Vodafone, privilegierte Spiegel-Autoren und die Entdeckung des Sozialvampirs

Basic Thinking-Blogger Christian Wolf wundert sich über die vodafonistische Wutrede von Spiegel-Kolumnistin Silke Burmester und das nicht zu knapp:

„Hier geht es schließlich nicht um einen abgeschlossenen Vorgang – der Anschluss ist ja noch nicht geschaltet. Vielmehr soll dem ein wenig nachgeholfen werden. Und zwar in eigener Sache. Was eignet sich da besser, als die wöchentliche Kolumne bei einem der größten deutschen Nachrichtenportale – inklusive empörter Leser als Claqueure.“

Was trotz aller berechtigten Kritik am Kunden-Service deutscher Telko-Unternehmen vor allem bleibt, sei eine Journalistin, die ihre privilegierte Position erstaunlich ungeniert zum persönlichen Vorteil ausnutzt.

„Ich wette, Vodafone schaltet den Anschluss nun innerhalb weniger Tage (unter Mithilfe der Telekom) frei. Gratulation schon einmal im Voraus, Frau Burmester. Ich freue mich wirklich für Sie“, frotzelt Wolf, der an der Unabhängigkeit der Spiegel-Kolumnistin zweifelt.

Sie würde ja eigene Interessen instrumentalisieren und ihre reichweitenstarke Kolumne für schnöde materielle Ziele einsetzen. Ok. Also das Verlangen nach einem Telefonanschluss ist ja auch wirklich anmaßend. Da liegen doch Parallelen mit den gesponserten Luxusreisen eines hochrangigen Ex-Politikers förmlich auf der Hand.

Das Schöne am Social Web-Leben ist allerdings, dass für diese Service-Hotline-Wutreden „privilegierte“ Autoren gar nicht mehr nötig sind. Pünktlich zu Halloween gibt es nämlich eine gar nicht mehr so überraschende Entdeckung, die das Unternehmen Genesys gemacht hat – übrigens ein Anbieter für Technologien in der Kundenkommunikation – die müssen es ja wissen. Es ist der Sozialvampir.

Zu dieser Jahreszeit denkt man unweigerlich an dunkle, kalte Nächte, in denen blutsaugende Kreaturen wie dereinst Klaus Kinski in Nosferatu oder Graf von Krolock in Tanz der Vampire bei Vollmond in unsere Schlafzimmer schleichen.

Nun gibt es eine moderne, besonders bösartige Variante dieser Blutsauger, die keinesfalls Schlafzimmer betreten und denen man auch nicht mittels Knoblauch oder Kreuzzeichen zu Leibe rücken kann: Die Rede ist vom „Sozialvampir“, einer Web-Weiterentwicklung des Trolls, der in den sozialen Netzwerken à la Facebook entstanden ist. Und diese Spezies quält ausschließlich Unternehmen.

Dieser Sozialvampir will Blut sehen: Am besten die Hauptschlagader der Unternehmen. Diese Vampire hinterlassen tödliche Bisswunden in dem Markenauftritt der Anbieter. Kaum glaubt man, sie losgeworden zu sein, stehen sie erneut von den Toten auf. Und sie jagen ihre Opfer auf den sozialen Kommunikationswegen – ob Facebook, Twitter oder Kundenforen.

Der Sage nach werden von Vampiren Gebissene desgleichen zu Vampiren. Im Unterschied dazu sind Sozialvampire Geschöpfe, die das Unternehmen selbst hervorgebracht hat. Es sind Kunden, die sich gegen das Unternehmen wenden und sich daran gütlich tun. Doch warum entwickelt ein Kunde soziale Reißzähne? Warum will er den Firmen sprichwörtlich an die Gurgel gehen? Ursache ist meist ein schlechter Kundenservice, liebwerteste Basic Thinking-Blogger. Jeder Kunde ist enttäuscht, wenn seine Erwartungen nicht erfüllt werden. Doch enttäuschte Kunden wenden sich üblicherweise relativ geräuschlos vom Unternehmen ab. Die Verwandlung in einen Sozialvampir ist komplexer.

Sozialvampire sind durch Frustration und ein Gefühl der Kränkung getrieben und fühlen sich alleingelassen. Mit folgenden Fragen kann man sehr schnell herausfinden, auch Vodafone, ob und wie Unternehmen selbst zum Sozialvampirismus beigetragen haben. in

Wie einfach ist es für Kunden, zu einem Wettbewerber zu wechseln? Je schwieriger es ist, einen anderen Anbieter zu finden, umso mehr sind die Kunden darauf angewiesen, Probleme über den Service des alten Anbieters zu lösen.

Kümmern sich die richtigen Personen um die Probleme der Kunden? Je länger es dauert, eine zufriedenstellende Antwort zu erhalten, umso mehr tragen Anbieter zur Unzufriedenheit bei. Der Grad der Unzufriedenheit steigt drastisch, wenn mehrere Gespräche erforderlich sind.

Wie gut ist der Kundenservice erreichbar? Unternehmen sollten an alle nur möglichen Kontaktpunkt denken und keine Diktate für den Kundendialog vorschreiben. „Ich möchte als Kunde aus meinem jeweiligen Kontext heraus entscheiden, wie ich mit meinem Dienstleister kommunizieren möchte“, fordert beispielsweise Andreas Bock, verantwortlich für Social Media Sales & Service Internet bei der Telekom Deutschland. Siehe auch: Über die mangelhafte Warteschleifen-Ästhetik im Kundenservice – Das „Bitte-nicht-anworten@“-Syndrom.

Wie schlüssig ist der Service? Ein Kunde, den Ihr Unternehmen einmal wie eine Lichtgestalt und ein anderes Mal wie einen Fürsten der Dunkelheit behandelt, wird sich vor allem an das schlechte Erlebnis erinnern.

Fazit: All diese Faktoren können einen unzufriedenen Kunden in einen wütenden Kunden verwandeln. Doch ein wütender Kunde hat noch nicht das Stadium des „digitalen Untoten“ erreicht. Denn ein Sozialvampir setzt noch eine Eigenschaft voraus – Kenntnis der sozialen Netze.

Per Definition leben Sozialvampire in sozialen Medien – sie scheuen nicht das Licht der Netzöffentlichkeit – im Gegensatz zu den Unternehmen. Es wäre also fatal, darauf zu setzen, dass die besonders verärgerten Kunden keinen Zugang zu sozialen Medien haben, denn:

Der Trend zu sozialen Medien ist allgegenwärtig. Immer mehr Menschen kommunizieren über Twitter, Facebook und Kundenportale. Das verschafft den sozialen Netzen großen Zulauf.

