Systemischer Pep fürs anarchische Management

Systemrevolutionen auch beim Tippkick-Torwandschießen vonnöten - bislang keine Treffer während der EM
Systemrevolutionen auch beim Tippkick-Torwandschießen vonnöten – bislang keine Treffer während der EM

„Ein bisschen ‚Pep‘ kann jeder haben“, so lautet die Überschrift des systemischen Gedankenflugs von Anton Seidl in einem Beitrag für LeanKnowledgeBase.

Gemeint ist natürlich der Meister-Trainer Josep Guardiola, der mit nur zwei Stationen im Erstliga-Olymp (bei Barcelona und München) Realitäten geschaffen habe, von denen so manch arrivierte Trainerkollegen lediglich träumen. „Ist die Signifikanz seiner Trophäen im „brüchigsten“ aller Geschäfte, nun eine Gnade Fortunas oder gibt es ein „Geheimnis“ des introvertierten Coaches aus Santpedor“, fragt sich Seidl.

Fußball bedeutet, dass der Ausgang von Partien keine verlässliche Expertise von Prognosen erlaube. Volle Zustimmung. Das Spielgerät besitze Anarchie und bereits simple Kleinigkeiten wie Stimmung, Form, Verletzung, Wetter, zu tiefer Rasen können oder neue Flatterbälle können unwägbare Konsequenzen mit sich bringen.

„Zudem ist die Einflussnahme der Trainer während eines Spiels sehr knapp bemessen. Das ‚Hands-On‘ der Außenlinie ist limitiert. Pep weiß, dass die ‚Eroberung‘ von Dominanz und Raum im Spiel eine robuste Statik voraussetzt. Diese Stabilität erfordert eine situative Befähigung der Spieler zu taktischer Entscheidung und Verantwortung auf dem Platz.“

Sein flexibler Opportunismus mit 4-4-2-4-3-3-3-5-2-Formationen besitze die Gabe zum Umgang mit Komplexität. Der Katalane infiziere die Teams mit seiner Vision und Interpretation des „Totaalvoetbal“ – Ballbesitz, Kurzpässe, Raumaufteilung und Redundanz. Die Anpassungsfähigkeit sozialer Systeme erfordere Vielfalt.

Besonders die Deutschland AG braucht System-Revolutionen, die der Fußball-Stratege Guardiola etabliert hat: Hohe Positionsvariation in der Offensive, permanente Veränderung von Grundordnungen im Spiel, Wechsel zwischen Dreier- und Viererkette sowie eine perfekte Ballzirkulation. Wie das gelingen kann, schildere ich morgen als Gastautor unter http://www.lean-knowledge-base.de/.

Am 26. und 27. Oktober werden wir das dann sicherlich beim Change to Kaizen-Symposium mit praktischen Übungen ausspielen.

An der Tippkick-Torwand konnte der Veranstalter Ralf Volkmer das leider nur ohne Treffer demonstrieren.

Da ist ein Tippkick-Pep-Trainingslager vonnöten.

Mehr dazu in der Meistermacher Morningshow am Freitag um 10 Uhr.

Man hört, sieht und streamt sich.

Big Data-Gottesmaschinen – Vorhersagen ohne Unordnung

Der Medienphilosoph Norbert Bolz hat sich in der Wissenschaftssendung „Philosophie Sternstunde“ recht interessant über die Systemtheorie geäußert, die sich mit der Komplexität gesellschaftlicher Phänomene auseinandersetzt und sich von den Gleichgewichtsmodellen abgrenzt, die immer so wunderbar logische Ergebnisse zutage fördern und mit der Realität wenig zu tun haben:

„Der Mathematiker Thom hat einmal eine sogenannte Katastrophentheorie aufgestellt, als Mathematiker, und er meint damit nicht die spektakulären Fernsehkatastrophen, wie Tsunamis oder so was, sondern er meinte einfach extreme Form von Unordnung. Er hat dann gesagt, dynamische Systeme, wie unsere moderne Gesellschaft, stürzen gewissermaßen von Unordnung zu Unordnung. Und diese Bewegung ist die Normalität“, so Bolz.

Eine schöne Steilvorlage für meiner heutige The European-Kolumne, in der ich mich mit Big-Data-Anbietern auseinandersetzt, die in der Öffentlichkeit von den Vorzügen der neuen Datenwelt fabulieren. Sie gieren nach Analysen möglichst großer Datenberge, um Grippewellen vorherzusagen, Euro-Krisen zu verhindern, den Autoverkehr staufreier zu machen oder Prognosen über den Verkaufserfolg von Rollkragenpullovern in roter Farbe abzugeben.

