Das Netz der Konspiration – Über die Verschwörung der Facebook-Freunde #FAZ

Gerüchte im konspirativen Netz
Gerüchte im konspirativen Netz

Mathias Müller von Blumencron, der FAZ-Mann für das digitale Geschäft, sorgt sich in einem Leitartikel seiner Zeitung um die Wahrheit. Eine Wahrheit habe sich in den vergangenen Jahrtausenden wohl durchgesetzt. „Wirklich ist, wo man gerade steht“, so die Blumencron-Erkenntnis.

Aber dann kam die digitale Revolution und erschütterte diesen Geist des Pragmatismus. Die unendliche Erreichbarkeit von Wissen mündet nicht automatisch in Wissen – eine simple Wahrheit, die schon beim Besuch einer analogen Bibliothek den Gelehrten klar wurde.

Das Internet als Empörungsmaschine

Das Internet hat aber nach Meinung des FAZlers noch viel mehr bewirkt. Es mutierte in den vergangenen Jahren zu einer gewaltigen Empörungsmaschine, einer Gerüchteschleuder, zu einem Propagandavehikel für jede noch so obskure Theorie:

„Die eingebildete Wahrheit verdrängt die Fakten, eine scheinbare Welt die Realität.“

Aus einem Medium der Information werde ein Vehikel der Desinformation. Wer suchet, der findet für jede noch so abwegige Ansicht eine Theorie.

„Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Mondlandung inszeniert worden sei. Es gibt Zehntausende, die glauben, dass die klaffenden Einschlaglöcher im World Trade Center zu schmal für die Flugzeuge gewesen seien, die sie aufgerissen haben. Und es gibt Zehntausende, die glauben, dass die Täter von Paris nicht radikale Islamisten gewesen seien, sondern westliche Islam-Hasser“, schreibt Blumencron.

Dieser Glaube sei der Feind von nüchternen Fakten.

Facebook als unüberprüfbare Gerüchteküche

„Ausgerechnet in einer Zeit, in der es das Publikum besser wissen müsste, gewinnen allerorten Bewegungen der Unvernunft an Einfluss, die ohne ihre eigenen Informationskanäle im Netz kaum denkbar wären.“

Über Jahrhunderte sei es üblich, dass Informationen einen Absender hatten. Die griechische Agora, der Marktplatz, später die Zeitung, Radiosender, Fernsehen, die Website oder ein Blogger „waren“ eindeutig identifizierbare Orte der Information. Mit Facebook als Betriebssystem des Internets ist das nun nicht mehr so, glaubt Blumencron. Ein Drittel der Amerikaner informiere sich primär über soziale Medien und auch Deutschland würde sich dorthin entwickeln.

„Infofetzen fliegen heute vor den Netznutzern entlang wie Herbstlaub im Sturm. Woher sie eigentlich kommen, von welchem Baum sie stammen, ob sie authentisch oder manipuliert sind, ob sie sauber recherchiert oder mehr oder weniger geschickte Propaganda sind, lässt sich immer weniger feststellen. Und es scheint auch eine immer geringere Rolle zu spielen.“

Wichtiger sei der Empfehler oder der virtuelle Kurator – also der Facebook-Freund, dieser flüchtige Geselle. Die Algorithmen der Social Web-Plattformen würden das noch über die Filterbubble-Effekte befördern. Man landet mit mathematischen Formeln im Schwarm der Weltverschwörer. Das Internet schütze nicht die Freiheit und gebiert auch nicht die Wahrheit. Aber welche Wahrheit ist nicht konstruierte Realität – egal, ob sie von Profijournalisten, Experten oder Laien kommuniziert wird? Was der besorgte FAZ-Mitarbeiter geschrieben hat, klingt wie die vornehme Variante der Klagerufe von Verlegern, die das Mitmach-Web als Toilettenwand des 21. Jahrhunderts deklassieren wollten.

Nach Einschätzung des Soziologen Dirk Baecker ist Blumencron nur darum bemüht, seine eigenen Thesen zu beweisen. Er schleudere Gerüchte (über das Internet), produziert Desinformation (über das Internet) und beweist, dass noch lange nicht jedes Wissen (etwa die Artikel-Weisheiten des FAZlers) der Wahrheit entspricht.

