Zwei Fachveranstaltungen der Messe Nürnberg beschäftigten sich mit dem Kundendialog der Zukunft: die Voice Days plus und die CRM Expo. Einen Weckruf an die Denk-und Innovationsbürokraten (Wolf Lotter hat sie in der November-Ausgabe von brand eins aufs Korn genommen) sendete der Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar am ersten Kongresstag der Voice Days plus aus. Alle Unternehmensbranchen stehen vor einem radikalen Umbruch, da das Social Web den Kunden mehr Macht und Gehör verschafft. Yogeshwar unterstrich, dass die Innovationsgeschwindigkeit dramatisch steigt und die so genannten „Digital Natives“ gerade erst heranwachsen, was hohe Anforderungen an die Anpassungsfähigkeit der Wirtschaft stellt. „Mit meinem neuen iPhone habe ich das Rechenzentrum meiner Studienzeit in der Hosentasche. Mit der WDR-Sendung Quarks & Co erreichen wir rund 500.000 Podcast-Downloads im Monat. Hier erreichen wir Größenordnungen, wo wir im normalen TV-Programm als öffentlich-rechtliche Anbieter zwar sehr viele jungen Menschen verlieren, aber durch die Hintertür im Internet wieder zurückgewinnen. Das zeigt sehr deutlich, mit welchem Tempo der Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft verläuft. Wenn Sie das Gefühl haben, es ging in den vergangenen Jahren schnell, dann legen Sie den Gurt an: Es wird noch schneller“, so Yogeshwar.
Den Epochenwechsel machte der Wissenschaftsjournalist an zwei Bildern des Malers Vermeer fest, die im Abstand von einem Jahr entstanden. Das Werk mit dem Titel „Der Astronom“ aus dem Jahr 1668 zeigte noch eine Welt, in der Menschen etwas betrachten.
„Der Astronom wagt nicht, etwas zu verändern. Ein Jahr später entsteht ‚Der Geograph‘, der aktiv gestaltet und am Fortschritt arbeitet sowie das Schicksal in die eigenen Hände nimmt. Es gibt viele Kunsthistoriker, die sagen, dass es sich um ein Scharnierbild handelt. Es dokumentiert den gesellschaftlich-kulturellen Wandel dieser Zeit. Von einer kontemplativen Welt zu einer Epoche, die Dinge tut. Meine These ist, wenn Vermeer noch leben würde, müsste er heute ein drittes Bild malen, denn wir leben in einer Zeit, die wieder einem Scharnier entspricht“, sagte Yogeshwar in Nürnberg.
Fortschritt sei im 17. Jahrhundert noch sehr langsam verlaufen. Das war eine Geschichte, die von einer Menschengeneration zur nächsten übermittelt wurde. Das ist ein großer Unterschied zu heute. Jeden Tag werden weltweit 20.000 wissenschaftliche Abhandlungen publiziert, jede Minute gibt es irgendwo auf der Welt eine neue chemische Substanz, die synthetisiert wird, alle drei Minuten gibt es eine neue physikalische Erkenntnis. Und das Tempo legt zu“, prognostizierte Yogeshwar.
Konsum, Produktion und Dienstleistungen seien mittlerweile weltweit abrufbar und jeder sollte sich fragen, ob das eigene Business in Zukunft woanders besser, schneller und günstiger gemacht werden kann. Mobilität zähle zum Megatrend der nächsten Jahre. „Wir werden zunehmend Kunden haben, die nicht mehr lokal verpflanzt sind, sondern sich permanent neu organisieren. Es sind intelligente Kunden, die sich nicht mehr abspeisen lassen. Sie sind besser informiert, sie sind schneller, kritischer und sie kommunizieren in einer völlig anderen Weise“, erklärte Yogeshwar. Noch nie zuvor sei derart viel erfunden worden. Das Telefon brauchte rund 100 Jahre, bis es sich durchsetzte. Auf ein Ferngespräch nach Indien wartete Yogeshwar früher noch 48 Stunden und wenn die Leitung zustande kam, mussten seine Eltern schreien, um sich verständlich zu machen.
„Das Medium Internet wächst in einer Dynamik, die man nicht mehr verstehen kann. Wer meint, das Internet zu verstehen, liegt falsch. So hat die Distribution in der Musikindustrie einen Einbruch von 30 Prozent erlebt. Und man darf sich fragen, ob der Job des Verlegers ein Auslaufmodell ist. Die letzte Wetten, dass-Sendung hatte gut elf Millionen Zuschauer und zählt zu den Einschaltquoten-Champions. Die Jeff Dunham-Show ist viel bekannter. Sein Internet-Video ‚Ahmed the Dead Terrorist‘ hat über verschiedene Internetkanäle allein in England 96 Millionen Downloads erreicht. Die Musik spielt nicht mehr bei ‚Wetten, dass‘, die Musik spielt im Web“, meint Yogeshwar. Den kompletten Vortrag findet Ihr hier als Audiodatei. Yogeshwar für die Ohren:
Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer hadert mit seinem Berufsstand und sinniert über die Zukunft des klassischen Journalismus: „Es ist verständlich, dass sich mancher Kollege entwurzelt fühlt in diesen Tagen. Nichts scheint mehr so zu sein, wie es damals war. Und nicht mal dem eigenen Arbeitgeber scheint man vertrauen zu können, brachiales Vorgehen des Managements gegenüber Redaktionen sind nicht Ausnahme, sondern Regel geworden. Und um es klar zu sagen: So springt man nicht mit Menschen um. Doch es ist auch absehbar: Mit der bisherigen Arbeitsweise kommen wir Journalisten nicht weiter. Die Welt hat sich geändert – und wir uns nicht genügend mit“, bemängelt Knüwer in seinem Blog „Indiskretion Ehrensache“ http://blog.handelsblatt.de/indiskretion/eintrag.php?id=1981.
