exterior of berlin tv tower against blue sky

Transformation der Erinnerung und Aufarbeitung: Eine aufschlussreiche Keynote von Dr. Anna Kaminsky #EuropaKonferenz #Berlin

13 OCT 2023, BERLIN/GERMANY: Europa Konferenz der Willi-Eichler-Akademie und der European Academie Berlin „Wende in Europa: Ausblick auf eine neue Zeit“, Europäische Akademie Berlin, IMAGE: 20231013-01 NUTZUNGSRECHTE: Zeitlich und räumlich unbegrenzte Nutzungsrechte in Print- und Onlinemedien der Willi-Eichler-Akademie e.V., sowie das Recht zur unbegrenzten Weitergabe dieser Nutzungsrechte an Dritte.

Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, reflektiert in ihrer Keynote auf der Berliner Europa-Konferenz über die Transformation der Erinnerung und die aktuellen Herausforderungen der Aufarbeitung. Erfahrt, wie sich kollektive Erinnerung verändert und welche Aufgaben die Aufarbeitung von Gewalt- und Diktaturerfahrungen erfüllen kann.

In ihrer Keynote auf der Berliner Europa-Konferenz im Grunewald zeigt sich Dr. Anna Kaminsky, Direktorin der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, bestürzt vom Terrorüberfall der Hamas auf Israel: „Die Bilder der getöteten Zivilisten, der verschleppten Geiseln, ihrer Demütigung und Entwürdigung waren erschütternd. Und der darauffolgende Jubel der arabischen Communities auch in Deutschland hat mich fassungslos und wütend gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war ich gerade mit einer Delegation in Taiwan, um den dortigen Übergang zur Demokratie kennenzulernen und über Fragen der Transitional Justice zu diskutieren. Dabei ging es auch um die Themen dieser Tagung: Wie verändert sich die kollektive und subjektive Erinnerung? Welche Narrative über die Vergangenheit dominieren aktuelle Diskurse? Wovon hängen jeweils thematische Konjunkturen in den Vergangenheitsdiskursen ab? Wie kann diese lang zurückliegende Gewalt- und Diktaturerfahrung an eine junge Generation vermittelt werden, die damit nur wenig verbindet oder ihre Verachtung demokratischer Grundkonsense auch im Bereich der Erinnerung offen zeigt. Welche Aufgaben und Funktion hat und kann Aufarbeitung erfüllen?“

Im ersten Teil ihres Vortrage zur Transformation der Erinnerung und der Aufarbeitung nach 1990 geht sie auf die historische Situation ein und auf die Entwicklungen, die Ende der 1980er Jahre eine Überwindung der kommunistischen Diktaturen und der deutschen und europäischen Teilung ermöglichten. Im zweiten Teil reflektiert Kaminsky Fragen der Erinnerungspolitik und Aufarbeitung nach 1989/90 in den einstigen kommunistisch beherrschten Ländern. Zu Ende der 1980er Jahre setzten in vielen Regionen der Welt Liberalisierungs- und Demokratisierungsprozesse ein. Taiwan schlug 1987 ebenso wie Südkorea einen Weg zur Demokratisierung ein. Die dort bis dahin herrschenden Militärdiktaturen leiteten – unter dem Druck der Proteste im Land -Reformen und Liberalisierungen des politischen und gesellschaftlichen Lebens ein. Das Kriegsrecht wurde abgeschafft, Meinungs- und Pressefreiheit garantiert; politische Repression wegen abweichender Meinungen zurückgefahren und demokratische Wahlen abgehalten. Neue Parteien entstanden. Eine Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem politischen Unrecht im „Weißen Terror“ hingegen blieb in Taiwan lange aus:

„Diese begann erst nach 2016, als die oppositionelle DPP, die Regierung stellte und die Kuomingtang für längere Zeit in die Opposition ging. Auch in Südkorea ist die Beschäftigung mit der Militärdiktatur und insbesondere mit der gewaltsamen Niederschlagung der Proteste von 1980 in Guangjou bis heute weitgehend ausgeblieben. Die Aufarbeitung konzentriert sich hier auf die Zeit des Koreakriegs von 1950 – 1953, die kommunistische Diktatur der Kim-Dynastie im Norden und die Folgen der andauernden Teilung der koreanischen Halbinsel. Auch auf den Philippinen und in der Türkei wurden 1987 neue Verfassungen verabschiedet, die die Restriktionen der Militärdiktaturen beendeten“, so Kaminsky

