diesen String nur 7 Links). So wie früher beim Telefon. Ohne Mehrfachkonten bei Facebook, Twitter, G+, LinkedIn & Co. Ohne zusätzliche Balkon-Tools. Ein Access. Ein View. In alle Netze. Semantisch angereichert. Sozusagen unter der Haube. Wieso muss der Wildwuchs-Spaghetti der Entwickler dem User eins zu eins zugemutet werden? Wie könnte sich so etwas entwickeln?

o Ein Dial Tone beim Telefon bedeutet: Einfacher Access zum weltweiten Telefonnetz, unabhängig wo mein Kommunikationspartner sich befindet und an welchem Operator er angeschlossen ist. Auch die Directories waren global vernetzt. Der Ton stand auch für Carrier Grade: d.h. hoch verfügbar (5-7 neuner), definierte Services mit definierter Quality of Service. Für den Internanschluss auf IP-Ebene gibt es mittlerweile auch so etwas wie einen Dial Tone: der DSL-Anschluss, SmartPhone, etc. Bei Google findet man folgende Links – noch sind es sehr wenige – mit dem String „Social Media Dial Tone“:

Hier geht’s darum, dass es einen Social Media Dial Tone nicht gibt, d.h. ein soziales Netz kann jeder Zeit abgeschaltet werden ohne Ankündigung. Daher der Rat, seine Social Media Presence auf so viele Netzwerke wie möglich duplizieren. Verständlich, aber nicht wirklich eine Lösung.
Mein Verbesserungsvorschlag: ein Social Shadow auf meiner privaten Cloud. Für Unternehmenskritische Daten ist das sowieso die Lösung.

Hier wird der Social Media Dial Tone als API zu einem Social Network definiert, von denen es de facto tausende gibt und die bekanntesten sind Facebook, Twitter, G+, YouTube, LinkedIn, etc. Aber der Text skizziert auch schon die Möglichkeit eines einzigen Accesses auf vernetzte Social Networks.

Mein Verbesserungsvorschlag: meine Definition eines Social Media Dial Tones ist: ein einziger API auf vernetzte Social Networks mit Customised View.

Hier wird auch das Problem der zu vielen Social Networks dargestellt. Der Lösungsvorschlag: nicht zu viele Social Networks.

Hier geht’s um die versteckten Kosten für „Free Social Media“: der zu bezahlende Preis ist User-generated Content und User Demographic Information.
Mein Verbesserungsvorschlag: ein echter Social Media Dial Tone ist ein Mehrwert der in der Internet Flatrate eingehen sollte und für den man bezahlt um verlässliches und einfaches Social Media zu haben. Für Firmen lohnt sich das, weil es Kosten spart. Und: Firmen wissen, dass ihre Daten extrem wertvoll sind. D.h. „Free Social Media“ ist eine Werbeplattform, echter Content ist nicht umsonst.

Auch hier geht man davon aus, dass man einen Social Media Dial Tone braucht, weil Social Media derzeit kein wirklicher Service ist, sondern nur eine Application Destination.

Mein Verbesserungsvorschlag: Social Media muss tatsächlich ein echter Service werden, vernetzt, hochverfügbar, customisable, unabhängig vom Endgerät.

Überträgt man das auf Social Networks und Search dann kommt etwa folgendes dabei heraus:

Ein echter Service (im Gegensatz zu einer Applikation auf Servern eines Rechenzentrums), vernetzt mit allen anderen Social Media Networks, hochverfügbar, ein einziger Customisable View, unabhängig vom Endgerät, bereitgestellt durch den Internet-Provider. Durch die Bereitstellung via Internet-Provider wird „Social“ mehr und mehr zu einer Commodity.

Grob vereinfacht besteht ein Social Network aus:

· Einer Datenbanktechnologie.

· Einer Datenbank-Applikation.

· Einem API.

· Einem User View.

Diese 4 Komponenten sollte man konsequent trennen:

· Die Datenbanktechnologie kann dazu verwendet werden, unabhängige Social Networks aufzubauen.

· D.h. damit schafft man viele unabhängige Datenbank-Applikationen.

· Der API wird standardisiert um Interoperabilität zu gewährleisten.

· Der User View gehört als App aufs Endgerät oder in einen Browser.

· Durch die Trends oben wird das Social Media Network auf allen Protokoll-Ebenen dezentral. Damit wird ein Big Brother vermieden. Wodurch wird die dezentrale Lösung getrieben? Folgende Möglichkeiten:

o Wenn Firmen ihre interne Kommunikation durch Web 2.0 und Social Media Technologien E4 gestalten, dann geht es nicht mehr um das Geschäft Free Service gegen Werbung mit User Daten. Es geht dann einfach um höhere Produktivität in der Wissensgesellschaft und geringere Kosten.

o Die Information, die hierdurch in Firmen generiert wird, hat einen hohen Wert an sich, für die Firma selber, aber auch für Partner, Kunden, Lieferanten.

o Wenn sich diese hochwertigen Web 2.0 Inseln durch Knowledge Peering vernetzen, dann geht es unterm Strich für das daraus entstehende Gesamtsystem wieder um höhere Produktivität in der Wissensgesellschaft und geringere Kosten. D.h. alle gewinnen.

o Ein Social Media Dial Tone ist hier ein zentrales Kostenargument.

o Der Basis-Dienst ist Teil der Internet-Flatrate. Für höherwertigen Content kann man aus einer Fülle von Geschäftsmodellen wählen.

