Hörspiele und die Kunst der Tontechniker des WDR

Podcast Wortspiel-Radio
Podcast Wortspiel-Radio

Über Regisseure, Autoren, Sprecherinnen und Sprecher wird beim Hörspiel sehr viel gesprochen. Wer sich die Hörspiel-Produktionen des WDR gönnt, die in einer ausgezeichneten Edition des Lilienfeld-Verlages erschienen sind, sollte auch ein Ohr für die Klangkunst der Tontechniker haben.

Auf Facebook Live und im Podcast mit dem frühere WDR-Hörspielchef Wolfgang Schiffer habe ich das ausführlich gewürdigt 🙂

Man hört sich.

Regeln ohne Visionen und Utopien: Visionsarmes Weißbuch Arbeiten 4.0 – Plädiere für #NullEmission #NEO16x

Guido Bosbach von ZUKUNFTheute im #NEO16x Gespräch mit Frank Eilers, Frank Widmayer, Kerstin Schinck, Heiko Fischer und Lars Hahn.
Guido Bosbach von ZUKUNFTheute im Gespräch mit Frank Eilers, Frank Widmayer, Kerstin Schinck, Heiko Fischer und Lars Hahn.

Mal unabhängig vom Schwachsinn des 4.0-Gequatsches, das seit einiger Zeit auch in der Arbeitswelt Anwendung findet und niemand etwas zu 1.0, 2.0 und 3.0 sagen kann, hat Lars Hahn einen lesenswerten Beitrag zum Weißbuch Arbeiten 4.0 geschrieben. Zwei Jahre ist darüber diskutiert worden und heraus kam ein Werk der Regeln, der Gesetze, der Sicherung, des Schutzes und des Rahmens: Arbeitsversicherung, Arbeitsschutz 4.0, Beschäftigtendatenschutz, Rentenversicherung, Arbeitszeitregelungen, Sicherungssysteme.

„Damit mich keiner falsch versteht. Regeln für die digitalisierte Arbeitswelt sind wichtig: Datenschutz und Arbeitsschutz erhalten im Kontext von Globalisierung und Digitalisierung gar eine noch höhere Bedeutung, als sie ohnehin schon haben. Allerdings: Beim Lesen des Weißbuches kann der Eindruck entstehen: Außer Regeln nichts gewesen“, kritisiert Hahn.

Wo aber bleiben die Zielen, Visionen und Utopien? Was will man ändern? Wann gibt es Initiativen für mehr dezentrale Arbeit jenseits der Berufspendler Republik Deutschland? Welche Arbeitskultur wollen wir?

„Wenn wir nur regeln und versichern, reißt das keinen vom Hocker. Wir brauchen nahrhafte, leckere Ziele. Setzen wir die Chancen, die die Digitalisierung bietet gezielt ein, um Themen zu bearbeiten, etwas zu erreichen, eine Mission zu erfüllen, so etwas wie damals: ‚Wir haben uns entschlossen, in diesem Jahrzehnt zum Mond zu fliegen‘. Und nutzen dafür die Chancen, die uns die Digitalisierung bietet, würde man heute ergänzen.“

Lars Hahn bringt einen Vorschlag, der auch in der von Guido Bosbach organisierten und moderierten -Diskussionsrunde unter seiner Beteiligung eine große Rolle spielte:

„Wir haben uns entschlossen, bis 2030 in Deutschland die Arche Noah des globalen Klimawandels zu bauen. Wir Deutschen schaffen die Technologien und Methoden, die den weltweiten Klimawandel stoppen! Arche Noah 4.0. Wir können das! Dafür investieren wir in Bildung, schaffen die Rahmenbedingungen für Arbeitszeiten und Arbeitsbedingungen.“

Die Diskussionen über die neue Arbeitswelt bleibt nach Ansicht von Hahn zu oft im Wie stecken.

„Das Wohin und Weswegen, darüber lohnt es sich zu sprechen, gar zu streiten.“

Er fragt nach Visionen. Meine lautet #NullEmission mit einer fundamentalen #Mobilitätswende.

Das stellt nicht nur die Arbeitswelt auf den Kopf, sondern auch die Industrie, die Art und Weise der Produktion, die Stadtplanung, die Lebenswelt im Kiez, die Energiepolitik und sogar die Außenpolitik durch stärkere Autarkie bei der Energieversorgung.

Der Unternehmer Jörg Heynkes nennt das Schwarm-Mobilität.

