Das Ende von #GooglePlus: Erinnerung an eine Disputation mit Frank Schirrmacher #KarlssonvomDach – Was für eine schöne Diskussion @ChristophKappes @mspro

Fein, dass Christoph Kappes den Link zu einer legendären Disputation mit Frank Schirrmacher noch auf dem Schirm hatte.

In den Anfangstagen von Google Plus war das noch möglich. Und es war nicht nur der Reiz des Neuen und die überfällige Antwort des Suchmaschinen-Konzerns auf Facebook, die zu der Anfangseuphorie führte. Vieles im Design, im Aufbau und in der Funktionalität überzeugte mich über lange Zeit. Etwa Dienste wie Hangout on Air – also der erste Livestreaming-Dienst für Konferenzschaltungen und sehr coolen Apps, der Hannes Schleeh und mich zu unglaublich vielen Sendungen inspirierte.

In der von Christoph Kappes ausgelösten Debatte ging es um die Etablierung einer europäischen Suchmaschine, die von Schirrmacher gefordert wurde. Meine Antwort dazu kennt Ihr hier unter dem Hashtag #ChiracdesTages. Eine staatliche Initiative hielt ich damals und halte ich auch heute noch für zwecklos.

Und wie war das mit Frank Schirrmacher? Zu seinen Spitznamen zählte wohl Karlsson vom Dach, wenn die Darstellung von Michael Angele der Wahrheit entspricht. Aber so doof ist diese Analogie gar nicht. Er war nicht nur ein großer Geist, der Frank Schirrmacher, er tauchte wie Karlsson plötzlich auf und brachte Leben in die Bude. Schirrmacher war ein Meister der Debatten. Auch auf Google Plus. Hier ein kleiner Auszug der Disputation:

Gunnar Sohn
Eine Passage im Text von Schirrmacher ist doch höchst erfreulich: „Das Netz, das wird immer deutlicher, folgt den Regeln des talmudischen Kommentars, nicht denen des wissenschaftlichen. Offenbar nehmen wir Quellen, auch nachrichtliche, zunehmend als Glaubensinhalte wahr, nicht mehr als Fakten. Es könnte so sein, aber es könnte auch anders sein. Die alltägliche Wissenssozialisation beruht heute auf der Annahme: Die Fakten stimmen nicht mehr, jedenfalls stimmen sie nicht sehr lange – nicht deshalb, weil sie gelogen wären (auch das kommt vor), sondern weil sie schon in der nächsten Minute ganz anders sein können. Das Netz – in seinem gegenwärtigen Stadium – verhandelt deshalb vor allem das, was die Talmudisten ‚Lehrmeinungen‘ nannten – Meinungen, nicht Orthodoxien. Das führt allerdings oft dazu, dass sich auf den labyrinthischen Wegen der Deutungen, des unvollständigen Lesens (etwa der Pressemitteilung, wie im vorliegenden Fall, statt des Textes) die Ursprungsquelle bis zur Unkenntlichkeit entstellt.“ Die Schlussfolgerung im letzten Satz halte ich für falsch. Richtig beobachtet ist die sinkende Relevanz der Orthodoxien. Da braucht man nicht zum Talmud greifen. Niklas Luhmann reicht auch: Mit der Computerkommunikation, so Luhmann, wird die Eingabe von Daten und das Abrufen von Informationen soweit getrennt, dass keinerlei Identität mehr besteht. Wer etwas eingibt, weiß nicht, was auf der anderen Seite entnommen wird. Die Autorität der Quelle wird entbehrlich, sie wird durch Technik annulliert und ersetzt durch die Unbekanntheit der Quelle.

Ebenso entfällt die Möglichkeit, die Absicht einer Mitteilung zu erkennen und daraus Verdacht zu nähren oder sonstige Schlüsse zu ziehen, die zur Annahme oder Ablehnung der Kommunikation führen könnten. Die moderne Computertechnik greift die Autorität der Experten an. Fast jeder hat mittlerweile die Möglichkeit, die Aussagen von Wissenschaftlern, Journalisten, Unternehmern oder Politikern am eigenen Computer zu überprüfen. Die Art und Weise, wie Wissen in den Computer kommt, lässt sich zwar schwer überprüfen. Sie lässt sich aber jedenfalls nicht mehr in Autorität ummünzen. Und genau das treibt einige Denker, Einpeitscher und Debatten-Dompteure an die Decke. Man braucht das Internet nicht überhöhen oder kultisch in Web 2.0-Ideologie gießen. Man muss das Internet auch nicht heilig sprechen. Wo die kulturellen Katastrophen der Computer-Kommunikation enden werden, kann kaum jemand vorhersehen oder beeinflussen. Das macht das Ganze ja so reizvoll. Das Problem des unvollständigen oder kursorischen Lesens kann vom Luhmann-Szenario nicht abgeleitet werden. Das Problem hatte schon Herder. Jeder Leser ist eben auch ein Nicht-Leser. Herder beschreibt sich als trockener Gelehrter, als ein totes, künstliches System von Wissensbeständen. Er selbst sei „ein Tinenfaß von gelehrter Schriftstellerei“. Mit 24 ist Herder so angefüllt von Wissen, dass er dieses als Ballast beklagt.

Er entwickelt deshalb eine Kulturtechnik der kursorischen Lektüre. Er wird zum Läufer, zum Cursor, der im virtuellen Raum der Gelehrtenbibliothek zwischen Texten durcheilt und in dieser schnellen Bewegung neue Querverbindungen schafft. Es sei ein methodisches Verfahren, das ihm die Lizenz zum Flüchtigen gibt. In der so genannten „percursio“- im Durchlauf – darf aufgezählt und angehäuft werden, ohne dass es jeweils einer expliziten Behandlung der einzelnen Elemente bedarf. Herder praktiziert die gelehrte Lizenz, Materialmengen „aufs Geratewohl“ zu durcheilen. Die richtige Ordnung ist dabei zweitrangig. Die Sylvae wird definiert als Sammlung von schnell niedergeschriebenen Texten. Man schreibt nicht akademisch korrekt oder pedantisch genau, sondern aus dem Stegreif. Man formuliert aus dem Schwung heraus. Seine Lektüre ist nicht mehr festgelegt auf einen ursprünglichen oder autoritätsfixierten Wortlaut. Herders Suchläufe kennen keinen Abschluss. Das Universalarchiv ist uneinholbar. Eine beständige Lektüre der Menschheitsschriften ist unmöglich. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen. Es reicht nur zu Verweisen und Fundorten. Entscheidend ist die Zirkulation der Daten, der Datenstrom, der keinen Anfang und kein Ende hat, der neue Routen und Entdeckungen zulässt. Kanonische Wissensbestände müssen durch intelligente Suchroutinen ersetzt werden.

Und dann landen wir wieder bei Google und den Warnungen von Schirrmacher, die er schon in seinem Buch „Payback“ in etwas anderer Form artikuliert hat. Die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es ist die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die den FAZ-Herausgeber wohl weiter umtreibt. Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. Am Ende mündet das Ganze in Maschinen-Paternalismus – das kann allerdings unter privater und auch staatlicher Regie eintreten. Selbst unter dem Regime einer europäischen Suchmaschine. Mich würde ein Blick in den Maschinenraum von Google auch brennend interessieren. Vielleicht eher eine Aufgabe für Wikileaks!

Frank Schirrmacher
Gunnar Sohn et al, leider in Eile:

  1. Wir wissen n i c h t was Google weiss. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe. Das aber ist das Wissen des 21.Jhrdts.
  2. „Alles“ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen.“ Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, das der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt das „alles“ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man exisitert nicht, wenn man nicht im Netz exisitert, hiess das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteiungen entsenden.

Gunnar Sohn
Frank Schirrmacher –

  1. Das ist doch profan. Natürlich wissen wir nicht, was die Mountain View-Boys wissen. Sonst könnten wir direkt morgen ein Google Plus Plus gründen. Die wären schön blöd, ihre Betriebsgeheimnisse zu lüften. Die Problematik entsteht in der Tat, wenn Menschen über Maschinen und Algorithmen anfangen, zwischen gut und böse, richtig und falsch zu befinden. 2. Ihre Gegenstrategie einer europäischen Suchmaschine kann genauso in die Hose gehen und zu Verwerfungen führen. Entscheidend ist die Vielfalt der Möglichkeiten, Wissen zu generieren und selber zu publizieren. Wenn Sie nun insinuieren, hier gäbe es nur drei amerikanische Konzerne, die das Netzgeschäft dominieren, dann müssen Sie aber auch erwähnen, dass die großen Drei sich bis auf das Messer bekämpfen. Da gibt es keinen Gleichklang. Im Social Web erschien bis vor drei Wochen Google noch als der große Verlierer und man sprach von der Dominanz des Social Graph, der wichtiger sei als die Maschinen-Intelligenz von Google. Zur Zeit schaut Zuckerberg ziemlich blöd aus der Wäsche. Alles kann sich sehr schnell drehen. Entscheidend ist wohl die Tatsache, dass sich im Netz dauerhaft kein Monolith etablieren kann.