Und es gibt einen Automatismus: Je mehr Mittel das Marketing in soziale Kampagnen steckt, umso mehr Kunden finden sich auf sozialen Kommunikationsplattformen ein, die diese Kommunikationswege als eine Art Kundenservice betrachten. Da helfen dann die berühmten Hochglanzbroschüren-Sprüche des Marketings nicht mehr weiter.

Es spricht sich herum, dass Beschwerden auf Twitter, Facebook und Co. nicht ohne Wirkung bleiben. Warum sollte ein ansonsten zufriedener Kunde nicht zum Sozialvampir mutieren, wenn er damit „lauter“ auf sein Anliegen aufmerksam machen kann?

Spiegel-Kolumnen sind für diese Effekte gar nicht mehr nötig. Ein Kolumnist hat aber das gute Recht, seine eigene Lebenswirklichkeit – auch die Begegnungen mit der Hotline-Hölle – publizistisch zu verarbeiten. Und eine Telefonanschluss ist heutzutage mit Sicherheit keine Privileg mehr. Mehr zu den Selbstverständlichkeiten in der vernetzten Service-Ökonomie in meiner morgigen The European-Kolumne.

Ob über diese Fragen in der Service-Welt wirklich Klarheit herrscht, verhandeln wir bei unserem nächsten Blogger Camp am 28. November von 18,30 bis 19,00 Uhr. Thema: “Einfachheit: Bin ich zu doof oder ist es die Technik?” Und von 19,00 bis 19,30 diskutieren wir über „Neue Konzepte der vernetzten Kommunikation – von virtuellen Messen bis zur Kundenberatung via Google Hangout“.

Die erste Session läuft in Zusammenarbeit mit dem Smart Service-Blog. Mit dabei ist auch Andreas H. Bock, Autor des Buches „Kundenservice im Social Web“. Vielleicht stößt ja ein Vertreter von Vodafone dazu. Wir senden aber live ohne Autorisierung und Sprachregelung – sozusagen eine Disputation mit Kontrollverlust.

Lesenswert auch der Beitrag von Ityx-Manager Andreas Klug: iService: der nächste Wandel kommt bestimmt:

„Smart Grid, Smart Cars, Taxiruf als App: eine moderne, vernetzte Service-Ökonomie beginnt klassische Domänen des telefonischen Kundenservice zu verdrängen. Alltägliche Transaktionen lassen sich durch Smartphone-Apps und lernfähige Software erledigen. Diese Entwicklung wird Call Center verändern. Die nächste Technologiewelle rollt. Und sie wird unser Kommunikationsverhalten grundlegend verändern. Der Tarifwechsel beim Telekommunikations-Provider, die An- und Ummeldung von Stromzählern, Fragen zur Bedienung von Elektronik-Produkten: Konsumenten entwickeln ihre eigene Vorstellung von Service-Ökonomie. Als Treiber dieses Trends gelten Smartphones und Tablet-PCs, die es den Konsumenten ermöglichen, jederzeit und überall online zu sein.“

Umweltsauereien in Nigeria und sonstige Shitstorm-Themen: Ganz ohne Anonymität

Sie sind der David im Kampf gegen den Konzern-Goliath: „Bürgerinitiativen und ihr berechtigter Zorn – Sind Pressesprecher die Verlierer der Öffentlichkeitsarbeit in der Partizipationsgesellschaft“, so die Frage der Deutschen Presseakademie in einer Werbe-Mail.

Einer der krisenerfahrenen Referenten für die beworbene Tagung kommt vom Shell-Konzern, der eine Pipeline im südlichen Stadtteil von Köln „nur“ durch die Einbindung der Bürger meistern konnte. Ob der Öl-Manager auf dem Kongress der Deutschen Presseakademie auch etwas zu den Umweltsauereien in Nigeria sagt?

„Zwar bohrt der Ölkonzern Shell seit 1993 nicht mehr im Nigerdelta nach Öl, doch zurückgelassene Bohrköpfe und verrottende Pipelines verschmutzen das Flussdelta weiter“, berichtet etwa die Zeit.

Die Bevölkerung in Nigeria ist im Gegensatz zur Kölner Bürgerschaft wahrscheinlich nicht gefragt worden, wie sie die Lecks in den Öl-Pipelines beurteilt, die zur Vernichtung der Fischergründe und landwirtschaftlichen Flächen führte und die Lebensgrundlage der Menschen zerstörte.

„In den Niederlanden – dem Hauptsitz von Shell – steht der Ölkonzern vor Gericht. Friends of the Earth Niederlande klagt die Firma wegen fahrlässiger Gefährdung der Bevölkerung und unterlassener Sorgfaltspflicht an. Doch die Gerichtsmühlen mahlen langsam und das Urteil ist erst 2015 zu erwarten. Daher fordern wir Shell schon heute auf, die zerstörte Natur in Nigeria wiederherzustellen“, so der BUND.

Bin ich jetzt ein Shitstorm-Agitator, der die „Anonymität“ des Netzes ausnutzt, um auf das offensichtliche Auseinanderklaffen von Schein und Sein eines Öl-Konzern aufmerksam zu machen? Die Wortkombination „Shitstorm“ und „Anonymität“ mausert sich zur beliebtesten Kampfformel von Repräsentanten des Establishments gegen unliebsame Meinungsäußerungen, die sich im Internet exponentiell und unkontrolliert ausbreiten wie das Universum. Soweit ein Auszug meiner heutigen Kolumne für Service Insiders. Hier kann man das nicht anonyme Opus weiterlesen.

Übrigens ist es doch eine nette Geste der Piratenpartei, Journalisten darauf hinzuweisen, wo es Schwachstellen in ihrer digitalen Kommunikation geben könnte: „Bitte beachten Sie, dass Sie es bei Teilnehmern am Bundesparteitag zum Teil mit erfahrenen ‚Hackern‘ zu tun haben. Versuche, über die (Funk-)Netzwerkverbindungen in andere Rechner einzudringen, sind möglich.“ Da sollte sich kein neuer Shitstorm entfalten.