1987 war auch das Jahr, in dem

  • Gorbatschow, die als Perestroika bekannt gewordenen Reformen bekannt gab
  • Matthias Rust auf dem Roten Platz in Moskau landete, was zur Entlassung hochrangiger Militärs in der Sowjetunion und der Umsetzung der Perestroika auch im Militär führte,
  • Erich Honecker die Bundesrepublik besuchte und eine
    Stärkung seines Regimes in der DDR erhoffte,
  • SPD und SED ein gemeinsames Grundsatzpapier über den „Streit der Ideologien und die gemeinsame Sicherheit“ verfassten und
  • Ronald Reagan vor dem Brandenburger Tor seinen Aufruf an Michail Gorbatschov „Please Mr. President! Tear down this wall“ richtete.

„Trotz dieser Entwicklungen deutete 1987 kaum etwas daraufhin, dass nur zwei Jahre später der gesamte kommunistische Block in Europa zu Fall gebracht werden würde. Noch im September 1989 gab eine große Mehrheit der westdeutschen Bevölkerung an, dass sie nicht damit rechneten, die Öffnung von Mauer und Grenze noch zu erleben. Dabei gärte es zu diesem Zeitpunkt längst in vielen Ländern des Ostblocks. Immer mehr Menschen überwanden ihre Angst und trugen ihren Protest in die Öffentlichkeit. In Polen fanden im Juni die ersten halbdemokratischen Wahlen statt, bei denen alle freiwählbaren Mandate an die Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc gingen. Ungarn baute ab dem Frühsommer seine Grenzanlagen entlang des Eisernen Vorhangs ab und erkannte die Genfer Flüchtlingskonvention an. In den baltischen Ländern, die noch unter sowjetischer Herrschaft standen, erinnerte am 23. August eine 600 Kilometer lange Menschenkette an den Verlust der Unabhängigkeit und die Annexion durch die
Sowjetunion in der Folge des Hitler-Stalin-Paktes am selben Datum fünfzig Jahre zuvor.“

So sehr das Ende der kommunistischen Herrschaft und die Einführung von Demokratie erstrebt worden waren, so wenig waren die meisten Menschen auf die Herausforderungen der Umgestaltungsprozesse vorbereitet. Für viele glich diese Zeit einer „Achterbahnfahrt“.

„Für mich, meine Angehörigen und Freunde begann nach der Friedhofsruhe in der DDR ein Leben wie in der Achterbahn. Ich möchte es nicht missen. Aber ich möchte es auch nicht noch einmal erleben.“ (Wittenburg 2015).

„Es galt, sich nicht nur über Nacht an völlig neue Gesetze, Regelungen oder auch Waren zu gewöhnen. Die Menschen mussten auch lernen, dass nicht mehr staatliche Instanzen die meisten Entscheidungen reglementierten und vorgaben. Eigeninitiative und Eigenverantwortung waren nun gefragt. Vor allem aber war kaum jemand auf die ökonomischen Probleme vorbereitet. In allen einstmals kommunistisch regierten Ländern – im Unterschied zu den Diktaturen etwa in Südkorea, Taiwan oder Chile – war die Wirtschaft infolge der ineffizienten Planwirtschaft auf Verschleiss gefahren worden. Die marode Industrie war schon lange nicht mehr auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig. Gerhard Schürer hatte den desolaten Zustand der DDR-Wirtschaft bereits im Sommer 1989 in einer geheimen Analyse für das Politbüro der SED beschrieben. Nach seiner Einschätzung waren 30 Prozent der DDR-Betriebe nicht mehr zu retten, für weitere 40 Prozent sah er mit erheblichen Investitionen Überlebenschancen und nur für 30 Prozent sah er eine Chance, sich im marktwirtschaftlichen Wettbewerb zu behaupten. Eine Analyse, die sich bei der späteren ökonomischen Umgestaltung weitgehend bestätigen sollte“, betont Kaminsky.