Mit statistischen Spielchen auf der Metaebene geben sich die Zahlenfreunde aber nicht zufrieden. Sie wollen mehr. Sie erheben sich zur neuen Klasse der Sozialingenieure, um Gesundheitssysteme zu steuern, Banken vor Kreditausfällen zu bewahren oder Minderjährige vor dem Abrutschen ins Verbrechen zu „schützen“. Die zumeist technisch oder naturwissenschaftlich ausgebildeten Analysten wollen sich also tief ins Datenleben einzelner Menschen eingraben und beeinflussen.

Lichtscheue Analysten

Rückt man den liebwertesten Big-Data-Gichtlingen allerdings mit Anfragen zu den Rechenformeln ihrer Gottesmaschinen zu sehr auf den Pelz, ändert sich blitzschnell ihre Disposition: Die Algorithmen-Wahrsager werden lichtscheu und löschen ihre Datenspuren. So geschehen bei einer kleinen Disputation auf Facebook über selbstgewisse Neurowissenschaftler, die Abläufe des menschlichen Gehirns noch nicht mal in Ansätzen erklären können. Ein Systemingenieur warnte vor zu großem Pessimismus. Man werde sich noch wundern, was in der Hirnforschung und beim künstlichen Nachbau der Gehirne in den nächsten Jahren so alles passieren werde.

Über die „Intelligenz“ seiner eigenen Prognose-Maschine äußerte sich dieser Geschäftsführer eines Softwareunternehmens ähnlich euphorisch. Ist ja völlig in Ordnung. Jeder Krämer lobt seine Ware. Als ich nachfragte, ob er sein System live in Bloggercamp.tv vorführen wolle, wechselte der virtuelle Werkzeugmacher direkt in den privaten Modus und sagte mir klar, dass er gegenüber der Öffentlichkeit keine Bringschuld habe.

„Nur so viel: Wir setzen unsere Software im Klinikbereich ein, um gute von schlechten Patienten zu trennen. Als Auswertungstool, um aufzuzeigen, wo Ärzte Geld verballern.“

Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern und beendete die Diskussion mit mir – zumindest im nicht-öffentlichen Chat. Seine Großspurigkeit im öffentlichen Teil setzte er fort.

Nach der anonymisierten Veröffentlichung seines Patienten-Zitats auf meinem ichsagmal-Blog verfiel er in eine Panikattacke, löschte alle Facebook-Kommentare und proklamierte pauschal, man könne Bloggern einfach nicht vertrauen. Jetzt geht es also um „Vertrauen“ – es geht wahrscheinlich auch um seine Reputation. In diesem kleinen Feldtest ist dem Big-Data-Maschinisten vielleicht klar geworden, um was es geht.

Was passiert, wenn seine Algorithmen ahnungslose Menschen in die Kategorie „schlechte Patienten“ eintüten und sie von den „guten“ Patienten abtrennen? Welche Gewichtungen und Abgrenzungen hat denn der Systemingenieur in sein Prognose-System eingebaut? Bekommt der „schlechte“ Patient Einblick in die Formelstube?

Ausführlich hier nachzulesen.

Auf der Cebit und am Freitag werde ich dazu weitere Interviews führen. Wer Interesse an diesem Diskurs hat, sollte sich bei mir melden. gunnareriksohn@gmail.com oder über Twitter oder über Facebook, Google Plus….

Mal schauen, was der erste Big Data-Professor in Deutschland an Erkenntnissen hervorbringt.

Nichts wissen, aber das in Echtzeit, das könnte ja auch eine Big Data-Erkenntnis sein.

Jetzt live: Netzwerke ohne Dirigismus und Hierarchien – Praxisfernes Geschwurbel oder nicht?

Das Netz

Meine Überlegungen zur Netzwerk-Ökonomie und der Durchbrechung von hierarchischen Organisationsformen finden im Social Web ein geteiltes Echo: „Praxisfernes Geschwurbel!“, heißt es in einer Tweet-Replik von Dagmar D.

