„Einfach irgendwas mit Medien zu machen, ist heutzutage keine so gute Idee“

„Es ist eben etwas anderes, ob du live in einem mobilen oder stationären Szenario auf Sendung gehst“, so Franziska Bluhm.

Journalisten müssen ihr traditionelles Handwerk beherrschen und neue Kompetenzen mitbringen.

Der amerikanische Medienprofessor Jeff Jarvis steht vor den gleichen Herausforderungen wie alle anderen Journalistenschulen: wie man den Wandel lehrt; wie man dem journalistischen Nachwuchs genug Tools so beibringt, dass sie sie hinterher beherrschen, ohne deshalb unentbehrliche Zeit von der Vermittlung der grundsätzlichen Fähigkeiten und Wahrheiten des Journalismus abzuziehen; „wie man dem Wandel unseres Feldes voraus bleibt, aber die Studenten trotzdem auf die Stellen vorbereitet, die heute existieren.“

Es gebe keine bessere Zeit, um Journalismus zu unterrichten, und keine bessere Zeit, um Journalist zu werden, als heute.

„Unsere heutigen Studenten sind nicht nur technologisch versierter, als wir es je sein könnten, sondern sie sehen auch die Welt mit neuen Augen. Ich dränge sie, sich diesen frischen Blickwinkel zu bewahren und ihn zu benutzen, um alle unsere Annahmen infrage zu stellen und herauszufordern, damit sie sich eine neue Zukunft für den Journalismus vorstellen und sie aufbauen können“, betont Jarvis.

Hoch qualifizierte Bewerber finden Stellen

Optimistisch beurteilt auch der Hörfunk- und Fernsehjournalist Kai Rüsberg die Jobperspektiven in der Medienbranche:

„Der Bedarf nach hoch qualifizierten Kräften ist trotz Stellenabbaus vorhanden. Es scheiden in den kommenden Jahren viele Redakteure aus Altergründen aus und es entstehen ständig neue Aufgabenfelder, sowohl in Print, Online und elektronischen Medien. Zudem gibt es in Unternehmen immer mehr Nachfrage nach qualifizierten Social Media Managern und Redakteuren und Autoren für Content Marketing in allen Facetten. Dafür werden Journalisten gebraucht, die ihr Handwerk gut beherrschen“, betont Rüsberg, der auch als Dozent für Kommunikationspolitik an der Westfälischen Hochschule tätig ist und das Netzwerk für Medieninnovationen MediaLab.NRW initiierte.

Gefragt seien eine Vielzahl von Kompetenzen:

„Es fängt damit an, sich kurz und prägnant auszudrücken, Storytelling zu beherrschen, kommunikativ zu sein sowie verschiedene Mediengattungen bedienen zu können und auch die technischen Fähigkeiten mitzubringen. Wer frei arbeiten will, muss zudem auch in der Lage sein, Innovationen zu entwickeln oder sie zumindest schnell zu adaptieren und seiner Arbeit eine deutliche persönliche Note und wiedererkennbare Marke zu geben. Besondere Bedeutung bekommt auch die Fähigkeit, eine Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit zu vermitteln“, sagt Rüsberg aka @ruhrnalist.

Die Chancen, eine feste Stelle zu bekommen, sind nach seiner Einschätzung nicht schlechter als in den vergangenen Jahren.

„Die Frage ist eher, ob die Bezahlung auch fair ist. Nicht selten wird man Jobs unter Tarif oder zeitweilig unbezahlt angeboten bekommen. Dennoch wird auch bei den schlecht bezahlten Tätigkeiten besonderer Einsatz erwartet“, erläutert Rüsberg.

Für die Zukunft rechnet er in den Medienhäusern mit flacheren Hierarchien und weniger hoch bezahlten Chefposten. Spitzenpositionen in einem Blog seien schlechter dotiert als Chefredakteursposten alter Prägung.