„Alle Formen der ebenso produktiven wie kritischen Vernetzung unter Wissenschaftlern, Familienmitgliedern, Politkern und politisch Bewegten, Gläubigen und Predigern, Käufern und Verkäufern (Endkonsumenten wie Geschäftsleuten) entgehen dem geschätzten Autor“, so Baecker.

Die nicht überprüfbaren Gerüchte des analogen Zeitalters

Das Problem sind nach Meinung des Soziopod-Bloggers Partrick Breitenbach nicht die zirkulierenden Gerüchte und Verschwörungstheorien, denn die gab es vermutlich schon seit Beginn der menschlichen Aufzeichnungen.

„Man denke nur an die berühmten ‚Protokolle der Weisen von Zion‘, die gerade durch eine monolithische Medienkultur der gedruckten Wahrheit für eine breite Akzeptanz einer kruden Weltverschwörungstheorie damals bis heute wirkte. Ein Buch hatte entsprechendes Gewicht. Das gedruckte Wort galt zunächst als unantastbar, genoss als Medium hohe Reputation und war natürlich relativ schwer und sehr spät korrigierbar. Die Herausforderungen heute liegen ganz woanders. Gibt es so etwas wie die einzige objektive Wahrheit überhaupt? Kann die Stimme eines einzelnen Experten oder Journalisten die komplexe Wirklichkeit, die wir in Summe als solche wahrnehmen, überhaupt abbilden? Genau diese Erwartungen haben die meisten Leser an ‚ihr Medium‘. Es gibt einen Paradigmenwechsel, den die neue Technologie der Kommunikationsvernetzung angestoßen hat, nämlich die Frage nach der einzig wahren Wahrheit selbst.“

Genauso relevant ist die Frage, wie viel Desinformation in der Zeit vor dem Internet unerkannt durchgeschlüpft ist. Schließlich würden sich besonders die aktuellen Verschwörungstheorien auf „alte“ Buch-Quellen berufen.

„Die Kunstfertigkeit der gezielten Wirklichkeitsverformung existiert spätestens seit Edward Bernays Werk „Propaganda“. Auch sie wurde Schwarz auf Weiß im Jahre 1928 gedruckt. Darin beschreibt Bernays als erster namhafter PR-Experte ausgiebig die aus seiner Sicht notwendigen Machenschaften von findigen Public Relation Experten zur aktiven Steuerung einer Demokratie im Sinne von damals herrschenden Eliten in Politik und Wirtschaft.“

Und dabei spielte immer auch die Kriegspropaganda eine große Rolle.

„Wenn wir uns das bewusst machen, so sollten wir uns täglich aufs Neue die Frage stellen, ob das Internet, als neue Informationsinfrastruktur, tatsächlich ein Fluch der freien offenen Gesellschaft ist oder vielmehr zugleich auch die Chance beinhaltet, durch ein permanentes Aushandeln, Abgleichen und Korrigieren den Nährboden für totalitäre Machenschaften einiger weniger Mächtigen zu entziehen. Richtig ist jedoch, dass das Tempo und die Dynamik zugenommen haben, in der sich offensichtlich bereits eindeutig falsifizierte Informationen verbreiten. Schließlich besteht auch die traurige Einsicht, dass Menschen schon immer nur das gelesen haben, was sie im Grunde ihres Herzens und aufgrund ihrer Sozialisation am Ende lesen wollten“, erläutert Breitenbach gegenüber The European. Oder in den Worten von Albert Einstein: „Es ist einfacher ein Atom zu spalten als ein Vorurteil.“

Journalismus im permanenten Korrektur-Modus

Wir sollten uns eher an den neuen Zustand einer unsicheren Unwirklichkeit gewöhnen und offen sein für einen neuen Journalismus, der nie vollständig abgeschlossen sein wird und stärker denn je auf die Wirkmächtigkeit der Korrektur setzen muss.

„Das gedruckte Wort ließ damals weder eine nachträgliche Korrektur noch den Raum für zusätzlich hinzugefügten Kontext zu. Das Internet hingegen hat technologisch jede Menge Raum für genau das. Gerade ältere Artikel müssen kontinuierlich revidiert werden, denn sie sind die Quellen für morgen. Das Korrektiv ist zum Teil der Leser selbst, sie müssen nur einerseits mit glaubwürdigen und vertrauensvollen Quellen und Links versorgt werden und andererseits sicher sein, dass veraltete Artikel immer wieder auch auf Richtigkeit überprüft werden, um gerade den Diskurs im Ganzen entsprechend auszubalancieren“, fordert Breitenbach.