„Während die Politik wertvolle Zeit verplempert, die schwerfällige Autoindustrie zu nähren, verschlafen wir die wirklich große Wende in der Neugestaltung unseres Landes.“

Am Beispiel der Stadt Wuppertal skizziert Heynkes eindrucksvoll, warum wir die Zukunft nicht mehr durch einen Blick in den Rückspiegel gestalten sollten. Wuppertal hat 350.000 Einwohner und 200.000 PKW:

„Die Autos fahren aber nicht ständig durch die Gegend, sondern stehen im Schnitt 23,6 Stunden am Straßenrand, blockieren permanent Flächen und kosten aber 24 Stunden am Tag Geld. Das ist das absolute Gegenteil von Effizienz. Jetzt kommt ein neuer Anbieter und sagt: ‚Liebe Wuppertaler, die Mobilität, die ihr zur Zeit mit 200.000 PKW bewerkstelligt, können wir Euch problemlos mit 25.000 Schwarm-Mobilen besser erledigen‘.“

Solche ‚Fahrzeuge’ haben kein Gaspedal, keine Bremse, kein Lenkrad. Sie sorgen einfach nur für den Transport von A nach B. Man nimmt nur noch solche Dienste via App über eine Flatrate in Anspruch, ohne überhaupt noch eigene Autos zu besitzen. Keine KFZ-Steuer, keine Versicherung, keine Inspektion, kein Kauf von Sommer- und Winterreifen, keine nervige Parkplatzsuche, keine horrenden Gebühren im Parkhaus und keine teure Benzinbetankung in Abhängigkeit vom Ölkartell. Die Schwarm-Mobile sind lautlos, sauber, umweltfreundlich, dezentral verfügbar und sicher.

Schwarm-Mobile werden alles verändern

Der Zuwachs an Komfort und Lebensqualität durch Schwarm-Mobilität wird alles verändern. 90 Prozent weniger Unfälle, 90 Prozent weniger Werkstätten für Reparaturen, 90 Prozent weniger Taxifahrer, 90 Prozent weniger ADAC-Mitglieder.

„Durch eine vernetzte Technologie zur Verbesserung unserer Mobilität ändern sich unfassbar viele Parameter – mit negativen und positiven Folgen, die die Politik jetzt durchdenken muss“, fordert Heynkes.

Was bedeutet das für die Stadtentwicklung und für die Verkehrsplanung? Stadt muss und darf komplett neu gedacht werden. In Wuppertal gibt es rund 630.000 PKW-Stellplätze, die jeweils rund 12,5 Quadratmeter beanspruchen. Fallen die weg, gewinnt man Flächen, um beispielsweise in Kombination von digitaler Technologie, Hightech-Landwirtschaft und Manufaktur Stadtfarmen mit kleinen Kraftwerken aufzubauen.

Die Menschen in den Wohnquartieren bekommen gesunde Nahrungsmittel direkt aus der Nachbarschaft – gestern gewachsen, heute geerntet und morgen gegessen. Und das ohne Transportwege und Belastungen mit Emissionen. Obst und Gemüse können zu hochwertigen Produkten veredelt werden in dezentralen und gemeinwohlorientierten Organisationsformen. All das steckt in der Mobilitätswende, aber nicht in den Köpfen der Industriepolitiker und Lobbyisten. Das steckt auch nicht im Kopf von Andreas Nahles.

Lieber Lars, das wäre doch ein zukunftsträchtiges und revolutionäres Moonshot-Projekt? So schaffen wir das Ziel #NullEmission

Siehe auch: Was wäre eigentlich, wenn alle Autos morgen elektrisch fahren würden?

Übrigens: Schon das Nachdenken und Aussprechen von Utopien verändert die Gegenwart, auch wenn sich nicht alles realisieren lässt – das wäre ja auch anmaßend.

Eure Utopien würden wir gerne in unserem Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland vorstellen.

Meldet Euch bei mir oder bei Professor Lutz Becker.

Wann kommt der Durchbruch für Smart Home? #NEO16x

Smart Home

Im Experteninterview stellen die Studierenden der Hochschule Fresenius Smart Home-Konzepte vor. Bislang mangelt es an Angeboten, die herstellerunabhängig schlüsselfertige Konzepte realisieren. Sprachsteuerung wird dabei wohl eine große Rolle spielen.

Hier das Ergebnis der ersten Session. So kann es weitergehen.

Am Donnerstag, um 9 Uhr geht die Next Economy Open richtig los.

#NEO16x Sendezentrum funktioniert :-)

NEO16x Sendezentrum

Alles durchgetestet, funktioniert prima.

Um 14 Uhr geht es los mit der Pre-Conference:

Man hört, sieht und streamt sich.