Frank Schirrmacher
ad Gunnar Sohn – Nein, nicht profan, sondern, um im Bild zu bleiben, sakral. Sie reden vom materiellen Geschäftsgeheimnis von Google. In der Tat: wie wichtig das ist zeigt der Patentthriller um die Erfindung des Telefons. In der Tat: das ist profan.

Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörter gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte. Wenn das:

http://online.wsj.com/article/SB10001424052748704547604576263261679848814.html

schon möglich ist, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was ist dann heute insgesamt möglich? Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.

Martin Lindner
zum nebenpunkt mit der europäischen suchmaschine: wenn ich +Frank Schirrmacher s kommentare hier richtig verstehe, will er gar nicht so sehr die eu-konkurrenz gegen us-google, sondern eine art CERN-forschungszentrum für semantische algorithmen, damit „wir“ (wer?) uns hier auch mit diesen großartigen weltwissenserkenntnissen beschäftigen können. das verstehe ich schon. es gibt bloß vermutlich keinen weg dahin zu kommen: jedenfalls ganz sicher nicht, indem die EU-forschungsgemeinde sich selbst noch ein monsterprojekt genehmigt. (und auch google entstand ja nicht, weil das pentagon große forschungsgelder investiert hat.)

Michael Seemann
Was für eine schöne Diskussion!

Mal jenseits des der politischen Frage, nach dem Besitz der Infrastruktur (dazu gleich), fehlt mir ein wesentlicher Aspekt bei der Frage nach dem Gedächtnisses: Warum tun wir das? Denn wir tun es ja ganz offensichtlich, also hat es ja einen gewissen Sinn, einen Nutzen.

Jan Assmann hatte für das kulturelle Gedächtnis bereits gezeigt, dass im Zuge der Erfindung der Schrift eine gewisse Liberalisierung des Umgangs der Kultur vollzogen hat. So war die kulturelle Identität der Juden recht früh „portabel“, weil sie in Schrift fixiert war und nicht mehr an rituelle Gedenkorte, wie noch bei den Ägyptern.

Groys wiederum zeigt, wie sich der Kunstbegriff im Laufe der Jahrhunderte von einem Reproduktiven, eng gefassten hin zu einem auf das Neue ausgerichteten entwickelt. Seine These: je besser wir Informationen und Wissen zugänglich halten (Mächtigkeit und Accessibility von Archivtechnik), desto mehr kapriziert sich Kultur auf die Erschaffung von neuem und dem Fortschritt – auf Irritation des Bestehenden, sozusagen.

Ich als neophiler Mensch begrüße das sich zum Allarchiv wandelnde Internet und weine den dadurch obsolet werdenden Stützen der repititiven – das heißt sich auf Tradition berufenden – Kulturtechniken des Archivierens keine Träne nach.

Natürlich ist es eine politische Frage, wer die Infrastruktur für diese Technik bereitstellt, das will ich gar nicht leugnen. Aber erstens sehe ich Googles Übermacht da nicht so extrem, sondern durchaus austauschbar und zweitens glaube ich, dass die konkurrierenden Strukturen (z.B. Staat) keinerlei vernünftige Alternative bereitstellt. Weder eine wünschenswerte aber vor allem aber keine effektive.

Es gibt viele Szenarien, wie sich das politisch austariert. Aber keines davon wird ein Staat vs. Google beinhalten, m.E.

Bis dahin halte ich es für wichtig den Infrastrukturanbietern so wenig exklusives Wissen wir möglich zu erlauben. Nur Wissen, das von allen indexierbar und analysierbar ist, sollten die großen Player bekommen. Das heißt: nieder mit den Privacyeinstellungen!

Christoph Kappes könnte doch die gesamte Debatte auf seinem Blog dokumentieren, sonst geht das verloren. Wäre schade.

Zu den Gründen für den Niedergang von Google Plus habe ich heute früh kurz mit Stefan Pfeiffer in unserem Format gesprochen:

Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – Erinnerung an eine Disputation mit Frank Schirrmacher

Schirrmacher 001

Christoph Kappes hat den FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in einem lesenswerten Nachruf als Großmeister der Debatten bezeichnet. Über die Wesenszüge von Schirrmacher kann ich nichts schreiben. Ich habe ihn leider nie persönlich kennengelernt. Nur ein einziges Mal kreuzten wir auf Google Plus kurz die Klingen, als auf dieser Plattform noch geistreiche Disputationen geführt wurden. Das war damals wohl der Charme des Neuen, der zu ungewöhnlichen virtuellen Begegnungen führte. So war ich sehr überrascht, als Schirrmacher auf meine Postings reagierte:

Es ging um die Frage, ob uns das Internet dümmer oder schlauer macht, ob die Dominanz des Digitalen zu negativen neuronalen Effekten führt oder nicht? Seine Thesen über bevorstehende Gedächtnis-Deformationen durch die Alleinherrschaft des Suchmaschinen-Giganten Google wertete ich als Fortsetzung der Thesen von Schirrmacher, die er in seinem Buch „Payback“ ausgebreitet hat: Es ging um die Vernetzung von Maschinen und Menschen zu Bedingungen, die von der Maschine diktiert werden. Es war die Unterwelt der Benutzeroberfläche, die Schirrmacher umtrieb: Maschinenräume im Silicon Valley, die ein Nichtinformatiker niemals zu sehen bekommt. Dort würden unsere digitalen Doppelgänger gebaut. In dem interessanten Google Plus-Gespräch ist Schirrmacher dann noch etwas deutlicher geworden.

„Gunnar Sohn et al, leider in Eile: 1. Wir wissen nicht was Google weiß. Oder finden Sie irgendwo im Netz die Ergebnisse der minütlichen Analytik und ihrer Hochrechnung, jenseits der meistgesuchten Suchbegriffe? Das aber ist das Wissen des 21.Jahrhunderts. 2. ‚Alles‘ ist nicht zu lesen, zu kennen, zu wissen‘. Das ist ja gerade nicht das Neue! Das wussten ja gerade die Enzyklopädisten am besten. Das Neue ist doch umgekehrt, dass der imaginäre Vertrag, an den alle glauben, besagt, dass ‚alles‘ zu wissen ist, was ist und kommuniziert. Tertium non datur. Man existiert nicht, wenn man nicht im Netz existiert, hieß das ja mal so schön. Konsequent entstehen erstmals seit der Reformation wieder Institutionen der Allwissenheit, die ihre Priester in die Marketing- und Personalabteilungen entsenden.“

Er verwies auf einen Wissenschaftsbeitrag im Wall Street Journal, der dokumentiert, wie perfekt unsere digitalen Lebensspuren schon heute analysiert werden können. Wenn das schon möglich sei, ohne verbale Kommunikation und bei nur 2000 Menschen, was sei dann heute insgesamt möglich?

“Das wüsste ich gern, mehr nicht. Gegen das Sakrale hilft nur Aufklärung – das würde schon reichen, hat nämlich auch in der Vergangenheit schon geholfen.” Und da stoßen wir wohl zum Kern der Schirrmacher-Thesen: „Das wirkliche Geheimnis ist nicht der Algorithmus, der uns füttert, sondern den wir füttern. Was wohl gewesen wäre, wenn Bells Erfindung alle Telefonate aufgezeichnet hätte, analysiert hätte, Stichwörter gefiltert hätte, Rückschlüsse auf Ort, Zeitpunkt und Stimmfärbung getroffen hätte und das Ganze dann als sein Privateigentum weiterverkauft hätte.“

Seine Einwände konnte ich nicht teilen, aber sie waren stets eine Herausforderung für den eigenen Intellekt. Man musste sich zusammenreißen, um in solchen Kontroversen nicht unterzugehen.