„Auch in der PR gehen aufgrund des Überangebots von Bewerbern seit Jahren die Gehälter drastisch nach unten. Im öffentlich-rechtlichen Rundfunk werden vermutlich nur noch wenige Spitzenpositionen mit externen Kandidaten besetzt – und nur dann, wenn man sich erhofft, damit Expertise zu bekommen, die man selbst nicht hat. In kleinen Medieneinheiten könnte es üblich werden, dass das Gehalt des Führungspersonals stark am Umsatz orientiert ist“, prognostiziert Rüsberg.


Spezialisten mit Netzwerkstärke gefragt

Die Perspektiven für gute Journalisten sind Einschätzung von Franziska Bluhm, Leiterin für Digitale Vernetzung bei der Verlagsgruppe Handelsblatt, besser denn je:

„Wer sein Handwerk versteht, ein Gespür für gute Geschichten hat und versteht und anwenden kann, wie seine Geschichten eine möglichst große Öffentlichkeit finden, wird als Journalist gut arbeiten können – ob festangestellt oder frei.“

Es komme aber auf die Kompetenzen an:

„Fähigkeit zur Zusammenarbeit in interdisziplinären Teams, was ein viel größeres Grundverständnis von Analytics, Coden, Videobearbeitung, Optiken und Datenvisualisierung voraussetzt. Und am besten hat man selbst auch Erfahrungen auf diesen Gebieten, um im Ernstfall auch aushelfen zu können“, sagt Bluhm.

Anwachsen werde das projektbezogene Arbeiten in freien Tätigkeiten. Zudem werden gute Autoren noch spezialisierter unterwegs sein.

„Die Vielzahl der unterschiedlichen Plattformen, die bedient werden müssen, erfordert mehr Spezialwissen. Also spezielles Storytelling für jeden Kanal – und das wird extrem kleinteilig“, vermutet Bluhm.

Liveübertragungen in unterschiedlichen Kontexten könne beispielsweise nicht jeder:

„Es ist eben etwas anderes, ob du live in einem mobilen oder stationären Szenario auf Sendung gehst.“

Für die Jobperspektiven seien Netzwerkstärken, eigene Communities und Managementfähigkeiten essentiell.

Gehalts-Dumping

In den USA sieht der ehemalige The European-Herausgeber Alexander Görlach in den neuen Medien-Marken wie Mic, Vice oder Buzzfeed gute Karrierechancen für Journalisten. Viele ältere Kolleginnen und Kollegen, die vor einigen Jahren die Industrie mit einer Abfindung verlassen haben, seien allerdings von Altersarmut bedroht.

„Sie haben keinen Anschluss in diese neue Medienwelt gefunden. In Deutschland ist mein Eindruck, dass eher eingespart werden soll als ausgegeben und dass es deshalb Kolleginnen und Kollegen mit Erfahrung schwer haben, einen adäquaten Job zu finden – mit entsprechender Bezahlung. Bei den Jungen sieht es doch schon lange so aus, dass nach dem Volontariat keine unbefristete Festanstellung kommt, sondern man sich von Jahresvertrag zu Jahresvertrag hangelt“, so Görlach.

Die Strukturen werden ausgedünnt. Weniger Jobs bei hohen Bewerberzahlen führen zu einem weiteren Gehalts-Dumping.

„In den USA gibt es noch einige Akteure, die an die Zukunft von Journalismus glauben und die viel Geld investieren. In Deutschland gibt es keine entsprechende Begeisterung und Investitionen in diesem Maße“, so Görlach, Gastwissenschaftler an der Harvard University, Autor der New York Times und The World Post.

Einfach irgendwas mit Medien zu machen, ist heutzutage keine so gute Idee:

„Das haben sich junge Leute, wenn sie in den Beruf einsteigen wollen, abgeschminkt. Sie wollen ganz konkret im Medienbereich arbeiten. Und das betreiben sie dann auch entsprechend ernsthaft. Ich habe nicht den Eindruck, dass der Beruf ausstirbt“, sagt Bascha Mika, Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau.

