Sag es einfach: Im Journalismus und auch anderswo

Einfachheit klingt einfach, ist in Wahrheit aber ein schwerer Brocken des Alltags. Das fängt beim Umgang mit Produkten sowie Diensten an und hört im Journalismus nicht auf. Etwa bei der Vermittlung von sperrigen Themen. Das gemeinnützige New Yorker Recherchebüro Pro Publica experimentiert mit Songs, Musikvideos und Comics, um das zu ändern, berichtet die NZZ heute in ihrem Medienteil („What the frack is going on?“) der manchmal auch etwas sperrig rüberkommt, von mir aber jeden Dienstag zur wöchentlichen Lektüre zählt. Ich mag den Stil der NZZ. Zurück zur NZZ-Story:

„Für Pro Publica liegt das Kriterium für eine gute Geschichte in der Wirkung, die sie erzielt. Hat die Veröffentlichung Aufmerksamkeit für ein Problem geschaffen? Kann investigativer Journalismus das Leben verbessern?“

Der Journalist Paul Williams habe das Problem bereits vor dreissig Jahren in seinem Buch „Investigative Reporting and Editing“ thematisiert: Wenn eine Enthüllung folgenlos bleibe, dann liege das oft nicht an der Apathie der Leser, sondern am Versagen des Reporters. Eine Investigation sei gescheitert, wenn es der Journalist nicht verstehe, den Bürgern klarzumachen, worum es eigentlich gehe, schrieb Williams 1978.

„Pro Publica hat deshalb 2010 eine Kooperation mit der New York University (NYU) begonnen. Die Studenten sollten erkunden, wie Pro Publica vor allem junge Leute auf komplexe Geschichten aufmerksam machen kann. So kamen sie auf die Darstellung in Broadway-Songs, Musikvideos und Comics. ‚Time‘ bezeichnete das Musikvideo als eines der kreativsten des Jahres 2011″, schreibt der NZZ-Redaktor 🙂 Thomas Schuler.

Die besten Erklärstücke seien direkt, knapp und einfach zu verstehen, betonten die Studenten in einem Statement.

„Auf investigativen Journalismus trifft selten eine dieser Beschreibungen zu. Stattdessen spiegelt er die Unordnung des wahren Lebens wider. Deshalb stellt das Erklärstück nur den Beginn dar, ein Tor in die Tiefe, für die man Pro Publica schätzt und respektiert. Der Song verstehe sich nicht als Ersatz für die Enthüllungen. Er sei als Anreiz gedacht, tiefer einzusteigen“, so Schuler.

Pro Publica vereinfacht die Themen auf wenige Zeilen, die zudem gesungen sind. Etwa der Refrain: „What the frack is going on?“ und „My water is on fire tonight“.

Ein Broadway-Song und ein Comic über toxische Finanzpapiere seien weitere ungewöhnliche Beispiele dafür, wie investigative Journalisten mit ihren Enthüllungen Aufmerksamkeit suchen. Angeboten wird das Ganze kostenlos.

„Fast 50 Millionen Dollar (!) hat Pro Publica bisher ausgegeben – das meiste Geld kam vom kalifornischen Unternehmerpaar Herbert und Marion Sandler, ohne das es Pro Publica nicht gäbe. Von Beginn an begleitete Pro Publica die Sorge, vom Geld der Sandlers abhängig zu sein. 2009 konnte Pro Publica eine Million Dollar von 1000 Spendern einwerben, 2010 immerhin 3,5 Millionen von 1300 Spendern und 2011 5 Millionen Dollar von 2600 Spendern. In diesem Jahr will Pro Publica 6 der 10 Millionen Dollar des Jahresbudgets von anderen Stiftungen (Gates, Ford, Knight, Open Society und andere) und Privatleuten einwerben, so dass die Sandlers nurmehr 4 Millionen Dollar dazugeben“, führt Schuler weiter aus.

