Mit Angsthasen ist digital kein Staat zu machen #Streamcamp14

Vertrauenskultur statt Angstregime
Vertrauenskultur statt Angstregime

In ihrem Misstrauen gegenüber dem digitalen Wandel bilden Politiker, Manager und Gewerkschafter derzeitig eine Große Koalition im XXL-Format. Wer überall nur Gefahren verortet, erstickt in einem Angstregime von Kontrolle und Bewegungslosigkeit.

Zu bewundern bei der Ankündigung von Microsoft, sich in Deutschland vom Anwesenheitswahn in Bürosilos zu verabschieden. Sofort warnten Bedenkenträger vor der Gefahr einer Rund-um-die-Uhr-Verfügbarkeit, statt auch nur ansatzweise über die Chancen flexibler Arbeitsorganisation nachzudenken. Das liegt wohl nicht nur an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr, Flurfunk-Tratsch, Mobbing und dem Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist.

Planungsgedöns endet im Irrtum

Die Bürosilo-Apologeten laufen einer inhumanen Planungsillusion hinterher, betont Thomas Dehler vom Berliner Dienstleister Value5 einem Expertenpanel beim Streamcamp in München:

„Planung ersetzt Zufall durch Irrtum.“

In einer vernetzten Ökonomie gehe das Planungsgedöns der Manager ins Leere.

Es gehe nicht darum, dezentrales Arbeiten zu verordnen, sondern den Wunsch des Mitarbeiters stärker in den Mittelpunkt des Personalmanagements zu stellen. Die Souveränität über die Arbeitszeit werde beim Abschied von Anwesenheitspflichten nicht geschwächt, sondern fundamental gestärkt. Entscheidend sei nicht mehr das tägliche Absitzen von Bürostunden, sondern das erzielte Arbeitsergebnis.

Die Langsamkeit der Planungsbürokraten

„Wir sind mit unserem Modell ohne Einsatzplanung und Präsenzpflichten in der Lage, 90 Prozent der aller Kundenanfragen zu bearbeiten“, sagt Dehler.

Planungsbürokraten sind zu dieser schnellen Reaktionsfähigkeit nicht in der Lage. Und wenn sich Gewerkschafter zum Thema Ausbeutung äußern, sollten sie den Arbeitsweg nicht ausklammern, denn der wird vom Arbeitnehmer bezahlt und wirkt wie eine Subvention zugunsten des Arbeitgebers.

Soziales und kollaboratives Arbeiten sei mit digitalen Technologien wie Videostreaming-Dienste im Social Hub sehr gut und sogar besser zu realisieren als in irgendwelchen aseptischen Glaspalästen in den einschlägig bekannten Gewerbegebieten.

Excel-Manager schauen in den Rückspiegel

Statt auf die Potenziale ihrer Mitarbeiter zu setzen, verstecken sich die liebwertesten Gichtlinge des Top-Managements hinter Berichtsorgien und Kennzahlen-Management. „Sie beschäftigen sich mehr mit der Administration und dem Befüllen von Excel-Tabellen und vernachlässigen dabei die neuen Themen ihres Marktes“, bemerkt Dehler in der Streamcamp-Paneldiskussion. Echtzeit-Management sieht anders aus. Die Excel-Tabelle von heute bildet das Geschehen von gestern ab. Auf der Strecke bleibt die Gegenwart.

In einer Excel-Ökonomie aus Ängsten, Planungsillusionen und sinnlosen Kontrollschleifen gedeiht weder Vertrauen noch wirtschaftliche Prosperität.

Multikopter sind nicht bedrohlich
Multikopter sind nicht bedrohlich

Ähnlich angstbesessen verläuft die Diskussion über den Einsatz von Drohnen, die in der Regel aber nur harmlose Multikopter sind, wie Bloggercamp.tv-Kollege Frank Michna auf dem Streamcamp demonstrierte. In der Presse werde ja inflationär vor der Gefahr des Absturzes von Drohnen gewarnt.