Während in vielen der einstmals unter diktatorischer Herrschaft stehenden Länder Reformprozesse begannen, die alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens umfassten und die Bevölkerungen vor riesige Umbrüche stellte, verdeckte dieser Aufbruch zugleich gegenteilige Entwicklungen:

  • Die Auflösungsprozesse in der Sowjetunion führten zu
    einem Zusammenbruch staatlicher Strukturen. In der
    Russischen Föderation verbinden bis heute viele
    Menschen die Vorstellungen von Demokratie mit
    „Chaos“. Dies äußert sich in Umfragen bspw. dergestalt,
    dass eine Mehrheit der Menschen überzeugt ist, dass
    das westliche Demokratiemodell für Russland
    ungeeignet ist.
  • Hinzu kamen mannigfaltige militärische Aggressionen,
    um den Zerfall des Imperiums aufzuhalten. Militärische
    Aggressionen wie gegen Tschetschenien, Armenien und
    Georgien sollten den Zerfalls des sowjetischen
    Imperiums ebenso aufhalten wie die Interventionen
    1991 in den baltischen Staaten, die insbesondere in
    Litauen zu zahlreichen Todesopfern führte, die
    Unabhängigkeit dieser Staaten nach den Jahren der
    sowjetischen Okkupation jedoch nicht aufhalten
    konnten.

35 Jahre vergangen seit Überwindung kommunistischer Diktaturen – Anlass erneut zu schauen: was bedeutet 1989 heute noch? Was geht uns das noch an (junge Generation, Ältere? Zwiespalt zwischen Erinnerung an Heimat und Wissen um Diktatur, Unrecht Erinnerung an Mut, Demokratie, Freiheit – kollidieren mit Erfahrung Zusammenbruch nicht nur Kommunismus, sondern Wirtschaft, Umbruch in allen Bereichen, Rosskur, brutale neoliberale Erfahrungen, Raubtierkapitalismus.


@ReneCuperus: Europa muss geopolitisch und in der Verteidigung mehr leisten #EuropaKonferenz #Berlin


Wenn Hendrik Küpper über Europa nachdenkt, muss er immer an die Worte von Antonio Gramsci denken: Er schwankt zwischen Pessimismus des Verstandes und Optimismus des Willens. Diese Vorstellung verband der Moderator Küpper bei einer Paneldiskussion in Berlin mit dem Zustand Europas. René Cuperus antwortete pragmatisch positiv: „Europa ist immer noch die Supermacht der Lebensqualität, die Supermacht der Lebensqualität, mit dem höchsten Wohlstand und der größten Freiheit für die meisten Menschen.

Diese europäische Erfahrung stehe aber unter enormem Druck, sagte der niederländische Politikberater in der Europa-Akademie im Grunewald. Bedroht durch Autokratie. von außen und von innen. Der Schock der Zeitenwende. „Ich wünsche mir ein kämpferischeres, widerstandsfähigeres, wachsameres Europa, aber ich sehe immer noch zu wenig Dringlichkeit und Angst bei vielen für eine nach innen gerichtete europäische Diskussion, über Spitzenkandidaten, Erweiterung und die Anzahl der Kommissare und so weiter. Die europäische Wertegemeinschaft mit ihrer sozialen Marktwirtschaft und Rechtsstaatlichkeit ist es wert, mit Vehemenz verteidigt zu werden“, erläuterte Cuperus.

Die größten Probleme Europas, ja der westlichen Demokratie, seien innenpolitischer Natur: Zersplitterung, Polarisierung, die Rückkehr der politischen Feindschaft im Sinne des Staatsrechtlers Carl Schmitt, die Krise der politischen Mitte und die Dominanz der Opposition von grünem Kosmopolitismus und braunem Rechtspopulismus. „Das untergräbt die Schlagkraft unserer Demokratie und damit die Handlungsfähigkeit Europas“, kritisierte Cuperus. Europa sei nicht bereit für eine geopolitische Rolle und Bundeskanzler Scholz profiliere sich nicht als Führungsfigur. Wenn Donald Trump die US-Präsidentenwahl noch einmal gewinnen sollte, seien wir auf uns allein gestellt. „Ich befürchte nach innen gerichtete Debatten über Erweiterung, Spitzenkandidaten, Anzahl der Kommissare, ohne geostrategische Dringlichkeit.“

Die EU sei eher ein Multi-Level-Governance-Elite-Projekt und erreiche viele Menschen nicht. „Europas demokratische Stärke sind die nationalen Demokratien, die regionalen Demokratien“, meint Cuperus. Er sei gegen eine gleichzeitige Ausweitung und Vertiefung.