Cooles Modell. Vielleicht auch ein geeigneter Weg, um für Frische in den bildungsbürgerlichen Feuilleton-Stuben zu sorgen. Christoph Kappes hat in einem Beitrag für das Debattenmagazin „The European“ ein paar Ideen zusammengetragen – aber bestimmt nicht an Comics und lustige Filmchen gedacht. Das Feuilleton habe aber nicht zu unterschätzendes Privileg:

„Es muss seine Beobachtungen nicht wie seine Schwester-Ressorts an den Zielen Macht und Geld messen (und ihren heutigen Vorbedingungen Meinung und Leistungsaustausch). Kultur hat kein eindeutiges Referenzsystem zum Maß der Antworten, sie hält sich an sich selbst. Die Chance: Vielfalt der Positionen, Blickwinkel und Perspektiven. Erlaubt ist, was Resonanz findet. Glänzend auch die Zufallsfunde, die man wie Kastanien horten und nach Hause tragen kann.“

Denn die guten Fragen sterben nicht aus, da gebe ich Christoph recht.

„Wie wollen wir leben? Wo finden wir Sinn? Was sich hingegen ändern kann, ist der Antwort-Modus: Statt in Weihrauch herabgelassene Dekaloge und kraftstrotzende Paukenschläge (wen er da wohl meint….,gs), befördert der Frage-und-Tast-Modus einen Anschluss-Prozess, für den das Internet als Prozessmaschine die neuen Formen gerade gebiert. Vielleicht macht ja nicht die Publikation allein, sondern der Prozess (aus Publikationen) unseren Fortschritt. Das Feuilleton kann auch mit der Form spielen, intervenierend, flüssig bis zur Trollerei. Der fließende Prozess der vielen Formen als Gegenstück zum Buch als leuchtender Diskurs-Solitär.“

Sei Denglisch auf Facebook okayer als sonst? Was bedeutet queer?

„Wo Institutionen ihre Leitwirkung verlieren – von Brockhaus, Knigge, Kirche bis Schule – muss das Feuilleton ins Leben herabsteigen. Wir brauchen die Verhandlung der richtigen sozialen Praxis, weil es knirscht und kracht, wenn sich Menschen in beschleunigten Zeiten orientierungslos auf die Füße treten. Das Feuilleton ist dann der Ort, an dem Menschen das Verhandeln lernen und so ihre Positionen finden können. Dies kann nur im Netz erfolgen, wo Redaktionen auch den Pluralismus moderieren können“, erläutert Kappes.

Das Feuilleton müsse Information viel stärker als bisher ordnen und Ankerpunkte bieten, weil die alte Ordnung von Hierarchien in Bibliotheken, Büchern und Alphabet durch mehrdimensionale digitale Zugangswege abgelöst werden.

„Es muss Muster sozialer Interaktion dort aufdecken, wo viele Akteure in unübersichtlichen Formationen wirken. Es muss diesen folgen, sie kommentiert retweeten und sie entfolgen“, meint Kappes.

Ein einzelner Feuilleton-Gott kann da wohl nicht mehr den Takt vorgeben – auch nicht in Frankfurt am Main 😉

Oder wie Per Johansson (oder SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld als Co-Autor) in dem Roman „Der Sturm“ schreibt: „Christian Meier sei auf der Flucht gewesen, lautete ein in Deutschland offenbar immer populärer werdendes Gerücht. In der Vergangenheit habe er so viele große Theorien in die Welt gesetzt, so viele weltumspannende Phantasien über die Macht der Netzwerke, die Zukunft der Roboter und die Allmacht der Gentechnik.“  

Letztlich ging es immer nur um die nächste große Verschwörungstheorie. Die Leute hörten dem Meier aber nicht mehr so gebannt zu. Er schien an die Seite zu rutschen, und es wirkte fast komisch, wenn er wieder einmal den Untergang der Welt beschwor. Eine Prognose, die auch wirklich schwer zu erfüllen ist. Von der Unmöglichkeit eines Berichtes über den eingetretenen Untergang mal ganz abgesehen.