„Da fällt nichts vom Himmel. Verliert das Fluggerät die GPS-Verbindung oder geht die Akkuleistung runter, kehrt der Multikopter automatisch zum Startpunkt zurück und landet. Die Systeme kalibrieren sich ständig.“

Genauso unsinnig seien die Hiobsbotschaften der Polizeigewerkschaft, die in den Mini-Drohnen eine neue Terrorgefahr sieht. Und welche Gefahren entstehen eigentlich, wenn man Veranstaltungen via Multikopter live ins Netz überträgt? Das Streamcamp hat das natürlich vorgeführt und damit neue Perspektiven nicht nur für Outdoor-Sportarten eröffnet.

Warum man auch bei Webinaren auf geschlossene Formate im Kontrollmodus verzichten sollte, war Thema einer weiteren Streamcamp-Session mit dem IT-Experten Joachim Hummel.

Was sonst noch ablief beim Streamcamp in München, habe ich auf Storify kompakt zusammen gefasst:

Im nächsten Jahr sehen wir uns am 21. und 22. November 2015 beim Streamcamp15 in Paderborn wieder, was wir morgen bei Bloggercamp.tv näher erläutern. Wie immer um 20:15 Uhr direkt nach der Tagesschau:

Siehe auch:

Warum sollte man auch vor 9 Uhr im Büro hocken: Wer lange schläft, ist nicht faul.

IT-Gipfel: Die Angst der Deutschen vor dem Internet.

Netzpolitik der Bundesregierung – Mehr Verantwortung, weniger Gipfel (und Taten, werte SZ).

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Endlich: WC-Literatur auf der Klorolle und eine Session-Idee: Payback-Punkte mit Zwirbler-Crowdfunding verbinden #Streamcamp14

Literatur fürs Klo
Literatur fürs Klo

Zwirblers Schwester hat abgetrieben und ist verschwunden. Ist sie in die Hände von Abtreibungsgegnern einer katholischen Sekte geraten, um in einem geheimen Schweigekloster in der Nähe von Köln Abbitte zu leisten, was in einem Schweigekloster nur schwer möglich ist? Steckt ein reaktionärer Kardinal hinter der Aktion von bigotten Saubermännern? Alles reine Spekulation. Eine Indizienkette, die ich ganz persönlich aus dem bisherigen Geschehen abgeleitet habe. Zwirbler zwirbelt zusammen mit seinen abertausenden Facebook-Fans Gedankenblitze, Wortkaskaden, Gesprächsfetzen und Fantasien in die Statusmeldungen, um das zerzwirbelte Dasein literarisch zu verarbeiten.

Zwirbler

Das Ende ist noch offen und doch scheint irgendein Ende so nah. Welche Rolle spielt dabei die erigierte Traurigkeit und die in den Statusmeldungen gepressten Zuneigungen, die Zwirbler bei seiner Suche begleiten? Wir lesen und posten auf Facebook, weil uns eine Welt alleine nicht genügt. TG als Zwirblers Alter Ego hat uns in der gestrigen Bloggercamp.tv-Sendung ein wenig in die Lebenswelt des Protagonisten eingeführt und erläutert, warum man Zwirbler aus den Untiefen des Zuckerberg-Imperiums befreien sollte.

Das solltet Ihr über die Crowdfunding-Plattform Startnext in den nächsten 15 Tagen unbedingt mit kleinen und großen Beträgen unterstützen.

Zwirbler braucht Eure Unterstützung
Zwirbler braucht Eure Unterstützung

Wer gar seine Geldbörse weit öffnet und 5.555 Euro in den Topf wirft, bekommt vom Autor des weltweit ersten Facebook-Romans den Hintern abgewischt. TG ist zu allem bereit.

Wie man die literarischen Klorollen mit Payback-Punkten und dem Startnext-Projekt verbinden könnte, wollen wir gemeinsam mit TG am Samstag auf dem Streamcamp erörtern, schließlich findet das Streamcamp am Samstag und Sonntag in der Firmenzentrale von Payback statt 🙂

Siehe auch:

Zwirbler im ARD-Nachtmagazin.

