#NewMitel, die Zeughofstraße und der Technik-Pionier Heinrich von Stephan

Zeughofstraße

Wenn ich mir die Umbauten in der Berliner Zeughofstraße anschaue, finde ich es einfach phantastisch, dass es immer noch Firmen gibt, die von den technologischen Weichenstellungen eines preußischen Beamten profitieren. Es geht um einen Technik-Pionier, der Berlin zum Silicon Valley der Telefonie machte.

Heinrich von Stephan

Impulsgeber für die Entfaltung einer einzigartigen Startup-Szene war Heinrich von Stephan. Er wurde 1870 von Bismarck zum Generalpostmeister der Norddeutschen Bundespostverwaltung und nach der Reichsgründung zum Reichspostmeister ernannt. Er erfand die Postkarte, gründete die Reichsdruckerei, das Postmuseum (heute: Museum für Kommunikation) sowie den Allgemeinen Postverein (1878 Weltpostverein) und forcierte erst in Deutschland, dann in der ganzen Welt den Aufbau der modernen Telegraphie. Stephan erkannte als einer der Ersten die politische und wirtschaftliche Relevanz des Telefons als Medium der Echtzeit-Kommunikation. Im Oktober 1877 liest Stephan in der Wochenzeitschrift „Scientific American“ einen Bericht über „Bell’s New Telephone“.

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Erst jetzt erkannte die Fachwelt die Tragweite der Telefonie. Eigentlich gebührt Johann Philipp Reis der Ehrentitel des Erfinders. Denn er stellte das erste Gerät zur Übertragung von Tönen durch elektromagnetische Wellen schon 1861 vor. Richtige Gespräche konnten mit dem Apparat allerdings nicht geführt werden. Der Reichspostmeister war jedenfalls von dem wissenschaftlichen Bericht so fasziniert, dass er einen Satz Telefongeräte anforderte, die im Generalpostamt mit Erfolg ausprobiert wurden.

„Begeistert lässt Stephan sein Amtsgebäude in der Leipziger Straße mit dem Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße (Hauptstadtrepräsentanz Deutsche Telekom) verbinden und erklärt wiederum nach gelungenem Versuch den 26. Oktober 1877 zum Geburtstag des deutschen Fernsprechers“, schreibt die Historikerin Gerhild H. M. Komander in dem Band „1881 – Berlins erstes Telefonbuch“.

Berlin hatte mehr Telefonanschlüsse als die USA

Das Reichspostamt bat am 1. Juli 1880 die Ältesten der Berliner Kaufmannschaft Berlin zwei Mitglieder zu benennen, die als Agenten Fernsprechteilnehmer werben sollten.

„Der Ingenieur Emil Rathenau war einer der beiden Ausgewählten – der Name des zweiten Agenten ist unbekannt – und bis Ende des Jahres mäßig erfolgreich. Acht Namen enthielt die erste Liste der Fernsprechteilnehmer der am 12. Januar 1881 versuchsweise in Betrieb genommenen Vermittlungsanstalt“, so Komander.

Technik-Visionär Heinrich von Stephan
Technik-Visionär Heinrich von Stephan

Nur „mit sanfter Gewalt“ konnte Stephan auch Bankiers und Unternehmer zur Teilnahme am Fernsprechverkehr bewegen.

„Unter Kopfschütteln und mehr aus Gefälligkeit als aus Überzeugung von den zu erwartenden Vorteilen“, so schreibt Oskar Grosse 1917 in seinem Buch „40 Jahre Fernsprecher. Stephan – Siemens – Rathenau“, willigten die Häupter führender Bankhäuser und Firmen ein.

Das erste Telefonverzeichnis ist in der Öffentlichkeit noch als „Buch der Narren“ verspottet worden. Sieben Jahre später gab es in Berlin mehr Telefonanschlüsse als in jeder Stadt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ein Siegeszug ohnegleichen. In diesem Sog entfalteten sich Unternehmen wie die „Telegraphenbauanstalt R. Stock“, die 1887 gegründet wurde.

Schon 1894 kaufte der Firmeninhaber Robert Stock Grundstücke in der Zeughofstraße und errichtete ein großes Fabrikgebäude, das ein Jahr später bezugsfertig war. Heute die Zentrale von Mitel Deutschland. 1896 stellte Stock in Treptow das erste Telephon-Verbindungsamt vor und expandierte europaweit bei der Errichtung von Fernsprechämtern. Die Aufgaben waren für Robert Stock vor 125 Jahren nicht einfacher als für die Gründer von Web-Unternehmen.