Die Social Media Existenz kann abgesichert werden durch einen Social Shadow auf einer privaten Cloud. Dieser Social Shadow erlaubt dann weitere Anwendungen.

· Das heutige Geschäftsmodell für „Free Social Media“ wird sich durch Werbung finanzieren, Werbung die auf der Ressource User Data aufbaut. Neue Geschäftsmodelle für „Value Content Social Media“ werden ebenfalls entstehen, je mehr diese Art von Inseln de facto aufgebaut werden. Diese Inseln werden ihre Daten semantisch annotieren.

· Ebenso findet Search heute fast ausschließlich „Free Content“. Z.B. landet Google oft auf Wikipedia. Höherwertiger Content, obwohl begehrt, wird nicht gefunden. Hier gibt es eine Fülle neuer Geschäftsmöglichkeiten. Semantic und Social Search: Paid Content veröffentlicht ein semantisches API, mit oder ohne Binding an ein kommerziell betriebenes Portal. Idee: Online Semantic Crawler.
Allerdings hat Google laut Vizechefin Marissa Mayer einen allwissenden Suchdienst im Sinn, der im voraus schon weiß, was der User will.

Meine These: Google wird nicht der Big Brother werden können, sondern bestenfalls der Klebstoff zwischen den Hochwertigen Content Inseln.

· Ein spannende Frage ist hier auch, wie die Aufgabenteilung zwischen Endgerät und Netz / Applications liegen wird. Ich gehe davon aus, dass das sich Endgeräte zu einer Kombination von R2D2 und C-3PO entwickeln werden, d.h. die Personalisierung ist fast ausschließlich im Endgerät. Und damit ist sie wieder dezentral.

· Schließlich noch was zu den Endgeräten: Die meisten Leute denken beim Mobilen Internet heute an Smartphones und Pads. Mobile und Festgeräte werden über einen singulären Dial Tone verfügen: man beginnt den Film auf dem Smartphone und beendet ihn auf dem TV. Aber: die Miniaturisierung der Endgeräte geht weiter. D.h. Smartphones und Tablets werden nach und nach zu Teilen der Kleidung wie Armbanduhren oder Brillen. Die Benutzerschnittstelle wir 3D (3D Screen, Hologramme, Virtuelles 3D via Brille, etc.), gesteuert mit Sprache, Händen (effektivere Gesten), Augen und Gedanken, etc. Ein neues Lebensgefühl. Auch die Endgeräte haben Wechselwirkungen, wie Internet und Soziale Netze verwendet werden. Diese Funktionsmächtigkeit will man doch sicher keiner zentralen Instanz anvertrauen.

Vom Co-Moderator Heinrich Bruns folgender Blogpost interessant: Die Wolke ist … ähm, ja … wolkig

Siehe auch:

Über den Propagandabegriff der „Raubkopie“ und die Innovationen der Kopisten #rp12 #informare12

Längst haben die Wirtschaftshistoriker herausgefunden, dass rückständige Volkswirtschaften mit dem Abkupfern existierender Technologien ihr Wachstum befeuern: Aufholen durch Nachahmen. Japan und Korea haben diese Strategie nach dem Zweiten Weltkrieg enorm genutzt. Häufig spielt der Zufall eine Rolle: Bei einem flüchtigen Besuch in amerikanischen Supermärkten sahen japanische Autofirmen-Vorstände, wie dort die Ware automatisch nachgefüllt wurde. Das war die Geburt der Just-in-time-Produktion. Besonders die deutsche Industrie, die sich heute mit der Forderung nach Leistungsschutz t gegen die digitale Welt abschotten will, konnte ihre Rückständigkeit Ende des 19. Jahrhunderts nur durch kluge Imitation kompensieren.

„Wie heute die Chinesen, haben damals deutsche Maschinenbauer ausländische Erfolgsmodelle in großem Stil eingekauft: Sie zerlegten die Maschinen in England und bauten sie im Siegerland oder im Schwäbischen neu auf. Durchs Nachmachen zu Erfahrung gekommen, haben die Deutschen sodann ihre Maschinen billig ins Ausland verkauft“, berichtet Hank.

Er verweist auf ein besonders dreistes Kopistenwerk in Solingen. Dort wurden minderwertige Messer aus Gusseisen hergestellt und mit dem Stempelaufdruck „Sheffield“ veredelt – das galt damals als Markenzeichen der englischen Messerproduktion.

„Ironie der Geschichte: Als Abwehrmaßnahme zwang England Deutschland das Label ‚Made in Germany‘ auf, damit man die mindere Ware erkennen sollte. Aber den Deutschen gelang es, das Stigma zum Qualitätssiegel umzuschmieden“, so der „FAZ“-Redakteur.