Meine Replik veröffentlichte ich im Debattenmagazin „The European“: Ob sich unser Bewusstsein verändert und wir zu Abziehbildern von Computerprogrammen degradiert werden, ist ein höchst unterhaltsamer Ansatz für Kinofilme. Das hat eher den Charakter eines „Wrestling-Events“, wie es der Soziologe Gerhard Schulze ausdrückte. Statt Inhalten werden nur Etikettierungen ausgetauscht. Die einen sind Panikmacher, die anderen Zyniker. Man geht zur Tagesordnung über und sucht sich einen neuen Spielplatz, um „Alarm, Alarm“ zu brüllen.

„Es ist ja nicht zu bestreiten, dass die Maschinen in vielen Teildisziplinen stärker und besser sind als Menschen. Angefangen bei der Muskelkraft. Heute käme niemand auf den Gedanken, mit einem Industrie-Roboter sich im Armdrücken zu messen.“ So zitierte ich den Systemingenieur Bernd Stahl von Nash Technologies.

Beim Schach oder bei Quizsendungen würde es ähnlich aussehen. Gegen IBM-Watson sei kein Kraut gewachsen.

„Eins darf allerdings in der Schirrmacher-Debatte aber nicht verdrängt werden. Die Petabytes lösen nicht das semantische Problem, sondern sind nur die Hardware-Basis-Voraussetzungen. Kann ein Computer prinzipiell zur Sprache kommen, oder bleibt er nur bestenfalls ein semantischer Blechtrottel? Ob das Internet vergesslich oder dumm macht, hängt nicht mit dem Internet zusammen, sondern liegt an dem, der es benutzt. Hier wabert viel Spekulatives und man begibt sich auf wackeligen Grund. Was allerdings wichtig ist, sind dezentrale Lösungen im Netz. Vielleicht braucht man eine Gewaltenteilung des Wissens, so wie wir es aus der Demokratietheorie kennen und umsetzen“, erläutert der Netzwerkexperte Stahl.

Notwendiger wäre eine breitere Debatte über die politische Netzneutralität von Infrastrukturanbietern wie Google, Apple oder Facebook. Also nicht die Frage nach dem gleichberechtigten Transport von Datenpaketen, sondern die Zurückhaltung von Konzernen in politischen, moralischen und ethischen Angelegenheiten. Was passiert, wenn digitale Existenzen von Google und Co. einfach ausgelöscht werden?

Hier lag Schirrmacher richtig:

„Man existiert nicht, wenn man nicht im Netz existiert“.

Seine intellektuellen Einwürfe werden mir fehlen, denn er animierte mich zur Klarheit im Denken – auch oder besonders in der Formulierung einer Gegenposition.

Siehe auch:

Zum Tode von Frank Schirrmacher: Neuland.

Wer zu Open Data nicht bereit ist, sollte von Big Data schweigen #Datability #Cebit #Systemtheorie #Schirrmacher

Automatisierte Kontrollgesellschaft?
Automatisierte Kontrollgesellschaft?

„We don’t know how the human brain works.“ Mit diesem Satz macht Patrick Breitenbach auf einen Artikel aufmerksam, der sich mit den Thesen von Kurzweil beschäftigt: „Why Ray Kurzweil is Wrong: Computers Won’t Be Smarter Than Us Anytime Soon“.

Es sind letztlich völlig überdrehte, anmaßende und werbegetriebene Thesen, die man mit Big Data, Künstliche Intelligenz und Neurowissenschaften verbindet. Das wirkt sich vielleicht positiv auf den Verkauf von Büchern über das Ende des Zufalls aus oder über Neuro-Leadership, Neuro-Marketing und Maschinen-Intelligenz. Es ist auch eine beliebte Methode, um milliardenschwere Forschungsbudgets und Beratungsaufträge zu kapern, wie beim Human Brain Project. Beim öffentlichen Diskurs sollte man die wirtschaftlichen Interessen dieser Akteure nicht aus den Augen verlieren. Siehe dazu auch: „Die große Neuro-Show – Was wurde aus den Verheißungen der Hirnforschung? Wissenschaftler ziehen Bilanz. Sie fällt dürftig aus“.

Die Systeme können nur das, was Menschen programmiert haben und daraus ableiten. Es sind hoch manipulative, konstruierte und erfundene Welten, die immer zu richtigen Ergebnissen kommen. Richtig im Sinne des Erfinders, Konstrukteurs, System-Ingenieurs, Mathematikers, Software-Entwicklers, Hirnforschers oder KI-Wissenschaftlers: Die Logik sei nur ein Beschreibungsapparat, so wie die Grammatik für Sprache, sagt Systemtheoretiker Heinz von Foerster im Fernsehinterview mit Lutz Dammbeck.

„Die Logik ist ja nur eine Maschine, um mit gewissen Aussagen gewisse andere Aussagen machen und entwickeln zu können. Der Übergang von A nach B, das ist, was die Logik kontrolliert….also die Logik bringt ja gar nichts Neues….die Logik macht es nur möglich, dass Sie von einem Satz, der etwas verschwommen ist, etwas ableiten können, oder Sätze, die ähnlich verschwommen sind, ordentlich beweisen können.“ In diesen weltweit funktionierenden Maschinensystemen seien alle Aussagen richtig – im Sinne der Ableitungen.

Heinz von Foerster
Heinz von Foerster

Wenn sich auf diesem wackligen Fundament die Big Data-Neuroklecks-KI-Hohepriester aufschwingen, das Leben anderer Menschen zu beeinflussen, zu kontrollieren, zu steuern und zu bestimmen, müssen sie ihre Ableitungen offenlegen. An diesem Punkt stimme ich FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zu, der fordert, dass die offene Gesellschaft neue Freunde braucht.

Er beschreibt in seinem FAZ-Leitartikel den Fall einer Amazon-Lageristin in Allentown, die nach mehreren 11-Stunden-Arbeitstagen eine automatisierte SMS des „employee-tagging“- Systems bekam. Botschaft: Sie sei „mehrere Minuten“ unproduktiv gewesen und wurde kurz darauf gefeuert. Droht hier ein neuer Optimierungswahn, der in den Pionierzeiten des Industriekapitalismus von Henry Ford etabliert wurde?

„Die Erkenntnis, dass die IT-Industrie Teil der wohl bedeutendsten gesellschaftlichen Debatte sein muss, nimmt auch die jetzt beginnende Cebit ernst, die weltgrößte Computermesse. Unter dem Titel ‚Datability‘ – dem ’nachhaltigen‘ Umgang mit Daten – will sie sich, aufgeschreckt vor allem durch die Snowden-Enthüllungen, an einem Diskurs beteiligen, der sich den Chancen und den Risiken der digitalen Moderne widmet. Schon das ist ein Fortschritt. Es signalisiert, dass die Branche verstanden hat, dass die Zeiten vorbei sind, in denen technische Geräte die entsprechenden Sozialtechniken gleichsam mitproduzieren und einfordern – unter Ausschaltung jeder politischen Willensbildung“, schreibt Schirrmacher.

Das sei eine politische Aufgabe, keine technologische. „Anders gesagt: man kann die Festlegung gesellschaftlicher und politischer Normen nicht einer Mathematik überlassen, die systematisch Kausalitäten und Korrelationen erzeugt, deren Effekte wir spüren, aber deren Zustandekommen wir nicht nachvollziehen können.“

Diesen Satz sollten sich die Richter des Bundesgerichtshofs hinter die Ohren kleben. Stichwort: Schufa-Urteil.

Wer eine falsche Stromrechnung bekomme, der rechnet nach. Wer eine falsche Rechnung über seine Lebens- und Karrierechancen, seine Talente, seine Effizienz und Kondition, seine Gesundheitsprognose oder seine Kreditwürdigkeit bekommt, der könne nur noch glauben.

„Heute gelten die Algorithmen, die beispielsweise die Reputation oder Kreditwürdigkeit von Menschen berechnen, als Geschäftsgeheimnis“, so Schirrmacher.

Wer nicht nur Stauwarnungen ausspricht, sondern auch das Wohl und Wehe von einzelnen Menschen beeinträchtigt und zu Open Data nicht bereit ist, sollte Big Data nicht anwenden dürfen. Die Entwickler von diesen Systemen werden ohne politische Regeln dazu nicht freiwillig bereit sein, wie mir ein Informatiker klar zu verstehen gab. Er habe eine Software für Kliniken entwickelt, um „gute“ von „schlechten“ Patienten zu trennen. Das Auswertungstool soll aufzeigen, wo Ärzte Geld verballern. Und was ist mit den Patienten, fragte ich nach. Müsste so etwas nicht öffentlich verhandelt werden? Antwort: Offenlegungspflichten sieht er nur gegenüber seinen Auftraggebern. Wenn dieser Mann dazu nicht bereit ist, muss er mit rechtsstaatlichen Mitteln dazu gezwungen werden, wenn die betroffenen Patienten es verlangen.