TTIP, Diesel-Autos und die Apfel-Birnen-Gleichnisse des VW-Chefs #dieselgate

vw-manager

Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung offenbart VW-Chef Matthias Müller wieder einmal, was er von Kunden, der Konkurrenz und der eigenen Herrlichkeit hält. Kunden in Deutschland und Europa entschädigen, die mit der Mogel-Software verarscht wurden, hält er nicht für notwendig. Da sei ja die Ausgangslage ganz anders – also die rechtlichen und regulatorischen „Umstände“ im Vergleich zu den USA.

„In Amerika werden wir für 2,0-Liter-TDI-Fahrzeuge auch nach dem Rückruf die dort sehr viel strengeren Emissionswerte nicht zu 100 Prozent erfüllen können. Dies trifft für unsere Kunden in Europa nicht zu“, so Müller.

Bekanntlich sieht beispielsweise das Landgericht München die Gemengelage etwas anders: Das Gericht hatte im Mai einen Autohändler dazu verpflichtet, das manipulierte Fahrzeug zurückzunehmen und den Kaufpreis zu erstatten. Und wie sah das mit den Werbebotschaften bis zum Bekanntwerden des Software-Skandals auf dem europäischen Markt aus? Gibt es nicht auch hierzulande eine Menge Käufer, die die Dieselfahrzeuge vor allem wegen der niedrigen Verbrauchswerte erworben haben?

Emotional könne Müller die Aufregung ja nachvollziehen. „Aber man kann das nicht über einen Kamm scheren, denn die Ausgangssituation ist völlig unterschiedlich. Den Kunden in Europa entsteht ja kein Nachteil, weder beim Verbrauch noch bei den Fahreigenschaften“, so Müller und ergänzt die Ausführungen mit einer weiteren Hammer Aussage:

„Auf der einen Seite kritisieren viele die amerikanische Gesetzgebung in anderen Zusammenhängen, siehe TTIP. Wenn es aber darum geht, selbst Vorteile daraus zu ziehen, scheint das amerikanische Recht auf einmal der richtige Weg zu sein.“

Wahnsinn. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Deutsche und europäische Käufer, denen die Schummelsoftware untergejubelt wurde, instrumentalisieren die amerikanischen Gesetze, um Vorteile zu erlangen. Mal davon abgesehen, dass zwischen den TTIP-Protesten und der VW-Thematik kein Zusammenhang besteht, äußert Müllerchen hier eine bodenlose Unterstellung. Im selben Atemzug proklamiert der leidenschaftliche Porsche-Fahrer, dass der VW-Konzern sich auf die traditionellen Stärken besinnen wolle und das Vertrauen bei Kunden, Händlern und Mitarbeitern zurückgewinnen möchte.

Die Basis dafür sei, dass Integrität bei VW ganz oben steht, mehr als früher. Und da folgt der nächste Ausrutscher. Die deutsche Autoindustrie habe nichts verschlafen bei der Elektromobilität. Am Angebot würde es nicht mangeln, sondern an der Nachfrage.

„Auf der einen Seite denken und handeln viele Deutsche im Alltag, wenn es aber um E-Mobilität geht, haben wir als Verbraucher spitze Finger. So ganz habe ich dieses paradoxe Phänomen noch nicht verstanden“, erläutert Müller.

Muss ich also erst mal meine Nachfrage bei Herrn Müller adressieren, damit der Konzern sich bewegt? Da bleibt mir die Spucke weg. Warum kritisierte der VW-CEO vor ein paar Wochen die Deutsche Post, die es wagt, mit dem Streetscooter einen eigenen Elektro-Transporter auf die Straße zu bringen? Müller frage sich, warum man so etwas nicht mit VW auf die Beine stelle, sagte er im Club Hamburger Wirtschaftsjournalisten. Die Deutsche Post reagierte auf die Vorwürfe: Man habe sehr wohl bei den Konzernen wegen eines Elektroautos angefragt, sagte ein Post-Sprecher der FAZ zufolge. „Doch es war kein Fahrzeug zu bekommen, das unseren Ansprüchen gerecht wurde.“ Oder der Preis sei zu hoch gewesen.
Liegt es nun an der mangelhaften Nachfrage oder an dem schlechten Angebot?

Was muss man sich eigentlich noch an Beschimpfungen und Unterstellungen gefallen lassen von diesem selbstherrlichen Konzernführer?