Wenn Bücher sterben #Urheberrecht

„Lange Schutzfrist lässt Bücher sterben“ titelt Spon-Redakteur Konrad Lischka seinen sehr lesenswerten Beitrag über die Schattenseiten von strengen Regelungen des Urheberrechts:

„Der Jurist Paul Heald von der University of Illinois hat in einer bislang nicht veröffentlichten Studie untersucht, wann die in Amazons US-Literaturangebot verfügbaren Werke erschienen sind. Healds vorläufiges Fazit: ‚Die lange Schutzfrist des Urheberrechts verhindert die Publikation wertvoller Werke.'“

Heald erkläre die frappierend geringe Verfügbarkeit von Werken jüngeren Datums mit den langen Schutzfristen im Urheberrecht. In den Vereinigten Staaten werde, wie in Deutschland auch, ein Werk 70 Jahre nach dem Tod des Autors gemeinfrei, bis dahin gilt das Urheberrecht.

„Wer eine Neuausgabe publizieren will, aber die Rechteinhaber nicht finden kann, muss das Vorhaben aufgeben oder das Risiko eingehen, als Raubkopierer belangt zu werden. So sterben Bücher“, schreibt Lischka.

Das untermauert die Thesen meiner Montagskolumne über die Lautsprecher der Gestern-Branchen.

Die Lautsprecher der Gestern-Branchen sollten sich mal die Verkaufszahlen der Werke von Goethe im 19. Jahrhundert heranziehen und sich fragen, warum Reclam beispielsweise mit dem „Faust“ so erfolgreich war. Ja richtig, es lag an dem quasi nicht existenten Urheberrecht in Deutschland: Das strenge Copyright im Vereinigten Königreich wurde bereits 1710 eingeführt und würgte die Buchproduktion ab. In Deutschland hingegen gab es einen rechtlichen Flickenteppich. Preußen führte das Urheberrecht zwar 1837 ein. Doch wegen der Kleinstaaterei bis 1871 war das Gesetz deutschlandweit ohne große Wirkung. So wurden die Werke der vor dem 9. November 1837 verstorbenen Klassiker am 9. November 1867 gemeinfrei.

Warum sich die „Grundsätze der Ledergerberei“ besser verkauften als „Frankenstein“

„Kaum lief der Schutz aus, wurden Hunderttausende von günstigen Büchern verkauft. Reclam beispielsweise brachte ,Faust‘ unter Ausnutzung der modernen Drucktechniken zum Preis von zwei Groschen – ein Bruchteil des Preises der Ausgabe Cottas – auf den Markt und verkaufte innerhalb weniger Monate zwanzigtausend Exemplare. Zugleich bot Hempel in Berlin die Gedichte Bürgers an; 150.000 Subskribenten und offenbar innerhalb von einigen Monaten insgesamt 300.000 verkaufte Exemplare sprechen eine deutliche Sprache“, schreibt der Wissenschaftler Eckhard Höffner in seinem zweibändigen Werk „Geschichte und Wesen des Urheberrechts“ (Verlag Europäische Wirtschaft).

Es gab eine riesige Nachfrage, die infolge des Urheberrechts unbefriedigt blieb. So erzielte 1806 der Chemie-Professor Sigismund Hermbstädt mit seinem drögen Werk „Grundsätze der Ledergerberei“ in Deutschland ohne urheberrechtliche Flankierung ein höheres Honorar als die britische Autorin Mary Shelley mit ihrem bis heute berühmten Horrorstück „Frankenstein“ – das passt natürlich nicht zu den Schreckensvisionen der Netz-Allergiker.

Wunsch an die Spackeria: Staatlichen Datenschutz sezieren!

Auf der Spackeriade in Berlin hielt der Spiegel Online-Redakteur Ole Reißmann einen sehr guten Vortrag über Themen, die von den Spackos stärker aufgegriffen werden könnten. Im Zuge der Datenschutz-Debatte sind die Positionen der Spackeria im vergangenen Jahr doch recht gut wahrgenommen worden. Die Empfehlungen von Reißmann sind da sehr hilfreich, um in dem Netz-Diskurs noch besser punkten zu können, ohne sich über irgendwelche Organisationsstrukturen, Sprecherfunktionen oder sonstige Vereinsmeiereien Gedanken zu machen. Auch eine gemeinsame Linie ist nicht vonnöten, die sich kritisch mit den Grenzen des Datenschutzes auseinandersetzen. Verstecken braucht man sich vor den Positionen von Kurz, Rieger und Co. nicht, wenn man sich die Vorschläge des CCC zur Stiftung Datenschutz und die Positionen zur personalisieren Werbung betrachtet – das ist doch häufig politisch naiv und dämlich. Siehe auch: Mist, Facebook will bestimmen, welche Badehose ich demnächst kaufe #Timeline #Open-Graph.

Die Spackos könnten beispielsweise den staatlichen Datenschützern stärker auf die Finger schauen. Was bringt das inszenierte Datenschutz-Theater den Bürgern wirklich? Was haben die Datenschutz-Bürokraten erreicht? Wie viel kündigen sie an und am Ende kommt nichts heraus? Was wurde denn nun ermittelt beim Staatstrojaner-Skandal? Da ist uns der Bundesbeauftragte noch ein paar Antworten schuldig. Reißmann hat diesen Wunsch an die Spackeria ab der Sendeminute 10:40 ausgeführt.

„Es gibt mindestens 17 Datenschutzbehörden mit vielen Mitarbeitern. Da würden uns natürlich Zahlen, Daten und Fakten interessieren. Kann man nicht mal genauer hingucken und sich überlegen, was kostet das und was machen die eigentlich? Jedes Mal, wenn in den Medien jemand auftritt und sagt, da wird der Datenschutz eingeschaltet und das wird vom Datenschutz überprüft, dann dauert es ja immer Monate und man könnte fragen, was am Ende nun wirklich dabei raus gekommen ist. Warum stellt sich die Spackeria nicht hin und seziert das Ganze“, fragt sich Reißmann.

Der staatliche Datenschutz versagt seit Jahrzehnten und niemand recherchiert die Sache systematisch. Bei der Staatstrojaner-Geschichte könnte man doch mal anfangen.

Keine Macht den Datenschützern – Die Herrschaftssprache der Ministerialbürokratie

Wir müssen uns von der Idee privater Daten im Internet verabschieden, sagt Julia Schramm. In einem sehr interessanten Interview mit Spiegel Online erklärt die Mitgründerin der „datenschutzkritischen Spackeria“, warum der Datenschutz nicht mehr funktioniert und was es mit Post-Privacy auf sich hat: „Keine Macht den Datenschützern. Wir finden, dass die aktuelle Diskussion um den Schutz von Daten an der Realität vorbeigeht. Wir leben in einer vernetzten Welt, wo Privatsphäre durch das Internet nicht mehr möglich ist. Nun müssen wir sehen, wie wir damit umgehen“, so Schramm gegenüber Spiegel Online.