Siehe auch die Rede von Google-Manager Eric Schmidt auf der Tech-Konferenz SXSW und sein merkwürdiges Verständnis von Selbstzensur.

Entlarvung der Neo-Kybernetiker.

Liebwerteste Gichtlinge der Internet-Konzerne, wo bleibt der ehrliche Datenpakt mit der Netzgesellschaft?

Idioten-Systeme, Daten-Diät und vorauseilender Maschinen-Gehorsam

Menschliche Maschinen?
Menschliche Maschinen?

Bei den Debatten über die Verführungskraft von Algorithmen, Big Data und Neuro-Kleckskunde-Propaganda fällt mir immer wieder auf, dass Kritiker und Gurus im selben Teich der Übertreibungen schwimmen.

Dahinter stecken Träume, Horrorszenarien und schlichtweg Idiotie, wie bei den Pionieren der Künstlichen Intelligenz, die noch nicht einmal in der Lage sind, künstliche Gehirne von Kleinkrebsen nachzubauen oder gar zu verstehen. Biologen versuchen das nun seit 30 Jahren – ohne Erfolg. Das Kleinstgehirn des Krabbeltierchens besteht gerade mal aus 30 Millionen Neuronen und kontrolliert den Verdauungstrakt. Man hat bis heute nicht verstanden, wie das funktioniert. Ähnliches werden wir wohl beim milliardenschweren Human Brain Projekt erleben. Humanoide Maschinen sind Hirngespinste von Science Fiction-Autoren, Wissenschaftlern und Journalisten, die einem mechanistischem Weltbild hinterherlaufen, so die Reaktion von Patrick Breitenbach auf die Vorschläge von Hans Magnus Enzensberger und FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher zur Daten-Diät im Internet. Sie bestätigen im Grunde die verkaufsfördernde These der Big Data-Gurus, der Mensch lasse sich zur Maschine degradieren und könne wie eine Maschine gesteuert werden. Bei Enzensberger werte ich die Intervention als humoreske Übertreibung, auch ohne die nachgeschobene Erläuterung von Schirrmacher.

In diesen Diskursen über die vermeintliche Diktatur von Algorithmen und Big Data-Systemen gibt es die Tendenz zur Personifizierung von Technik. Mensch und Maschine stehen sich in einem Teufelspakt gegenüber.

„Wir nennen das die Animation des Toten. Menschen gehen offensichtlich viel lieber und leichter mit Lebendigen um als mit Toten. Wenn ich mir meinen Dosenöffner, der gerade abgerutscht ist und mich verletzt hat, als beseelt denke, kann ich ihn beschimpfen. ‚Du blöder Dosenöffner. Irgendwann schmeiß ich Dich in den Müll‘. Das macht man mit seinem Laptop, mit seinem Auto und generell mit Technik. Dabei weiß jeder, dass die toten Dinge mich gar nicht verstehen können“, so der Organisationswissenschaftler Gehard Wohland.

In der Psychologie nennt man das Projektion. Die Maschinenwelt wird mit Seele aufgeladen, um sich emotional zu entlasten.

„Das ist eine enorme Fähigkeit von Menschen. Wenn man aber die tote Maschinenwelt verstehen will, wie sie zusammenhängt und funktioniert, dann darf man sie nicht beseelen. Sonst kommt im Wechselspiel von Mensch und Maschine zu viel Toleranz ins Spiel. Ich höre auf zu denken. Das gilt auch für die Moralisierer, die der Technik böse Absichten unterstellen. Wer einen Schuldigen in der Maschinenwelt verortet, unternimmt keine weiteren Denkanstrengungen mehr. Die Maschine ist aber keine Person. Wenn ich den Stecker ziehe, tut sie gar nichts mehr. Maschinen sind immer Werkzeuge von Menschen. Auch der Algorithmus wird von Menschen gemacht und benutzt. Niemand kann mich daran hindern, einen Algorithmus zu programmieren, der vielleicht besser ist als das, was Google und Facebook auf den Markt bringen. Das ist ein sinnvoller Standpunkt. Wer von bösen, manipulativen und bedrohlichen Algorithmen redet, steht sich selber im Weg, zu klaren Erkenntnissen zu kommen“, sagt Wohland.

Eine Simplifizierung der Maschinenwelt bringe uns nicht weiter. Da komme nur Unsinn heraus. Generell sieht Wohland die Tendenz kritisch, Technik zu überhöhen – im negativen und positiven. Es gebe immer zwei Tendenzen:

„Die Technik und das Potenzial der neuen Technik zu übertreiben oder zu verteufeln. Organisationen haben beides im Bauch. Sie übertreiben den Einsatz von Technik, wenn es um Steuerung und Prozesse geht. Man tut so, als sei alles durchschaubar. Gefragt ist nur die richtige Software und schon funktioniert das alles. Bei hoher Dynamik braucht man allerdings auch Menschen und ihre Kompetenzen, um Wertschöpfung zu erzielen. Dieser Punkt wird häufig übersehen. Auf der anderen Seite macht man Dinge, die längst von einer Maschine bewältigt werden können. Etwa bei der Unterscheidung einer Beschwerde und einer Adressänderung“, erläutert der Experte für Systemtheorie.

Sein Rat: In jeder Organisation sollte man nach diesen Übertreibungen suchen. Wer sie findet, besitzt wertvolle Potenziale, um sich zu verbessern.

„Vom Controlling wird verlangt, eindeutige Prognosen für die Zukunft zu liefern. Mit einem Plan, einem Budget und allem, was damit zusammenhängt. Dann tun die Controller das, was man von ihnen erhofft. Aber die Controller nicht natürlich die ersten, die sehen, dass das alles nicht zusammenpasst. Kein Plan tritt tatsächlich ein. Die Zeiten sind längst vorbei, die komplexen Vorgänge in Wirtschaft und Gesellschaft prognostizieren zu können. Wir nennen das oft Basar- oder Theaterkommunikation. Jeder spielt eine Rolle. Jeder weiß, dass er eigentlich Unsinn redet. Und der Gesprächspartner weiß es auch. Also passiert nichts Besonderes. Es ist wie bei des Kaisers neuen Kleidern. Es darf keiner kommen und das Ganze tatsächlich so beschreiben, wie es ist – der fliegt in der Regel raus. Der stört das System“, weiß Wohland.

Wir sollten uns mehr mit den niederen Absichten der Daten-Clowns auseinandersetzen und politisch sowie juristisch beantworten, statt im voreilenden Gehorsam mit einer völlig abstrusen Daten-Askese zu reagieren. System-Störenfriede müssen massenweise Daten produzieren und die vermeintlich schlauen Analysten von NSA bis Schufa in den Wahnsinn treiben. Da wäre der großartige Autor Enzensberger gefragt – also seine anarchische Ader aus der Kursbuch-Zeit 🙂

Mehr dazu in meiner Mittwochskolumne für das Debattenmagazin „The European“.

Siehe auch:

Sammelt mehr Daten!

Die Absichten von Enzensberger wertet Don Dahlmann durchaus wohlwollend, kommt aber zu einer ähnlichen Analyse wie Wohland:

„Er macht es sich ein wenig einfach, wenn er die Schuld bei der Technologie sucht und nicht etwa im Versagen der Politik bzw. des Liberalismus, der Sozialdemokratie (damit meine ich nicht die Partei) und der ethischen Verantwortung der Wirtschaft. Er könnte auf Parteien, Wahlsysteme usw. einprügeln, aber er hat sich die Technologie ausgesucht.“

Und eine Analyse von Patrick Breitenbach: Enzensberger und Schirrmacher wider die selbstbestimmte Medienkompetenz.

Gamification der Politik – aber ohne Game Master!

Verblöden uns Games?

Nach dem postideologischen Kater der Systemkrise namens Finanzkapitalismus und dem Einsturz des Utopieglaubens bleibt nach Auffassung von Frank Rieger und Fefe nur noch Zynismus und Gamification übrig. Das äußerten sie in einem gut zweitstündigen Gespräch mit dem FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Abzuhören in ihrer Alternativlos-Podcast-Reihe.