„Europa muss vor allem in geopolitischer Hinsicht und im Bereich der Verteidigung etwas leisten. Ein starker europäischer Verteidigungszweig innerhalb der NATO, auch um Amerika zu entlasten, und schon jetzt eine Rückkehr von Trumps ‚America First‘ zu erwarten“, resümiert der niederländische Politik-Analyst. Mäßigung bei Migration und Klima als Antwort auf das gefährliche rechtspopulistische Unbehagen sei bei nationalen und europäischen Wahlen von entscheidender Bedeutung.

Koloniale Denkmuster: Kommt nach der Zeitenwende der Perspektivwechsel? #EuropaKonferenz #Berlin

Panel mit: Radka Denemarkovà, Kolja Lichy, Krsto Lazarevic, Anna Dabrowska, Kostyantin Kvurt. Moderation: Gert Weisskirchen. Keynote: Dr. Clara Frysztacka.

Twitch darf nicht fehlen.

Melancholie mit Wahn: Robert Schumann in Bonn-Endenich #Lieblingsorte

Raoul Mörchen schaut sich in der Sommerreihe des Deutschlandfunks „Lieblingsorte“ mit Ingrid Bodsch, Leiterin des Schumann-Netzwerkes, im Haus und Zimmer um, in dem Robert Schumann seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte. Damals lag das Haus in einem großen Park, der der Erholung der Patienten dienen sollte.

Am 15. Mai 1851 kam Schumann zum ersten Mal nach Bonn. Er holte nach, wozu er 1845, als er krankheitshalber der Errichtung des Beethovendenkmals fernbleiben musste, nicht gekommen ist: Schumann ging zum Beethovendenkmal auf dem Münsterplatz, besuchte das Geburtshaus Beethovens und schließlich den Musikverleger Peter Joseph Simrock in dem großen Verlagshause am Markt, bevor er im Wagen weiter nach Rolandseck fuhr.

Nach seinem Selbstmordversuch in Düsseldorf wurde Robert Schumann am 4. März 1854 in die 1844 von dem Bonner Arzt Franz Richarz eröffnete „Anstalt für Behandlung und Pflege von Gemütskranken und Irren“ in Endenich bei Bonn gebracht. Als Diagnose wurde in dem seit 1845 geführten „Aufnahmen-Buch“, in dem Robert Schumann als 159. Patient und als zweiter Neuankömmling des Jahres 1854 eingetragen wird, „Melancholie mit Wahn“ verzeichnet (vgl. Fundgrube: Patientenaufnahmebuch, eine Feststellung, die für nicht wenige der Endenicher Patienten getroffen wurde).

Die Heilanstalt, das heutige Schumannhaus, wurde zum letzten dauernden Aufenthalt Robert Schumanns, in der er nach hoffnungsvollen Momenten erstaunlicher Klarheit und zuweilen ungetrübten Bewusstseins schließlich langsam verdämmerte und am 29. Juli 1856 starb. Auch die letzte Ruhe fand Robert Schumann in Bonn: auf dem Alten Friedhof, wo er auf Veranlassung des Bonner Bürgermeisters Leopold Kaufmann ein Ehrengrab erhielt, in dem 40 Jahre später auch seine 1896 in Frankfurt verstorbene Frau Clara beigesetzt worden ist. Text von Ingrid Bodsch auf dem Schumann-Portal.

#DigitalX, Brandhouse #Schubkraft und die Welt in 100 Jahren #Notizzettel

Von den unendlichen Möglichkeiten der drahtlosen Kommunikation waren abendländische Geistesgrößen schon vor über hundert Jahren beseelt. Nachzulesen im Opus „Die Welt in 100 Jahren“. In dem 1910 veröffentlichten Werk heißt es:

„Es wird jedermann sein eigenes Taschentelephon haben, durch welches er sich, mit wem er will, wird verbinden können, einerlei, wo er auch ist, ob auf der See, ob in den Bergen, dem durch die Luft gleitenden Aeroplan oder dem in der Tiefe der See dahinfahrenden Unterseeboot.“

