
Ein Verleger ist kein Register
Ein Verleger wird neunzig, und sofort steht die Literaturkritik vor jener Versuchung, die ihr seit den Tagen der großen moralischen Sortierapparate am liebsten ist: Man legt die Akte auf, ordnet die Namen, streicht mit rotem Bleistift durch das Zwielicht und nennt das Ergebnis ein Leben. Bei Axel Matthes führt diese Methode rasch zu dramatischen Funden. Man muss nur Bataille, de Sade, Artaud, Klossowski, Apollinaire, Syberberg, Bloy, Maschke hintereinander aussprechen, und schon knistert das Papier, als hätte der Katalog ein Vorstrafenregister. Doch ein Verleger ist kein Register. Er ist der Mensch, der die unausgesprochenen Verwandtschaften zwischen Texten spürt, ehe die Literaturwissenschaft sie nachträglich mit Apparaten, Fußnoten und Gattungsdisziplin versieht.
Autobiographie in Lieferverzeichnissen
Axel Matthes gehört zu den seltenen Figuren der deutschen Nachkriegsliteratur, bei denen das Verlegen nicht Beruf, Branche, Karriere war, vielmehr eine Form der Selbstbefragung mit typographischen Mitteln. Andreas Rötzer hat dafür die schöne Formel vom „autobiographischen Verlegen“ gefunden. Sie trifft, weil sie den Verlag nicht als Firma auffasst, vielmehr als ausgelagertes Bewusstsein, als gedruckte Nervenschrift eines Lesers, der glücklicherweise nie ganz Unternehmer wurde.
Matthes selbst hat den Ursprung dieses Lebens denkbar unheroisch beschrieben. Seit dem neunten Lebensjahr sei er ein unersättlicher Leser, nun sei eine Null hinzugekommen. Herrlicher kann man neunzig Jahre kaum zusammenfassen: nicht als Bilanz, als Rechenfehler der Leidenschaft. Aus dem Kind, das las, wurde kein Funktionär des Buchmarkts, kein Verwalter von Novitäten. Aus dem Leser wurde einer, der eines Tages entscheiden durfte, dass ein Buch auf Deutsch erscheinen sollte. 1967, bei einem traditionellen Verlag, erwarb er Rechte, bestimmte Übersetzung, Umschlag, Ausstattung; das Buch hieß „All Night Stand“. Ein kleiner Poproman, ein englischer Titel, ein Anfang als Weihnachtsrausch. Die erste verlegerische Tat war kein Manifest, eher eine Lizenz zum Glück.
Das Bild sucht sein Buch
Hier beginnt die eigentliche Philologie dieses Lebens. Matthes denkt das Buch vom Umschlag her, vom Bild her, von jenem Vorschein, der dem Text vorausgeht. Beim Herbig Verlag erhielt er früh Verantwortung für Cover; bald darauf, in der Gründungszeit von Rogner & Bernhard, blieb die Überzeugung erhalten, dass Bücher im Imaginären entstehen. „Bilder zu entdecken, zu denen nur noch das Buch fehlte“: Dieser Satz gehört in jede künftige Geschichte des deutschen Verlegens. Er enthält das Gegenteil der heutigen Inhaltsverwaltung. Nicht der Stoff sucht seine Verpackung. Das Bild ruft den Text herbei.
Zwischen Marx und Benjamin
Rogner & Bernhard, diese wunderbare Namenskupplung aus Patriziat und Garagenrevolte, bewegte sich für Matthes zwischen Karl Marx und Walter Benjamin. Auch hier war die Philologie sofort elektrisiert. Marx, Benjamin: Das hieß Ware und Aura, Revolution und Zitat, Druckerschwärze und Erlösungsfunke. Es war die Zeit, in der der Verlag den Furor der späten sechziger Jahre mit der Gelehrsamkeit der Bibliothek kurzschloss. Theorie trat nicht als Seminarstoff auf, Literatur nicht als Ornament. Beides roch nach Druckerschwärze, Verdacht, Befreiung.
In diese Rogner-&-Bernhard-Zeit gehört Apollinaire, genauer: „Die elftausend Ruten“. Man muss dieses Buch nicht lieben, um seine Rolle in der Verlagsmythologie zu verstehen. Die Ausgabe trat als „Bibliotheca Erotica et Curiosa“ auf, mit Übersetzernamen, Vorwort, Nachwort, Reihensiegel, mithin mit allem, was aus dem Anstößigen zunächst ein ordentliches bibliographisches Objekt macht. Doch das eigentliche Kabinettstück lag nicht im Buch, es lag ihm bei: ein Revers, ein kleiner Sittenpass aus der Bundesrepublik der verschlossenen Wohnzimmerschränke.