Digitale Artefakte werden benutzt, um unsere Soziotope zu gestalten, wenn es etwa um Reputation oder Wissensmanagement geht. „Dabei müssen wir darauf achten, nicht mehr die Rolle eines Game Masters hinzunehmen wie bei Google, der die Regeln bestimmt. Wir müssen verstehen, wie diese Regeln funktionieren“, so Rieger. Und ich würde ergänzen, wie man sie brechen kann.

Als besonders fragwürdig werden in dem Podcast Regeln gewertet, die von Algorithmen bestimmt werden wie beim Google-Spiel Ingress, das zumindest von Frank Rieger bis zum finalen Level 8 durchgespielt wurde.

Es heißt nur, hier hast Du das Programm, viel Spaß dabei. „Regeländerungen kommen ausschließlich über Software Updates und plötzlich funktioniert Deine Welt anders“, stellt Rieger fest.

Er wertet das als Vorboten für soziale Interaktion und Politikgestaltung. Wenn von der Gamification der realen Welt gesprochen werde, könnte man von der „fucking“ Software Version abhängig werden.

Auf der Strecke bleiben Möglichkeiten der Selbstorganisation, die es allerdings im klassischen Industriekapitalismus nie gab, wie Wolf Lotter sehr eindrucksvoll auf der republica skizzierte.

Fefe machte dann einen recht altväterlichen Einwurf über „die“ Jugend und über „die“ Kinder, die mit Computerspielen aufgewachsen seien, die ihnen vorschreiben, was sie tun dürfen und was nicht. Gamification mache die Masse träge und würde sie indoktrinieren (klingt ein wenig nach Manfred Spitzer). Und die nachwachsende Generation sei eben nach diesen Maßstäben sozialisiert worden. Klingt ein wenig nach Verschwörungstheorie – aber das ist ja das Spezialgebiet von Fefe.

Für wichtig halte ich die Forderung von Rieger, dieses Prinzip des Game Masters, der die Regeln setzt und quasi Gott spielt, zu durchbrechen.

Was haltet ihr von diesen Thesen? Mit der „nachwachsenden“ Generation werde ich noch eine gesonderte Hangout-Runde machen über die Vorhaltungen von Fefe. Spätestens auf der Gamescom in Köln.

Was ich übrigens nach meiner Rückkehr von der republica in Berlin immer schon mal sagen wollte:

Tegel erhalten!

Big Data: Auch der Spiegel beerdigt die Zukunft – Dabei gilt: Gewiss ist nur die Ungewissheit

Alles so Big Data oder was?

Nun widmet sich auch der Spiegel in einer Titelgeschichte dem Phänomen „Big Data“ und man hat den Eindruck, dass die Verheißungen von Big Data-Gurus bei einigen Journalisten die Sinnesorgane vernebeln. Vom Ende des Zufalls ist da die Rede, von der Lenkung des Lebens oder von der präzisen Vorhersage menschlichen Verhaltens.

Schaut man genauer hin, sind es in der Regel aggregierte Daten, die recht nützliche aber doch simple Vorhersagen machen. Von einer Steuerung unserer Zukunft in allen Lebenslagen kann nicht die Rede sein – da sollte man den Werbebroschüren von Big Data-Anbietern schon etwas kritischer entgegentreten.

Wenn es um die Auslastung eines Container-Hafens geht, kann die Auswertung von Daten logistische Abläufe verbessern. Kreditkartenfirmen können Kunden warnen, wenn sie ungewöhnliche Nutzungsmuster wahrnehmen, die auf betrügerische Aktionen schließen lassen. Warenbestellsysteme könnten mit der Echtzeitanalyse von Daten präziser arbeiten. Fahnder können schneller Diebe aufspüren durch die Clusterung von Bewegungsprofilen. Aber wird mein Denken über Big Data determiniert? Das klingt genauso anmaßend wie die maschinenbeseelten Börsenbubis, die über Algorithmen die Finanzmärkte steuern wollten und damit kräftig auf die Schnauze gefallen sind. Auch hier waren es übrigens wie bei Big Data in der Regel Naturwissenschaftler (einige von ihnen konvertierten zu den sozialwissenschaftlichen Disziplinen), die sich mit ihren kruden Modellen ausgetobt haben und immer noch austoben.

Siehe auch: Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Angeblich krempelt Big Data zur Zeit die komlette Wirtschaft um, so der Spiegel. Auf dem Personalmarkt sieht es ganz anders aus: „Die Zahl der Vakanzen steigt vor allem bei Sales und Consulting“, so der Düsseldorfer Personalberater Karsten Berge von SearchConsult.

Es geht um Verkauf und sehr wenig um wirklich nutzbringende Netzintelligenz. Insofern sollten sich die Big Data-Apologeten mit ihren Versprechungen etwas mehr zurückhalten und Programme entwickeln, die man im Alltag nützlich einsetzen kann. Punktuell, situativ und nur dann, wenn ich es als Anwender auch zulasse. Beispielsweise über wirklich smarte Apps, die man allerdings mit der Lupe suchen muss:

„Die Kombination von Apps zu größeren Applikationen ist bislang ausgeblieben. Jede App ist autark und macht nicht viel mit anderen Diensten. Es gibt zwar einige einfache Kombinationen wie den Kalender auf dem iPhone. Aber so richtig begeistert hat mich das nicht. Man sieht nichts von komplexeren Software-Architekturen wie man das in der traditionellen Software-Entwicklung kennt. Da ist noch ziemlich viel Luft nach oben. Die Frage ist, ob die App-Anbieter sich überhaupt in diese Richtung bewegen”, so Bloggercamp-Kollege Bernd Stahl von Nash Technologies.

Es müsste möglich sein, ein größeres System in einem Framework aus vielen Applikationen zusammen zu bauen. Also die Überwindung der Software-Krise durch die Schaffung von einfach nutzbaren Apps.

„Irgendwie klappt es mit der Modularisierung von Apps nicht so, wie man sich das anfänglich vorgestellt hat”, sagt Stahl. Von wirklich personalisierten und interagierenden Diensten sei man noch weit entfernt – mit und ohne Apps.

Bislang laufen die Analyse-Systeme eher auf Cookie-Niveau und elektrisieren vor allem die Werbeindustrie.

Ausführlich nachzulesen unter: Über die Sehnsüchte der Controlling-Gichtlinge: Big Data und das Himmelreich der Planbarkeit.

Vielleicht sollte man eher der Empfehlung von Frank Schirrmacher folgen und sich mit den Arbeiten von Professor Gerd Gigerenzer, Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, beschäftigen:

„Nur eines ist gewiss: Wir leben in einer Welt der Ungewissheit und des Risikos.“

Schirrmacher hält es für notwendig, sich in der Maschinenwelt stärker der Unberechenbarkeit zu widmen und seiner Intuition zu vertrauen. Das sagte er im Gespräch mit Frank Rieger und Fefe (so nach zwei Stunden und 30 Minuten).

Vielleicht sollte man auch Big Data in die Kategorie der Parawissenschaften einordnen. Mehr Aberglaube als gesicherte Erkenntnis 🙂

Big Data und das Ende des Kontrollverlustes

Würde ich dann eher als Frage formulieren. Wenn Beckmann in seiner Talkshow aus der Anzeige eines Big Data-Anbieters zitiert und sich danach alle Gäste in Horrorszenarien ergehen, darf doch noch die Frage erlaubt sein, wie gut die Analyse-Systeme wirklich sind. Jedenfalls werde ich das Thema bis Ende April für unser Streaming Revolutionsbuch recherchieren.

Kapitelüberschrift: Die Vermessenheit der Big Data-Weltvermesser – Ein Crowdsourcing-Experiment mit Hangout on Air. Und damit die Übertreibungen der Beckmann-Diskussion nicht im Nirwana der De-Publizierung landen, haben wir das in unserer Schreibwerkstatt für die Ewigkeit festgehalten. Als erste Wegmarke für weitere Interviews.

Am Mittwoch werde ich das noch einmal in meiner The European-Kolumne etwas ausführlicher beschreiben, um was es mir geht.

Hebeln Big Data-Systeme den Kontrollverlust im Netz aus?

„Big Data greift meist auf Bestandsdaten zurück, die zu einem ganz anderen Zweck erhoben wurden (Tracking, Suchabfragen, Mobiltelefonzellenortung, medizinische Daten, etc.) und korreliert sie mit anderen Datensätzen. Das erlaubt verblüffende Erkenntnisse“, schreibt Kontrollverlust-Blogger Michael Seemann.