Jetzt wird mein Blogpost aber wieder sehr sperrig. Deshalb will ich künftig stärker der Recherche- und Lektüre-Methode des Religionsphilosophen Jakob Taubes folgen, der ein wichtiges Werk und eine zentrale Botschaft schon durch Handauflegen erkannte. Es war seine Art, die für ihn wichtigen Werke zu lesen. Er war ein Jäger des einen Satzes oder Wortes, in dem sich das Wesentliche des Geschriebenen kondensierte. Überhaupt nicht einfach. Da mache ich jetzt einfach mal eine Lektüreempfehlung:

Für den Comic-Band „Showman-Killer“ von Jodorowsky und Fructus, der mich auch fotografisch inspirierte.

Und dann noch ein Hinweis auf das Blogger Camp „Einfachheit“ am Mittwoch, den 28. November, die erste Session von 18,30 bis 19,00 Uhr.

Oder wir sehen und hören uns einfach schon morgen, beim Blogger Camp über Auto-Apps und der zerstörerischen Kraft der digitalen Dauerdisruption.

Update:

Als Einstieg in meine sperrigen Storys über die vernetzte Service-Ökonomie verweise ich auf den Buchbinder-Wanninger-feat.-Chuck-Norris-Der Hotline-Digitale-Demenz-Song.

Scheiße im Blogger-Vorgarten, Lecks in Leakingsystemen, fleißige Social Media-Aktivisten und die Chancen des Datenjournalismus #djv_bo

Hier meine kompakte Rückschau auf den Besser Online-Kongress des DJV in Bonn. Es war in der Tat so, dass man einige Twitter-Follower sofort erkannt hat. Die politisch brisanteste Diskussionsrunde lief nach der Mittagspause mit Daniel Domscheit-Berg, David Schraven von „Der Westen“ und Albrecht Ude. Thema „Wikileaks“. Behandelt wurden die spannenden Fragen, wie sicher die Leaktingsysteme sind, wie man die Anonymität der Informanten sicherstellt, welche technischen Systeme sich durchsetzen werden und warum es bei Wikileaks zum Daten-Leck kam. Hier ein paar Videoausschnitte:

Die Blogger-Runde zum Thema „Selbstvermarktung und Social Media“: Don Dahlmann (dondahlmann.de), Richard Gutjahr (gutjahr.biz), Heike Scholz (mobile-zeitgeist.com), Peter Jebsen (Moderator), Kixka Nebraska (profilagentin.com) und Christian Jakubetz (jokblog.de) sprachen über ihre Erfahrungen zur Gewinnung von Popularität im Netz. Wichtige Faktoren für Aufmerksamkeit: Content, technische Fertigkeiten, Ballhöhe in Fragen der Social Media-Tools, Bereitschaft zur „Rampensau-Inszenierung“, Timing, Schnelligkeit, Frequenz der Blogpostings (Heike Scholz hält mindestens drei Postings pro Woche für erforderlich), Netzwerkeffekte auslösen, in Vorlage treten ohne direkte Gegenrechnungen aufzumachen und ein paar andere Dinge.

Das beste Panel hätte ich beinahe überhaupt nicht mitbekommen. Parallel lief ein Workshop über Online-Publishing, der sich leider dann nicht als Workshop erwies. Da wurde eher über Verlagsstrategien für Apps etc. gesprochen.

Nach einer halben Stunde bin ich dann zum Panel „Datenjournalismus“ übergelaufen: Mit Christina Elmer (dpa.com), Johannes Gernert (taz), Lorenz Matzat (datenjournalist.de), Matthias Spielkamp (iRights.info) und dem Moderator Peter Welchering Oliver Havlat.

Die Experten vermittelten eine Menge Tipps, beleuchteten die Schwächen der Journalistenausbildung im Umgang mit Daten und stellten dar, welche Chancen im Datenjournalismus stecken für Primär-Recherchen und Storys, mit denen man sich von der Konkurrenz abheben kann. Audio-Mitschnitt leider unvollständig, da ich die ersten 30 Minuten nicht da war.

Im Abschlussplenum traf wohl Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de den Nerv der Netzgemeinde.