Die konspirativen Facebook-Freunde sind nicht die Ursache für die zirkulierenden Gerüchte und Desinformationen:

„Das Vertrauen bröckelt deshalb, weil unterbezahlte und unter Zeitdruck handelnde Profi-Journalisten zunehmend unter den ökonomischen Druck geraten und gezwungen werden, Nachrichten aus Quellen unreflektiert abzuschreiben, um mit dem erhöhten Takt der täglichen ‚News‘ Schritt halten zu können. Zeit für Gründlichkeit ist somit zum wichtigsten Vertrauensgut geworden“, sagt Breitenbach.

Im Prinzip müsste der Journalismus funktionieren wie die digitale Arbeitsweise des SZ-Redakteurs Dirk von Gehlen bei seinem Buchprojekt „Eine neue Version ist verfügbar“ oder „Alles fließt“.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne.

Und Qualitätsmedien tun sich wohl auch etwas schwer, Inszenierungen und Manipulationen zu bemerken und einzugestehen.

Wichtige Frage von Richard Gujahr: Journalisten sind in der digitalen Welt wichtiger denn je. Sie prüfen, bewerten, ordnen ein. Professionelle Autoren werden immer gebraucht. Doch was, wenn das gar nicht stimmt?

200 Kolumnen, vier Jahre Non-Stop dabei: Liebwerteste Gichtlinge für @theeuropean

Spöttischer Geist François Rabelais:  Geistiger Vater der liebwertesten Gichtlinge!
Spöttischer Geist François Rabelais: Geistiger Vater der liebwertesten Gichtlinge!

Der stellvertretende Chefredakteur Florian Guckelsberger vom Debattenmagazin The European machte mich eben darauf aufmerksam, dass meine gestrige Kolumne die stolze Zahl 200 trägt.

„Großartig! Die Kolumne selbst hat in unserem Backend die ID 7, dein erstes Stück ist vom 21.01.2011 (http://www.theeuropean.de/gunnar-sohn/1227-paternalismus-und-deutsche-internet-provinz) und damit bist Du fast vier Jahre Non-Stop dabei. Deshalb: Vielen lieben Dank für die Zeit, Mühe und das Engagement für The European! Wir beginnen gerade mit der Planung für 2015 und wenn es nach mir geht, werden wir einen Abend für alle Kolumnisten haben und einladen. Mehr, wenn es soweit ist.“

Ein Kolumnisten-Abend wäre wirklich mal überfällig, um alle anderen Kollegen persönlich kennenzulernen. Zudem könnte ich mich persönlich bei Alexander Wallasch bedanken für seine Eloge zum 200. Jubiläum:

„Das ist natürlich gemessen am Zeitfenster schon quantitativ eine Meisterleistung. Nimmt man nun noch die Qualität Ihrer Arbeit Woche für Woche, bewegt man sich ganz schnell im Bereich weiterer Superlative. Noch viel mehr, wenn man nüchtern feststellen muss, das Sie alles andere sind, als ein Haudrauf-Kolumnist. Beitrag für Beitrag ist eine Akribie – eine große Sorgfalt – lesbar, die im Vergleich mit Anderen im positivsten Sinne etwas anachronistisches hat. Schaut man sich nur beispielsweise ihre erste Arbeit aus dem Jahre 2011 an, dann weht da etwas angenehm herüber aus einer seltsam monochromen Welt. Da liest man von der Aufforderung, ‚Jeder Schüler sollte einen Computer an seinem Arbeitsplatz haben. Mit ausgeklügelten Lernsystemen könnten Lehrer den Wissensstand jedes Schülers genauer analysieren‘ – Damals eine kluge Forderung, die heute durchaus erfüllt ist (nicht ganz, gs). Mehr noch: Lehrer hecheln heute technisch ihren Schülern hinterher, wie die Katze der Maus.“

Und es kommt noch besser 🙂

„Übrigens: Ihre fundierten und qualitativ regelmäßig auf höchstem Niveau rangierenden Kolumnen sind in den Jahren zu so etwas wie einem Anker auch für alle anderen Kolumnisten des ‚The European‘ geworden. Ist es doch Ihre qualitative Kontinuität, die es uns anderen erlaubt, immer wieder mal über die Stränge zu schlagen.“

Oh, oh. Was Alexander da schreibt, macht die Sache für mich in Zukunft sicherlich nicht einfacher. Ein schöner Anreiz und Ansporn für weitere Glichtlings-Werke. Im nächsten Jahr möchte ich meine Schreibarbeiten bekanntlich in eBook-Form herausbringen.