Aber wie belastbar sind diese Erkenntnisse, Michael? Darüber würde ich gerne mit Michael und anderen Interessierten in Hangout on Air-Sessions reden.

Morgen geht es auf der Call Center World in einer Paneldiskussion von Genesys um Kundenbedürnisse. Wie gut kann man die denn antizipieren? Neudeutsch: Customer Experience Management. Passt ja zu Big Data. Das Ganze wird von mir moderiert und via Hangout on Air live ins Netz übertragen. Hashtag für Twitter-Zwischenrufe

Start wahrscheinlich so gegen 19,30 Uhr. Vielleicht auch etwas später.

Bin bis Donnerstag also in Bärlin. Am Mittwoch gibt es eine Bloggercamp-Schreibwerkstatt aus drei Städten: Berlin, Barcelona und Nürnberg.

Siehe auch:

Einfach geht vor schön: Was Kunden von Anbietern erwarten.

Die politisch naiven und gefährlichen Makroökonomen: Spieltheoretische Egomanen

Über die Ideologen des Raubtierkapitalismus

In einem sehr interessanten Interview mit der FAZ geht der Wirtschaftswissenschaftler und Wissenschaftshistoriker Philip Mirowski der Frage nach, warum sich nach dem Ausbruch der Finanzkrise vor fünf Jahren politisch so wenig geändert hat. Strukturell sei alles beim Alten geblieben. Der Bankensektor sieht fast noch genauso aus wie vor dem Crash. Und noch schlimmer: Die „Schattenbanken“ – vor allem Hedgefonds und die firmenfressenden Private Equity-Schmarotzer – sind unbeschadet über die Runden gekommen.

Aus gutem Grund klagt Mirowski über einen Mangel an Folgen:

„Verändert hat sich nur, dass viel mehr Leute keine Arbeit haben und Regierungen zugeben mussten, dass ihre Haushalte außer Kontrolle geraten sind. Was alles sehr seltsam ist, wenn man die Wucht und Reichweite der Krise in Betracht zieht.“

Und was noch kritikwürdiger ist: Die Gier der Casino-Kapitalisten wird als Betriebsunfall oder Störfall abgetan, Für diejenigen, die gerne spielen, ist es immer besser zu überprüfen online casino nj anstatt zu einem eigentlichen Casino zu gehen.

Und das ist selbst bei den härtesten Kritikern des Finanzkapitalismus zu finden:

„Lesen Sie nur David Graebers Buch ‚Schulden‘, in dem er über fünfzehnhundert Jahre zurückblickt und dauernd enorme Schuldenzyklen ausfindig macht. Eine verständliche Reaktion, aber dass so viele Leute daran glauben, finde ich etwas merkwürdig. Denn die Krise hat ein paar ganz spezielle Aspekte zu bieten. Zuallererst den, dass die Leute es vorziehen, lediglich eine Makrokrise zu sehen, und das ist sie ohne Zweifel nicht. Paul Krugman etwa will nur die Makroökonomie verändern und glaubt, dann sei alles beherrschbar. Aber das ist nicht wahr“, so Mirowski.

Es reicht also nicht aus, sich die Köpfe über makroökonomische Steuerungsfragen heiß zu reden und auf Wunder über Veränderungen von fiskal- oder geldpolitischen Stellschrauben zu hoffen. Das ist politisch naiv und für die Gesellschaft sowie für die Realwirtschaft höchst gefährlich. Für die Makroökonomen ist das ja auch recht bequem. Man disputiert selbstreferentiell über die Frage, ob mehr oder weniger Schulden für die Gesundung von Volkswirtschaften notwendig sind. Ökonomen würden sich ja die Hände schmutzig machen, wenn sie die Motorhaube ihrer Formelwelt aufklappen und die Ölspuren der eigenen Homunculus-Ideologie wahrnehmen müssten. Sie würden dann beispielsweise die schmutzigen Tricks der Eigenkapitalräuber erkennen – also die Raubzüge der Private Equity-Gesellschaften.

Da müsste man schon eine große Portion Staatskunst mitbringen, um mit klugen gesetzlichen Maßnahmen diesen Sumpf trockenzulegen. Ceteris paribus-Modellrechnungen helfen da nicht weiter.

Dabei könnte man das Heuschreckentum relativ gut recherchieren und an die Öffentlichkeit bringen. Wäre eine schöne Aufgabe für die Datenjournalisten.

Zunächst gründen die Käufer eine neue Gesellschaft. Die nimmt ein Darlehen auf und erwirbt damit ein bislang rentabel arbeitendes Unternehmen. Anschließend werden beide Gesellschaften miteinander verschmolzen. Die Darlehensschulden liegen nun beim aufgekauften Unternehmen. Dann wird das ganze Konglomerat in eine GmbH umgewandelt – wegen der geringeren Veröffentlichungspflichten. Das liquide Vermögen wird dann bis zur Grenze des rechtlich Zulässigen an die neuen Gesellschafter ausgezahlt – so etwas nennt man in Branchenkreise „Recap“. Das übernommene Unternehmen wird also nach dem Wieselprinzip wie ein Ei ausgesaugt und danach an einen weiteren Finanzinvestor weitergereicht, der die Reste aufsammelt und verscherbelt. Neudeutsch bezeichnet man das als „secondary buyout“.

Bis ein Unternehmen von den Firmenjägern wieder verkauft wird, müssen darüber hinaus die Schulden zurückgezahlt werden: „Bootstrapping“ also Stiefelschnüren wird diese Technik in der Private-Equity-Szene genannt.

Manche Übernahme-Kandidaten werden auch an die Börse gebracht – das passiert ziemlich selten. Dann haben die neuen Aktionäre das Problem. Am Schluss wartet das Insolvenzverfahren.

Die Private-Equity-Gesellschaften vernebeln ihre Methoden in der Öffentlichkeit und reden lieber von der Notwendigkeit der Restrukturierung, Rekapitalisierung und Wiederbelebung des Übernahmekandidaten. Man wolle Firmen wieder ertüchtigen. In Wahrheit geht es um krumme Geschäfte für Anleger, denen man Erträge von 25, 30 oder gar 40 Prozent verspricht. Die Anleger sind entweder Einzelpersonen – teilweise aus dem Dunstkreis des übernommenen Unternehmens – oder Institutionen. Und die zeichnen die Private Equity-Fonds auf den Cayman Islands. Für diese halbseidenen Geschäfte müssen die „Investoren“ weniger Formulare ausfüllen als bei der Führerscheinprüfung in Deutschland. Die Namen der Aas-Geier werden natürlich nicht preisgegeben. Für alle Akteure auf den Kapitalmärkten der OECD sollten zumindest Offenlegungspflichten gelten, um den Insidergeschäften der Firmenjäger auf die Spur zu kommen:

„Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden“, kritisiert der ehemalige Deutsche-Börse-Chef Werner Seifert.

Das Mindeste, was man von diesen Anteileignern verlangen müsse, sei die Offenlegung ihrer Beteiligungen. Am Beispiel des DSD-Müllkonzerns hätte es wohl einige böse Überraschungen gegeben. Politisch wäre es für die beteiligten „honorigen“ Persönlichkeiten nicht möglich gewesen, ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen – da bin ich mir sicher. In Ansätzen hat das Wolfgang Huhn aufgedeckt in einer Reportage über den Grüne Punkt-Müllkonzern DSD. Die Spuren auf den Cayman-Inseln konnten leider nicht aufgedeckt werden – da wäre sonst der eine oder andere Name einer hochstehenden Persönlichkeit der Deutschland AG zum Vorschein gekommen. Hier ein kurzer Ausschnitt des Wolfgang Huhn-Films für die Sendung „die story“:

Mit Offenlegungspflichten wäre es Wolfgang Huhn in den rund 12 Monaten, die er mit Unterbrechungen für die Recherche benötigte, mit Sicherheit gelungen, die Verbündeten im Deal der Firmenjäger ans Tageslicht zu bringen. Das DSD ist übrigens von KKR in einem so genannten Management-Buy-out-Verfahren weiter verkauft worden. Neuer Eigentümer sind der DSD-Vorstandschef Stefan Schreitet und sein Managementteam. Das Management wurde bei der Übernahme von einer Gruppe „privater und institutioneller Investoren unterstützt“, heißt es in einer Presseverlautbarung. Dazu zählte Philippe von Stauffenberg von Solidus Partners, eine Private Equity-Firma mit Sitz in London….