Über die Vergreisung der Auto-Lobby

deutschland-im-stau

In Deutschland bekommt man schon Schnappatmung, wenn das Ende des Verbrennungsmotors für 2030 erwogen oder auch nur angedacht wird. Die KP China gibt ein anderes Tempo vor – wie bei der Digitalisierung. In gut einem Jahr müssen nach einem Bericht der SZ für acht Prozent aller in China verkauften Fahrzeuge sogenannte Kreditpunkte gesammelt werden, 2019 dann für zehn Prozent und 2020 zwölf Prozent.

„Die Faustformel, mit der die Konzerne derzeit kalkulieren, lautet: vier Punkte für ein Elektrofahrzeug, zwei Punkte für einen Plug-in-Hybriden“, schreibt die SZ.

VW müsste 2018 für den chinesischen Markt rund 60.000 E-Autos herstellen. Bei Plug-in-Hybriden mit einer elektrischen Reichweite von 50 Kilometern seien sogar 120.000 Exemplare notwendig. Gelingt das nicht, müsste VW entweder die Produktion drosseln oder aber anderen Herstellern Kreditpunkte abkaufen. Und das könnte teuer werden.

Die alten Industriedenker versäumen es, zukunftsfähige Mobilitätskonzepte zu entwickeln, moniert der Wuppertaler Unternehmer Jörg Heynkes im Utopie-Podcast #KönigvonDeutschland.

„Der Umstieg der Antriebstechnologie von einem dreckigen und völlig ineffizienten Verbrennugnsmotor auf einen sauberen Elektromotor ist nur ein erster Schritt. Hier wird nur ein kleiner Teil der Mobilitätswende abgebildet, die wir in Deutschland und Europa brauchen. Ansonsten stehen die Elektrofahrzeuge im gleichen Stau wie die Verbrenner.“

Heynkes bemängelt, dass es in der Politik noch nie den Willen gegeben hat, sich nicht mehr als reines Autoland zu definieren. Ausführlich in meiner heutigen Netzpiloten-Kolumne nachzulesen.

Beta statt Perfektionismus – Wenn Wundermaschinen scheitern #Marly #Sonnenkönig

deutschlanddigital

Deutschland habe im digitalen Wettstreit die erste Runde verloren, aber es besteht Hoffnung für die zweite, schreiben die SZ-Redakteure Marc Beise und Ulrich Schäfer in ihrem neuen Buch „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“:

„Wir werden das Silicon Valley nicht mehr bei uns nachbauen oder die amerikanischen Internetgiganten mit ihren eigenen Waffen schlagen können“, so die realistische Einschätzung der Autoren.

Aber wir könnten unseren eigenen Weg in die digitale Welt finden, meinen Beise und Schäfer und verweisen auf die „deutschen Tugenden“, die uns stark gemacht haben: Präzision und Perfektion, Verlässlichkeit und Genauigkeit verbunden mit der Fähigkeit, selbst die kompliziertesten Prozesse weiter zu optimieren und komplexe Produkte noch effizienter und besser zu machen. Dazu zähle noch etwas, was die US-Amerikaner nicht haben: „ein Internet-Mittelstand“. Hä? Wo ist der denn? Und auch die berühmte Ingenieurs-Brille, die im Maschinenbau sicherlich vonnöten ist, führt doch beim Thema Plattformen, Vernetzungsstrategien und Standards eher zu Lachnummern, die wir im gescheiterten Industrie 4.0-Konsortium bewundern konnten und die mittlerweile unter dem Dach von drei Bundesministerien eher in Ressortstreitigkeiten zerredet werden.

Vielleicht sollten wir neben der Präzision einfach mehr Beta-Mentalität im Digitalen ausprobieren und nicht an irgendwelchen perfektionistischen Silo-Konzepten weiterarbeiten, wie es Kuka, Klöckner und Co. derzeit betreiben.

Das Gerede über Perfektion und Präzision erinnert ein wenig an den Bau der Maschine von Marly. Köstlich beschrieben von Thomas Brandstetter im Opus „Kräfte messen“, erschienen im Kadmos-Verlag.

Dieser Koloss an der Seine war das größte mechanische Bauwerk seiner Zeit, ein gigantischer Apparat, dessen einzige Aufgabe es war, Unmengen an Wasser für die spektakulären Springbrunnen, Kaskaden, Wasserspiele und inszenierten Feste im Schlosspark von Versailles zu transportieren.

Das Wasserhebewerk war ein Ergebnis der Prunksucht und Obsessionen des französischen Sonnenkönigs. Ludwig der Vierzehnte investierte für dieses Ideal der Vollkommenheit die Summe von 14 Millionen Livre (1 livre entspricht 5 bis 15 Euro). Es bestand aus 14 großen Wasserrädern, die 221 Pumpen betrieben. Mit dem Bau waren 1.800 Arbeiter und Techniker fünf Jahre lang beschäftigt. Sie verbrauchten das Holz etlicher Wälder, 17.500 Tonnen Eisen, 900 Tonnen Blei und 850 Tonnen Kupfer.