Der Atomausstieg ist übrigens teurer als das Zwirbler-Projekt….

Glücksversprechen werden im Roman nicht zurückgenommen.

Ob Eizellen im Facebook-Roman eingefroren wurden, kann ich nicht genau sagen. Da habe ich den Überblick verloren.

Erlauchte Zecher und liebwerteste Gichtlinge als eBook: Kuratoren gesucht #Streamcamp14

Rabelais

“Gute Leute, erlauchte Zecher und ihr, liebwerteste Gichtlinge, saht ihr jemals Diogenes, den zynischen Philosophen?” – so begann der Renaissance-Denker Francois Rabelais seine Rede und mit dieser schelmischen Sichtweise auf das Leben startete ich am 21. Januar 2011 meine wöchentliche Kolumne für das Debattenmagazin „The European“. Im Dezember 2014 durchbreche ich die Schallmauer von 200 Beiträgen und ein Ende ist noch nicht abzusehen.

Höchste Zeit für eine Auflistung im Sinne des Schriftstellers Umberto Eco: Ein Vademecum wider die Vergesslichkeit – vor allem meiner eigenen. Über was habe ich in den vergangenen Jahren so alles geschrieben. Eine Auswahl des Guten, Schönen, Kritischen, Überraschenden, Erfolgreichen und der publizistischen Flops. Denn auch jeder Niederlage und Peinlichkeit wohnt eine Erleuchtung inne, wie es Hans-Magnus Enzensberger ausdrückt. Während der Arbeiter im Weinberg der Kultur seine Erfolge rasch vergisst, hält sich die Erinnerung an einen Flop Jahre oder gar Jahrzehnte mit geradezu blendender Intensität.

„Außerdem entfalten Flops eine therapeutische Wirkung: Sie können berufsbedingte Autorenkrankheiten wie Kontrollverlust und Größenwahn wenn nicht heilen, so doch milden“, erläutert Enzensberger in seinem Suhrkamp-Opus „Meine Lieblings-Flops“.

Subtile Jagd nach Sätzen

Aber ich möchte nicht nur eine Revue von gescheiterten Kolumnen präsentieren, sondern mich auch auf die subtile Jagd nach dem einen Satz oder Wort begeben, in dem das Wesentliche eines Beitrags kondensiert. Es könnte gar eine versteckte Schlüsselbotschaft sein, die mir selbst beim Schreiben vielleicht gar nicht so bewusst war. Denn letztlich lebt das Geschriebene nur durch den Leser. „Mir fehlt die objektive Distanz. Meine Phantasie ergänzt, was dasteht, zu dem, was dastehen sollte“, so das Credo des Schweizer Autors Hermann Burger. Der Autor erfährt seinen Text im Gespräch. Deshalb ist dieses Gespräch sein wertvollstes Instrument. Nicht nur Publizisten sollten sich dazu bequemen, Fragen zu stellen, statt immer nur Fragen zu beantworten. Es geht nicht nur darum, alles in Frage zu stellen. Man sollte bereit sein zum offenen Gespräch, ohne die Demontage des eigenen Weltbildes zu fürchten.

Leserdialog ohne inhaltsleeres Schaumbad

Schaumbäder des inhaltsleeren Diskurses gibt es genügend. Echte Gespräche sind eher selten. Auf dem Streamcamp in München am kommenden Wochenende möchte ich den Dialog mit den Lesern beginnen, denen ich die Autorität von strengen Kuratoren zuweisen möchte, um pünktlich zur Leipziger Buchmesse im Frühjahr 2015 die Liebwertesten Gichtlinge-Kolumnen in einem eBook zu verewigen. Bei einem Livestreaming-Barcamp versteht es sich von selbst, die Gespräche live via Hangout on Air zu übertragen. Und auch in den kommenden Wochen und Monate werde ich den Diskurs mit den Kuratoren netzöffentlich führen. Das kann dann ab und zu in meiner Bibliothek bei Kaffee und Kuchen ablaufen, also so eine Art Gichtlings-Lesezirkel oder eben virtuell.