Auf seinem Wege ins Geschäft werde der Mensch seine Augen nicht mehr durch Zeitunglesen anzustrengen brauchen, „er wird sich in der Untergrundbahn, oder auf der Stadtbahn, oder im Omnibus oder wo er grad‘ fährt, und wenn er geht, auch auf der Straße, nur mit der gesprochenen Zeitung in Verbindung zu setzen brauchen, und er wird alle Tagesneuigkeiten, alle politischen Ereignisse und alle Kurse erfahren, nach denen er verlangt.“ Wenn schließlich auch der „gewöhnliche Sterbliche“ einen solchen Apparat nutzt, „dann werden dessen Lebensgewohnheiten dadurch noch mehr beeinflusst werden, als sie dies schon jetzt durch die Einführung unseres gewöhnlichen Telephones geworden sind.“ Dem einflussreichen Journalisten und Schriftsteller Arthur Brehmer gelang es damals, einige interessante Experten zu gewinnen, ihre Gedanken über die Zukunft nieder zu schreiben.

Die spektakulärste Prognose über das Telephon in der Westentasche stammt aus der Feder von Robert Stoss.

„Eigentlich schrieb er bereits über das iPhone. Man muss es, um es zu glauben, ab Seite 35 selber lesen“, schreibt Georg Ruppelt in der Neuauflage des Werkes (Olms Verlag).

Der Band wurde übrigens 2010 zum Wissenschaftsbuch des Jahres gekürt. Völlig verdient. Stoss sprach vom Ende von Raum und Zeit:

„Überall ist man in Verbindung mit allem und jedem. Jeder kann jeden sehen, den er will, sich mit jedem unterhalten und wäre der Betreffende auch tausend Meilen von ihm entfernt. Er kann jedes Vergnügen und jede Zerstreuung, wie sie sich jeder andere Mensch gönnen kann, auch mitmachen. Er kann die Tänzerinnen des Königs von Siam ebensogut in Paris in seinem Studierzimmer sehen, wie während der Fahrt im Bahncoupé einer Vorstellung der großen Oper von Monte Carlo beiwohnen kann. Es gibt nichts, was er sich nicht zu leisten vermag.“

Klingt doch irgendwie nach den Remote-Szenarien der vergangenen Jahre.

Was hat Science-Fiction mit der Zukunft zu tun und steuern wir auf eine Privatisierung des Kosmos hin? Dr. Hans Esselborn, Germanistik-Professor der Universität zu Köln erklärt, wie die Literatur dazu beiträgt, Zukunftsvorhersagen zu treffen und warum es wichtig ist, dass auch Literaten eine Expedition ins All wagen.

An der Universität zu Köln befasst sich Esselborn intensiv mit Science- Fiction Literatur. Er ist allerdings vorsichtig mit der Aussage, ob Literatur tatsächlich Zukunftsprognosen treffen kann. Vielmehr entwerfe sie Szenarien, in denen auch die Fragen angesprochen und zum Teil beantwortet werden sollen, die den Leser aktuell beschäftigen und sogar zum Handeln bewegen. Und dass dies in der Vergangenheit schon der Fall war, zeigt der Roman von Kurd Laßwitz über eine Weltraumstation, die später Wernher von Braun dazu bewegte genau diese Station nachzubauen. Doch das klappe nicht immer. Während sich beobachten lässt, dass die Literatur-Vorhersagen bei technischen Dingen oftmals richtig liegen, beispielsweise bei der Entwicklung der Flugzeuge und des Computerwesens, lagen die Vorhersagen vieler Romane beim Internet weit daneben. Keiner habe dem Internet die große Kommunikationsmaschine, die es heute ist, zugetraut.

Im Utopieband „Was würdest du machen, wenn du König von Deutschland wärst?“ äußert Esselborn sein Unbehagen, dass die privaten amerikanischen Firmen Weltraumraketen bauen, den Mond und den Mars besiedeln wollen. Das konterkariert die politische Gemeinsamkeit. Was Musk, Bezos und Co. vorantreiben, die die Kolonialisierung des Weltalls auf privater Basis. „Ich sehe das als eine gefährliche Entwicklung. Weil die Kontrolle fehlt und es irgendwann dann die Piratenkriege im Weltraum geben wird. Dazu gibt es glaube ich auch schon vieles in der Literatur“, so Esselborn. Es entsteht kosmischer Neoliberalismus.