Entstanden ist aber keine quasi-göttliche Schöpfung der Technik, keine perfekte Maschine, kein Monument der Ingenieurskunst, sondern ein schwerfälliges Monster.

Das Maschinenwunder von Marly entpuppte sich als technologischer Dinosaurier mit einer abnorm niedrigen Leistung. So lag der Wirkungsgrad bei unter 7 Prozent und erzeugte eine Nutzleistung von spärlichen 80 Pferdestärken.

Anmaßende und selbstgefällige Konstrukteure versprachen dem Sonnenkönig das achte Weltwunder. In Wahrheit schufen sie ein zweckfremdes Ungetüm mit einer Vielzahl von komplizierten Bewegungen, die das erforderliche Zusammenspiel der Bauteile verhinderte.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verabschiedete man sich von der Schwerfälligkeit dieses Denkmals der Prachtentfaltung und konzipierte ein dezentrales Versorgungssystem, getragen von Prinzipien der Beherrschbarkeit, Nützlichkeit, Effizienz und Einfachheit.

Vielleicht sollten die so genannten Hidden Champions ihre industrielle Einmaligkeit stärker hinterfragen und den Weg der Digitalisierung in einem kollaborativen Umfeld mit offenen Netzwerkstrukturen angehen. Ansonsten erleben die deutschen Ingenieure das gleiche Schicksal wie die Wundermaschine von Marly, die das Produkt eines selbstgefälligen Systems der Patronage und Machtinszenierung war. Sie wurde 1968 (!) abgerissen und ist nur noch eine Anekdote der Technik-Geschichte. Eigentlich schade. So ein Monument des Gigantismus hätte man als Mahnmal bewahren sollen.

Meine Cloud, meine Maschinen, meine Marke – So wird das nichts mit #Deutschlanddigital

Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley?????
Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley?????

Ein Produkt ohne digitale Plattform ist völlig nutzlos, oder präziser formuliert:

„Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist“, so das Credo eines Google-Mitarbeiters, der die Netzstrategien seines Unternehmens in einem langen Kommentar zerstückelte und in einem kleinen Zeitfenster öffentlich lesbar war.

Das Notiz-Amt wünscht sich auch von deutschen Unternehmern und leitenden Angestellten in den Vorstandsetagen soviel kritischen Sachverstand, um die Logik der Digitalisierung und die Matching-Prinzipien des Netzes nicht nur zu verstehen, sondern auch in Geschäftsmodelle zu gießen. Den gleichen Sachverstand sollten Autoren wie Marc Beise und Ulrich Schäfer kultivieren, wenn sie in einem Buchprojekt mit dem Titel „Deutschland digital – Unsere Antwort auf das Silicon Valley“ Beispiele präsentieren, wie wir mit digitalen Fabriken, Robotern, Sensoren und Künstlicher Intelligenz wieder in den Angriffsmodus kommen.

Sie huldigen den üblichen Verdächtigen unter den Hidden Champions, singen das Lied von der verkannten Industrienation und beschäftigen sich nur wenig mit der Frage, wie die in ihrem Opus erwähnten Protagonisten persönlich in der Lage sind, das eigene digitale Hundefutter zu konsumieren. Etwa Till Reuter, der Chef des Robotik-Herstellers Kuka. Anstatt auf den Angriff von Google und Co. zu warten, will das Augsburger Unternehmen selber zum digitalen Angreifer werden und sein Geschäftsmodell radikal verändern. Wenn die Roboter über die Computerwolke miteinander kommunizieren, könne Kuka künftig nicht bloß einzelne Roboter liefern, sondern gleich komplette Fabriken steuern.

„Reuter will dazu eine flexible Lösung schaffen, eine Plattform, die für andere Anbieter offen ist, steuerbar auch über das Smartphone; mit Apps, die man nach Bedarf zusammenstellen kann“, schreiben Beise und Schäfer.