Für ratsam hält sie es, sich am Anfang der Ausbildung noch nicht zu spezialisieren. Da sei ein generalistischer Ansatz besser. Man sollte sich in allen medialen Genres umtun. Herauszufinden, in welchem Medium und in welcher Form man am liebsten arbeite, sei als zweiter Schritt wichtig.

„Wer allerdings im Printjournalismus eine Autorenkarriere anstrebt, dem sollte klar sein, dass das selten zu einer Festanstellung führt. Wer eine feste Stelle bekommen möchte, sollte sich auch für Redakteursarbeit begeistern“, so Mika, die als Honorarprofessorin für Kulturjournalismus an der UDK Berlin tätig ist.

Experten, die den angehenden Journalisten empfehlen, Programmierkenntnisse zu erwerben, kann sie nicht folgen. So etwas habe der Geschäftsführer einer großen Regionalzeitung, die online sehr erfolgreich ist, auf den Münchner Medientagen propagiert.

„Solange dieser Geschäftsführer selber nicht in der Lage ist, Programme für die Bilanz seines Verlages zu schreiben, solange kann er ähnliches nicht von Journalisten verlangen“, bemerkt Mika.

Wichtiger sei, die enge Verzahnung unterschiedlicher Disziplinen. Sowie jedes gute Magazin zusammen mit einer Art-Redaktion entwickelt wird, komme es auf die gute Mischung zwischen Onlinern und Generalisten für unterschiedliche Plattformen an.

Insgesamt sei es für den journalistischen Nachwuchs schwieriger geworden, feste Stellen zu bekommen.

„Es wäre unseriös, wenn wir das in unseren Studiengängen versprechen würden. Ein großer Teil muss sich auf die Arbeit als freier Journalist einstellen und viel kreativer sein als früher, um neue Arbeitsfelder zu erfinden“, skizziert Mika die Zukunftsaussichten.

Deswegen müsse man aber nicht direkt vom Unternehmer-Journalisten sprechen. Jeder, der frei arbeitet, sei in gewisser Weise auch Unternehmer, wenn es um Geschäftsmodelle und den Einsatz von Kompetenz und Kreativität gehe. Zwischen einem Unternehmer und einem freischaffenden Journalisten, Künstler oder Schriftsteller sieht Mika aber noch riesige Unterschiede.

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Man hört, sieht und streamt sich

Ideen gefragt via Facebook Live. Hier bin ich gerade auf Sendung:

Gestern hab ich mal eine Livestreaming-App ausprobiert, die direkt über YouTube sendet. Qualität gut. Aber mit der Interaktion via Smartphone wenig komfortabel ausgelegt.

Die Chat-Funktion war wohl aktiviert, ich konnte sie aber auf meinem mobilen Gerät nicht sehen. Aber vielleicht muss ich da noch ein wenig herum probieren.

Zerfall der öffentlichen Meinung – Das Rhizom und die Mikro-Öffentlichkeiten #Schmalbart

Meinungsmacht

Die etablierten Player der Öffentlichkeit, allen voran Journalisten und Politiker, sind durch die rasante Verbreitung sozialer Netzwerke in Zugzwang geraten. Das war eine Aussage, die ich vor gut zwei Jahren mit Verweis auf eine Studie der Landesanstalt für Medien NRW (LfM) machte:

„Wenn Medienkonsumenten und Wahlbürger sich zunehmend in ihren ‚persönlichen Öffentlichkeiten‘ aufhalten und sich dort so viel Zeit und Energie konzentriert, muss jeder, der ihre Aufmerksamkeit erringen möchte, auch dort Präsenz zeigen“, so die LfM.