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Fachkollegen verspotteten ihn und rümpften über seinen „Stanz- und Blechkram“ die Nase. Schon bald musste die Maschinenindustrie allerdings einsehen, dass bei großen Fernsprechämtern, in denen sich eine ungezählte Menge gleichartiger kleiner Stücke zusammenfand, mit den früheren Mechaniker-Methoden nichts mehr auszurichten war. Jetzt sind es Cloud Computing, Software, Applikationen, Plattformen, modulare Systeme und Smartphones, die in der Kommunikationstechnologie dominieren und den Markt verändern. Am Gründergeist von Persönlichkeiten wie Heinrich von Stephan könnten sich einige Spitzenpolitiker eine Scheibe abschneiden. Sie sollten ihm jedes Jahr einen Ehrenkranz aufs Grab legen in Berlin-Kreuzberg. Stichwort: Digitale Agenda – vielleicht springt dann der Funke irgendeiner Erkenntnis über.

Über Spitzenpolitiker, Beamte und Technikrevolutionen: Welche Rolle spielt der Staat? #lunchtalk

Technik-Visionär Heinrich von Stephan
Technik-Visionär Heinrich von Stephan

Wenn wir über die Neuland-Exkursionen der Kanzlerin sowie über die mangelhafte Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft diskutieren, kommt immer wieder die Frage nach der Rolle des Staates auf die Tagesordnung – so auch beim Wiwo-Lunchtalk.

Soll man alles dem Wettbewerb überlassen oder muss die öffentliche Hand selbst ins Steuer greifen? Klar ist wohl die Unfähigkeit des Staates, in Konkurrenz mit Google und Co. treten zu können. Das schafft nur die NSA…Aber von Spitzenpolitikern und Beamten kann man zumindest mehr Weitsicht erwarten beim Umbau der technologischen Infrastrukturen. Etwa wie der von mir hochgelobte preußische Beamte Heinrich von Stephan. Der Generalpostmeister unter der Ägide von Bismarck erkannte sofort die wirtschaftliche und gesellschaftliche Dimension der elektrischen Nachrichtenübertragung und war der Wegbereiter für einen neuen Gründergeist in Berlin.

Mitte Oktober 1877 wurde Stephan ein Bericht der Zeitschrift „Scientific American“ vom 6. Oktober 1877 über Bells Telefon vorgelegt. Schon am 24. Oktober hat er zwei Telefone in Händen. Es waren die ersten Apparate, die überhaupt nach Europa kamen. Schon am gleichen Tage beginnt der Generalpostmeister mit den ersten Versuchen in seinem Amtsgebäude.

„Dann werden das Generalpostamt Berlin, Leipziger Straße und das Generaltelegraphenamt in der Französischen Straße verbunden“, schreibt Hermann Heiden in seinem Buch „Rund um den Fernsprecher“, erschienen 1963 im Georg Westermann Verlag.

Am 26. Oktober erklärt Stephan:

„Meine Herren! Diesen Tag müssen wir uns merken“.

Es war die Geburtsstunde des Fernsprechers in Deutschland.

„Ende 1877 sind es 19 Orte, Ende 1880 bereits 1000 geworden, die über den Fernsprecher Anschluss an das Telegrafennetz erhielten. In Amerika war der Fernsprecher zur Errichtung von Fernsprechnetzen in Städten und zur Herstellung von Privattelegrafenlinien benutzt worden. Dass man ihn zur Erweiterung des staatlichen Telegrafennetzes benutzte, war etwas ganz Neues“, erläutert Heiden.

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Die Widerstände in Deutschland gegen die Einführung des Telefons waren so groß, dass Stephan sich mit der Bitte an die Ältesten der Kaufmannschaft wendet, ihm geeignete Persönlichkeiten zu nennen, die bereit wären, gegen Vergütung die Werbung für den Fernsprecher in die Hand zu nehmen. Die Wahl fällt auf Emil Rathenau, den späteren Gründer der AEG. 1897, im letzten Lebensjahr des Generalpostmeisters, werden in Berlin von neuen Fernsprechämtern 170 Millionen Gespräche vermittelt. Davon 20 Millionen Ferngespräche nach den von Berlin zu erreichenden Orten mit Fernsprechanschlüssen.

Drei Jahre später schreibt die „Berliner Illustrirte“ stolz, dass Berlin mehr Fernsprechanschlüsse habe als ganz Frankreich mit Paris und dass es sogar London und New York übertreffe.