Reuter möchte die Prinzipien eines App-Stores auf den Maschinenbau übertragen und damit Geld verdienen. Bisher habe das Unternehmen seine schlauen Maschinen verkauft. Die Cloud ermögliche es nun, die Anzahl der Roboterbewegungen über das Internet exakt zu messen; es wird dadurch erstmals möglich, Roboter nach Leistung zu bezahlen. Man werde die Maschinen deshalb künftig wohl nur noch vermieten und bekomme dann für jedes gefertigte Werkstück einen bestimmten Beitrag. Kling zunächst sehr smart. Den Knackpunkt benennen die Buchautoren unfreiwillig mit einem Reuter-Zitat:

„Aber die Oberfläche wollen wir liefern, das look and feel soll Kuka sein.“

Die Marke, das Branding sei für die Augsburger entscheidend. Hat Reuter das Spiel der Vernetzung wirklich verstanden? Am Kuka-Wesen solle die Plattform-Welt genesen.

Mein digitaler Vorsprung, mein Stahlhandel

Und das ist kein Einzelfall im Opus der SZ-Autoren. So bringen sie Klöckner & Co.-Chef Gisbert Rühl ins Spiel, der zum Hoffnungsträger für den digitalen Wandel aufgehübscht wird. Er war einer der Ersten, die hierzulande nicht nur über Disruption sprachen, sondern diese Philosophie auch lebten. Er reiste ins Silicon Valley und bekam die Empfehlung, Wetterdaten bei der Nachfrage nach Stahl zu berücksichtigen. Logik und Planung könnte man auf die Weise optimieren. Fein. Also mietete sich Rühl für eine Woche im Betahaus in Berlin-Kreuzberg ein, um neue Ideen für die Digitalisierung seiner Traditionsfirma aufzusagen. Schon mal nicht schlecht. Und was springt dabei raus. Silo-Denken:

„Ob er eine Art Amazon für den Stahlhandel schaffen wolle, wird Rühl immer wieder gefragt. Ja warum nicht, antwortet er dann und fügt stolz hinzu, dass Klöckner & Co. bei der Digitalisierung weiter sei als alle Konkurrenten (jeder Bäckermeister lob seine Brötchen, gs); und zwar so weit, dass junge Programmierer den alten Stahlhändler mittlerweile als ziemlich hip empfinden: ein gewachsenes Traditionsunternehmen, das nun, der Plattform-Strategie von Airbnb oder Uber folgend, zur zentralen Plattform im modernen Stahlhandel aufsteigen will“, führen Beise und Schäfer aus.

Am Klöckner-Wesen wird also wieder die Stahlwelt genesen. Mit Onlineshop-Weisheiten soll also ein offenes Ökosystem für die Stahlbranche entstehen? Was unterscheidet Alibaba von der Kirchturmpolitik des Klöckner-Chefs?

Viel Ego und wenig Eco

Wir könnten jetzt die führenden Köpfe der Hidden Champions von Trumpf bis Viessmann durchnudeln und würden erkennen, dass niemand auch nur in eine Richtung denkt, wie der offenherzige Google-Manager. Schaut Euch den Habitus dieser Top-Manager im Netz an und beurteilt dann, ob sie in ihrem persönlichen Verhalten auch nur ansatzweise eine digitale DNA mitbringen, um die Erkenntnis des Google-Insiders zu leben:

„Ein Produkt, das über keine Plattform verfügt, wird immer ersetzt werden durch ein äquivalentes Produkt, das mit einer Plattform ausgestattet ist.“

Ist eine firmenunabhängige Plattform wie Alibaba für das industrielle Umfeld in Europa oder Deutschland in Sicht. Noch nicht einmal in Ansätzen. Die Mein-Label-Meine Marke-Mein digitaler Vorsprung-Fraktion der Industrie ist noch nicht einmal bereit, via Alibaba ins OEM-Geschäft einzusteigen.

„Original Equipment Manufacturer“ sind Unternehmen, die die Produkte des Herstellers in ihre eigenen Produkte einbauen; für den Endkunden ist nicht ohne weiteres erkennbar; welche Komponenten ein OEM in seinen Produkten verwendet. Mit deutschen Unternehmen sind solche Deals im Plattformgeschäft fast unmöglich, betont Nils Öldörp von der Agentur minted-sourcing. Made in Germany wird heilig gesprochen. Da wird man dann irgendwann in Schönheit sterben, wie im Industrie 4.0-Konsortium.