Im Internet sei es eben vorbei mit der Privatsphäre, darüber sollte man sich klar sein. „Schon der Begriff Datenschutz gaukelt eine falsche Sicherheit vor, die es praktisch nicht mehr gibt. Die einzige Alternative ist, anonym zu surfen“, rät Schramm. Als Beispiel für das höchst fragwürdige Vorgehen der staatlichen Datenschützer führt sie die Intervention des niedersächsischen Datenschützers an, der einem Website-Betreiber verboten habe, Google-Werbung auf seinen Seiten zu schalten. „Die Begründung war, dass die IP-Adressen der Nutzer ungefragt an einen weiteren Server übertragen werden. Dabei ist das im Internet die Regel, sehr viele Seiten nutzen solche Dienste – und die Nutzer wissen das auch. Die Entscheidung dagegen ist eine Form von Staatsgewalt“, kritisiert Schramm. Warum das Vorgehen der Datenschützer politisch und juristisch höchst fragwürdig ist, habe ich in einem längern Beitrag für MarketingIT dargelegt. Hier ein Auszug:

Das Vorgehen der Datenschützer, vor allem in den norddeutschen Bundesländern, sei nur die Spitze des Eisberges, sagt Dr. Michael Wüllrich von der Bonner Kanzlei Schmitz Knoth Rechtsanwälte im Interview mit dem Fachdienst MarketingIT. „Das Ganze hat eine erhebliche ökonomische Bedeutung für Firmen wie Google. Hier ist die Verwertung der IP-Adressen für den Geschäftsbetrieb unverzichtbar.“ Ob die Rechtsauffassung des so genannten Düsseldorfer Kreises, einem informellen Zusammenschluss von Datenschützern aus Bund und Ländern, richtig sei oder nicht, müsste höchstrichterlich entschieden werden. „Die Auslegung der Gesetze ist Sache der Gerichte. Es fehlt allerdings eine einheitliche Linie. Wir haben eine unklare Rechtslage und unterschiedliche Entscheidungen von Gerichten“, moniert Wüllrich, Fachanwalt für gewerblichen Rechtschutz.

Aktuell könne man mit gutem Gewissen die Wertung vornehmen, dass IP-Adressen keine personenbezogenen Daten sind – auch wenn der Düsseldorfer Kreis das Gegenteil behauptet. Dann sollten doch die Datenschützer Wahlbrink oder Kasper mit ihren Bußgeldandrohungen weitermachen. Eine endgültige Klärung bekomme man nur vom BGH oder Bundesverwaltungsgericht. Für die digitale Wirtschaft wäre es ratsam, es auf Klagen ankommen zu lassen. „Gegen die Verfügungen der Datenschützer sollten in jedem Fall Rechtsmittel eingelegt werden. Hier muss die Internet-Branche einheitlich vorgehen und verhindern, dass es zu bestandskräftigen Entscheidungen kommt“, rät Wüllrich. Den ersten richtig guten Fall, wie in Niedersachsen, dürfe die digitale Wirtschaft nicht lapidar begleiten. Hier müssten die Interessen aller Unternehmen gebündelt werden. Die Nutzer der IP-Adressen sollten einen Gegenpol zum Düsseldorf Kreis organisieren.

Hinter der Unklarheit von Gesetzestexten versteckt sich allerdings auch ein Mittel der Machtausübung, wie es Hans-Magnus Enzensberger treffend beschrieben hat: Die juristische Sprache sei in ihrem Wesen nach Herrschaftssprache. „Ministerialbürokratien, Parlamentsausschüsse, Richter, Staatsanwaltschaften und Advokatur teilen ein Interesse daran, dass die Sphäre des Rechts ein Arkanum bleibt. Unverständlichkeit gehört zum Nimbus des Gesetzes.“ Das geschehe absichtlich. Die Komplexität werde soweit gesteigert, dass selbst Experten zu keiner eindeutigen Interpretation mehr fähig sind.

Der Bundesinnenminister, das Vermummungsverbot und die Geodaten

„Online-Konsultationen sind kein demokratischer Selbstläufer“, schreibt Bundesinnenminister Thomas de Maizière in einem Beitrag für Spiegel online. Einfach nur „dagegen sein“ bringe niemanden weiter. „Wenn es selbstverständlicher Bestandteil unserer Kultur ist, dass auch im Internet Diskussionen sachbezogen, offen und nachvollziehbar geführt werden, dann wird es auch nicht darauf ankommen, ob der Bürger sich hinter einem Pseudonym versteckt oder seinen tatsächlichen Namen angibt“, so der Mann für die innere Sicherheit. Aber soll der Staat deshalb vorschreiben, ob jemand etwas unter Pseudonym postet oder nicht? Wie viele Journalisten sind denn unterwegs, die nicht unter ihrem richtigen Namen publizieren. Kommt bei Ihrem Ansinnen dann so etwas sinnreiches heraus, wie bei Ihrem Parteifreund Axel E. Fischer?

Die nächsten Schritte, die der Innenminister in seinem Gast-Opus verkündet, sollten wir in den nächsten Wochen wachsam begleiten. Er will im Dezember einen Gesetzesvorschlag vorlegen, durch den eine „rote Linie“ im Umgang mit Geodaten und personenbezogenen Daten markiert wird, welche die Diensteanbieter nicht überschreiten dürfen. Es werde festgelegt, wann ein besonders schwerwiegender Eingriff in Persönlichkeitsrechte vorliegt und – für den Fall eines Verstoßes – werden entsprechende Sanktionen geregelt. Gilt dieser Gesetzentwurf dann auch für die Geodaten-Schnüffelei des Staates. Bei Google und Co. geht es ja in erster Linie um das Datenverbrechen von personalisierten Diensten. Beim Staat geht es sicherlich um ehrenhaftere Motive?

In seiner Videobotschaft „Ich frage der Bundesinnenminister antwortet“ hat er ein wenig um die heißen Brei geredet.

Mainstream und Social Media: Scheißt der Teufel auch in sozialen Netzwerken nur auf den größten Haufen?