Das musste ich direkt in meiner The European-Montagskolumne aufgreifen:

Warum man auf Blogger nicht scheißen sollte: Wenn Twitter im Alltag der Journalisten unbekannt ist, dann nehmen sie die Wirklichkeit nicht mehr wahr. Zeit für die Medien, sich selbst weniger wichtig zu nehmen und das Internet zu verstehen….

„Junge Leute, die zur Journalistenschule kommen, sind nicht per se bei Twitter oder Facebook. Ich wundere mich, wie wenig die sozialen Netzwerke in den Arbeitsalltag integriert werden. Das gilt vor allem für Twitter. Als journalistisches Medium ist es unbekannt. Facebook ist für alle selbstverständlich – aber eher für die private Nutzung“, erklärte Matthias Spielkamp von iRights.info im Abschlussplenum von „Besser Online“. Der deutsche Journalismus im Umgang mit den neuen Medien sei noch sehr unterentwickelt, kritisierte Stefan Plöchinger von sueddeutsche.de. Das Selbstbildnis vom allwissenden Journalisten habe sich durch die Social-Media-Ausdrucksformen in angelsächsischen Ländern schon sehr gut reduziert. Hier gebe es sehr interessante und kluge Ansätze für einen kuratierenden und moderierenden Charakter des Journalismus. „Es ist erstaunlich, dass wir das im Jahr 2011 in Deutschland noch nicht entdeckt haben. Wir reden über neue Kulturtechniken, die Journalisten erlernen müssen. Wir befinden uns in einem Ökosystem, das sich permanent ändert. Ich bekomme einen kalten Schauer, wenn ich in der Klasse einer Journalistenschule stehe und nach den Berufswünschen frage“, so Plöchinger. Die Hälfte wolle nicht digital arbeiten, sondern eher das berühmte Stück auf Seite drei schreiben. „Die haben aber noch 40 Jahre vor sich. Das wird nicht mehr passieren. Man wird digital arbeiten. Man wird sich damit auseinandersetzen müssen.“

Als Einstieg in das Abschlussplenum gab es eine kleine Liveschaltung zu Jeff Jarvis:

Fotos vom Besser Online-Kongress auf Facebook.

Hoffe, ich war fleißig genug in meiner Doku über den DJV-Kongress.

Mein Bericht vom Mobile Gipfel in Bonn #mob11

Ich Idiot hatte mich heute als Journalist akkreditiert für den Bonner Mobile Gipfel des Management Forums der Verlagsgruppe Handelsblatt. Da saß ich – wie immer – in der ersten Reihe mit meinen Aufzeichnungsgeräten für Audio und Video, wollte Berichte schreiben und Vorträge in Ton und Bewegtbild bringen – wie immer. In der Kaffeepause kam dann eine etwas gestresste Dame des Managementforums an meinen Tisch und fragte mich mit strenger Miene, was ich denn mit diesen Geräten machen wolle? Gute Frage. Ich wollte mir von den Powerpoint-Orgien eine DVD brennen und mit meiner Familie einen netten Kinoabend gestalten. Die Dame ging raus, um sich zu erkundigen, ob eine Berichterstattung für Journalisten in Bewegtbild und Ton überhaupt gestattet sei. Nach einer Minute flitzte sie wieder an meinen Tisch und verkündete ein Berichterstattungsverbot. Erlaubt seien nur Printberichte. Gute Dame, in welchen Offline-Welten leben Sie?

Ich packte meine Sachen und machte mich auf den Weg zurück ins Büro. Als Dank für die freundliche Unterweisung sendete ich noch ein paar Tweets. Denn beim Mobile Gipfel ist man ja ach so fortschrittlich und erfreut die Kongressteilnehmer mit einer Twitter-Wall. Warum gehe ich auch zu solchen Old-School-Veranstaltungen überhaupt noch hin? Das Ganze passt zu meinem gestrigen Blogpost: „Machen Sie mal irgendwas auf Facebook“ – Das große Social Media-Geschwafel der Firmen. Erste Reaktionen liefen bereits über Facebook und Twitter.