Aber das ist nur ein Aspekt der zerstörerischen Wirkung des Raubtier-Kapitalismus.

Um das Problem an den Wurzeln zu packen, fordert Mirowski den Rückbau des Schattenbankensektors.

Ebenso wichtig ist es, sich mit dem ideologischen Überbau der finanzkapitalistischen Räuber zu beschäftigen. Warum hat sich das Vampir-System so epidemisch ausgebreitet? Einen Ursprung sieht der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in den spieltheoretisch fundierten Mathematikern und Physikern, die sich als Strategen des Kalten Krieges in Szene setzten und nach dem Niedergang des Sowjetimperiums an der Wallstreet als Finanzakrobaten verdingen. Es geht um das Ideenfundament der Homunculus-Ökonomie, in der Menschen zu Automaten degradiert werden.

Und noch penetranter. Im Zentrum der Analysen von Schirrmacher, die er in seinem neuen Buch „Ego“ ausbreitet, steht die RAND Corporation und ihre Arbeit für das Militär. Gespickt mit Wissenschaftlern, die der neoklassischen Schule entstammen.

„Ihre zündende Idee: Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionieren.“

Dieses Abbild eines Menschen geistert als Doppelgänger, Dummy oder ökonomischer Agent durch die Modellrechnungen. Etwa in dem Grundlagenwerk „Spieltheorie und ökonomische Verhalten“ des Universalgenies John von Neumann und seines Kollegen Oskar Morgenstern. Zu den RAND-Vordenkern zählt auch der paranoide und schizophrene Mathematiker John Nash, bekannt geworden durch die Kinoverfilmung „A Beautiful Mind“ mit Russell Crowe in der Hauptrolle. Die politische Tragweite des theoretischen Konstruktes von Nash fielen dabei unter dem Tisch. Beim Glamour-Betrieb in Hollywood ist das nicht verwunderlich. Aber was trieb das Nobelpreiskomitee in Stockholm, Nash im Jahre 1994 mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften auszuzeichnen?

Nash war es, „der mit anscheinend unumstößlicher Logik bewies, dass das Spiel des Lebens nur dann rational gespielt werden konnte, wenn jeder Spieler vom absoluten Eigennutz und einem abgrundtiefen Misstrauen gegenüber der anderen Seite getrieben war“, schreibt Schirrmacher in seinem Opus „Ego“. Es geht also um das berühmte Nash-Gleichgwicht, dass sich heute in Börsenalgorithmen von Hedgefonds, in Auktionsplattformen, in den mächtigsten Werbealgorithmen der Welt befindet und wohl auch in sozialen Netzwerken. Der große Ego-Automat unserer Systeme, von dem übrigens auch der Google-Chefökonom Hal Varian beseelt ist. Er zählt nach Angaben von Schirrmacher zu Entwicklern der spieltheoretischen Modelle für Google Adwords.

„Damals spielten menschliche und künstliche Hirne millionenfach alle erdenklichen Szenarien durch, die den Feind manipulieren, austricksen, verwirren, motivieren, erschrecken, lähmen und zu Handlungen verführen sollen. Heute geht es darum, mit den Modellen das Verhalten egoistischer Mitspieler vorherzusagen“, so Schirrmacher.

Vielleicht waren Nash und Konsorten auch nur ängstliche Kinder, die sich von allem und jedem bedroht fühlten. So war es jedenfalls beim Ernstfall-Theoretiker Carl Schmitt und beim Untergangspropheten Oswald Spengler. Kleine Hosenscheißer, die im Erwachsenenalter ihre Paranoia auf die Gesamtheit projizieren und sich kein anderes Leben denken können als das Freund-Feind-Schema im Schützengraben. Die Schriften der zu kurz gekommenen Herrenmenschen sind noch heute ein unverzichtbarer Pornographie-Ersatz für Sandkastenspieler. So sah der junge Carl Schmitt sein Dasein als eine Kette von Demütigungen.

„O Gott, was soll aus mir werden? Wovon soll ich leben? Ich armer Junge, der Zielpunkt der Pfeile des Schicksals, ich vielgeschlagener Unglücksrabe.” Er fühlt sich von der ganzen Welt betrogen, sogar von seinen Zimmerwirtinnen, die angeblich falsche Rechnungen schreiben oder Sachen unterschlagen. „Die Wäsche kam, es fehlte wieder ein Hemd. Ich wurde rasend und geriet in Wut; Ernährungssorgen, Verzweiflung, kleinmütig.”

Das Ganze sagt also mehr über das Menschenbild der Gesellschaftskonstrukteure aus und wenig über die Menschheit – wer kann sich auch anmaßen, über die Gesamtheit aller Menschen zu urteilen.

Problematisch an diesen egozentrischen Theorien ist nicht nur der deskriptive, der beschreibende und erzählerische Teil. Sie postulieren nicht nur Egoisten, sie produzieren sie, kritisiert der FAZ-Herausgeber.

In dieser Schützengraben-Ideologie entsteht vernünftiges Verhalten nicht durch vernünftige Argumente oder einem Streit der Meinungen, sondern durch Drohungen und Angst vor Vernichtung. Diese Rationalität wird auch auf dem Finanzparkett durchgespielt – aufgeladen mit der Kriegsrhetorik der Spekulanten, die von „skalpieren“, „killen“ und „ausblasen“ sprechen und jede Kurs- oder Zinsänderung mit Schlachtgeräuschen über Lautsprecher jagen. Wie beim Drohneneinsatz sehen Trader keine menschlichen Gestalten mehr. Es sind nur noch Lichtpunkte in Form von Zahlen. Sie starren wie bei einer militärischen Operation auf Monitore und verorten die Einschläge, die über Sieg und Niederlage entscheiden. Das Vokabular stammt aus der Zeit der gegenseitigen atomaren Abschreckung:

„Jetzt drohen spieltheoretisch versierte Banken damit, dass ihr Untergang, wenn sie nicht ‚gerettet‘ werden, zum Untergang des gesamten Finanzsystems wird. Die Botschaft lautet in einer atemberaubenden Umkehrung moralischer Verantwortlichkeit: Rettet uns, damit ihr euch nutzt“, führt Schirrmacher aus.

Also die perfide Logik der Too-big-to-fail-Strategen. Es gibt einen einfachen Satz, mit dem man nach Ansicht des Ego-Autors „die unbarmherzige Logik einer automatisierten Gesellschaft und Ökonomie lahmlegen und neue Freiheiten schaffen kann, ganz gleich, ob es sich um todsichere Spekulationen auf die Zukunft von Märkten und ihre Leidenschaften handelt. Der Satz, um die Marionette zu töten, lautet: Die Antwort war falsch.“ Oder eben, die Antwort lautet 42….

Big Data und sonstige Automaten-Regime tötet man auch durch Open Data. Es muss nur deutlich werden, dass diese Algorithmen-Götzen unsere eine Welt vorgaukeln wie beim Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Wäre doch eine nette Idee für eine Plattform zur Entlarvung der Nash-Ideologen.

Siehe auch:
Herrschaft der Vereinfacher: Über Sozialingenieure, Hightech-Kaffeesatzleser, universitäre Gehirnwäscher und nutzenoptimierte Automaten.

Menschen wie Automaten.

Homunculus-Ökonomie: Wie die Wirtschaftstheorie den unberechenbaren Menschen rauskürzte

Nutzenoptimierter Automat

Frank Schirrmacher schreibt in seinem neuen Buch „Ego“, das in der nächsten Woche erscheint, über eine verhängnisvolle Verschmelzung von Ökonomie, Physik und Gesellschaftstheorie zu einer neuen Praxis der sozialen Physik.

Gestern noch bastelten renommierte Naturwissenschaftler an der Atombombe und heute verstrahlen sie mit ihren kruden Formeln, spieltheoretischen Sandkasten-Strategien und mechanistischen Algorithmen die Finanzmärkte. Die zur Sozialwissenschaft konvertierten Mathematiker sowie Physiker wollen Menschen wie Automaten steuern und sind für ihr krudes Sozialverständnis mit Nobelpreisen überhäuft worden. Auch unter den Gurus der Big-Data-Welterklärungsmaschinen des Cyberspace sind sie zahlreich zu finden.