Mit dem Schauspieler Thomas Franke werde ich auf der Digital X in Köln über diese und andere Szenarien der Science-Fiction-Literatur sprechen. Am Dienstag, den 13. September in der Aachener Str. 21. Kommt vorbei.

Nachtrag: Wenn Utopien in den Sand gesetzt werden: Am Beispiel der Maschine von Marly. Köstlich beschrieben von Thomas Brandstetter im Opus „Kräfte messen“, erschienen im Kadmos-Verlag.

Dieser Koloss an der Seine war das größte mechanische Bauwerk seiner Zeit, ein gigantischer Apparat, dessen einzige Aufgabe es war, Unmengen an Wasser für die spektakulären Springbrunnen, Kaskaden, Wasserspiele und inszenierten Feste im Schlosspark von Versailles zu transportieren.

Das Wasserhebewerk war ein Ergebnis der Prunksucht und Obsessionen des französischen Sonnenkönigs. Ludwig der Vierzehnte investierte für dieses Ideal der Vollkommenheit die Summe von 14 Millionen Livre (1 livre entspricht 5 bis 15 Euro). Es bestand aus 14 großen Wasserrädern, die 221 Pumpen betrieben. Mit dem Bau waren 1.800 Arbeiter und Techniker fünf Jahre lang beschäftigt. Sie verbrauchten das Holz etlicher Wälder, 17.500 Tonnen Eisen, 900 Tonnen Blei und 850 Tonnen Kupfer.

Entstanden ist aber keine quasi-göttliche Schöpfung der Technik, keine perfekte Maschine, kein Monument der Ingenieurskunst, sondern ein schwerfälliges Monster.

Das Maschinenwunder von Marly entpuppte sich als technologischer Dinosaurier mit einer abnorm niedrigen Leistung. So lag der Wirkungsgrad bei unter 7 Prozent und erzeugte eine Nutzleistung von spärlichen 80 Pferdestärken.

Anmaßende und selbstgefällige Konstrukteure versprachen dem Sonnenkönig das achte Weltwunder. In Wahrheit schufen sie ein zweckfremdes Ungetüm mit einer Vielzahl von komplizierten Bewegungen, die das erforderliche Zusammenspiel der Bauteile verhinderte.

Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verabschiedete man sich von der Schwerfälligkeit dieses Denkmals der Prachtentfaltung und konzipierte ein dezentrales Versorgungssystem, getragen von Prinzipien der Beherrschbarkeit, Nützlichkeit, Effizienz und Einfachheit.

Glücksfall für Bonn und Beethoven: Kurfürst Maximilian Franz von Österreich #BTHVN @Musikverein

„Ueberhaupt war es eine schöne, vielfach regsame Zeit in Bonn, so lange der, selbst geniale, Kurfürst Max Franz, Maria Theresia’s jüngster Sohne und Liebling, friedlich daselbst regierte.“ Es ist Beethovens ihm lebenslang verbunden gebliebener Jugendfreund Wegeler, der in seinen zusammen mit Ferdinand Ries verfassten „Biographischen Notizen über Ludwig van Beethoven“ sich diesen sehnsuchtsvollen Rückblick gestattet, übrigens in einer Fußnote, in der er von der 1838 schon lange verstorbenen Gräfin Belderbusch geborene Barbara Koch als dem „Ideal eines vollkommenen Frauenzimmers“ schwärmt, deren Nähe alle, egal welchen Standes oder Alters, gesucht hätten. Glückliche Jugenderinnerungen verklärten zusätzlich die Zeit, die im Oktober 1794 mit dem Einmarsch der französischen Revolutionstruppen abrupt endete. Diese Sehnsucht findet schon 1816 – Bonn war nicht mehr französisch, sondern gehörte seit zwei Jahren als Teil der Rheinprovinz zum Königreich Preußen – in einem Bonner Nachruf auf den in London bei einem Reitunfall zu Tode gekommenen Johann Peter Salomon, ehemals Angehöriger der Bonner Hofkapelle und ein Sohn der Stadt Bonn wie der 25 Jahre nach ihm geborene Ludwig van Beethoven, beredten Ausdruck: „Wird sie nie wiederkehren, diese schöne glückliche Zeit?“. Nachzulesen im Vorwort des Katalogs zur Ausstellung „Bonns goldenes Zeitalter – die kurkölnische Residenzstadt zur Zeit Beethovens“. In der Bonner Oper kehrt sie für mich immer wieder zurück, diese glückliche Zeit.