Ohne Netzwerke könnten Hierarchien gar nicht entstehen, bemerkt Sascha Stoltenow auf Google Plus und verlinkt dabei auf einen Wikipedia-Eintrag zur Systemtheorie, der mir in meiner Argumentation dann doch ein wenig Entlastung verschafft, wahrscheinlich unbeabsichtigt:

„Konkretisiert auf den (zumeist) wirtschaftlichen Bereich bedeutet der systemtheoretische Ansatz eine Abkehr von herkömmlichen, hierarchisch-dirigistisch gesetzten Organisationsstrukturen und eine Hinwendung zu Kooperation und Koordination in Netzwerken in Wirtschaft und Gesellschaft.“

Puh. Glück gehabt. Besser hätte ich es wohl nicht ausdrücken können. Vielleicht sollte ich lieber von liquiden oder durchlässigen Netzwerken sprechen, um die strukturellen Vorgaben zu unterlaufen, wer wem in der Organisation unterstellt ist. Staat und Wirtschaft könnten sich auch damit auseinandersetzen, wie man den Zugriff auf externe Netzwerkleistungen verbessern kann, die sich den hierarchischen Ordnungsprinzipien entziehen. Ausführlich nachzulesen in meiner The European-Kolumne.

Genügend Diskussionsstoff für die Bloggercamp.tv-Runde, die um 11 Uhr beginnt und vielleicht auch Stoff für einen republica-Session-Vorschlag, der noch bis Ende des Monats eingebracht werden soll 🙂

Das ist übrigens schlecht für’s Netzwerk: Facebook-Newsfeed-Algorithmus: Text-Posts erzeugen weniger Reichweite

Etwas Systemtheorie: Wir autopoietischen Systeme.

Warum im Chor der analogen Defensivdenker das Klagelied vom Kontrollverlust ertönt

Der niederländische Soziologe Jan van Dijk von der Universität Twente entwirft ein höchst misanthropisches Gemälde der Netzwirklichkeit:

„Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‘Knoten’ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‘Long Tail’). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt zwischen den beiden Polen.“

Seine Thesen habe ich ja ausführlich dokumentiert.

Auf Service Insiders habe ich auf diese altbekannten Thesen, die auch von der anderen Web-Kritikern vertreten werden, noch einen weiteren Konter gesetzt. Titel: Wir sind das Netz: Warum Hierarchien in Wirtschaft und Politik zerbröseln. Das Netz befördert in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik eher die antihierarchischen Formationen. Warum ertönt denn im Chor der analogen Defensivdenker das Klagelied vom Kontrollverlust? Warum gibt es massive Bestrebungen, Netzfreiheiten über Sperren, Verbote und Abmahnorgien zu beschränken?

Netz-Eingeborene revoltieren gegen Obrigkeitsdenken

Der polnische Dichter Piotr Czerski hat die Befindlichkeit der Netz-Eingeborenen in einem Gastbeitrag für die Zeit auf den Punkt gebracht: Die junge Generation stört sich an traditionellen Geschäftsmodellen und Obrigkeitsdenken:

„Unser Verständnis von sozialen Strukturen ist anders als eures: Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, keine Hierarchie. Wir sind es gewohnt, das Gespräch mit fast jedem suchen zu dürfen, sei er Journalist, Bürgermeister, Universitätsprofessor oder Popstar, und wir brauchen keine besonderen Qualifikationen, die mit unserem sozialen Status zusammenhängen. Der Erfolg der Interaktion hängt einzig davon ab, ob der Inhalt unserer Botschaft als wichtig und einer Antwort würdig angesehen wird. Und da wir, dank Zusammenarbeit, ständigem Streit und dem Verteidigen unserer Argumente gegen Kritik das Gefühl haben, dass unsere Meinungen einfach die besseren sind, warum sollten wir dann keinen ernsthaften Dialog mit der Regierung erwarten dürfen“, fragt sich Czerski.

„Was uns am wichtigsten ist, ist Freiheit. Redefreiheit, freier Zugang zu Information und zu Kultur. Wir glauben, das Internet ist dank dieser Freiheit zu dem geworden, was es ist, und wir glauben, dass es unsere Pflicht ist, diese Freiheit zu verteidigen. Das schulden wir den kommenden Generationen, so wie wir es ihnen schulden, die Umwelt zu schützen“, so der polnische Dichter.

Bannfluch könnte auch Facebook und Google erreichen

Wer gegen diese Grundsätze verstößt, bekommt die Wucht des Netzprotestes zu spüren, der im Ernstfall auch auf der Straße ausgetragen wird, wie man am Widerstand gegen das Handelsabkommen ACTA ablesen kann. In Wahrheit geht es hier nicht um den Schutz des geistigen Eigentums über sinnvolle urheberrechtliche Regelungen, sondern um schnöde Verwertungsrechte alteingesessener Wirtschaftskonglomerate, wie es der Publizist Wolfgang Michal in einer Breitband-Gesprächsrunde von Deutschlandradio Kultur treffend formulierte.