Das gehe ich aber erst nach den Weihnachtsfeiertagen an. So mit Leser-Kuratierung via Hangout on Air und Ideen für die Präsentation. Schließlich stimme ich ja der Auffassung von Christiane Frohmann zu, eBooks stärker als eigenständiges Genre aufzufassen. Nachzulesen in einer meiner Mittwochskolumnen.

Bis zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr soll das fertig werden. Wird knapp – aber mit den 200 Kolumnen sollte genügend Stoff für ein amüsantes und lesenswertes Opus vorhanden sein. Das eine oder andere Stück muss ein wenig überarbeitet werden und eine eine thematische Sortierung wäre nicht schlecht.

Meine Gichtlingsarbeit geht weiter und ich freue mich schon auf die Schreibarbeit für die nächsten 200 Kolumnen 🙂

Erlauchte Zecher und liebwerteste Gichtlinge als eBook: Kuratoren gesucht #Streamcamp14

Rabelais

“Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?” – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Im Dezember 2014 durchbreche ich die Schallmauer von 200 Beiträgen und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Höchste Zeit für eine Auflistung im Sinne des Schriftstellers Umberto Eco: Ein Vademecum wider die Vergesslichkeit – vor allem meiner eigenen. Über was habe ich in den vergangenen Jahren so alles geschrieben. Eine Auswahl des Guten, Schönen, Kritischen, Überraschenden, Erfolgreichen und der publizistischen Flops. Denn auch jeder Niederlage und Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne, wie es Hans-Magnus Enzensberger ausdrückt. Während der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch vergisst, hält sich die Erinnerung an einen Flop Jahre oder gar Jahrzehnte mit geradezu blendender Intensität.

„Außerdem entfalten Flops eine therapeutische Wirkung: Sie können berufsbedingte Autorenkrankheiten wie Kontrollverlust und Größenwahn wenn nicht heilen, so doch milden“, erläutert Enzensberger in seinem Suhrkamp-Opus „Meine Lieblings-Flops“.

Subtile Jagd nach Sätzen

Aber ich möchte nicht nur eine Revue von gescheiterten Kolumnen präsentieren, sondern mich auch auf die subtile Jagd nach dem einen Satz oder Wort begeben, in dem das Wesentliche eines Beitrags kondensiert. Es könnte gar eine versteckte Schlüsselbotschaft sein, die mir selbst beim Schreiben vielleicht gar nicht so bewusst war. Denn letztlich lebt das Geschriebene nur durch den Leser. „Mir fehlt die objektive Distanz. Meine Phantasie ergänzt, was dasteht, zu dem, was dastehen sollte“, so das Credo des Schweizer Autors Hermann Burger. Der Autor erfährt seinen Text im Gespräch. Deshalb ist dieses Gespräch sein wertvollstes Instrument. Nicht nur Publizisten sollten sich dazu bequemen, Fragen zu stellen, statt immer nur Fragen zu beantworten. Es geht nicht nur darum, alles in Frage zu stellen. Man sollte bereit sein zum offenen Gespräch, ohne die Demontage des eigenen Weltbildes zu fürchten.

Leserdialog ohne inhaltsleeres Schaumbad

Schaumbäder des inhaltsleeren Diskurses gibt es genügend. Echte Gespräche sind eher selten. Auf dem Streamcamp in München am kommenden Wochenende möchte ich den Dialog mit den Lesern beginnen, denen ich die Autorität von strengen Kuratoren zuweisen möchte, um pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2015 die Liebwertesten Gichtlinge-Kolumnen in einem eBook zu verewigen. Bei einem Livestreaming-Barcamp versteht es sich von selbst, die Gespräche live via Hangout on Air zu übertragen. Und auch in den kommenden Wochen und Monate werde ich den Diskurs mit den Kuratoren netzöffentlich führen. Das kann dann ab und zu in meiner Bibliothek bei Kaffee und Kuchen ablaufen, also so eine Art Gichtlings-Lesezirkel oder eben virtuell.