„Die Beharrlichkeit, Weitsicht und Intuition des Generalpostmeisters Heinrich von Stephan könnten wir heute in Deutschland sehr gut gebrauchen, um für die vernetzte Ökonomie die modernste Infrastruktur zu schaffen. Nur so ist wirtschaftliche Prosperität möglich – von der Logistik bis zur Energiewende“, sagt Systemingenieur Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Interessant ist beispielsweise die Geschichte von DeTeWe. Sie begann 1882, als der mecklenburgische Schlosser Carl Christian Robert Stock nach Berlin zog und eine Anstellung bei einem Zulieferer der noch jungen Telefonindustrie fand. Stock war fasziniert von der Technik und witterte gleichzeitig schnell seine Chance, an dem Boom der Branche teilzuhaben. Er machte sich selbstständig, wickelte mit der Nähmaschine seiner Frau Spulen für die Telefonhersteller. Trotz der bescheidenen Produktionsmittel war er schneller und arbeitete präziser als seine Konkurrenten, so dass die Nachfrage nach seinen Produkten wuchs. Robert Stock stellte einen ersten Mitarbeiter ein und gründete am 11. Mai 1887 das Unternehmen „R. Stock, Telegraphenapparate“ – der Grundstein der heutigen DeTeWe Communications. In kurzer Zeit erweiterte sich das Produktportfolio des jungen Unternehmens, Fernsprechgeräte und ganze Fernsprechämter kamen hinzu.

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Auf der Gewerbeausstellung in Treptow 1896 stellte Stocks Firma ein „Telephon-Verbindungs-Amt“ (Fernmeldeamt) vor. Bis 1905 baute Stock europaweit 129 Fernsprechämter. Zahlreiche weitere Patente folgten, häufig wurden einzelne technische Bestandteile verbessert, bestehende Lösungen fortentwickelt. Bis zum zweiten Weltkrieg entwickelte DeTeWe Rohrpostanlagen, Schreibmaschinen, Rundfunkgeräte und Rechenmaschinen. In Zeiten des Wirtschaftswunders stieg der Bedarf an öffentlichen und privaten Telefonanlagen. Die DeTeWe konzentrierte die gesamte Produktion auf den Fernsprechsektor.

Seit 2005 gehört das Unternehmen zum kanadischen ITK-Hersteller Aastra Technologies Limited. Auch nach der Übernahme bleibt die DeTeWe Berlin-Kreuzberg treu: 1887 wurde sie in diesem Bezirk gegründet und befindet sich seit 1895 am Standort in der Zeughofstraße. Im !9. Jahrhundert entwickelte sich Berlin in kürzester Zeit zum Silicon Valley der Telekommunikation. Geburtshelfer war der geniale Postmeister Heinrich von Stephan – eine technologische Spürnase ersten Ranges.

Über die Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“ (Gunter Dueck) für die Digitalisierung von Wirtschaft und Gesellschaft würde ich in nächster Zeit gerne einige Hangout-Interviews führen. Auch über die Technikrevolutionen im 19. Jahrhundert und die Ableitungen für heute. Wenn Interesse besteht, einfach bei mir melden.

Grundversorgungsauftrag für schnelles Internet: Der Staat und die #Drosselkom

Heinrich von Stephan

Die berechtigte Aufregung über die Drossel-Politik der Telekom – getrieben von kurzsichtigen Shareholder Value-Prinzipien – zeigt eindrücklich, warum wir uns in Deutschland intensiver Gedanken machen müssen über die Rolle des Staats beim Aufbau einer modernen Infrastruktur für die Vernetzung von Wirtschaft, Gesellschaft, Schulen, Universitäten und Politik.

Der Telekom sollte man diese Aufgabe entziehen. An dieser Stelle halte ich den Grundgedanken von Christoph Kappes eines politischen Internet-Masterplans für essentiell. Ein Code for Germany jenseits von Markt und Staat. Allerdings sollten keine steuerfinanzierten Projektchen angestoßen werden mit einem Investitionsvolumen von einer Milliarde Euro auf drei Jahre verteilt – es muss ein großes Projekt im Vordergrund stehen: Schnelles Internet. Historische Vorbilder gibt es besonders in der Telekommunikation.