Aber das ist dann eher die Perspektive der etablierten Meiden, um wieder Bodenhaftung zu bekommen. Soziale Netzwerke stehen vor allem für eine fundamentale Veränderung der öffentlichen Sphäre. Öffentliche und individuelle Kommunikation verschwimmen. Und ob ich nun mit meiner eigenen Teilöffentlichkeit wenige oder sehr viele Menschen erreiche oder nicht, vorher war es schlicht unmöglich, ohne großen Aufwand eine eigene Öffentlichkeit herzustellen, die über den Nachbarzaun reichte.

Inflation persönlicher Öffentlichkeiten

Die neuen Beteiligungs- und Vernetzungsmöglichkeiten verändern die Bildung öffentlicher Meinung, konstatiert die LfM und fragt sich, wie eine Gesellschaft angesichts der Inflation persönlicher Öffentlichkeiten noch zu kollektiv verbindlichen Entscheidungen kommen könne.

„Mediennutzer werden zunehmend selbst zum ‚Gatekeeper‘ von Informationen, selektieren und empfehlen Informationen aktiv weiter und orientieren sich auch bei ihrem Medienkonsum am Verhalten und den Hinweisen befreundeter Nutzer. Damit verändert sich die Verbreitungsdynamik von Nachrichten in der Gesellschaft, Freunde und Bekannte bekommen mehr Einfluss auf die Wahrnehmung der Welt als früher und laufen klassischen Autoritäten der öffentlichen Sphäre den Rang ab“, schreibt die LfM.

Entsprechend relevanter für die Bildung von öffentlicher Meinung wird das Verhalten der Social Web-Nutzer beim Kommentieren, Weiterleiten und Empfehlen von Nachrichten. Sie sind dabei keineswegs neutrale „Transmissions-Riemen“ für journalistische Produkte, sondern liefern ihrem Publikum individuelle Schemata für die Deutung der Beiträge. Das war allerdings schon vorher so. Nur beschränkte sich die Multiplikator-Funktion auf Arbeitskollegen, Familie und Freunde.

Es passiert immer häufiger, dass in den persönlichen Öffentlichkeiten strittige Themen anders bewertet und gedeutet werden als in den Massenmedien und in politischen Institutionen. Das von der Demoskopin Noelle-Neumann beobachtete „doppelte Meinungsklima“ – also das Auseinander-Driften von Bevölkerungsmeinung und Medientenor – kommt immer häufiger vor. Die Dynamik in sozialen Netzwerken ist nicht so sehr geprägt von tradierten Hierarchien und Jahrzehnte alten Rollenmustern, sondern von den kurzfristig aufsummierten Handlungen vieler Menschen.

Die Potenziale für Deutungsmacht sind sehr viel breiter verteilt als früher, nicht nur auf klassische Öffentlichkeitsberufe wie Journalisten und Politiker. Und das ist ein Vakuum, in das Kampagnen-Plattformen wie Breitbart reinstoßen, um die politischen Meinungsbildung und das Wahlverhalten zu beeinflussen.

„Hinter Breitbart stecken vermutlich vermögende Privatinvestoren“, so der Publizist Christoph Kappes, der mit der Gründung von Schmalbart eine Gegenströmung initiiert. Breitbart sei wirtschaftlich gut ausgestattet und habe sich zum Ziel gesetzt, klassische Medien zu zerstören. „Breitbart sieht sich selbst als antimedial“, so Kappes im Interview mit detektor.fm.

Das macht die Gemengelage so brandgefährlich und beweist, wie die etablierten Kräfte in Politik und Medien den Zerfall der Meinungsbildung nach den tradierten Mustern in den vergangenen Jahren unterschätzt haben. Das gleiche Versäumnis sehe ich in der empirischen Sozialforschung. Brexit und der Wahlerfolg von Donald Trump ändern das jetzt hoffentlich.