Die von Algorithmen gesteuerte Informationsökonomie bewertet Gefühle, Vertrauen, soziale Kontakte genauso wie Aktien, Waren und ganze Volkswirtschaften – denn auch die Rating-Agenturen arbeiten nach den gleichen Rezepturen, gewähren aber keinen Einblick in ihre alchemistischen Zahlenstuben. Aber nicht erst seit der Herrschaft von naturwissenschaftlichen Renegaten wird in der Wirtschaftswissenschaft ein höchst reduziertes Menschenbild vertreten. Siehe meine heutige The European-Kolumne „Menschen wie Automaten“.

Davon waren auch die Gründungsväter der Betriebswirtschaftslehre beseelt.

„Um das zu einer Wissenschaft zu machen, haben sie sich überlegt, in irgendeiner Weise so tun, als sei das eine Naturwissenschaft“, so Professor Michael Zerr von der Karlshochschule.

Nur, was man berechnen könne und was einen eindeutigen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang hat, lässt sich als Wissenschaft verkaufen.

„Also kürzen wir alles raus, was unberechenbar ist – und das ist der Mensch. Wir betrachten einen Homunculus, man nennt ihn auch Homo Oeconomicus, der für sich allein auf der Welt Nutzen optimiert und dann aggregieren wir alle nutzenoptimierten Automaten zu irgendeiner Gesamtmenge“, erläutert Zerr.

Auf dieser Basis leitet man Modelle für wirtschaftliche Entwicklungen ab und provoziert mit dieser reduktionistischen Sichtweise die krisenhaften Verwerfungen, die man mit dem wirtschaftswissenschaftlichen Maschinisten-Handwerk eigentlich bekämpfen wollte.

Wirtschaftliches Handeln sollte eher als kulturelle Praxis verstanden werden, fordert Zerr. Mit all ihren Widersprüchen. Es geht um Macht, Leidenschaft, Beziehungen, Angst und Hysterie, die man nicht mit Formeln abbilden kann.

Daher finde ich den Rat des Black Swan-Autors Nicholas Taleb so reizvoll:

„Hören Sie nicht auf Vorhersagen der Ökonomie“.

Sie unterscheiden sich nämlich nicht vom Ratespiel. Versuch und Irrtum sei der bessere Weg. Oder einfach nur Laie sein, der sich in seine eigenen Angelegenheiten einmischt:

„Die Griechen nannten ihn idiotes, die Römer idiota: Er lebt für sich, vertraut seiner Erfahrung, pfeift auf die Finessen der Theoretiker. Als ‚Idioten’ traten die Apostel an gegen verblendete Welt- und verstockte Schriftgelehrte. Franziskus von Assisi nannte sich einen einfältigen idiota. Luther fand, die unverbildete ‚Albernheit des Laien’ sei für göttliche Botschaften empfänglicher als die eingebildete Gescheitheit der Wissenden. Das ‚Lob der Torheit’ war längst angestimmt, als Erasmus von Rotterdam es besang: Der Humanist verspottete den Bildungsdünkel, spielte Leben gegen Schule aus, Common Sense gegen Dogma, Lachen gegen Tintenernst, erklärte die Torheit zur alleinigen Quelle des sozialen und privaten Lebensglücks“, so der Publizist Ludwig Hasler.

Siehe auch:

Studenten im Bologna-Prozess: Stoff-Bulimie statt Regelbruch – Reinschaufeln, auskotzen, vergessen.

Über Schirrmacher: In der Vergangenheit hat er so viele Theorien in die Welt gesetzt

Wie könne eine Gesellschaft ohne guten Journalismus überleben, fragt sich der allmächtige FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher in seinem Rundschumschlag gegen die so genannten Netzutopisten. Sind wohl alles Spinner:

„Jetzt, wo sich leider auch immer mehr Journalisten sich ihre sozialen Prognosen vom Silicon Valley und der Wall Street schreiben lassen, riskieren wir eine ganz einfache und ebenso gelassene Vorhersage: gar nicht.“

Aber was hat denn nun guter Journalismus mit den Ertragsproblemen der Printmedien zu tun? Gar nichts. Und was bietet denn Schirrmacher an Alternativen an, um die strukturellen Probleme der Verlage in den Griff zu bekommen. Gar nichts. In seinem wutschnaubenden Rundschlag „Das heilige Versprechen“ haut Frankie-Boy alles in eine Tonne:

„Im Zeitalter des Internets kann jeder alles sein, Verleger, Lektor, Autor, Journalist. Jeder kann partizipieren, jeder Geld verdienen. Das ist das Mantra. Dass keine dieser Aussagen stimmt, ist offensichtlich. Und wenn sie trotzdem immer noch nachgeplappert werden, stellt sich die Frage: Wer profitiert eigentlich von dieser Ideologie? Und was bedeutet das für die Zeitungen?“

Als Kern seiner hilflosen Schwimmversuche im Netz bleibt nur eine Aussage stehen. Wir, die dümmlichen Netzlinge, sind nur die nützlichen Idioten von Facebook, Google, Amazon und Co. und nur diese Giganten des Internets machen Kasse.

„Die Informationsökonomie hat in ihrer heutigen Alpha-Version ausschließlich zum Entstehen industrieller Giganten geführt, zu Konzentrationsprozessen, die den Einzelnen immer häufiger zum Ausbeuter seines eigenen Ichs machen. Einzig die ‚kalifornische Ideologie‘, die sogenannten ’neuen Regeln für die neue Ökonomie‘, die in allen Köpfen rumspuken und die maßstabsetzend der Heilige des Silicon Valley, Kevin Kelly, vor vielen Jahren verkündete, tarnen diese Wiederkehr des Neoliberalismus in Gestalt der Techno-Utopie“, schreibt der FAZler.

Ansonsten ist halt alles Mumpitz. Niemand sei mit seinen Netz-Projekten wirklich erfolgreich. Alles nur leere Versprechen. Ich möchte gar nicht auf jeden einzelnen Aspekt dieses elitären Elaborats eingehen. Den Charakter und Ehrgeiz von Schirrmacherchen kann man in viel schönerer Prosa im Kriminalroman „Der Sturm“ von Per Johansson aka xy nachspüren.

Am grundlegenden Dilemma der Printmedien schlurft der Frank vorbei. Und das schreibe ich jetzt nicht mit der herablassenden „Der ist doch Internetausdrucker-Attitüde“.

Der Journalismus-Professor Stephan Ruß-Mohl hat das sehr gut beschrieben und ich habe das doch als früherer Printmedien-Powerkunde ohne Schaum vor dem Mund in meinem Blogpost ausführlich dargelegt, übrigens auch mit Empfehlungen eines Lesers, wie man einiges besser machen könnte in den Verlagshäusern. Siehe: Nekrolog eines Printmedien-Kunden.

Massenmedien hatten als “Partner” der Werbewirtschaft lange Zeit eine marktbeherrschende Stellung.

“Damit konnten sie bei den Anzeigenpreisen kräftig zulangen. Über Jahrzehnte hinweg erzielten sie Traumrenditen, von denen nicht nur viele Verleger, sondern auch so manche Redakteure in ihren Nischen wie die Maden im Speck lebten. Im Internet herrscht dagegen Wettbewerb. Der Konkurrent, der auf dieselben Anzeigenkunden hofft, ist nur einen Mausklick entfernt. Deshalb schrumpfen bei den Werbeumsätzen die Margen, aus denen sich früher Redaktionen großzügig finanzieren ließen“, so Ruß-Mohl.

Das hat doch nun wahrlich nichts mit Netzutopien oder Social Web-Märchenerzählungen zu tun. Es liegt an der Logik des Netzes, die auch schon vor dem Aufkommen sozialer Medien existierte.

Letztlich bleibt bei Schirrmacher dann wohl nur der Angriff auf die Netzmonopolisten via Leistungsschutzrecht und sonstigen Restriktionen übrig. Sollte er dann aber auch offen kommunizieren. Vielleicht ist Frankie-Boy aber auch nur ein Getriebener der Netzwirklichkeit, der es nicht verkraften kann, auf Augenhöhe mit den Nutzern des Internets zu kommunizieren. Ein Salon-Löwe, der herablassend auf die Ich-Verleger herunter starrt, die an seinem Nachrichten-Thron knabbern.

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) schreibt:

“Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.”

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Gibt es nun wirklich kein einziges journalistisches Projekt, das im Internet erfolgreich läuft. Was ist denn beispielsweise mit „Pro Publica“?

Siehe auch:

Nichtzeitungsleser.

Zeitungssterben: Meine (sprichwörtlichen) 5 Cent.

Es lebe der Content.

Neoliberalismus im Journalismus? Wer hat’s erfunden? – Eine Replik an Frank Schirrmacher.