Spiegel-Online-Redakteur Andreas Grieß fragt nach dem Einfluss von Social Media. Sein Urteil: Fehlanzeige. „Eigentlich beschäftigt sich das Web 2.0 in erster Linie mit sich selbst. Das allein muss noch nichts heißen – außer, dass es trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist“, behauptet Grieß. Er beruft sich auf eine Studie des US-Blog SmartDataCollectiv. In der Untersuchug wurden 3.000 Social-Media-Beiträge analysiert. Das Ergebnis: Die am häufigsten vorkommenden Schlüsselbegriffe waren „social“ und „media“, gefolgt von „Twitter“ und „Facebook“.

„Das in der deutschen Blogosphäre derzeit meist verlinkte Blog ist netzpolitik.org. Über welche Themen dieses hauptsächlich berichtet, sagt bereits der Name. Mit dem Basic Thinking Blog, Netzwertig sowie dem Blog zur re:publica, einer Veranstaltung zu Blogs und Social Media, sind weitere Blogs sehr weit oben in den inoffiziellen deutschen Blogcharts, die sich überwiegend mit Themen des Internets beschäftigen. Der Nachrichten-Aggregator Rivva, bei dem Artikel von Nachrichtenseiten und Blogs vor allem danach sortiert werden, wie häufig Beiträge in Blogs und auf Twitter auf sie verlinken, listet seine ‚Leitmedien‘ auf. Aktuell liefert demnach SPIEGEL ONLINE die meisten Topmeldungen. Direkt danach folgt bereits das offizielle Google-Blog und netzpolitik.org. Die Hausblogs von Twitter, Apple, Facebook und YouTube rangieren ebenfalls vor den meisten gängigen Nachrichtenseiten“, schreibt Grieß.

Es bedeute nach seiner Meinung nicht, dass das Web 2.0 andere Lebensbereiche nicht verändert. „Die Daten sprechen eher für etwas anderes: Dass das Mitmach-Netz trotz steigender Nutzerzahlen noch nicht im Mainstream angekommen ist.“
Ein Indiz dafür sei zum Beispiel auch, dass Sport nur sporadisch vorkommt, geht es um die meistverlinkten Blogs, die meisten Follower bei Twitter oder die meisten Fans bei Facebook. Laut dem Marktforschungsunternehmen Forrester Research würde die Anzahl von wirklich aktiven, Inhalte produzierenden Nutzern in den USA sogar wieder abnehmen. Aber was ist denn heute noch Mainstream in sozialen Netzwerken, lieber Andreas Grieß.

Eine sehr gute Replik auf den Spiegel-Beitrag hat Thilo Specht geschrieben: „Eine Stichprobe aus 3.000 Beiträgen bedeutet in den Social Media – nix. Nada. Nothing.Allein in Twitter werden täglich 90 Millionen Tweets geschrieben (Quelle: http://techcrunch.com/2010/09/14/twitter-seeing-90-million-tweets-per-day/ ).Auf Facebook werden monatlich mehr als 30 Milliarden Inhalte von den Nutzern eingestellt (Quelle: http://www.facebook.com/facebook#!/press/info.php?statistics ). Von YouTube und dem ganzen Rest fange ich gar nicht erst an. Eine Stichprobe, bestehend aus 3.000 Items, kann in keinster Weise einen repräsentativen Charakter haben.“

Die Mainstream-These erinnert ein wenig an die Netzkritik des Medienphilosophen Norbert Bolz. Im Web soll sich angeblich das Pareto-Gesetz der 80/20-Verteilung bestätigen. „Das ist ein Effekt, der sich überall dort einstellt, wo Menschen aus einer Fülle von Möglichkeiten wählen können“, führt Bolz aus. Vielfalt + Wahlfreiheit = Ungleichheit. 20 Prozent aller Knoten ziehen 80 Prozent aller Links auf sich. Deshalb bekomme man auch im Web eine Wirtschaft der Stars. Der Soziologe Robert K. Merton spricht in diesem Zusammenhang vom Matthäus-Effekt: Wer hat, dem wird gegeben. Oder wie es der Millionär Gunter Sachs etwas deftiger ausdrückte. „Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen“.

Als Entgegnung kann man den Long Tail-Effekt in die Diskussion bringen. Es gibt in sozialen Netzwerken viele Nischen, wo es entsprechend viele 80/20-Verteilungen gibt. In der einen ist man der „Star“ und in der anderen mehr oder weniger der stumme Konsument und Beobachter.

Entscheidend ist die Frage: 20 Prozent von was? Das kommentierte ein Leser meines Blogs:
Im Unterschied zur „alten“ Welt kann sich jede Spezialgruppe mit wenig Technik und Geld ihr Forum aufbauen. „Wenn dann 20 Prozent der 10 weltweit verteilten Liebhaber von blau-rosa Weinbergschnecken die Aufmerksamkeit in dieser Gemeinschaft auf sich konzentrieren, ist doch alles in Ordnung. In einer anderen Gruppe gehören die beiden wieder ’nur‘ zu den 80 Prozent Konsumenten. Neu ist eigentlich nur der ständige Rollenwechsel.
Es gibt im Web 2.0 keine festgefügte 80/20-Aufteilung.

Man findet zu dem Thema Experten, Nerds und Hobbyisten, die sich in Foren, Blogs oder Chatsystemen tummeln. Da wird über die Restauration des legendären Batmobils aus den 1960er Jahren oder über Schuco-Autos philosophiert. Über alte Fotoapparate, Antiquariate, Literatur, Kultur, Museen, Musik und, und, und.

Über den Porsche Diesel, der als Spielzeugmodell von Kovap originalgetreu auf den Markt gebracht wurde. (siehe Foto oben).

In der Geschäftswelt gibt es interessante Blogs, die sich beispielsweise mit der Serviceökonomie auseinandersetzen. Etwa der Service-Blog mit dem After Sales-Management. Oder der Smart Service-Blog mit Dienstleistungsinnovationen. Oder die Service-Blogger über Service-Ärgernisse. Oder Zukunft-Kundendialog mit der Call Center-Branche. Oder den 3CBlog, der sich auch mit Themen zum Kundendialog beschäftigt.

Gleiches findet man sicherlich zu jedem anderen Thema. Im Sport gibt es sehr viele Vereine, die im Social Web aktiv sind – aber nur lokal wahrgenommen werden, wie die Meistermacher des RW Lessenich in Bonn.

So smart ist die Analysemethode des SmartData Cellective-Blogs nicht.