Es reicht einfach nicht mehr aus, mit schweren Tankern im Social Web unterwegs zu sein und sich hinter Institutionen zu verstecken. Man muss personalisiert, vernetzt und schnell handeln. Der Philosoph Gilles Deleuze hat dafür das Bild des Rhizoms geprägt. Moderne Organisationen müssen in wuchernden und unübersichtlichen Netzstrukturen anders vorgehen. Man braucht vielfältige Geschicklichkeiten, um sich Gehör zu verschaffen. Das Viele, das Multiple muss in allen Dimensionen beackert werden, so Deleuze.

„Ein solches System kann man Rhizom nennen.“

Es sind Knollen und Knötchen, die die Verknüpfung und Vielfalt bewältigen.

„Im Unterschied zu den Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen: jede seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschiedene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände…Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen“, schrieben Gilles Deleuze und Félix Guattari im Merve-Band „Rhizom“, erschienen 1977 (!).

So ein wenig klingt das auch beim Projekt Schmalbart an:

„Man muss sich zusammentun und entgegen aller Logik von Organisationen versuchen, statt ihres Fortbestandes ihren Zweck zu erreichen“, so Kappes.

Schmalbart sei nicht „Blog“, sondern wird Form und Formate so wechseln, wie es taktisch erforderlich ist. Schmalbart habe eventuell nicht nur eine Homebase auf Facebook, Schmalbart soll überall sein.

So wolle man auf Suchbegriffe der Rechtspopulisten reagieren, etwa beim Thema Massenvergewaltigung. Über bestimmte Websites werde der Eindruck vermittelt, als sei das in Deutschland ein alltäglicher Vorgang.

„Und das ist nach meiner Auffassung systemisch bedingt. Klassische Medien vermeiden solche politischen Kampfbegriffe. Dadurch entstehen im Netz Informationslücken“, sagt Kappes.

Wenn absichtlich die Begriffe der populistischen Agitatoren gemieden werden, macht man damit die Inhalte dieser Kreise zugänglich und produziert unfreiwillig Filterblasen. Es gebe sicherlich gute Gründe, bestimmte Begriffe nicht zu benutzen, weil sie allein durch die Verwendung eine Bedeutung bekommen. Kappes verweist auf die Forschungsarbeiten über das Verhältnis von Zeichen und Bedeutung (mir kommt dabei sofort der Semiologe Roland Barthes in den Sinn). Wenn man diese Leerstelle allerdings nicht besetzt, werden Wirklichkeiten konstruiert und selektiv von Breitbart und Co. erzeugt. Allein durch den inflationären Einsatz von Kampfbegriffen wie „ausländische Invasoren“, „Lügenmaul“ oder „Massenvergewaltigungen“.

Mit Dossiers, die in hoher Qualität beispielsweise von der Bundeszentrale für politische Bildung erstellt werden, komme man nicht weiter, meint Kappes.

„Sie sind sehr lang und lassen sich nur schwer im Social Web teilen. Ähnliches gilt auch für die lexikalischen Artikel von Wikipedia, die sich in den ersten Absätzen mit Abgrenzungsproblemen zu anderen Begriffen beschäftigen. Das macht sie unbrauchbar, wenn man mal eben wissen will, wie es um den Ausbildungsstand von syrischen Flüchtlingen steht, die im Jahr 2016 nach Deutschland kamen. Gerade diese Fakten sind schwer zugänglich und häufig nicht in einer Form aufbereitet, wie man sie braucht.“

Schmalbart will das ändern.

Wie die Bundeszentrale für politische Bildung mit diesem Thema umgeht, können wir zumindest in Bonn am Donnerstag diskutieren: Demokratie stärken – Zivilgesellschaft fördern – auf allen Kanälen? Die Referent: Daniel Kraft, Leiter Stabsstelle Kommunikation BpB.

Man hört, sieht und streamt sich.