Was am Ende herauskommt, ist mehr als eine Bestenliste meiner The European-Artikel. Es stecken auch die Gedanken der Kuratoren im eBook. Schließlich sollte sich der digitale Content vom gedruckten Buch unterscheiden, wie es die eBook—Verlegerin Christiane Frohmann auf der Frankfurter Buchmesse ausführte.

eBook-Formate ausreizen

Vielleicht entsteht die nächste Literatur nicht nur über Twitter, weil hier lesend und schreibend mit Geräten experimentiert werde, wie es @stporombka formuliert, sondern auch über virtuelle Live-Dialoge.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie weit eBook-Formate ausgereizt werden können. Funktioniert das Social Reading-Konzept der Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Christoph Kappes? Sollte man eBooks aus dem Gefängnis von Lesegeräten und Apps befreien? Welche Rolle könnten Video und Audio dabei spielen und, und, und?

Rabelais

eBook-Produktionen standen bislang nicht auf meiner Agenda. Das wird sich jetzt ändern. Und die liebwertesten Gichtlinge, die sich als Kuratoren für meine Publikation zur Verfügung stellen, werden bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Man hört und sieht sich am Wochenende auf dem Streamcamp in München. Dann werden wir den Kuratoren-Fahrplan für das eBook konkretisieren.

Übrigens: Meck-Pomm twittert nicht mehr. Betrüblich. Dann wird es auch nichts mit dem Kuratieren.

Was Nutzer in sozialen Netzwerken teilen – und warum? Videos liegen ziemlich weit hinten. Das muss sich ändern.

Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, alternativlose GroKo-Schwätzer, NSA-Spitzel,

Rabelais
Rabelais

ganzheitliche Esoterik-Schwurbler und Verbotsapologeten, Euer Schelmenzeug erfüllt mich mit Gestank, wie falscher Klang, verstimmt ein Geig, Euer Schelmenzeug.

Der Leitfaden meines Geschreibsels ist bekannt: Antihierarchie, Infragestellen der Autorität, Offenheit, fröhliche Anarchie und die Verspottung aller Dogmen im Geiste des sinnfrohen Renaissance-Dichters Francois Rabelais. Das Freidenkertum des spöttischen Autors ist heute wichtiger denn je, da sich mit der GroKo ein in der Geschichte der Bundesrepublik bisher nicht erlebtes politisches Machtzentrum abzeichnet, wie es der CDU-Politiker Kurt Biedenkopf in einem bemerkenswerten Handelsblatt-Gastbeitrag ausgedrückt hat:

„Es spricht dem Grundsatz der Gewaltenteilung Hohn. Mit ihm werden Parlament und Regierung zu einer Einheit verschmolzen, die nicht länger mit einer wirksamen parlamentarischen Opposition rechnen muss.”

Ausführlich mit allen Verwünschungen für das neue Jahr in meiner Neujahrskolumne für das Debattenmagazin „The European“ nachzulesen. Man hört und sieht sich spätestens 2014.

Über Powerpoint-Technokraten und pseudo-rationale Zahlenspielereien #djv_bo

Business-Weisheiten mit Eselsohren
Business-Weisheiten mit Eselsohren

Führungskräfte in Organisationen umgeben sich gerne mit Mythen der Rationalität und konstruierten Kausalketten, um ihre Entscheidungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Zufall, Glück und Unberechenbarkeit sind die natürlichen Feinde des allwissenden Dirigenten in Politik und Wirtschaft. Der Glaube an Kontrolle und Steuerung zählt dennoch hartnäckig zum Bullshit-Einmaleins der Positionselite, um am Ruder zu bleiben. Oder in den Worten des Philosophen Harry G. Frankfurt: Bullshitting lässt den Klugscheißer klug erscheinen und sei immer dann unvermeidlich, wenn die Umstände es erfordern zu reden, ohne zu wissen worüber.

„Der magische Glaube muss in Organisationen durch Beschwörungen, Zeremonien, Mythen und Legenden des Erfolgs gefestigt werden“, schreibt der Organisationstheoretiker Professor Günther Ortmann in seinem Opus „Die Kunst des Entscheidens“ (Verlag Velbrück Wissenschaft).

Zweifler und Skeptiker stören die Aura pseudo-rationaler Entscheidungen – sie werden abserviert.