Sollten Facebook, Google und Co. mit ihrer rüden Friss-oder-stirb-Geschäftspolitik weitermachen, wird sich der Bannfluch auch auf die amerikanischen Internet-Giganten übertragen.

„Die meisten Jugendlichen haben bis zu ihrem 20. Lebensjahr Tausende Computerspiel-Stunden hinter sich und eignen sich dadurch Fähigkeiten und Denkmuster an, die der älteren Generation völlig fremd sind“, sagt Moshe Rappoport von IBM. Analog zu Computerspielen, wo man mit Risikoverhalten schnell zum Ziel komme und nach einem „Game Over” einfach neu beginne, zeichne sich die junge Generation durch Risikobereitschaft und schnelles Handeln aus, erklärt Rappoport. Diese Denkweise spielt auch bei der Akzeptanz neuer Technologien eine wichtige Rolle. Es gibt im Netz keine in Stein gemeißelten Formationen für die Ewigkeit. Gestern Myspace, heute Facebook und Google+, morgen etwas ganz anderes. Den Faktor Unberechenbarkeit können auch die amerikanischen Web-Konzerne nicht aus der Welt schaffen, so meine Ausführungen in einem Beitrag für die absatzwirtschaft.

Die Kleinen nagen an den Großen

„Was immer Soziologen, Skeptiker und Publizisten über die Evolution des virtuellen Raums sagen, es bezieht sich in erster Linie auf sie selbst, auf ihr Weltbild und den wissenschaftlich trainierten Drang, eine prophetische Spur zu hinterlassen. Die Frage: wer mein User-Verhalten bestimmt, beantworte ich ganz klar mit: Ich. Aber, ist das wirklich so? Gäbe es keine Sozialen Netzwerke, würde ich als privater Web2.0-User Texte für die word.doc-Schublade schreiben und als Copywriter, für Kunden. Als Privatier aber nutze ich sämtliche Kanäle, darf mich austoben – wo, wann und mit wem ich will, hole mir Anregungen, Interaktion und schnelles Kurzzeitwissen – alles dreht sich um mich und meine positionierende, selbstdarstellende Ikonologie. Ich kreiere mir ein Universum im Universum – das ist es, wohin uns die Schöne neue Welt führt“, kontert der Blogger Gerald Angerer die Thesen des Soziologen van Dijk.

Das Interesse der Großen sei klar, so der Journalist und Blogger Heinrich Rudolf Bruns: Sie wollen Teile des Netzes für sich, „die Bestrebungen gegen die Netzneutralität und die Vorgänge im Zusammenhang mit ACTA und die nicht enden wollenden Datenschutz-Diskussionen sprechen eine deutliche Sprache.“ Dieses Machtgefüge sei aber nicht mehr unangreifbar:

„Je mehr Kleine sich zusammentun, desto eher werden die Begehrlichkeiten der Großen ausgebremst oder gar unmöglich gemacht. Und: Dass viele Kleine viel erreichen, hat der Arabische Frühling gezeigt, der in der virtuellen Welt seinen Anfang nahm und seinen Rückhalt fand. Und der, lieber Jan van Dijk, zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit führte -zumindest in Teilbereichen“, resümiert Bruns.

Siehe auch:
Wir, die Netz-Kinder.

„Beunruhigende“ Thesen zur Netzwerkgesellschaft: Ein systemischer Schirrmacher-Lanier-Carr-Phrasenbrei

„Navigieren in Unsicherheit“ – unter diesem Motto behandelte die „x-mess-Konferenz zur [nächsten] Gesellschaft“ ein wichtiges Thema und stellte in einem Konferenzbericht für die Zeitschrift „Führung und Organisation“ den „aufrüttelnden“ Vortrag des niederländischen Soziologen Jan van Dijk von der Universität Twente.

Seine Thesen zur Netzwerkgesellschaft laufen angeblich dem optimistischen Mainstream diametral entgegen:

Das Internet führt nicht zu mehr Demokratie und Gerechtigkeit. Vielmehr verstärkt die global vernetzte Gesellschaft die Ungleichheit auf allen Ebenen – zwischen Staaten ebenso wie zwischen Organisationen und Individuen. Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger (die ‚Knoten‘ im Netzwerk), während gleichzeitig immer mehr Firmen/Menschen immer unbedeutender werden (der ‚Long Tail‘). Die Mitte verschwindet – und damit der Kitt
zwischen den beiden Polen.