Sag es einfach: Im Journalismus und auch anderswo

Einfachheit klingt einfach, ist in Wahrheit aber ein schwerer Brocken des Alltags. Das fängt beim Umgang mit Produkten sowie Diensten an und hört im Journalismus nicht auf. Etwa bei der Vermittlung von sperrigen Themen. Das gemeinnützige New Yorker Recherchebüro Pro Publica experimentiert mit Songs, Musikvideos und Comics, um das zu ändern, berichtet die NZZ heute in ihrem Medienteil („What the frack is going on?“) der manchmal auch etwas sperrig rüberkommt, von mir aber jeden Dienstag zur wöchentlichen Lektüre zählt. Ich mag den Stil der NZZ. Zurück zur NZZ-Story:

„Für Pro Publica liegt das Kriterium für eine gute Geschichte in der Wirkung, die sie erzielt. Hat die Veröffentlichung Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen? Kann investigativer Journalismus das Leben verbessern?“

Der Journalist Paul Williams habe das Problem bereits vor dreissig Jahren in seinem Buch „Investigative Reporting and Editing“ thematisiert: Wenn eine Enthüllung folgenlos bleibe, dann liege das oft nicht an der Apathie der Leser, sondern am Versagen des Reporters. Eine Investigation sei gescheitert, wenn es der Journalist nicht verstehe, den Bürgern klarzumachen, worum es eigentlich gehe, schrieb Williams 1978.

„Pro Publica hat deshalb 2010 eine Kooperation mit der New York University (NYU) begonnen. Die Studenten sollten erkunden, wie Pro Publica vor allem junge Leute auf komplexe Geschichten aufmerksam machen kann. So kamen sie auf die Darstellung in Broadway-Songs, Musikvideos und Comics. ‚Time‘ bezeichnete das Musikvideo als eines der kreativsten des Jahres 2011″, schreibt der NZZ-Redaktor 🙂 Thomas Schuler.

Die besten Erklärstücke seien direkt, knapp und einfach zu verstehen, betonten die Studenten in einem Statement.

„Auf investigativen Journalismus trifft selten eine dieser Beschreibungen zu. Stattdessen spiegelt er die Unordnung des wahren Lebens wider. Deshalb stellt das Erklärstück nur den Beginn dar, ein Tor in die Tiefe, für die man Pro Publica schätzt und respektiert. Der Song verstehe sich nicht als Ersatz für die Enthüllungen. Er sei als Anreiz gedacht, tiefer einzusteigen“, so Schuler.

Pro Publica vereinfacht die Themen auf wenige Zeilen, die zudem gesungen sind. Etwa der Refrain: „What the frack is going on?“ und „My water is on fire tonight“.

Ein Broadway-Song und ein Comic über toxische Finanzpapiere seien weitere ungewöhnliche Beispiele dafür, wie investigative Journalisten mit ihren Enthüllungen Aufmerksamkeit suchen. Angeboten wird das Ganze kostenlos.

„Fast 50 Millionen Dollar (!) hat Pro Publica bisher ausgegeben – das meiste Geld kam vom kalifornischen Unternehmerpaar Herbert und Marion Sandler, ohne das es Pro Publica nicht gäbe. Von Beginn an begleitete Pro Publica die Sorge, vom Geld der Sandlers abhängig zu sein. 2009 konnte Pro Publica eine Million Dollar von 1000 Spendern einwerben, 2010 immerhin 3,5 Millionen von 1300 Spendern und 2011 5 Millionen Dollar von 2600 Spendern. In diesem Jahr will Pro Publica 6 der 10 Millionen Dollar des Jahresbudgets von anderen Stiftungen (Gates, Ford, Knight, Open Society und andere) und Privatleuten einwerben, so dass die Sandlers nurmehr 4 Millionen Dollar dazugeben“, führt Schuler weiter aus.