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Es war Reichpostmeister Heinrich von Stephan unter Reichkanzler Otto von Bismarck, der den Bau eines unterirdischen Telegraphennetzes veranlasste nach den verheerenden Stürmen im Jahr 1876. Mit einer Reichsanleihe wurde innerhalb von sechs Jahren die technisch beste und modernste Telegraphen-Anlage der Welt gebaut. Schon am 26. Juni 1881 konnte Kaiser Wilhelm die Fertigstellung eines Leitungsnetzes mit 37.373 Kilometern verkündet werden. Eine ähnliche Meisterleistung vollbrachte Stephan bei der Einführung der Telefonie und des internationalen Postverkehrs mit Frachtdampferverbindungen. Nur mit diesen infrastrukturellen Weichenstellungen konnte sich die Industrialisierung entfalten. Siehe: Heinrich von Stephan, DeTeWe und die Technikrevolutionen in Berlin.

Breitband-Status wird schön gerechnet

Die digitale Infrastruktur wird über Sieg und Niederlage einer vernetzten Ökonomie entscheiden. Dazu gehört ein ehrlicher Kassensturz. Zur Zeit definiert sich die Bundesregierung den Breitband-Status schön. Ein Megabit pro Sekunde (Mbit/s) ist schon so etwas wie eine Breitbandverbindung. Legt man diesen humoresken Wert zugrunde, sind 98,7 Prozent der Haushalte mit einer Breitbandverbindung ausgestattet.
Dass man sich mit diesen willkürlichen Festlegungen selbst in die Tasche lügt, ist wohl auch dem Bundeswirtschaftsministerium bewusst. Und was machte Wirtschaftsminister Rösler? Richtig. Wenn ich nicht mehr weiter weiß, gründe ich einen Arbeitskreis oder im Politiker-Neusprech ausgedrückt, einen Breitbandgipfel. So entstehen aber keine Ideen und Visionen. Kein Heinrich von Stephan in Sicht.

„Dieser Mann hatte Visionen. Die sehe ich bei den politischen Akteuren in Deutschland heute nicht. Es wäre an der Zeit für ein Bekenntnis, die fortschrittlichste, modernste und beste Infrastruktur für Hightech-Kommunikation in unserem Land zu schaffen. Das ist eine nationale Aufgabe. Solange diese Einsicht fehlt, wird nicht viel passieren“, kritisiert Bernd Stahl vom Netzwerkspezialisten Nash Technologies.

Kompromissloser Ausbau wie beim Autobahnnetz

Auch Buchautor Gunter Dueck spricht von der Notwendigkeit einer „strukturkultivierenden Marktwirtschaft“. Der Staat müsse die Infrastrukturen auf die Zukunft ausrichten. Zu einem solchen Schritt würde sich aber niemand entschließen. Ein superschnelles Internet sei für die Wirtschaft und für die Transformation zur Wissensgesellschaft unabdingbar.

„Dieselben Leute, die die 60 Milliarden für die Zukunft nicht geben wollen, argumentieren wie selbstverständlich, dass der entscheidende Anstoß zu Deutschlands Wirtschaftswunder der energische und kompromisslose Ausbau des Autobahnnetzes in den 1960er-Jahren war, der für Deutschland eine moderne Infrastruktur schuf.“

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Öffentlicher Wille für Breitbandausbau

Es fehlt bislang der öffentliche Wille, den Staat stärker in die Verantwortung zu nehmen, moniert der Branchenexperte Roman Friedrich vom Beratungshaus Booz & Co. im ichsagmal-Interview:

„In vielen asiatischen Ländern investiert der Staat und erlässt sogar verfassungsrechtliche Grundlagen für die Notwendigkeit eines schnellen Internets.“ Auch wirtschaftspolitisch sollte die öffentliche Hand ihrer Verantwortung nachkommen, denn es gebe eine positive Korrelation zwischen Digitalisierung, Netzausbau und Arbeitsplätzen, so Friedrich. „Wenn man diese Auswirkungen sieht, muss sich der Staat die Frage stellen, ob er sich nicht stärker engagieren sollte.“

Allerdings nicht als Betreiber. Schwarzweiß-Denken helfe nicht weiter. Es seien viele Varianten für staatliche Initiativen möglich: Public-Private-Partnership, Konzessions- oder Lizenzmodelle, genossenschaftliche Initiativen.

Im Bloggercamp werden wir demnächst eine Heinrich von Stephan-Diskussionsrunde starten. So eine Art Ideen-Workshop für die digitale Transformation. Wer mitmachen möchte, sollte sich bei mir oder Hannes Schleeh melden.