Was am Ende herauskommt, ist mehr als eine Bestenliste meiner The European-Artikel. Es stecken auch die Gedanken der Kuratoren im eBook. Schließlich sollte sich der digitale Content vom gedruckten Buch unterscheiden, wie es die eBook—Verlegerin Christiane Frohmann auf der Frankfurter Buchmesse ausführte.

eBook-Formate ausreizen

Vielleicht entsteht die nächste Literatur nicht nur über Twitter, weil hier lesend und schreibend mit Geräten experimentiert werde, wie es @stporombka formuliert, sondern auch über virtuelle Live-Dialoge.

Ich möchte jedenfalls erfahren, wie weit eBook-Formate ausgereizt werden können. Funktioniert das Social Reading-Konzept der Sobooks-Gründer Sascha Lobo und Christoph Kappes? Sollte man eBooks aus dem Gefängnis von Lesegeräten und Apps befreien? Welche Rolle könnten Video und Audio dabei spielen und, und, und?

Rabelais

eBook-Produktionen standen bislang nicht auf meiner Agenda. Das wird sich jetzt ändern. Und die liebwertesten Gichtlinge, die sich als Kuratoren für meine Publikation zur Verfügung stellen, werden bestimmt mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Man hört und sieht sich am Wochenende auf dem Streamcamp in München. Dann werden wir den Kuratoren-Fahrplan für das eBook konkretisieren.

Übrigens: Meck-Pomm twittert nicht mehr. Betrüblich. Dann wird es auch nichts mit dem Kuratieren.

Was Nutzer in sozialen Netzwerken teilen – und warum? Videos liegen ziemlich weit hinten. Das muss sich ändern.

Livestreaming mit Hangout on Air: Geballtes Praxiswissen im Buch und beim #Streamcamp14 in München

Livestreaming-Buch

Livestreaming kennen die meisten nur aus dem TV, andere haben es auch im Internet wahrgenommen.

„Doch mittlerweile werden hier nicht nur große TV-Ereignisse oder Präsidenten-Reden übertragen. Konferenzen, Vorträge werden genauso in das Internet geschoben, wie Podiumsdiskussionen oder Lesungen. Mit Google Hangout on Air hat der Internet Gigant Google ein gutes Mittel, eine schöne Werkzeugsammlung für Übertragungen und mehr zur Verfügung gestellt. Ein Hangout ist im Grunde eine Videokonferenz, ein Hangout on Air kann noch ein bisschen mehr. Es speichert oder überträgt (quasi live – leichter Versatz) das aufgenommene zu Youtube und bietet damit zahllose Anwendungsmöglichkeiten“, schreibt Thorsten Ising in der Rezension unseres Buches „Live Streaming mit Hangout on Air“, erschienen im Hanser-Verlag.

In Deutschland hätten noch nicht viele diese Möglichkeiten erkannt.

„Aber einige schon. Gunnar Sohn und Hannes Schleeh widmen sich seit dem Start von Google Hangout dem Thema und so finde ich es nicht überraschend, dass genau diese beiden ein Buch dazu verfasst haben“, so Thorsten Ising.

Livestreaming-Opus
Livestreaming-Opus

Neben Begriffserklärungen, Technik- und Durchführungsworkshops in Bild und Text (viele Screenshots), Plattformen, Checklisten für die Durchführungen und Vorbereitung von Live-Sendungen, mobilen Journalismus und vielem mehr, gebe es auch die praktischen Anwendungsbeispiele und Erfahrungsberichte.