Leser-TÜV im Adenauer-Biedermeier
Da heißt es, in einem Deutsch, das noch nach Amtsstube, Ausweiskontrolle und Adenauer-Biedermeier riecht: „Hiermit versichere ich, daß ich das 21. Lebensjahr vollendet habe und Guillaume Apollinaire DIE ELFTAUSEND RUTEN ausschließlich für meinen privaten Gebrauch erwerbe.“ Der Käufer verpflichtet sich, das Buch „verschlossen aufzubewahren“, Jugendlichen unter einundzwanzig Jahren unzugänglich zu machen und es vor allem jenen Personen vorzuenthalten, „die mit Wahrscheinlichkeit zu einer objektiven Kenntnisnahme nicht in der Lage sind“. Schließlich werde er den Band weder privat noch gewerblich verleihen.
Das ist komischer als jede spätere Skandalisierung. Der Text will schützen und verrät dabei die ganze Phantasie der Gefahr. Man sieht sofort den abschließbaren Bücherschrank, die Schlüsselgewalt des Familienvaters, die pädagogische Panik, den erotischen Ausnahmezustand im Gewand einer Leihverkehrsordnung. Apollinaire wird nicht verboten; er wird unter Quarantäne gestellt. Die Bundesrepublik erfindet für die Lektüre des Obszönen eine Art Leser-TÜV.
Gerade darin liegt die verlegerische Schönheit der Episode. Rogner & Bernhard machten aus dem Buch nicht allein einen Text, sie machten aus seiner Zirkulation ein kleines Theater. Der Beileger gehört zur Aufführung. Er zeigt, wie sehr Literatur damals noch als Gegenstand mit Temperatur galt: Man konnte sie verstecken, einschließen, weiterreichen, beschlagnahmen, verleihen oder eben ausdrücklich nicht verleihen. Die Obszönität beginnt hier nicht erst bei Apollinaire. Sie beginnt bei der Vorstellung, ein erwachsener Leser müsse seine Lektürefähigkeit vorab durch Unterschrift beweisen.
Zwischen Rimbaud und Léon Bloy
Mit Matthes & Seitz verschob sich das Gestirn. Nicht mehr Marx und Benjamin gaben die heimlichen Koordinaten ab. Auch Adorno und Nietzsche, die als Hausgeister im Hintergrund weiter flackerten, erklären den Verlag nur zur Hälfte. Der eigentliche Spannungsbogen führte von Rimbaud zu Léon Bloy: vom jugendlichen Seher, der das Ich zertrümmert, zum rasenden Pamphletisten, der die Welt mit katholischer Wut überzieht. Zwischen beiden liegt jene Zone, in der Matthes & Seitz unverwechselbar wurde: Dichtung als Exorzismus, Kommentar als Angriff, Philologie als Abenteuer in gefährlichem Gelände.
Rimbaud steht für die Verwandlung des Lesens in eine optische und sprachmagische Expedition. Bei Matthes wurde er nicht domestiziert, nicht in die Schulbuchmoderne einsortiert. Er erschien als Autor, an dem sich zeigte, was Übersetzung leisten kann, sobald sie mehr sein will als Transport. Die deutschen Rimbaud-Bände aus dem Münchner Verlag trugen jene verwilderte Buchästhetik, die aus dem Gedicht ein Ereignis machte: Text, Bild, Nachwort, Umschlag, Legende. Aus der Lektüre wurde eine Szene.