Siehe auch:

DSL-Tarife: Regierung warnt Telekom vor Flatrate-Bremse (die Regierung sollte nicht nur warnen, sondern mit Taten glänzen).

DSL-Drossel: Router-Anbieter wirft Telekom Lüge vor.

Telekom: Erdrosseln was verbindet.

Telekom: Deutschlands Internetvorräte sind ohne Drosselung bis 2016 erschöpft.

„Das Kartellamt sollte den Telekom-Fall prüfen“

Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption #bc


Das Netz verändert die Welt. Das dürften weder Gegner noch Befürworter des digitalen Wandels bestreiten. Doch viel weiter reichen die Gemeinsamkeiten nicht. Ob sich das Ganze zum Guten oder zum Schlechten fügt, ist nach Ansicht von Sascha Lobo und Kathrin Passig nicht so eindeutig zu beantworten, wie die Verfechter beider Ansichten es gern hätten. „Die einen bewegen sich in einem Feld zwischen fortschrittsgläubiger Naivität und selbstbewusstem Optimismus, die anderen verharren zwischen gesunder Skepsis und verbittertem Pessimismus”, schreiben die beiden Autoren in ihrem neuen Buch „Internet – Segen oder Fluch“ (Rowohlt Verlag). Einen ärgerlich großen Raum würden dabei reflexhafte Phrasen und kaum belegbare Behauptungen einnehmen, verbunden mit einem emotionalen Amalgam, das mehr die Gruppen-Zugehörigkeiten festigen als irgendjemanden überzeugen soll.

„Regelmäßig lassen sich Diskussionspodien, Talkshowkonfrontationen und Artikelgefechte beobachten, deren Teilnehmer weniger an der Vermittlung und Erklärung interessiert sind als an der Selbstvergewisserung, und oft genug waren diese Teilnehmer die Autoren des vorliegenden Buches”, so Passig und Lobo.

Der dringend notwendige Diskurs um das Internet, seine Bedeutung für unser Leben und seine Folgen für die Welt sei ritualisiert und erstarrt. Genau zu erkennen, ob disruptive Innovationen zu einer Implosion tradierter Geschäftsmodelle führen, ist ein schwieriges Unterfangen.

„Das Neue sieht für die Nutzer eines vorhandenen Produkts immer erst mal schlechter aus“, führen Passig und Lobo weiter aus.

Dampfschiffe waren zunächst langsamer als Segelschiffe. Musik über das Format MP3 klang schlechter als auf CDs und frühe Digitalkameras konnten mit analogen nicht mithalten. Solange aber das neue Produkt in irgendeiner Hinsicht billiger, praktischer oder attraktiver sei als das alte, kann es einen nichtexistenten Markt und bisher unerreichbare Käuferschichten erschließen. Nachzulesen in meiner heutigen The European-Kolumne: BESSER SCHLÄGT GUT – Über Gewinner und Verlierer der Digitalisierung.

Schumpeter: Wirtschaft nicht auf Aggregate reduzieren

In dem Kapitel „Disruption ist kein Kindergeburtstag“ darf natürlich der von Joseph A. Schumpeter geprägte Begriff der „schöpferischen Zerstörung“ nicht fehlen. Wer sich die Originalschriften von Schumpeter anschaut, entdeckt Zusammenhänge, die sich wohl permanent im Zusammenhang mit disruptiven Innovationen abspielen. Wichtig ist dabei nicht nur die berühmte Schrift „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (wichtige Vorarbeiten für dieses Werk entstanden übrigens in seiner Bonner Zeit – hinzuweisen ist hier vor allem auf den wissenschaftlichen Aufsatz „The Instability of Capitalism“, in dem er schon früher angesprochene Stabilitätsprobleme des Kapitalismus systematisiert), sondern auch das weit weniger beachtete Opus „Konjunkturzyklen“.

„Der Kern dieses Buches besteht aus einer Fülle von Einzelheiten über die Blüte der Wirtschaftssysteme in Großbritannien, Deutschland und den Vereinigten Staaten“, schreibt Thomas K. McCraw in seiner Schumpeter-Biografie (in deutscher Übersetzung im Murmann-Verlag erschienen).