Wie wichtig Kurfürst Max Franz für die musikalische Sozialisierung Beethovens war, erläutert Otto Biba, österreichischer Musikwissenschaftler und Archivdirektor der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien.

Warum die Kleinstaaterei für Deutschland ein Glücksfall war für Kunst und Kultur, schildert Dr. Ingrid Bodsch, die frühere Leiterin des Bonner Stadtmuseums:

Umfassende Doku zum Beethoven-Jubiläum.

https://ichsagmal.com/2021/12/18/sohnsohn-und-das-beethoven-jubilaeum-bthvn/

Bekenntnis zu den Wurzeln des politischen Systems der Bundesrepublik

David Eisermann im Gespräch mit Juli Zeh

Hinter den Brandreden und nationalistisch durchtränkten Parolen von Björn Höcke und seinen Gefolgsleuten steckt eine perfide Methode. Es geht nicht nur darum, rechte Gedankenbilder in den politischen Diskurs einzuführen, ohne sich juristisch angreifbar zu machen: „Das Ziel ist Überwältigung. Systematisch deuten rechtsgerichtete Politiker und Agitatoren zentrale Symbole des freiheitlichen, demokratischen Gemeinwesens Deutschlands um, und der Bürger weiß sich nicht zu wehren. Die Strategie ist es, Begriffe und Bilder des demokratischen Diskurses zu diskreditieren und Demokraten im Wortsinn sprachlos zu machen. Jemand will uns die kollektive Identität rauben, sagt Höcke. Stimmt, Höcke selbst will das“, schreibt die Zeit.

Die Protagonisten im rechten Spektrum tanzen um einen Kessel mit brauner Suppe und sind bemüht, selbst keine braunen Flecken auf ihre Westen und Blusen abzubekommen. 

Die nationalistischen Akteure agieren mit Untergangsformeln und inszenieren sich dabei als die Erlöser. Wer sich dem widersetzt, wird als undeutsches Element und Volksverräter denunziert.

Angriff auf Symbole

Es ist ein Angriff auf die Symbole und Institutionen der Bundesrepublik Deutschland — das ist vor allem ein Angriff auf den Geist der Bonner Republik, denn in Bonn sind die Wurzeln des Grundgesetzes, hier tagte der Parlamentarische Rat, hier sind in der Nachkriegszeit wichtige Weichen gestellt worden für politische Stabilität in einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Bonn stand für das pragmatische Gebot politischer Nüchternheit, geschichtlicher Verantwortung und Weltoffenheit. Hier entwickelten die Mütter und Väter des Grundgesetzes die institutionellen Sicherungen, um Weimarer Verhältnisse zu verhindern. Repräsentative Demokratie, Verhältniswahlrecht, Fünf-Prozent-Klausel, Verhinderung negativer Mehrheiten, föderale Struktur und Interessenausgleich mit den Bundesländern im Bundesrat und das Bundesverfassungsgericht als Korrektiv der Gesetzgebung.

Faktoren für Stabilität

Das Fundament für diese Erfolgsgeschichte wurde in Bonn gelegt. Dieser Geist ist allerdings nicht in Stein gemeißelt. Er muss immer wieder vermittelt werden — besonders in der politischen Bildung. In Anlehnung an Thukydides, Aristoteles und Tocqueville benennt der Politikwissenschaftler Wilhelm Hennis drei Faktoren für politische Stabilität:

  • die Weisheit der Gesetze bzw. die Kraft der Institutionen,
  • die Qualität des politischen Personals
  • und die Tugend der Bürgerinnen und Bürger.

All das muss eine Zivilgesellschaft im Auge haben, um nicht den völkisch gesinnten Agitatoren, die unsere Republik zerstören und umwälzen wollen, die Deutungsmacht zu überlassen. Um das zu erreichen, müssen eben auch Kompetenzen für die Kommunikation in 280 Zeichen angeeignet werden.

„Politisch Bildung wird immer mehr auch digitale Bildung bedeuten, weil digitale Mechanismen Deutungshoheit setzen“, so die Wissenschaftlerin Sabria David.