Bloy wiederum gab dem Verlag eine andere Grammatik: die des Zorns, des Gegenjournalismus, der verfluchten Randnotiz. In „Der Pfahl. Jahrbuch aus dem Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft“ fand Matthes dafür eine Form, die zu ihm passte. Neun Ausgaben erschienen. Schon der Titel verriet die Herkunft aus Bloys „Le Pal“, jenem vollständig von Bloy geschriebenen Zeitschriftenprojekt, das 1885 auf fünf Hefte kam. Im Deutschen, merkt der Verlagsapparat boshaft an, wäre „Le Pal“ wohl eher mit „Das Pfählen“ wiederzugeben. Credo von Bloy: „Der Tritt in den Arsch, eine der nobelsten Regungen okzidentaler Wut, ist nichts als ein vager, fast erloschener Reflex der ehrfurchtgebietenden Tradition des Pfählens! Darum unternehme ich es, sie literarisch wieder einzuführen.“
Der Surrealismus als verschämte Romantik
Die Wurzel, aus der dieser Verlag seine wunderlichen Gewächse trieb, lag in Paris. Matthes hat den Surrealismus, diesen in Literatur, bildender Kunst und Lebenspraxis gleichermaßen ausgreifenden Aufstand, als verschämte neue Romantik des zwanzigsten Jahrhunderts gelesen. Diese Formulierung ist kostbar, weil sie den Surrealismus vom bloßen Stil befreit. Traumprotokoll, Automatismus, Collage: all das interessiert bei Matthes weniger als der romantische Rest, der in der Moderne weiterlebt, maskiert, verschoben, manchmal obszön, manchmal mystisch.
1978 wurde Matthes & Seitz in München zur neuen Adresse dieser Seitenwege. Bataille, Leiris, Artaud, Baudrillard, Klossowski: Das waren keine Autoren für den Strandkorb der Bildung. Es waren Probebohrungen in die dunklen Reserven des Denkens. Der Verlag nahm Autoren auf, deren Werke in Deutschland keine bequeme Empfangszone besaßen. Er machte aus dem französischen Zwanzigsten Jahrhundert keine Repräsentationssammlung, eher eine Gegenbibliothek. Dort standen Autoren, die wussten, dass Aufklärung auch durch Keller führt.
Der Pfahl als verlegerisches Selbstporträt
Am schönsten zeigt sich Matthes vielleicht nicht in den großen Namen, vielmehr in den Nachreden, Epilogen, editorischen Nachschüben, in jenem Bereich, den ordentliche Leser gern überblättern. Dort wird der Verleger Autor, ohne den Autor zu verdrängen. Die profunden Epiloge von Matthes in „Der Pfahl“ sind keine Nebenprodukte. Sie bilden das geheime Nervensystem dieses Projekts. In ihnen kommentiert der Verlag sein eigenes Risiko. Er erklärt nicht, er exponiert sich.
Das ist Matthes pur: ein Titel, der zugleich Folterinstrument, Satzzeichen, Zeitschriftenarchäologie und Selbstbeschreibung ist. Der Pfahl steckt im Boden und zeigt nach oben. Er befestigt und verletzt. Er markiert einen Ort und macht ihn unbewohnbar. Genau dort, im Niemandsland zwischen Kunst und Wissenschaft, wollte Matthes stehen. „Der Pfahl“ sollte keine Statistik des Zeitgeists liefern, keine journalistische Entzauberung, keinen friedlichen Salon. Er sollte die falschen Versöhnungen aufreißen, die Schwärmereien der Klugen, die Dummheiten der Gebildeten, die Sentimentalitäten der Fortschrittsgläubigen. Bloy, der alte Pamphletist, war dafür der richtige Schutzheilige: katholisch, wütend, ungerecht, grandios; ein Autor, der die Nächstenliebe in der Form der Beschimpfung praktizierte.
Der Enthusiast und der Skeptiker
Matthes ist Enthusiast und Skeptiker, eine Kombination, die im Verlag gefährlicher ist als reine Euphorie. Der Enthusiast glaubt an die Geburt eines Buches gegen alle Rechnungen. Der Skeptiker weiß, dass jedes Buch sofort in die Welt der Missverständnisse eintritt. Deshalb wirkt sein Verlegen oft wie ein Kopfstoß gegen eine Wand, auch ökonomisch. Die de-Sade-Ausgabe „Justine und Juliette“ wurde zum Triumph der philologischen Besessenheit und zum Ruinposten. Übersetzer arbeiteten weiter, obwohl die Finanzierung versandete. Die Vernunft der Betriebswirtschaft hätte abgebrochen; die Unvernunft der Literatur hielt durch.