Benedikt Herles, der zur jungen Wirtschaftselite des Landes zählte, hat das hautnah miterlebt und im Interview mit Spiegel Online sowie in seinem neuen Buch „Die kaputte Elite – Ein Schadensbericht aus unseren Chefetagen“ (erschienen im Knaus Verlag) ausführlich erläutert:

„Leistung ist in diesem System die einzige Religion. Wer das Risiko scheut, überlebt am besten. Die Leute sind ängstlich und brutal ehrgeizig, Statussymbole sind ihnen wichtig. Und man muss technokratisch veranlagt sein, sonst langweilen einen die Analysen und scheinrationalen Prognosen.“

Wichtig ist nur Powerpoint-Schaumschlägerei. Bei einem einstündigen Meeting kommen dann auch schon mal bis zu 100 Folien an die Wand.

„Die wichtigste Regel: Es darf nichts zittern. Alles muss auf den Millimeter exakt formatiert sein. So mancher Manager schaut sich die im Jargon ‚Decks‘ genannten Präsentationen im Schnelldurchlauf an. Das muss astrein aussehen“, sagt Herles gegenüber Spiegel Online.

In der digitalen Sphäre ist es sogar noch schwieriger, den Schein von Planung und Ratio zu wahren:

„Alle Thesen und Prognosen, die wir in der Vergangenheit aufgestellt haben, sind nicht in Erfüllung gegangen“, so der ernüchternde Rückblick von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Zeit Online“, auf seine 23-jährige Berufserfahrungen mit Internet-Trends. „Nichts von dem, was wir prognostiziert haben, ist wahr. Nur eine einzige These ist übrig geblieben und die lautet: Alle Thesen im digitalen Journalismus sind falsch.“

Dennoch gibt es eine Sehnsucht nach einfachen und allgemein gültigen Thesen, die immer wieder in die Öffentlichkeit geblasen werden – was wohl am schlechten Gedächtnis der Thesenautoren liegt. Wegner benennt einen Springer-Vorstand, der beklagte, dass es in den frühen Tagen des World Wide Web nicht gelungen sei, eine Bezahlinfrastruktur zu etablieren. Solche Leute saßen damals wohl in Meetings ihrer Kinderkrippe. Es gab ein Wettrennen zwischen AOL mit geschlossenen, kostenpflichtigen sowie exklusiven Medieninhalten und dem freien Internet.

„Das offene Internet hat damals gewonnen. Alle Online-Verlagsmodelle dieser Zeit sind gescheitert, wenn sie Geld verlangt haben“, erläutert Wegner bei seinem Eröffnungsvortrag auf dem Besser-Online-Fachkongress des Deutschen Journalisten Verbandes in Mainz.

Selbst Internet-Guru Howard Rheingold, der den Begriff der virtuellen Gemeinschaft prägte, ist grandios gescheitert. Er habe, so Wegner, für sehr viel Geld eines japanischen Risikokapitalgebers bewiesen, dass Communities kein Geschäftsmodell sind. Das Projekt hieß Electric Minds. Auch Wegner war davon überzeugt, mit Community-Projekten kein Geld machen zu können. Einige Internet-Blasen später kam dann Mark Zuckerberg mit Facebook und mittlerweile sei der Community-Redakteur wieder ein gefragter Beruf.

Dann gebe es da noch Apple.

„Das ist eine Firma, die nach unseren Thesen alles falsch gemacht hat – genau deswegen ist sie vielleicht so erfolgreich. Die Firma wird diktatorisch geführt, ist verschlossen bis zur Paranoia und ignoriert jegliche Marktforschung – sagen sie das mal einem Verleger. Apple betreibt eine komplett geschlossene Plattform, kultiviert einen Kontrollwahn, setzt nicht auf Open-Source-Standards. Apple ist eigentlich böse und wird dafür geliebt. Und Apple will Geld für Content“, führt Wegner weiter aus, der mittlerweile weghört, wenn sich Experten gegenseitig das Netz erklären.

Er ist thesenmüde, was allerdings zu einer anderen Form von Wachheit führt. Zu einer Wachheit, die genau beobachtet, was jetzt und hier passiert. Diese Thesen-Aversion führt zur Konzentration auf das, was ist. Alle drei Monate passieren Sachen, wo man sich grundsätzlich fragt, ob der eingeschlagene Weg noch richtig ist. Deshalb hat „Zeit Online“ seinen Redaktionsbetrieb komplett auf einen zweiwöchigen Rhythmus umgestellt.

Ausführlich nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: Gelegenheit schlägt Planung!