Viele Kollegen würden sich mit verwunderlicher Vehemenz weigern, überhaupt nur einen Blick zu werfen in die neuen Wege der Kommunikation. „Sie melden sich nicht mal unter falschem Namen bei StudiVZ, Facebook, Myspace oder Twitter an. Natürlich kann man der Meinung sein, all diese Dienste seien nur vorübergehende Mode. Doch selbst dann gehört es doch zu den journalistischen Pflichten, sich anzuschauen, was den Zeitgeist gerade umtreibt. Behauptet nicht jede Journalistenschule, ‚Neugier’ sei eine Berufstugend“, fragt sich Knüwer.
Die Verschiebung in der Kommunikation werde bleiben. „Und damit stehen viele Journalisten vor ihren möglichen Lesern wie Menschen, die sich nach Erfindung des Telefons weigern, dieses zu benutzen, weil es das Leben so hektisch mache – Briefe würden auch reichen. In diesen Tagen, Wochen, Monaten aber beginnen junge Menschen ihre berufliche Karriere, die so selbstverständlich über Social Networks, Blogs und Kurznachrichtendienste kommunizieren wie unsereins einst mit dem Telefon. Wie sollen wir ihnen die Welt einordnen, wenn wir uns in einer ganz anderen Galaxie bewegen? Noch dazu brauchen wir ihre Hilfe. Denn wie sollten immer kleiner werdende Redaktionen eine immer komplizierter werdende Welt einordnen – noch dazu immer schneller? Wir Journalisten müssen erkennen: Jeder Mensch ist Experte in irgendetwas. Gelingt es uns, gemeinsam mit diesen Experten zu recherchieren, wird unsere Arbeit besser werden, als je zuvor. Nur: Dafür müssen wir deren Kommunikationswege nutzen“, so Knüwer. Viele, viele seiner Kollegen müssten eine geistige 180-Grad-Wende vollführen.
Leicht werde das nicht. Und Hoffnung auf eine Kehrwendung hat Knüwer nicht. Vielleicht verwechselt der selbsternannte Online-Guru auch Eitelkeit mit Internetkompetenz. So kommentiert es jedenfalls der Gegen-Blogger Sönke Iwersen, der „pikanterweise“ aus derselben Redaktion stammt, wie FAZ-Redakteur Christian Geyer süffisant bemerkt.
„Lieber Thomas, bei aller kollegialer Zurückhaltung: mir ist kein Journalist bekannt, bei dem Selbstdarstellung und Realität derart auseinanderklaffen wie bei Dir. Vielleicht könntest Du die permanente Selbstbeweihräucherung mal kurz unterbrechen und erklären, warum Deine fantastische Verdrahtung über Xing, Facebook, Twitter und Co. so wenig journalistischen Mehrwert bringt. Wenn es tatsächlich so wäre, dass diese Kommunikationswege neue Infos erschließen – warum kommen die Scoops im Handelsblatt dann nicht von Dir, sondern immer von anderen Kollegen? Man kann Dir oft dabei zusehen, wie Du selbst in Konferenzen ständig mit Deinem Telefon herumdaddelst. Vielleicht twitterst Du nur grad, dass Du grad gern einen Keks essen würdest – wer weiß das schon. Jedenfalls führt das Ganze nicht dazu, dass Du das Blatt laufend mit Krachergeschichten füllst“, kritisiert Iwersen.