Ausführlich in meiner Netzpiloten-Kolumne nachzulesen: Deutsche Unternehmen ohne Plattformkompetenz – Über die Silo-Politik der Hidden Champions

Vom falschen Umgang mit Live-Videos #smcbn

Technik von Steve Paine im Coworking Bonn - da geht mein Herz auf :-)
Technik von Steve Paine im Coworking Bonn – da geht mein Herz auf 🙂

Livestreaming in der Praxis: Es wird kaum in Formaten gedacht. Vorankündigung wird vernachlässigt. Netzwerk-Effekte lässt man links liegen. Moderationen verlaufen aseptisch. Der Kontext des Einsatzes von Livestreaming-Diensten wird nicht bedacht. Interaktionen bei mobilen Apps bleiben auf der Strecke. Nachberichte und Dokumentationen bleiben aus.

https://twitter.com/muellerstephie/status/779019044838137857

https://twitter.com/muellerstephie/status/779012607202172928

https://twitter.com/Johannes/status/779001638698807296

https://twitter.com/Johannes/status/779000951189467137

https://twitter.com/Johannes/status/778996995423862784

Die Vorteile beim Verzicht auf Postproduktionen durch Live-Videos werden nicht anständig honoriert. Da regt man sich dann eher auf, dass der Moderator, der zugleich Operator, Social Web-Community-Manager, Kommentar-Kurator und Aufmerksamkeitskatalysator vor, während und nach der Übertragung ist, zum Schluss kein elegantes Ende des Livestreams hinbekommt, weil man halt zum Laptop laufen muss, um die Stopp-Taste zu bedienen. Hab ich alles schon erlebt. Livestreaming wird auf Kamera-aufstellen-und-einfach-übertragen reduziert und Ideen für lebendige Diskurse versanden im Routinebetrieb – da ist der Abstimmungsaufwand zu hoch, Herr Sohn.

Medien, Unternehmen, Verbände und sonstige Institutionen wagen zu selten das Abenteuer der direkten und ungeschminkten Live-Übertragung – zumindest gilt das in Deutschland. Da hat Alexander Görlach, der frühere Chefredakteur und Gründer des The European-Debattenmagazins mit der seiner Einschätzung der Lage schon recht:

„Es gibt wenig Begeisterung für Medien und wenig Begeisterung für Formate. Vor allem nicht, wenn es um neue Ideen geht. Sicherlich gibt es die innerhalb der verschiedenen Redaktionen, aber es gibt keine übergeordnete unternehmerische Lust oder Freude an dem Thema.“

In den USA sei man im Datenjournalismus weiter, außerdem in Sachen Videocontent und Mobile-Technologien. Das US-Onlinemagazin Mic habe zum Beispiel in wenigen Jahren 30 Millionen US-Dollar eingesammelt und heute über 100 Mitarbeiter. Und das alles mit einem einzeiligen Pitch – nämlich, dass Millennials Inhalte anders konsumieren, über Snapchat und Livevideos.

Social Media Chat Bonn mit neuer Konzeption - jedes Mal ein anderer Standort.
Social Media Chat Bonn mit neuer Konzeption – jedes Mal ein anderer Standort.

Insgesamt ein recht flotter und diskussionsfreudiger Abend bei der Neuausrichtung des – Operation gelungen 🙂

Über meine Erfahrungen in den vergangenen Jahren beim Nutzen von schnellen, ungeschminkten und direkten Live-Formaten habe ich mich ausführlich in meinem E-Book ausgelassen. Gibt es allerdings nur bei amazon.

Blinder Fleck zweiter Ordnung – Heinz von Foerster entdeckt das Management

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Über die zweifelhaften kybernetischen Ableitungen von Mathematikern und Naturwissenschaftlern in die Sphäre der Sozial- und Geisteswissenschaften habe ich mich nochmals in meiner Netzpiloten-Kolumne in einer Re-Replik geäußert.

Aus Platzgründen verzichtete ich auf die Ausflüge der Kybernetiker ins Management: Aber auch hier gibt es merkwürdige Erzählungen. Etwa bei Heinz von Foerster. Er stieß Anfang der siebziger Jahre auf die Frage des BEOBACHTERS und das Problem des Blinden Flecks.

Der blinde Fleck im Gesichtsfeld des Menschen resultiert daraus, dass sich an einer Stelle der Netzhaut, wo sich die Nervenfasern zum Sehnerv bündeln, keine Rezeptorzellen befinden. So kann es passieren, dass wir etwas übersehen oder gar Dinge wahrnehmen, die sich als optische Täuschung herausstellen. Was biologisch leicht nachzuweisen ist, bläst nun Heinz von Foerster zu einer wilden Gesellschaftstheorie auf. Der blinde Fleck führe zu einem unbewussten Verhalten. Deshalb bedarf es eines weiteren Beobachters. Erst durch die Beobachtung des Beobachters werde deutlich, was der Beobachtende nicht sieht. Der einzige Ausweg sei zu lernen, mit dem blinden Fleck zu leben:

„Wenn ich nicht sehe, dass ich blind bin, dann bin ich blind; wenn ich aber sehe, dass ich blind bin, dann sehe ich.“