Dass aus solchen Programmen später der Verdacht entstand, Matthes suche den Skandal um seiner selbst willen, ist die bequemste aller Deutungen. Gewiss, Irrtümer gehören in diese Geschichte, auch schwerwiegende. Das Syberberg-Buch beschädigte den Verlag, und die Kritik daran war nicht bloße Empfindlichkeit. Aber wer Matthes auf diese Akte reduziert, versteht die Logik seines Katalogs nicht. Er war kein Kurator politischer Eindeutigkeit. Er war ein Leser mit gefährlichem Vertrauen in die Produktivität des Konflikts. Der Fehler bestand dort, wo dieses Vertrauen die Urteilskraft überholte. Das Leben im Katalog ist kein Freispruch. Es ist eine schwierigere Form der Verantwortlichkeit.
Komik des pathetischen Verlegens
Man kann über solche Programme lachen, und man sollte es sogar. Matthes hat die Komik des pathetischen Verlegens nie ganz verlassen. Wer ein Bild sieht und daraufhin ein Buch sucht, das dazu passt, arbeitet nahe an der Parodie des Verlagswesens. Wer Luther noch im Bleisatz neu setzen lässt, während die digitale Welt vor der Tür die Schuhsohlen abtritt, wirkt wie ein Mönch mit Herstellungsabteilung. Wer in der Buchgestaltung ein Schicksal erkennt, riskiert das Lächeln jener Leute, die Bücher am liebsten als Datenpakete auffassen. Doch gerade dieses Lächeln schützt ihn vor der Heiligsprechung. Matthes war als Verleger kein Heiliger der Avantgarde. Er war ein sehr gelehrter Eigensinniger, zuweilen furchtlos, zuweilen töricht, oft hellsichtig.
Von München nach Berlin
Die Münchner Geschichte lief auf Grund, und Rötzers Berliner Fortsetzung hat aus dem Erbe etwas anderes gemacht: professioneller, marktgängiger, sichtbarer, mit Naturkunden, Gegenwartsliteratur, französischen, russischen, chinesischen Linien, mit Taschenbüchern, Imprints, Preisen. Aus dem autobiographischen Verlag wurde ein Verlag mit Mannschaft, Kalendern, Produktionszwängen. Rötzer berichtete einmal, er habe bei Axel Matthes gelernt, dass ein angekündigtes Buch erscheine, sobald es fertig sei; heute verlangen die Strukturen erst Monats-, dann Tagesangaben. Das klingt wie eine kleine Kulturgeschichte des Buchs im Zeitalter der Lieferkette.
Und doch bleibt im Berliner Verlag etwas von jenem ersten Glück, das Matthes 1967 empfand. Ein Buch darf erscheinen. Ein Autor, den der Betrieb übersehen hat, bekommt Gestalt. Ein Übersetzer tritt auf den Umschlag. Ein Logo aus surrealistischer Fundgeschichte, nordafrikanischer Felszeichnung, Dogon-Maske, Minotaure-Archiv und Appropriationsdebatte wandert weiter. Der Verlag ist kein Denkmal für Axel Matthes. Er ist das Überleben einer Zumutung: Lesen als Risiko, Gestaltung als Erkenntnis, Übersetzung als zweite Geburt.
Die Null als Klammer um ein Jahrhundert
Zum neunzigsten Geburtstag sollte man Axel Matthes nicht glätten, nicht verklären, nicht erneut vor das Tribunal der alten Debatten führen, als ließe sich ein Verlegerleben dort vollständig erfassen. Man sollte ihn lesen wie eine seiner Reihen: mit Misstrauen, Vergnügen, philologischer Neugier, Sinn für Abwege. Matthes hat dem deutschen Lesen eine französische Unruhe eingepflanzt, eine Lust am Rand, am Exzess, am gefährlichen Kommentar. Er hat gezeigt, dass ein Verlag nicht nur Bücher herausbringen kann, auch Temperamente, Genealogien, Obsessionen, Feindschaften, Masken.
Die Null, die zu den neun Jahren des Kindes hinzugekommen ist, macht aus dem Leser keinen alten Mann. Sie macht aus ihm eine runde Klammer um ein Jahrhundert der Bücher. In dieser Klammer stehen Poproman und Bleisatz, Apollinaire-Beileger und Bloy-Pfahl, Sade-Philologie und Rimbaud-Fieber, Marx und Benjamin, München und Berlin. Axel Matthes hat nicht einfach verlegt. Er hat gelesen, bis aus der Lektüre eine Institution wurde.
Siehe auch: „Mit dem Kopf durch die Wand“. Zum 90. Geburtstag von Axel Matthes von László F. Földényi