„Wenn man sich anschaut, welche unfassbar wichtige Wirkung Generika in der Medizin haben, etwa für bei der Therapie von Aids-Patienten, umso skandalöser ist es, wenn Menschen mit Patenten der Zugang zur Heilung verweigert wird“, kritisiert Dirk von Gehlen in seinem Republica-Vortrag zum „Lob der Kopie“ (gleichnamiger Titel seines Buches, das im Suhrkamp-Verlag erschienen ist).

Ebenso fragwürdig ist die Kriminalisierung des digitalen Kopierens, die in der aktuellen Urheberrechtsdebatte hochkocht, bemerkt der Redaktionsleiter von jetzt.de.

„Die digitale Kopie, das Verbreiten von identisch duplizierten Inhalten, nahezu ohne Kosten, ist eine historische Neuerung und zieht eine Veränderung nach sich, die man vergleichen kann mit dem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit“, erklärt von Gehlen.

Schon das Wort „Raubkopie“, von Musik- und Filmindustrie in „abschreckenden“ Filmchen als Propagandavokabel inflationär verwendet, ist juristisch unsinnig.

„Es ist eine sachliche Feststellung, dass nichts geraubt wird. Es wird nicht weggenommen. Nach dem Strafgesetzbuch ist der Raub so definiert, dass man unter Gewaltanwendung einen beweglichen Gegenstand von A nach B bewegt. Wenn ich eine Datei verschicke, ist es weder mit Gewalt verbunden, noch bewegt sich der Gegenstand von A nach B. Er verbleibt nämlich da, wo er war. Diese Erkenntnis muss allen Urheberrechts-Diskussionen zugrundeliegen, wenn man sie denn zielgerichtet führen will“, fordert von Gehlen.

Was heißt heute noch Original und was Kopie bei einem Medium, „in dem alles auf dem Prinzip der Kopie basiert“, fragt sich Urs Gasser im Interview mit Dirk von Gehlen (abgedruckt im von Gehlen-Buch „Lob der Kopie“ S. 54 ff.):

„Ich glaube, durch die Digitalisierung werden so viele Grenzen unscharf, dass wir da enormen Gesprächsbedarf haben – zwischen unterschiedlichen Anspruchsgruppen, aber auch zwischen den Generationen.“

Hinter die Kultur des Teilens und Austauschens werde man nicht mehr zurückgehen können.

„Die Kultur ist in unserer DNS enthalten. Wie junge Menschen heute aufwachsen und wie wir kommunizieren, basiert auf diesem Prinzip“, so Gasser.

Kulturtechnik des Kopierens wie Software betrachten

„Wenn wir Einsicht in die Tatsache nehmen, dass es nur zu extrem hohen sozialen Kosten möglich ist, Menschen am Kopieren zu hindern, gibt es meiner Meinung nach keinen besseren Vorschlag als die Kulturflatrate, um einen Ausweg aus dem Legitimationsproblem zu finden. Es wird adaptiert, was wir von analogen Medien schon kennen. Wenn man sich einen CD-Rohling kauft, fällt eine Leermedien-Abgab an. Ein geringer Anteil wird also an die Verwertungsgesellschaft GEMA überwiesen, die diese Summen nach einem wenig durchschaubaren Schlüssel an die Künstler auszahlt“, so das Gehlen-Plädoyer auf der Republica.

Tauschbörsen und Filesharing durch Verdammung, juristische Sanktionen und Abmahnungen in den Griff zu bekommen, hat nie funktioniert. Wenn digitale Kopien ohne große Aufwendungen dupliziert werden können, müssen wir diese Kulturtechnik des Kopierens und Teilens wie Software betrachten. Der Begriff des Originals läuft in der digitalen Welt ins Leere.

Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für den Fachdienst Service Insiders.

So, jetzt habe ich mehr oder weniger alle Aufzeichnungen und Notizen von der Republica verwertet. Die Konferenz und die vielen Gespräche haben mir sehr viel gebracht.

Hoffe, dass es morgen auf der Berliner Wissenschaftskonferenz Informare im Cafe Moskau so weitergeht. Am Mittwoch bin ich dort als Moderator im Einsatz und werde sicherlich einige Themen der Republica aufgreifen und weiter diskutieren in dem Panel „Obi Wan Kenobi und das Future Internet“. Einige Thesen zu dieser Runde werde ich wohl noch im Laufe des Abends posten und würde mich über Anregungen für die Diskussion freuen. Unterstützt werde ich in der Moderation vom Hörfunkjournalisten Heinrich Bruns. Da wird natürlich auch über soziale Netzwerke, die App-Economy, zentral versus dezentral, AGB versus Grundgesetz disputiert. Vielleicht auch über das heimliche Platzen der Social-App-Blase.

Siehe auch:

Gehlen-Vortrag als Audioaufzeichnung in längerer Version:

Vernetzte Ökonomie: Digitale Kompetenz statt Leistungsschutz.

Kultur der Beteiligung statt geheime Kabinettspolitik.

Wir sind Facebook! Netzöffentlichkeit zwischen Zensur, Willkür und Kontrollsucht.