Das Fazit von Thorsten Ising nach der Lektüre unseres Opus: Das Buch sei geballtes Praxiswissen:

„Newcomer wie Fortgeschrittene bekommen Informationen, Anleitungen, Tipps und Hintergrundwissen für laufende und künftige Projekte. Durch die wirklich strukturierten Inhalte ist es sowohl Praxisleitfaden, wie Nachschlagewerk. Gut gemacht, verständlich geschrieben, mehrwertig bebildert. Klare Kaufempfehlung.“

Vor Freude über diesen Beitrag könnte ich in die Luft springen, schließlich haben wir einige harte Arbeitswochen in den Hanser-Band gesteckt.

Streamcamp München is coming
Streamcamp München is coming

Unser geballtes Praxiswissen wird übrigens an diesem Wochenende wieder beim Streamcamp in München zur Geltung kommen. Der Hanser-Verlag macht einen Büchertisch und wir stellen alles zur Verfügung, um erste Gehversuche mit Livestreaming zu machen, vorhandene Kenntnisse zu vertiefen oder experimentell an neuen Dialog-Formaten für private und berufliche Zwecke zu arbeiten. So werde ich eine Session in Zusammenarbeit mit Fraunhofer IAO und weiteren Experten vorschlagen, die sich mit der Kunst des Distanzmanagements in Unternehmen beschäftigt.

Gemeinsam mit Hannes wollen wir eine Session anbieten, die zeigt, wie man mit Hangout on Air Webinare organisieren kann. Vielleicht mache ich auch wieder ein Audio-Livestreaming mit dem Google-Dienst, der für Audioübertragungen eine Studiofunktion beinhaltet. Hannes Schleeh bringt sein Greenscreeing-Equipment mit, um Heute Journal-Studio zu spielen. Ihr könnt Hardware und Software testen. Es gibt eine Liveschalte zum Besser Online-Kongress des DJV in Berlin. Am Samstag spendiert uns die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) einen zünftigen Bier-Abend. Dann kommen noch Drohnen zum Einsatz. Eine Unkonferenz mit vielen Überraschungen zu fairen Barcamp-Preisen.

Buch und Livestreaming-Barcamp gibt es am 18. und 19. Oktober im Doppelpack. Also schnell noch Tickets besorgen. Wir hören und sehen uns am Wochenende in der Payback-Firmenzentrale in München 🙂

Anwesenheit sagt nichts über Arbeitsqualität: Gute Entscheidung, Microsoft – Kommt doch zum #Streamcamp14

Slow Media Institut über Revierstress
Slow Media Institut über Revierstress

Ich finde es sehr beachtlich und löblich, dass sich ein großer Konzern wie Microsoft in Deutschland vom Anwesenheitswahn löst.

„Anwesenheit sagt nichts über die Qualität der Leistung von Mitarbeitern aus, sondern liefert häufig sogar ein falsches Bild“, sagt Microsoft-Personalchefin Elke Frank nach einem Bericht der FAZ. Viele Mitarbeiter hätten den Wunsch, von zu Hause, im Café oder unterwegs zu arbeiten. Entscheidend für Microsoft sei nur das Ergebnis.

„Gerade das konzentrierte Arbeiten an einem Projekt ist nach Ansicht der Personalchefin in offenen Büros nicht immer einfach“, schreibt die FAZ.

Wer in Ruhe arbeiten wolle, arbeitet von zu Hause. In der neuen Firmenzentrale in der bayerischen Landeshauptstadt würde es zwar noch Büro-Arbeitsplätze geben, aber nicht für jeden. Die Erfahrung habe gezeigt, dass ohnehin nie alle Mitarbeiter gleichzeitig kommen – so dass der Platz normalerweise reicht.

Revierstress im Büro

Warum die Gewerkschaften prompt vor der Gefahr einer Rund-um-die-Verfügbarkeit warnen, liegt wohl eher an einer etwas naiven Idealisierung der klassischen Büroarbeit, die von Überstunden, Stress im Berufsverkehr und vom Fluch der ständigen E-Mail-Erreichbarkeit geprägt ist. Die Wissenschaftlerin Sabria David vom Bonner Slow Media-Institut spricht sogar vom Revierstress und der Revierverteidigung. Das spiele sich vor allem in Unternehmen ab, die noch eine ausgeprägte Präsenzkultur von ihren Mitarbeitern verlangen.