Bieterkampf bei Yahoo? Neues vom Telekomskandal? Untergang von Lycos? „Das alles wären doch Themen, zu denen Dir, dem hyper-vernetzten Journalisten, die Insidernachrichten zufliegen könnten. Tun sie aber nicht. Stattdessen stellst Du gern mal eine Nachricht als exklusiv vor, die morgens schon über Agentur lief oder in der New York Times stand. Ich verstehe einfach nicht, warum Du ständig diejenigen Kollegen runtermachst, von deren Geschichten Du selbst lebst“, kontert Iwersen. Eine große Zahl der Blogeinträge basiere auf Artikeln von Kollegen, „zu denen Du dann einfach Deinen Senf dazugibst. Ohne die von anderen recherchierten Grundlagen hättest Du da nichts zu schreiben. Du behauptest, die Journalisten müssten sich ändern und meinst damit wohl, sie müssten so werden wie Du. Es ist aber so, dass die meisten Kollegen gar kein Interesse daran haben, Nachrichten einfach nur wiederzukäuen, so wie Du. Es ist Dir ja unbenommen, in Deinem Blog eine Art Resteverwertung zu betreiben. Aber bitte verkauf das nicht als Zukunft des Journalismus“, kritisiert Iwersen und liefert unfreiwillig einen Beweis für die Kommunikationskraft der vernetzten Welt. Ohne den offen ausgetragenen Blogger-Zoff der Handelsblatt-Schreiber würden wir niemals einen so tiefen Einblick in den Redaktionsalltag klassischer Medien bekommen.
Und unabhängig von den internen Querelen zweier Zeitungsjournalisten über Recherchekompetenz, Schreibqualitäten und Agenda Setting-Storys stehen wir vor einem Paradigmenwechsel, den der Soziologe Niklas Luhmann mit seiner Old School-Zettelkasten-Arbeitsweise schon in den 1990er Jahre prognostizierte – ohne jemals in seinem Leben eine Computer-Tastatur berührt zu haben: Alle drei kulturellen Umbrüche, die der Schrift, des Buchdrucks und des Computers, stellt man sich am besten als „Katastrophen“ im mathematischen Sinne vor, als brutale Sprünge, die es einem System ermöglichen zu überleben, wenn es eigentlich aufhören müsste zu existieren.
Das System reagiert auf das Auftreten einer Störung, die alle seine Parameter überfordert, indem es auf eine neue Zustandsebene springt. Geschriebene oder gedruckte Texte machen es unmöglich, sich auf der Sachebene zu einigen, gerade weil sie dies versuchen und es deswegen so viele von ihnen gibt. Stattdessen einigt man sich auf der Ebene, zu beliebigen Sachen unterschiedliche Texte zuzulassen. Man streitet nicht darum, als Beobachter Recht zu haben, sondern man akzeptiert sich als Beobachter, der je nach der gewählten Unterscheidung manches sieht und vieles übersieht.
Mit der Computerkommunikation wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch Unbekanntheit der Quelle. Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten.
Die moderne Computertechnik greift auch die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Zudem verlieren die klassischen Massenmedien ihre Selektionsmacht. Bislang war die redaktionelle Arbeit Mangelverwaltung. Die technische Verbreitungskapazität von Presse, Hörfunk und Fernsehen allein reichte nicht aus, um jedem, der etwas öffentlich mitteilen wollte, die Möglichkeit dafür einzuräumen: „Es gab schlicht nicht genügend Sendezeit, Frequenzen, Druckseiten und Zeitungsausgaben. Der Nachrichtenstrom musste in ein Rinnsal verwandelt werden“, schreibt Christoph Neuberger in einem Beitrag für den Sammelband „Die Google-Gesellschaft“.
Redaktionen, Verleger und Intendanten konnten bestimmen, welche Nachrichten und Meinungen veröffentlicht werden. Sie begleitete stets der Argwohn, dass sie ihre ‚Gatekeeper-Rolle’ nicht neutral ausüben, sondern missbrauchen. Während Unternehmen und Verbände ihren Einfluss auf den Journalismus durch PR-Strategien geltend machen konnten, waren nicht organisierte Interessen, Minderheiten oder Mehrheiten darauf angewiesen, dass der Journalismus sich ihrer Anliegen annahm.
Die kulturelle Katastrophe der Computer-Kommunikation ist noch in vollem Gange. Antworten haben weder Knüwer noch Iwersen. Vielleicht sollten sich beide einfach mal mit der Kommunikationswucht des Luhmannschen Zettelkasten beschäftigen, um sich gegenseitig mit neuen Erkenntnissen zu überraschen und die Unwägbarkeiten des Netz-Zeitalters zu verstehen.
Zur technischen Ausstattung des Soziologen-Zettelkastens gehörten noch hölzerne Kästen mit nach vorne ausziehbaren Fächern und Zettel im Oktav-Format. Alle Zettel hatten eine feste Nummer – es gab keine systematische Gliederung. Luhmanns Zettelkasten war also nicht systematisch geordnet. „Es gibt also keine Linearität, sondern ein spinnenförmiges System, das überall ansetzen kann. In der Entscheidung, was sich an welcher Stelle in den Zettelkasten hineintue, kann damit viel Belieben herrschen, sofern ich nur die anderen Möglichkeiten durch Verweisung verknüpfe“, sagte Luhmann. Seine Ideen ergaben sich aus den verschiedenen Kombinationsmöglichkeiten der Zettel zu den einzelnen Begriffen. „Insofern arbeite ich wie ein Computer, der ja auch in dem Sinne kreativ sein kann, dass er durch neue Kombination eingegebener Daten neue Ergebnisse produziert, die so nicht voraussehbar waren“, so Luhmann.