Das Internet wird nicht von den Nutzern gestaltet, sondern von den mächtigen Intermediären wie Facebook, Google, Microsoft und Apple. Doch wer kontrolliert diese Giganten? Die enorm hohe Zahl an Akteuren führt in der globalen Netzwerkgesellschaft zu großer Instabilität. Trends werden verstärkt und breiten sich schneller aus als bisher. Gegensätze prallen in ungekannter Heftigkeit aufeinander – und schwappen in die reale Welt über. Anschauungsbeispiele dafür bieten die Schuldenkrise, Straßenschlachten in Athen oder der sogenannte arabische Frühling. Die ‚Risikogesellschaft‘ ist bereits Realität geworden.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Die meisten Einträge im Internet haben KEINE (sic!) Leser. Produzieren wir damit eine Gesellschaft von Autisten?

Informations-Überflutung führt zu neuen Mechanismen der Rezeption: Selektive Wahrnehmung und oberflächliches Scannen prägen die Informationsaufnahme. Was bedeutet das für die realen Beziehungen zwischen den Menschen?

Entscheidend für einen konstruktiven Umgang mit der Netzwerkgesellschaft und den damit verbundenen Risiken wird eine umsichtige Erziehung und Ausbildung sein. Kritisches Hinterfragen von Informationen wird zur Schlüsselkompetenz. Ist unser Erziehungssystem darauf richtig vorbereitet“, fragt sich Jan van Dijk und ich frage mich, wie man zu solch platten Thesen kommt und auch noch als Anti-Mainstream-Haltung ausweist. Das ist ein Phrasenbrei aus Schirrmacher-Lanier-Carr-Geschreibsel.

Knoten und Zentralisierung: Die Gedankenwolken des Nicholas Carr – Internetskeptiker will Google bändigen und warnt vor der Zentralisierung des Datennetzes.

Oder: Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Als Entgegnung, werte Systemiker, kann man die Long-Tail-Effekte ins Spiel bringen, die Jan van Dijk wohl nicht richtig verstanden hat.

Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.

Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. “Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ‘nur’ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel. Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.

Zur Frage der Informationsüberflutung und Selektion (vorher selektierten übrigens die journalistischen Gatekeeper und ich durfte dann als Medienkonsument das selektieren, was mir die Massenmedien bei ihrer Informationsauswahl übrig gelassen haben). Digitaler Zettelkasten: Tote Unterhosen, Informationsfluten, Büchernarren und Netznavigatoren.

Immer weniger Firmen/Menschen werden immer größer/mächtiger? Warum haben dann die großen Organisationen so eine Angst, die Kontrolle im Netz zu verlieren und holen die ACTA-Keule raus? Siehe: Zwei Welten prallen im Netz aufeinander: Bürokratie und hierarchisches Management gegen verspieltes Experimentieren. Unternehmen, für die ein Twitteraccount schon die Zeitenwende bedeutet, werden daran verzweifeln.

Die Aufmerksamkeit ist der Engpassfaktor in der Netzwerkgesellschaft: Es wird immer leichter, sich im Internet öffentlich zu äußern, aber immer schwieriger, gehört zu werden. Wie war das eigentlich in analogen Zeiten, als die Massenmedien den Ton angaben? Was es da leichter, gehört zu werden? Ich konnte gerade mal einen Leserbrief schreiben oder in der Redaktion anrufen, um mir dann eine Abfuhr mehr oder weniger höflich abzuholen. Es wird nicht immer schwieriger, gehört zu werden. Wer wichtiges und interessantes kommuniziert, kann sich im Social Web viel leichter artikulieren. Mal läuft es gut und trifft den Nerv, mal verhallt die eigene Botschaft. Wie viele dpa-Meldungen werden eigentlich nur für den Papierkorb geschrieben? Ein Korrespondent sagte mir, dass die Quote wohl ziemlich hoch ist. Also auch Nachrichtenprofis haben es schwer, gehört zu werden. Oder die Unternehmenskommunikation:

„Jeder Tag in der Markenkommunikation ist mittlerweile experimentell. Ob ich mit Kunden ins Gespräch komme, ob meine Angebote gut ankommen, ob die Unternehmenspolitik richtig oder falsch ist, wird heute in Echtzeit beurteilt. Das Versuch-und-Irrtum-Verfahren in sozialen Medien hört nie auf“, erläutert der Bitronic-Chairman Peter B. Záboji.

So ist es.

Eure Meinung zu den Thesen des Soziologen Jan van Dijk interessieren mich. Würde ich gerne in meiner Freitagskolumne aufgreifen. Statements bitte bis Freitag (spätestens 10 Uhr) mailen an: gunnareriksohn@googlemail.com oder hier als Kommentar posten.