Jakob Augstein: Düstere Prognosen für Tageszeitungen

Omas Zeitung liegt im Sterben
Omas Zeitung liegt im Sterben
Seit Jahren büßen Tageszeitungen an Auflage ein und wandert Werbung ins Internet ab. Die Folge: Verlage verdienen immer weniger mit Anzeigen und sind immer stärker auf – stetig sinkende – Vertriebserlöse angewiesen. Die größte Bedrohung jedoch: Immer weniger junge Menschen kaufen Zeitungen. Warum auch, wenn Lokalblätter den Nachrichtenwert einer Konservendose haben.

„Die Zeitungen ändern sich?“ war das Diskussionsthema des „Medientreffpunkts Mitteldeutschland“. Jakob
Augstein beurteilte die Perspektiven für Tageszeitungen als „düster bis tief schwarz“, so der Geschäftsführer der Wochenzeitung „Der Freitag“ und Mitgesellschafter der Spiegel-Verlagsgruppe. Die Zeitungen änderten sich eben nicht, führte er aus: „Die Beharrungskräfte in den Redaktionen und die Abhängigkeit von alten Erlösmodellen stehen einer Anpassung an die neuen Verhältnisse im Weg.“

Uwe Vorkötter, Chefredakteur der Frankfurter Rundschau, schilderte den Weg der Tageszeitungen ins Internet: In einer ersten Phase hätten die Verlage Zeitungsinhalte einfach ins Netz gestellt. Heute gebe es
Zusatzangebote wie Themendossiers oder Fotostrecken – „eine verlängerte Zeitung“. Als eigenes Produkt und eigene Marke aber hätten die Verlage das Onlinemedium noch nicht begriffen. Die Markenbildung hält auch Augstein für eine der wichtigsten Aufgaben von Online-Zeitungen. Inhalte verschiedener Anbieter müssten sich
„viel stärker“ voneinander unterscheiden, sagte er. „Von spiegel.de bis zu sueddeutsche.de ist es heute nur ein Klick. Die Trennschärfe ist nicht groß genug.“ Augstein setzt auf die Kommunikation mit den Lesern: „Journalisten müssen vom hohen Ross des Dozierens runterkommen.“ Mehr Beteiligung der Medienkunden klingt doch irgendwie nach Jeff Jarvis. Siehe auch „das Ende der Zeitungspapier-Ära“.

Mit seiner Forderung nach mehr Inhalt, die von den Zeitungsnutzern selbst gestaltet werden, erntete Augstein Widerspruch beim Chefredakteur von sueddeutsche.de, Hans-Jürgen Jakobs. Journalisten seien als
Garanten für sicher recherchierte Texte unabdingbar. Daran kann ja kein Zweifel bestehen. Nur die Printjournalisten sind halt nicht mehr die exklusive Quelle der wirklich harten Nachrichten!

Technikskepsis in Deutschland behindert Entfaltung des Internets – Entscheider müssen für positives Meinungsklima sorgen

Weit verbreitete Attitüden und Verhaltensweisen hindern Deutschland daran, das volle Potenzial des Webs auszuschöpfen. Mit dieser Einschätzung wagen die Macher des Blogs „Netzwertig“ einen Blick auf die Internetagenda 2009. Dem Internet komme in diesem Jahr eine große Bedeutung bei der Bewältigung der negativen Folgen der Finanzkrise zu. „Bisher fungierte das Internet als Bereicherung für unseren Alltag und als Ergänzung zu den bestehenden Kommunikations- und Medienkanälen. In seiner nächsten Phase wird das Web jedoch vom komplementären zum substituierenden Kanal, der jeden Bereich unserer Gesellschaft betreffen und verändern wird“, so Netzwertig-Autor Martin Weigert. Verzweifelte Versuche, alte, sich bereits auflösende Strukturen aufrecht zu erhalten, seien zum Scheitern verurteilt und daher am besten zu unterlassen. „Die in allen Kreisen und Schichten anzutreffende, grundsätzliche Skepsis gegenüber jeder Innovation ist ein gravierendes Hindernis auf dem Weg zum Hochtechnologieland der Zukunft“, moniert Weigert.