Project Natal soll Computersteuerung revolutionieren – Körper statt Controller

Microsoft schickt sich nach einem Bericht von Spiegel Online an, den Dialog zwischen Schirm und Sofasitzer auf eine neue Stufe zu heben. Die Bewegungssteuerung mit Arbeitstitel „Project Natal“ für Xbox 360 könnte es schaffen: „Interaktive digitale Medien so auf den Fernseher bringen, dass man sie dort tatsächlich nutzen will. Auf der Videospielmesse E3 im Juni in Los Angeles will der Konzern die ersten Anwendungen und Spiele für Natal präsentieren, gerade erst hat ein Microsoft-Manager aus Saudi-Arabien ausgeplaudert, dass das System im Oktober auf den Markt kommen soll. Und dazu, glaubt man Gerüchten, eine neue kleinere, hoffentlich auch leisere Version der Spielkonsole Xbox 360“, so Spiegel Online. Gedacht sei Natal in einem ersten Schritt für Videospiele, als Antwort auf den Erfolg von Nintendos Wii, als Konkurrent für Sonys ebenfalls für die E3 heiß erwartetes Bewegungskonzept mit dem Namen Move. „Sony und Nintendo haben sich aber, anders als Microsoft, vom Videospiel-Controller nicht verabschiedet: Beide Systeme kommen nicht ohne ein Stück Plastik in der Hand aus“, schreibt Spiegel Online.

Beim „Project Natal“ sei nicht mehr das Interface-Design, sondern „out of your face design“ das Gebot der Stunde, sagte mir Oliver Kaltner, Country Manager Entertainment & Devices bei Microsoft Deutschland, in einem Interview für die Zeitschrift absatzwirtschaft. „Was Nintendo mit der Wii geschafft hat, ist der Beleg für die These, dass es nicht mehr um die Hardware geht. Die Entwickler haben erkannt, dass ein Großteil der Kunden grundsätzlich am digitalen Spiel interessiert ist, aber Angst davor hat, Hardware in die Hand zu nehmen und steuern zu müssen. Der Zugang zum Spiel muss vereinfacht werden und die Hardware darf nicht im Wege stehen. Wir gehen jetzt deutlich in die nächste Generation, denn es ist überhaupt keine Hardware mehr im Spiel. Bei uns ist kein Controller mehr notwendig, zudem kommt das Element der Sprachsteuerung hinzu. Beides hat zum Ziel, möglichst viele Konsumenten zum interaktiven Spiel zu bewegen und als gesellschaftliches Erlebnis zu Hause werden zu lassen. Der Blamierungsfaktor strebt dann gegen null und geht weit über das Thema Gaming hinaus“, sagt der Country Manager im Gespräch mit der absatzwirtschaft. Natal sei der Weg zum „Gaming für Jederman“ unter Einbindung der Social Media Networks wie Facebook und Twitter. Es werde über das Spielerlebnis hinaus ein Eisbrecher für ein neues User Interface sein: „Die Kulturgeschichte des Spiels hat gezeigt, dass sie Einfluss genommen hat auf andere gesellschaftliche Entwicklungen. Dafür wird auch die Bewegungs- und Sprachsteuerung des „Projects Natal“ sorgen“, ist sich Kaltner sicher.

Microsofts Ansatz sei puristisch, so Spiegel Online: „Ein komplexes System aus Kameras, Infrarotsensor und Mikrofonen soll die Lage des Spielers und einzelner Körperteile im Raum erfassen, freihändig gewissermaßen. In einem ersten Test funktionierte das bereits erstaunlich gut: Ein auf dem Bildschirm dargestellter Avatar folgte jeder Körperbewegung des Spielers mit nur sehr geringer Verzögerung. Tritt ein zweiter Spieler neben den ersten, wird auch seine Körperposition innerhalb von Sekunden erkannt. Das nur zur Demonstration mitgebrachte Spiel ist eine ‚Breakout‘-Variante namens ‚Ricochet‘: Mit dem Körper, Armen, Beinen oder auch dem Kopf müssen Bälle gegen einen Wand geschubst und aufgestapelte Kisten abgeschossen werden. Das funktioniert ordentlich, wenn auch nicht völlig verzögerungsfrei, bringt einen auf jeden Fall ins Schwitzen.“

Besonders beeindruckend an Natal sei die Bedienung der Menüs: Die Bewegung eines Cursors mit bloßen Händen, das Auswählen und Aktivieren von Menü-Objekten klappe so intuitiv, als habe man seinen Fernseher schon immer so bedient. Bei Bedarf soll das System nicht nur die Bewegungen der Gliedmaßen, sondern auch die einzelner Finger erfassen können, Stimmen im Raum lokalisieren. Eine einfache Gesichtserkennungssoftware soll es außerdem ermöglichen, jedem Spieler gleich das richtige Benutzerkonto zuzuweisen. Von Anfang an soll Natal als Eingabemöglichkeit für die gesamte Xbox-Benutzeroberfläche einsetzbar sein. Das würde heißen, dass man künftig etwa seine Facebook-Bildergalerien mit einem Handwedeln durchblättern könnte.

Hier meine Story für die absatzwirtschaft:
absatzwirtschaft März 2010

Schirrmacher, Lanier und der Alzheimer-Journalismus


Der FAZ-Neuro-Feuilletonist Frank Schirrmacher ballert zur Zeit im Wochen-Rhythmus neue „Argumente“ in die Welt, um seinen „Internet verändert das Gehirn“-Thesen, die er in seinem Buch Payback ausgebreitet hat, neue Nahrung zu geben. So unterstellt er, dass wir in Deutschland nicht in der Lage sind, eine tiefgehende Debatte über das Informationszeitalter zu führen und bringt dann Ladenhüter-Thesen von Internetskeptikern wie Nicholas Carr.