Letztlich muss mit politischer Bildung klargemacht werden, wie wichtig es ist, den Geist der Bonner Republik mit Leben zu füllen. Höcke und Co. wollen ihn beschädigen: Es gehe diesen Akteuren, Gruppierungen und Bewegungen nicht um die Liberalisierung der Öffentlichkeit und folglich auch nicht der Politik, die eigentlich mit den genannten Werten einhergeht. Im Gegenteil: Es geht schlicht um die Propaganda der eigenen Ziele, also um den Versuch, die vermeintlich liberale Hegemonie durch die eigene autoritäre Ideologie zu ersetzen, führt Professor Armin Scholl in einem Beitrag für die Netzdebatte der Bundeszentrale für politische Bildung aus. 

Ist diese erst einmal durchgesetzt, sei Schluss mit Toleranz und Meinungsvielfalt, mit der Repräsentanz von Minderheiten und gleichen Beteiligungschancen für alle politischen Richtungen.

„Denn diese Werte gelten nicht mehr für den politischen Gegner, sondern nur für die eigene Klientel – solange man sich in der Opposition zu einer illegitimen Regierung und als unterdrückte Mehrheit wähnt.“

Pauschale Systemkritik stützt die Rechtspopulisten

Man muss vor dem Hintergrund dieser massiven Angriffe auf das politische System in der Bundesrepublik aufpassen, nicht Stichwortgeber für die Systemgegner zu werden: Wenn beispielsweise mit pauschalen Parolen gegen das politische Personal oder die Unfähigkeit der Regierung gewettert wird.

Darauf macht Juli Zeh in einem Gastbeitrag für die Zeit aufmerksam. Sie erlebte bei einer Podiumsdiskussion eine öffentlich inszenierte Radikalablehnung des Politischen an sich und des Politikers an sich, also auch: eine Ablehnung der Demokratie. „Und zwar nicht durch abgedrehte Reichsbürger, sondern durch hoch gebildete, in hohem Maße anerkannte Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Vorbildfiguren der deutschen Demokratie. Hier wurde Politikverdrossenheit zur mehrheitsfähigen Politikverachtung, indem sich der Einzelne nicht nur cool abwandte, sondern sich mit gerecktem Zeigefinger höhnisch über den politischen Betrieb erhob.“

In den Feuilletons und Talkshows sei es ähnlich gelaufen. „Auf allen Kanälen wurde gegen die Parteien und ihr ‚mediokres‘ Personal gewettert. Philosophen, Schauspieler, Wirtschaftswissenschaftler und prominente Journalisten stimmten ein. Immer feste druff – auf die Politik und das System“, schreibt Zeh. So etwas setzt sich fest in breiten Kreisen der Bevölkerung. Ich habe das kürzlich bei einem unfreiwilligen Spaziergang in Bonn erlebt (musste wieder mal mein Rad schieben, Hinterrad war platt – Ihr kennt das ja). Ein Radfahrer begleitete mich bei meinem Rückweg nach Bonn-Duisdorf. Auf Nachfragen zum Hersteller meines E-Bikes folgte eine Generalabrechnung mit Merkel und dem politischen System. Zudem seien E-Autos Unsinn und Deutschland sei fremdgesteuert. Eine Mischung aus Verschwörungstheorien und Halbwissen.

In meiner Replik lobte ich die Vorzüge des Grundgesetzes und fragte konkret nach, welche politischen Maßnahmen ihn denn auf die Palme bringen würden. Seine Fundamentalkritik fiel dann in sich zusammen und er machte mir klar, dass es doch schön sei, hier zu leben. Die Menschen seien meistens freundlich und hilfsbereit. Mich bezeichnete er sogar noch als coole Socke – allerdings nur wegen des eBikes.

Es sollte also mehr Verständnis für die Abläufe im politischen System vermittelt werden. Siehe auch meinen Beitrag: Schnelle Lösungen sind eine Illusion der Sprücheklopfer – Plädoyer für die Politik der kleinen Schritte

Der Sohn vom Sohn – Erinnerungskultur am 7. Februar #bcbn

Der gute und liebe Papi wäre heute 89 Jahre alt geworden. Deshalb ein paar Erinnerungen, die ich im vergangenen Jahr auf dem Barcamp Bonn vortrug.