Arbeitnehmer sind konditioniert, ihr Interaktionsfeld zu bewachen, die Kollegen im Auge zu behalten, die Nähe zu Vorgesetzten zu suchen und möglichst spät das Büro zu verlassen. Anwesenheit werde gleichgesetzt mit Engagement und Einsatzbereitschaft. Überträgt man eine solche Präsenzkultur in das digitale Zeitalter, steigt nach Erkenntnissen von David der Druck exponentiell.

„Während bisher selbst nach langen Überstunden irgendwann einmal das Revier bestellt war, hat sich das berufliche Revier nun mittels digitaler Möglichkeiten in ungeahntem Maße ausgedehnt: zeitlich auf 24 Stunden an sieben Tage der Woche. Diese Kombination aus Präsenzkultur und digitaler Verfügbarkeit ist eine für Arbeitnehmer höchst riskante und belastende Konstellation“, erläutert David.

Es fehlen im Büroalltag die natürlichen Rückzugsräume und Filter, um Beruf und Privatleben voneinander zu trennen. Sich entziehen zu können und verpassen zu lernen sind nach Ansicht von David die zentralen Lektionen, die es im Umgang mit digitalen Medien zu erlernen gilt.

Die Gewerkschaften sollten sich auch noch einmal die Umfragen des Berliner Dienstleisters Value5 etwas genauer anschauen. Hier werden von Mitarbeitern Gründe genannt, die für eine dezentrale und flexible Arbeit sprechen: Es sei die beste Form, um Familie und Arbeit in Balance zu halten:

„Genau so wollte ich immer arbeiten. Kein Stress und keine Krankheitsausfälle.“

Ein anderer Mitarbeiter gibt zu Protokoll, dass die Homeoffice-Tätigkeit nach einem schweren Verkehrsunfall die erste Möglichkeit war, über eine Initiativbewerbung wieder arbeiten zu können: „Und mir geht es sehr gut dabei.“ Weitere Stimmen: Zu Hause sei der beste Platz zum Arbeiten ohne Mobilitätsaufwand. Das Alter spiele bei der Bewerbung keine Rolle. Es sei die optimale Beschäftigungsform:

„So etwas wollte ich schon immer tun. Ich kann Familie und Arbeit in Einklang bringen.“

Arbeiten ohne Flurfunk und Mobbing

Flurfunk und Mobbing fallen weg, Konkurrenzdenken gegenüber Kolleginnen und Kollegen bleibt aus, Zeitdiebe wie Rushhour und ewige Parkplatzsuche bestimmen nicht mehr den Tagesablauf. Selbst bei einer Organisation mit festem Standort ergeben sich nach Erfahrungen von Value5-Geschäftsführer Thomas Dehler die Vorteile der Flexibilisierung, weil Mitarbeiter nicht jeden Tag ins Büro müssen – man kann zwischen privater und betrieblicher Arbeitsstätte wechseln. Gleiches gilt beim Angebot von freiberuflichen und festangestellten Mitarbeitern – auch hier werden die Teams in hybrider Form gebildet. Nachholbedarf gibt es allerdings in Fragen des Distanz-Managements. Das haben Führungskräfte und das Personal-Management bislang noch nicht gelernt.

Man kann das sehr schnell ändern. Beim Streamcamp in München wird am 18. und 19. Oktober in Kooperation mit dem Fraunhofer IAO dazu eine Session angeboten: „Führung auf Distanz will gelernt sein – Warum Unternehmen virtuelle Medienkompetenz benötigen.“ Es gibt noch Wochenend-Tickets.

Siehe auch:

Unendlich Urlaub? Unendlich Home-Office? Zwischen unendlicher Selbstoptimierung und Selbstausbeutung steht die Kultur des (Selbst-)Vertrauens.

Urlaub jederzeit, keine Arbeitsplatzbindung: schöne, neue Arbeitswelt.