Es war wohl schon immer so, dass das Eindringen einer neuen Firma in eine bestehende Branche stets einen Kampf mit der alten Sphäre nach sich zieht. Die Altvorderen sind bestrebt, den Vorteil, den eine neue Firma durch eine Innovation erlangt, zu verbieten, zu diskreditieren oder auf andere Weise zu beschränken. Die Patentklagen von Apple gegen Konkurrenten oder das von den Zeitungsverlegern ersehnte Leistungsschutzrecht sind dafür ja sehr gute aktuelle Beispiele. Was immer dabei auch im Einzelfall geschehe, so Schumpeter, sei der hohe Gewinn jedes Unternehmers stets vergänglich, denn Konkurrenten würden Neuerungen kopieren und damit ein Sinken des Marktpreises bewirken. An der Verteidigungsstrategie von Apple wird sichtbar, dass der Technologiekonzern eben kein „kreativer Zerstörer“ mehr ist.

Und was für Deutschland in Fragen der Digitalisierung wichtig ist, können wir an unserer eigenen Geschichte ablesen. Erfolge habe nicht in erster Linie der Innovator, der Erfinder und schöpferische Zerstörer, sondern jener, der das Neue am besten organisiert, so Schumpeter. Die Deutschen verstanden es im 19. Jahrhundert besser als die Briten, ihre Textilindustrie zu organisieren, selbst wenn sie wenig zu deren maschineller Technologie beitrugen.

Steve Jobs war so ein schöpferischer Unternehmer, wie ihn Schumpeter beschrieben hat. Ein Innovator zeichnet sich vor allen Dingen durch die Kunst der Kombinatorik aus. Innovationen entstehen eben nicht nur durch Erfindungen: So sah es jedenfalls Schumpeter in seinem Werk „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“, erschienen vor knapp 100 Jahren:

„Nur dann erfüllt er (der Unternehmer) die wesentliche Funktion eines solchen, wenn er neue Kombinationen realisiert, also vor allem, wenn er die Unternehmung gründet, aber auch, wenn er ihren Produktionsprozess ändert, ihr neue Märkte erschließt, in einen direkten Kampf mit Konkurrenten eintritt.“

Innovatives Unternehmertum unterscheidet sich dabei deutlich vom Routineunternehmer, der auf überkommenen Grundlagen arbeitet und nie Neues schafft. Aus altbekannten Techniken wie W-LAN, MP3 und Bewegungssensoren schuf Apple neue Geräte mit Kultfaktor. Und auch das benutzerfreundliche Design ist keine Kreation aus Cupertino. Der Steve Jobs-Konzern folgt konsequent dem Less-and-More-Diktum des genialen Industriedesigners Dieter Ram, der in den 1960er und 1970er Jahre bahnbrechende Produkte für die Braun AG schuf. Und was noch wichtiger für die Erfolgsstory von Apple ist: Jobs erzeugte neue Märkte. Der dynamische Unternehmer orientiert sich nicht primär an gegebener oder unmittelbarer Nachfrage des Konsumenten, sondern „er nötigt seine Produkte dem Markte auf“, so Schumpeter. Das ist Steve Jobs mit Produkten und Diensten für das mobile Internet und für den Tablet-PC-Markt gelungen.

Was sollte man in Deutschland nun tun? Es sind fast immer charismatische und ein wenig verrückte Persönlichkeiten (nicht nur Unternehmer, sondern auch Beamte wie der Generalpostmeister Heinrich von Stephan!), die Neues durchsetzen, besser organisieren, intelligenter organisieren und sich vom Routinebetrieb abgrenzen. Wer nur das anwendet, was man gelernt hat und sich an den übergekommenen Grundlagen seiner Organisation orientiert, ist ein passiver Anpasser und eben kein schöpferischer Zerstörer. Anpasser und Verwalter haben wir wohl zu viele.

Wir werden dieses Thema in der zweiten Session des nächsten Blogger Camps diskutieren: Am Mittwoch, den 24. Oktober von 19,30 bis 20,00 Uhr: Von der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption. Andreas Klug, Dirk Elsner, Heinrich Bruns, Hannes Schleeh und meine Wenigkeit sind dabei. Wer im Live-Hangout noch mitmachen möchte, sollte sich frühzeitig bei mir oder bei Hannes melden, damit wir das gut vorbereiten können mit Techniktest und Vorabinfos für die Moderation.

Nicht ganz unwichtig ist auch die Frage, wie eigentlich die populären Web-Dienste Geld verdienen.

Was im mobile Business abgeht, beleuchtet der Bitkom-Verband.

Einen „Beipackzettel“ für das Buch von Passig und Lobo hat Sascha Lobo in seinem Blog gepostet.