Die Web-Nervensäge vom Dienst vergleicht ja nicht nur ohne Unterbrechung das Internet mit der Stromversorgung, sondern versteigt sich nicht das erste Mal zu Aussagen über Neurobiologie und den Folgen des permanenten Multitaskings. Mittlerweile ist wohl das Gehirn ein Feld für eine Heerschar von Laienwissenschaftlern, Deppen und Kulturredakteuren geworden, die ihre kruden Thesen über Neuromarketing, Neurowerbung, Neuroshopping oder Gehirn-Jogging in die Welt setzen, allerdings ohne den Anflug irgendeiner wissenschaftlichen Qualifikation. Jedenfalls ist mir nicht bekannt, welche Forschungsarbeit Carr vorweisen kann, um seine Thesen zu untermauern. Er schreibt provokative Management-Bücher, um als Redner gebucht zu werden. Mehr ist es wohl nicht. Gestern hat nun das FAZ-Feuilleton als Aufmacher ein ganzseitiges Interview mit Jaron Lavier gebracht. Überschrift: „Der digitale Maoismus ist zu Ende“. Als Einleitung: Jaron Lanier ist ein Internet-Pionier. Den Begriff ‚virtuelle Realität‘ hat er geprägt und die Gratiskultur beschworen. Nun sieht er, wie Kreative ausgebeutet werden. Im Gespräch verwirft er die ‚Schwarmintelligenz‘. Er spricht vom digitalen Mob“. Dann kommt die erste Frage der FAZ. „Sie waren Prophet einer wunderbaren Digitalwelt voller Magie. Jetzt führen Sie Klage darüber. Was ist passiert?“. So fällt im wahrsten Sinne des Wortes die knallharte Einstiegsfrage der FAZ aus. Vor allen Dingen das „Jetzt“ hat mich fassungslos gemacht. Herr Schirrmacher, halten Sie Ihre Leser für Alzheimer-Kranke. Mit den Maoismus-Thesen ist der Lanier mehr oder weniger originell schon seit einigen Jahren unterwegs. Sie pressen das jetzt wohl in ihr Payback-Schema. Schon im November 2006 hat er gegenüber Spiegel Online fast die gleichen Argumente vorgetragen. „Derzeit wird die Vorstellung immer populärer, das Kollektiv könne nicht nur Zahlenwerte wie einen Marktpreis ermitteln, sondern verfüge als eine – gern Schwarmgeist genannte – höhere Intelligenz über eigene Ideen, ja sogar über eine überlegene Meinung. Eine solche Denkweise hat in der Geschichte schon mehrfach zu sozialen und politischen Verheerungen geführt. Mir bereitet die Vision Sorgen, nur das große Ganze, das Kollektiv sei real und wichtig – nicht aber der einzelne Mensch. Das war der Fehler in allen totalitären Ideologien, vom Nazi-Regime über Pol Pot bis zu den Islamisten“, so Lanier gegenüber dem Spiegel. Als Beispiel nennt er das kostenlose Online-Lexikon Wikipedia, dessen Einträge von über 200.000 freiwilligen Autoren verfasst werden. Auf dieser Plattform könne jeder sehr schnell Opfer des Mobs werden.

„Die Gefahr von Wiki-Lynchjustiz halte ich für sehr real. In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind. Dahinter steckt der Narzissmus all dieser kleinen Jungs, die der Welt ihren Stempel aufdrücken wollen, ihre Initialen an die Mauer sprayen, aber gleichzeitig zu feige sind, ihr Gesicht zu zeigen“, kritisiert Lanier. Es sei im Grunde eine neue Religion. „Diese Leute glauben an etwas Ewiges, Unsterbliches. Sie haben ihre Rituale, ihre drolligen Überzeugungen, ihre Heiligen. Solange dieses Menschenbild zu einer kleinen Subkultur gehört, mag sich das niedlich anhören. Aber es ist ernst. Computer haben mit jedem Jahr mehr Einfluss darauf, wie wir miteinander in Kontakt treten und wie wir unser Leben denken. Und mit den Computern werden auch die Ideen der Freaks immer mehr Teil des kulturellen Mainstreams“, sagte Lanier damals und leiert das auch heute wieder runter.

Er plädierte auch schon vor einigen Jahren für eine Technik, mit der man im Internet unmittelbar Geld einnehmen könne. Das wäre für viele Menschen der Anreiz, anspruchsvolle Dinge im Internet zu veranstalten und zu veröffentlichen. Sofort gäbe es eine Fülle unterschiedlichster ernstzunehmender Stimmen – und dem Kollektivismus wäre die Grundlage entzogen. Wie das in der Praxis aussehen könnte, erklärte er früher und erklärt es auch jetzt leider nicht. Irgendwie müssten sich halt alle Regierungen zusammenraufen und so etwas regeln. Ja, Mister Lanier, spiel weiter mit Deinen Sandförmchen. Neuro-Frank macht mit Deinen Behauptungen vielleicht noch ein schönes Büchlein „Payback II“, dann kannst Du weiter Karussell fahren mit Deinen Recyclingsprüchen.

Wohin die kruden neurobiologischen Schwafeleien hinführen können, hat Professor Henning Scheich, Direktor des Leibniz-Instituts für Neurobiologie in Magdeburg, sehr gut dargelegt: Superlernen, die Rattenfänger der Neuroökonomie und warum Gehirnjogging Unfug ist: Wenn die Birne leuchtet, lernen wir nicht besser – Ein Profihirn zeigt wenig Aktivität.

Siehe auch:
Schirrmacher hat leider Shirky übersehen.

Schirrmacher hat übrigens noch nicht einmal den Mut, im Social Web unter seinem eigenen Namen unterwegs zu sein:

The European: Sind Sie eigentlich bei Facebook?
Schirrmacher: Ich bin bei allem. Bei Facebook, bei MySpace, bei Twitter. Natürlich nicht unter meinem wirklichen Namen. Manche würden sich wundern, wenn sie wüssten, mit wem sie da kommuniziert haben. Kennen Sie zum Beispiel diese Amazon-Wunschlisten? Da hab ich jemandem mal aus Versuchszwecken ein Buch geschenkt, der mir wie andere aufgefallen war, weil sie völlig gegen meinen Strich kommentiert hatten. Daraufhin bekam ich etwas später einen maschinengeschriebenen Brief zurück. Der Absender, ein junger 20-Jähriger, fragte mich, ob ich das wirklich sei oder ob das jetzt alles nur ein Fake ist. Er wird ein kommender Mitarbeiter unserer Zeitung werden.

Wer sich in der Anonymität suhlt, hat eben doch ein Problem mit der neuen öffentlichen und selbstbewussten Meinung der Vielen.
Peter Kruse, ein Professor für Psychologie an der Universität Bremen, hat Schirrmacher im Interview mit Sueddeutsche.de einen “fremdelnden Netzwerk-Besucher” genannt und meinte weiter, “wer sich nicht selbst in den Netzwerken bewegt und sie als eine schwer zu ertragende Kakofonie empfindet, der fühlt sich logischerweise schnell überfordert”. Das weist Frankie-Boy zwar zurück. Es trifft aber den Kern von Schirrmachers Angst, wenn er sich nicht mehr hinter den bildungsbürgerlichen Honoratiorenkreisen seines Blattes verstecken kann.