Cooles Modell. Vielleicht auch ein geeigneter Weg, um für Frische in den bildungsbürgerlichen Feuilleton-Stuben zu sorgen. Christoph Kappes hat in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“ ein paar Ideen zusammengetragen – aber bestimmt nicht an Comics und lustige Filmchen gedacht. Das Feuilleton habe aber nicht zu unterschätzendes Privileg:

„Es muss seine Beobachtungen nicht wie seine Schwester-Ressorts an den Zielen Macht und Geld messen (und ihren heutigen Vorbedingungen Meinung und Leistungsaustausch). Kultur hat kein eindeutiges Referenzsystem zum Maß der Antworten, sie hält sich an sich selbst. Die Chance: Vielfalt der Positionen, Blickwinkel und Perspektiven. Erlaubt ist, was Resonanz findet. Glänzend auch die Zufallsfunde, die man wie Kastanien horten und nach Hause tragen kann.“

Denn die guten Fragen sterben nicht aus, da gebe ich Christoph recht.

„Wie wollen wir leben? Wo finden wir Sinn? Was sich hingegen ändern kann, ist der Antwort-Modus: Statt in Weihrauch herabgelassene Dekaloge und kraftstrotzende Paukenschläge (wen er da wohl meint….,gs), befördert der Frage-und-Tast-Modus einen Anschluss-Prozess, für den das Internet als Prozessmaschine die neuen Formen gerade gebiert. Vielleicht macht ja nicht die Publikation allein, sondern der Prozess (aus Publikationen) unseren Fortschritt. Das Feuilleton kann auch mit der Form spielen, intervenierend, flüssig bis zur Trollerei. Der fließende Prozess der vielen Formen als Gegenstück zum Buch als leuchtender Diskurs-Solitär.“

Sei Denglisch auf Facebook okayer als sonst? Was bedeutet queer?

„Wo Institutionen ihre Leitwirkung verlieren – von Brockhaus, Knigge, Kirche bis Schule – muss das Feuilleton ins Leben herabsteigen. Wir brauchen die Verhandlung der richtigen sozialen Praxis, weil es knirscht und kracht, wenn sich Menschen in beschleunigten Zeiten orientierungslos auf die Füße treten. Das Feuilleton ist dann der Ort, an dem Menschen das Verhandeln lernen und so ihre Positionen finden können. Dies kann nur im Netz erfolgen, wo Redaktionen auch den Pluralismus moderieren können“, erläutert Kappes.

Das Feuilleton müsse Information viel stärker als bisher ordnen und Ankerpunkte bieten, weil die alte Ordnung von Hierarchien in Bibliotheken, Büchern und Alphabet durch mehrdimensionale digitale Zugangswege abgelöst werden.

„Es muss Muster sozialer Interaktion dort aufdecken, wo viele Akteure in unübersichtlichen Formationen wirken. Es muss diesen folgen, sie kommentiert retweeten und sie entfolgen“, meint Kappes.

Ein einzelner Feuilleton-Gott kann da wohl nicht mehr den Takt vorgeben – auch nicht in Frankfurt am Main 😉

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) in dem Roman „Der Sturm“ schreibt: „Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.“  

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Jetzt wird mein Blogpost aber wieder sehr sperrig. Deshalb will ich künftig stärker der Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jakob Taubes folgen, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft schon durch Handauflegen erkannte. Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte. Überhaupt nicht einfach. Da mache ich jetzt einfach mal eine Lektüreempfehlung:

Für den Comic-Band „Showman-Killer“ von Jodorowsky und Fructus, der mich auch fotografisch inspirierte.

Und dann noch ein Hinweis auf das Blogger Camp „Einfachheit“ am Mittwoch, den 28. November, die erste Session von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Oder wir sehen und hören uns einfach schon morgen, beim Blogger Camp über Auto-Apps und der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption.

Update:

Als Einstieg in meine sperrigen Storys über die vernetzte Service-Ökonomie verweise ich auf den Buchbinder-Wanninger-feat.-Chuck-Norris-Der Hotline-Digitale-Demenz-Song.