Noch immer könnten Politiker, Professoren und andere Vertreter der gesellschaftlichen Elite in aller Öffentlichkeit fast schon stolz davon berichten, dass sie noch nie das Internet benutzt haben oder sich E-Mails von der Sekretärin ausdrucken lassen, ohne dass dies außerhalb der Blog- und Webwelt auf nennenswerte Kritik trifft. „Die Zeiten, in denen Deutschland sich allein aufgrund seiner Ingenieurskunst als innovatives Technologieland bezeichnen konnte, sind vorbei. Kein Weg führt mehr am Web vorbei, für niemanden, egal ob er/sie das möchte oder nicht. Entscheider können mithelfen, ein positives Klima der Aufgeschlossenheit und Neugier zu schaffen. Dazu müssen sie selbst mit gutem Beispiel voran gehen“, fordert Weigert.

Statt vom hohen Ross auf die im Internet publizierenden Hobby-Autoren in Blogs und Microblog herabzuschauen, müssten sich auch Journalisten mit deren Arbeit beschäftigen, alte Vorurteile und Hochmut ablegen und mit den qualitativ überzeugenden Online-Publikationen und ihren Machern in einen Dialog treten. Beide Seiten sollten die Gelegenheit nutzen, voneinander zu lernen und das neue Wissen weiterzuverbreiten.

„Tatsächlich wird das Internet häufig noch als komplementärer, optionaler Kommunikations- und Medienkanal betrachtet. Da weder die verfügbare Informationsmenge noch die mögliche Nutzungszeit noch das Budget der Anwender beliebig skalierbar ist, muss es zu einem substituierenden Effekt kommen“, bestätigt Lupo Pape, Geschäftsführer von SemanticEdge in Berlin, die Auffassung von Weigert. Die Frage sei nicht nur, wann dieser auftritt, sondern auch, wann er wahrgenommen wird. „Offensichtlich ist, dass gerade in bildungsstarken Schichten eine Verdrängung des TV-Konsums durch die Internetnutzung erfolgt. Das gleiche gilt für die Generation der Digital Natives. Und in den USA hat im Jahre 2008 das Internet als Nachrichtenquelle auch die Tageszeitungen überholt und rangiert nach dem Fernsehen auf Platz zwei“, so der Sprachdialogexperte Pape.

Die gängigen Geschäftsmodelle der Offlinewelt könne man nicht so einfach auf das Internet übertragen. Die Musikindustrie sei dafür ein gutes Beispie. „Mittlerweile haben die großen Musiklabels ihren Kampf gegen Musikpiraterie weitgehend eingestellt, und Apple – mit iTunes größter Online-Händler für Musik – wird zukünftig auf den Kopierschutz DRM verzichten. Neben der Thematik der profitablen Geschäftsmodelle verunsichert das Internet aber auch aus einem anderen Grund kommerzielle Anbieter: aufgrund der leichten Verbreitungsmöglichkeit von Informationen und Meinungen ist es extrem schwierig, die Kommunikation zu dominieren. Ein privater Blog kann ähnliche Auswirkungen auf die Meinungsbildung haben wie der Online-Artikel einer großen Redaktion oder der Videoclip einer TV-Sendung, im Internet sind Chancen und Risiken wesentlich gleicher verteilt als in anderen Medien“, erklärt Pape.

Drastisch formuliert: komplementäre genutzte Internetdienste werden nicht nachhaltig erfolgreich sein, sondern es werden substituierende Dienste sein. „Oder aber Dienste, die nur im Internet möglich sind, wozu auch Online Communities zählen. „Wie bei jedem massiven Technologiewechsel werden auch zwangsläufig die alten Marktführer im Kommunikations- und Medienbereich durch neue Anbieter ersetzt werden, nicht umsonst kämpfen die öffentlich-rechtlichen Hörfunk- und Fernsehsender so intensiv darum, mit Gebührenfinanzierung das Internet für sich erschließen zu können“, führt Pape weiter aus.