Lesenswert: habe noch lust, mich über frank schirrmacher zu nerven 😉

Wer surft hier eigentlich an der Oberfläche? #schirrmacher.

Die Gedankenwolken des Nicholas Carr – Internetskeptiker will Google bändigen und warnt vor der Zentralisierung des Datennetzes.

Wenn Nachrichtenseiten Blogs wären: Omas Zeitung liegt im Sterben

Ein interessanter Blog-Beitrag zur Medienszene findet sich unter Medial Digital zum Thema „Das Klickvieh-Gehege – Was Verlage von der Blogosphäre lernen können“ Autorin ist Ulrike Langer, freie Medien- und Marketingjournalistin in Köln
Ausgangspunkt ist der Artikel ”Wie Google News Redaktionen ausbeutet” von Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker. Er beklagt im Kern zwei Dinge: „Erstens: Google bezahlt einige Nachrichtenagenturen neuerdings dafür, ihre Meldungen ganz abzudrucken, anstatt nur darauf zu verlinken. Zweitens: Google aggregiert und verlinkt weiterhin die Schlagzeilen und die ersten Textzeilen von Zeitungsnachrichten, ohne dafür zu bezahlen, obwohl dahinter nur ein Computer-Algoritmus steckt und keine schöpferische Leistung erbracht wird: Die Verlage gehen leer aus – obwohl Google News ohne die Arbeit von Zeitungs- und Online-Redaktionen unmöglich wäre. Richtig. Aber warum gehen sie leer aus? Weil sie sich bis auf wenige Ausnahmen konsequent allen Mechanismen verweigern, die im Social Web zu gutem Karma und letztlich zum Erfolg führen. Die Leser sollen gefälligst auf die geschlossenen Verlagsportale kommen und wenn sie dort sind, werden sie wie Klickvieh behandelt und eingepfercht, damit sie für die Anzeigenkunden genügend Page Impressions generieren“, kritisiert Langer.

Auch dieser Einwand von Stöcker würde von altem Denken zeugen: „[…] Die Gewichtung und Reihung der bei Google News angezeigten Nachrichten wird durch einen Algorithmus erledigt, der auf der Auswertung großer Nachrichtenseiten basiert. Was bei vielen ganz oben steht, was bei den Wichtigen oben steht, muss wohl wichtig sein, und landet deshalb auch bei Google News am Seitenanfang. Was, das nur nebenbei, auch dazu führt, dass das wirklich Exklusive, das wirklich Originelle bei Google News kaum eine Chance hat“.

Seltsam, kontert Langer: „Erstens haben es Verlage selbst in der Hand, ihren exklusiven Content statt generischer Agenturmeldungen auf ihren Portalen ”oben” zu platzieren. Außerdem ist es in der Blogosphäre genau umgekehrt. Gerade Blogs mit exklusivem Content werden von anderen Blogs am meisten verlinkt und deshalb auch bei Google, Technorati, Rivva und Co. prominent gelistet. Warum sollte das bei Verlagsbeiträgen anders sein, wenn nur genügend Links auf die Seiten führen. Doch dazu müssten sie erst einmal selbst verlinken und geben, statt nur zu nehmen“.

Die Verlags-Websites könnten nach Ansicht von Langer, wenn sie es wollten, mit ihrem riesigen redaktionellen Know-How und Input die Alpha-Blogger entthronen und die wahren Leitwölfe im Social Web sein. Statt hilflose Hüter der Klickviehherde. Nur dann müsste sich auch die journalistische Qualität verbessern. Das hat WAZ-Verlagschef Bodo Hombach in einem Beitrag für Cicero eingefordert. Die klassischen Medien müssten Gelenkstelle zwischen allen Räumen des öffentlichen Lebens sein, Drehscheibe für Ideen, Arena, Forum, Nische und Nest, Rumpelkammer für Exkurse ins Fantastische, frech, präzise, zivil, Sendbote zwischen Ein- und Ausgeschlossenen, Dolmetscher zwischen oben und unten, Gestern und Morgen, Rand und Mitte, Vor- und Nachdenker, Instrument der Auseinandersetzung und des Zusammengehens, aktuell, flexibel, empfindsam und hart, mit Leidenschaft und Kühle, Katheter für sozialen Problemstau, Kompostecke für Kulturabfall, Schredder für Abgelegtes, Abgenutztes, Abgestandenes, Seismograf für feinste Beben auf der nach oben offenen „Richter-Skala“ des Geistes, offen für jede Bitte, aber verschlossen für jeden Befehl. Also all das, was man in der Blogosphäre schon wahrnehmen kann durch die Vielfalt, durch das kreative Chaos und der Inspiration der Basis. Kein Territorialverhalten, keine selektive Nachrichtenauslese, kein Auflagendruck, kein Bestreben nach dem absoluten Medienscoop.

Die klassischen Medien „jagen im Rudel“, so Hombach“. „Kampagnenjournalismus muss nicht mehr organisiert werden. Es ergibt sich wie von selbst. Die Neidhammel umkreisen den Sündenbock“. In vielen Blättern und Sendern werden Agenturberichte ungeprüft übernommen. „Man hört und sieht und liest denselben Bericht. Das empfinden die meisten als Bestätigung. Mancher glaubt sogar dem selbst erfundenen Gerücht, wenn es zu ihm zurückkehrt“.

Was Zeitungen permanent als Aufmacher ins Blatt nehmen, ist eine bloße Erinnerung an den Fernsehabend zuvor. Nur noch halb so groß sollten die Tageszeitungen berichten über die Reden von Politikern und die Verlautbarungen von Parteien und Verbänden. „Es gibt weder eine Journalistenpflicht noch ein heißes Leserinteresse, täglich groß gedruckt zu sehen, was da an Versprechungen und Verunglimpfungen abgelassen wird, an Retourkutschen, unseriösen Prognosen und durchschaubaren Lügen. Über politische Sprechblasen wahrheitsgemäß berichten heißt ja: In redlicher Absicht die Zeitung mit Schönfärbereien und Irreführungen füllen; je weniger sie davon druckt, desto höher steigt also ihr Wahrheitsgehalt“, erklärt Wolf Schneider. Halbiert würde dabei auch die schiere Langeweile. Die Zeiten, in denen eine saturierte Abonnementszeitung durch journalistische Langeweile gar nicht ruiniert werden konnte, sein vorbei; „Omas Zeitung liegt im Sterben“