Mit der Erkenntnis der eigenen Blindheit formiert die Kybernetik der Kybernetik die Ebene der Beobachtung beobachtender Systeme und ersäuft sich in netten Geschichten – Heinz von Foerster war ein guter Märchenonkel. Was liegt da näher, als auch mal ins Management abzudriften und den Manager in die kybernetische Modellwelt einzutauchen. Schließlich verfügt man über eine Allzweckwaffe. Was von Foerster entwickelt, klingt auf den ersten Blick äußerst sympathisch. So will er Führungskräfte von vertikalen Machern und Befehlsgebern zu „Verstärkern“ sowie „Pflegern“ eines sich selbst organisierenden Systems (da ist er wieder, der kybernetische Automat) wandeln.

Von Foerster sieht die Hierarchie als eine wesentliche Blockade der unterdrückten Leistung. An die Stelle der Herrschaft der Manager oder Chefs sollte deshalb die Heterarchie treten:

„Dieser Begriff war zuerst von Warren McCulloch im Zusammenhang mit der Organisation des Nervensystems verwendet worden, um die Redundanz des möglichen Befehls zu beschreiben. Ein Mensch denkt langsamer und weniger, wenn er damit rechnet, eine Anweisung, einen Befehl zu erhalten. Diese freiheitlich anmutende Einsicht legt von Foerster nun den Managern ans Herz, um ihnen zu erklären, wie viel Energie ihrer Angestellten sie in einer Top-down-Kommunikation verschwenden“, erläutert Hans-Christian Dany in dem sehr lesenswerten Buch „Morgen werde ich Idiot: Kybernetik und Kontrolle“.

Vor allem würden die Führungskräfte den Angestellten keine Gelegenheiten geben, von unten nach oben zu berichten. Das Management bliebe blind (da ist er, der blinde Fleck), solange es über keinen Informationskanal verfüge, der es über seine blinden Flecken aufkläre.

„Deshalb solle das Management die Angestellten an der Steuerung teilhaben lassen, um sie als beobachtete Beobachter effizienter nutzen zu können. Von Foerster illustriert die Effizienz der dezentral beobachtenden Selbstführung und gesteigerten Identifikation mit dem Unternehmen an dem gleichen Beispiel, das schon McCulloch für die Heterarchie im Nervensystem wählte“, führt Dany aus.

In der flachen Hierarchie erhöhe sich die Sichtbarkeit. Die unsichtbare Hand höre aber nicht auf, Organisator zu sein, genauso wenig, wie sich Unternehmen in ein unabhängiges und offenes System verwandeln, was die Dynamik der Selbstorganisation eigentlich erfordern würde.

„Was beschworen wird, ist eine Pseudo-Selbstorganisation. In erster Linie sollen die Angestellten ihre Disziplinierung auf der angenommenen Augenhöhe übernehmen – ihre Selbstführung soll für die Interessen des Unternehmens mobilisiert werden. An der langen Leine gelenkter Selbstkontrolle wird ihnen die Illusion von Teilhabe vorgespiegelt. Jeder wird zum Schmied des gemeinsamen Glücks verklärt. Teilgehabt wird an den Freuden der Pflicht, meist ohne dass sich Wesentliches an der Verteilung der Produktionsmittel ändert. Werden die Angestellten, die jetzt immer öfter Mitarbeiter heißen, am Kapital des Unternehmens beteiligt, dann so, dass sie das Systemprinzip des Unternehmens stabilisieren“, erläutert Dany.

Es habe nicht lange gedauert, bis die eifrigen Heinz von Foerster-Jünger die gelenkte Pseudo-Selbstorganisation mit Parolen wie „Jeder muss zum Unternehmer im Unternehmen werden“ in die Welt posaunten. Wer A sagt, müsste auch B sagen und entsprechend Kontrolle sowie Macht abgeben.

Ein Heer von Managementberatern, Umstrukturierungsexperten und neuen Unternehmern plädiert zwar für flache Hierarchien, Eigenverantwortlichkeit, Innovation und Flexibilität – ohne die Machtstatik auch nur in Ansätzen anzutasten. Wir erleben flache Hierarchien ohne Freiheitsgewinn.

Um das zu erreichen, müssen wir die sanften Anstubsverfahren dechiffrieren. Deshalb mein Plädoyer für paradoxe Interventionen – extern und intern.

Wir brauchen also keine Laberrituale über selbstorganisierende Systeme zweiter Ordnung, sondern institutionelle Regeln, die verhindern, dass machtsüchtige und inkompetente Manager/Unternehmer allzu großen Schaden anrichten.